Aislinns Birth

Kalter Regen peitschte in grauen Schleiern gegen die Scheiben. Donner grollte und erstickte Shannons kurzen Schrei, aber ihr keuchender Atem und die Anstrengung des Pressens in ihrer Stimme waren hörbar, als es draußen einen Moment stiller war.
Bei ihr drinnen lief leise Klaviermusik, einige Kerzen und abgedeckte Lampen gaben mildes, warmes Licht, das sich in den aufgestellten Kristallen fing. Shannon nahm das jedoch nicht wahr, in diesem Moment, nur die tröstende Anwesenheit des Wolfes in ihren Gedanken und die leise Stimme ihres Mannes drangen durch den Schmerz der Geburt zu ihr.
Kevin kniete hinter ihr, stützte ihren verkrampften Körper und drückte dabei die Wange in ihr feuchtes Haar, damit sie ihn hörte. "Du bist die stärkste Frau, die ich kenne. Du machst das wunderbar, gleich haben wir es geschafft." flüsterte er ihr sanft ins Ohr. "Ich bin so stolz auf dich!"
Er sprach weiter, seine Stimme klang zuversichtlich und beruhigend. Innerlich zitterte Kevin vor Angst und Aufregung, doch äußerlich ließ er sich um Shans Willen nichts anmerken, um ihr Halt zu sein bei ihrer beider ersten Geburt. Sein Körper schmerzte, aber das war nichts im Vergleich zu ihren Schmerzen... Hätte er die Möglichkeit gehabt die Qual für sie zu tragen, hätte er nicht gezögert. So musste er jedoch hilflos zusehen, wie seit Stunden Wehe um Wehe ihren Leib peinigten. Und es zerriss ihm das Herz.
Eine neue Wehe rollte heran und ließ ihn verstummen. Shans Muskeln verhärteten sich als sie presste, ebenso wie seine, denn er wollte alles tun, um es ihr so leicht wie möglich zu machen. Deshalb hielt er sie, deshalb ließen sie die Schwerkraft bei der Geburt helfen.
Vielleicht wäre eine Wassergeburt noch besser gewesen, aber Shannon hatte im letzten Moment abgelehnt, jedoch zuvor Stunden im schmerzlindernden warmen Wasser verbracht. Trotzdem hatte sie dann mit Blick auf das Gewitter gemeint, das Kind werde so oder so ein Fisch, noch mehr Wasser brauche es nicht. Damit hatte sie wahrscheinlich recht...
Mit Abebben der Wehe holte Shan erleichtert Luft und lehnte sich an ihren Mann. Die Verschnaufpausen waren nicht lang, so kurz vor der Geburt nur wenige Sekunden. Aber sie brauchte sie, um sich zu vergewissern, dass er noch da war. Dass sein beruhigend fester Körper sie stützte und seine Arme sie hielten, obwohl sie ihm gewiss Dutzende Blutergüsse verpasst hatte. Er drückte ihr einen Kuss aufs Ohr und flüsterte hinein, wie sehr er sie liebte. Vor einer halben Stunde hätte sie noch lächeln können dabei, aber jetzt beanspruchte die Ankunft ihrer Tochter sie zu sehr dazu. Und sie war völlig erschöpft.
Sylvio tastete indes behutsam zwischen ihre Beine, da er in dieser Geburtsstellung schlechter sehen als fühlen konnte. Er berührte eine schmierige Rundung, die nicht dahin gehörte, und ein strahlendes Lächeln breitete sich auf seinem wettergegerbten Gesicht aus.
"Cara mia, noch zwei-drei Mal und wir haben dein Mädchen." sagte er mit starkem Italienischakzent. "Pressen!" befahl er, denn die nächste Wehe war bereits da.
Shannon atmete abgehackt und begann erneut zu pressen, sie konnte fühlen wie das Kind nach draußen drängte. Zuerst gab es einen Wiederstand und Shannon knurrte unwillig auf, doch dann war das Köpfchen heraus und die Wehe verebbte. Mit der nächsten Wehe war es plötzlich vorbei, mit einem Schwall warmer Flüssigkeit rutschte auch der kleine Körper ins Freie und auf das Tuch, das Sylvio bereithielt um ihn trockenzutupfen.
Sofort kümmerte er sich um das Neugeborene, während Kevin Shannon half sich hinzulegen und ihren Kopf in seinen Schoß bettete. Besorgt wechselte sein Blick zwischen seiner Frau und dem Arzt.
Sylvio seufzte leise, sein Lächeln vertiefte sich. Gequetschte Laute drangen aus dem Tuch. Dann bewies das kleine Mädchen mit einem zittrigen Schrei, dass es kräftige Lungen hatte und das Stethoskop ihr zu kalt war. Leise lachend beendete Sylvio seine Untersuchung und schlug das Tuch zurück, um den frischgebackenen Eltern ihr Kind zu zeigen.
"Ich schwöre, sie wird genau wie ihre schöne Mama." Er legte das kleine runzlige Mädchen auf den bloßen Bauch seiner Mutter, wo das Schreien wieder in kleine Laute überging, und band die Nabelschnur ab.
Shannon legte ihre Hände auf das kleine Wesen, das vor kurzem noch in ihrem Bauch gestrampelt hatte. Es hatte dunkles Haar auf dem Köpfchen, zehn perfekte kleine Finger und zehn ebenso perfekte Zehen mit winzigen Nägelchen.
"Kev, sieh doch nur..." flüsterte Shan ergriffen und nahm eine kleine Hand, die sich sofort mit festem Griff um einen ihrer Finger schloss.
"Sie ist wunderschön, wie ihre Mommy..." antwortete er mit brüchiger Stimme. Sanft legte er seine großen Hände über Shans, eine Geste die ebenso zärtlich wie beschützend war. Er neigte sich zu seiner Frau herab und küsste sie, und dabei mischten sich ihre Freudentränen auf Shannons Wangen. Dann blickten wieder beide lächelnd auf das kleine Wunder, das sich wärmesuchend auf Shans Bauch bewegte.
"Meine kleine Aislinn. Ihr Götter, ich kann gar nicht sagen..." Shan schluckte. Ihn ihr tobten viel zu viele teils widersprüchliche Gefühle. Glück und Sorge, Befriedigung und tiefe Erschöpfung, Verlust - denn auch das war eine Geburt - und Gewinn... Sie streichelte ihre kleine Tochter mit zitternden Fingern.
"Nun, papà, willst du deiner kleinen figlia helfen und die Nabelschnur durchschneiden?"
Sylvios warme Stimme durchdrang kaum das beglückte Staunen, das Kevin gefangen hielt. Aislinn war so... so winzig... Der Gedanke, dass er schon seit Monaten mit ihr gesprochen, ihr vorgesungen und ihr am Klavier vorgespielt hatte, kam ihm seltsam vor, weil es trotz aller moderner Ultraschallaufnahmen doch Shans Bauch gewesen war, mit dem er kommuniziert hatte. Und jetzt lag da ein kleines Mädchen...
Kevins Blick zuckte zu Sylvio, der ihm sanft eine seltsam geformte Schere in die Hand drückte und ihm bedeutete die Nabelschnur zu durchtrennen. Kevin tat es vorsichtig und verfluchte dabei innerlich seine bebenden Hände. Aislinn schien nichts davon zu spüren, aber sie blinzelte verwirrt in dem für ihre Verhältnisse viel zu hellen Licht.
Shannon nahm sie behutsam hoch und legte sie auf ihre Brust, wo sie sie mit dem Tuch zudeckte. Es war zwar warm hier im Raum, aber bestimmt nicht so warm wie in Shans Bauch. Sie wollte das kleine Wesen im Arm halten und bei sich spüren, der Gedanke, Aislinn in die vorbereitete Wiege zu legen, war im Moment völlig abwegig.
Langsam liefen wieder kleine Schauer über Shans Körper, die Nachgeburtswehen, aber sie spürte sie kaum, genau wie sie den Schmerz der Geburt bereits fast vergessen hatte.
Ihr vertrauter Freund Sylvio kümmerte sich um die Nachgeburt, zog sie behutsam heraus, nachdem er sicher war, dass sie sich abgelöst hatte, und untersuchte Mutterkuchen und Eihäute auf ihre Vollständigkeit. Dann legte er sie in eine tönerne Schale, damit Kevin sie später im Garten unter der kleinen Eiche vergraben konnte.
"Benfatto, cara mia. Gut gemacht, mein Herz." Sylvio lächelte auf Shannon herunter, die leicht die Nase an ihrem Baby rieb. "Und du auch, mio amico." Der Italiener klopfte Kevin auf die Schulter, und die Männer sahen sich glücklich grinsend an.
"Wir sollten unsere Mädchen ins Bett bringen, was meinst du?" fragte Sylvio.
"Klingt nach einer guten Idee." Kevin schmunzelte vergnügt. "Was heißt 'Spatz' auf italienisch?"
"Passero." erwiderte der Arzt.
"Bueno. Dann nimm du bitte kurz den picollo passero und ich nehme Mama passero, wenn sie mich denn lässt." Kevin zwinkerte Sylvio zu und der lachte.
"Oh, ich lasse dich nur allzu gern, denn ich glaube nicht, dass ich noch zwei Schritte gehen kann." ließ Shannon sich vernehmen.
Kevin strich ihr zärtlich die feuchten Strähnen zurück und küsste sie federleicht auf die Stirn. "Das musst du auch nicht, Baby, du hast weiß Gott genug gearbeitet heute."
"Das ist wohl wahr..." Shan blinzelte müde. Sie ließ zu, dass Kevin ihr Linny abnahm und die Kleine einen Moment streichelte und mit ihr flüsterte, dann reichte er das Baby an Sylvio weiter und schob die Hände unter seine erschöpfte Frau.
Shannon schlang die Arme um ihn und barg ihr Gesicht an seinem Hals. Sie war wirklich müde, das Adrenalin ließ nach. Tief sog sie Kevins Duft ein und seufzte, während Kevin sie über den Flur und in ihr Schlafzimmer brachte. Er legte sie behutsam aufs Bett und kniete dabei darauf nieder, machte es ihr mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln so gemütlich wie möglich, ohne sie dabei wirklich loszulassen. Dann lag sie endlich richtig, in die Decke warm eingewickelt, und Kevin hatte keine Ausrede mehr um sie festzuhalten. Außer der Einen.
Federleicht glitten seine Fingerspitzen über ihr Gesicht. "Ich liebe dich, Baby."
Shannon sah ihm tief in die Augen. "Ich dich auch..."
Sylvio, hinter ihnen, räusperte sich leise um zu zeigen, dass er noch da war. "Wir sollten alle versuchen, noch einen Hut Schlaf zu bekommen, guisto? Der Rest kann bis später warten."
Damit sprach er Shan, Kevin und Akela, der ihnen aus dem anderen Zimmer gefolgt war, aus der Seele. Es war eine lange, anstrengende Nacht gewesen. Die, in drei verschiedenen Bundesstaaten und im fernen Deutschland herbeigesehnten, Telefonate konnten noch zwei oder drei Stunden warten.
Sylvio reichte Shannon ihre kleine Tochter und lächelte ihr ermunternd zu, dann ließ er die frischgebackene kleine Familie allein.
Der Wolf schnüffelte ausgiebig an Aislinn herum, stupste sie sacht an und grinste, als sie mit einer unkoordinierten Bewegung auf seine Schnauze schlug.
Die Kleine ist richtig. Die wird genau wie ihre Mama. Ganz genauso...
Kevin sah erst den Wolf, dann seine Frau und schließlich seine Tochter an. Okay, er hatte es nicht anders erwartet. An das Leben mit einer Hexe hatte er sich gewöhnt, ein Hexenbaby brachte bestimmt neuen Schwung in die Bude. Und eins war mal sicher, von ihm hatte sie auch etwas... Sacht streichelte er über den dunklen Flaum auf Aislinns Köpfchen.
Kevin legte sich zu seiner kleinen Familie und sofort kuschelte Shan sich an ihn. Halb an ihrer Brust, halb an Kevins gelehnt, lag Aislinn zwischen ihnen, allem Anschein nach recht zufrieden. Ihre Augen waren geschlossen und ihr Atem ging im Schlaf gleichmäßig.
Die jungen Eltern dagegen brauchten trotz ihrer Müdigkeit noch eine ganze Weile, bis sie den Blick von dem kleinen Wunder und einander losreißen und einschlafen konnten.

 

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