1. Kapitel

(Anfang Mai 2003, Orlando, Florida)

Kevin stand am Fenster und starrte in die Nacht hinaus. Er hatte diesmal tatsächlich zwei Stunden geschlafen, bevor der Traum einsetzte. Jetzt war an Schlaf nicht mehr zu denken. Er blickte über die Schulter zu Shannons Handy. Es verhöhnte ihn, grinste ihn förmlich an. Kevin spielte mit dem Gedanken, es an die Wand zu schmettern. Aber das würde nichts ändern. Dann würde es erst recht nicht klingeln. Er drehte sich wieder zum Fenster und sah auf den nächtlichen Garten hinaus.

Der Traum hatte wie immer begonnen. Die Autofahrt von der Party nach New York zurück, der Unfall, seine Angst um Kristins und sein Leben, der Absturz... dann Dunkelheit. Und dann Kristin, wie sie mit enttäuschtem Gesicht vor ihm stand und die Hände nach ihm ausstreckte. Wie immer war er an dieser Stelle schweißgebadet hochgeschreckt.

Er wusste sehr gut, weshalb Kris von ihm enttäuscht war. Er hatte Shannon verletzt. Und nicht nur das. Er hatte auch ihre Liebe verleugnet. Dass er es aus guten Gründen getan hatte, änderte nichts am Ergebnis. Er war Schuld daran, dass Shannon gegangen war. Geflohen, vor ihm. Und seit sechs Monaten gab es kein Lebenszeichen von ihr. Sie hatte jeglichen Kontakt zu den Backstreet Boys abgebrochen.

Kevin hatte ein Detektivbüro angagiert, um sie zu finden. Sie waren Shannons Spur von New York nach Deutschland gefolgt und hatten sie da verloren. Die OCRSI erwies sich bei den Nachforschungen als uneinnehmbare Festung. Dort gab niemand Auskunft über Shannon O’Neall. Und ein Gabriel oder eine Angela waren nicht aufzutreiben. Kein Wunder, wenn Kevin nicht mal ihre Nachnamen wusste. Shannon konnte überall sein. Irgendwo auf der Welt.

Kevin lehnte sich an den Fensterrahmen und ließ den Kopf gegen die kühle Scheibe sinken. Wo sollte er suchen? Er hatte sich vom Detektivbüro die Adresse des Hauptsitzes der OCRSI geben lassen und war nach Deutschland geflogen, um es selbst zu probieren. Wenn man dort behauptete Shannon nicht zu kennen, war das schließlich ein unverschämte Lüge. Die Organisation residierte in einem Gebäudekomplex außerhalb von Dortmund. Kevin kannte die Stadt ein wenig, weil sie dort mehrmals bei der Bravo Supershow aufgetreten waren.

Das Gelände der OCRSI war gut bewacht. Als er das Grundstück betrat, waren ihm bereits mehrere Kameraobjektive gefolgt. Wenige Minuten später war er von drei Securities umringt und zum Haupteingang geführt worden. Dort im Foyer hatte ihn bereits eine Frau mittleren Alters erwartet, die sich als Diana Fox vorstellte und ihn freundlich nach seinen Wünschen fragte. Er hatte sich nach Shannon erkundigt und gesehen, wie sich ihre freundliche Miene verschloss. Sie kenne keine Shannon O’Neall, hatte sie ihm erklärt. Als er darauf bestand, Shannon sprechen zu wollen, hatten die Sicherheitsleute ihn hinausgeworfen. Da er nicht sicher wusste, ob sie tatsächlich hier war, war er zurückgeflogen.

Kevin schloss verzweifelt die Augen. Er konnte nicht aufgeben. Er wollte nicht aufgeben. Aber er wusste nicht, wo und wie er sie noch suchen sollte.

Er wusste nicht mehr weiter.

 

Kevin erwachte vom Vogelgezwitscher, das von draußen hereinklang. Er sah auf die Uhr. Er hatte noch etwa drei Stunden geschlafen, mit mehreren Unterbrechungen. Und er sollte sich wohl einen bequemeren Sessel zulegen, wenn er noch mehr Nächte in einer Sitzgelegenheit vor dem Fenster verbrachte. Ächzend streckte er die langen Glieder und stand auf. Als erstes der Blick auf das Display des Handys. Möglicherweise hatte er das Signal ja verschlafen? Hatte er nicht. Er schloss das Handy ans Ladegerät an.

Er duschte kurz und wischte danach den beschlagenen Spiegel trocken. Das Gesicht, das ihm daraus entgegen sah, wirkte müde und erschöpft. Er wandte sich ab. Dieser Mann im Spiegel bekam, was er verdiente.

Er machte sich Frühstück, obwohl er keinen Appetit hatte und aß, ohne etwas zu schmecken. Seine Gedanken waren bereits wieder bei Shannon. Sie hatte geliebt, was er für sie kochte. Er versank in der Erinnerung an jenes Abendessen. Das einzige romantische Mahl, das sie geteilt hatten. Und wie sie danach getanzt hatten. Er konnte noch immer ihren Körper in seinen Armen spüren...

Als er in die bittere Realität zurückkehrte, war das Essen kalt. Wiederwillig schob er den Teller zurück und stand auf. Am Computer im Arbeitszimmer rief er seine e-Mails ab. Trey hatte geschrieben. Es ginge ihm gut, das Wasser sei toll und die Wellen das Beste überhaupt. Er hatte Kevin gebeten, mit nach Hawaii zu fliegen. Er hatte ihn fast angefleht mitzukommen. Für Trey war Kevins „Besessenheit“, wie er es nannte, eine auf mangelnde Ablenkung zurückzuführende Erscheinung. Er war immer noch der Ansicht, dass Shannon nicht Kevins Typ war und es deshalb nichts Ernstes sein konnte. Er verstand es eben nicht. Er hatte so was ja auch nie erlebt. Diese Gewissheit bei Blickkontakt, das Erkennen der Seelen im Bruchteil einer Sekunde.

Die nächste Mail war von Tim. Kev solle keinesfalls das Dinner mit den JWR-Mitarbeitern vergessen. Dann hatte er heute Abend wohl etwas Ablenkung. Die letzte Nachricht war von seinem Finanzberater. Er hatte, wie besprochen, Aktien von Ian-Industries gezeichnet. Als nächstes ging Kevin in die Rubrik „Vermisste Personen“.

Da war sie. Es war eins der Fotos, die Brian damals am Strand gemacht hatte. Am Lagerfeuer. Shannon hatte darauf den Kopf schief gelegt und mutwillig in die Kamera gelacht. Sie sah so schön aus, so voller Energie. Es zeigte ihre innere Stärke. Unter dem Bild stand der von ihm verfasste Text. „Vermisst: Shannon O’Neall. Wenn sie diese junge Frau kennen oder irgendwo gesehen haben, melden sie sich bitte unter...“ Es folgte seine Privatnummer. Diese Seite war seit fünf Monaten online. Bisher gab es keinen einzigen Anruf. Kevin lehnte sich vor und berührte ihr Gesicht auf dem Bildschirm mit den Fingerspitzen. Wie sehr wünschte er sich, ihre weiche Haut, ihr seidiges Haar zu berühren, ihr seltenes Lachen zu hören, ihren zärtlichen Blick auf sich ruhen zu fühlen. Der Schmerz in ihm war kaum zu ertragen. Seine Augen begannen vor ungeweinten Tränen zu brennen.

„Gott, wenn du mich hörst... Bitte! Ich brauche Hilfe!“ flüsterte er mit brechender Stimme.

Das Telefon neben ihm klingelte und er zuckte erschreckt zusammen. Tief Luft holend hob er ab.

„Ja?“

„Kevin? Hier ist Brian.“

Also nur der wöchentliche Kontrollanruf. Enttäuschung machte sich in ihm breit.

„Ich lebe noch.“

„Daran hatte ich auch nicht gezweifelt.“

Das kaufte Kevin ihm jetzt nicht ab.

„Was willst du dann?“

Brian seufzte.

„Ich.....Wir dachten.......Wir wollen uns treffen. Übermorgen. Bei dir.“

„Und warum, wenn ich fragen darf? Howie ist eigentlich gerade in Urlaub, Nick versucht London zu irgendwas zu überreden, AJ hat seit damals kein Wort mit mir gewechselt und du hast genug mit Leighanne zu tun. Kommt das Baby nicht bald?“

Brian seufzte wieder.

„Ja. Ende nächsten Monats. Aber mehr Sorgen machen wir uns im Moment um dich.“

„Ich denke nicht mehr an Selbstmord.“

„Nein. Du denkst nur den ganzen Tag an Shan. Schon klar.“ Er seufzte nochmals. „Nick ist letzten Montag zufällig bei dir vorbeigefahren. Drei Uhr früh. Bei dir war noch Licht.“

„Dann hätte er reinkommen sollen. Ich hätte mich über Gesellschaft gefreut.“

„Kevin. Du hast mir vor zwei Wochen gesagt, du hättest keine Schlafstörungen mehr. Du hast mich angelogen.“

Jetzt war es an Kevin zu seufzen.

„Du kannst doch sowieso nichts dagegen tun. Und ich will mich nicht mit Tabletten voll stopfen lassen. Mir haben die Antidepressiva nach dem Zusammenbruch wirklich gereicht.“

„Kevin, wenn du professionelle Hilfe brauchst, dann solltest du...“

„Wenn ich sie brauche, werde ich sie mir besorgen, Brian! Aber ich brauche sie nicht!“ ‚Ich brauche Shannon!’ fügte er in Gedanken hinzu.

„Also gut. Aber wir kommen übermorgen. Stell dich drauf ein.“

„Na, meinetwegen.“ Kevin stöhnte genervt, als er auflegte. Das hatte ihm noch gefehlt. Drei besorgte und ein saures Gesicht in seinem Wohnzimmer. Andererseits wäre es eine Ablenkung. Möglicherweise wurde das endlose Warten auf Nachricht so ein wenig verkürzt. Und vielleicht fiel den Anderen ja etwas ein, was er übersehen hatte. Trotzdem würde er Gott erst für die Hilfe danken, wenn sie sich tatsächlich als Hilfe entpuppte. Sein Blick fiel wieder auf das Bild auf dem Monitor. Er verfluchte das Schicksal noch immer. In dem Moment, in dem Shannon keinen Grund mehr hatte wegzugehen, stieß er sie mit aller Macht brutal von sich. Wegen seiner Lähmung. Weil er seine gesamte untere Körperhälfte nicht mehr hatte benutzen können. Dabei hatte Shannon alles in ihrer Macht stehende getan, um ihm zu helfen. Alles. Und er warf ihr vor, hinter seinem Geld her zu sein. Mit der guten Absicht, sie einem gesunden Mann in die Arme zu treiben. Einem, der ihr alles geben konnte. Auch körperliche Liebe. Keinem Krüppel wie ihm. Und einige Tage später ging die Lähmung zurück....

Heute hatte er kaum noch Probleme. Die Physiotherapie war sehr erfolgreich gewesen. Nur manchmal, wenn er sich zu stark angestrengt hatte oder übermüdet war wie heute, hinkte er noch ein wenig. Die Zeitungen hatten sich nach seiner Genesung begeistert auf ihn gestürzt. Nachdem die Gerüchte verstummt waren, er hätte mit dem Mädchen, das Selbstmord begangen hatte, etwas gehabt, schrieben sie über die WUNDERHEILUNG EINES POPSTARS. Auf die Publicity hätte er gern verzichtet, zumal Shannon sie nie zum Anlass genommen hätte, zu ihm zurückzukommen. Sie hatte ja auch nicht gewusst, aus welchen Gründen Kevin sie so verletzt hatte. Manchmal verstand er seine Gründe selbst nicht.

Er sollte den Computer abschalten. Aber er brachte es nicht fertig, ihr Gesicht vom Schirm verschwinden zu sehen. Ihm war, als würde sie dann völlig aus seinem Leben gehen. Und wenn schon. Dann blieb der Computer eben an. Und er davor sitzen. Er wurde sowieso erst heute Abend irgendwo erwartet.

 

Brian schüttelte resigniert den Kopf. Er konnte Kevin einfach nicht helfen. Er rief kurz Howie an, der gestern aus dem Urlaub gekommen war, und erzählte ihm von dem Telefonat. Howie war genauso besorgt wie er. Dann telefonierte er mit Nick.

„Hey Brian. Wie geht’s Kev?“

„Er hat noch immer Schlafprobleme.“

„Ich dachte, das wäre endlich vorbei?“

„Dachte ich auch. Er hat gelogen. Wollte uns wohl nicht länger beunruhigen. Oder von uns genervt werden. Wenn du noch mal so spät Licht bei ihm siehst, könntest du dann bei ihm vorbeischauen?“

„Na klar. Obwohl ich bezweifle, dass er mich dann sehen will.“

„Ich glaube, er ist ganz froh über alles, was ihn vom Grübeln abhält. Und vom Warten.“

Nick seufzte.

„Vom Warten kann ich auch ein Lied singen.“

„Bist du mit London immer noch nicht weiter?“

„Nein. Aber ich gebe nicht auf. Ich wünschte, ich könnte Shan um Rat fragen. Oder um einen Liebeszauber oder so was bitten.“

„Den würde sie dir doch nicht geben. Das wäre gegen ihren Ehrenkodex.“

„Aber sie würde mir irgendwie helfen. Und sei es nur, mein geplagtes Herz zu heilen.“

„Nur Seelenheilung. Dass weißt du doch, kleiner Bruder.“

„Jetzt klingst du fast wie sie. Du vermisst sie auch sehr, stimmts?“

„Wie wir alle. Ich habe Angst, dass bei der Geburt nächsten Monat was schief geht. Und wenn ich mit ihr darüber reden könnte... Ihr nur in die Augen zu sehen, ihre Zuversicht zu spüren, würde mir schon reichen.“ Brian rieb sich die Stirn.

„Es wird gut gehen. Du machst dir zu viele Sorgen.“

„Wir sprechen uns noch mal, wenn du das erste Mal Vater wirst. Der Termin übermorgen steht übrigens.“

„Ich werde da sein. Hast du es schon AJ gesagt?“

„Nein. Das mache ich jetzt.“

„Oh. Dann wünsche ich dir viel Glück.“

„Danke, kann ich brauchen. Machs gut.“

Brian sammelte sich für das Gespräch mit AJ, dann wählte er die Nummer.

„McLean! Wer stört?!“

„Hallo AJ. Brian hier.“

„Brian!“ AJ klang nicht mehr so gereizt.

Brian beschloss, direkt auf das Problem zu sprechen zu kommen.

„AJ, wir wollen uns übermorgen bei Kevin treffen. Gegen vier.“

„Tut euch keinen Zwang an!“

„Du sollst auch kommen.“

„Vergiss es! Ich will ihn nicht sehen! Oder hören! Oder auch nur mit ihm auf dem selben Planeten sein!“

„Ihr wohnt in derselben Stadt, AJ.“

„Ja! Leider! Mich nehmen sie beim Weltraumprogramm auch nicht, weil ich die Psychotests nicht bestehe! Andererseits könnte ich vielleicht ihn da anmelden....“

„Er würde die Tests im Moment genauso wenig bestehen wie du.“

„Wieso das? Nein, warte... Das interessiert mich eh nicht!“

„Ich kenne dich, AJ. Es interessiert dich sehr wohl.“

„Verdammt! Seit wann klingst du wie Shannon?“

„Du bist der Zweite, der mir das heute sagt. AJ, wir vermissen sie alle! Und Kevin mehr, als wir anderen zusammen! Er quält sich seit sechs Monaten!“

„Jedem was ihm gebührt. Shannon geht es garantiert nicht anders.“

„Aber Kevin zerfleischt sich förmlich selbst. Er kann nicht leben ohne sie. Er ist dabei, sich selbst aufzugeben, wie damals, als er von Kristins Tod erfahren hat. Nur geht es diesmal langsamer. Schleichender.“

„Soll ich Mitleid haben? Er ist an seinem Unglück selbst Schuld! Und daran, dass wir auch keinen Kontakt mehr mit Shan haben! Durch ihn habe ich meine Schwester verloren!“

„Dann hast du übermorgen die Gelegenheit, ihm das alles selbst zu sagen. Und zuzusehen, wie er leidet. Ist das nicht Grund genug zu kommen?“

„Ja, verdammt! Das werde ich mir nicht entgehen lassen! Ich komme!“ AJ warf den Hörer auf.

Brian stöhnte leise. Das konnte ja heiter werden. Er durfte AJ auf keinen Fall mit Kevin allein lassen. Am Ende erhängte sich Kev noch und AJ hielt ihm dabei den Strick.

 

Je näher AJ Kevins Villa kam, desto wütender wurde er. Zum Teil auch auf sich selbst. Was, zum Teufel, machte er eigentlich hier? Gut, die Gelegenheit Kevin leiden zu sehen, war günstig. Aber eigentlich wehrte sich alles in ihm, dem Mann gegenüberzutreten. Er sah noch immer Shannons Gesicht vor sich, als sie damals an ihnen vorbeigestürzt war. Dieser schreckliche Schmerz in ihren Augen.

Ihre Liebe zu Kevin hatte die Mauern, die sie um ihre verletzliche Seele errichtet hatte, zum Einsturz gebracht. So war sie schutzlos seinen harten Worten ausgeliefert gewesen. AJ verstand Shannon so tief, dass es ihm fast Angst einjagte. Sie waren einander teilweise so ähnlich, setzten beide Aggressivität als Schutz ihrer Gefühle ein. Sie war seine Schwester, mehr als er je für möglich gehalten hatte. Und Kevin war schuld daran, dass sie den Kontakt zu ihnen abgebrochen hatte. Noch schlimmer war, dass Kevin ihr das Herz gebrochen hatte. Das konnte AJ ihm nicht vergeben. Niemals.

Er lenkte seinen Mercedes in die Auffahrt. Da standen schon Howies und Nicks Wagen. Er war scheinbar der Letzte. Wie immer.

Noch bevor er die Haustür erreichte, wurde sie geöffnet. Brian sah ihm entgegen.

„Schön, dass du da bist.“

AJ grummelte etwas unverständliches und trat ein. Er folgte Brian ins Wohnzimmer. Da saßen Nick und Howie mit angespannten Gesichtern. Kevin war nicht mehr als eine dunkle Silhouette vor der Verandatür, durch die das Sonnenlicht hereinströmte. Er stand scheinbar mit dem Rücken zu ihnen. Völlig reglos.

„Dann sind wir wohl vollzählig.“ bemerkte Brian.

AJ schnaubte.

„Das sehe ich anders. Shannon ist nämlich nicht hier.“ Zufrieden stellte er fest, dass Kevin bei ihrem Namen leicht zusammenzuckte. Es würde ihm Spaß machen, ihn leiden zu lassen. Oh, ja!

„AJ, bitte setz dich.“ bat Nick und klopfte mit der Hand neben sich auf das Sofa.

„Nein, ich stehe sehr gut. Ich will es mir nicht bequem machen, wo ich mich sowieso nicht wohl fühle.“

Er sah sich um. Hinter ihm, auf einem Schrank, standen Bilderrahmen. Kevins Familie, Kristin, ein Bild von der Hochzeit, das Bild vom Lagerfeuer. Damals waren sie glücklich gewesen. Sein Blick schweifte weiter. Die hellen Polstermöbel, der Kamin, der offene Durchgang zum Musikzimmer mit dem weißen Flügel, die Essecke, die Küche, die sich direkt anschloss. Nett hier. Schade, dass der Besitzer da war. AJ lehnte sich an den Türrahmen. Und schade, dass Trey nicht zu Hause war. Mit ihm hätte AJ gern mal wieder geredet. Ihn gefragt, ob Kevin richtig schön litt. Trey musste das als Kevins Mitbewohner wohl wissen.

„Kevin hat mir letztens erzählt, dass auch die letzte Spur von Shannon im Sande verlaufen ist. Die Detektei hat keine neuen Hinweise gefunden.“ berichtete Howie. Er warf dabei erst einen unbehaglichen Blick in Kevins Richtung, der immer noch bewegungslos dastand. „Und auf die Seite im Internet hat auch noch niemand reagiert.“

„Was habt ihr denn auch erwartet? Dass sie euch Spuren legt? Dass sie sich freiwillig meldet? Glaubt ihr etwa wirklich, dass sie zurückkommt? Nachdem Kevin ihr das Herz herausgerissen hat?“

„AJ!“ Brian sah ihn wütend an.

Von der Verandatür her drang ein erstickter Laut. Nick sprang auf und war mit wenigen Schritten bei Kevin, um ihm den Arm um die Schultern zu legen. Howie sah besorgt zu den Beiden hinüber.

„Ist schon okay, großer Bruder. Wir werden sie finden. Irgendwie finden wir sie.“ sprach Nick leise auf Kevin ein. AJ beobachtete diese Szene fasziniert. Nick tröstete Kevin? Was war hier los? Hatte er was verpasst? Als Nick den Älteren mit sanfter Gewalt zum Sofa zog, bekam AJ seine Antwort. Es versetzte ihm einen Schock. Was war mit Kevin passiert? Das war nicht der Mann, den AJ kannte! Er hatte abgenommen, schien sein Muskeltraining seit Wochen zu vernachlässigen, sein Haar sollte dringend geschnitten werden, das T-Shirt, das er trug, hatte er wohl blind gegriffen. Und sein Gesicht.... AJ hatte zu seinen schlimmsten Zeiten besser ausgesehen! Kevin war bleich und hatte tiefe Schatten unter den Augen. Sein Blick, der kurz AJ streifte, war leer. Tot.

‚Oh Gott! Er leidet wirklich!’ durchfuhr es AJ. Gegen seinen Willen empfand er Mitleid mit ihm.

Nick drückte Kevin in die Polster und ließ sich neben ihm nieder, den Arm noch immer um seine Schultern.

AJ konnte jetzt nicht mehr stehen. Er sank auf den nächsten Sessel. Dann bemerkte er Brians Blick. ‚Jetzt siehst du, wie schlecht es ihm geht.’ schien er zu sagen. Das sah AJ allerdings. Und er konnte es nicht fassen. Das die Liebe Menschen zerstören konnte, wusste er. Aber das Kevin dermaßen davon vernichtet werden konnte... Der starke, zuverlässige Kevin, der sich von nichts unterkriegen ließ, der seine Ziele trotz aller Widrigkeiten weiterverfolgte, der immer mit Rat und Tat für alle da war... Mit einem Mal taten AJ seine harten Worte leid. Aber er konnte sie nicht ungeschehen machen. Fieberhaft überlegte er, wie er sie wenigstens abmildern konnte. Ihm kam eine Idee.

„Habt ihr es schon mit einer Anzeige in der Zeitung versucht? In einer internationalen Zeitung?“

Brian warf ihm einen dankbaren Blick zu.

„Ja. Das hatten wir auch schon. Allerdings in einer deutschen Zeitung, weil sie in Deutschland wohl irgendjemand kennen muss.“ erklärte Howie.

„Aber die OCRSI hält dicht. Und ich denke, Shannon ist nur deren Mitarbeitern bekannt. Wenn die den Befehl bekommen haben, nichts zu sagen, können wir lange auf Antwort warten.“ vermutete Brian.

„Dann sollten wir es vielleicht auch noch mit einer Internationalen versuchen. Oder sogar mit mehreren Zeitungen. Wir wissen ja nicht mal, in welchem Land sie ist. Irgendwer könnte sie wiedererkennen.“ AJ sah Kevin an, der den Blick gehoben hatte. Ein kleiner Hoffnungsfunken glomm in seinen grünen Augen.

„Das ist unsere letzte Chance.“ sagte er mit rauer Stimme. AJ nickte zustimmend.

„Dann los! Wenn wir uns beeilen, kann es in zwei Tagen in den Zeitungen sein!“ Nicks Enthusiasmus war ansteckend.

Wenig später waren alle fünf mit den größten internationalen Zeitungen verbunden.

Am Ende erschien Shannons Bild auch in allen größeren Nationalen.

 

2. Kapitel

Er hatte lange gewartet. Es hatte ja schon fast ausgesehen, als wäre alles umsonst gewesen. Aber heute war es endlich soweit. Er starrte auf den Bildschirm, der ein Foto einer jungen rotblonden Frau zeigte. Shannon Indirà O’Neall. Heute war ihr Todestag. Und damit wäre er seine Sorgen los und am Ziel all seiner Wünsche...

 

Shannon fluchte und sprang zurück. Ihr Ärmel war hochgerutscht. Die Tentakel hatten ihren nackten Arm getroffen und unzählige kleine Wunden gerissen. Es brannte wie Feuer! Der Dämon brüllte und kam auf sie zu, die Fangarme nach ihr ausgestreckt. Diese Dinger waren dehnbar! Egal wie viel Abstand zwischen ihnen war, er erreichte sie trotzdem damit! Shannon zog ihr Schwert. Sie musste ihn wohl doch in kleine Scheibchen schneiden.

Plötzlich jaulte Akela hinter ihr auf und sie fuhr herum. Da waren noch zwei! Der Eine hielt den Wolf gepackt, der Zweite griff sich ihre Klinge! Wieso zum Teufel hatte sie die Zwei nicht bemerkt? Und wieso konnte der ihr das geweihte Schwert abnehmen? Sie schleuderte dem Einen eine Feuerkugel entgegen, die wirkungslos an ihm verpuffte. Na toll! Feuerfest auch noch! Und ihr Rucksack stand außer Reichweite!

Der Dämon hinter ihr versuchte seine Fangarme um sie zu wickeln, was sie mit einem Sprung so eben noch verhindern konnte. Dafür stellte er ihr beim wieder Aufkommen ein Bein und riss sie um. Die Tentakeln nagelten sie am Boden fest. Scharfer Brandgeruch stieg ihr in die Nase, als sich die Saugnäpfe durch ihren Mantel brannten. Ächzend zog sie ihr neues Klappmesser aus dem Stiefel und schnitt sich frei. Der Dämon schrie vor Wut und Schmerz und stürzte sich auf sie. Reflexartig stach sie ihr Messer tief in seine Eingeweide und er brach tot über ihr zusammen. Da waren es nur noch zwei. Aber sie lag unter Nummer drei begraben. Den Göttern sei dank, konnten diese Viecher Akela nichts tun, außer ihn festzuhalten!

Der mit ihrem Schwert kam ihr zu Hilfe und zerrte seinen Freund von ihr herunter...um sie mit der eigenen Klinge aufzuspießen! Shannon rollte sich blitzschnell zur Seite. Ihr Schwert fuhr dicht neben ihr, bis zum Heft, in die Erde. Mit einem Streich durchtrennte Shannon den Fangarm, der den Griff umklammerte und warf dem Dämon ihr Messer ins Auge. Dann zog sie mit einem Ruck ihr Schwert aus dem Boden und halbierte den jaulenden Dämon.

Jetzt ging sie keuchend auf den Letzten los. Der ließ Akela fallen und schlug nach ihrem Kopf. Sie schaffte es so gerade, sich unter dem Schlag hindurchzuducken. Dem zweiten Fangarm entging sie nicht. Er traf sie mit voller Wucht im Rücken, presste ihr sämtliche Luft aus den Lungen und brachte sie zu Fall. Sofort stand Akela schützend über ihr und knurrte den Dämon an, während Shannon verzweifelt nach Luft rang. Der Dämon stieß den Wolf einfach zur Seite und griff nach ihr. Im nächsten Moment schrie er auf und stürzte tot zu Boden. Gabriel stand hinter ihm, mit schleimverschmiertem Zweihänder.

„Shannon! Ist alles okay?“

Der Luftmangel machte ihr noch zu schaffen, also nickte sie nur.

„Verdammt noch mal! Man könnte glauben, Serena hätte dir nichts beigebracht! Bist du von allen guten Geistern verlassen, deinen Rucksack außer Reichweite abzustellen? Und keine Schutzzauber? Wieso in drei Teufels Namen hast du keine Schutzzauber gelegt?“ schrie Gabriel sie an.

Lass sie in Ruhe! Sie muss erst mal zu Atem kommen! Und schrei hier gefälligst nicht so rum, sie ist ja nicht taub!

Akela stupste Shannon zärtlich an. Geht es, Kätzchen?

Dankbar strich sie ihm über den Kopf.

„Ist schon gut, Bruder. Alles okay.“

Gabriel rammte sein Schwert ein Stück in den Boden und stützte sich darauf. Gar nichts war hier okay! Shannon war nicht okay! Sie hatte heute sämtliche Grundlagen der Dämonenjagd verletzt! Sie war in den Kampf gezogen, ohne den Platz vorher vor Eindringlingen abzusichern, hatte ihre Ausrüstung abgelegt und anscheinend vergessen ihre Klinge zu Weihen! Ihn hatte fast der Schlag getroffen, als er sah wie der Dämon sie voll erwischte! Er war schließlich ihr Lehrer und ihr Freund. Und fast so was wie ihr Vater.

Als er ihr damals das Leben rettete, hatte er danach instinktiv die Verantwortung für sie übernommen. Zwar sträubte sie sich noch immer, zu seiner kleinen Familie dazugezählt zu werden, aber seine Mädchen betrachteten Shan längst als ihre große Schwester. Auch wenn sie sie so selten sahen. Und Gabriel selbst liebte Shannon sehr. Als Kevin in ihr Leben trat, hatte er sich für sie gefreut. Endlich schien sie das zu bekommen, was sie verdiente. Liebe. Aber sie hatte ihre eigenen Bedürfnisse immer wieder zurückgestellt. Kevins Heirat mit Kristin zerstörte Gabriels Hoffnung, dass Shannon glücklich werden könnte. Als er dann in Schweden den Anruf bekam, Shannon hätte gekündigt, hatte er wieder zu hoffen gewagt. Die Nachricht von Shannons Ausstieg, aus der Organisation, hatte sich unter den Mitarbeitern weltweit wie ein Lauffeuer verbreitet. Die fähigste Hexe hörte auf! Spekulationen wurden laut, genauso wie der Ruf nach einer neuen Leitung der OCRSI. Seit Bruns sie führte, war alles immer schlechter geworden. Und Shannons Kündigung war ein deutliches Signal für alle. Aber bevor eine regelrechte Kündigungswelle einsetzen konnte, war sie plötzlich wieder da und bat Bruns ihr ihren Job wiederzugeben. Aber sie bekam einen Anderen. Sie wurde sozusagen degradiert. Zur Dämonenjägerin. Der einzige Vorteil war, dass sie jetzt endlich wieder einen festen Wohnsitz hatte. Und dorthin brachte Gabriel sie jetzt. In das hübsche kleine Apartmenthaus am Rande Orlandos.

Er beobachtete besorgt, wie Shannon sich vorsichtig in einen Sessel sinken ließ. Ihren Bewegungen nach zu urteilen, gab es keinen Zentimeter an ihrem Körper, der nicht schmerzte. Sie hatte den durchlöcherten Mantel ausgezogen und gleich weggeworfen. Ihr Arm sah schlimm aus. Gabriel holte die Salbe aus dem Bad, kniete sich vor den Sessel und versorgte behutsam ihre Wunden. Als er hochsah, blickte er direkt in ihr bleiches Gesicht. So blass war sie schon seit Monaten. Und sie hatte immer Schatten unter den Augen. Schlimmer waren aber die Schatten in ihren Augen. Was hatte dieser verfluchte Popstar nur mit seinem Mädchen angestellt? Shannon hatte in all der Zeit kein Wort darüber verloren. Und wenn Gabe Akela fragte, begann der Wolf zu knurren und die Zähne zu fletschen. Das galt Kevin, soviel war klar. Mehr war aus dem Wolf nicht herauszukriegen.

Gabriel hatte mit dem Gedanken gespielt, zu ihm zu fahren und ihn zu verprügeln. Aber das hätte Shannon nicht geholfen. Sie hatte in der OCRSI gebeten, dass ihr Aufenthaltsort geheim blieb. Zugang zu persönlichen Informationen nur für Mitglieder. Gabriel wusste, was das bedeutete. Sie hatte jeden Kontakt zu den Backstreet Boys abgebrochen und wollte von ihnen nicht gefunden werden. Und sie wollte kein Wort über sie reden. Sonst hätte Gabriel ihr von der Internetseite erzählt, auf der ihr Bild prangte. Oder von der ganzseitigen Zeitungsannonce, die ihm Angela aus Deutschland geschickt hatte. Oder von Dianas Anruf, in dem sie von einem großen attraktiven jungen Mann schwärmte, der Shannon gesucht hatte. Im Haupthaus in Dortmund! Die Jungs stellten einiges an, um sie zu finden. Aber sie wollte eben nicht gefunden werden.

Gabe seufzte und sah sich in ihrem Apartment um. Sie hatte es selbst eingerichtet. Es war hell gestrichen. Die Polstermöbel in der Raummitte waren cremefarben, dazu ein graublauer Teppich mit indianischem Muster, und honigfarbene Kiefernschränke an den Wänden. Und überall Shannons geliebte Efeus, die sie so an Zuhause erinnerten. Schon fast ein kleiner Urwald. Selbst wenn die Sonne gerade nicht hereinschien, dies war ein Heim, das ständig von Sonnenlicht durchflutet schien.

Aber es gab auch Anzeichen für Shannons Leid in diesem Raum. Auf einem der Schränke standen unzählige Bilderrahmen. Fotos ihrer Eltern, auf den Meisten war ein fröhliches kleines Mädchen mit rotblondem Haar mit dabei, einige von Shannons heißgeliebter Großmutter, tatsächlich auch einige von seiner Familie und natürlich einige von Angela. Dann gab es noch welche, die mit dem Bild nach unten dalagen. Fotos, die sie nicht wegräumen konnte, aber auch nicht hinstellen. Aufnahmen von den Jungs.

Gabe richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Shannon.

„Du hast es wirklich hübsch hier.“

„Ja.“ Shannon verzog die Mundwinkel zu einem kleinen Lächeln. Das sah er in den letzten Monaten auch selten bei ihr.

„Dieses Apartment ist mein ganzer Stolz. Es erinnert mich an das Haus meiner Eltern. Bevor meine Tante damals...“ Sie verstummte. Gabe wusste, was sie sagen wollte. Bevor ihre Großtante damals das Sorgerecht für sie bekommen hatte und das Haus vollkommen umbauen ließ. Es modern einrichtete mit Glas und Chrom und es zu einem kalten Gefängnis für Shannon machte. Besser er wechselte das Thema.

„Du arbeitest zuviel, Kätzchen. Du musst doch nicht jeden Auftrag annehmen, den Bruns dir erteilt. Du wirst noch krank dabei.“ besorgt sah er in ihr blasses Gesicht.

Sie blickte zu Boden.

„Die Arbeit lenkt mich ab.“

„Wovon?“

Sie antwortete nicht.

„Shannon! Was hat er dir getan? Du musst darüber mit jemanden reden.“

Sie redet mit mir. mischte sich der Wolf ein.

„Aber das reicht nicht, Akela. Sie muss es laut aussprechen, um es loszuwerden.“

Shannon blieb stumm.

Gabriel seufzte.

„Na gut. Ich werde mit Bruns darüber reden, dass du mal ein paar Tage frei bekommen solltest. Du siehst nicht gut aus, und eine kranke Hexe hilft niemandem. Ich bin ja nach unserem gemeinsamen Auftrag noch eine Weile in der Stadt. Dann können wir zusammen was unternehmen. Ich mach uns jetzt mal was zu essen. Du brauchst eindeutig mehr Speck auf die Rippen.“

Shannon lehnte sich zurück und sah ihm nach. Er hatte ja recht. Als sie heute morgen in den Spiegel geschaut hatte, war sie vor sich selbst erschrocken. Man konnte deutlich jede Rippe zählen und die dunklen Schatten, unter ihren Augen, waren auch nicht von schlechten Eltern. Aber was sollte sie dagegen tun? Wenn sie kochte, verging ihr der Appetit noch vor dem Essen. Und jedes mal wenn sie die Augen schloss, sah sie Kevin vor sich. Mit seinem unwiderstehlichem Lächeln auf dem Gesicht. Und Nachts kamen die Alpträume. Kevin, der sie verächtlich ansah und ihr vorwarf ihn auszunutzen. Das ließ sie jedes Mal weinend hochschrecken.

Sie hatte ja gewusst, dass in seinem Herzen kein Platz für sie war. Dass er Kristin liebte. Aber dieser verheerende Kuss vor der Operation hatte wieder Hoffnungen in ihr geweckt. Vergebliche Hoffnungen. Warum nur gab es keinen Zauberspruch gegen unerwiderte Liebe? Sie musste sich von Kevin fernhalten. Und damit auch von den Jungs. Ihrem Rudel. Sie durfte sie nie wiedersehen, dann würde der Schmerz irgendwann aufhören und sie konnte normal weiterleben. Hoffentlich...

Als Gabe das Essen fertig hatte, stocherte Shannon lustlos darin herum. Es gab Auflauf. Mit Käse überbacken... Sofort war die Erinnerung an Brian da, sein Lachen, seine Grimassen. Shannon ließ die Gabel sinken. Wie es ihm wohl ging? Und Leigh? Shannon fühlte sich, als hätte sie an den Beiden einen Verrat begangen. Ende nächsten Monats sollte das Kind kommen. Brian war bestimmt übernervös und brauchte jemanden zum Reden. Und sie war nicht da! Und Nick und seine Gefühle für London. Auch er brauchte jemanden. Und AJ... Shannon konnte nur vermuten, aber AJ hatte Kevin bestimmt noch nicht vergeben, dass er sie verletzt hatte. Wie sie alle Shannon hassen mussten für ihre Flucht. Ob Kevin wohl erleichtert war? Die ungebetene sexuelle Anziehung musste ihn sehr belastet haben. Vor allem so kurz nach Kristins Tod.

„Shan! Du musst was essen!“

Sie zuckte leicht zusammen und schob sich gehorsam eine Gabel voll in den Mund. Dann schweiften ihre Gedanken wieder ab.

Es freute sie für Kevin, dass er wieder laufen konnte. Sämtliche Zeitungen hatten die „Wunderheilung“ breit getreten. Der Lösezauber hatte also letztendlich doch gewirkt. Damit war ihr Versprechen an Kristin erfüllt, soweit es Shannon möglich war. Nun sollte sich jemand anderes um ihn kümmern. Sie würde sich nie wieder so verletzen lassen. Es hatte lange gedauert, aber sie hatte es geschafft die Mauer um ihr Herz wieder zu errichten. Doppelt so hoch und doppelt so stark. Sie würde nie wieder einem Mann vertrauen, der irgendwelche Gefühle in ihr weckte.

 

Eine Stunde später verabschiedete sich Gabriel von Shannon, um ins Hotel zurückzufahren. Auf dem Weg nach unten grübelte er über seine kleine Hexe nach. Es stand schlimm um sie. Am liebsten hätte er sofort Angela herbeordert. Sie war vielleicht die einzige, die Shannon den Kopf zurechtrücken konnte. Sie, oder die Jungs... Gabriel spielte, nicht zum ersten Mal, mit dem Gedanken, einfach Brian anzurufen. Der war vernünftig genug und Shannon hörte auf ihn. Und er brachte sie zum Lachen. Das war es, was Gabriel hören wollte. Shannons Lachen! Sie hatte, solange sie sich kannten, nie viel gelacht. Das fröhliche kleine Mädchen, von den Bildern, existierte schon lange nicht mehr. Aber seit sie den Kontakt zu den Jungs abgebrochen hatte, lachte sie überhaupt nicht mehr. Man konnte über jedes kleine Lächeln froh sein, das von ihr kam.

Gabriel war so in Gedanken versunken, dass er die Männer erst bemerkte, als er fast gegen sie stieß. Überrascht blickte er auf und sah sich von vier Mann umzingelt. Und sie kamen ihm bekannt vor.

„Sieh mal an! Der Freund von der miesen kleinen Hexenschlampe!“ Der Typ vor ihm grinste satanisch. Seine Gesichtszüge wurden dabei von hässlichen Narben verzerrt, die aussahen als hätte ein Raubtier sie hinterlassen.

Gabriel zuckte zurück. Natürlich kannte er die Typen! Das waren vier der Schwarzmagier, die damals versucht hatten Shannon zu erwischen! Und dem Kerl vor ihm hatte Kevin, als Steinadler, seine Krallen durchs Gesicht gezogen! Gabe schnellte herum und jagte zur Treppe zurück, wurde aber im Laufen von den Beinen gerissen und zu Fall gebracht.

„Nicht doch! Wir zwei haben doch noch was zu bereden!“ zischte Narbengesicht, als seine Kumpane ihn  auf die Füße stellten. Mit aller Kraft rammte er Gabe die Faust in den Bauch. Dann schlugen sie ihn systematisch zusammen.

 

Shannon hatte sich etwas bequemes angezogen und sich mit einem Buch in ihren Sessel gesetzt. Akela döste zu ihren Füßen. Sie konnte sich nicht konzentrieren und las den Abschnitt gerade zum dritten Mal, als der Wolf plötzlich die Ohren spitzte.

Da kommt jemand. Fünf oder sechs Leute.

Shannon legte irritiert das Buch weg. Ihr Apartment war das einzige auf dieser Etage. Wer konnte das sein? Hatten die Jungs sie etwa doch gefunden? Aber dann hätte Akela ihre Schritte erkannt.

Da ist was faul! Der eine wird eher geschleift, als das er geht! rief der Wolf alarmiert.

Shannon fluchte. Sie hatte ihr Schwert in Gabriels Wagen liegen lassen! Sie lief ins Schlafzimmer und nahm die Armbrust aus der Truhe am Bettende. Blitzschnell schnallte sie sich den Köcher mit den Bolzen um, dann stellte sie sich schussbereit neben Akela, der breitbeinig und knurrend vor der Tür stand.

Die Tür wurde krachend aufgetreten.

Shannon erstarrte bei dem Bild, dass sich ihr bot. Die vier Männer, die ihr sehr bekannt vorkamen, hatten Gabe übel zugerichtet und der Vorderste hielt ihm ein Messer an den Hals!

„Wenn du die Waffe fallen lässt, dann passiert ihm vielleicht nichts, Miststück!“

Shannon sah Gabriel in die Augen. Er fühlte sich schuldig, das konnte sie sehen. Aber er konnte nichts dafür. Sie würde alles für ihn tun. Langsam ließ sie die Waffe zu Boden sinken.

„Gut so! Und jetzt komm her!“

Shannon gehorchte, obwohl Akela in ihren Gedanken lautstark protestierte. Als sie den mit den Narben erreichte, packte er sie und stieß Gabriel zu einem seiner Kumpane. Akela konnte nichts machen. Knurrend starrte er Narbengesicht an, der das Messer jetzt an Shannons Hals drückte.

„Halts Maul, du Töle! Leider kann ich dich nicht abstechen! Aber wenn du einem von uns zu nahe kommst, ist sie dran!“

Mit einer Kopfbewegung schickte er einen seiner Männer in das Apartment. Er hatte einen Kanister dabei, dessen Inhalt er großzügig über die Möbel verteilte. Dann nahm er die Armbrust vom Boden und richtete sie auf Shannon. Die witterte ihre Chance. Narbengesicht ließ sie los und zückte ein Streichholz, das er am Türrahmen anriss. Im nächsten Moment nagelte Shannon seine Hand mit einem Armbrustbolzen an den Rahmen. Im selben Augenblick sprang Akela den Mann an, der Gabriel im Griff hatte. Der mit der Armbrust fuhr zu ihm herum. Dann ertönte ein Schuss und Shannon zuckte zusammen. Die Kugel des vierten Mannes, des dürren kleinen Schwarzmagiers, dem sie damals in die Genitalien getreten hatte, hatte sie nur gestreift. Aber er richtete die Pistole weiter auf sie.

Akela hatte bei dem Knall seinen Angriff abgebrochen und war entsetzt zu ihr herumgefahren. Ihre Chance war vertan.

Narbengesicht zog den Bolzen aus seiner Hand und riss den Köcher von ihrer Hüfte.

„Das ist noch ein Grund mehr, mit dir abzurechnen, du Schlampe!“ Er holte weit aus und schlug Shannon hart ins Gesicht. Metallischer Blutgeschmack breitete sich in ihrem Mund aus. Scheinbar war die Lippe aufgeplatzt. Aber sie war eine O’Neall! Sie kannte weder körperlichen Schmerz noch Aufgabe! Trotzig starrte sie Narbengesicht an. Der schlug ein zweites Mal zu. Shannon fühlte, wie warmes Blut aus einer Platzwunde an ihrer Wange bis zu ihrem Kinn hinunterlief. Dann griff der Mistkerl in ihr Haar und zerrte sie nah an sich heran.

„Ich werde dich lehren Angst zu haben! Du wirst langsam und qualvoll sterben, das verspreche ich dir!“

Shannon spuckte ihm ins Gesicht.

Sein nächster Schlag warf sie gegen die Wand und ließ sie Sterne sehen. Aber sie stand stolz wieder auf. Sie gönnte ihm nicht den Triumph, auf sie herunterzublicken, wie sie geschlagen am Boden lag. Die nächsten Hiebe gingen in ihren Bauch. Aber sie verloren an Wirkung, da sie ihre Muskeln anspannte. Als er das erkannte, beschränkte er sich auf ihr Gesicht. Ein Schlag... zwei... beim Dritten verlor Shannon kurz die Besinnung. Als sie wieder zu sich kam, schnitt der dürre Hexer ihr gerade ihr Amulett vom Hals und warf es weg. Dann wurde sie die Treppe hinuntergeschleift und in ein Auto verfrachtet. Sie wusste nicht wo Gabriel war, aber Akela war in der Nähe.

Sie wurde gefesselt und geknebelt, und dann wieder geschlagen. Diesmal wurde sie endgültig bewusstlos. Über ihr ging ihr Apartment in Flammen auf.

 

Akela tobte. Er konnte Shan nicht helfen! Sein Kätzchen! Wie wild rannte er hinter dem Lieferwagen her. Er war nicht langsam, aber das Auto entfernte sich immer weiter. Akela gab sein letztes. Und als der Wagen endlich sein Ziel erreichte, war Akela wenig später zur Stelle.

 

Gabe fluchte. Sie hatten ihn einfach im Flur liegen lassen. Er war wohl nur unnötiger Ballast.

Shannon! Seine kleine Shannon!

Fieberhaft überlegte er, was er tun konnte um sie zu retten. Die nächsten OCRSI-Mitglieder lebten in New York. Bis die hier waren, war es zu spät!

Es war so einfach. Und so kompliziert. Es gab nur sie. Sie würden bestimmt alles stehen und liegen lassen, um ihr zu helfen. Auch wenn es Shannon garantiert nicht recht war.

Gabriel rief Kevin an.

 

3. Kapitel

Heute war es soweit. Heute stand die Anzeige in allen großen Blättern. Und sie saßen wieder bei Kevin zusammen. Naja. Sie saßen nicht. Howie saß. Alle anderen waren zu ruhelos, um sich zu setzen. AJ stand im Türrahmen und schien sich nicht entscheiden zu können, ob er genervt dableiben oder frustriert gehen sollte. Nick lief vor dem Wohnzimmertisch auf und ab, auf dem Kevins Telefon stand. Brian war an der Verandatür und versuchte seinem Cousin durch seine Anwesenheit Mut zu machen. Kevin starrte in den Garten hinaus. Allmählich fragte sich Brian, was er da wohl sah. Ob er überhaupt etwas sah. Es war drei Uhr Nachmittags. Bisher hatten zwei Leute angerufen, aber es war jedes Mal falscher Alarm. Und Brian sah besorgt, dass der Funken Hoffnung in Kevins Augen wieder erloschen war. Vielleicht sollte er besser alle Gegenstände im Haus an sich nehmen, mit denen ein Selbstmord möglich war. Er würde einen Umzugswagen dafür brauchen! Aber wenn Kev die Absicht hatte, würde ihn nichts davon abhalten können. Brian betete um ein Wunder.

Im nächsten Moment klingelte das Telefon und alle fuhren herum.

Nick hechtete zum Tisch und riss den Hörer von der Gabel.

„Ja? ... nein... Nein! ... NEIN! ... ICH WILL KEIN ABONNEMENT IHRER ZEITSCHRIFT!“ Fluchend warf er den Hörer wieder auf und drehte sich zu Kevin um.

„Tut mir leid...“

Kevin wandte sich wortlos wieder dem Garten zu.

‚Verdammt noch mal! Wenn du mich hörst, Gott, das war kein sehr netter Scherz!’ schimpfte Brian bei sich.

„Es ist vorbei. Es wird kein Anruf mehr kommen.“ Kevins Stimme klang beunruhigend emotionslos.

„Ach komm, Kev! Da können noch Tage später Anrufe kommen!“ erklärte AJ aufgebracht.

„Es wird kein Anruf mehr kommen.“ wiederholte Kevin, wie für sich selbst. Shannon wollte nicht gefunden werden. Das Warten hatte ein Ende. Es war vorbei. Endgültig vorbei. Er hatte sie verloren.

Irgendwo hinter ihm piepste etwas. Er ignorierte es.

Die Jungs sahen einander hilfesuchend an. Sie mussten ihn irgendwie bei der Stange halten. Irgendwie!

Das Piepsen wurde lauter.

„Verflucht noch mal, Alexander James McLean! Kannst du nicht endlich drangehen?“ wetterte Nick.

„Nicholas Gene Carter! Das ist nicht mein Handy!!!“

Vier Backstreet Boys blickten in die Richtung, aus der das Geräusch erklang. Da hing Kevins Lederjacke über einem Stuhl. Die Jacke piepste.

Brian warf Kevin einen Blick zu, der noch immer reglos an der Verandatür stand und keine Anstalten machte dranzugehen. Warum auch? Das Handy war neu. Also konnte es nicht Shannon sein. Brian seufzte, ging hin und holte das Gerät aus der Jackentasche.

„Apparat Richardson.“

Am anderen Ende redete jemand atemlos auf ihn ein.

„Bitte! ... Langsam! ... Hallo? Wer ist überhaupt dran? ... WIE BITTE?? GABRIEL???“

Plötzlich war Kevin neben ihm und riss ihm den Hörer aus der Hand.

„GABRIEL! WO IST...“

„Sie haben sie entführt! Ihr müsst sofort herkommen, bevor es zu spät ist!“

Kevin taumelte und wurde von einem entsetzten Brian gestützt.

„Wo bist du?“ Kevins Stimme war nicht mehr als ein Krächzen.

„Die Apartmentanlage in der Sunset Lane! Ihr müsst euch beeilen!“

„Wir sind unterwegs!“

Er war auf den Weg zur Tür, bevor einer der Jungs überhaupt reagieren konnte.

„Was ist denn los?“ brüllte AJ hinter ihm her.

„Shannon ist entführt worden!“ rief Kevin zurück.

Eine Schrecksekunde starrten die Jungs einander an, dann rannten sie, wie der Teufel, hinter Kevin her.

 

Als die drei Wagen, angeführt von Kevins neuem Jeep, mit quietschenden Reifen in die Sunset Lane einbogen, bot sich ihnen ein erschreckendes Bild. Die Straße war mit drei Löschzügen des Orlando Fire Department blockiert. Ein halbes Stockwerk des Apartmenthauses war ausgebrannt. Als Kevin den Jeep an den Straßenrand lenkte, hatte Brian Gabriel bereits gesichtet und machte Kevin auf ihn aufmerksam.

Kevin erschrak, als er den Dämonenjäger sah. Gabe hatte mehrere Blutergüsse im Gesicht, ein blaues Auge, eine blutige Lippe und er hinkte. Sie stiegen aus und gingen ihm entgegen.

„Was ist passiert?“ erkundigte sich Kevin.

„Für die Geschichte muss ich etwas weiter ausholen. Erinnert ihr euch noch an die Schwarzmagier, damals in Köln?“

Kopfnicken der inzwischen vollzähligen Gruppe.

„Vier von denen standen heute plötzlich vor mir, in der Eingangshalle des Hauses da drüben.“ Er deutete zu dem Gebäude, wo die Feuerwehr ihre Schläuche inzwischen zusammenrollte. „Sie hatten es gezielt auf Shannon abgesehen. Sie haben ihr das Amulett vom Hals geschnitten, also gehe ich davon aus, dass sie Magie bei ihr anwenden wollen. Mit dem Ziel sie zu töten.“

Brian legte Kevin, der merklich bleicher geworden war, beruhigend eine Hand auf die Schulter.

„Wo war Akela? Hätte er das nicht verhindern können?“ wollte AJ wissen.

„Er konnte gar nichts tun. Sie hatten mich als Geisel, deshalb hat sich Shannon ihnen ergeben...“ Er stockte.

„Was haben sie mit ihr gemacht?“ fragte Kevin alarmiert.

„Der mit dem Narbengesicht... hat sie zusammengeschlagen.“

„Narben...?“ Kevin erinnerte sich an ein brutal wirkendes Gesicht, mit blutigen Krallenspuren darin, und an eine Pistole, die auf Shannon gerichtet war. Die Augen des Adlers hatten diese Erinnerung mit aller Klarheit in sein Gedächtnis eingebrannt.

„Wo haben sie sie hingebracht?“

„Ich weiß es nicht. Ich hab nicht mal ein Pendel, um ihren Aufenthaltsort rauszukriegen. Und wenn ich eins hätte, fehlte mir noch etwas persönliches von Shan, damit die Sache funktioniert. Ich wollte abwarten, bis die dort fertig sind.“ Er deutete auf die Feuerwehrmänner. „Und dann nachsehen, ob noch was brauchbares in Shans Wohnung übrig ist.“

„Shans Wohnung...“ Die Jungs sahen Kevin an. Das war hart. Shannon hatte nicht mal eine halbe Stunde Autofahrt von Kevin entfernt gewohnt. Er rang sichtlich um Fassung.

Kevin tat Gabriel leid. Es war wohl doch nicht sinnvoll, ihn für das zu schlagen, was er Shan angetan hatte, denn er litt wenigstens genauso stark darunter wie sie. Vielleicht sogar mehr. Der Junge sah ja aus, als könnte er jederzeit einen Nervenzusammenbruch erleiden.

Noch während Gabe das dachte, ging eine merkliche Veränderung mit Kevin vor. Seine sanften Augen wurden plötzlich eiskalt und funkelten vor Wut. Es ging wieder die von seinen Freunden lange vermisste Entschlossenheit von ihm aus.

„Wir sollten uns das Apartment jetzt sofort ansehen. Wir haben schon genug Zeit verloren!“ Im nächsten Moment war er bereits auf dem Weg.

Die Anderen starrten ihm einen Augenblick erstaunt nach und liefen ihm dann hinterher.

 

Kevin war wütend. Wütend war noch milde ausgedrückt. Er war zornig auf sich selbst, weil es seine eigene Schuld war, dass er Shannon verloren hatte. Durch seine Dummheit. Aber noch schlimmer war für ihn, dass er seine Kleine deshalb nicht vor diesen Kerlen hatte beschützen können.

Er stürmte die Treppen hoch, mit seinen langen Beinen immer zwei Stufen auf einmal nehmend. Mehrere Feuerwehrmänner kamen ihm entgegen und sahen ihn merkwürdig an. Aber keiner versuchte ihn aufzuhalten. Im zweiten Stock angekommen, folgte er dem Stimmengewirr bis zur einzigen Tür auf diesem Gang. Wie immer diese Wohnung vorher ausgesehen haben mochte, jetzt war sie nur noch Schutt und Asche. Wenn Gabriel da drin etwas nützliches finden wollte, konnte er lange suchen.

„Es war definitiv Brandstiftung. Wir haben einen Kanister gefunden.“ sagte gerade ein Mann zu einem Polizisten.

Kevin ignorierte die Beiden. Seine medialen Kräfte meldeten sich. Irgendwas zog ihn an. Er ging den rußgeschwärzten Korridor weiter entlang. Es kam von hier hinten. Eine schwache magische Ausstrahlung. Da war es. Er ging in die Hocke und hob das kreisrunde Etwas am Lederband hoch. Es war ein moosgrüner, mit verschlungenen, hellen Linien verzierter Anhänger. Shannons Schutzamulett.

„Du hast es gefunden! Ich hab mich schon gefragt, was er damit gemacht hat!“ Gabriel und die Jungs standen hinter ihm.

„Hat einer von euch eine Straßenkarte von Orlando dabei?“

„Ich hab eine in meinem Auto, in der Seitenstraße...... Was hast du vor?“

„Um Shannon zu finden könnte es kein besseres Pendel geben, als dieses hier.“ Kevin stand auf und ging an ihnen vorbei auf die Treppe zu. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.

Als sie Gabriels Leihwagen erreichten, stellten sie fest, dass die Schwarzmagier sehr gut informiert gewesen waren. Alle vier Reifen waren zerstochen und die Windschutzscheibe eingeschlagen.

„Da wollte wohl jemand sichergehen nicht verfolgt zu werden.“ meinte AJ trocken.

Gabe gab Kevin die Karte und schloss dann den Kofferraum auf. Der Zweihänder und Shannons Ninja-Klinge waren noch da. Erleichtert holte er das Schwert und den Stab mit dem Wolfskopf heraus.

Kevin hatte den Stadtplan inzwischen auf dem Boden ausgebreitet und sich daraufgekniet. Shannon hatte ihm damals, nach der Geistersache, die Grundlagen einer Halbtrance beigebracht, an die er sich jetzt zu erinnern versuchte. Er atmete einmal tief ein und aus und beruhigte seinen Geist. Dann rief er Shans Bild vor sein geistiges Auge. Das Amulett reagierte sofort auf seine Besitzerin. Es führte seine Hand über die Karte bis zu den alten Lagerhäusern im früheren Gewerbegebiet. Kevin fiel förmlich aus der Trance.

„Da ist sie! Schnell, wir müssen los!“ Er war schon wieder auf dem Weg zu seinem Jeep.

„Sieht wirklich so aus, als müssten wir ihm heute die ganze Zeit hinterher rennen!“ schrie AJ Nick im Laufen zu.

„Kev! Warte! Gabriel kann nicht so schnell!“ rief Brian seinem Cousin hinterher.

Kevin wartete tatsächlich. Allerdings mit laufendem Motor. Brian und Gabe stiegen zu ihm ein, während Nick und Howie in AJ's Mercedes sprangen. Howies Wagen blieb am Straßenrand zurück.

 

4. Kapitel

Shannon! Kätzchen, bitte wach auf! Bitte, du musst aufwachen!

Dunkelheit und Schmerz. Der ganze Körper ein einziger Schmerz. Und im Kopf ein dumpfes Dröhnen. Shannon wollte nicht aufwachen, denn je näher sie der Helligkeit kam, desto stärker wurden die Schmerzen. Lieber wollte sie wieder in die Dunkelheit zurücksinken.

SHANNON! DU MUSST AUFWACHEN, SONST WERDEN SIE DICH TÖTEN!

Dann wären diese Schmerzen endlich weg. Und diese Qual, die noch tiefer saß..... Nein. Das ging nicht. Sie hatte alles andere überlebt. Jetzt wegen ihm aufzugeben, kam gar nicht in Frage. Nicht heute. Nicht jetzt. Sie war stark. Sie würde es schaffen. Sie zog all ihre Energie wie einen schützenden Mantel um sich und öffnete die Augen. Akelas Gesicht war direkt vor ihrem. Er hatte ihr die Augenbinde vom Kopf gezogen und sah sie jetzt prüfend an.

Ich glaube, du hast eine Gehirnerschütterung. Aber alle Knochen sind noch heil.

So kommt es mir aber nicht vor. Behutsam bewegte sie alle Glieder und sah sich dabei vorsichtig um.

Wo zum Teufel sind wir hier?

Das ist ein Lagerhaus im Gewerbegebiet. Keine Menschen in der Nähe, die uns helfen könnten.

Liege ich hier in einem Metallkäfig oder habe ich Halluzinationen?

Es ist ein Käfig. Ein alter Löwenkäfig, dem Geruch nach. Und er ist ausbruchssicher. Sehr stabil, Gitter und Schloss gegen Magie geschützt. Du kommst hier nicht ohne Hilfe von außen raus.

Wie viele sind es? Was haben sie vor?

Nur die Vier. Einer steht hinter dir mit der Pistole in der Hand. Wenn ich einen angreife, wollen sie dich sofort erschießen. Der dürre Kerl, der sich mit Magie auskennt, hat einen Kreis um den Käfig gezogen. Er will irgendwas beschwören, das dich dann umbringen soll. Langsam und genüsslich, wie der Typ mit den Narben sagte. Der steht da hinten in der Nähe des Tores und debattiert mit dem Vierten. Der will aussteigen, glaube ich.

Ein Schuss ertönte, gefolgt von einem dumpfen Aufprall.

Jetzt sind es nur noch drei... meinte der Wolf trocken.

Was ist mit Gabe? Haben sie ihm was getan?

Nein. Sie haben ihn einfach liegen lassen.

Hoffentlich versucht er es nicht im Alleingang.

Aber auf Hilfe aus New York wird er nicht warten. Vielleicht ruft er die Polizei...

Und führt sie mit Hilfe eines Pendels hierher? Die werden ihm kein Wort glauben!

Dann gibt es nur noch eine Möglichkeit für ihn.

Shannon starrte den Wolf entsetzt an.

Das kann er doch nicht machen...

Er hat Angst um dich. Da wird er tun, was nötig ist. Selbst wenn es deinen Wünschen zuwider läuft!

Die Kerle haben Knarren! Sie werden die Jungs abknallen!

Die „Jungs“ sind alt genug zu wissen, was sie tun. Und Gabe weiß, dass sie Waffen haben.

Eine Pause entstand, in der Shannon ihre Möglichkeiten erwog.

Also gut. Ich habe zwar keine Waffe, nicht mal mein Stiefelmesser, aber die Alte Macht konnten sie mir nicht nehmen. Ich bin in der Lage mich zu verteidigen. Sollte ich hier sterben...

Akela jaulte protestierend auf.

Sollte ich hier sterben... Bruder, versprich mir, dass du auf die Anderen Acht geben wirst! Sorg dafür, dass ihnen nichts passiert. Und bleib bei Gabriel. Er braucht Hilfe, wenn ich nicht mehr bin. Ich will nicht, dass er beim nächsten Auftrag umkommt, weil ihm niemand den Rücken freihält.

Shannon......meine kleine Schwester......mein Kätzchen..... winselte der Wolf mit eingeklemmter Rute.

Sei ein großer starker Wolf und wache über ihn. Du bist der einzige, der das kann. Hilf ihm. Tu es mir zuliebe. Und habt hin und wieder ein Auge auf die Jungs.

Ich verspreche es. Aber du wirst nicht sterben. Ich werde alles tun, um das zu verhindern!

Shannon benutzte einen Lösungszauber, um die Fesseln loszuwerden, und schlang ihre Arme um den Hals des Wolfes. Sie drückte ihr Gesicht in sein weiches Fell und beschwor alle schönen gemeinsamen Erinnerungen herauf. Gut möglich, dass sie ihn das letzte Mal so hielt. Sogar sehr wahrscheinlich. Sie hörte, wie der dürre Schwarzmagier ein fremdartiges Lied intonierte. Sie erkannte es wieder. Er beschwor Tanywa-Dämonen. Mehrere. Das war ihr Todesurteil! Aber wenn heute ihr Todestag war, wollte sie zumindest die Dämonen mit in den Tod nehmen. Sie erinnerte sich, was ihr ihre alte Lehrerin Serena über die Kräfte der Götter beigebracht hatte. Sie sollten niemals von einer einzigen Hexe angerufen werden, weil der eigene Energieverlust sonst tödlich war. Aber Shannon hatte keine Wahl. Diese Dämonen mussten vernichtet werden, damit sie keine Menschen anfielen. Damit sie die Jungs nicht anfielen!

Sie sah auf und blickte direkt in das hässlich grinsende Gesicht des Anführers.

„Hörst du? Er ruft sie extra für dich! Die einzigen Dämonen, die dir gefährlich werden können! Sie werden in deinen Körper schlüpfen und deine Kräfte an sich reißen! Und du wirst dabei langsam und qualvoll sterben, wie ich es versprochen habe!“

Akela knurrte hasserfüllt, aber er konnte nichts tun. Shannon flüsterte ihm etwas ins Ohr und stand dann auf. Ihr tat alles weh und das verkrustete Blut an ihrer Wange und an ihrem Kinn spannte, aber sie stand aufrecht. Bereit die Dämonen so zu empfangen, wie sie es verdienten. Sie würde alle Kraft und Wut brauchen, um sich zu wehren. Entschlossen rief sie ihre verzweifelte Liebe zu Kevin herauf. Die Alten Mächte in ihrem Blut begannen zu erwachen. Sie griff zu ihrer Sorge um das Wohlergehen und die Sicherheit der Jungs. Der schrecklichen Angst, ihnen könnte etwas zustoßen. Ihren Hass auf den Mann vor ihr, der sie durch die Gitterstäbe anstarrte. Sie erinnerte sich an den Anblick des reglosen Adlers in Nicks Armen. Sie stellte sich vor, wie der Mann vor ihr wieder auf Kevin zielte und abdrückte. Kevins Schrei. Sein Blut. Schmerz. Ihr Schmerz.

Wie eine Stichflamme loderte die Kraft in ihr hoch. Aus den Tiefen ihrer Seele wallte sie nach außen, über die Grenzen ihres Körpers hinaus.

Der Mann vor ihr wich mit entsetztem Gesicht zurück. Dieses Wesen da im Käfig war kein Mensch mehr! Das rotblonde Haar, das ihr auf die Schultern fiel, wehte leicht in einem unfühlbaren Wind. Das Gesicht war unverändert und doch ganz anders. Und diese Augen! Sie waren schwarz! Ganz und gar schwarz!

Die Wind wurde stärker und brauste plötzlich durch das gesamte Lagerhaus. Narbengesicht kniff die Augen zusammen, um sie vor dem Sturm zu schützen, den die Hexe verursachte. Voll Grauen stellte er fest, dass um sie selbst Stille war, als dränge ihre Energie alles beiseite, das ihr gefährlich werden könnte.

Shannon rief alle Götter an. Ihre Stimme erscholl hell und füllte den riesigen Raum ganz aus. Sie fühlte, wie die Mächte der Erdmutter ihr zur Hilfe kamen und von den Felsen tief unter ihr durch Erdreich und Betonboden zu ihr aufstiegen. Sie streckte die Arme empor und rief den Sonnengott, Herrscher über den Himmel zu Hilfe. Ein Donnern ertönte und sie warf den Kopf zurück, als sie neue Energie in sich strömen fühlte. Sie rang kurz mit den Kräften, um nicht die Kontrolle über sie zu verlieren. In ihr mischten sich die Mächte von Himmel und Erde zu jener Alten Macht, die bereits in ihren Adern pulsierte. Sie wurde ganz und gar von ihr erfüllt.

Dann erschienen die Dämonen. Es waren fünf und sie materialisierten sich direkt hinter ihr im Käfig. Shannon fuhr zu ihnen herum und fletschte die Zähne. Sie fühlte, wie die Alte Macht einen eigenen Willen entwickelte. Warum auch nicht? Warum sollte sie die Kräfte zügeln? Sie ließ sie frei. Einer Druckwelle gleich, riss sie alle Dämonen von den Füßen. Brüllend standen sie wieder auf, die Stacheln im Nacken erbost gesträubt, die schleimige braune Haut mit Gift aus ihren Drüsen überzogen. Der Erste sprang auf sie zu und wollte seine Klauen in ihre Schultern schlagen, aber Shannon entzog sich ihm und nahm ihn ihrerseits aufs Korn. Sie zog die Macht zu einer Kugel zusammen und schleuderte sie ihm entgegen. Der Dämon heulte vor Schmerz auf. Kleine Flämmchen liefen über seine Haut und ließen sie verschrumpeln, dann zerfiel sein Körper zu einem Häufchen Asche. Shannon stellte sich sofort dem Nächsten. Der hatte aus dem Tod seines Artgenossen gelernt und stürzte sich nicht allein auf sie, sondern zusammen mit einem Anderen. Dem Einen gelang es sie zu packen. Aber bevor der Andere sie mit seinen Klauen durchbohren konnte, wurde er von einer Energiekugel getroffen und zerplatzte. Shannon keuchte vor Anstrengung, als sie sich losriss und den Dämon, mit einem Bannspruch, in der Ecke festnagelte. Sie fühlte, wie ihre körperlichen Kräfte abnahmen. Sie hatte sich nicht ausreichend von dem Kampf am Vormittag erholt. Und mit jeder magischen Kugel verlor sie eine Menge der Alten Macht. Lange würde sie das nicht mehr durchhalten. Trotzdem. Der nächste Dämon zerfiel. Zitternd vor Erschöpfung drehte sie sich zu den übriggebliebenen zwei Dämonen herum. Jetzt würde sie anfangen, vor Ermüdung Fehler zu machen. Sie wusste das und ihre Gegner auch. Der eine stürmte an ihr vorbei, blieb aber außerhalb ihrer Reichweite. Das war also der erste Fehler gewesen. Sie hätte sich in eine Ecke zurückziehen müssen, damit sie nicht von zwei verschiedenen Seiten auf sie losgehen konnten. Zu spät. Jetzt stand sie genau zwischen ihnen und bildete ein ausgezeichnetes Ziel. Sie sammelte ihre letzten Reserven. Es würde noch reichen. Aber nur für einen. Für den, der sich als erster zu einem Angriff entschloss.

Der links von ihr stürmte auf sie los. Sie wandte sich ihm zu und steckte ihre ganze Kraft in die Kugel. Er zerfiel jaulend. Und bevor Shannon sich dem Anderen zuwenden konnte, war der bei ihr und rammte seine Klauen in ihre Schultern. Sie schrie vor Schmerz auf. Blitzschnell wuchsen Tentakeln aus dem Kopf des Dämonen, deren kalte Saugnäpfe sich an ihre Schläfen pressten. Sie fühlte, wie sein Geist in ihren drang.

‚NEIN!’ Ihr Schrei wurde von seinem Bewusstsein geschluckt. Er durchbrach ihren Widerstand, zerstörte ihren freien Willen und löschte ihr Bewusstsein aus.

Shannon sank leblos zu Boden.

 

„Na also! Wir haben den Auftrag erfüllt!“ Der dürre Schwarzmagier rieb sich die Hände, in Vorfreude auf das versprochene Geld.

Narbengesicht ging zum Käfig und starrte die kleine Gestalt an, die darin lag.

„Wo ist der Dämon hin?“

„Er ist in ihrem Geist. Diese Art ist ganz versessen auf Hexen. Sie fressen ihre Magie sozusagen.“

Akela stand über Shannon. Er verfluchte das Schicksal, das ihm nicht gestattete Dämonen zu bekämpfen. Traurig sah er auf seinen Schützling hinunter. Noch lebte sie. Aber wohl nicht mehr lange. Der Dämon würde aufsaugen, was von der Alten Macht noch übrig war und sie damit töten. Aber noch lebte sie.

Solange noch Leben ist, ist noch Hoffnung! Bitte bleib am Leben, Shannon! Bitte! Bleib am Leben!

 

5. Kapitel

Kevin bog in die Zufahrtsstraße ein und hielt an. Ein Blick in den Rückspiegel bestätigte ihm, dass AJ noch immer direkt hinter ihm war. Sie hatten schon einige Geschwindigkeitsbegrenzungen gebrochen, heute. Aber das war ihm egal. Solange die Polizei ihn nicht anhielt, beziehungsweise aufhielt...

Rechts und links vor ihnen waren jetzt die Lagerhäuser. In einem davon musste Shannon sein. Nur in welchem? Kevin zog das Amulett unter seinem T-Shirt hervor. Es war ungewöhnlich heiß und glühte leicht. Shannon hatte ihm mal erzählt, dass es das tat, wenn Magie zu bösen Zwecken eingesetzt wurde. Er nahm es ab und hängte es an den Rückspiegel. Sofort wurde es von einer unbekannten Kraft nach vorn gezogen. Scheinbar funktionierte es wie ein Kompass! Das konnte ihm nur recht sein. Er fuhr los, immer das Amulett im Blick.

Beim letzten Lagerhaus auf der linken Seite änderte es die Richtung. Kevin wechselte einen Blick mit Brian und Gabriel. Dann fuhr er rechts in eine Seitengasse, AJ's Mercedes hinterher. Wenige Minuten später kundschafteten sie jeweils zu dritt das Lagerhaus aus. Es hatte nur zwei Eingänge. Den großen auf der Vorderseite, der von innen mit einer Kette gesichert, und einen kleinen Seiteneingang, der mit schweren Holzkisten verstellt war. Die Fenster lagen alle dicht unter dem Dach, außer Reichweite. Kevin hatte eine Stelle gefunden, wo das Wellblech der Wände nicht passgenau verarbeitet worden war. Das erste, was er durch dieses Loch erspäht hatte, war die Leiche eines der Schwarzmagier. Er hatte ein Loch in Kopf, das wohl von einer Pistolenkugel stammte. Dann hatte Kevin etwas entdeckt, das ein Käfig sein mochte. Von seinem Standpunkt aus war nur eine Kante davon zu erkennen. Und dann hörte er Stimmen. Drei männliche Stimmen. Er konnte nicht verstehen, was sie sagten, aber ein Wort hörte er deutlich heraus. Hexe. Er musste da rein! Sofort!

Sie trafen sich an den Autos wieder und erstatteten einander Bericht. Das Ergebnis war, dass sie nur durch den Vordereingang hineinkonnten. Alles andere würde zu lange dauern. Aber wie kamen sie rein?

„Man kommt an die Kette nicht heran, sonst könnte ich sie mit einem Dietrich öffnen.“ meinte Gabe.

„Und Lösungszauber kannst du nicht?“ erkundigte sich AJ.

„Nein. Das können nur geborene Hexen.“

Sie überlegten alle angestrengt, als Brian auffiel, dass jemand fehlte.

„Verdammt! Wo ist Kevin hin?“

 

Zum wiederholten Mal in seinem Leben stellte Kevin fest, dass sein überlegtes Denken aussetzte, wenn Shannon in Gefahr war. Es war wie damals, als er den Mann mit der Pistole angegriffen hatte. Das eigene Leben war plötzlich unwichtig. Was er jetzt machte, war wieder so eine Kurzschlussreaktion. Wenn es nicht anders ging, dann eben so! Der Jeep raste, mit Kevin am Steuer, auf das Lagerhaus zu. Er sah das Tor auf sich zukommen und fragte sich den Bruchteil einer Sekunde, ob er völlig den Verstand verloren hatte. Aber er wusste die Antwort ja bereits. Was nutzte ihm sein Verstand, wenn er Shannon nicht hatte? Er konnte nur hoffen, dass sein Wagen stabiler war als das Wellblech. Im nächsten Moment krachte der Jeep gegen das Tor und riss es ein. Die Airbags lösten aus und verhinderten, dass er sich den Kopf stieß. Er riss das Lenkrad herum und trat auf die Bremse. Durch das hohe Tempo rutschte der Wagen noch ein Stück über den glatten Betonboden und kam dann zum Stehen. Plötzlich durchschlug eine Kugel das zersplitternde Seitenfenster und pfiff haarscharf an ihm vorbei. Kevin warf sich auf den Beifahrersitz und stieß die Tür auf, die dem Schützen abgewandt war. Er kletterte aus dem Wagen, ohne ein Ziel darzustellen, und verschanzte sich dahinter. Jetzt saß er hier fest!

Im nächsten Augenblick sauste AJ's Mercedes durch die Öffnung und an Kevin vorbei. Mehrere Schüsse ertönten, aber der Wagen ließ sich nicht stoppen. Kevin lugte über die Motorhaube des Jeeps und sah bestürzt zu, wie der Mercedes auf die drei Männer zuraste. Sie sprangen in letzter Sekunde zur Seite. Erst jetzt bremste der Fahrer. Aber bevor der Wagen zum Stillstand kommen konnte, gingen die Türen auf und Nick und Brian sprangen heraus, dicht gefolgt von Howie, Gabriel und schließlich AJ. Sie packten sich die Schwarzmagier und nagelten sie auf dem Boden fest.

„Hey, alter Mann! Ich wusste doch, dass du mir ähnlicher bist, als du zugeben willst!“ rief AJ Kevin vergnügt zu. „Du schuldest mir übrigens eine Autoreparatur! Ich finde Löcher im Blech nicht so toll!“

Kevin beachtete ihn nicht weiter, sondern rannte zu dem Käfig hinüber. Akela starrte ihm grimmig entgegen.

Ihr kommt spät. knurrte er.

„Ich hoffe nicht zu spät!“ Kevin rüttelte an der Gittertür, um ihre Festigkeit zu prüfen. Der Käfig war aus Stahl. Und das Schloss eine Spezialanfertigung, soweit er sehen konnte. Da hätten Gabriels Dietriche kaum eine Chance. Er lief zu den Anderen. Der dürre Kerl lag stocksteif unter Howie und wagte nicht sich zu rühren. Selten hatte man den sanften D mit einem dermaßen erbosten Gesicht gesehen. Narbengesicht wurde von Nick und Brian niedergehalten. Er machte ihnen noch große Probleme und wehrte sich nach Leibeskräften. Kevin schob Nick von seinem Oberkörper herunter, packte den Typ am Kragen und zog ihn ein Stück hoch.

„Sieh mal an! Da habe ich wohl wirklich einen bleibenden Eindruck hinterlassen!“ Anerkennend betrachtete Kevin die Narben, die eindeutig von den Krallen des Adlers stammten. Von seinen Krallen. Dann schlug er dem Mann kräftig seine Faust ins Gesicht.

„Und das ist dafür, dass du Mistkerl hilflose Frauen schlägst!“ Kevin hätte ihn gern mal richtig zusammengeschlagen, anstatt ihm nur die Nase zu brechen, aber dafür fehlte ihm jetzt die Zeit. Er nahm Narbengesichts Waffe an sich und sprintete zurück zum Käfig. Gabriel legte den Schwarzmagiern inzwischen Handschellen an.

Kevin stellte sich seitlich zum Käfig, lud die Pistole durch und zielte auf das Schloss. Der erste Schuss beschädigte es nur. Beim Zweiten zersprang es. Kevin sicherte die Waffe und steckte sie in seinen Hosenbund. Dann schob er den Riegel zurück, riss die Tür auf und ließ sich neben Shannon auf die Knie fallen. Behutsam drehte er sie zu sich herum, nahm sie in die Arme und strich ihr das Haar aus dem Gesicht. Er erstarrte. Ihre Augen waren offen. Offen und tiefschwarz.

„Was ist mit ihr? Was haben sie mit ihr gemacht?“ fragte er den Wolf schockiert. Aus den Augenwinkeln bemerkte er, dass Gabriel und die Jungs herankamen.

„Ihr Götter!“ Gabriel kniete sich neben ihn und nahm Shannons Gesicht in beide Hände.

Es waren Tanywa-Dämonen. Fünf von ihnen. Shannon hat die Götter um Beistand angefleht. Vier hat sie erledigt. Der Fünfte...

Gabriel sah den Wolf voller Mitgefühl an und schloss Shannon dann behutsam die Augen.

„Wir müssen sie sofort von hier wegbringen. Dieser Dummkopf von einem Hexer hat die Dämonen nicht beschworen, sondern ein Tor geöffnet. Es können jederzeit weitere kommen. Ich rufe die OCRSI New York an. Sie müssen schnellstens herkommen.“

Wir brauchen einen Seelenheiler für Shannon. Jemanden, der den Dämon wieder aus ihr herausholt.

„AUS IHR HERAUS?“ Kevin starrte den Wolf entsetzt an.

„Tanywas dringen in Hexen ein und ernähren sich von ihren magischen Kräften. Wenn sie aufgebraucht sind, stirbt die Hexe und der Dämon sucht sich ein neues Opfer.“

Gabriel wandte sich an Akela.

„Du weißt so gut wie ich, dass Shannon die einzige Seelenheilerin in den Staaten ist. Ich werde Sylvio anrufen, aber es wird über zehn Stunden dauern, bis er aus Rom hier ankommt.“

In zehn Stunden wird Shannon tot sein! Sie hat vielleicht noch eine Stunde! Nicht länger!

Kevin blickte hilflos zu den Jungs auf.

„Verdammt! So schnell geben wir nicht auf! Wir bringen sie zu mir nach Hause, das ist am Nächsten. Und dann sehen wir weiter.“ erklärte AJ grimmig. Er war nicht bereit seine Schwester kampflos herzugeben.

Vorsichtig bette Kevin Shannons Kopf an seine Schulter, schob die Arme unter sie und hob sie hoch. Erschreckt bemerkte er, wie wenig sie wog. Ihr Gesicht war ihm gleich schmaler vorgekommen. Voller Trauer sah er die Blutergüsse, Schwellungen und Platzwunden an. Wäre er nur da gewesen. Er hätte sie beschützen müssen! Jetzt würde sie sterben. Und er war daran schuld...

 

Shannon rannte, so schnell sie konnte. Er war ihr auf den Fersen, hatte ihre Spur aufgenommen. Und er würde sie finden. Es war nur eine Frage der Zeit. Aber sie würde es ihm nicht einfach machen! Sie war bereit, ihm den Kampf seines Lebens zu liefern! Dies war ihre Welt! Ihr Geist! Und es gab hier einen Ort, wo er sie erst nach langem Suchen finden würde. Dort wäre sie noch eine Weile sicher. Eine kleine Weile...

 

 

Die zwei Schwarzmagier waren sicher an einem Betonpfosten, in der Lagerhalle, angekettet. An Händen und Füßen. Die OCRSI war verständigt und auf dem Weg hierher. Sie sollten das Dämonen-Tor verschließen und diese kriminellen Subjekte inhaftieren. Und den Anführer der Schwarzmagier nahm Gabriel mit. Er hatte noch einige Fragen an ihn. Zum Beispiel, woher sie Shannons Adresse hatten...

Kevin hatte Shannon keinen Augenblick allein lassen wollen. Er hatte sie nur kurz Brian anvertraut, um sich in den Mercedes zu setzen, und Brian hatte sie ihm dann wieder in die Arme gelegt. Howie fuhr Kevins Jeep, mit Gabriel, Narbengesicht und einem grimmig dreinschauenden Nick an Bord. Nick wartete nur darauf, dass der Kerl eine falsche Bewegung machte!

Brian saß neben AJ, der vorsichtiger fuhr, als jemals zuvor in seinem Leben. Kevin hatte Shannon behutsam nach Knochenbrüchen und inneren Verletzungen abgetastet, aber nichts gefunden. Jetzt hielt er sie eng an sich gedrückt und lauschte ängstlich ihren unregelmäßigen Atemzügen. Akela lag vor ihnen auf dem Boden, die Nase leicht in Shannons schlaffe Hand gepresst. Er überlegte fieberhaft, wie er seiner Schwester helfen konnte. Als Geistwesen hatte er nicht gegen die Dämonen kämpfen können. Seine Macht war dazu zu gering. Er hatte Shannon nur  moralisch beistehen können. Wenn Sylvio käme....aber so lange würde Shannon nicht durchhalten!

Akela hatte versucht, im Geist mit ihr Kontakt aufzunehmen. Diese Verbindung war normalerweise leicht herzustellen zwischen ihnen. So auch diesmal. Aber Shannon antwortete ihm nicht. Er fühlte sie nicht einmal. Akela konnte nur ahnen, wohin sie geflüchtet war. Dorthin konnte er ihr nicht folgen. Dieser Ort lag zu tief in ihr. Viel zu tief... Der Wolf riss den Kopf hoch. DAS war die Antwort! Das war Shannons einzige Chance! Akela starrte Kevin mit gespitzten Ohren an.

 

6. Kapitel

AJ schloss die Haustür auf und schaltete die Alarmanlage aus.

„Bring sie am besten nach oben. Das Gästezimmer links vom Treppenabsatz. Ich wollte immer, dass sie da mal übernachtet...“ Seine Stimme war immer leiser geworden.

Kevin trug Shannon vorsichtig die Treppe hinauf, während Gabriel AJ fragte, wo ihr Gefangener hinsollte.

„Lass mich nachdenken... Auf den Grund des Pools? Nein! Besser! Auf dem Meeresgrund ist mehr Platz! Nur werde ich dann leider nie wieder Fisch essen können...“

Gabe zweifelte nicht daran, dass es AJ verdammt ernst war damit.

„Nein, AJ! Ich will ihn doch noch zusammenschlagen!“ gab Nick zu bedenken.

„Genau. Wir werden ihn leider für eine Weile hier unterbringen müssen.“ stimmte Brian zu.

„Okay! Dann ketten wir ihn an meinen Billardtisch! Da kann Sinatra auf ihn aufpassen. Der gute alte Frankie macht das bestimmt gern für uns.“

 

Der Wolf starrte Kevin unverwandt an. Er hatte Shannon aufs Bett gelegt und sie behutsam bis auf die Unterwäsche ausgezogen. Bevor er AJ nach Verbandszeug für ihre Wunden fragen konnte, hielt Akela ihn auf.

Du liebst sie noch, nicht war? Er klang beinahe drohend.

„Ja. Ja, ich liebe sie.“ Kevin hielt den roten Augen des Wolfes stand.

Warum dann dieses Theater, damals im Krankenhaus? Es war doch Theater, oder?

„Ich wollte nur, dass sie glücklich ist.“

Oh, ja! Sie war wirklich unendlich glücklich, die letzten sechs Monate! blaffte Akela sarkastisch. Dann sah er den Mensch vor sich abschätzend an, der schmerzerfüllt die Augen geschlossen hatte.

Ich habe nachgedacht über den Dämon. Es gibt vielleicht noch eine andere Möglichkeit als einen Seelenheiler. Was bist du bereit zu tun?

„Alles! Ich würde alles für sie tun!“

Es ist gefährlich!

„Selbst wenn ich dabei draufgehe! Ich will ihr helfen!“

Also gut. Schließ die Tür ab.

Kevin tat es sofort.

Wir brauchen dafür Ruhe. Und du brauchst Mut. Aber den hast du ja. Und du brauchst das hier.

Er hielt Kevin Shannons Stab hin. Der nahm ihn an sich und zog leicht am Wolfskopfknauf. Mit einem singendem Geräusch glitt die Klinge ein Stück aus ihrer Scheide. Sie war spiegelblank.

Kannst du mit so was umgehen?

„Ich habe mit meinen Brüdern einige Kämpfe ausgetragen.“

Na, das wird wohl kaum dasselbe sein. Wieder sah er Kevin abschätzend an. In dessen grünen Augen war eine wilde Entschlossenheit getreten. Und er war Shannons einzige Chance...

Also gut. Der Dämon wird dich ja wohl nicht mit einem Schwert angreifen. Da kannst du nicht viel falsch machen. Hör zu. Shannon ist an einen Ort in sich selbst geflüchtet, den ich nicht erreichen kann. Deine seelische Verbindung mit ihr liegt weit unterhalb des Bereiches, den ich mit ihr teile. Es kann deshalb gut sein, dass du sie findest. Du musst den Dämon töten, sonst stirbt Shan. Und wenn sie stirbt, während du mit ihr in Verbindung stehst, bist auch du tot.

„Wenn Shannon stirbt, habe ich auch keinen Grund mehr zu leben.“

Willkommen im Club. Okay. Der Dämon ist ziemlich gefährlich. Er hat Giftdrüsen, die seine Haut mit einem tödlichen Sekret bedecken. Also berühre ihn nicht. Er hat lange Klauen an den Händen, mit denen er sein Opfer festhält, bevor er in seinen Geist eindringt. Also komm ihm nicht zu nahe. Und wenn er es schaffen sollte zu entkommen, kann er Shannon jederzeit auflauern und sein Werk vollenden.

„Also lasse ich ihn nicht entkommen.“

Das wollte ich damit sagen. Nun denn. Mach es dir und ihr bequem. Das könnte länger dauern.

Kevin befestigte Shannons Schwert an seinem Hosenbund und zog sich einen Sessel ans Bett. Bevor er sich setzte, deckte er sie noch sorgsam zu und streichelte ihr Gesicht. Dann nahm er ihre schmale Hand zwischen seine.

Wenn du jetzt fertig bist, dann bringe ich dich hinein.

„Ich bin fertig. Fang an.“

Akela verband sich mit Kevin, was bei beiden ein kurzes, heftiges Schwindelgefühl auslöste. Kevin war plötzlich in der Lage, den Wolf zu lesen. Er spürte Angst. Große Angst, die der Wolf hinter einer Maske aus Sarkasmus und Zorn versteckte. Und Akela las Kevin. Alles was er bei dem Menschen fand, das Gefühl der Schuld und die große Sorge, war aus Kevins Liebe zu Shannon geboren. Akela versuchte, das alles zu ignorieren und führte Kevin in Shannons Geist.

Bilder zogen an ihnen vorbei. Kevin sah eine junge, glückliche Familie, in der er Shannon als kleines Mädchen wiedererkannte. Es waren helle, fröhliche Bilder. Dann kamen welche von einem jüngeren Akela, der mit dem Mädchen herumtollte. Kevin konnte kaum glauben, dass die ernste junge Frau, die er kannte, und dieses ausgelassene Kind ein und dieselbe Person waren. Plötzlich wurde die Szenerie düster. Da war ein Bild eines brennenden Autos. Und dazu gehörten Schreie sterbender Menschen.

„Shannons Wahrtraum, als ihre Eltern starben.“ erklärte Akela kurz angebunden. Er lief jetzt schneller und die Farben verwischten vor Kevins Augen. Dann zügelte er sein Tempo wieder.

„Das hier wollte ich dir kurz zeigen. Es war eine Weile Shannons Zimmer.“ Der Wolf blieb stehen. Sie standen in einem kleinen Raum, der nur ein vergittertes Fenster hatte. Er war in weiß gehalten und roch steril. In der Raummitte stand ein Krankenbett, von dem lange Gurte herabhingen. Gurte, mit denen man Patienten fixierte, damit sie niemandem gefährlich werden konnten. Auf einem Schränkchen daneben standen unzählige Medikamente. Plötzlich ging die Tür auf und eine ältere Frau kam herein, die einen Rollstuhl schob. In dem Stuhl saß ein junges Mädchen mit starrem Blick. Sie wirkte ausgezehrt und an den Innenseiten ihrer Oberschenkel, die das kurze Nachthemd nicht verdeckte, waren Blutergüsse zu sehen, die von einer Vergewaltigung stammen mussten. Erst auf den zweiten Blick erkannte Kevin entsetzt, dass es Shannon war. Die Frau zerrte sie aus dem Rollstuhl und band sie sofort am Bett fest. Dann nahm sie einen Wasserbecher und eine handvoll Pillen, und zwang Shannon sie zu schlucken.

„Ich wollte, dass du das mal mit eigenen Augen siehst. Das ist die Hölle, aus der Gabriel meine Kleine gerettet hat. Und es ist nur ein Teil der Geschichte. Shannon spricht mit niemandem darüber, außer mit mir.“

Kevin konnte nicht antworten. Er starrte auf die zarte Gestalt im Bett vor ihm und konnte die Tränen nicht zurückhalten. Was hatten sie nur mit ihr gemacht? Wie alt war sie damals wohl? Zwölf? Dreizehn? Was für ein Verbrechen hatte sie begangen, um so bestraft zu werden?

„Das kann ich dir sagen! Sie hat mit jemanden gesprochen, den nur sie sehen konnte! Aber ihre Tante hätte auch einen anderen Grund gefunden, sie loszuwerden! Der wäre alles recht gewesen!“

Er lief wieder los und sie ließen die Schreckensbilder hinter sich. Aber die ließen Kevin nicht los. Er verstand es plötzlich. Shannons ganzes Wesen war davon geformt worden. Und sie flüchtete aus der normalen Welt, die Geister und Dämonen nur aus Filmen kannte und sie für verrückt erklärt hatte, in eine Welt, in der alle wussten, wie real die übersinnlichen Mächte waren. Das OCRSI war ihre Heimat, ihr Schutzschild vor der vernichtenden Meinung, sie sei nicht normal. Deshalb hatte sie, bis zu seinem Unfall, ihren Job nicht aufgeben können. In seiner Welt, der Welt in der nur wenige an übersinnliches glaubten, war sie verloren. Aber war es überhaupt noch seine Welt? Er war ein Medium, sah Geistwesen. Auch wenn seine Fähigkeiten nicht besonders ausgeprägt waren, gehörte er doch mit in ihre Welt. Möglicherweise hatte Shannon nur deshalb kündigen können. Und als er sie verjagte, hatte sie instinktiv wieder die Sicherheit der Organisation gesucht...

Akelas abrupter Halt riss ihn aus seiner Grübelei. Um sie her war Dunkelheit.

„Ab hier musst du allein weiter. Dies ist die äußerste Grenze meiner Reichweite. Die Verbindung zwischen euch wird dir den Weg weisen. Ich wünsche dir viel Glück!“

„Danke für alles, Wolf. Ich hoffe, wir sehen uns wieder.“

„Das hoffe ich auch, Rudelführer. Die Götter mögen mit dir sein.“ Im nächsten Moment war der Wolf verschwunden.

 

„Kevin?! Kev, mach die verdammte Tür auf!“

Akela hob den Kopf. Er war aus der Verbindung ausgetreten und fand sich schon wieder vor einem Problem. Wie hielt er AJ davon ab, die Tür aufzubrechen? Wenn Kevin jetzt gestört wurde, dann bekäme er im besten Fall einen Schock und wäre möglicherweise im schlimmsten Fall tot. Da half nur, es ihnen zu erklären. Er projizierte sich und steckte den Kopf durch die geschlossene Tür. Alle, sogar Gabe, zuckten erschreckt zusammen.

Er kann euch nicht hören. Und er braucht Ruhe. Er versucht Shannon das Leben zu retten. Er zog den Kopf zurück und lauschte. Da war es. Schritte auf der Treppe auf dem Weg nach unten. Zufrieden ließ er sich nieder und sah zu Kevin. Er war über Shannon zusammengesunken. Sein Kopf lag an ihre Schulter gelehnt und sie sahen beide gleichermaßen mitgenommen aus. Eine kleine Genugtuung, wenn auch Kevin im letzten halben Jahr unglücklich gewesen war. Es war ihre allerletzte Chance.

 

Kevin wusste nicht, wohin er sich in dieser Dunkelheit wenden sollte. Nirgendwo ein Lichtschimmer oder eine Bewegung. Einfach totale Stille. ‚Die Verbindung wird dir den Weg weisen.’ Aber wie? Durch seine Liebe? Er probierte es aus und ließ sein Herz nach ihr rufen.

Da war Helligkeit. Aber nicht vor ihm, sondern unter dem Gewebe seines T-Shirts. Das Amulett... Er holte es heraus und hängte es gut sichtbar über den Stoff. Hoffentlich war es kein Fehler, es mit her zu bringen. Aber es war noch immer sein Kompass. Er fühlte, wie es ihn in eine bestimmte Richtung zog. Nach wenigen Schritten befand er sich unvermittelt in einem kleinen Waldstück. Helles Sonnenlicht flutete durch die Blätter der Bäume. Das Unterholz war mit kleinen weißen Blumen gesprenkelt. In der Nähe rauschte ein kleiner Bach. Als er zwischen den Bäumen hervortrat, blickte er über weite grüne Hügel, auf denen hier und dort Schafe grasten. Das war Irland! In einiger Entfernung entdeckte Kevin ein kleines Anwesen mit einem großen Garten. Und auf halbem Weg dorthin stand eine riesige Eiche, an deren unteren Ästen eine Schaukel befestigt war. Plötzlich war er sich sicher, dass er dort hinmusste. Dass sie da war. Dass sie, so wie er früher, Zuflucht auf Bäumen suchte. Und welcher Baum war schützender als der, den man schon als Kind gekannt hatte? Kevin rannte los.

 

Er hatte sie gefunden. Er war stärker als sie. Er würde sie jetzt töten.

Shannon klammerte sich entkräftet am Stamm des Baumes fest und starrte auf den Dämon hinunter. Wie gern hätte sie nach ihrem Vater gerufen. Er war in ihrer Erinnerung groß und stark. Ein Riese mit kupferrotem Haar und lachenden braunen Augen, der seine kleine Tochter vor bösen Dingen beschützt hatte. Aber er war tot. Und gegen einen Dämon wäre er machtlos gewesen. Shannon warf einen sehnsüchtigen Blick zu dem Haus mit dem großen Garten hinüber. Ihr Heim. Ihre erste bewusste Erinnerung. Und ihre Eiche. Der Baum, den, der Sage nach, der erste O’Neall hier gepflanzt hatte, als er sich mit seiner Familie hier ansiedelte. Ein Baum voll von geheimnisvollen Kräften. Shannon hatte keine andere Waffe. Die Alte Macht war so gut wie verbraucht. Sie war zu Tode erschöpft. Also griff sie nach der alten Magie des Baumes. Positive Energie. Nicht viel, aber genug für eine Lektion, dass eine O’Neall niemals aufgab. Sie schleuderte sie dem Dämon entgegen, als der versuchte zu ihr heraufzuklettern. Er jaulte auf und stürzte zu Boden. Aber er stand sofort wieder auf und fauchte sie hasserfüllt an. Shannon schlang die zitternden Arme haltsuchend um ihre Eiche und presste ihre Stirn gegen die Rinde. Sie wusste, was er jetzt tun würde. Sie sah zu, wie er seine Kräfte sammelte, sah den Lichtblitz und spürte, wie sie fiel. Der Aufschlug war hart und raubte ihr fast das Bewusstsein. Aber leider nur fast. Sie konnte fühlen, wie die eisigen Saugnäpfe seiner Tentakeln sich an ihre Schläfen pressten und ihre magische Energie aus ihr herausgesogen wurde. Furchtbare Schmerzen durchzogen ihren Körper, helle Lichter tanzten vor ihren Augen. Dann wurde es dunkel um sie.

 

Kevin wusste, dass er zu spät kam, noch bevor er dieses hässliche braune Monster über Shannon gebeugt stehen sah. Aber er handelte wieder rein instinktiv, zog das Schwert und schlug die Tentakeln durch, die sich an Shannon festgesaugt hatten. Der Dämon schrie vor Schmerz und stürzte sich auf ihn. Kevin drehte sich blitzschnell weg und wurde von den scharfen Klauen glücklicherweise nur gestreift. Dafür erwischte Kevin ihn mit dem Schwert am Rücken. Der Dämon versuchte es jetzt anders. Ein Lichtblitz schoss auf Kevin los und traf ihn an der Brust. Das Amulett leuchtete hell auf und wehrte ihn ab. Kevin war darüber nicht minder verblüfft, als der Dämon. Das Leuchten des Amuletts wurde stärker. Grell zeichneten sich die Linien vor dem moosgrünen Hintergrund ab. Geblendet schloss Kevin einen Moment die Augen. Für den Dämon ausreichend lange, um vorzuspringen und seine Klauen in Kevins rechte Schulter zu jagen. Kevin schrie vor Schmerz auf. Aber bevor der Dämon Gelegenheit hatte ihn zu töten, stieß er Shannons Klinge tief in die Eingeweide des Monsters. Der Dämon ließ von Kevin ab und taumelte rückwärts, wobei er ihm das Schwert aus der Hand riss. Kevin fiel keuchend auf die Knie. Einen Augenblick dachte er, der Dämon sei besiegt. Aber der zog die Klinge aus sich heraus, stellte sich vor Shannon und richtete ihr eigenes Schwert gegen sie.

„NEIN! DU VERDAMMTER BASTARD!“ Kevin kämpfte sich auf die Füße, wusste aber, dass er wieder zu spät kommen würde.

Aber andere kamen rechtzeitig...

Plötzlich war der Dämon von kleinen schillernden Wesen umgeben, die auf glänzenden Schmetterlings- und Libellenflügeln um ihn herumschwirrten. Leise kleine Stimmen intonierten einen Gesang, dessen Sprache alt wie die Welt klang. Entsetzt taumelte der Dämon zurück und ließ das Schwert fallen. Zu seinen Füßen wölbte sich die Erde auf und hunderte Efeuranken wanden sich an ihm hoch. Sie umspannten ihn, hemmten seine Bewegungen, bis er sich nicht mehr rühren konnte. Dann flog eins der Wesen zu ihm. Es war deutlich größer als alle anderen und es trug einen Stab in der Hand, der mit verschlungenen Linien verziert war. Damit berührte es den bewegungslosen Dämon. Ein hässliches Knirschen erklang und der Dämon schrie auf. Aber sein Schrei brach rasch ab, während aus dem schmutzigen Braun seiner Haut ein stumpfes Grau wurde.

Der Dämon war zu Stein erstarrt.

Bestürzt sah Kevin, wie sich diese Wesen jetzt über Shannon sammelten. Er rannte zu ihr, ließ sich neben ihr auf die Knie fallen und zog sie beschützend in seine Arme. Über sich hörte er die kleinen Stimmen erregt flüstern. Dann fühlte er eine Berührung an seiner Wange und sah auf. Das größere Wesen schwebte vor ihm. Er konnte ein zartes, geschlechtsloses Gesicht erkennen und spitz zulaufende Ohren. Den Mund des Wesens umspielte ein sanftes Lächeln.

„Du musst keine Angst mehr um sie haben, wir stehen auf eurer Seite! Du bist ein Kind der Insel, so wie sie. Erkennst du nicht, was du vor dir hast?“

Kevin schüttelte stumm den Kopf.

„Wir sind das Kleine Volk. Das Amulett, das du da trägst, war unser Geschenk an sie.“ Eine zarte Hand deutete auf Shannon. „Sie sah uns schon als Baby und es machte uns Freude, mit ihr zu spielen. Sie ist erfüllt von reiner Energie. Und sie steht hier unter unserem Schutz, auch wenn sie das längst vergessen hat.“ Das Wesen streichelte liebevoll Shannons Wange. „Bring sie jetzt zurück, damit sie sich erholen kann. Sie ist sehr schwach, aber sie wird es überstehen. Und nehmt eurer Schicksal endlich an.“

Die Wesen verschwanden, eins nach dem anderen, ebenso schnell, wie sie gekommen waren. Kevin blieb, mit Shannon im Arm, unter der Eiche zurück. Behutsam legte er sie ins weiche Gras und untersuchte ihre Wunden. Ihre Knochen waren immer noch ganz und ihre Atmung ging jetzt regelmäßiger. Kevin nahm das Amulett ab und hängte es ihr um den Hals. Dann steckte er ihr Schwert wieder in die Scheide, warf noch einen prüfenden Blick auf den Efeuberankten Stein und hob Shannon hoch, um sie zurückzubringen. In dem Moment, in dem er das Wäldchen betrat, wachte er auf.

Als er den Kopf hob, fiel sein Blick als erstes auf die friedlich schlafende Shannon.

Du hast es tatsächlich geschafft! Das ist kaum zu glauben!

„Ich hatte Hilfe...“ Er rieb sich die Stirn. Warum war das Licht hier so grell? Ein dumpf pochender Kopfschmerz breitete sich bei ihm aus.

Akela stutzte.

Was für Hilfe?

„Sie nennen sich das ‚Kleine Volk’. Sie haben den Dämon zu Stein erstarren lassen.“

Dann sind sie also noch immer dort. Ich dachte, sie wären längst verschwunden.

Es klopfte an der Tür.

„Kevin? Akela? Ist alles in Ordnung?“

Das kann man wohl sagen, Gabe! Kevin hat es geschafft!

Kevin stand schwankend auf und stolperte zur Tür, um zu öffnen. Er war ziemlich wackelig auf den Beinen. Gabriel erfasste die Lage mit einem Blick.

„Du solltest dich besser eine Weile hinlegen. Ich kümmere mich so lange um Shannon.“

Kevin wollte protestieren, aber im nächsten Augenblick musste er sich am Türpfosten festhalten, weil ihn ein heftiger Schwindel erfasste.

„Keine Widerrede! Du kennst doch die Überanstrengungs-Symptome von Shan!“

Kevin begann zu frieren. Wenn das die Folgen waren, mit denen Shan häufiger zu kämpfen hatte, dann war sie noch zäher, als er geglaubt hatte. Gabriel rief Brian und AJ nach oben, die Kevin, trotz aller gemurmelten Proteste, im Nebenraum ins Bett steckten. Als der Raum verdunkelt war und Brian ihm ein Glas kalter Coke zu trinken gegeben hatte, ging es ihm langsam besser. Völlig erschöpft schlief Kevin ein.

 

7. Kapitel

Die Autofahrt von der Party nach New York zurück. Der Unfall. Angst. Der Absturz. Unerträgliche Schmerzen.

Kevin schreckte hoch und sah sich verwirrt um. Um ihn war es dämmrig und gegen das abgedunkelte Fenster war eine dunkle Silhouette neben seinem Bett erkennbar. Als sie sich bewegte, erkannte er Brian.

„Geht’s dir besser, Kev?“ fragte er leise.

Kevin überlegte kurz. Ging es ihm besser? Sein Kopf dröhnte, seine Schulter tat verdammt weh und er hatte keine Ahnung, was mit Shannon war.

„Nicht wirklich. Wie lange hab ich denn geschlafen?“

„Fast zwölf Stunden. Gabriel hat schon angefangen sich Sorgen zu machen. Aber du hattest ja auch einigen Nachholbedarf.“

„Zwölf Stunden? Oh Mann. Was ist in der Zwischenzeit passiert? Wie geht es Shannon?“

„Körperlich wohl ganz gut. Sie schläft immer noch. Gabriel hat einen Seelenheiler für sie herbeordert. Einen italienischen Arzt, soviel ich weiß. Der soll in den nächsten Stunden hier eintreffen. Die Organisation hat die zwei Typen aus dem Lagerhaus abgeholt und dieses Tor geschlossen. Weitere Dämonen sind nicht entwischt. Und Gabriel hat inzwischen den Anführer befragt. Er wollte von ihm wissen, woher er seine Informationen hatte. Er glaubt, dass jemand von der Organisation die Finger mit im Spiel hat. Aber unser Gefangener redet nicht. Sonst noch Fragen?“

„Ja. Hast du was gegen Kopfschmerzen da?“

„Ja, klar. Ich weiß ja noch, wie sich Shannon letztes Mal gefühlt hat.“

„Letztes Mal?“ Kevin versuchte sich zu erinnern. Als sie damals die Geister vertrieben hatte, war sie völlig erschöpft gewesen. Und bei der Vampirsache hatte sie keine Magie angewandt...

„Was weiß ich hier nicht, Brian? Wann hat Shan sich so schlecht gefühlt?“ fragte Kevin alarmiert.

„Ich habe ihr versprechen müssen es dir nicht zu sagen, damit du dir keine Hoffnungen machst, die dann enttäuscht werden. Aber es hat ja geholfen, nehme ich an, also kann ich es wohl sagen.“

„Wird’s bald?“ Langsam wurde Kevin sauer.

„Okay, okay! Shannon hat damals im Krankenhaus einen Lösungszauber benutzt, um dir bei der OP zu helfen. Dabei hat sie sich so überanstrengt, dass sie das Bewusstsein verloren hat. Akela informierte uns und wir kümmerten uns um sie.“

„Aber sie war doch da, als ich aufwachte! Da ging es ihr doch gut!“

„Nein, es ging ihr nicht gut. Sie wollte dich nur nicht unnötig beunruhigen. Ich war nach der OP bei dir und habe Shannon informiert, als du kurz aufgewacht bist. Deshalb war sie da, als du richtig wach wurdest. Die Kleine lief die ganze Zeit mit einer von AJ's Sonnenbrillen herum, weil das Licht ihr wehtat.“

„Oh nein!“ Kevin barg das Gesicht in den Händen. „Deshalb sagtest du damals, dass sie ihr Leben riskiert hätte, um mir zu helfen! Und ich habe sie...“ Seine Stimme brach.

„Jetzt hast du die Chance, alles in Ordnung zu bringen! Lass sie dir nicht entgehen! Ihr zwei solltet einmal auf euer Herz hören, anstatt auf euren Verstand!“

Kevin nahm die Hände herunter. Tränen der Verzweiflung standen in seinen Augen.

„Und wenn sie mich nicht mehr will? Wenn ich geschafft habe, was ich wollte, und ihre Liebe zu mir zerstört habe?“

Brian sah seinen Cousin sehr ernst an.

„Dann bist du verloren.“

 

Gabriel saß an Shannons Seite. In ein paar Minuten wollte er mit Howie aufbrechen, um Sylvio vom Flughafen abzuholen. Er ging ungern von ihr weg, selbst wenn es nur eine Stunde dauerte.

Er hatte ihre Wunden versorgt und verbunden. Zum größten Teil waren es Kratzer und Schrammen, Blutergüsse und die Spuren von den Fesseln an ihren Handgelenken. Die Verletzungen an beiden Schultern waren halb so schlimm, wie er zuerst vermutet hatte. Sie hatte schon schlimmeres überstanden. Was ihm Sorgen machte, war ihr seelischer Zustand. Der Dämon hatte einen beträchtlichen Schaden angerichtet und Gabe konnte nur hoffen, dass Sylvio das in Ordnung bringen konnte. Ihr Gesicht war genau so weiß, wie die Laken, zwischen denen sie lag. Ihre blassgoldenen Sommersprossen hoben sich auffällig darauf ab. Sie war vollkommen reglos. Sie wirkte wie eine lebensgroße Puppe, die ein Kind sorgsam zu Bett gebracht hatte. Liebevoll strich Gabe ihr über die Wange. Sie sah genau so aus wie damals, als er ihr zum ersten Mal begegnete. Feingliedrig und schmal, die Augen von dunklen Schatten umgeben. Er hatte sie von der Kante zurückgezogen und sie war ihm bewusstlos in die Arme gefallen. Das war lange her. Schon dreizehn Jahre.

Ein Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen Gedanken. Howie schaute herein.

„Wir sollten jetzt los, wenn wir pünktlich sein wollen.“

„Ja, ich komme.“

Nick und AJ kamen herein. Sie wollten solange bei Shannon bleiben.

„Wie geht es Kevin?“ erkundigte Gabriel sich kurz.

„Er war vorhin wach, schläft aber jetzt wieder. Brian ist immer noch bei ihm.“ sagte Howie.

Gabriel wandte sich noch mal zu Nick und AJ um.

„Wir sind in einer Stunde wieder da. Und wenn etwas ist...“

„Dann haben wir Howies Handynummer! Jetzt los, ihr zwei!“ unterbrach ihn AJ.

Gabriel ließ Shannon wirklich ungern allein, aber Sylvio sprach nur schlecht Englisch und am Flughafen lief man leicht aneinander vorbei, wenn man sich nicht kannte. Schweren Herzens ging er mit Howie die Treppe hinunter.

„Sie ist immer noch so blass.“ meinte Nick besorgt, als sie weg waren.

„Das wird schon noch. Sie ist stark, sie wird wieder völlig gesund.“ AJ sprach im Brustton der Überzeugung.

„Warum bist du dir da so sicher?“ erkundigte sich Nick.

„Weil ich sie so gut kenne, wie mich selbst.“

 

Der Schmerz war erträglich, so lange sie in der Dunkelheit dahintrieb. So sehr Akelas leise Stimme sie bisher gelockt und gebeten hatte, sie war dort geblieben, in Sicherheit. War es Sicherheit? Wo war der Dämon hin? Warum hatte er von ihr abgelassen? Lauerte er noch irgendwo und spielte ein perfides Spiel mit ihr? Akelas leise Stimme versicherte ihr, dass er fort war. Dass er sie nie wieder quälen würde. Shannon glaubte ihm. Aber sie wollte sich dem Schmerz nicht stellen. Dem körperlichen......und diesem anderen erst recht nicht. Sie fühlte sich schmutzig und benutzt. Der Dämon war in ihren Gedanken und Erinnerungen herumspaziert, als wäre er da zu Hause. Es war wie eine geistige Vergewaltigung gewesen.

Als ihr Großonkel sich immer wieder an ihr verging, hatte sie sich dorthin flüchten können. Nach Kilkenny, in ihr Irland. Zu ihrer Eiche. Dort hatte sie Schutz gesucht vor den Dingen, die er mit ihrem Körper tat. Aber der Dämon hatte sie dort aufgespürt. Es gab keinen Schutz mehr für sie. Keinen Platz, wo sie sicher war. Sie war wehrlos. Akela wiedersprach entschieden. Schließlich sei er noch da, meinte er. Und er würde nie wieder zulassen, dass irgendetwas oder irgendjemand sie verletze. Behutsam zog er sie aus der Dunkelheit ins Licht. Der Schmerz war unerträglich! Shannon schrie gequält auf und begann zu weinen.

 

Kevin hatte eigentlich nicht wieder einschlafen wollen, nachdem er die Tabletten genommen hatte, die Brian ihm gegen seine Schmerzen gab. Aber sein Körper holte sich, was er brauchte. Und jetzt erwachte er schlagartig, als er Shannon schreien hörte. Bevor Brian reagieren konnte, war er bereits aus dem Bett und auf halbem Weg zu ihr.

„Kevin! Verdammt, warte!“

Wenn sein Cousin ihn hörte, so reagierte er jedenfalls nicht. Brian stürzte hinter ihm her.

Kevin ignorierte nicht nur Brian, sondern auch seine pochende Schulter. Der Verband, den Gabe ihm angelegt hatte, färbte sich rot, weil seine abrupte Bewegung die Verletzung wieder bluten ließ. Aber das war egal, wenn Shannon Hilfe brauchte. Alles war egal. Er stürmte in den Nebenraum und sah, wie Nick Shannon fest im Arm hielt. Sie hielt beide Hände auf ihre Augen gepresst und stöhnte vor Schmerz. Unablässig liefen Tränen über ihre Wangen. Nick barg ihren Kopf in seinen Armen und flüsterte tröstende Worte in ihr Ohr. Plötzlich war Akela da und stand geifernd und mit gefletschten Zähnen vor Kevin. AJ rannte an ihnen vorbei, polterte die Treppe hinunter und kam in Rekordzeit mit einem Tuch in der Hand zurück. Kevin wollte zu Shannon, aber der Wolf vertrat ihm knurrend den Weg.

„Geh aus dem Weg, Wolf!“

Nein! Du wirst ihr nie wieder wehtun! Sie wird dich nicht sehen und nie erfahren, dass du hier warst! Du hast zwei Möglichkeiten! Entweder du gehst sofort, oder du bleibst hier und bist für sie unsichtbar!

Kevin verstand. Der Wolf wollte sie also beschützen. Sogar vor ihm. Gerade vor ihm. Er verstand es wirklich.

„Ich bleibe.“ murmelte er. Er blickte zum Bett hinüber. AJ hatte Shannon die Augen verbunden, um ihr den Schmerz zu erleichtern. Allerdings schien es nicht viel zu helfen. Sie wurde von heftigen Schluchzern geschüttelt und schien nicht wahrzunehmen, was um sie geschah. Dann polterte jemand die Treppe hoch. Gabriel und ein hochgewachsener Mann rannten an Kevin vorbei. Der Mann riss seine Tasche auf und holte eine Spritze heraus, die er sofort mit einer klaren Flüssigkeit aufzog. Gabriel schob Nick zur Seite und desinfizierte Shannons Arm, wo der Fremde ihr gleich darauf die Injektion setzte. Nach einem Augenblick ließen die Schluchzer nach und Shannon sank in Nicks Armen in sich zusammen.

Akela drehte sich um und lief zum Bett.

„Kevin?“ Eine Hand berührte ihn leicht am Arm. Es war Howie.

„Kev, du blutest. Komm mit. Wir müssen den Verband wechseln.“ Brian griff nach seiner Hand.

Kevin ließ sich widerstandslos wegführen.

 

8. Kapitel

„Akela hat seine Meinung ziemlich klar geäußert.“ Brian erzählte gerade den anderen Jungs, was zwischen Kevin und dem Wolf vorgefallen war.

„Aber das ist doch keine Lösung. Zwischen den Beiden muss doch endlich was passieren! Shannon ist doch völlig abgemagert! Es nimmt sie doch genauso mit wie Kev!“ warf Howie besorgt ein.

„Und wieso hat er sich vorher freundlich gegenüber Kevin gezeigt? Das macht doch gar keinen Sinn!“ begehrte Nick auf.

„Doch. Es passierte erst, nachdem Shannon aufwachte. Da steckt mehr dahinter. Möglicherweise hat es etwas mit dem Dämon zu tun.“ grübelte AJ.

„Er sagte zu Kevin, er würde ihr nie wieder wehtun. Vielleicht ist das der Schlüssel. Vielleicht hat der Dämon ihr auf eine bestimmte Weise sehr weh getan, und sie war völlig machtlos dagegen. Akela versucht dann jetzt eine Schadensbegrenzung, indem er alles von ihr fernhält, was sie verletzen könnte. Und Kevin zählt eindeutig dazu.“ überlegte Brian.

Alle drehten sich um, als leise Schritte die Treppe, die im Wohnzimmer mündete, herunterkamen. Es war Kevin.

„Solltest du nicht eigentlich in deinem Bett liegen?“ fragte AJ ungehalten.

„Der Wolf ist anderer Ansicht.“ Kevin setzte sich in einen Sessel, dabei darauf bedacht die Schulter ruhig zu halten.

„Sag jetzt nicht, er hat dich oben rausgeworfen!“ sagte Nick entgeistert.

„Gut, dann sage ich es eben nicht.“ erwiderte Kevin trocken.

„Das geht jetzt zu weit! Das ist immer noch mein Haus!“ AJ wollte aufstehen, um dem Wolf die Meinung zu sagen, aber Brian hielt ihn mit einem Blick auf Kevin zurück.

„Was willst du jetzt machen?“ wollte er von seinem Cousin wissen.

„Ich weiß es nicht. Fürs Erste bin ich unsichtbar. Zumindest bis Shannon gesund genug ist, den Schock zu verwinden, dass ich hier bin. Denn das wird ein Schock, soviel steht fest.“

 

Sylvio ließ sich von Gabriel erzählen, was er über den Tod des Dämons wusste. Für den Italiener war es ein Wunder, dass Shannon und Kevin es überlebt hatten. So ein Fall war bisher nirgendwo dokumentiert. Erst recht, da Kevin überhaupt keine Seelenheilungskräfte besaß! Eigentlich hätte er nicht mal in Shannons Geist eindringen können dürfen! Gabriel versuchte mehrmals, seinem alten Freund zu erklären, dass zwischen Shannon und Kevin eine Art direkter Kontakt stattfand. Aber da sein italienisch ziemlich eingerostet war, gab er es schließlich auf. Er schlug Sylvio vor, sich direkt an Kevin zu wenden. Und dabei kam natürlich heraus, dass Akela Kevin aus dem Gästezimmer neben Shannons Raum verscheucht hatte. Sylvio erbat sich in brüchigem englisch ein Gespräch unter sechs Augen mit Kevin und Gabriel. Bereitwillig verließen die Jungs das Wohnzimmer und gingen auf die Terrasse, wo sie sich über das Mittagessen berieten.

Sylvio besah sich den jungen Mann genauer. Attraktiv, sehr gut gebaut, dunkelhaarig, eine starke Persönlichkeit und eine rätselhafte Ausstrahlung, gepaart mit einem unglaublich intensiven Blick. Sylvio erschauerte unwillkürlich. Dieser Mann schien ihn zu durchschauen, bis ins Innerste. Das war natürlich nur Einbildung, schalt sich der Italiener selbst.

Auch Kevin versuchte sein Gegenüber einzuschätzen. Er war wohl noch ein paar Zentimeter größer als Kevin und Gabriel. Er hatte fast schon klassische italienische Gesichtszüge, mediterran-braune Haut und schwarzes Haar, das an den Schläfen bereits ergraut war. Kevin schätzte ihn auf etwa Mitte vierzig. Und er erwartete halb, oberflächlich von dem Italiener gelesen zu werden, wie Shannon es oft unbeabsichtigt tat.

„Signore, wenn ich mich vorstellen darf, ich bin Dottore Sylvio Santini, Arzt und Seelenheiler für die OCRSI.“ sagte Sylvio mit schwerem italienischen Akzent.

„Angenehm. Ich bin Kevin Scott Richardson, Sänger bei den Backstreet Boys und Medium.“ Kevin unterdrückte seinen Kentucky-Akzent, um es dem Anderen leichter zu machen.

Mit Gabriels Hilfe lief bald ein leicht schleppendes Gespräch, in dem oft nach den richtigen Worten gesucht wurde. Von Gabriel und Sylvio, um die Sprachbarriere zu überbrücken und von Kevin, der versuchte das Geschehene zu beschreiben. Und das war gar nicht so einfach für den nüchtern denkenden Mann. Das Ergebnis des Gesprächs war ein ziemlich verwirrter Italiener, der mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet sah. Er schüttelte den Kopf und erklärte, er werde bei Shannon ‚nachsehen’ wenn er ihr half. Aber das konnte er erst, wenn die Schmerz- und Beruhigungsmittel-Kombination, die er ihr gegeben hatte, nachließ. Also kümmerte man sich erst um das Mittagessen.

 

Shannon fühlte sich matt und schwer. Sie wusste nicht, wo sie war und wie sie herkam, noch was geschehen war, als sie zum ersten Mal erwachte. Akela rief ihr behutsam die Geschehnisse in Erinnerung und erklärte ihr, wieso sie in einem von AJ's Gästezimmern lag. Shannon war im Moment alles gleichgültig. Das Beruhigungsmittel wirkte noch so stark nach, dass sie nicht mal auf die Namen AJ, Nick, Howie und Brian reagierte. Kevin erwähnte der Wolf natürlich nicht. Und er hoffte, Shannon würde nicht nach ihm fragen.

Gabriel hatte mit den Jungs abgesprochen dass sie erst zu ihr sollten, wenn Sylvio wusste wie es um Shannon stand.

Endlich war sie wach genug, gelesen zu werden.

„Cara mia, du kennst die Prozedur.“ bereitete Sylvio Shannon vor. Dann drang er behutsam in ihren Geist ein und versuchte sie zu lesen. Sie blockte sofort ab und verschloss sich vor ihm. Sylvio seufzte. Die Reaktion hatte er schon halb erwartet. Die Verletzungen, die der Dämon ihr zugefügt hatte, wogen schwerer als die Gewissheit, dass er ihr helfen wollte. Beim zweiten Versuch hielt Akela mit sanfter Berührung Shannons Geist offen, damit Sylvio sein Werk beginnen konnte. Er las und heilte sie, soweit sie es zuließ. Und er stellte besorgt fest, dass er, selbst mit ihrer Mitarbeit, nie bis in die Bereiche vordringen konnte, in denen der Dämon sie gefunden hatte. Und er begriff, wie tief die Verbindung zwischen Shannon und Kevin reichte. Er stellte den Wolf im Wohnzimmer vor versammelter Mannschaft dazu zur Rede.

„Dio Mio! Lupo! Was stellst du hier an? Weißt du überhaupt, was du hier tust? Wahrscheinlich kann der Mann ihr besser helfen als ich! Sie hat mir schon damals nicht erlaubt sie zu heilen, und das ist kein bisschen anders geworden. Eher noch schlimmer! Nach der Vergewaltigung war das Eindringen des Dämon für sie, wie eine Vergewaltigung ihrer Seele!“

„VERGEWALTIGUNG???“ Die Jungs sahen schockiert zwischen Akela, Sylvio und Gabriel hin und her. Dann blieben ihre Blicke an Kevin hängen, der zu Boden starrte.

„Dio! Ich dachte nicht, das ihr nichts davon wisst. Per favore, sagt ihr nicht, dass ich es verriet! Sie könnte es nicht ertragen, mitleidig angesehen zu werden.“

„Du wusstest davon, nicht war?“ fragte Brian Kevin.

„Ja. Akela sagte es mir damals, bei der Geistersache.“

„Aber... aber ihr habt doch... ich hab doch gesehen wie ihr...“ stotterte Nick mit roten Ohren.

„Nein, wir haben nicht miteinander geschlafen. Sie war noch nicht bereit dafür.“

Die Jungs sahen einander hilfesuchend an. Was gab es wohl noch in Shannons Leben, von dem sie keine Ahnung hatten? Sie sahen zu Gabe, der ja so etwas wie ein Vater für Shannon war.

„Ja. Ich denke, es ist jetzt endlich Zeit, euch alles über Shannon zu erzählen. Ihre ganze traurige Lebensgeschichte.“

Die Jungs setzten sich mit gemischten Gefühlen hin. Gabriel seufzte und begann.

„Mit neun Jahren verlor sie ihre Nana, die Mutter ihrer Mutter, die sie einiges über Hexen und Medien gelehrt hatte. Ihre Eltern starben als Shannon zwölf war, verbrannten nach einem Unfall im Wrack ihres Wagens. Da Shan noch zu jung war, um ihr Erbe anzutreten, bekam ihre Großtante, als einzige Verwandte, das Sorgerecht...“

„Moment mal! Erbe? Etwa viel Geld?“ erkundigte sich AJ alarmiert.

„Das kann man so sagen. Shannon ist die Alleinerbin von Ian-Industries. Die sind weltbekannt.“

In der nachfolgenden Stille hörte man Kevins Ächzen mehr als deutlich. Die Aktien, die sein Finanzberater gezeichnet hatte... Ian-Industries!

„Und unser Kevin hier hat Shannon vorgeworfen, hinter seinem Geld herzusein. Wenn das nicht Ironie des Schicksals ist...“ AJ schüttelte fassungslos den Kopf.

„Du hast ihr WAS vorgeworfen?“ Gabriel starrte Kevin entsetzt an. „Das klären wir gleich noch!“

Kevin blickte ihm in die Augen und nickte stumm. Er würde vor Gabriel nicht kneifen.

„Also...“ Gabriel sah weiter demonstrativ Kevin an, während er Shannons Geschichte fortführte. „Die Großtante erhielt also das Sorgerecht. Aber sie interessierte sich mehr für das Geld, als für ihre Nichte. Aber sie stellte schnell fest, dass sie nicht an das Erbe herankam. Also machte sie es anders. Sie ließ Shannon von einem Psychologen untersuchen, weil das ‚arme Kind’ Stimmen hörte. Das war ja nicht mal gelogen, denn Shannon sprach damals bereits mit Geistern und auch mit Akela. Der Arzt bescheinigte eine psychische Störung, verschrieb Shannon Psychopharmaka und dadurch hatte ihre Tante freie Bahn. Sie gab vor, Shannon sei gewalttätig und ließ sie in ihrem Zimmer ans Bett fesseln. Dann erhöhte sie die Dosen der Medikamente, bis Shannon fast nichts mehr mitbekam.“

Die Gesichter der Jungs zeigten bei diesen Worten bereits Ausdrücke von Fassungslosigkeit bis zur rasenden Wut. Wobei die Wut vorherrschte. Gabriel fuhr fort.

„Später heiratete die Tante. Aber der Ehemann wollte nur das Geld und stand eher auf junge Frauen. Schließlich ging er zu Shannon, um sich bei ihr zu holen, was er bei seiner Ehefrau nicht bekam. Er vergewaltigte sie regelmäßig. Akela konnte Shannon nicht helfen, weil er noch zu jung war. Er versuchte ein Medium zu finden, dass ihn sehen konnte und ihm half, aber vergeblich. Durch Zufall kam er zur OCRSI. Und der Bericht des Wolfes hatte da denselben Effekt, wie ein Stich in ein Wespennest. Wir rasten sofort los...“ Seine Stimme verlor sich, als er daran zurückdachte. Dann schüttelte er leicht den Kopf und erzählte weiter.

„Die Tante hatte sich inzwischen entschlossen, Shannon ganz loszuwerden. Sie brachte sie an den Rand einer Schlucht, die in der Nähe ihres Hauses lag. Dort wollte sie sie runterwerfen und dann behaupten, sie sei davongelaufen und dabei abgestürzt. Wir kamen im allerletzten Moment. Ich riss Shannon von der Kante zurück, in dem Augenblick, als ihre Tante sie hinunterstoßen wollte. Die Tante rutschte aus, fiel in die Schlucht und war tot. Shannon wurde zur OCRSI gebracht und medizinisch versorgt. Es dauerte zwei Tage, bis sie erwachte. Und dann sprach sie drei Wochen lang kein Wort. Sie ertrug es nicht, wenn Akela von ihrer Seite wich und sie zuckte bei jeder Berührung zusammen. Wir waren schon dabei die Hoffnung aufzugeben, als ich eines Tages meine Mädchen mit in die Organisation brachte. Sandra war damals fünf und Mary erst drei. Und die beiden schafften, was zwei Therapeuten nicht hinbekommen hatten. Shannon sprach. Von da an ging es aufwärts. Aber sie hatte noch immer Probleme. Sie ließ niemanden wirklich an sich heran. Zumindest, bis sie euch kennen lernte.“

Stille breitete sich aus, als alle über seine Worte nachdachten und ihnen klar wurde, was sie bedeuteten. Shannon hatte zum ersten Mal auf Anhieb Vertrauen gefasst. Nach dieser Vorgeschichte war das ein Wunder!

In einem Punkt hast du unrecht. Aber du weißt es nicht besser, ich nehme dir das also nicht übel. durchbrach Akela plötzlich die Stille. Er stand auf der Treppe und musterte die Versammelten. Shannons Tante ist nicht ausgerutscht. Genauso wenig, wie der Herzanfall ihres ‚Onkels’ eine natürliche Todesursache war. Ich habe sie getötet. So wie sie mein Kätzchen systematisch getötet haben. Und ich würde es wieder tun.

Kevin wusste, das die letzten Worte des Wolfes mit Bedacht gewählt waren.

Und sie waren direkt an ihn gerichtet.

 

9. Kapitel

Er hatte es Gabriel erzählt. Wie er die Flaschenpost gefunden hatte, dass seine Lähmung nicht zurückgegangen war, er hatte von seiner Angst berichtet und von seinen Entschluss, Shannon hätte etwas besseres verdient als einen Krüppel. Gabriel hatte ihm ruhig zugehört. Und dann fragte er Kevin nach dem genauen Wortlaut des letzten Gesprächs zwischen ihm und Shannon. Kevin erinnerte sich nur zu gut.

„Ich... ich habe ihr vorgeworfen, sie wolle Kristins Platz bei mir einnehmen. Ich... ich sagte... sie hätte keinen Job... kein Geld... sie müsste die USA bald verlassen... und sie würde nur einen reichen Ehemann suchen.“

„Und wie hast du dich gefühlt, als du das gesagt hast?“

Kevin schloss bei der Erinnerung gequält die Augen.

„Ich hab mich gefühlt, als würde ich sie töten. Dieser Schmerz in ihren Augen... Es war entsetzlich.“

Gabriel lehnte sich im Sessel zurück und fuhr sich mit den Fingern durch sein mausbraunes Haar.

„Eigentlich hatte ich dich verprügeln wollen für das, was du ihr angetan hast. Aber du hast dich selbst weitaus effektiver bestraft, als ich es je könnte.“

„Und wenn ich jetzt sage, dass ich lieber verprügelt worden wäre?“

Gabe lachte auf.

„Das kann ich mir vorstellen!“

Einen Moment herrschte Stille zwischen den beiden Männern.

„Kann ich noch hoffen, Gabe? Kann ich sie zurückgewinnen, oder habe ich ihre Liebe für immer zerstört?“

Sie sahen einander ernst an. Hellbraune Augen trafen auf Grüne.

„Shannons Liebe kann man nicht zerstören. Aber ich weiß nicht, ob sie dich jemals wieder in ihr Herz lassen wird. Du musst es versuchen. Um ihretwillen.“

„Das werde ich. Und diesmal lasse ich mich nicht mal von dem Wolf aufhalten.“

 

Shannon schlug die Augen auf und fragte sich benommen, wo sie war. Sie lag in einem Himmelbett, in einem großen verdunkelten Raum.

Du bist nur ein bisschen verwirrt, Kätzchen. Das sind die Medikamente.

„Medikamente?“ Ihre Stimme klang fremd und rau.

Ein Schatten trat aus dem Dämmerlicht und setzte sich zu ihr.

„Si. Ich habe dir etwas starkes gegen die Schmerzen gegeben. Jetzt müssen wir sehen, ob du auch ohne auskommst.“

Dieser schwere italienische Akzent kam ihr sehr bekannt vor.

„Sylvio?“

„Si! Cara mia, mein Herz!“ Sein Lächeln war zu hören. Eine warme Hand streichelte ihre Wange.

„Ich dachte, du wärst in Rom.“

„Ah! Da war ich auch, bis Gabriel mir sagte, dass du Hilfe brauchst. Und wenn mein Herz Hilfe braucht, dann bin ich für sie da!“

„Hilfe?“ Shannon war zu erschöpft, um darüber nachzudenken, wofür sie Hilfe brauchte. Ihr fielen wieder die Augen zu.

„Schlaf nur, cara mia. Schlaf ist im Moment die beste Medizin.“

Besorgt beobachtete Sylvio Shannon. Es ging ihr gar nicht gut. Auf seine Aufbau-Spritzen sprach sie überhaupt nicht an. Wenn sie sich wieder erinnerte, würde sie wohlmöglich einen Schock erleiden. Und wenn sie erfuhr, dass ihr Apartment zerstört war, würde sie in ein tiefes Loch fallen, aus dem sie nicht ohne Hilfe heraus konnte. Und die unbehandelten Verletzungen ihrer Seele... Sylvio fürchtete das Schlimmste. Er konnte nur versuchen, ihren Zusammenbruch hinauszuzögern, in der Hoffnung sie würde wieder stärker werden. Er warf dem Wolf einen bösen Blick zu.

„Wenn du willst, dass es ihr besser geht, Lupo, solltest du Kevin in ihre Nähe lassen. Es würde ihr bestimmt helfen!“

Nein, das würde es nicht. Du weißt nicht, wie es in ihrem Innersten aussieht. Du weißt nicht, wie sehr er sie verletzt hat. Ich habe ihr versprochen, sie zu beschützen und ich halte mein Wort.

„Ich hoffe für sie, das du nicht noch gezwungen sein wirst, es zu brechen!“

 

Als Shannon das nächste Mal erwachte, war es dunkel draußen. Die Vorhänge waren zurückgezogen und der Mond schien herein. Sie spürte, dass sie nicht allein war. Dann ging eine kleine Lampe neben dem Bett an und sie erkannte Gabriel. Er war schlimm zugerichtet, hatte ein blaues Auge und einen Bluterguss auf der Wange. Schlagartig kehrte die Erinnerung an die Schwarzmagier und die Dämonen zurück und Shannon zuckte heftig zusammen.

„Hey, hey! Ist schon gut! Es ist alles wieder in Ordnung, Kätzchen!“ Er nahm sie in die Arme und strich ihr beruhigend über den Rücken.

„Was ist passiert? Ich müsste tot sein! Wie komme ich her? Wo sind wir hier?“ murmelte Shannon in den Stoff seines T-Shirts.

„Wir sind gerade noch rechtzeitig gekommen. Ich hatte die Jungs angerufen und sie haben sofort alles liegen und stehen lassen. Wir haben dich hierher gebracht, in AJ's Haus, weil es am nächsten lag.“

„Die... Jungs...“

Ja. Brian, Howie, AJ und Nick. Die Jungs. warf Akela ein.

Gabriel sah den Wolf, für Shannon nicht sichtbar, strafend an. Wenn es Shan nicht so schlecht gegangen wäre, hätte er ihr jetzt gesagt, dass Kevin da war und sich große Sorgen um sie machte. Aber dazu ging es ihr noch zu schlecht.

„Die Jungs wollen dich gern sehen, wenn es dir besser geht. Aber nur, wenn du es möchtest.“

Gabriel sah die Sehnsucht in ihren Augen aufflackern. Sie hatte die Jungs sehr vermisst. Aber sie hatte auch Angst vor dem Wiedersehen.

„Ich schicke sie dir rein?“

Shannon nickte stumm. Er lächelte sie aufmunternd an und ging hinaus.

Shannon kamen die Tränen, als Nick und AJ das Zimmer betraten. Sie schluchzte auf.

„Nein! Nicht weinen, Süße!“ AJ zog sie in seine Arme und drückte sie an seine Brust. Nick schlang seine langen Arme um sie beide und hielt sie fest.

„Ihr... müsst mich... doch... hassen!“ meinte Shannon, von Schluchzern geschüttelt.

„Aber Shan! Weshalb sollten wir dich denn hassen?“

„Weil ich... euch... im Stich gelassen... habe.“

„Ach, das ist doch nicht wahr!“

„Du hast uns nicht im Stich gelassen! Du hast überhaupt keinen Grund zu weinen!“

„Eher haben wir dich im Stich gelassen. Wir hätten dir sofort hinterherlaufen und dich aufhalten sollen!“

„Wir hätten nie zulassen dürfen, dass du gehst!“ Nick wischte ihr zärtlich die Tränen von den Wangen. Shannon lehnte sich an ihn und genoss die Geborgenheit, die die Zwei ihr vermittelten. Ihr Rudel! Sie hatte ihr Rudel wieder! Erschöpft schlief sie wieder ein.

 

Shannon wurde durch eine sanfte Berührung an der Wange geweckt. Sie schlug die Augen auf und sah in Brians lächelndes Gesicht.

„Brian!“ Ihre Stimme zitterte.

„Hey, hey, hey! Nicht schon wieder weinen! Du kennst mich! Dann muss ich mitweinen! Ich hab mal gelesen, dass man davon Pickel und Falten kriegt! Und Sommersprossen! Und wir zwei haben doch wohl genug Sommersprossen?“

Shannon konnte nicht anders, sie musste lachen. Es war ein merkwürdiges Gefühl, es nach so langer Zeit wieder zu tun. Brian schloss sie in die Arme und lachte mit ihr. Dabei sollte er doch wütend auf sie sein!

Brian spürte, dass Shannon sich versteifte. Er ließ sie los, legte einen Finger unter ihr Kinn und hob ihr Gesicht ein Stück an, um ihr in die Augen zu sehen. Schuldbewusstsein, Selbstanklage, Trauer. Lauter Sachen, die er nicht darin lesen wollte. Er nahm ihr Gesicht zwischen die Hände und blickte sie ernst an.

„Shan. Keiner von uns macht dir einen Vorwurf. Was damals geschehen ist, war sehr schwer zu ertragen. Für uns alle. Und als du weg warst, haben wir dich unglaublich vermisst. Aber keiner von uns hat dir für irgendwas die Schuld gegeben. Also tu du es auch nicht.“

Wie gern hätte er ihr jetzt gesagt, warum Kevin damals so gehandelt hatte. Aber sie wirkte so zerbrechlich. Wenn er davon sprach, wenn er Kevin nur erwähnte, konnte ihr Zustand sich weiter verschlechtern. Möglicherweise würde Gabriel ihr die Wahrheit sagen, wenn es ihr besser ging. Und dafür, dass es ihr besser ging, war er gerade hier.

„Liebes, Gabe sagte, du musst etwas essen. Er hat dir hier was gemacht... sieht ja nicht besonders appetitlich aus, aber er meinte, es wären alle nötigen Nährstoffe enthalten.“ Brian zog eine Grimasse, als er mit einer großen Geste eine Schale mit bräunlichem Brei hervorzauberte. Shannon verzog angewidert das Gesicht. Diese Pampe kannte sie bereits. Aber essen musste sie sie wohl.

„Okay! Also ein Löffelchen für den lieben Brian...“ Shannon schluckte gehorsam.

„Und einen für den hinterhältigen Nick...“ Shannon musste grinsen.

„Und dann noch einen für den hundsgemeinen AJ...“ Jetzt lachte sie. Zufrieden wartete Brian, den vollen Löffel in der Hand. Die Schüssel war im Nu leer.

 

10. Kapitel

Gähnend kam AJ in die Küche. Er hatte nicht lange geschlafen. Wie wohl alle hier. Nick saß bereits am Küchentresen und genehmigte sich sein Müsli. Die Morgensonne schien durch die Glasfront ins Wohnzimmer herein. AJ stutzte und sah ein zweites Mal hin. An einem der großen Fenster stand ein dunkler Schatten.

„Ich glaub, ich hab ein Déjà Vue! Nick, kneif mich mal bitte, damit ich weiß dass ich wach bin.“

Nick ließ sich nicht lange bitten. AJ schrie auf.

„Verdammt! Ich sagte kneifen, nicht Arm ausreißen!“

„Alexander James McLean! Ich hab nur gemacht, was du gesagt hast!“

Die erwartete Antwort blieb aus.

„Ich mach mir echt Sorgen, Nick. Er steht schon wieder so da.“

„Nicht schon wieder, sondern immer noch. Als ich mir heute Nacht noch was zu trinken geholt hab, stand er auch schon da.“

„Was machen wir denn nur, um ihn...“ Plötzlich breitete sich ein Grinsen auf AJ's Gesicht aus.

„Mir ist gerade was eingefallen, was ihn ein wenig aufheitern könnte!“

„Etwas lustiges?“

„Für uns schon! Komm mit!“

Er lief rüber zum Billard-Zimmer. Nick ließ wiederstrebend sein Frühstück stehen und kam ihm hinterher.

Gabe sah auf, als AJ hereinstürmte. Er saß mit gekreuzten Beinen auf dem Billardtisch, an dessen Bein der Anführer der Schwarzmagier angekettet war. Quer über Gabriels Schoß lag ein Baseballschläger.

„Gabe, hat der Kerl inzwischen geredet?“ erkundigte sich AJ.

„Nein. Bisher hat er nur Beschimpfungen ausgestoßen.“

„Dann hab ich jetzt eine neue Strategie!“ grinste AJ und rannte wieder raus. Gabe blickte verständnislos zu Nick, der jedoch nur ahnungslos mit den Schultern zuckte.

Sekunden später hörte man AJ, der im Gang wortreich auf jemanden einsprach.

„Na los! Das wird dir Spaß machen, glaub mir! Und es ist viel besser als die Aussicht auf den Garten!“

Nick ging ein Licht auf. Im nächsten Moment kam AJ herein. Narbengesicht erstarrte, als er den Mann hinter AJ entdeckte. Hoch gewachsen und kräftig, mit einer dunklen Ausstrahlung, die jeden Satanisten neidisch gemacht hätte. Kevins Augen wurden schmal und zwischen seinen Brauen bildete sich eine steile Falte, als er den Mann am Boden erkannte.

„Wenn ich vorstellen darf: Kevin Scott Richardson, Backstreet Boy, ehemals Steinadler – keine Ahnung wie der Knilch heißt, Schwarzmagier, ehemals narbenloses Gesicht und nicht gebrochene Nase!“ AJ machte eine schwungvolle Geste und deutete eine Verbeugung an.

„Danke. Ich kenn den Typ.“ meinte Kevin. In seinen Augen leuchtete ein kaltes grünes Feuer.

Narbengesicht schluckte.

„Er scheint dich auch zu kennen! Er ist ganz blass geworden!“ triumphierte AJ.

„Hat er schon geredet, Gabriel?“ wollte Kevin wissen. Gabe schüttelte den Kopf.

„Kein einziges verdammtes Wort. Und die Anderen sind auch verhört worden. Die kennen ihren Auftraggeber nicht.“

„Na gut. Dann wollen wir ihn noch mal danach fragen. Gibst du mir kurz den Schlüssel?“ Gabriel tat es und Kevin schloss die Handschellen auf. Dann packte er Narbengesicht am Kragen und zog ihn hoch.

„Kev, pass auf deine Schulter auf!“ ermahnte ihn Nick.

„Der geht es ausgezeichnet. Also los!“ Er schüttelte Narbengesicht leicht. „Wer ist dein Auftraggeber!“ Dem Kerl schlugen dabei die Zähne aufeinander, aber er sprach nicht.

„Du willst also, dass Kevin richtig ungemütlich wird?!“ mutmaßte AJ.

Narbengesicht wagte nicht, den Blick von seinem Gegenüber zu wenden.

„Sag mal, Gabe, was hat der Kerl noch mal mit unserer Shan gemacht?“

„Tja... Wenn ich mich richtig erinnere, AJ, dann hat er sie zuerst so fest ins Gesicht geschlagen, dass ihre Lippe blutete.“

Narbengesicht beobachtete entsetzt, wie Kevins Augen vor Wut dunkel wurden.

„Dann hat er ein zweites Mal zugeschlagen und Shannon mit seinem Ring die Wange aufgerissen. Danach hat er ihren Kopf dann an den Haaren zu sich gezogen und ihr gesagt, dass er sie lehren werde Angst zu haben.“

Kevin gab einen unverständlichen Laut von sich und schlug zu. Narbengesicht fiel rückwärts gegen den Billardtisch.

„Der nächste Schlag warf Shannon gegen die Wand.“

Kevin riss Narbengesicht hoch und rammte ihm seine Faust in den Magen.

„Er boxte sie in den Bauch.“

Kevin bearbeitete Narbengesichts Rippen.

„Und er schlug sie ins Gesicht, bis sie das Bewusstsein verlor.“

Narbengesicht segelte quer durch den Raum und prallte gegen die Wand.

„Bitte! Bitte aufhören!“ wimmerte er.

„Wir können dich nicht hööören...“ säuselte AJ.

Kevin ging um den Billardtisch herum auf Narbengesicht zu.

„BITTE! BITTE ICH WILL ALLES SAGEN! BITTE HALTET IHN AUF!“

Gabriel sprang vom Tisch und legte beschwichtigend eine Hand auf Kevins unverletzte Schulter.

„Lass gut sein, Junge. Wir brauchen ihn noch.“ Er sah auf Narbengesicht herunter. „Leider!“

„REDE!“ knurrte Kevin.

„Mein Auftraggeber wollte die Hexe unbedingt tot sehen! Er wollte uns dafür zweihunderttausend Dollar zahlen! Da mussten wir einsteigen!“

„Der Name! Ich will den Namen!“ grollte Gabe.

„Bruns! Lloyd Tanner Bruns!“

Gabriel erstarrte vollkommen. Jetzt wurde ihm einiges klar. Zum Beispiel, weshalb  Shannon so oft allein Fälle lösen sollte, für die eigentlich mindestens zwei Dämonenjäger nötig waren. Es war das Geld! Shannons Erbe! Und die blöde Satzung, nach der ein OCRSI-Mitglied ein Testament machen musste. Und Shannon hatte ihr Vermögen der Organisation vermacht! Eine großartige Gelegenheit, sich zu bereichern. Und Bruns hatte, als leitender Direktor, volle Akteneinsicht. Deshalb wussten die Schwarzmagier auch, wo Shannon wohnte!

„Bruns... Bruns... wo hab ich den Namen schon mal gehört?“ überlegte AJ.

„Shannons Boss heißt Bruns.“ erinnerte sich Nick.

„Was hat euer Boss davon, wenn Shannon stirbt?“ brachte Kevin es auf den Punkt.

„Dann erbt die Organisation Ian-Industries. Und Bruns hat die Gelegenheit, das Vermögen zu veruntreuen.“ Gabriel schlug die Hände vors Gesicht. „Ich muss sofort nach New York. Und dann wahrscheinlich zum Hauptsitz in Deutschland.“ Er blickte auf. „Ich lasse Shannon nur sehr ungern allein.“

„Sie ist nicht allein.“ beruhigte AJ.

Gabe sah Kevin an, der kaum merklich nickte. Dann griff der Dämonenjäger zum Handy und informierte die Mitarbeiter, die auf die Freigabe des Gefangenen warteten.

Eine Stunde später wurde Narbengesicht sehr unsanft abtransportiert und Gabriel nahm den nächsten Flug nach New York.

 

11. Kapitel

Kevin beobachtete die Wolken. Direkt über ihnen braute sich ein heftiges Gewitter zusammen. Brian kam herein und ließ sich seufzend auf die Couch fallen.

„Wie geht es ihr?“

„Sie schläft wieder. Sie ist immer nur wenige Minuten wach. Sylvio hat sie noch mal gelesen und meint, das läge an der Macht der Götter und sie dürfte eigentlich überhaupt nicht mehr am Leben sein.“ Brian rieb sich besorgt über die Stirn.

„Aber er sagte doch, dass diese Macht ihr das Leben gerettet hat, als der Dämon sie angriff.“ Kevin fuhr sich müde durchs Haar.

„Ja, schon. Aber er sprach von etwas, das er Energiefluktuation nannte. Die Energie ist wohl irgendwie... schwankend? Unberechenbar? Sie kann sich wohl jederzeit verflüchtigen. Und das hätte Shannons vollkommenen Zusammenbruch zur Folge. Und, je nachdem wie viel der Dämon ihr.....ausgesaugt.....hat, könnte es für Shannon tödlich sein.“

Kevin stöhnte leise. Noch eine schlechte Nachricht. Nahm das eigentlich nie ein Ende?

„Und was kann man, laut Sylvio, dagegen tun?“

„Du wirst lachen. Er meinte, du wärst der Einzige, der ihr seiner Meinung nach überhaupt helfen kann. Nur sieht der Wolf das leider anders!“

Kevin drehte sich um und ging zur Treppe.

„Wo willst du hin?“

„Mir den Wolf vorknöpfen. Solltest du mich schreien hören, bestell schon mal den Krankenwagen.“ Kevin nahm immer zwei Stufen auf einmal. Wie erwartet, kam ihm Akela bereits knurrend entgegen. Er konnte die Schritte der Jungs schließlich auseinanderhalten.

„Ich muss mit dir reden, Wolf!“ zischte Kevin aufgebracht.

Da drüben! Akela wies mit der Schnauze auf den Vorführraum gegenüber. Kevin folgte ihm und schloss die Tür hinter ihnen.

Was willst du? Akela fletschte die Zähne.

„Ich will Shannon helfen! Sylvio sagte, dass ich wahrscheinlich der Einzige bin, der das kann!“

Sylvio ist ein Mensch! Er hat keine Ahnung, was Shannon fehlt!

„Ach so! Und du weißt das also?! Warum hilfst du ihr dann nicht?! Ich denke, DU bist es, der keine Ahnung hat!“

Pass auf was du sagst, Menschlein! Ich weiß mehr darüber, als du je lernen könntest!

„Dann sag mir, wie du Shannon helfen willst!“

Die Tür öffnete und schloss sich wieder.

„Das möchte ich allerdings auch hören, Lupo!“ ließ sich Sylvios schwerer italienischer Akzent vernehmen. „Damals, nach den Vergewaltigungen, konntest du ihr auch nicht helfen! Genauso wenig wie ich! Und heute sieht es ganz ähnlich aus! Sie hat schwere seelische Schäden, die ich nicht behandeln kann, ist vollkommen erschöpft, wird einen Schock erleiden, wenn sie erfährt dass ihr Apartment abgebrannt ist, und die Macht der Götter kann sie jeden Moment verlassen! Willst du ihren Tod riskieren, um sie vor Schaden zu bewahren, der niemals eintritt?“

Er wird eintreten! Er wird sie wieder verletzen! Wie alle Menschen einander irgendwann verletzen! Was erzähle ich ihr? Wie tröste ich sie, wenn er tausende Kilometer entfernt ist? Irgendwo auf einer Bühne steht? Andere Frauen kennen lernt, die schöner sind als sie? Wenn er sich möglicherweise in eine andere verliebt? Er hat gleichzeitig seine Frau und Shannon geliebt! Das könnte jederzeit wieder passieren! Aber Shannon würde das umbringen! Wenn sie sich auf ihn einlässt, dann wird sie niemals jemand anderen lieben können!

Kevin starrte den Wolf mit bleichem Gesicht an. Er verstand ihn! Das war die härteste Erkenntnis seit damals, als der Arzt sagte, er würde doch wieder laufen können. An Akelas Stelle würde er nicht anders handeln können. Aber er wusste etwas, dass der Wolf nicht wusste. Oder vielleicht nicht glaubte. Er konnte nicht ohne Shannon leben!

Ich wiederhole mich nicht gern! Aber wenn du die Absicht hast hier zu bleiben, dann bleibst du unsichtbar! Ohne ein weiteres Wort lief der Wolf durch die geschlossene Tür nach draußen.

„Was willst du jetzt tun?“ fragte Sylvio Kevin.

„Ich tue, was Akela gesagt hat. Ich bleibe unsichtbar.“ Er ging zur Tür. „Allerdings hat er nicht von unhörbar gesprochen.“

Keine Minute später klappte Kevin den Deckel, über den Tasten des weißen Flügels in der kleinen Eingangshalle, hoch. Er wusste, was er spielen würde. Er hatte das Lied damals für Kristin geschrieben. Aber er hatte es seit einem halben Jahr ständig im Kopf und dachte dabei an Shannon. Sacht ließ er die Finger über die Tasten gleiten. Dann begann er zu spielen. Seine Stimme ertönte voll und klar und erfüllte das ganze Haus.

Back To Your Heart

It´s not that I can´t live without you
It´s just that I don´t even want to try
Every night I dream about you
Ever since the day we said goodbye
If I wasn´t such a fool
Right now I´d be holding you
There´s nothin' that I wouldn´t do
Baby if I only knew

The words to say
The road to take
To find a way back to your heart
What can I do
To get to you
And find a way back to your heart

I don´t know how it got so crazy
But I´ll do anything to set things right
'Cause your love is so amazing
Baby you´re the best thing in my life
Let me prove my love is real
And made you feel the way I feel
I promise I would give the world
If only you would tell me girl

The words to say
The road to take
To find a way back to your heart
What can I do
To get to you
And find a way back to your heart

 Give me one more chance, to give my love to you
'Cause no one on this earth loves you like I do, tell me

The words to say
The road to take
To find a way back to your heart
What can I do
To get to you
And find a way back to your heart

I turn back time
To make you mine
And find a way back to your heart
I beg and plead
Fall to my knees
To find a way back to your heart

The words to say
The road to take
To find a way back to your heart
What can I do
To get to you
And find a way back to your heart

DIESE STIMME!

Jäh schreckte Shannon hoch. Aber es war kein Traum. Sie hörte den samtigen Bariton noch immer.

„NEIN!“

Ich bringe ihn um! Ich schwöre, dafür bringe ich ihn um! Was machst du da, Shannon!?

Shannon fiel fast aus dem Bett und schlüpfte mit fahrigen Bewegungen in ihre Kleidung.

Shan! Wo willst du hin!

Sie reagierte nicht. Sie streifte sich die Schuhe über und rannte hinaus. Akela ihr hinterher.

Shannon! Bleib stehen, verdammt! Wo willst du denn hin?!

Shannon sah und hörte nichts mehr. Sie wusste nur, dass sie weg musste. So weit weg, wie nur eben möglich. Die Treppe hinunter stolperte sie mehrfach, ohne es überhaupt zu bemerken. Als sie im Wohnzimmer ankam, entdeckte sie die Türen zur Terrasse und lief durch die Nächstgelegene. Nach ein paar Sätzen war sie mitten im Garten. Erste dicke Tropfen trafen ihr Gesicht und dann begann es wie aus Kübeln zu schütten. Grelle Blitze erhellten den fahlen Himmel und laute Donnerschläge übertönten jedes andere Geräusch. In Sekundenschnelle war Shannon völlig durchnässt. Aber sie fühlte es nicht. Ein einziger Gedanke beherrschte sie voll und ganz. WEG! WEG VON IHM! Sie hastete über den Rasen und um das Haus herum zur Frontseite. Da war ein gepflasterter Vorplatz. Von da war es nicht mehr weit zur Straße. Der Regen fiel wie ein dichter Vorhang und nahm ihr die Sicht. Blind sprintete sie in die Richtung, die sie für die Richtige hielt. Dann wurde sie plötzlich von Scheinwerfern geblendet und Reifen kreischten direkt vor ihr. Sie erwartete bereits den brutalen Schlag der Stoßstange, als kräftige Arme sie heftig zurückrissen. Shannon verlor das Gleichgewicht und taumelte gegen den harten Körper hinter ihr. Lautes Hupen, ein Aufröhren des Motors und der Wagen war vorbei. Shannon zitterte vor Anspannung. Sie musste sich nicht umdrehen, um zu wissen wer sie da festhielt. Seine Hände brannten auf ihrer Haut, unter dem nassen Stoff, wie Feuer. Einen Augenblick war sie versucht, ihn einfach gewähren zu lassen. Die Wärme seines Körpers als Geschenk anzunehmen. Aber im nächsten Moment erinnerte sie sich an seinen kalten Blick, seine verächtlichen Worte und ihr Herz schrie vor Schmerz auf. Sie fegte seine Hände von ihren Armen und fuhr zu ihm herum.

„Shannon...“

„NEIN! LASS MICH ENDLICH IN RUHE! BLEIB AUS MEINEN TRÄUMEN, MEINEN GEDANKEN, MEINEM HERZEN! WARUM KANNST DU MICH NICHT ENDLICH IN FRIEDEN LASSEN!?“ Sie begann mit ihren Fäusten auf seine Brust zu trommeln. Sie wollte ihm weh tun. So weh, wie er ihr getan hatte. Als er ihre Hände einfing und festhalten wollte, riss sie sich von ihm los und stieß ihn zurück. Aber als sie kehrt machte und vor ihm davonlaufen wollte, berührte sie nach zwei Schritten den magischen Kreis, den Gabriel zu ihrem Schutz um das Haus gelegt hatte. Ein scharfer Stich durchfuhr sie und sie schrie auf. Schwärze erfasste sie. Dass Kevin sie auffing, bevor sie den Boden berührte, bekam sie nicht mehr mit.

 

Kevin versuchte, die schlaffe schmale Gestalt in seinen Armen mit seinem Körper vor dem prasselnden Regen zu schützen. Er konnte sich nicht erklären, was gerade geschehen war. Als er Akelas Hilferuf hörte, zum Fenster gestürzt war und Shannon durch den Regen laufen sah, war er ihr instinktiv durch die Vordertür gefolgt. Er hatte sie gerade noch rechtzeitig erreicht, ehe der Wagen sie erfassen konnte. Aber weshalb sie zusammengebrochen war, verstand er nicht. Behutsam barg er ihren Kopf an seiner Halsbeuge und hob er sie hoch. Die Jungs und Sylvio erwarteten ihn bereits mit schreckensbleichen Gesichtern an der Haustür. Er brachte Shannon zurück in ihr Zimmer, und Sylvio delegierte die Jungs Wasser heiß zu machen und Handtücher und trockene Kleidung zu holen. Dann zog der Italiener Shannon die durchnässten Sachen aus. Brian brachte inzwischen mühsam Kevin dazu, sich etwas trockenes überzuziehen und frottierte seinem Cousin das tropfnasse Haar. Kevin schien das nicht mal zu bemerken. Er starrte die ganze Zeit auf die Tür zu Shannons Zimmer.

Akela hatte die ganze Zeit versucht, eine Verbindung mit Shannon herzustellen, jedoch ohne Erfolg. Was Sylvio prophezeit hatte, war eingetreten. Die Macht, die die Götter ihr verliehen hatten, hatte sie durch den Kontakt mit dem Schutzkreis verlassen. Und ihre Alte Macht war nur noch in winzigen Spuren vorhanden. Shannon war dem Tode nah.

Akela sprang vom Bett und rannte in den Flur, wo Brian versuchte Kevin zu bewegen, etwas heißes zu trinken.

Sie braucht dich! keuchte er, als er vor ihm hielt.

Kevin stand wortlos auf und ging zu Shannon hinein, Akela hinterher. Sylvio verließ den Raum, um ihnen die nötige Ruhe zu verschaffen.

„Was muss ich tun?“

Sie braucht Kraft, sonst stirbt sie. Traust du dir zu, ihr etwas von deiner zu geben?

„Ich habe schon mal gesagt, Wolf, dass ich alles für sie tun würde.“

Und da du auch schon sagtest, dass dein Leben keinen Sinn hat ohne sie, kann ich es mir wohl sparen zu sagen, dass du dabei sterben könntest. schloss Akela.

Statt einer Antwort setzte Kevin sich in den Sessel neben dem Bett, strich Shannon die feuchten Haare aus der Stirn und nahm ihre eiskalte Hand in seine.

Ich fange dann jetzt an.

Kevin fühlte, wie der Wolf sich irgendwie zwischen ihn und Shannon schaltete und langsam seine Kraft anzuzapfen begann. Dann kam es allmählich zu einem stetigen Fluss. Kevin spürte, wie er tatsächlich schwächer wurde. Eine bleierne Müdigkeit überkam ihn und sein Oberkörper sank auf das Bett. Erschöpft schloss er die Augen und trieb am Rande der Bewusstlosigkeit dahin. Dann unterbrach der Wolf den Kontakt mit einem schmerzhaften Ruck. Kevin verlor die Besinnung.

 

12. Kapitel

Bruder?

Ich bin hier, mein Kätzchen.

Warum hast du es mir nicht gesagt? Du wusstest doch, dass er da war. Warum hast du es mir verschwiegen? Ich wollte ihn nie mehr wieder sehen.

Akela sah Kevin an. Er war sehr blass. Das war das zweite Mal, dass er sein Leben für Shannon riskiert hatte. Akelas Zweifel an der Richtigkeit seiner eigenen Handlung wurde immer lauter. Noch hatte er Gelegenheit, alles wieder gut zu machen. Sein Kätzchen glücklich zu machen. Und er wollte nichts lieber tun als das.

Schwester, ich muss dir was sagen. Nicht Sylvio hat den Dämon besiegt, sondern Kevin. Er war es auch, der dir heute seine Kraft gegeben hat, damit du überlebst.

Nein! Nein, nein, nein!

Doch. Und ich werde dir noch etwas sagen. Erinnerst du dich an die Flaschenpost? Kevin hat sie gefunden, damals in New York am Strand. Und der offene Punkt auf der Liste hat ihn dazu gebracht, dich anzulügen. Was er dir damals sagte, sprach er nur aus, weil er dir eine Zukunft mit einem Mann wünschte, der deiner würdig war. Ein Mann, der dich lieben konnte. Kein Krüppel wie er. Er hat dich verletzt, weil er das Beste für dich wollte. Weil er dich über alles liebt.

NEIN! ER HASST MICH! ICH WEISS, DASS ER MICH HASST!

Er liebt dich so sehr, dass er seinen eigenen Tod in Kauf nimmt, um dir das Leben zu retten! Mach die Augen auf! Öffne die Augen und sieh ihn dir an!

Zögernd schlug Shannon die Augen auf und drehte den Kopf. Da war er. Sein bleiches Gesicht wirkte hager, als hätte er in der letzten Zeit nicht genug zu essen bekommen. Und dunkle Schatten lagen um seine Augen. Bei seinem Anblick zog sich Shannons Herz schmerzhaft zusammen. Er sah so erschöpft aus. Gegen ihren Willen regte sich ihr Beschützerinstinkt. Und eine ungeahnte Zärtlichkeit. Was sollte es schaden, ihm die dunklen Strähnen zurückzustreichen? Noch bevor sie zu Ende gedacht hatte, streckte sie die Hand aus und schob ihm das feuchte Haar aus der Stirn. Es war so weich wie in ihrer Erinnerung. Sacht fuhren ihre Finger hindurch.

 

Langsam drang in sein Bewusstsein, dass er noch immer Shannons schmale Hand hielt. Wenigstens war sie jetzt warm. Kevin wusste, wenn er die Augen öffnete, dann würden furchtbare Kopfschmerzen einsetzen. Das wollte er am liebsten so lange wie möglich hinauszögern. Doch dann war da ein neues Gefühl. Sanfte Finger, die ihm durchs Haar strichen. Kevin öffnete benommen die Augen und blickte direkt in Shannons Gesicht.

„Shannon...“ flüsterte er schwach.

„Ssschhhh. Nicht sprechen.“

Eine Welle aus Schmerz und Schwindel erfasste ihn, als er den Kopf hob, und er musste die Augen wieder schließen.

„Ich muss dir aber was sagen. Ich hatte recht, damals. Niemand kann die Frau ersetzen, die ich liebe.“ Er öffnete die Augen und sah sie schmerzerfüllt an. „Ich liebe dich, Shannon O’Neall. Ich habe dich immer geliebt und ich werde dich ewig lieben.“

 

Shannon starrte ihn entsetzt an. Das war unglaublich. Er hatte es schon wieder getan! Er hatte ihre mühsam um ihr Herz errichteten Mauern mit diesen paar Worten zum Einsturz gebracht. Und er weckte noch immer dieselben Gefühle in ihr, wenn sie in seine sanften Augen sah.

Da war es! Wie ein leichter Stromstoß durchfuhr sie erneut dieses Wiedererkennen der Seelen.

Kevin stöhnte leise auf und schloss die Augen, als versuchte er den Schmerz so auszusperren. Er war ihr so nah, dass sie seinen warmen Atem auf ihrer Wange spüren konnte. Und sie sehnte sich danach, ihn zu berühren. Ihr wissenschaftlicher Verstand warnte sie, dass diese Gefühle durch den Seelenkontakt ausgelöst wurden. Aber es war stärker als sie. Sie streckte eine zitternde Hand aus und streichelte seine Wange. Dann berührte sie seinen Mund. Er öffnete die Augen und sah sie voller Schmerz und Sehnsucht an.

Shannon konnte nicht anders. Sie hob den Kopf und küsste ihn.

 

Kevin erbebte innerlich, als ihre weichen Lippen seinen Mund berührten. Er erwiderte den Kuss voller Zärtlichkeit und Sehnsucht. Und er fürchtete sich vor dem Augenblick, in dem er endete. Denn das würde sein, als verlöre er sie erneut. Dabei war gar nicht sicher, ob sie ihn überhaupt wollte. Nach allem, was er ihr angetan hatte, konnte sie immer noch fortgehen und ihn allein lassen. Er wollte sie festhalten, sie näher ziehen, aber er wagte es nicht. Alles, was er tun konnte, war, sämtliches Gefühl in diesen einen Kuss zu legen, um sie so von seiner Liebe zu überzeugen.

Er weinte bei diesem Kuss.

 

Shannon bemerkte Kevins Tränen. Sie schlang ihre Arme um ihn und hielt ihn fest, löste ihre Lippen von seinen und hauchte zarte Küsse auf seine Wangen. Erst jetzt wagte er es, sie in die Arme zu schließen. Shannon sah ihn an. Er erwiderte ihren Blick verunsichert. Da rutschte Shannon ein Stück zur Seite, zog ihn zu sich auf das Bett und breitete die Decke über ihn. Eng kuschelte sie sich an ihn. Er war angenehm warm und er strahlte noch immer diese Energie aus, die sie brauchte wie Pflanzen das Sonnenlicht.

„Bitte, Kleines, lass mich nie wieder allein.“ flüsterte er mit brechender Stimme in ihr Haar. Er hielt sie fest in seinen Armen. Hier konnte ihr nichts geschehen, erkannte Shannon plötzlich. Hier war sie sicher. Sie war endlich daheim.

 

13. Kapitel

Es dauerte zwei Tage, bis es Kevin so weit gut ging, dass er aufstehen konnte. In diesen zwei Tagen sprachen Shannon und er über alles, was geschehen war. Sie sprachen auch über die Zukunft. Eine gemeinsame Zukunft. Und Kevin heilte dabei, ohne es zu wissen, Shannons Seele. Er war es auch der sie tröstete, als sie erfuhr was mit ihrem Apartment geschehen war. Sylvio schrieb es auch Kevin zu, dass Shannon diese Nachricht keinen Schock versetzte oder sie in Depressionen stürzte. Aber es war dennoch hart für sie, dass sie alles persönliche verloren hatte, das sie besaß. Am härtesten traf sie der Verlust ihrer Fotos. Die Bilder ihrer Eltern und ihrer Großmutter waren für sie unersetzbar. Aber andere konnten ersetzt werden. Jeder der Jungs kramte in seiner Fotosammlung und suchte die Schönsten für Shannon heraus.

 

Einige Zeit später bekamen sich dann AJ und Nick in die Wolle, als sie beide Shannon anboten bei ihnen zu wohnen, bis das Apartment wieder hergerichtet war. Nick kam als erster hereingestürmt und bot ihr an, sobald sie wollte zu ihm überzusiedeln. Shannon sah ihn erstaunt an. Kevin, der neben ihr im Sessel saß, schnaubte entnervt. Im nächsten Moment war dann auch AJ da und fauchte Nick an.

„Und weshalb sollte sie ausgerechnet zu dir ziehen und nicht hier bleiben? Bei dir sieht man doch nicht mehr den Boden vor Kleidungsstücken! Shannon würde sich vorkommen wie in einer Rumpelkammer!“

„Das erzählt gerade der Richtige! Bei dir hier ist es doch nur ordentlich, weil deine Mum regelmäßig zum Aufräumen herkommt!“

„Immerhin hat meine Mum Zeit, um bei mir aufzuräumen! Sie ist ja auch nicht damit beschäftigt, ihrem kleinen Jungen eine Pop-Karriere einzureden!“

„Alexander James McLean!“

„Nicholas Gene Carter!“

„RUHE!“

Das half. Kevin sah sich kopfschüttelnd die Kontrahenten an. „Ihr und eure Spielchen!“ Als jetzt beide gleichzeitig zum Sprechen ansetzten, würgte Kevin sie im Keim ab. „Nein! Ich will gar nicht wissen, wer angefangen hat! Shannon braucht Ruhe! Und wenn sie die hier nicht bekommt, nehme ich sie mit zu mir! Da ist es auch ohne meine Mum immer aufgeräumt!“

Nick und AJ tauschten einen Blick. Wenn Kevin so sauer war, war ein geordneter Rückzug die einzige Alternative. Als die Tür hinter ihnen zu ging, atmete Kevin erleichtert auf. Shannon strich ihm zärtlich über die Wange.

„Mein tapferer Held.“

Kevin lachte auf und barg sein Gesicht an ihrer Schulter.

 

Vier Tage nach Shannons Zusammenbruch kam Gabriel endlich aus Deutschland zurück. Sein erster Gang war natürlich ein Krankenbesuch bei ihr. Er war von Sylvio auf dem Laufenden gehalten worden. Trotzdem war er angenehm überrascht, als Shannon ihn mit einem freudigen Lächeln begrüßte. Sie war längst nicht so blass wie bei seiner Abreise. Auf ihrer einen Seite lag ein selbstzufrieden dösender Wolf auf dem Bett, auf der Anderen saß Kevin, der seine Finger mit ihren verschränkt hatte und - man musste wohl sagen - über sie wachte. Gabe war schon von Sylvio vorgewarnt worden, dass Kevin sofort alle hinausscheuchte, sobald sie nervten oder Shannon müde wurde. Gabriel lächelte unwillkürlich bei dem Bild, das sich ihm da bot. Shannon, bewacht von zwei Wölfen. Und der Rest des Rudels balgte sich unten im Pool. Gabe setzte sich zu Shannon auf die Bettkante und umarmte sie.

„Hallo, mein Kätzchen!“

Das ist immer noch MEIN Kätzchen! erklärte Akela mit geschlossenen Lidern.

„Wer fragt denn dich!“ rüffelte Kevin den Wolf.

„Machen die Beiden das die ganze Zeit so?“ fragte Gabe schmunzelnd.

„Nein! Hin und wieder geben sie auch Ruhe!“ lachte Shannon.

„Ich werde euch zwei mal allein lassen. Ihr habt euch bestimmt viel zu erzählen.“ Kevin ließ Shannons Hand wiederstrebend los und ging zur Tür. „Und dass du dich benimmst, Wolf!“

Als er die Tür hinter sich schloss, konnte Shannon das Lachen nicht länger unterdrücken.

„Wie kommt es, dass er so mit Akela reden darf?“ wunderte sich Gabe grinsend.

„Die Zwei hatten vorgestern einen kleinen Machtkampf. Und Kevin hat gewonnen! Du hättest dabei sein sollen! Seitdem hat Kevin mehr zu sagen. Jedenfalls bis zum nächsten Machtkampf. Akela unterwirft sich nicht gern.“

„Ach ja... Rudelgesetze...“ Er schüttelte, noch immer feixend, den Kopf. „Und wie geht es dir, mein Schatz?“ Automatisch war er in ihrer beider Muttersprache verfallen.

„Seelisch geht es mir viel besser. Körperlich... Sylvio sagt, ich müsse noch mindestens eine Woche im Bett bleiben. Und mein Herz...“ Sie wurde rot.

„Deinem Herzen geht es gut, wenn ich euch zwei so ansehe.“

Shannon nickte, ohne ihn anzublicken. Gabe legte eine Hand unter ihr Kinn und hob ihr Gesicht, bis sie ihm in die Augen sah. Ihre Dunkelgrünen strahlten vor Liebe. Sacht streichelte er über ihre geröteten Wangen.

„Dann muss ich ihm wohl sagen, dass er sich nicht einfallen lassen soll, dir noch mal weh zu tun. Sonst komme ich und prügle ihn windelweich!“

„Ich liebe dich auch, Papa.“

Gabriel schloss Shannon seufzend in die Arme. Wenn das ein Vorgeschmack darauf war, dass Töchter erwachsen wurden, dann wollte er seine stattdessen lieber noch mal durch die Pubertät bringen. Der Gedanke daran, dass seine Sandra schon achtzehn war, ließ ihm kalte Schauer über den Rücken laufen. Wie lange konnte er sie wohl noch beschützen? Und Mary wurde sechzehn...

„Du bist ihnen der beste Vater der Welt.“ beruhigte Shannon. Er hätte es auch besser wissen müssen, als in Gegenwart einer Seelenheilerin so was zu bedenken!

„Eigentlich wollte ich dir etwas ganz anderes erzählen.“ druckste Gabe.

„Dann schieß los.“

„Bruns ist von der Abteilung ‚Innere Sicherheit’ festgenommen worden. Er hat gestanden.“

„Das ist gut.“

„Und dann ist der Rat zusammengetreten und hat beschlossen, wer der neue Direktor werden soll.“

„Aha.“

„Das scheint dich gar nicht zu wundern.“

„Wieso sollte es? Der Posten ist zu wichtig, als dass er unbesetzt bleiben dürfte.“

„Sie haben nur eine Stunde lang beraten.“

„Das ist dann wohl ein neuer Rekord!“

„Das lag vielleicht daran, dass Angela seit neuestem zum Rat gehört.“

„Ich wusste, dass sie Schwung in die Bude bringen würde.“ grinste Shannon.

„Ja, so was hat sie sich in den Kopf gesetzt..... Deshalb hat sie mich vorgeschlagen.“

Shannon sah Gabriel überrascht an.

„Und dann hat sie alle in Grund und Boden geredet. Du kennst sie. Sie gibt nicht auf, ehe ihr alle zustimmen.“

„Und du bist der neue Direktor?!“

„Ich fühle mich nicht so, aber ich bin es wohl...“

Lachend fiel Shannon ihm um den Hals. „Dann wird alles gut! Dann geht es wieder bergauf mit der Organisation!“

Gabriel schob sie ein Stück von sich. „Meine ersten vier Amtshandlungen betreffen dich.“

Shannon erstarrte. „Kommen jetzt eine schlechte, eine schlechtere und die schlechteste Nachricht überhaupt?“

„Das kommt ganz auf den Standpunkt an. Zuerst mal hab’ ich dich wieder zur Hexe befördert. Deine Fähigkeiten als Dämonenjägerin einzusetzen wäre Verschwendung.“

Shannon sah zu Boden. Als Hexe würde sie lokal eingesetzt. Also in den USA. Das war immerhin etwas. Dann  würde sie Kevin hin und wieder sehen können. Aber sich jedes Mal wieder von ihm zu trennen, würde ihr das Herz zerreißen.

„Als zweites habe ich dein Tätigkeitsfeld überdacht. Da du noch zusätzlich Medium und Seelenheilerin bist, wird dein Einsatz auf besonders heikle Fälle beschränkt. Alle normal gelagerten Sachen können andere übernehmen.“

Shannon sah erstaunt auf. Das bedeutete doch, dass sie sehr viel weniger Fälle bearbeitete! Das hieße mehr Zeit mit ihrem Engel!

„Und angesichts deiner angegriffenen Gesundheit habe ich mir erlaubt, dir Sonderurlaub zu gewähren. Das soll heißen, dass du das nächste halbe Jahr frei hast.“

Shannon schrie auf und schlug die Hände vors Gesicht. Wenige Sekunden später stürzte Kevin zur Tür herein, rannte zu ihr und nahm sie besorgt in den Arm.

„Alles in Ordnung, Kleines?“

Sie schüttelte heftig den Kopf. Kevin sah verwirrt zu Gabe, der lauthals lachte.

„Doch, doch! Alles okay! Sie hat nur ein bisschen Urlaub bewilligt bekommen!“

Shannon nahm die Hände herunter und blickte Kevin fassungslos an.

„Sechs Monate...“ flüsterte sie atemlos.

Als er die Bedeutung ihrer Worte erfasste, breitete sich ein strahlendes Lächeln auf seinem Gesicht aus. Ihm fiel Einiges ein, das er ihr in den sechs Monaten zeigen wollte.

„Und wenn ihr euch jetzt wieder etwas abgeregt habt, dann habe ich hier noch was für dich.“ Gabe holte einen dicken braunen Briefumschlag aus seiner Reisetasche und übereichte ihn Shannon. Sie sah ihn zuerst skeptisch an, dann öffnete sie ihn... und war sprachlos. Er enthielt Bilder. Das Erste zeigte eine junge Familie mit einem kleinen Mädchen mit rotblonden Zöpfen. Weiter weg, im Hintergrund, war eine riesige Eiche zu sehen. Das Zweite war ein Foto ihrer Nana. Auf dem Dritten war ihre Nana, mit dem rotblonden Mädchen auf dem Schoß.

„Oh... ihr Götter...“ schluchzte Shannon. Sie legte den Stapel in ihren Schoß, um ihn nicht mit ihren zitternden Fingern fallen zu lassen.

„Ich habe Diana beauftragt, alle Bekannten und Freunde deiner Eltern anzurufen. Und ihr haben sich noch andere Mitglieder angeschlossen. Sie wollten nicht eher ruhen, bis du alle Bilder bekommen hast, die noch existieren. Und damit sie nicht noch mal verloren gehen können, hat Diana sie eingescannt und im Archiv unter deinem Namen abgelegt. Und die hier sind von Susan und den Mädchen.“ Er legte einen weißen Umschlag auf den Fotostapel. „Damit du von deiner Familie auch Fotos hast. Und das ist von Angela.“ Ein zweiter weißer Umschlag kam dazu. „Und sie sagte dazu, wenn du bei den Bildern losheulst, dann soll ich sie anrufen und bescheid sagen. Dann nimmt sie nämlich den nächsten Flug hierher und versohlt dir den Allerwertesten.“

Shannon brach, noch unter Tränen, in Gelächter aus. Das war so typisch Angela! Wie gut sie einander nach all den Jahren noch immer kannten.

„So! Jetzt lass dich mal von Kevin trösten. Ich muss meine Tasche auspacken.“ Gabe ging hinaus.

Shannon kuschelte sich an Kevins Brust. Er hielt sie noch immer schützend im Arm.

„Dein Vater ist wirklich großartig.“ sagte er leise.

„Ja. Das ist er wirklich.“ Shannon lachte. „Er sagte, er würde dich verprügeln, wenn du mir noch mal weh tust.“

„Dann muss er sich aber hinten anstellen.“

„Wieso?“ Shannon sah ihn irritiert an.

„Weil Brian, Nick und AJ mir das auch schon angedroht haben.“ Zärtlich fuhren seine Finger durch ihr Haar.

„Dann werde ich dich wohl vor meiner rachedurstigen Familie beschützen müssen.“ Sie hauchte einen Kuss auf seine Lippen.

„Für den Rest meines Lebens, mein Schutzengel.“ Liebevoll erkundete seine Zunge ihren Mund.

Das Geräusch der Tür, die heftig aufgestoßen wurde, unterbrach die Zwei.

„Verdammt, Nick! Wer hat nur vergessen, dir das Anklopfen beizubringen!“

Shannon küsste Kevin beschwichtigend auf den Hals.

„Ist doch nicht so schlimm. Was ist denn los, kleiner Bruder?“

„Tut mir echt leid!“ Nick wirkte ehrlich zerknirscht.

„Was gibt es denn, Nicky?“ Shannon zog ihn neben sich auf das Bett.

„Ich weiß nicht, ob es jetzt eine gute Gelegenheit ist... Ich komme später noch mal rein.“ Er wollte aufstehen, wurde aber von Shannon am Arm zurückgezogen.

„Raus damit! Was ist los!“

„Ähm... Es... es ist wegen London...“

„Was ist mit London?“

„Sie... sie hat bald ihr Staatsexamen... und dann wollte ich sie besuchen...“

„Das ist toll! Warum druckst du dann hier so rum?“

„Ich dachte... weil du doch auch ein Mädchen bist... du könntest mir nicht vielleicht einen Tipp geben? Ich empfinde doch so viel für sie... und sie... sie...“

„Du möchtest also gern klären, ob da noch etwas ist?“

Er nickte.

„Dann solltest du möglichst viel Zeit mit ihr verbringen. Lade sie doch ein! Zum Examen oder so! Ihr könntet mit uns in den Urlaub fahren! Oder hast du etwas dagegen, Kev?“

Kevin wirkte ziemlich überrumpelt.

„Wenn du es so möchtest, dann habe ich nichts dagegen. Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass du es lernst anzuklopfen!“ fuhr er Nick an.

„Ich schwöre Besserung!“ versprach Nick schnell. „Danke! Ihr zwei seit die Besten!“ Er drückte Shannon einen Kuss auf die Wange und lief hinaus.

„Du weißt doch hoffentlich, was du uns da aufhalst?“ erkundigte sich Kevin.

„Ja. Wir machen Urlaub mit meinem chaotischen kleinen Bruder und dem Mädchen, dass euch vor ein paar Jahren sehr ans Herz gewachsen ist. Das wird bestimmt ein toller Urlaub!“ Shannon war tatsächlich begeistert, also wollte er ihr den Spaß nicht verderben. Er hatte zwar keine Lust, Shannon mit irgend jemanden zu teilen, aber er freute sich doch darauf, London wiederzusehen. Außerdem hatte er ja noch eine Überraschung für Shannon. Und bei dieser Überraschung wären sie, bis auf den Wolf der sich diskret verhalten wollte, völlig allein und ungestört...

 

 

 



Eigene Webseite von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!