1. Kapitel

(Juni 1997)
Der Himmel war grau und wolkenverhangen. Es wurde wieder dunkler. Obwohl es mitten am Tag war, brannte die Lampe über dem Schreibtisch. Die Tastatur klapperte leise, während ihre Finger darüber glitten. Ansonsten war es völlig still im Zimmer.
Plötzlich ertönte Donner aus der Ferne, und erste dicke Regentropfen klatschten an die Fensterscheiben über dem Schreibtisch. Shannon hielt inne, starrte aus dem Fenster und seufzte leise. Akela, der hinter ihr auf dem Boden lag und schlief, zuckte bei dem Geräusch mit den Ohren.
Shannon sah wieder auf den Bildschirm.
"...weshalb er sich, vor allem im Sommer, mit Kleinwild wie Mäusen begnügt. Die Aufzucht der Jungen fällt dem gesamten Rudel zu. Nach der Jagd wird den Welpen..." Shannons Augen wurden blicklos. Wieder ertönte ein tiefer Seufzer.
Akela brummte verhalten und öffnete die Augen einen Spalt. Mitleidig beobachtete er die schmale Gestalt vor dem Computer. Dann schloss er die Augen wieder.
Die Tastatur begann wieder zu klappern, doch einen Moment später hörte das Geräusch wieder auf und Shannon seufzte zum dritten Mal.
Akela stand auf und reckte sich ausgiebig. Na komm, Kätzchen. Du kriegst doch keine vernünftige Zeile mehr zustande. Lass uns Angi besuchen. Die kann dich wenigstens aufheitern.
Shannon seufzte erneut. Dann sicherte sie das Geschriebene und fuhr den Computer herunter. Akela hatte, wie immer, Recht. Angela war ihre beste Freundin. Und wenn es jemand schaffte Shannon aufzumuntern, dann sie.

Minuten später saß Shannon bei Angela im Wohnzimmer und trank ein Glas Cola. Kira, Angelas Siamkatze, lugte vorsichtig in Richtung des Besuchs. Angela versuchte vergeblich sie zu locken.
"Dann eben nicht, du dumme Katze. Dann gibt es auch kein Leckerchen." Sie setzte sich zu Shannon auf die Couch.
"Ich bin nur froh, dass sie Akela nicht sehen kann. Sonst käme sie, wenn ich hier bin, gar nicht erst hinter dem Schrank vor." Seufzend lehnte sich Shannon in die Kissen.
"Was ist denn los mit dir? Hast du eine Sommerdepression?" wollte Angela wissen.
"Ich weiß nicht. Ich fühle mich einfach in der letzten Zeit nicht gut."
"In der letzten Zeit? Seit du von deinem Köln-Trip zurück bist, geht es mit dir ständig bergab!" stellte Angela schonungslos fest.
Abwesend spielte Shannon mit ihrem Amulett.
Akela stöhnte leise. Heute schien nicht mal die willensstarke Angi helfen zu können. Sonst reichte allein ihre Anwesenheit, dass es Shan besser ging.
"Hat in der letzten Zeit keiner von ihnen angerufen?" stieß Angela auf den Kern der Sache vor.
"Ich habe vor drei Wochen mit B-Rok telefoniert. Sie wollten wieder ins Studio. Ihre neue CD ist in Arbeit. Er meinte, sie würden sich melden, sobald sie Zeit haben."
"Und mit Kevin hast du immer noch nicht geredet?"
"Nein. Wir lassen uns von den Anderen gegenseitig grüßen. Ich nehme an, sie erzählen ihm auch was ich so mache. Sie erzählen mir ja auch was er macht." Shannon rieb sich die Stirn und strich ihr rotblondes Haar zurück.
"Du bist ein richtiger Trauerkloß, weißt du das? Ich sollte dich eigentlich rausschmeißen, damit du meine Stimmung nicht auch noch vermiest. Aber dafür habe ich ein zu weiches Herz."
Shannon lächelte ihre Freundin an.
"Wir sehen jetzt einen Videofilm. Eine Komödie." beschloss Angi.
Bevor sie aber ihre Sammlung durchsehen konnte, klingelte Shannons Handy. Sie setzte sich abrupt auf, als sie hörte wer sich am anderen Ende meldete.
"Es ist Nick!"
Angi winkte ab. Für sie waren die Backstreet Boys nur im Zusammenhang mit Shannon interessant.
"Wie geht es euch so? Was macht die CD?" fragte Shannon.
"Wir haben die nächsten zwei Wochen Aufnahmepause. Die anderen Jungs überlegen solange Urlaub zu machen. Getrennt versteht sich. Wir sitzen schon etwas zu lange aufeinander, denke ich."
"Kein Wunder nach dem Tourmarathon. Und jetzt das Ganze schon wieder von vorne."
"Sag mal, Shan? Hättest du nicht Lust für eine Weile rüberzukommen?"
"Fehle ich dir so sehr?"
"Ja, das auch..." druckste Nick herum.
"Raus mit der Sprache. Was ist los?"
"Also, ich habe mir ein Haus gekauft... Mit Anleger für Boote... Aber jetzt habe ich festgestellt, dass es da spukt..."
"WAS? Warum sagst du das denn nicht gleich? Natürlich komme ich. Ich kann in... sagen wir... zwei Tagen bei dir sein."
"Was ist denn?" wollte Angi wissen.
Shannon hielt den Hörer zu. "Er hat sich ein Haus gekauft in dem es spukt."
Angela verzog missbilligend das Gesicht. "So was klärt man normalerweise vorher." Sie begann einen Stapel Tarotkarten zu mischen.
Shannon nickte zustimmend.
"Das wäre echt toll, wenn das ginge." sprach Nick wieder. Er klang erleichtert.
"Ich ruf dich noch mal an, damit du weißt, wann ich genau ankomme. Du holst mich doch ab?"
"Na klar. Bis dann!"
Shannon legte das Gerät weg und hob vom Stapel ab, den ihr Angi hinhielt. Dann legte Angela mit den Karten ein Kreuz, drehte jede einzeln um, und sie besahen sich gemeinsam das Ergebnis.
"Ich bin ja keine geborene Hexe, so wie du, aber ich würde sagen du befindest dich am Scheideweg." Angela tippte auf eine bestimmte Karte. "Und das in zweifacher Hinsicht."
Shannon begutachtete noch einmal die Karten. Zwar hatte Angela die Kräfte, die Shannon angeboren waren, erst mühsam herbeizurufen lernen müssen, aber ihre Einschätzung war richtig.
"Dann musst du mir wohl die Daumen drücken, dass ich den richtigen Weg wähle."
"Das mache ich doch sowieso immer." grinste Angela.

Zwei Tage später stand Shannon auf dem Flughafen von Orlando an der Zollabfertigung.
"Geh doch bitte schon mal nach Nicky suchen. Das hier kann noch ’ne ganze Weile dauern." bat sie ihren unsichtbaren Wolf.
Akela kam nach kurzer Zeit zurück, mit einem breiten Grinsen im Gesicht.
"Was ist denn? Hast du ihn gefunden?"
Ich hab eine Überraschung für dich. tat der Wolf geheimnisvoll.
Als sie kurze Zeit später den Ausgang erreichten, traute Shannon ihren Augen nicht. Da standen eindeutig vier Backstreet Boys mit einem großen Schild "WELCOME TO USA". AJ löste sich sofort aus der Gruppe und stürmte auf sie zu, dicht gefolgt von Nick und Brian. Shannon ließ ihren Koffer stehen und rannte ihnen entgegen. AJ erreichte sie zuerst, hob sie hoch und wirbelte sie herum. Dann kamen die anderen Zwei und umarmten sie. Howie näherte mit dem Schild als letzter und drückte sie.
"Aber ich dachte, ihr seid in den Urlaub gefahren!" stammelte Shannon überwältigt.
"Und dich verpassen? Nie im Leben!" erklärte Brian lachend.
AJ zog sie zu sich heran und drückte ihr überschwänglich einen Kuss auf die Wange.
"Die Überraschung ist gelungen, oder?" schmunzelte Howie.
"Und wie!" Shannon strahlte über das ganze Gesicht.
"Na, dann komm mal. Wir sollten deinen Koffer nicht so unbewacht herumstehen lassen." meinte AJ.
"Wie kommst du denn darauf, dass er unbewacht ist? Akela sitzt genau daneben!"

"Jetzt macht es schon nicht so spannend, Jungs. Wo wohne ich, während ich hier bin?" fragte Shannon wenig später.
"Nun ja, wir wollten dich nicht bei einer unserer Familien unterbringen." erklärte Howie, der am Steuer saß.
"Wir haben ihnen nicht von dir erzählt." gab AJ unumwunden zu.
"Das hätte ich an eurer Stelle auch nicht gemacht. Wer glaubt schon an Magie, Geister und Dämonen. Sie hätten wahrscheinlich die Männer, mit den auf dem Rücken schnürbaren Jacken, geholt." Unangenehme Erinnerungen stiegen in ihr hoch, die sie schnell verdrängte.
"Auf meinem Grundstück gibt es außer dem Haus mit dem Gespenst noch ein kleines Gästehaus. Es ist nicht so komfortabel, aber man kann es darin aushalten." erzählte Nick.
"Ich brauche nicht viel Komfort. Fließendes kaltes und warmes Wasser würden mir reichen. Bei der Wärme, die hier herrscht, braucht man keine Zentralheizung." meinte Shannon.
"Ich habe aber für eine Klimaanlage gesorgt... Bald wird es fast unerträglich heiß, hier in Florida."
Aus dem Autofenster konnte man jetzt das Meer sehen. Ein paar Minuten später waren sie da.
"Wohin ist Kevin denn in den Urlaub gefahren?" erkundigte sich Shannon, als sie vor einem Eisentor hielten.
"Ähm..."
"Tja..."
"Also..."
"Ach..." drucksten die Jungs herum.
Das Tor schwang per Fernbedienung auf und gab die Sicht frei auf eine wunderschöne weiße Villa im Hintergrund und ein kleineres, ebenfalls weißes Gebäude, weiter vorn.
"Jungs, ihr wollt doch nicht etwa sagen..."
Die Angesprochenen sprangen schnell raus, sobald das Auto vor dem Gästehaus zum Stillstand gekommen war, schnappten sich Shannons Gepäck und liefen eilig durch die kleine Eingangshalle und eine Treppe hinauf. Shannon folgte ihnen durch die Haustür. Hier war es angenehm kühl.
"Was macht Kevin hier?" fauchte sie den Flüchtenden hinterher.
"Ich würde sagen, er baut eine neue Klimaanlage ein." sagte eine ruhige dunkle Stimme hinter ihr.
Shannon fuhr herum.
Da stand er, lässig an einen Türrahmen gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt. Er sah sie sanft, fast zärtlich an. Ihre Blicke trafen sich und Shannon meinte in seinen Augen zu ertrinken. Auf diese Entfernung konnte sie es nicht sagen, jedoch glaubte sie zu wissen dass seine Augen heute grün strahlten. Sie wollte es nicht genau herausfinden.
"War es deine Idee?"
"Was?" fragte er irritiert.
"Mich herzulocken. Die Geschichte mit den Gespenstern ist doch von dir, oder?"
"Du kennst mich nicht besonders gut, was? Glaubst du wirklich, ich lasse mir so was einfallen um dich hierher zu bekommen?"
Shannon antwortete nicht. Stattdessen sank sie in eine Halbtrance und tastete das Gelände nach übersinnlichen Energien ab. Und sie fand tatsächlich welche im Haupthaus.
"Dann hast du vielleicht Nicky beim Hauskauf beraten. Und als deine medialen Kräfte dir zeigten was hier los ist, hast du ihm zugeredet es zu nehmen. Denn Nicky musste mich anrufen. Er kennt ja sonst keinen, der in diesen Fällen hilft." erklärte Shannon verbittert.
Kevin hatte sie die ganze Zeit ruhig angesehen. Jetzt löste er sich vom Türrahmen und kam langsam auf sie zu.
"Nein. Ich habe mit Nicks Wahl nichts zu tun." sagte er, als er vor ihr stand, "Aber als Nick mir das Haus zeigte, hatte ich ein ganz mieses Gefühl. Wir haben in Schlafsäcken eine Nacht da verbracht. Viel Schlaf haben wir allerdings nicht bekommen. Und dann habe ich Nick geraten dich anzurufen, denn ICH kenne keinen anderen, der ihm hätte helfen können." Er streckte eine Hand aus und strich ihr eine Haarsträhne hinters Ohr. Seine grünen Augen funkelten.
"Und dann bat Nick mich, für ihn eine Klimaanlage einzubauen. Weil er Besuch von unserer kleinen Hexe bekommen würde." Er lächelte sie liebevoll an.
Shannon wünschte sich, einfach gehen zu können, aber sie konnte keinen Finger rühren. Sie konnte ihn nur ansehen. Er hatte sich in den letzten vier Monaten nicht verändert. Er war immer noch genauso schön. Das dunkelbraune Haar trug er jetzt etwas kürzer, aber das stand ihm ausgezeichnet. Shannon wäre gern mit den Fingern hindurchgefahren.
"Was tust du wirklich hier?" flüsterte sie.
"Ich habe dich vermisst." antwortete er ebenso leise. Er strich ihr über die Wange.
"Wie lange bleibst du?"
"Dieses Haus ist ziemlich renovierungsbedürftig." Seine Finger glitten in ihr Haar. "Und wie lange bleibst du?"
Sie wollte sagen, dass sie den nächsten Flug zurück nahm. Oder den Ersten Morgen früh.
"Ich habe zwei Wochen freigenommen." kam von ihren Lippen.
Kevins Augen leuchteten auf.

"Was machen die beiden jetzt?" wollte AJ wissen.
"Sie stehen sich immer noch gegenüber und reden." antwortete Nick genervt vom Treppenabsatz.
Brian fragte sich belustigt, ob ihn AJ´s Fragerei nervte oder die Tatsache, dass sich in der Eingangshalle eigentlich gar nichts tat. Als Kevin die Gespenster im Haupthaus entdeckt hatte und Nick riet Shannon zu verständigen, war in den Anderen sofort der Plan herangereift die Beiden zusammenzubringen. Kevin war in den letzten Monaten unerträglich geworden. Ständig hatte er irgendeinen Grund gefunden sie zurechtzuweisen oder ihnen Gardinenpredigten zu halten. Und alle, bis auf Sweet D, der ja immer Verständnis hatte, hätten ihn des öfteren ermorden mögen. AJ´s Diagnose war klar und einfach: Sexuelle Frustration. Brian und Howie nannten es Liebeskummer und bei Nick hieß es Hexenwahn. Und die Lösung des Problems sträubte sich anscheinend immer noch, das Problem zu küssen.
"Was machen die beiden jetzt?"
"Alexander James McLean! Ich werfe dich gleich die Treppe runter, dann erlebst du es hautnah mit!"
"Nicholas Gene Carter, so darf mich nur meine Mom nennen! Warum kaufst du auch ein Haus, in dem nur einer auf dem Treppenabsatz Platz hat! Was machen sie nun?"
"Nichts! Doch warte, er streichelt ihr Gesicht! Und jetzt fährt er ihr durchs Haar!"
"Das ist unwichtig. Was macht sie?" warf Howie ein. Er war dagegen zu lauschen, aber neugierig war er doch.
"NICHTS!" zischte Nick.
Das war eindeutig ein schlechtes Zeichen.

Shannon reagierte nicht auf seine Zärtlichkeiten. Das war ein schlechtes Zeichen. Sie wich aber auch nicht vor ihm zurück. Und sie hatte zwei Wochen frei! Was allerdings nicht hieß, dass sie nicht bei der ersten Gelegenheit vor ihm flüchten würde. Er musste sehr behutsam mit ihr umgehen. Und das, obwohl er sie am liebsten sofort heiß geküsst hätte.
"Darf ich dir das Haus zeigen?" Das würde ihn wenigstens davon ablenken, über sie herfallen zu wollen.
Sie nickte stumm. Er nahm vorsichtig ihre Hand. Sie wirkte in seiner großen, kräftigen sehr zerbrechlich. Zuerst besichtigten sie die untere Etage. Das Wohnzimmer wirkte etwas heruntergekommen. Die Tapete hing an einigen Stellen von den Wänden, das Parkett war stumpf und verkratzt und die wenigen Einrichtungsgegenstände waren gegen den Staub mit Tüchern verhängt. Kevin hatte die noch entfernen wollen, damit Shannon sich hier wohl fühlte, aber der Einbau der Klimaanlage hatte sich länger hingezogen, als er gedacht hatte.
Der nächste Raum war die Küche. Sie war groß und gemütlich. Hier hatte er bereits Hand angelegt. Er mochte es nicht, in einem schmutzigen Raum zu kochen. Auf dem Herd stand ein großer Topf mit Pasta.
Dann war da noch sein ganz besonderer Favorit: das Musikzimmer. Hier stand mitten im Raum ein Flügel, der sogar richtig gestimmt war. Ein Wunder, betrachtete man den Gesamtzustand des Gebäudes. Shannon strich mit den Händen bewundernd über die glänzende Oberfläche. Kevin setzte sich an die Tasten.
"Darf ich etwas für dich spielen?" Er nahm die Sehnsucht, die kurz in ihren Augen zu sehen war, als Antwort. Sanft erklangen die ersten Töne eines Liedes, das er schon die ganze Zeit im Ohr hatte. "anywhere for you". Er meinte jeden Ton ernst, aber er sang nicht. Er wollte ihr keinen Anlass bieten, plötzlich zu verschwinden.

"Ich gehe da jetzt runter!"
"Nein, Nick! Wer weiß, wo du jetzt reinplatzt!"
"Wo soll ich schon reinplatzen? Du hörst doch die Musik! Also weißt du auch, wo Kev seine Hände gerade hat, D. Außerdem ist das immer noch MEIN Haus."
"Ja. Seit gerade sechs Wochen. Und du hast, im Gegensatz zu Kevin, noch keine Nacht hier verbracht." merkte Brian an.
Nick verzog das Gesicht zu einem Schmollen.
"Kevin hat ja auch im Haupthaus keine Angst gekriegt. Ganz im Gegensatz zu mir."
"Angst haben und sie zeigen sind zwei verschiedene Dinge, Nick" mischte sich AJ ein.
"Hackt nicht so auf ihm rum. Ihr hättet hier auch nicht schlafen wollen." meinte Howie.
Brian und AJ sahen einander an. Eins zu Null für D.
"Ich gehe jetzt jedenfalls runter." Nick ging zur Treppe, dort blieb er stehen und sah die Anderen bittend an. "Kommt ihr mit?"
Sie kamen.
Sie fanden Kevin und Shannon im Musikzimmer. Gerade waren die letzten Töne seines Spiels verklungen. Kevin sah auf und bemerkte den Auflauf an der Tür. Shannon rührte sich nicht. Sie stand am Flügel, die Hände ineinander verkrampft und schien mit den Tränen zu kämpfen. Kevin funkelte die Jungs an. Wenn sie sofort lautlos verschwanden, hätte er noch eine Chance Shannon in den Arm zu nehmen und zu trösten.
Lautlos ging es bei vier Jungs auf einem Quadratmeter aber nicht... AJ drehte sich zu schnell um und hieb Brian versehentlich seinen Ellenbogen in den Magen. Brian stöhnte auf und Shannon fuhr herum. Kevin schloss die Augen schüttelte resigniert dem Kopf.
"Hi!" Brian verzog sein Gesicht schmerzerfüllt. Die anderen wirkten betreten.
"Hast du Schmerzen?" fragte Shannon Brian besorgt. Brian erklärte ihr kurz, warum er sich eine Hand auf den Bauch presste.
Kevin hatte kein Mitleid. Er überlegte fieberhaft wie er die Jungs unauffällig aus dem Haus schaffen könnte, damit sie ihm nicht ständig dazwischenfunkten. Allerdings würde er Mord wohl nur als letztes Mittel einsetzen. Sonst hätte er zu vielen Leuten etwas zu erklären...
"Ich hab Hunger." meinte Nick gerade.
"Wann hast du keinen Hunger?" frotzelte AJ.
"Das Essen ist fertig. Wir können in die Küche gehen." ergab sich Kevin. So schnell wurde er sie scheinbar nicht los.

Das Essen verlief, wenn man die Backstreet Boys kannte, vergleichsweise ruhig. Zufrieden stellte Kevin fest, dass es Shannon schmeckte. Wenn Liebe tatsächlich durch den Magen gehen sollte, müssten ihm jetzt eigentlich Türen und Tore offen stehen.
Akela hatte sich seit dem Flughafen ruhig verhalten. Sein Kätzchen war, seit sie mit Nick telefoniert hatte, wie ausgewechselt. Wäre er nicht die ganze Zeit an ihrer Seite geblieben, hätte er vermutet sie sei ausgetauscht worden. Aber woran lag das? Bis sie ihm gegenüberstand hatte sie doch keine Ahnung gehabt, dass Kevin hier war. Nur gut, dass er gleichzeitig fressen und grübeln konnte. Sonst wäre eins von beidem zu kurz gekommen. Kevin hatte ihm eine große Portion direkt vor die Schnauze gestellt. Es war sehr angenehm mal nicht übersehen zu werden.
"Was machen wir denn heute Nachmittag? Sollen wir dir die Stadt zeigen? Dann könnten wir auch eine Shopping-Tour machen. Du bist für Florida, glaube ich, zu dick angezogen." meinte AJ.
"Ich sehe mir gern die Stadt an. Aber das mit dem Einkaufen kannst du gleich wieder vergessen, AJ. Es gibt fast nichts, das ich mehr hasse." lehnte Shannon ab.
Klappernd landete AJ´s Gabel auf dem Tisch. Er starrte sie mit offenem Mund an. "Du... du HASST EINKAUFEN?" fragte er geschockt. Die Anderen brachen in schallendes Gelächter aus, als sie seine Miene sahen.
"Tja, AJ. So was soll es geben." erklärte Howie.
Akela sah von seinem Teller auf. Verhaust du AJ jetzt oder später?
Später! sagte Shannon entschieden.
"Aber, wie kommst du dann an neue Klamotten?" wollte AJ wissen.
"Ich lasse mir was schicken. Wenn es mir gefällt, nehme ich es."
"Du... du lässt es dir SCHICKEN?"
Soll ich noch mal fragen oder... hob Akela an.
Nein! Ich verhaue ihn jetzt! Unter Applaus und Gelächter der Anderen stürzte sie sich auf AJ. Er war größer und stärker und auch einige Pfund schwerer als sie, aber das fiel nicht sehr ins Gewicht. Shannons jahrelanges Training machte sich in Sekundenbruchteilen bezahlt. Blitzschnell fand AJ sich bäuchlings auf dem Boden wieder, mit einem Knie in seinem Rücken und seinen Armen in einem unerbittlichen Polizeigriff.
Brian hockte sich vor ihn. "Und? Ein paar letzte Worte?" fragte er erheitert.
"Ja! Hiiiiiilfeeeeee!" Die Jungs lachten Tränen.
Lass gut sein. Wir brauchen ihn vielleicht noch. grinste der Wolf. Shannon ließ widerstrebend los.
"Mal ehrlich, was möchtest du heute gern machen?" erkundigte sich Brian, als sie sich wieder beruhigt hatten und nur noch Nick hin und wieder, mit einem Blick auf AJ, kicherte.
"Na, wenn ihr unbedingt wollt, dass ich mich wie im Urlaub fühle... ich war seit sieben Jahren nicht am Meer."
Jetzt starrten alle sie entsetzt an.
"Guckt doch nicht so entgeistert! Es gibt Menschen, die nie den Ozean zu sehen kriegen."
"Sieben Jahre? Ich kann mir das nicht mal vorstellen." überlegte Nick.
Kevin stand auf. "Es gibt ein paar Sachen, denen sofort abgeholfen werden kann. Und das gehört zufällig dazu. Darf ich Mylady zum Strand begleiten?" Kevin verbeugte sich überschwänglich und hielt Shannon dann die Hand hin. Ihre Augen trafen sich und einen Moment gab es nur sie beide. Shannon legte langsam ihre Hand in seine und er hauchte einen Kuss darauf, ohne den Blick von ihr abzuwenden.
Es tut mir wirklich leid euch zu stören, aber Shannon ist ein sehr heller Typ. Wenn sie an den Strand geht, solltest du sie vorher eincremen. rief Akela in Erinnerung.
Augenblicklich wurden beide rot, weil sie sich vorstellten wie Kevin Shannon eincremte... und wo. Akela grinste zufrieden.
"Ja... ja... ich sollte aufpassen... mit meiner Haut." stammelte Shannon.
"Dann bringe ich dich hoch in dein Zimmer." Kevin hatte sich scheinbar schneller wieder unter Kontrolle.

Minuten später stand Shannon eine Etage höher in einem Zimmer, das sie stark an ihr altes Mädchenzimmer im Haus ihrer Eltern erinnerte. Schöne Erinnerungen an eine längst vergangene Zeit. Es stand ein Himmelbett darin. Die Vorhänge am Bett und am Fenster waren elfenbeinfarben und mit kleinen Blumensträußchen bedruckt. Shannon erkannte Vergissmeinnicht und Tränende Herzen. Die Kommode war beige und hatte einen verschnörkelten Spiegelaufsatz. Außerdem gab es noch einen Schrank in der selben Farbe.
"Es ist wunderschön!" flüsterte Shannon gerührt.
Kevin, der hinter ihr stand, freute sich über das Kompliment. Er hatte die Möbel auf dem Dachboden des Haupthauses gefunden und sofort an sie gedacht. Er wollte sie so gern verwöhnen, also hatte er die Sachen mit Howie und Brian herübergebracht. Die Plackerei hatte sich doch gelohnt, wenn er sah wie Shannon sanft mit der Hand über die Eichenpfosten des Bettes strich.
"Soll ich wirklich hier schlafen?" fragte sie mit großen Augen.
Er trat an sie heran und fuhr mit dem Finger zärtlich über ihre Nase. "Das hier ist das Zimmer einer Frau. Und soweit ich sehen kann, bist du die einzige Frau weit und breit." Wieder sahen sie einander in die Augen.
Akela seufzte. Wenn er nicht aufpasste, würden die Beiden vielleicht zwei Wochen lang in einer Ecke stehen und sich einfach nur ansehen. Das war aber nicht Sinn der Sache. Da musste schon mehr dabei herumkommen. Er räusperte sich vernehmlich.
Ähem. Sonne? Strand? Sonnencreme? Das letzte Wort brachte den Erfolg. Die Beiden wurden rot und fuhren auseinander.
"Ich packe dann mal schnell meinen Koffer aus."
"Und ich sehe, dass die Chaoten da unten keinen Unsinn treiben."
Kevin ging durch den kurzen Flur, von dem insgesamt vier Türen abgingen und wollte die Treppe runterlaufen, als Akela ihn rief und er sich zu ihm umdrehte.
Du hast dir viel Mühe gegeben. Aber das reicht bei Shannon nicht aus. Erinnerst du dich daran, dass ich dir sagte, sie fasse schwer Vertrauen?
Kevin nickte.
Das liegt daran, dass ihr jemand sehr weh getan hat. Verstehst du, was ich meine?


2. Kapitel

Kevin wurde kreidebleich. Das also war es! Irgend ein mieser Kerl hatte Shannon...
Ich hätte damals alles gegeben um es zu verhindern. Aber ich war jung und konnte mich nicht projizieren. Ich konnte nur zusehen... Und beten, dass sie es übersteht.
"Oh mein Gott!" kraftlos ließ sich Kevin auf die oberste Treppenstufe sinken und vergrub das Gesicht in den Händen. Wenn er sich vorstellte wie Shannon, ein junges Mädchen noch, und dann kam so ein Mistkerl... Er stieß den schlimmsten Fluch aus, den er kannte. "Wer war das!" Er war völlig außer sich. Wenn er den Mann erwischen könnte, wäre dem ein qualvoller Tod gewiss.
Tut mir leid. Du bist drei Jahre zu spät dran. sagte der Wolf grimmig.
Kevin verstand. Wer hätte ihn auch davon abhalten wollen. Er selbst hätte es genauso gemacht.
"Ich hoffe, du hast ihn leiden lassen."
Ja! So wie mein Kätzchen gelitten hat! Die roten Augen des Wolfs funkelten wild.
Kevin fuhr sich mit den Fingern durchs Haar.
Ich erzähle dir das alles, damit du weißt wie du nicht vorgehen darfst. Sie kommt damit ganz gut klar, aber wenn du mit ihr... du weißt schon... Ich habe keine Ahnung wie sie dann reagiert. Es wäre ihr erstes Mal. Und dann diese Vorgeschichte.
"Ich wusste, dass sie noch nicht mit einem Mann geschlafen hat. Aber wenn sie..." Kevin schluckte mühsam. "Wenn sie vergewaltigt wurde, kann es Jahre dauern, bis sie zulässt dass ich sie auf diese Art berühre. Und ich habe nur zwei Wochen. Maximal."
Ich sagte nie, dass es einfach wird.
"Nein. Das sagtest du nicht." bestätigte Kevin. Müde rieb er sich die Stirn.

Shannon stand mit kritischem Gesicht vor dem Spiegel. Sie zog eine Grimasse, denn was sie sah gefiel ihr gar nicht. Angi hatte ihr gesagt, man könnte nicht ohne Badeanzug nach Florida fliegen. Jetzt stand sie hier, in einem schwarzen Einteiler und spürte förmlich schon die Blicke auf ihrer Haut brennen. Schaudernd rieb sie sich über die Arme. Dann nahm sie das lange blaue Strandkleid vom Bett und zog es über. Sie hatte Angis Forderung erfüllt und trug einen Badeanzug. Das hieß jedoch nicht, dass man das auch sehen musste.
Akela kam herein. Durch die geschlossene Tür, wie so häufig.
Du siehst wunderschön aus, Kätzchen. Hast du dich eingecremt?
Jaaa doch, Papa...
Shannon drehte sich noch einmal vor dem Spiegel. Der Saum fiel weich um ihre Knöchel. Die Ärmel waren weit geschnitten und endeten an den Fingerspitzen. Ansonsten war es so körperbetont, dass Shannon Skrupel hatte, ob es nicht ebensoviel zeigte wie der Badeanzug.
Du bist wirklich wunderschön. Und du brauchst keine Angst zu haben. Es sind schließlich fünf junge Männer und ein Wolf um dich herum, die dich bis aufs Blut verteidigen würden.
Shannon beruhigte das nicht grade... Sie schlüpfte in ihre Sandalen, als es an ihre Tür klopfte.
"Shan? Bist du fertig?"
Anstatt zu antworten öffnete sie die Tür.
"Wow!" Kevin blieb der Mund offen stehen.
Einerseits fühlte Shannon sich geschmeichelt, aber andererseits fühlte sie sich unter seinem Blick nackt. Und am Strand wären viele, die sie so ansahen...
Akela wusste sofort was los war. Also drängte er sich an Shannon vorbei auf den Gang und schubste sie dabei ‚zufällig’ direkt in Kevins Arme.
Oh, tut mir leid, Kätzchen.
Shannon wurde feuerrot. Kevin hatte, um sie aufzufangen, beide Arme um sie geschlungen und sein Gesicht war so dicht bei ihrem, sein Mund ihren Lippen so nah, dass ihr der Atem stockte.
Kevin wirkte überrascht. Er gab ihr einen leichten Kuss auf den Mund und stellte sie wieder auf die Füße. Shannon strich mit zitternden Fingern ihr Kleid glatt.
"Wollen wir dann?" fragte Kevin. Shannon nickte wortlos – für eine Antwort hätte sie atmen können müssen – und ging vor ihm zur Treppe. Von ihr unbemerkt, zwinkerte Akela Kevin kurz zu.

Die anderen Jungs waren von Shannons Kleid ebenso begeistert wie Kevin.
"Hey! Was ich vorhin, über zu dick anziehen und einkaufen und so, gesagt habe, dass vergiss einfach, okay? Du siehst wirklich wundervoll aus." meinte AJ. Die Anderen nickten zustimmend.

Sie fuhren in zwei Autos. AJ und Nick mit Howie, und Shannon, Akela und Brian mit Kevin. Nick, der sich gut auskannte, lotste die Anderen zu einer Stelle, wo nicht so viel los war. Dann wurden die Strandlaken ausgebreitet, die ersten Getränke verteilt und die Lage sondiert. (Vor allem von Nick und AJ, die sich über die Mädchen in knappen Bikinis unterhielten.)
Mit ihrem Strohhut auf dem Kopf versuchte Shannon die Sonne und den Strand zu genießen, schließlich kam sie aus dem verregneten Deutschland, aber es gelang ihr nicht sich zu entspannen. Mit halbem Ohr bekam sie mit, wie sich die Zwei über besonders große... Argumente unterhielten. Schließlich stand sie auf, und schon im nächsten Moment war Kevin neben ihr.
"Möchtest du ein bisschen laufen?"
Shannon sah ihn, unter der breiten Hutkrempe hervor, an und nickte. Kevin nahm ihre Hand und sie gingen am Strand entlang.
Nach einer Weile zog Shannon ihre Sandalen aus. Kevin erbot sich galant, sie für sie zu tragen. Seine hatte er bei den Jungs gelassen. Das Wasser umspülte kühl ihre Füße und benetzte Shannons Rocksaum. Akela folgte in einigem Abstand und schnüffelte an Treibgut und Algen.
Sie sprachen nicht. Das brauchten sie irgendwie nicht. Shannon genoss einfach den Tag und Kevins Gegenwart, die ihr ein Gefühl der Sicherheit vermittelte. Nach einer Weile legte er ihr seinen Arm um die Taille und zog sie etwas zu sich heran. Es fühlte sich so gut und natürlich an, dass Shannon ebenfalls einen Arm um ihn schlang und sie so, Arm in Arm, weiter gingen.
Sie kamen zu einer idyllischen kleinen Bucht, in der ein Steinhalbkreis den Strand von der Vegetation trennte. Hohe Palmen warfen ihre Schatten über Felsen und Sand.
Genau dorthin führte Kevin Shannon. Er nahm ihr den Strohhut ab und fuhr sacht mit der Hand durch ihr rotgoldenes Haar. Dann setzte er sich in den Sand, mit dem Rücken an einen großen Findling, zog sie zu sich hinunter und legte die Arme um sie.
Zuerst versteifte sich Shannon, aber dann entspannte sie sich langsam. Kevin zog sie behutsam näher, bis sie zwischen seinen angewinkelten Beinen saß und mit dem Rücken an seiner Brust lehnte. Shannon verlor ihre Anspannung ganz und kuschelte sich an ihn.
Allmählich begann sich der Jetlag auszuwirken und sie wurde müde. Schließlich schlief sie ein.
Kevin sah belustigt auf seine kleine schlafende Hexe hinunter und küsste sanft ihre Schläfe.
Akela gesellte sich zu ihm. Scheinbar hatte er jetzt genug geschnüffelt. Mit hängender Zunge ließ er sich neben ihnen fallen und wenig später schlief auch er.
Kevin hing seinen Gedanken nach. Den Schock von vorhin musste er immer noch verdauen. Er wusste einfach nicht, wie er bei Shan weiter vorgehen sollte. Jede Berührung konnte ihre Erinnerung auslösen und ihr Vertrauen in ihn auf einen Schlag zerstören.
Am liebsten hätte Kevin sich an eine Selbsthilfegruppe für Vergewaltigungsopfer gewandt. Die wären bestimmt in der Lage, ihm den einen oder anderen Ratschlag zu geben. Aber die würden mit Shannon sprechen wollen und Shannon würde erfahren, dass Akela es ihm erzählt hatte. Das würde ihr Vertrauen in sie beide erschüttern. Shannon brauchte Akela. Wahrscheinlich brauchte sie ihn von allen Menschen, oder eher Wesen, auf der Welt am nötigsten. Kevin konnte es nicht riskieren die Beziehung der Beiden zu stören, denn wenn sie auch nach diesen zwei Wochen nicht bei ihm bleiben wollte, brauchte er die Gewissheit dass der Wolf auf sie aufpassen würde. Resigniert lehnte er den Kopf an den Felsen.

Als Kevin und eine ziemlich müde Shannon eine ganze Weile später zu den anderen Jungs zurückkehrten, saßen die auf den Strandlaken, hörten Musik mit dem Ghettoblaster und sahen betrübt aus. Jedenfalls zwei von ihnen.
"Was ist denn hier los?" erkundigte sich Kevin.
"Nick und AJ haben vorhin zwei Mädchen angequatscht und eine Abfuhr gekriegt." erzählte Brian.
"Und was für eine!" stimmte AJ zu.
Shannon hockte sich zwischen die Beiden und sah von einem unglücklichen Gesicht ins andere. "Was haben sie denn gesagt?" fragte sie.
"Sie meinten, wenn wir mal nicht mehr das Fläschchen kriegen, könnten wir es noch mal versuchen." erzählte Nick niedergeschlagen.
Kevin drehte sich weg um sein Schmunzeln zu verbergen, doch Akela rollte ganz offen, nach Luft ringend, über den Sand.
Shannon schloss die beiden Unglücksvögel in die Arme. "Wenn die euch so runtermachen, haben sie euch gar nicht verdient!" erklärte sie vehement.
Fasziniert beobachtete Brian dieses Bild. Zwei hilflose kleine Jungs, die sich schutzsuchend an ihre Mama drückten. Jetzt hätte er sich seinen Photoapparat gewünscht. Oder, noch besser, ein Kamerateam von Mtv. Aber die waren ja nie da, wenn man sie brauchen konnte.
Nach dieser Pleite für die Zwei, blieben sie nicht mehr lange am Strand. Shannon konnte sich auch vor Müdigkeit kaum noch auf den Beinen halten. Brian und Howie nahmen sie auf dem Weg zu den Autos in ihre Mitte.
"Mir geht das auch immer so. Ich schlafe dann ein, weil ich mit der Zeitumstellung nicht klar komme. In Deutschland ist es jetzt ein Uhr nachts. Kein Wunder dass du müde bist." meinte Howie verständnisvoll.
"Howie, erzähl keine Geschichten. Du schläfst immer und überall ein. Das würde ja nicht weiter auffallen, aber dann fängst du auch noch an zu schnarchen." berichtigte Brian ihn grinsend. Shannon lachte.
Als sie bei Nicks Villa ankamen, schlief sie. Sie hatte den Kopf an Brians Schulter gelegt und der hatte liebevoll seine Arme um sie geschlungen. Kevin hob sie vorsichtig aus dem Jeep und trug sie nach oben. Akela zog für ihn die Tagesdecke auf dem Bett zurück, und Kevin legte sie hinein. Dann strich er ihr zärtlich übers Haar.
Du solltest ihr wenigstens das Kleid ausziehen.
"Ich hab Angst sie zu erschrecken." flüsterte Kevin.
Warte einen Moment. Der Wolf leckte der Schlafenden sanft über die Wange. Shan! Hey, Shannon! Na komm, Kätzchen. Blinzle mal für mich.
Verschlafen öffnete sie die Augen und rieb sie mit der Faust. "Was ist denn?" murmelte sie verschlafen.
Kevin schmunzelte. Sie klang wie ein kleines Mädchen. Und sie sah im Moment auch so aus.
Du hast noch dein Kleid an, Süße. Möchtest du das ausziehen?
Shannon sah an sich hinunter.
"Mmmhmmm." Sie war immer noch nicht wach.
Kevin öffnete für sie die Knöpfe und zog es ihr behutsam über den Kopf. Darunter kam der Badeanzug zum Vorschein.
Oh nein. Den habe ich ganz vergessen.
Kevin war einerseits enttäuscht, schließlich hätte er Shannon möglicherweise in Unterwäsche sehen können, andererseits regte der Badeanzug seine Fantasie bereits genug an. Er hatte vorn einen Reißverschluss und Kevin stellte sich unverzüglich vor, ihn zu öffnen. Da war wohl die nächste kalte Dusche fällig.
Shannon hatte sich auf die Seite gedreht und schlief wieder fest.
Ich fürchte, den wird sie anbehalten. meinte Akela mit wissendem Grinsen in Kevins Richtung. Der seufzte und deckte sie dann fürsorglich zu. Der Wolf sprang aufs Bett, drehte sich einige Male um sich selbst und legte sich neben Shannon.
Morgen Nacht vielleicht.
"Ja. Vielleicht. Gute Nacht, Wolf."
Gute Nacht, Mensch.


3. Kapitel

Shannon erwachte von etwas, das sie zuerst nicht einordnen konnte. Es war tief in der Nacht. Der Mond schien durch das Fenster herein und sie konnte alles klar erkennen. Aber dank ihrer Hexensicht hätte sie auch ohne Mond genug gesehen.
Akela, neben ihr, war wach und lauschte. Da ist etwas. Jemand singt. Aber das ist keiner von den Jungs. Er sah sie an.
Shannon stand auf, zog sich ihre Sandalen über und griff nach dem Bademantel, der an der Tür hing. Während sie ihn sich noch überstreifte, war sie bereits draußen. Akela sprang vom Bett und folgte bei Fuß.
Auf dem Flur hielt Shannon inne. Leise öffnete sie die nächste Tür. Im Zimmer, auf einem Doppelbett, das nur mit einer Matratze ausgestattet war, lagen Nick und Brian in Schlafsäcken und schliefen friedlich. Der Mond versilberte die ganze Szene. Es juckte Shannon bei diesem Anblick in den Fingern. Hätte sie Zeit gehabt, hätte sie vielleicht ihre Schlafsäcke aneinandergenäht. Aber sie hatte jetzt keine Zeit. Zum Glück für die Beiden.
Shannon öffnete die Tür auf der gegenüber liegenden Seite. Hier war es wirklich dunkel, aber Hexen brauchen kein Licht um zu sehen. Die Einrichtung bestand aus einem alten Sofa und einem Doppelbett. Von dem Sofa ertönte leises Schnarchen. Unter einem Kissen hervor...
Ich wette, das hat AJ Howie auf den Kopf gelegt. Um ihn leiser zu stellen. Akela kicherte.
Im Bett lagen ein schlafender AJ und Kevins leerer Schlafsack.
Er kann noch nicht lange weg sein. meinte der Wolf. Willst du ihn suchen gehen, oder dem Gesang folgen?
Ich schätze mal, das kommt auf das selbe raus. antwortete sie.
Geräuschlos schlichen die Zwei die Treppe runter und nach draußen. Hier war es deutlicher zu hören. Sie hielten sich im Schatten der Bäume, die die Zufahrt zur Villa wie Wächter umstanden. Das Haus lag dunkel vor ihnen. Als Shannon die Tür erreichte, fühlte sie ein Prickeln im Nacken. Der Geist war heute aktiv. Aber er schien ruhig und friedlich. Und er sang noch immer.
Shannon berührte die Tür, die ein Stück offen stand. Sofort glitt sie weiter auf und Shannon trat ein. Sie stand in einer Halle, die ein ganzes Stück größer war als die im Gästehaus.
Witternd stellte sich der Wolf neben sie. Kevin ist hier irgendwo. Aber ich kann nicht sagen wo. Diese verdammten Klimaanlagen wirbeln die Luft dermaßen durcheinander, dass ich keine Spuren lesen kann!
Shannon strich dem Wolf beschwichtigend über den Kopf und folgte dann der Musik. Durch einen Türbogen betrat sie einen Raum, der wohl das Wohnzimmer sein sollte. Er war riesig und leer. Durch die Fenster schien der Mond herein und tauchte alles in sein unwirkliches Licht.
Shannon spürte plötzlich, dass sie nicht allein waren. Sie drehte sich um und sah Kevin reglos im Schatten einer Tür stehen. Er sah in einen anderen Raum hinein. Shannon ging lautlos zu ihm, gefolgt von Akela, und sah an ihm vorbei, durch die Tür.
Es war die Küche. Glänzender Marmorboden, großer Ceranherd, blanke Arbeitsflächen und ein Mädchen, dessen vom Mondlicht beschienene Teile einfach unsichtbar wurden. Sie tanzte zu der Melodie, die sie summte. In der Hand hielt sie eine altertümliche Öllampe. Sie wirkte unbeschreiblich glücklich, wie frisch verliebt.
Shannon öffnete sich für die Energien, die auf sie einströmten. Sie spürte deutlich noch eine andere Präsenz. Jemand, der Kevin und sie beobachtete! Akela fühlte es zur gleichen Zeit und sie fuhren gemeinsam herum.
Da war nichts zu sehen, aber sie fühlte es ganz deutlich. Der Wolf begann zu knurren. Der Laut stieg tief aus seiner Kehle auf und wurde stetig geräuschvoller und drohender. Akela zog die Lefzen zurück und entblößte zwei Reihen scharfer Zähne. Sollte irgend etwas sein Kätzchen angreifen, musste es erst an ihm vorbei...
Die Präsenz verschwand, so schnell wie sie gekommen war.
Kevin, der Akela knurren gehört hatte, sah Shannon fragend an. Sie schüttelte den Kopf und bedeutete ihm, es später zu erklären.
Das Geistermädchen verschwand, noch immer tanzend, durch eine Wand. Einen Moment später lag das Haus wieder ruhig und fast verlassen da.
Kevin sah Shannon an. "Das war heute genau so wie beim ersten Mal." erzählte er mit leiser Stimme.
Wirklich? fragte Akela zweifelnd.
"Ja. Bis auf den Punkt, dass sich heute kein Nick wimmernd an mir festgehalten hat."
"Akela meint etwas anderes. Du hast es wahrscheinlich nicht gespürt." überlegte Shannon. "Aber das ist ja klar. Schließlich bist du nicht als Medium ausgebildet."
Da war noch etwas anderes bei uns im Raum. Es hat uns beobachtet. Und es war mir nicht geheuer. erklärte der Wolf.
"Lass uns das morgen früh klären, Bruder. Sonst muss ich es zweimal erzählen. Jetzt ist es weg und heute nacht wird es nicht wiederkommen." sagte Shannon entschieden. Ihr war auf einmal aufgegangen, dass sie nur einen Badeanzug und einen Bademantel trug und Kevin nur eine Bermuda-Jeans anhatte. Er trug nicht mal Schuhe, sondern lief barfuss. Von seinem nackten Oberkörper, der sie ganz nervös machte, mal ganz zu schweigen. Kevin war ihrem Blick gefolgt und lächelte sie sexy an.
Shannon wandte sich abrupt um und verließ die Villa. Sie wollte nicht in Versuchung geraten etwas zu beginnen, das sie möglicherweise nicht mehr aufzuhalten vermochte.
Kevin fluchte verhalten und folgte ihr. Er hatte einen Moment ganz deutlich Angst in ihren Augen aufblitzen sehen.
Als sie das obere Stockwerk des Gästehauses erreichten, verschwand Shannon übergangslos in ihrem Zimmer. Sie lag im Bett, jetzt in ihrem geblümten Flanellschlafanzug, als es leise klopfte.
Das ist Kevin. sprach der Wolf ihre Befürchtung laut aus. Shannon bat ihn herein.
"Howie schnarcht so laut, das ich nicht wieder einschlafen kann. Möchtest du dich nicht noch ein bisschen mit mir unterhalten?" fragte er von der Tür aus. Shannon stellte erleichtert fest, dass er jetzt ein T-Shirt trug.
"Klar. Ich kann jetzt auch nicht mehr schlafen. Wie spät ist es eigentlich?"
"Erst kurz nach zwei. Aber für dein Zeitverständnis wohl eher kurz nach neun, morgens." Er setzte sich neben sie auf die Bettkante. Dann musste er lächeln. "Weißt du noch, diese Nacht in der wir uns stundenlang unterhalten haben?"
Shannon erinnerte sich gut. An die Küsse, das warme Gefühl seiner Umarmung und ihre Entscheidung, dass Kevin Richardson nicht der Mann ihres Lebens sein konnte, sosehr sie es sich auch wünschte.
Kevin sah ihre Miene und sein Lächeln verblasste. Dann schob er seine Enttäuschung beiseite und fasste eine Entscheidung. Zärtlich nahm er ihre Hand.
"Wir tun uns die ganze Zeit gegenseitig weh, nicht wahr? Ich will ebenso gern mit dir zusammen sein, wie du mit mir. Und du hältst uns auf Abstand, weil das zwischen uns sinnlos ist und wir gar nicht zusammen sein können." Er sah Shannon in die Augen. Es stand tiefe Trauer darin. "Wenn es uns wehtut, nicht zusammen zu sein, warum nutzen wir nicht die verbleibende Zeit miteinander? Es schmerzt so oder so, wenn du wieder nach Hause fliegst." stellte er leise fest.
"Ich kann das nicht, Kevin. Ich würde es zu Hause die ganze Zeit bereuen. Ich könnte nichts anderes mehr tun, als an dich zu denken."
"Willst du etwa behaupten, du hättest die letzten vier Monate nicht an mich gedacht?" fragte er rau.
Shannon konnte ihm nicht antworten. Sie sah, wie der Hoffnungsschimmer in seinen Augen verlosch. Mit müden Bewegungen und hängendem Kopf stand er auf, ging zur Tür und öffnete sie.
"Manchmal hasse ich es, ein Backstreet Boy zu sein." hörte Shannon ihn tonlos flüstern.
So konnte sie ihn nicht gehen lassen. Sie wollte ihn nicht leiden sehen. Sie rief seinen Namen. Kevin drehte sich in der Tür zu ihr um.
Shannon sprang aus dem Bett, lief zu ihm und warf sich an seine Brust. Zögernd legte er die Arme um sie.
"Es tut mir leid. Es tut mir so leid. Ich wollte dir nicht weh tun." schluchzte sie an seiner Schulter.
Sein Griff wurde fester. Zärtlich strich er ihr übers Haar. "Ist ja schon gut, Kleines." murmelte er an ihrem Ohr. Dann küsste er sie sanft. Sein Mund wanderte hinunter zu ihrem Hals und Shannons Tränenfluss versiegte. Sie schlang die Arme um seinen Nacken, fuhr durch sein dunkles Haar und erschauerte, als er an ihrer Kehle sacht seine Zähne fühlen ließ. Er hauchte kleine Küsse auf ihr Kinn, die Tränenspuren auf ihren Wangen, ihre Mundwinkel. Shannons Knie gaben nach und Kevin hob sie kurzerhand hoch und trug sie zum Bett. Als er sich allerdings neben sie legte und über ihren Bauch streichelte, brandete in Shannon die Angst hoch und sie erstarrte.
Kevin, der mit so etwas gerechnet hatte, reagierte sofort und zog sich zurück. Er nahm ihre Hand und flüsterte leise Worte, als wollte er ein verängstigtes Tier beruhigen. Shannon entspannte sich allmählich. Er zog sie an sich und streichelte ihr über den Rücken, bis sie schließlich einschlief.

Kevin kam nicht zum Schlafen. Die ganze Zeit grübelte er, wie er Shannon die Angst nehmen konnte. Selbst wenn er selber nicht davon profitieren konnte, musste es ihr doch irgendwann möglich sein, ganz normal mit einem Mann Sex zu haben.
Shannon bewegte sich im Schlaf, dann drehte sie sich zu ihm um und legte ihm die Hand auf die Brust. Sie seufzte leise und strich mit der Hand tiefer, bis über die Gürtellinie.
Kevin brach der Schweiß aus. Er nahm ihre Hand, legte sie behutsam wieder auf seine Brust, hielt sie dort und atmete auf.
Shannon seufzte erneut, dann erwachte sie. Verwirrt sah sie ihn an.
"Na du? Ausgeschlafen?" fragte Kevin zärtlich.
Shannon wurde rot. Scheinbar wurde es ihr zur Gewohnheit, das in seinen Armen zu machen. "Ja. Ich gehe mal eben duschen." murmelte sie.
Kaum war sie aus der Tür, ließ sich Kevin stöhnend wieder aufs Bett zurück fallen.
Er musste auch duschen.
Kalt...

Gähnend trudelte Nick in der Küche ein. Ihm folgten AJ und Howie, die sich lautstark über irgendein Kissen stritten und Brian, der verschlafen blinzelte. Kevin stellte Tassen auf den Tisch und goss jedem Kaffe ein, während sie sich brummelnd auf den Stühlen verteilten. Augenblicke später war Akela da und machte sich über die Portion Speck her, die neben dem Tisch für ihn bereitstand. Rührei und noch mehr Speck brutzelten in zwei Pfannen auf dem ausgeschalteten Herd. Kurze Zeit später standen sechs fertige Teller auf dem Tisch.
Shannon kam herein. Sie trug ein T-Shirt und eine kurze Hose. Das kinnlange Haar hatte sie sich hinter die Ohren gestrichen. Als sie Kevin sah, errötete sie. Er trug, wie letzte Nacht in der Villa, nur eine Bermuda-Jeans.
Deshalb hatte er es also geschafft nach ihr zu duschen, und trotzdem das Frühstück gemacht zu haben, bis sie die Haare gefönt und sich angezogen hatte. Kein Wunder, wenn er sich nicht lange mit Anziehen aufhielt. Sein dunkles Haar war noch feucht. Und rasiert hatte er sich auch nicht. Er sähe richtig gefährlich aus, ging es Shannon durch den Kopf, wären seine sanften, von den hohen Wangenknochen betonten Augen nicht gewesen. Sie, und sein jungenhaftes Lächeln, machten ihn so anziehend.
Oh ja... Shannon war in diesem Moment wie magisch von ihm angezogen, denn er stand am Herd, ihr halb zugewandt, und lächelte sie an. Kevin stellte die Pfanne ab und kam, um den Tisch herum, auf sie zu. Automatisch glitt ihr Blick von seinen breiten Schultern über seinen muskulösen Oberkörper bis zu seinem flachen Bauch. Shannons Wangen brannten und sie schlug die Augen nieder. Als er vor ihr stand, hob er sacht ihr Kinn an, bis sie ihm in die Augen sah. Dann neigte er seinen Kopf und küsste sie lange und zärtlich auf den Mund.
Die Jungs waren schlagartig hellwach. Gespannt beobachteten sie Shannons Reaktion.
Shannon schlang ihre Arme um Kevin und zog ihn näher an sich heran. Sie öffnete für ihn die Lippen und er vertiefte den Kuss, neckte und ermunterte sie mitzuspielen.
Als er sich nach einer kleinen Ewigkeit langsam von ihr löste, ging ihr Atem schneller und ihre großen Augen waren dunkel vor Verlangen. Er hielt sie fest in seinen Armen, bis sie wieder sicher stehen konnte und hauchte ihr noch einen kurzen Kuss auf die Wange. Einen Arm besitzergreifend um ihre Taille gelegt, wollte Kevin Shannon zu ihrem Stuhl bringen. Doch sie versteifte sich, da sie von zwei Paar blauen und zwei Paar braunen Augen gespannt gemustert wurde.
Kevin zog ärgerlich die Brauen zusammen. "Euer Frühstück wird kalt!"
Der eisige Tonfall hatte die erwünschte Wirkung. Die Jungs drehten sich hastig um und begannen sich Essen in die Münder zu stopfen.
Akela lachte leise.
Zuvorkommend schob Kevin Shannon den Stuhl heran und stellte ihr ein Glas Orangensaft hin.
Bis auf einige bedeutungsvolle Seitenblicke kam kein weiterer Kommentar, aber insgeheim freute es die Jungs sehr, das Shannon und Kevin scheinbar endlich ein Paar waren.
Nach dem Essen, nachdem Howie das Geschirr in die Spülmaschine geräumt hatte, berichtete Kevin von den Ereignissen der letzten Nacht in der Villa. Er ließ auch die merkwürdige Präsenz nicht aus, die Shannon und Akela bemerkt hatten. Dann versuchte Shan, das Geschehene zu erklären.
"Die erste Erscheinung, das Mädchen, ist vollkommen harmlos. Sie hat es wahrscheinlich einfach nicht verstanden, dass sie die Welt hätte verlassen müssen. Ihrer Kleidung und der Öllampe nach, die sie trug, würde ich schätzen, sie lebte etwa zwischen 1880 und 1890 hier, wo heute die Villa steht. Da sie durch die Mauer verschwand vermute ich, dass der Grundriss ihres Hauses sich teilweise mit dem der Villa überschneidet. Sie zu überzeugen zu ihrer Familie zu gehen, dürfte mir nicht schwer fallen. Mit dem anderen Geist sieht das allerdings ganz anders aus. Er hat uns angesehen, beobachtet, und er war uns nicht gerade freundlich gesonnen. Akela und ich konnten ihn nicht sehen, sondern nur spüren. Aber ich bin sicher, dass es ein Mann war. Und er hat soviel Hass und Frustration aufgestaut, dass er sicher Ärger macht. Wir sollten vielleicht systematisch vorgehen und zuerst in einer Bibliothek nach Zeitungen aus der Zeitspanne suchen, um herauszufinden was damals hier passiert ist."
Die Backstreet Boys nickten zustimmend.

Eine Stunde später blätterte jeder in einem eigenen Stapel Zeitungen und kämpfte gegen die Staubwolken an. Zum Glück hatte es bis 1915 nur eine vier Seiten starke wöchentliche Zeitung gegeben. Trotzdem waren die Stapel ziemlich hoch und Akela suchte mit, um die Sache zu beschleunigen.
Er hatte am stärksten unter dem Staub zu leiden. Ständig nieste und schnaubte er. Kevin versuchte ihm zu helfen, indem er ihm sein T-Shirt als Schutz über die Schnauze band. Aber dann bekam der Wolf nicht mehr genügend Luft und gab es Kevin zurück. Plötzlich rief Nick, er habe etwas gefunden. Als alle um ihn versammelt waren, las er vor.
"16. März 1887. In der Andrew Road kam es heute zu einem verheerendem Brand. Das Haus der Masters brannte bis auf die Grundmauern nieder. Die Tochter des Hauses, Mary-Ann Masters, und ihr Verlobter, Damian McGinty, kamen bei dem Unglück ums Leben."
"Meinst du, das sind sie?" fragte AJ.
"Ich werde sie einfach fragen. Geister reagieren im Allgemeinen auf ihre Namen." Shannon rieb sich die Stirn. "Es macht mich aber stutzig, dass die zweite Präsenz so hasserfüllt ist. Der Geist schien mir fast... eifersüchtig."
Du hast recht. Er reagierte, als ihr das Mädchen beobachtet habt. Und wenn du mich fragst, richtete sich seine Aufmerksamkeit eher auf Kevin. meinte der Wolf.
Shannon sah Kevin alarmiert an.
"Wenn das so ist, dann wird er Mary-Ann wohl nicht freiwillig gehen lassen. Seht mal nach, ob ihr noch was in den Zeitungen findet." Shannon verteilte Nicks Stapel unter den Anderen. Eine Weile waren Papierrascheln und ein erneutes Niesen von Akela die einzigen Laute.
"Ich hab was!" rief AJ und las laut, " 23. März 1887. Nach dem schmerzlichen Ableben ihrer einzigen Tochter verloren die Masters heute auch noch ihren Sohn, John Malcolm Masters. Er wurde im Dachstuhl der elterlichen Scheune aufgefunden, wo er sich vorgestern erhängt hatte. Die Masters erklärten gegenüber dieser Zeitung, dass sie nach der Bestattung ihres Sohnes ihr Land verkaufen und die Gegend verlassen würden."
"Oh, Mann! Innerhalb einer Woche beide Kinder zu verlieren muss das Schlimmste für sie gewesen sein." sagte Brian fassungslos.
"Ich denke, zu der Zeit war es schlimmer dass er Selbstmord begangen hat." merkte Howie an.
In den restlichen Zeitungen stand nichts interessantes.
"Okay. Nicky, wie lange stand die Villa leer?" erkundigte sich Shannon.
"Der Makler meinte sechs Jahre."
"Und das Gästehaus?"
"Ich denke mindestens fünfzehn, vielleicht eher zwanzig Jahre. Worauf willst du hinaus?" forschte Kevin.
"Ich finde es merkwürdig, dass ein Haus, in dem es spukt, bewohnt wird, während ein Haus, das geisterfrei ist, leer steht. Irgend etwas an der Sache ist doch faul, oder?"
Kevin nickte nachdenklich. "Da hast du wohl recht. Was willst du jetzt machen?"
"Ich besuche den Vorbesitzer."

Nach einem Telefonat mit Nicks Makler, fuhren Kevin und Shannon zum Paradise-Altersheim. Dort baten sie Mrs. Tendrish sprechen zu dürfen. Die Schwester führte sie zu einer kleinen gebrechlichen Frau mit schneeweißen Haaren und hellwachen Augen. Shannon erzählte ihr so behutsam wie möglich von den Geistern und die alte Dame nickte immer wieder zu ihren Ausführungen.
"Ja. Ich habe das Mädchen immer mal gesehen. Aber den Mann habe ich nur gespürt. Er ist ständig in ihrer Nähe. Aber das Gästehaus ist nicht bewohnbar, hören Sie? Mein Neffe schlief dort einige Nächte allein, bis ER da auftauchte und ihn verjagte. Es ist gefährlich da. Gefährlicher als in der Villa. Denken sie an meine Worte, Kind. Denken sie an meine Worte."


4. Kapitel

Shannon hatte seit dem Besuch im Altersheim kein Wort gesprochen. Kevin warf ihr immer wieder Seitenblicke zu, während er seinen Jeep mit ruhiger Hand zurück zu Nicks Villa lenkte.
Shannon grübelte. Wieso war das Gästehaus so gefährlich? Sie hatte das mulmige Gefühl, irgend etwas sehr wichtiges zu übersehen. Sie ging die Fakten noch einmal durch.
Geister spukten am Ort ihres Todes, oder dort wo ihnen Unrecht geschehen war. Es gab zwei Geister. Einer davon war definitiv Mary-Ann Masters. Dann waren da ihr Verlobter, beim Brand umgekommen wie Mary-Ann, und ihr Bruder, der sich in der Scheune erhängt hatte. Wo hatte diese Scheune wohl gestanden? Dort, wo jetzt das Gästehaus war? Und weshalb hatte John Malcolm Masters Selbstmord begangen? Hatte er das Feuer verursacht und sich am Tod seiner Schwester schuldig gefühlt? Shannon konnte nur mutmaßen. Am besten war es, wenn sie im Grundbuchamt zuerst die genauen Standorte der früheren Gebäude feststellten.
Aber das konnte bis nach dem Mittagessen warten. Hoffentlich hatten die Jungs inzwischen etwas besorgt. Und hoffentlich nicht bei McDonalds. Shannon sah zu dem Wolf, der hinter Kevin saß. Akela hatte eine starke Abneigung gegen Hamburger...

Es gab Pizza, also hatte Nick sich gegen AJ durchgesetzt.
Ist dir eigentlich schon aufgefallen, dass wir bei den Jungs ständig italienisches Essen kriegen? erkundigte sich der Wolf, der sich zufrieden über seine eigene Pizza hermachte.
Das liegt wohl daran, das Nick auf Pizza steht, Brian alles liebt wo Käse drüber kommt und Kevin Pasta mag. Damit haben die Drei die Mehrheit.
Akela grinste mit hängender Zunge. Ein Mann der Singen, Tanzen, mit Tieren und wahrscheinlich auch Kindern umgehen, Kochen und Putzen kann. Und handwerklich geschickt ist er auch noch. Wenn du Kevin nicht heiratest, überlege ich es mir und tue es selbst.
Shannon wurde rot. Glücklicherweise hatte Kevin diesen Lobgesang nicht mitbekommen, weil er kurz nach oben gegangen war. Im Moment haben wir doch wohl andere Schwierigkeiten, meinst du nicht auch?
Akela lachte nur.
Nach dem Essen fuhren Howie und Nick zum Grundbuchamt. Da konnte man schließlich schlecht zu sechst (Akela protestierte, dass er schon wieder übersehen wurde) auftauchen.
"Und was machen wir solange?" erkundigte sich AJ.
"Das Wohnzimmer muss renoviert werden." sagte Kevin mit einem Schulterzucken.
Brian und AJ sahen einander an. Ihre grenzenlose Begeisterung war von ihren Gesichtern abzulesen. Wenig später stand das verhängte Mobiliar in der Mitte des Raumes und Kevin breitete Planen aus. Shannon inspizierte die Tapeten. Sie ließen sich problemlos abziehen. Die Wand darunter war eben und brauchte wohl nur gestrichen zu werden.
Zu wenig Kleister benutzt. kommentierte der Wolf.
"Zum Glück für uns." stimmte Kevin zu. Dann warf er einen Blick in die Küche, wo AJ und Brian sich hin verkrümelt hatten. "Darf ich die Herren bitten, uns etwas helfend zur Seite zu stehen?"
Igitt! schrie Akela plötzlich auf. Er schoss aus dem Wohnzimmer, ein Stück Tapete über dem Ohr. Alarmiert lief Kevin in die entgegengesetzte Richtung.
Mitten im Wohnzimmer stand eine unschuldig grinsende Shannon. Um sie her lagen die Tapeten, die zuvor die Wände geziert hatten. Fassungslos ließ Kevin den Blick über das Chaos wandern.
"Wie hast du das denn gemacht?"
"Oooch. Das war nur ein kleiner Lösungszauber. Der hilft bei Knoten, klemmenden Reißverschlüssen, Tapeten und ähnlichem. Ich dachte, ich spare uns etwas Zeit."
Hättest du mich nicht wenigstens vorwarnen können? Ich dachte, mich springt irgendwas an! Mit der Vorderpfote wischte Akela sich die Tapete vom Kopf.
Inzwischen lugten auch Brian und AJ durch die Tür. Kevin griff sich die Zwei umgehend und verdonnerte sie dazu, die Tapeten in Mülltüten zu stopfen. Shannon holte währenddessen den Ghettoblaster und legte Musik auf, und Kevin brachte Farbeimer, Rollen und Pinsel aus der kleinen Garage, die zum Gästehaus gehörte.
Shannon besah sich seine Ausrüstung. "Wann hat Nick dich gefragt, ob du sein Haus renovierst?" erkundigte sie sich nebenbei.
Kevin sah auf und strich sich die widerspenstigen Haare aus dem Gesicht.
"Ich hab es ihm angeboten, kurz bevor wir feststellten dass es hier spukt. Warum fragst du?"
"Du bist so gut gerüstet. Und ich habe mich erst vor drei Tagen entschlossen zu kommen."
"Wolltest du mir jetzt also unterstellen, ich hätte Nick die Renovierung angeboten, um hier bei dir zu sein?" fragte Kevin schmunzelnd.
Shannon wurde rot. Er hatte ins Schwarze getroffen.
Kevin ließ die Malutensilien stehen und kam auf sie zu. Zärtlich strich er ihr über Wange.
"Du musst wohl noch lernen, dass ich mich nicht davon abhalten lasse, zu tun was ich tun will. Deshalb ist mein Spitzname auch Train. Wenn ich bei dir sein will, kann mich nichts davon abhalten." Er drückte seinen Mund auf ihre Lippen.
Shannon rauschte das Blut in den Ohren und ein Kribbeln breitete sich in ihr aus. Sie erwiderte den Kuss und ließ ihre Zunge sanft über seine Lippen gleiten.
Kevin stöhnte auf. Es war das erste Mal, dass Shannon die Initiative übernahm. Sehnsüchtig knabberte er an ihren Lippen, spielte mit ihr, lockte und verwöhnte Shannon, bis sie sich atemlos von ihm trennte.
Sie hatten drei Zuschauer, die, sobald sie entdeckt waren, taten als hätten sie nichts von alldem bemerkt.
Kevin lächelte Shannon liebevoll an. Zu gern hätte er da weitergemacht, wo sie gerade aufgehört hatten, aber Shannon schien über ihre eigene Courage erschrocken zu sein. Sie brauchte eindeutig noch mehr Zeit. Er küsste sie sacht auf den Mundwinkel und ließ sie dann langsam los. Benommen entschuldigte sich Shannon und ging nach oben ins Bad. Akela zwinkerte Kevin zu und folgte ihr.

Shannon kühlte ihr Gesicht mit Wasser. Dann sah sie hoch, in den Spiegel. Es war noch immer dasselbe Gesicht. Warum fühlte sie sich dann so fremd? Was stellte er nur mit ihr an? Ein leichter Schauer überlief sie.
Das ist ganz normal, Kätzchen. Es ist nur das erste Mal, dass du verliebt bist. Akela saß hinter ihr und beobachtete sie mit schräggelegtem Kopf.
"Ich dachte immer, es wäre ein Gefühl wie Schmetterlinge im Bauch." sagte Shannon zu ihrem Spiegelbild.
Klar. Wenn man sich nicht, wie du, dagegen wehrt.
"Ich wehre mich?"
Mit jeder Faser deines Körpers. Wenn Kevin dich nicht hin und wieder mit einem Kuss aus dem Konzept bringen wurde, hätte ich keine Hoffnung für euch zwei. Küsst er eigentlich gut?
Shannon ließ sich auf den Boden sinken und zog die Beine an. Vor ihrem geistigen Auge sah sie Kevins Gesicht, sein Lächeln. Sofort war ihr Verlangen wieder da. Und die Angst, die nur verschwand, wenn er sie küsste.
Ob er gut küsste? "Er bräuchte dafür einen Waffenschein."

Als Shannon sich soweit gefasst hatte runterzukommen, waren Howie und Nick wieder da. Sie hatten Pläne der Gegend von 1870 dabei, auf denen jedes Gebäude genau verzeichnet war. Die Straßenführung war dieselbe geblieben, so dass sie anhand des Verlaufs der Straße die Lage der heutigen Häuser absehen konnten.
"Du hattest recht, Shan. Die Villa steht da, wo früher das Farmhaus war. Nur eine frühere Wand ragt über die Villa hinaus." zeigte Howie mit dem Finger, als alle um die Karte herum saßen. Ein anderer Teil des Grundstücks interessierte Shannon im Moment allerdings mehr.
"Ist das da die Scheune gewesen?"
"Ja. Da ist jetzt Garten."
Und wo das Gästehaus stand, war früher gar nichts. Shannon rieb sich nachdenklich die Stirn. Wie kam es dann, dass Mrs. Tendrish sagte, das Gästehaus sei gefährlicher als die Villa?
"Okay. Ich würde sagen, ich versuche heute Nacht mit den Geistern Kontakt aufzunehmen." beschloss Shannon.
"Toll! Wie viel Uhr geht es los?" wollte AJ wissen.
"Ich gehe gegen elf los. Ihr bleibt hier." Damit löste Shannon einen wahren Proteststurm aus.
"Du kannst doch nicht allein gehen!" protestierte Brian.
"Verdammt, es ist mein Haus, also will ich dabei sein!" rief Nick.
"Entschuldige wenn ich das sage Shan, aber mir ist nicht wohl dabei, wenn ein Mädchen sich allein der Gefahr stellt." meinte Howie.
"Ich will auch ein bisschen Spaß!" Das war AJ, live.
Kevin sah sie nur an. Aber mit einem Blick der ihr sofort klarmachte, dass er sich nicht davon abhalten ließe sie zu begleiten.
Shannon schlug sich die Hände vors Gesicht und heulte entnervt auf, und Akela rollte sich über den Boden vor Lachen.
"Also gut!" schrie Shannon schließlich gegen den Lärm an. Alle verstummten. "Aber es wird gemacht, was ich sage! Ihr gehorcht sofort und ohne Umstände! Beim letzten Mal hattet ihr es mit Menschen zu tun, aber diesmal geht es um unberechenbarere Wesen." Sie schüttelte resigniert den Kopf. "Wenn etwas passieren sollte, ist diesmal kein Gabriel dabei, der notfalls helfen kann. Und ich weiß nicht, ob ich mit zwei Geistern klarkomme. Ihr werdet also genau tun, was ich sage. Verstanden?" Ernsthaftes Kopfnicken von fünf Seiten.

Shannon beschloss sich ein wenig schlafen zu legen, um Nachts konzentriert genug zu sein. Die Jungs nahmen sich daran ein Beispiel. Kaum dass Shannon im Bett lag, erklang ein leises Klopfen an der Tür.
Akela sah sie an. Rate.
Kevin.
Eins zu null.
"Herein."
Kevin trat ein und schloss die Tür hinter sich. Als Akela sah, dass er nur Boxershorts trug, seufzte er.
Ich hab was vergessen zu erledigen. Ich mach mal eben eine Runde. Oder zwei... Er machte sich nicht die Mühe die Tür zu benutzen, sondern ging durch die Wand. Shannon ahnte, dass der Wolf nicht vor elf zurückkommen würde.
"Tut mir leid. Ich wollte ihn eigentlich nicht vertreiben." Kevin wirkte fast schüchtern, was Shannon merkwürdig fand. Sie schlug die Decke ein Stück zurück und klopfte mit der flachen Hand neben sich. Kevin folgte der Einladung prompt und zog Shannon an sich, einen Arm um ihre Taille geschlungen. Er stellte erleichtert fest, dass Shannon sich an ihn schmiegte und ihren Kopf an seine Schulter lehnte. Diesmal zeigte sie keine Angst. Sacht strich er ihr über den Rücken. Sie trug wieder den Flanellschlafanzug, wie letzte Nacht. Kevin schloss die Augen und atmete tief ihren süßen Duft ein. Allmählich schliefen sie ein.

Kätzchen... Kleine Schwester... Süße... Hallo?
Kevin erwachte ganz und sah den Wolf auf der anderen Seite des Bettes stehen. Er hatte die Vorderpfoten auf dem Bett abgestützt und schnüffelte durch Shannons Gesicht.
Hast du ihr ein Schlafmittel eingeflößt, oder was?
"Jetzt weiß ich, wo Shan ihr Misstrauen herhat. Unterstellst du den Leuten häufig solche Nettigkeiten?"
Mein Kätzchen hat ihr Misstrauen von Leuten, die sie schlecht behandelt haben. Weckst du sie jetzt, oder soll ich ihr durchs Gesicht lecken?
"Ich wecke sie. Wenn du unbedingt jemanden ärgern willst, dann weck die Anderen."
Das ließ Akela sich nicht zweimal sagen.
Kevin strich Shannon zärtlich über die Wange. Sie reagierte nicht, also küsste er sie sanft auf den Mund. Sie seufzte leise und öffnete halb die Augen.
Wach war sie zwar nicht, aber sie sah ihn schon mal an. Kevin küsste sie wieder. Er strich mit der Zunge über ihre Lippen und Shannon erschauerte. Dann presste sie plötzlich ihren Mund auf seinen und küsste ihn heiß. Ihre Hände glitten dabei über seine glatte Brust. Und dann wachte sie richtig auf und erstarrte.
Schnell legte Kevin die Arme um sie, drehte sich auf den Rücken und zog sie mit sich.
"Ssschhhh. Alles ist okay." murmelte er besänftigend. Er hielt sie auf seiner Brust fest, bis sie sich wieder entspannte.
Shannon sah ihn an. Sie wirkte wie ein kleines Mädchen, das Angst vor einer Bestrafung hatte. Er strich ihr durch das Haar und hauchte kleine Küsse auf ihre Wangen. Dann rieb er seine Nase an ihrer.
Shannon zögerte, aber sie begann die Zärtlichkeiten zu erwidern. Sie berührte sein Gesicht, fuhr mit den Fingern seine Narbe auf der linken Wange nach und küsste ihn schließlich. Und dieser Kuss geriet im Handumdrehen außer Kontrolle.
Es war, wie einen Engel zu küssen. Ihr Mund war so verführerisch weich und nachgiebig. Und so ungeübt. Sie folgte willig seiner Führung und er ermunterte sie, wieder die Initiative zu ergreifen. Sie bekamen beide nicht genug voneinander. Nicks Aufschrei ließ sie schließlich auseinanderfahren.
Akela kam hereingerannt und lachte über das ganze Gesicht. Jetzt sind sie alle wach.
"Ja. Das hört man."
Shannon sah verständnislos vom Wolf zu Kevin. Im nächsten Moment wurde die Tür aufgerissen und ein erboster Nick stürzte herein.
"Dein verdammter Wolf hat..." Er verstummte, als er Shannon auf Kevin liegen sah und lief rot an. Shannon fühlte ebenfalls, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg und rollte sich von Kevin herunter.
"Nick, ich dachte du wüsstest wie man anklopft." tadelte Kevin. Insgeheim war er froh über die Störung, denn er hätte sich nicht mehr lange zurückhalten können.
"Tut mir echt leid!" presste Nick gequetscht heraus und meinte damit mehr die Unterbrechung als das Klopfen.
"Was hat Akela gemacht?" wollte Shannon wissen.
"Er ist direkt auf mich drauf gesprungen."
"Akela! Wenn du dich austoben willst, dann geh auf die Jagd! Los, raus mit dir!" Shannon war ernstlich böse.
Der Wolf verschwand mit leicht betretener Miene.
"Wir sollten uns dann fertig machen. Wir haben noch eine Verabredung." meinte Kevin. Nick ging hinaus.
Als Kevin aufstand bemerkte er, dass Shannon ihn hungrig anstarrte. Er ging um das Bett herum und kniete sich neben ihr auf die Matratze. Seine Finger glitten durch ihr seidiges Haar und er presste zärtlich seine Lippen auf ihren Hals. Shannon erbebte in seinen Armen, doch er löste sich behutsam von ihr.
"Tut mir leid, Kleines. Ich fürchte, wir müssen später hier weitermachen." Seine warme Stimme klang ungewöhnlich rau, als er das sagte. In seinen Augen las Shannon das Versprechen, dass es ein Später geben würde. Sie seufzte. Sie konnte es kaum erwarten.


5. Kapitel

Da waren sie also. Fünf junge leichtsinnige Männer, ein unsichtbarer Wolf, der versuchte sich bei ihr einzuschmeicheln, und Shannon selbst. Sie standen vor der dunklen Villa, nur der Vollmond spendete Licht.
Shan hatte ihren Rucksack dabei. Sie war auf alle Eventualitäten vorbereitet. Sie hörte Nick und AJ miteinander flüstern. Akela wedelte um sie herum und leckte ihr, um Verzeihung heischend, die Hände.
Bitte! Bitte? Bittebitte.
Ist ja schon gut. Benimm dich gefälligst wieder wie ein... ein... na, jedenfalls nicht so!
Akela sprang an ihr hoch, stützte seine Pfoten auf ihren Schultern ab, wobei er sie deutlich überragte, und leckte ihr kurz über die Nase. Shannon schob ihn von sich, behielt aber ihre Hand auf seinem dichten Nackenfell, als er wieder auf allen Vieren stand. Sie wandte sich zu den Jungs um, die sich mit gemischten Gefühlen das Haus ansahen.
"Wir werden da jetzt gleich reingehen. Wir machen fürs erste Licht an. Ich werde einen Kreis um uns ziehen, wie damals bei Kev. Die Geister können ihn nicht betreten. Ihr dürft ihn nicht unterbrechen und ihr werdet ihn auf gar keinen Fall verlassen! Klar?" Zustimmendes Kopfnicken. "Ich versuche dann herauszufinden, mit wem wir es zu tun haben und wie ich ihnen helfen kann. Mehr wird heute nicht passieren." Sie wandte sich zur Tür und glitt in eine Halbtrance.
Alles war ruhig, aber sie waren da. Ihre Zeit war nur noch nicht gekommen. Entschlossen ging Shannon zur Tür, stieß sie auf und schaltete das Licht an. Kevin wollte sie zuerst zurückhalten und vorgehen, doch dann spürte auch er, dass es ruhig war. Er folgte ihr mit den Anderen in die Küche. Die Eingangstür blieb offen stehen. Sie setzten sich, wie besprochen, im Kreis auf den Boden und Shannon zog mit Kreide eine Linie um sie. Auf die Arbeitsflächen stellte sie einige Kerzen, die sie anzündete. Dann setzte sie sich zu den Jungs und zeichnete eine Rune in die Kreismitte. Die Rune der Reinheit. Shannon hatte ihren Rucksack vor sich gestellt und Akela deckte wie immer ihre linke Seite. Neben ihm saß Howie, dann kam Nick. Kevin war Shannon direkt gegenüber. Rechts von ihr saßen Brian und AJ.
Als Shannon ihren Schutzzauber errichtete, verstärkte Akela ihn sofort. Kevin bemerkte ein leichtes Flimmern um sie herum, das den Anderen aber nicht aufzufallen schien.
Der Schutzkreis. erklärte Akela kurz, weil er Kevins Blick bemerkt hatte. Shannon sah ihn konzentriert an. Dann intonierte sie einen Gesang in einer fremden Sprache.
"Wir rufen die Geister, die dieses Haus heimsuchen. Wir rufen Mary-Ann Masters, John Malcolm Masters und Damian McGinty." sprach sie in einem bezwingenden Befehlston. Kevin spürte die Macht, die in diesem Augenblick von ihr ausging.
Dann materialisierte sich das erste Schemen. Es war das Mädchen, das rechts von Shannon auftauchte. Alle wandten sich ihr zu.
"Hallo, Mary-Ann.” sagte Shannon ruhig.
"Wer seid ihr? Was wollt ihr von mir?" flüsterte sie.
"Wir sind Freunde. Wir wollen dir helfen, zu deinen Eltern zu finden."
Die Erscheinung schüttelte den Kopf. "Nein. Das geht nicht. Ich muss hier bleiben, sonst wird er wütend."
"Wer wird wütend Mary-Ann? Ist es Damian?"
"Nein... Es ist..."
Plötzlich fuhr sie erschreckt herum und verschwand. Akela richtete sich knurrend auf. Und dann war der zweite Geist da und das Chaos brach los. Sein Wutgeheul ließ sie alle zusammenzucken. Ein heftiger Wind kam auf und behinderte die Sicht. Die Kerzen verloschen augenblicklich, nur um im nächsten Moment mit Stichflammen zu neuem Leben zu erwachen.
Nick versuchte aufzuspringen und wurde in letzter Sekunde von Kevin zu Boden gerissen, als auch schon die ersten Gegenstände um sie her und gegen die Wände flogen. Eine Kerze zerplatzte in einem Funkenregen, dann die nächste. Ein Schrank schlitterte über den Boden, direkt auf sie zu. Auf dem Weg nahm er ein höllisches Tempo auf...
Kevin betete darum, das der Kreis ihm standhalten würde. Er hielt Nick und AJ fest, Akela stand schützend über Brian und Howie, die sich zu Boden geworfen hatten.
Shannon dagegen stand aufrecht, die Arme und das Gesicht erhoben. Über ihr erleuchtete ein Hexenlicht die Szenerie. Sie wirkte ebenso gespenstisch, wie das Inferno um sie herum. Dann krachte der Schrank mit aller Macht gegen den Schutzwall... und prallte wirkungslos ab.
"Ist das alles, John Malcolm Masters? Mehr hast du uns nicht zu bieten?" rief Shannon in den Sturm hinein.
Ihr antwortete ein erneuter Wutschrei, und im nächsten Moment war alles vorbei.
"Seid ihr okay?" fragte Shannon sanft. Nach dem Krach war es jetzt unheimlich ruhig. Shannon strich Howie beruhigend über den Rücken und glättete Brians wirre Locken.
Die Beiden sahen sie verunsichert an. Akela wedelte aufmunternd mit dem Schwanz, was die Jungs aber nicht sehen konnten. AJ lugte vorsichtig hinter Kevins Arm hervor. Nick traute sich nicht aufzusehen und klammerte sich an Kevin fest.
Der sah Shannon an. Sie hatte tatsächlich dieser Hölle Einhalt geboten. Sie kam einen Schritt auf ihn zu und drehte Nicks Gesicht in ihre Richtung.
"Nicky, es ist vorbei. Er tut dir nichts mehr."
Das wollte ich ihm auch geraten haben. ließ sich Akela vernehmen.
Kevin strich Nick das Haar aus dem Gesicht.
"Es ist alles wieder gut, Kleiner. Er ist weg." erklärte er mit beruhigender Stimme.
"Sind wir jetzt wirklich sicher?" erkundigte sich Brian. Er war ziemlich blass.
"Ja. Wir gehen jetzt. Drüben im Gästehaus sichere ich Türen und Fenster. Dann haben wir Ruhe für den Rest der Nacht."
Die Jungs sahen einander an. Sie sollten den sicheren Kreis verlassen?
Shannon machte als erste einen Schritt heraus. Der Rest ging von selbst. Von einem hellen Hexenlicht geführt waren sie in Rekordzeit wieder im Gästehaus.

Shannon sicherte systematisch jede Tür- und Fensteröffnung. Erst als sich kein Nachtfalter mehr unbemerkt in das Haus einschleichen konnte, war sie zufrieden. John Malcolm Masters hatte um einiges heftiger reagiert, als sie erwartet hatte. Und er hatte die Jungs zu Tode erschreckt. Shannon machte sich Vorwürfe, dass sie sie mitgenommen hatte. Vielleicht hätte sie sich unbemerkt wegschleichen sollen. Aber Kevin hätte es wahrscheinlich doch mitbekommen.
Als sie nach den Jungs sah, waren alle in dem Größten der oberen Zimmer versammelt. Es war das, in dem AJ, Howie und Kevin in der letzten Nacht geschlafen hatten. Sie saßen zusammen, hatten teilweise einander tröstend die Arme um die Schultern gelegt, und sprachen über die Geschehnisse in der Villa. Shannon blieb unbemerkt in der halb offenen Tür stehen und hörte zu.
"Sag mal Nick, willst du die Villa nicht wieder verkaufen? Ich denke es wäre besser." meinte Howie leise.
"Ich komme nie wieder so günstig an mein absolutes Traumhaus. Ich hab mich in das Anwesen verliebt, als ich es zum ersten Mal sah. Nein, ich verkaufe nicht."
"Aber was willst du machen, wenn Shannon den Geist nicht vertreiben kann? Willst du versuchen dich mit ihm zu arrangieren?" fragte AJ.
"Shannon wird den Geist vertreiben. Ich habe gesehen, wie sie ihre Kräfte gesammelt hat. Sie ist stärker als er." Kevin sprach mit ruhiger Überzeugung. In Shannon stieg bei seinen Worten ein warmes Gefühl auf.
"Tut mir leid, aber nach dem Theater vorhin bin ich nicht mehr so sicher. Ich vertraue ihr, aber ich habe keine Erfahrung mit Gespenstern. Der Kerl war ziemlich heftig!" AJ erschauderte.
"Ich denke, Kev hat recht. Shan macht so was nicht zum ersten Mal. Und wir sind selbst schuld, wenn wir uns haben Angst einjagen lassen. Shannon wollte uns ja nicht mitnehmen. Sie trifft keine Schuld." schlug sich Brian auf Shannons Seite.
"Ich bin nur froh, dass du mich am weglaufen gehindert hast, Kev. Ich wäre ihm direkt in die Arme gerannt."
"Dafür sind große Brüder ja da, Nick."
"Ist euch eigentlich schon aufgefallen, dass Shan unseren Youngster ungestraft ‚Nicky’ nennen darf?" warf AJ ein.
Nick wurde rot. "Ich hab es ihr erlaubt! Schließlich ist sie für mich so was wie meine große Schwester!"
Leise Pfiffe und Beifall ertönten.
"Wir sollten sie vielleicht offiziell adoptieren, meint ihr nicht auch?" fragte Brian. Die anderen Jungs stimmten zu.
Shannon verzog sich in ihr Zimmer. Sie war vor Rührung den Tränen nah.
Wirklich ein tolles Rudel. meinte Akela anerkennend.
Shannon schluckte. Als sie das letzte Mal in einer Familie willkommengeheißen wurde, hatte sie sich gegen zu viel Nähe gewehrt. Sie hatte Angst Gefühle zuzulassen, weil alle, die sie liebte, von ihr gingen. Ihre Großmutter starb, als sie neun war, ihre Eltern verlor sie mit elf. Ihr Großonkel hatte ihr Schreckliches angetan, ihre Großtante hatte versucht sie zu töten. Und das alles bis zu ihrem vierzehnten Lebensjahr.
Gabriels Familie war sehr nett zu ihr und Gabe sah sie als seine Tochter an, aber sie blieb innerlich noch immer auf Abstand. Und diesen Abstand hatte sie bei den Backstreet Boys schon vor vier Monaten verloren. Sie gingen einem einfach direkt unter die Haut. Ihre Freundlichkeit, die Scherze, das Lachen, ihre Lieder. Ihre Art, jemanden einfach so anzunehmen wie er war. Wie viele normale Menschen wollten schon etwas mit einer Hexe zu tun haben?
Das war der Punkt. Diese Jungs waren nicht normal. Sie waren die Backstreet Boys.

Shannon erwachte von einem leisen Geräusch. Was war das? Sie sah sich um, aber es war nichts zu sehen. Akela lag ruhig neben ihr und schlief. Sie berührte ihn an der Schnauze. Sofort hob er hellwach den Kopf.
Was ist denn, Kätzchen?
Ssschhhh. Da ist irgendwas.
Akela spitzte die Ohren. Da war es wieder. Ein reißendes Geräusch, als spränge ein Glas.
Ist das einer der Jungs? fragte Shannon. Akelas Ohren bewegten sich.
Nein. Die liegen alle nebenan und schlafen ruhig.
Lass uns nachsehen.
Shannon stand auf und zog sich schnell Shorts, T-Shirt und Sandalen an.
Lautlos schlichen die Beiden auf den Flur. Shannon warf einen kurzen Blick ins Nachbarzimmer. Vier der Jungs lagen auf dem Bett, Kevin schlief auf dem alten Sofa, einen Arm über den Augen.
Sie stahlen sich zur Treppe. Das Geräusch erklang erneut.
Shannon legte haltsuchend eine Hand auf Akelas Nackenfell. Sie hatte Angst. Etwas Schlimmes ging hier vor, das spürte sie...
Akela begann leise zu knurren.
Shannon lief die Treppe herunter. Sie ahnte, woher es kam. Der Korridor zwischen Küche und Wohnzimmer war mit Fliesen ausgelegt.
Sie rannte zum Türbogen, der in den Gang führte, und erstarrte. Die Fliesen hatten unzählige Sprünge. Der Boden brach auf...


6. Kapitel

Akela drängte Shannon mit seinem Körper zurück. Er versuchte so viel Abstand wie möglich zwischen ihr und - was auch immer da hoch kam - zu schaffen.
Shannon war wie erstarrt. Das Knirschen und Knacken wurde lauter, der Grund wölbte sich auf und dann brach etwas von unten durch den Boden. Es war die verzerrt grinsende Mumie John Malcolm Masters’...
Das Ding öffnete, was früher mal der Mund gewesen sein musste und streckte die Arme nach Shannon aus. Sie konnte nicht anders. Sie schrie.
Die braune Haut der Mumie riss, als sie versuchte nach Shannon zu greifen. Akela sprang das Ding an, aber es fiel nicht hin, sondern taumelte nur ein Stück rückwärts.
"Du bist eine Hexe, und Hexen werden verbrannt!" ertönte es aus dem dunklen Rachen der Leiche. Damit brach, an mehreren Stellen im Haus zugleich, Feuer aus.

Kevin erwachte von Shannons Schrei. Er stürzte auf den Flur und die Treppe herunter, noch bevor er klar denken konnte. Shannon brauchte Hilfe, das reichte als Antrieb...
Als er bei ihr ankam, stand Akela wild knurrend zwischen ihr und etwas, das direkt aus einem Horrorfilm entstiegen zu sein schien.
Kevin dachte nicht darüber nach was es war, er handelte. Er riss Shannon an sich und brachte sie aus der Gefahrenzone. Erst jetzt bemerkte er, dass es überall brannte. Die Planen auf dem Fußboden im Wohnzimmer flackerten bereits hell auf und auch die Kücheneinrichtung war ein Raub der Flammen. Dichter giftiger Rauch hüllte sie in Sekundenschnelle ein. Shannon stolperte hustend an seine Brust.
"Akela! Komm her! Du kannst nicht umbringen was schon tot ist!" keuchte sie.
Doch Akela kam nicht. Kevin zerrte sie zur Haustür.
"Shannon, du wartest draußen! Ich hole die Jungs runter!" Er war auf dem Weg nach oben, ehe Shannon antworten konnte.
Plötzlich jagte Akela auf sie zu.
Shan er projiziert! Das Feuer, der Qualm, das ist ALLES NICHT ECHT!
Entsetzt begriff Shannon. Masters wollte sie alle töten, mit einem Brand der überhaupt nicht existierte!
"KEVIN!" Sie rannte ins Haus zurück.
Das ist alles nicht echt, nicht wirklich... Sie verfiel in eine Halbtrance und sah... nichts! Kein Feuer, kein Rauch, NICHTS!
Rasch schüttelte sie die Trance ab. Dann rannte sie die Treppe rauf. Nick und Brian kamen ihr hustend entgegen.
"Schnell raus!" Sie hatte nicht die Zeit ihnen zu erklären, dass nicht wirklich war was sie sahen. AJ schickte sie ihnen hinterher.
Akela rannte an ihr vorbei. Sie folgte ihm.
Auf dem Flur lag Howie auf den Knien. Akela packte ihn wie einen Wolfswelpen am Kragen und schleifte ihn die Treppe hinunter. Kevin hielt sich mühsam an einem Türpfosten aufrecht.
Shannon lief zu ihm, legte seinen Arm um ihre Schultern und zog ihn zur Treppe. Auf dem Weg nach unten knickten ihm mehrfach die Beine ein, aber Shannon war wütend genug ihn halb schleppend aus dem Haus zu schaffen. Sie ließ ihn auf dem Rasenstück neben der Auffahrt sinken. Er war halb bewusstlos und keuchte. Howie erging es nicht viel besser.
Shannon erzwang eine Verbindung mit Kevin. Sie tat es nicht gern gewaltsam, aber sie hatte keine andere Wahl. Sie sah in seine glasigen Augen und drang in seine Gedanken ein.
Das Feuer ist nur eine Illusion. Was du gesehen hast, war nicht real. Es geht dir gut. Atme langsam und tief ein und aus.
Er tat, was sie ihm eingab und sie unterbrach die Verbindung, um Howie auf die selbe Art zu helfen.
Akela, der aufgebracht genug war um sichtbar zu sein, sandte seine Gedanken inzwischen den restlichen Jungs. Es war nicht so effektiv wie Shannons Gedankenverbindung, war aber in diesem Fall ebenso wirksam.
Was ihr seht ist nicht real. Schaut noch einmal hin. Ihr müsst glauben, dass es nicht real ist.
Sie versuchten es und erkannten, dass er die Wahrheit sprach. Nick streckte die Hand nach dem Wolf aus und Akela drängte sich tröstend an ihn. Es war für den Jungen einfach zuviel gewesen für einen Tag.
Shannon ließ Howie aus der Verbindung frei. Er atmete jetzt ruhig und gleichmäßig und schaffte es, sich aufzusetzen. Kevin lag mit geschlossenen Augen im Gras. Shannon kniete sich neben ihn und berührte seine Wange. Sie hatte Angst, ihn irgendwie verletzt zu haben, aber als er die Augen öffnete und sie erkannte, lächelte er.
"Mein Schutzengel." flüsterte er zärtlich.
Shannon schmiegte sich an ihn. Sie war unbeschreiblich froh, dass es ihm gut ging.
"Wie konnte das passieren?" fragte AJ leise. Es klang kein Vorwurf in seiner Stimme mit.
Shannon strich Kevin das dunkelbraune Haar zurück und half ihm sich aufzusetzen. Dann wandte sie sich an AJ, sprach aber so laut, dass alle sie hörten.
"Es war sinnlos, das Haus gegen den Geist zu sichern, denn er war schon längst drin. John Malcolm Masters liegt unter dem Gästehaus begraben."
"Mein Gott! Wie kann das sein?" Brian war fassungslos.
"Er hat Selbstmord begangen. Er durfte also nicht in geweihter Erde bestattet werden. Folglich haben seine Eltern ihn auf ihrem Land begraben." erklärte Shannon.
"Und die Stadtplaner haben ein Haus darauf gebaut." schloss AJ trocken.
"Genau. Und weil sie keinen Keller angelegt haben, wurde nicht bemerkt dass er im unteren Flur begraben liegt."
Die Jungs sahen einander ziemlich unbehaglich an.
"Und was machst du jetzt?" erkundigte sich Kevin.
"Jetzt habe ich die Nase voll und gehe Geister jagen!" erklärte Shannon grimmig.


7. Kapitel

Akela war der Erste, der das Haus wieder betrat. Er war noch immer sichtbar und schritt vorsichtig über die Türschwelle, alle Sinne gespannt auf das Hausinnere gerichtet. Seine Ohren zuckten nervös hin und her und seine Rute stand waagerecht ab.
Und?
Ihr könnt reingehen. Es ist alles ruhig.
Wie ich sagte. Er ist wieder in der Villa.
Shannon ging mit festen Schritten an dem Wolf vorbei, durch die Eingangshalle und in den Flur. In einem Haufen geborstener Fliesen und Betonbruchstücke lag die Mumie. Der Wolf hatte ganze Arbeit geleistet. Er hatte ihr Arme, Beine und Kopf abgerissen. Shannon trat, so fest sie konnte, nach dem Schädel. Er flog in hohem Bogen durch die Luft und zerplatzte an der Wand.
"Spielst du professionell Fußball?" erkundigte sich Kevin hinter ihr.
"Heute schon!"
In Shannon brodelte es. Ihre Angst die Jungs zu verlieren und ihre unbändige Wut auf den Geist mischten sich zu einem tödlichen Cocktail. Sie brauchte ein Ventil, um die Menschen in ihrer Umgebung nicht zu gefährden. Also setzte sie die Energie gezielt frei. Sie steckte die Mumie in Brand.
Zischend fingen die Überreste der Leiche Feuer. Shannon starrte mit funkelnden Augen auf das rasend schnell verbrennende Häufchen. Als nur noch Asche übrig war, erloschen die Flammen und ein leichter Wind kam auf, der die Reste in einem kleinen Wirbel durch die Eingangshalle und die Haustür nach draußen beförderte.
Die Jungs sahen der Staubwolke mit entsetzten Gesichtern hinterher. Shannon drehte sich zu ihnen um. Ihre Augen waren tiefschwarz und gleißten bedrohlich.
Kevin zuckte zusammen. Er hätte nie erwartet, dass diese zarte Person so vor Wut überkochen könnte.
Das ist das Temperament ihres irischen Vaters. klärte der Wolf ihn auf. An deiner Stelle würde ich einen Sicherheitsabstand einhalten. Ich spreche aus Erfahrung.
Shannon lief die Treppe hinauf, außer Hörweite. Die Jungs sahen ihr verstört hinterher.
"Ist sie oft so aufgebracht?" fragte Kevin besorgt.
Nein. Das letzte Mal war sie es vor zwei Jahren, als ein Dämon sich Mary gegriffen hatte. Mary ist Gabriels jüngere Tochter, sie war damals acht. Shannon hat sie befreit und den Dämon in seine Einzelteile zerlegt. Es war kein schöner Anblick.
Das konnten sich die Jungs durchaus vorstellen.
Shannon kam die Treppe wieder heruntergerannt. Sie trug ihren schwarzen Mantel, der ihr bis zu den Knöcheln reichte und ihre Stiefel zu den schwarzen Shorts und dem ebenfalls schwarzen T-Shirt. Sie hatte ihren Rucksack in der Hand. Sie wollte direkt zur Haustür hinaus, aber Kevin vertrat ihr den Weg.
"Wo willst du hin?"
Shannon wandte den Kopf ihm zu. Ihre Augen in ihrem blassen Gesicht waren noch immer tiefschwarz. Kevin spürte die wilde Kraft, die wie ein zweites Herz in ihr pulsierte.
"Geh mir aus dem Weg." sagte eine uralte machtvolle Stimme aus ihrem Inneren.
Kevin wurde mulmig zumute. Das war nicht Shannon, sondern ein viel älteres Wesen...
Kevin! Geh da weg! warnte Akela. Howie und Brian schoben Nick und AJ in Richtung Treppe, um sie in Sicherheit zu bringen.
Kevin sah Shannon in die Augen. Sie würde ihm nichts tun, weil sie ihn liebte. Darauf vertraute er.
"Nein. Ich lasse dich nicht allein da hinüber gehen. In diesem Zustand könnten dir Fehler unterlaufen. Ich komme mit!"
Shannon knurrte. Es klang haargenau wie bei dem Wolf. Sie fletschte ihre weißen Zähne.
KEVIN! Akela versuchte ihn mit seinem Körper von der Tür wegzudrängen, aber Kevin war stark genug, sich dem zu widersetzen. Der Wolf gab seine fruchtlosen Bemühungen auf und wich ein Stück zurück. Vor seinen Augen entbrannte ein Machtkampf zwischen dem Mann und der Kreatur, die in Shannon steckte. Und so unglaublich das auch erschien, Kevin gewann.
Shannon unterdrückte die Alte Macht, die in ihr flutete und zwang sich zur Vernunft. Erleichtert stellte Akela fest, dass ihre Augen wieder ihre normale Farbe annahmen.
"Du spielst gefährliche Spiele!" zischte sie Kevin ungehalten an.
Er sah sie nur an. Sie wussten beide, dass es kein Spiel gewesen war, sondern tödlicher Ernst. Shannon drehte sich zu den Anderen um.
"Ihr bleibt hier. Es ist jetzt sicher, die Leiche ist weg."
Kevin nickte ihnen zu. Sie sollten tun, was Shannon sagte. Sie sahen mit dieser Anweisung nicht glücklich aus, aber sie hatten für diese Nacht genug erlebt.
Shannon drängte sich an Kevin vorbei. Akela warf ihm einen mitfühlenden Blick zu und folgte ihr.
Kevin ging hinterher. Er hörte noch, wie ihnen die Jungs viel Glück wünschten, dann war er allein mit Shannon und dem Wolf auf dem Weg zur Villa. Der Mond war inzwischen untergegangen und Shannon war in der Finsternis nahezu unsichtbar. Glücklicherweise galt das nicht für den Wolf, der Kevin wie ein weißes Leuchtfeuer den Weg wies.
Shannon stürmte in den Vorraum der Villa und ließ über ihrem Kopf ein grelles Hexenlicht entstehen. Wind kam in der Halle auf.
"John Malcolm Masters! Ich bin hier wie du siehst! Komm her, wenn du dich traust!" warf Shannon dem Geist herausfordernd entgegen.
Kevin konnte diesmal seine Anwesenheit spüren. Entweder holte der Geist bereits zum Schlag gegen sie aus, oder seine mediale Begabung wurde stärker.
Shannon. Mach den Kreis, bevor er Kevin angreift. rief Akela.
Shannon fuhr zu den Beiden herum. Ihre Augen waren wieder schwarz. Sie zog ein Stück Kreide aus dem Rucksack und zeichnete, mit routinierten Bewegungen, den Schutzkreis mit der Rune darin. Aber sie machte keine Anstalten, selbst in ihn hineinzutreten.
Akela packte Kevin am Hosenbein und zog ihn mit sich in den Kreis. Dann verstärkte er ihn mit seinen Kräften und Kevin nahm erneut das Flimmern wahr.
Wir sind hier sicher.
"Und was ist mit Shannon?"
Du solltest dir vielleicht lieber um den Geist Gedanken machen. Shannon hat durch die Alten Mächte genug Schutz.
John Malcolm Masters erschien, ein durchscheinendes Schemen, dessen Ränder unheilvoll glühten. Er legte den Kopf in den Nacken und lachte dröhnend.
"Ihr dummen Menschen... Ihr werdet sie nicht mitnehmen, Mary-Ann gehört mir! Niemand soll sie bekommen, dieser Damien nicht und ihr auch nicht!"
Kevin ging bei diesen Worten ein Licht auf. "Er war es... Er hat aus Eifersucht sein Elternhaus angezündet, damit seine Schwester und ihr Verlobter sterben. Aber das war ihm noch nicht genug, er ist ihnen in den Tod gefolgt und hindert Mary-Ann seither daran, die Grenze ins Jenseits zu überschreiten."
Der Geist warf ihm einen gehässigen Blick zu. "Ja, ich habe sie getötet... Und ich werde dich als nächsten töten, denn ich habe gesehen, wie du sie ansiehst. Aber du bekommst sie nicht, sie ist mein!"
"Oh nein, du wirst niemanden mehr töten!" knurrte Shannon und schob sich vor Kevin.
Zwischen dem Geist und der Hexe knisterte es, wie kurz vor einem Gewitter. Helle Lichtfunken umschwirrten Shannon wie Glühwürmchen. Der Geist schien die Dunkelheit um sich zusammenzuballen. Haltsuchend griff Kevin in Akelas Nackenfell. Er wusste, dass hier gleich die Hölle losbrach. Und er konnte nicht helfen.
Der Geist vollführte den ersten Schlag. Mit einem Knall, der Kevin und den Wolf zusammenzucken ließ, schmetterte er die Türen und Fenster zu.
Das war nur die Ablenkung... Im nächsten Moment flog ein Stuhl auf Shannon zu. Mit einer blitzschnellen Handbewegung lenkte sie ihn von sich weg. Krachend schlug er gegen eine Wand und zerbrach.
Shannon ging zum Gegenangriff über. Ein blendendes Licht zischte auf den Geist zu und traf ihn mittig. Er heulte auf.
Der nächste Stuhl raste auf Shannon zu, schneller als der Erste. Aber auch der landete, durch ihre Hand umgelenkt, nur an der Wand.
Der Geist fauchte. Sein Blick wanderte nach oben und blieb am Kronleuchter hängen. Shannon bemerkte es nicht, da sie die Gelegenheit zu einem neuerlichen Angriff nutzte. Wieder schlug eine Lichtkugel in den Geist ein, aber der lachte diesmal über die Schmerzen und ließ den Kronleuchter im selben Augenblick auf sie niedersausen.
Akela war schnell, aber Kevin war schneller. Er hechtete aus dem Kreis und riss Shannon zur Seite. Dicht neben ihnen schlug der Leuchter mit lautem Klirren auf. Der Geist jaulte frustriert und ließ den nächsten Stuhl auf sie zuschießen, bevor sie die Gelegenheit hatten aufzustehen. Diesmal fing Akela ihn, bevor er sie erreichte, wie einen Frisbee auf und warf ihn zur Seite. Schützend stellte sich der Wolf vor seine Menschen. Ein tiefes, grollendes Knurren stieg aus seiner Kehle auf.
Shannon nutzte den Moment und mehrere Lichtkugeln schossen zugleich auf den Geist zu, während sie noch auf den Knien lag. Sie trafen ihn, wie Patronen aus einem Maschinengewehr. Er schrie vor Schmerz auf und taumelte zurück.
JETZT SHANNON! brüllte der Wolf.
Shannon rief atemlos einige fremdartige Worte.
Plötzlich wurden die Schatten ringsum lebendig... Körperlos und schwärzer als die Nacht rasten sie auf Masters Geist zu. Sie packten ihn, zerrten und zogen an ihm, bis er kreischend auseinander riss und seine Teile in die Ecken davon geschleppt wurden. Das Dunkel, das dort lauerte, verschlang was von ihm übrig war.
Dann war es still, bis auf das Keuchen der drei Geisterjäger.
Akela ging erschöpft zu Shannon, die sich am Boden zusammengerollt hatte und völlig entkräftet war. Kevin lag neben ihr, einen Arm noch um ihre Taille geschlungen. Er war falsch aufgekommen und versuchte noch immer genug Luft in seine Lungen zu pumpen. Immerhin war nichts schlimmeres passiert. Er hatte Shannon bereits Tod unter dem Kronleuchter liegen sehen. Mit den paar Schmerzen kam er schon klar...
Shannons Blick wanderte zu Kevin. Sanft strich sie ihm über die Wange, dann half sie ihm sich aufzusetzen.
Der Wolf setzte sich neben sie. Kätzchen, da ist Mary-Ann. Wir sollten sie nach Hause bringen. Sie wartet doch schon so lange.
Shannon sah auf. An der Tür zum Wohnzimmer stand tatsächlich das Mädchen. Sie sah unendlich verloren aus.
Shannon wusste, was die Kleine durchmachte. Sie stand mühsam auf und ging zu ihr.
"Darf ich jetzt heim?" fragte das Schemen zaghaft.
"Ja, ich bringe dich nach Hause. Dein Verlobter wartet sicher schon auf dich."
Shannon führte sie zu dem Kreis, fügte mehrere Runen hinzu und setzte noch einmal ihre Kräfte frei. Sie hatte kaum noch genug Energie, aber dann gelang es ihr doch noch, das Tor in die Andere Welt zu öffnen.
Im Kreis erschien ein Licht, aus dem sich allmählich eine Gestalt herausschälte.
Mary-Ann begann über das ganze Gesicht zu strahlen. "Damian!" hauchte sie glücklich.
Sie lief in den Kreis und fiel ihrem Verlobten in die Arme. Das Licht umfing sie und wurde dabei so hell, dass man von den beiden Gestalten nichts mehr erkennen konnte. Dann verlosch es und sie waren verschwunden.
Shannon hatte nicht mehr die Kraft sich zu bewegen. Sie saß einfach da und sah Akela zu, wie er die Kreidestriche mit den Pfoten unkenntlich machte.
Kevin trat hinter sie.
"Geht es dir gut?" fragte sie kaum hörbar.
"Das wollte ich gerade dich fragen, Kleines." Er kniete sich neben sie, legte ihre Arme um seinen Hals, seinen Arm um ihre Schultern, schob den anderen unter ihre Knie und hob sie hoch. So verließ er mit ihr die Villa. Der Wolf folgte ihm, mit dem Rucksack in der Schnauze.
Es wurde langsam hell.


8. Kapitel

Als die Jungs den Zustand sahen, in dem Shannon war, verschoben sie ihre Fragen auf den nächsten Tag. Sie war weiß wie eine Wand...
Kevin brachte sie direkt nach oben, ins Bad. Akela ließ den Rucksack im Flur stehen und folgte ihm.
Kevin setzte Shannon auf dem Badewannenrand ab und zog ihr Mantel und Stiefel aus. Dann strich er ihr zärtlich das Haar hinter die Ohren.
"Möchtest du baden, Kleines?" fragte er leise.
Shannon nickte. Sie fühlte sich, als hätte der Leuchter sie doch erwischt.
"Schaffst du es, den Rest alleine auszuziehen?" wollte Kevin leise wissen.
Shannon schüttelte langsam den Kopf. Sie hatte einfach nicht mehr die Kraft dazu.
"Okay. Warte einen Moment, ich bin sofort wieder da."
Kevin ging raus und Akela schmiegte sich solange tröstend an sie. Shannon schlang ihre Arme um ihn und drückte ihr Gesicht in sein Fell. Sein Geruch beruhigte ihre angespannten Nerven.
Kevin kam zurück. Er drehte das Wasser auf, stellte die richtige Temperatur ein, gab Schaumbad dazu und ließ die Wanne voll laufen. Dann befreite er Shannon behutsam von T-Shirt und Hose. Den Rest zog sie dann doch, mit dem Rücken zu ihm, selbst aus.
Aufatmend ließ sie sich in das heiße Wasser sinken. Sie lehnte ihren Kopf an, schloss die Augen und entspannte sich.
Kevin blieb und setzte sich neben die Wanne. Sanft streichelte er ihr Gesicht.
Shannon war kurz vor dem Einschlafen, als es leise an der Tür klopfte. Kevin öffnete und sprach mit einem der Jungs, dann kam er wieder rein. Er trug ein Tablett mit einer großen eisgekühlten Coke und einem Teller mit Weintrauben und Käsehäppchen.
"Das kommt von den Jungs, mit einem lieben Gruß. Es ist im Moment nicht viel im Haus, aber du musst jetzt irgendwas essen."
Akela schielte interessiert auf den Teller. Klauen kam für ihn nicht in Frage, zumal Shannon ihre Kraftreserven auffüllen musste. Aber im Mit-den-Augen-betteln war er Weltmeister.
Kevin wollte Shannon die Coke reichen. Da er jedoch sah wie ihre Hände zitterten, hielt er das Glas und ließ sie trinken.
Shannon seufzte erleichtert, als er es wieder absetzte. Zucker war im Augenblick genau das Richtige.
Akela eiskalt ignorierend, fütterte Kevin Shannon abwechselnd mit Käse und Weintrauben. "Dein Fressen wartet in der Küche, Hund." erklärte er ohne ihn anzusehen, als Akela wimmerte.
Shannon kicherte. Im Gegensatz zu Kevin, der nicht hinsah, sah sie den beleidigten Gesichtsausdruck des Wolfes.
Kevin schmunzelte. Shannon bekam wieder Farbe im Gesicht und konnte Lachen. Er hatte schon befürchtet, dass es schlimmer um sie stand.
Sobald der Teller leer war, lehnte Shannon sich wieder zurück. Sie war todmüde und das Wasser begann abzukühlen.
"Möchtest du noch drin bleiben, oder soll ich dir ein Badetuch holen?" erkundigte sich Kevin leise.
"Ich möchte schlafen gehen." murmelte Shannon mit geschlossenen Augen.
Sie hörte, wie Kevin rausging. Dann döste sie ein.
Sie wurde vom Geräusch des ablaufenden Badewassers wieder geweckt. Kevin stand mit einem Badetuch neben ihr. Mühsam richtete sie sich auf.
Kevin breitete das Tuch aus und wickelte sie darin ein. Sanft zog er sie an sich und rieb ihr den Rücken trocken. Shannon lehnte ihren Kopf an seine Brust. Wenn sie nicht aufpasste, war sie sogar imstande im Stehen einzuschlafen...
Kevin nahm sie kurzerhand wieder auf die Arme und trug sie in ihr Zimmer. Er setzte sie auf das Bett, deckte sie zu und zog ihr eins seiner sauberen T-Shirts über den Kopf. Mit schwerfälligen Bewegungen steckte sie ihre Arme in die Ärmel und schob das Badetuch unter der Decke hervor. Dann legte sie sich hin und rollte sich zusammen. Sie blinzelte Kevin erschöpft an.
"Bleibst du bei mir?" flüsterte sie.
Kevin ließ sich nicht lange bitten, sondern zog die Jeans aus und legte sich neben sie.
Shan lehnte ihre Wange an seine Schulter und schlief in sekundenschnelle ein.
Kevin lauschte auf ihre regelmäßigen Atemzüge. Seine Wange lag an ihrem weichen Haar. Shannon war zierlich und wirkte so verletzlich. Aber der Schein trog, wie er jetzt wusste. Sie war eine mächtige Hexe. Jetzt verstand er auch, dass sie sich verpflichtet fühlte anderen zu helfen. Und er wusste, dass Shannon ihn wieder verlassen würde. Egal ob sie eine sexuelle Beziehung hatten oder nicht. Es gab zu viele Menschen, die ihre Hilfe brauchten. Alles, was er tun konnte, war, ihr diese zwei Wochen so angenehm wie möglich zu machen.

Es war um die Mittagszeit, als Kevin den Jungs bei einem sehr späten Frühstück die Ereignisse in der Villa schilderte.
"Also sind die Geister jetzt weg?" erkundigte sich Nick.
"Ja. Die Eingangshalle braucht jetzt zwar eine Renovierung, aber sie sind weg." bestätigte Kevin.
Shannon kam in die Küche. Sie wirkte noch immer völlig erschöpft. Verschlafen blinzelnd setzte sie sich an den Tisch. Wie von Geisterhand tauchten vor ihr Orangensaft, Brötchen, Wurst und Marmelade auf. Dankbar lächelte sie in die Runde und stellte erleichtert fest, dass sie nicht, wie befürchtet, angstvoll angestarrt wurde.
"Tut mir leid, dass ich letzte Nacht so in die Luft gegangen bin. Ich wollte euch keinen Schreck einjagen." meinte sie kleinlaut.
"Ach, Shan. Wir sind die Wutanfälle von Nick gewöhnt. So leicht sind wir nicht ins Bockshorn zu jagen." erklärte Brian.
Nick wurde rot und protestierte, doch Shannon lachte.
"Was machen wir denn heute?" wollte AJ wissen.
"Ihr geht einkaufen. Sonst gibt es heute Abend nämlich nichts zu essen." sagte Kevin trocken. Die Jungs maulten.
"Ihr könnt meckern soviel ihr wollt. Entweder ihr geht einkaufen, oder ich ziehe mit Shannon in ein Hotel und ihr könnt sehen wie ihr klarkommt. Ihr könnt nach Hause gehen, da habt ihr was zu essen."
Brian zog eine Grimasse. Sie waren ja nur wegen Shannon hier. Also rafften sie sich auf und gingen einkaufen.
Shannon war mit dem Frühstück fertig, schob den Teller zurück und legte den Kopf auf die, auf dem Tisch gekreuzten, Arme. Sie war schon wieder müde. Die letzte Nacht hatte sie an den Rand der völligen Erschöpfung gebracht.
"Kleines, geht es dir nicht gut?" Kevin hatte sich neben sie gehockt und legte besorgt eine Hand auf ihre Stirn.
"Nein. Alles okay. Kommst du mit rauf? Ich möchte noch ein bisschen schlafen."
Kevin hob sie wieder auf seine Arme und Shannon schlang ihre um seinen Nacken.
"Ich mag es, von dir getragen zu werden." murmelte sie an seinem Hals. Ihre Finger spielten mit seinem Haar.
"Und ich mag es dich zu tragen." erwiderte Kevin leise.
Als die Jungs zurückkamen, lagen die Zwei schlafend in Shannons Bett.

Die nächsten Tage waren mit die schönsten in Shannons bisherigem Leben. Kevin hatte den Anderen gegenüber erwähnt, dass sie sehr schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht hatte. Wie schlecht diese Erfahrungen wirklich waren, hatte er nicht gesagt, aber die Jungs taten jetzt alles, um Shannons Vertrauen in die Männer wieder herzustellen. Bei jeder Gelegenheit nahmen sie sie in den Arm und knuddelten sie. Shannon entwickelte ihnen gegenüber ein Zugehörigkeitsgefühl, wie sie es seit dem Tod ihrer Eltern nicht mehr gekannt hatte. Sie hatte plötzlich vier unglaublich liebe Brüder, die alles für sie taten. Aber sie wusste die ganze Zeit über, dass ihr Glück begrenzt war. Nach diesen zwei Wochen musste sie zurück nach Deutschland. Und jedes Mal, wenn sie an den bevorstehenden Abschied dachte, kamen ihr die Tränen.
Kevin war, nach dieser übersinnlichen Erlebnissen, zu ihr ins Zimmer gezogen. Er drängte sie zu nichts, sondern hielt sie einfach jede Nacht liebevoll in seinen Armen. Shannon wusste, wie schwer es ihm fiel nichts weiter zu tun als sie zu umarmen und zu küssen, und sie ahnte, dass Akela ihr schreckliches Geheimnis verraten hatte. Aber sie war ihm nicht böse. Sie selbst hätte nicht die Kraft gehabt, es Kevin zu sagen.
Hin und wieder schaffte sie es, ihre Angst beiseite zu schieben, dann küsste sie ihn von sich aus voller Leidenschaft. Aber mehr geschah nicht.
Sie machten das Wohnzimmer fertig und kachelten den Boden des Flurs im Erdgeschoss neu. Shannon hatte ihr Appartement in der Organisation selbst renoviert und half hier begeistert mit.
Als sie, Mitte der zweiten Woche, jedoch eine Bohrmaschine in die Hand nahm, um im unteren Flur ein Regal anzubringen, war der Großteil der Jungs mehr als skeptisch.
AJ war der Erste, der einen Blick auf ihre schmale Hand warf und den nächsten auf die schwere Maschine. Er ging sofort zu Kevin und erzählte ihm von der Sache.
Kevin kam zu Shannon und beobachtete einen Moment ruhig, wie sie das Gerät handhabte. Dann ging er wieder, mit dem Hinweis, dass sie sich an ihn wenden könnte, falls sie Hilfe brauchte.
Shannon sah ihm nach. Zum Einen weil sie erstaunt war, dass er ihr vollkommen zutraute das schwere Ding zu benutzen, zum Anderen weil er unglaublich sexy aussah mit dem Werkzeuggürtel, der schief um seine Hüfte hing.
Shannon schraubte gerade das Bohrfutter fest, als Howie vorbeikam. Er blieb stehen und öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber Shannon war schneller.
"Wenn du jetzt sagst ‚Entschuldige wenn ich das sage, Shannon, aber mir ist nicht wohl dabei, wenn ein Mädchen eine schwere Bohrmaschine benutzt.’, setze ich sie zuerst bei dir an."
Howie schloss den Mund umgehend und warf ihr einen verständnislosen Blick zu. Hätte er geahnt, wie sehr Shannon in ihrer Laufbahn in der Organisation hatte kämpfen müssen, um als erst siebzehnjährige aber schon voll ausgebildete Hexe anerkannt zu werden, hätte er sie besser verstanden.
Dann kam Brian. Shannon war gerade auf die Leiter gestiegen, hatte mit leicht zitternder Hand den schweren Bohrer da angesetzt, wo das erste Loch gebraucht wurde, und wollte die Taste drücken.
"Kann das denn kein anderer machen?! Du brauchst das doch wirklich nicht zu tun, das Ding ist doch viel zu..."
Shannon stieß zwischen zusammengebissenen Zähnen eine Reihe von Flüchen aus. Jeden in einer anderen Sprache. Bevor sie ihm allerdings an die Gurgel springen konnte, tauchte Kevin auf, nahm den irritierten Brian am Arm und führte ihn weg.
"Mach ruhig weiter." sagte er über die Schulter zu Shannon.
Nick hatte das Ganze bisher von der Küche aus beobachtet. Er war davon überzeugt, dass Shannon mit dem Gerät sehr gut klarkam. Jedenfalls besser als er.
Er hörte die Türklingel und öffnete. Es war Keith, Kevins bester Freund, der auch schon als Bodyguard mit den Backstreet Boys auf Tour gewesen war. Er war einige Zentimeter größer als Kev und noch durchtrainierter. Ansonsten war er äußerlich das genaue Gegenteil. Rötlichblond und blauäugig. Und bei Shannon war er sofort unten durch.
Das Erste was er tat, nachdem er das Gästehaus betreten hatte, war, Shannon den Stecker der Bohrmaschine rauszuziehen und ihr das Gerät aus der Hand zu nehmen.
"So kleine Mädchen sollten nicht mit so gefährlichen Sachen spielen." sagte er.
Nick ahnte was kam, als er Shannons Gesicht sah.
"Kevin! Shannon nimmt gerade deinen Freund auseinander!" rief er in Richtung Wohnzimmer.
Shannon sprang indes mit einem Satz von der Leiter und schubste den anderthalb Köpfe größeren und doppelt so schweren Mann gegen die nächste Wand.
"Ihr verdammten Chauvinisten! Wer ist hier klein? Du solltest vielleicht mal deine Hirnkapazität deiner Körpergröße anpassen! Wer hat dich Neandertaler eigentlich aus der Höhle gelockt?" Es folgten noch einige Schimpfwörter auf irisch und französisch, die glücklicherweise niemand verstand.
Kevin stellte sich zwischen die vor Wut kochende Shannon und den verdatterten Keith und versuchte Shannon davon abzuhalten, Keith irgend etwas anzutun. Schließlich wusste er sich nicht anders zu helfen und presste seinen Mund auf Shans. Das Fluchen war schlagartig beendet. Als er den Kopf hob und Shannon ansah, waren beide außer Atem.
"Du kannst jetzt weitermachen. Es stört dich ganz bestimmt keiner mehr, dafür sorge ich schon, okay?"
Shannon nickte, obwohl sie keine Ahnung mehr hatte, womit sie weitermachen sollte. Kevin zog Keith aus der Gefahrenzone ins Wohnzimmer.
"Meine Güte! Wer ist das?" fragte Keith verstört. Er ließ sich auf das Sofa sinken.
"Ich habe dir doch von Shannon erzählt!" Mit anklagendem Blick setzte sich Kevin ihm gegenüber in den Sessel.
"Das? Das ist Shannon? Du hast von einem sanften Mädchen mit wunderschönen Augen geredet, nicht von einer männermordenden Furie!"
"Du bist einfach mal wieder zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen."
"Willst du mir sagen, dass das die Frau ist, wegen der du seit Monaten Liebeskummer hast? Sie ist doch noch nicht mal dein Typ!" Draußen ertönte wieder das Geräusch des Bohrers. "Aber wahrscheinlich brauche ich mir darum keine Gedanken zu machen, sie wird sich jeden Moment verletzen und nach Hause wollen."
Zu Keiths Erstaunen lachte Kevin, bis ihm die Tränen kamen.
"Oh Mann, Keith! Du solltest sie wirklich näher kennen lernen. Sie könnte dir einiges beibringen. Und sie würde dich das Fürchten lehren, das kannst du mir glauben!" Er wischte sich, noch immer kichernd, über die Augen.
"Und was soll sie mir sonst noch beibringen?" wollte Keith ungehalten wissen. Das Verhalten seines Freundes gab ihm Rätsel auf und machte ihn sauer.
Kevin beugte sich vor und stützte die Ellenbogen auf den Knien ab. Sein Gesichtsausdruck war ernst geworden. "Zuerst mal warne ich dich. Unterschätze sie nicht! Sie kann verdammt gefährlich werden. Dagegen war das, was sie eben mit dir gemacht hat, harmlos. Shan ist eine Hexe." Er hob die Hand, als Keith etwas dazu sagen wollte. "Ich meine nicht die Art von Hexe, die wir in der Schulzeit in Mathe hatten. Ich meine vielmehr ein Wesen mit magischen Kräften."
"Dann ist sie wohl eine böse Hexe aus dem Märchen." Keith lachte.
"An deiner Stelle würde ich nicht so über sie reden, wenn sie oder ihr Wolf in der Nähe sind." ließ sich plötzlich Nick von der Tür her vernehmen.
"Akela ist oben. Er macht ein Vormittagsschläfchen." sagte Kevin.
"Sicher ist sicher." meinte Nick. Er kam rein und setzte sich in einen Sessel.
"Okay. Das müsst ihr mir jetzt erklären. Diese Shannon hat einen WOLF?"
"Das ist eine lange Geschichte, Keith."
"Macht nichts. Ich habe Zeit."
Kevin erzählte, was es mit Akela auf sich hatte, dass er ihn sehen konnte und welche Fähigkeiten Shannon hatte. Keiths Gesicht wandelte sich von einer ungläubigen Grimasse über ein Grinsen bis zu einem Heiterkeitsausbruch, der ihm die Tränen in die Augen trieb. Am lustigsten fand er, dass Kev und Nick ihn die ganze Zeit ernsthaft ansahen.
"Er glaubt, du nimmst ihn auf den Arm." stellte Nick sachlich fest.
"Das merke ich. Wo sind die Anderen?"
"Sie hängen den Basketballkorb in der Einfahrt auf."
"Rufst du sie mal bitte rein? Ich schätze, wir haben gleich alle was zu lachen."
Mit einem erwartungsvollen Grinsen lief Nick los.
Keith wischte sich, noch immer prustend, über das Gesicht. "Was hast du vor?" erkundigte er sich kichernd.
"Das siehst du dann schon."
Die Jungs trudelten ein.
"Hey, Keith! Lange nicht gesehen! Wird das hier eine Versammlung? Nick meinte, es gibt gleich was zu lachen!" AJ schlug bei Keith ein.
"Ich habe keine Ahnung was Kevin vorhat. Sagt mal, ist Kev unter die Märchenonkel gegangen? Er erzählt mir allen Ernstes eine Geschichte über Hexen und unsichtbare Wölfe!"
Die Jungs erstarrten zur Salzsäule. Kevin sah Keith nur, mit vor der Brust verschränkten Armen, an.
"Keith, ich rate dir als Freund ihm zu glauben. Und vor allem nicht so laut zu reden." meinte Brian warnend.
"Ach, komm schon B-Rok. Du kannst mich nicht ins Bockshorn jagen." Keith grinste.
Die Jungs sahen einander an, zuckten die Schultern und setzten sich.
Gleich darauf ging Kevin kurz raus und kam mit Shannon an der Hand wieder. Als sie Keith sah, wurden ihre Augen schmal.
Kevin flüsterte ihr etwas ins Ohr, das Shannon grinsen und nicken ließ.
"Also los, Keith. Wenn du das, was ich sagte, so lustig findest, dann steh mal auf." forderte Kevin Keith heraus.
Der erhob sich. "Und? Was jetzt?"
Im nächsten Moment hingen seine Jeans an seinen Füßen. Die Jungs brüllten los und bekamen sich nicht mehr ein vor Lachen. Der Anblick und sein verdattertes Gesicht, als er nach unten sah, waren zu komisch.
Kevin gab Shannon währenddessen einen Kuss auf die Schläfe, ging mit ihr zu seinem Sessel, setzte sich und zog sie auf seinen Schoß.
Was ist denn hier für ein Krach? fragte ein verschlafener Wolf von der Tür her. Interessiert beobachtete er, wie Keith seine Jeans nach oben zerrte und alle fünf Knöpfe wieder schloss.
"Nichts weiter. Nur ein kleiner Lösungszauber." erwiderte Kevin schmunzelnd.
Verständlicherweise blieb Keith nicht lange, aber die Jungs brachen den Rest des Tages immer wieder unvermittelt in Gelächter aus.


9. Kapitel

Shannon liefen die Tränen über das Gesicht. Morgen... Morgen war der letzte Tag. Übermorgen saß sie im Flieger nach Deutschland.
Akela versuchte die ganze Zeit sie umzustimmen. Er verstand nicht, warum sie sich noch immer in der Schuld der OCRSI stehen sah. Gut, sie hatten ihr damals das Leben gerettet, aber das war in seinen Augen kein Grund jetzt kein eigenes zu führen. Er wollte, dass sie glücklich war. Und das war sie in Kevins Nähe.
Kätzchen, bleib doch einfach bei ihm. Du liebst ihn doch.
Der Wolf saß neben ihrem Bett und sah hilflos zu, wie sie in ihr Kissen weinte.
Er hatte sie schon einmal verraten, indem er Kevin von ihren Plänen informiert hatte. Und jetzt tat er es wieder. Er tat es, um sie glücklich zu sehen.

Kevin stand in der Küche. Die Anderen waren nach McDonalds gefahren, aber er hatte heute Lust auf Lasagne. Und es war eine seltene Gelegenheit mit Shannon allein zu essen. Er spürte Akelas Anwesenheit, bevor er ihn sah.
"Keine Sorge. Ich habe extra ein Steak für dich besorgt. Du musst nicht schon wieder Pasta fressen."
Im Moment haben wir andere Probleme.
Kevin blickte auf. "Ist was mit Shannon?"
Weißt du, dass sie übermorgen zurückfliegen will?
"Ich hab so was geahnt."
Sie liegt auf dem Bett und weint.
Kevin ließ die Lasagne stehen und lief nach oben.
Shan lag auf dem Bett, ein kleines Häuflein Elend, und schluchzte, dass auch ihm sofort die Tränen kamen. Er zog sie in seine Arme und hielt sie fest. Es dauerte, bis sie sich so weit beruhigt hatte mit ihm zu sprechen. Er strich ihr sanft das Haar zurück und verteilte Küsse auf ihrem Gesicht.
Sie sah ihn todunglücklich an.
"Du fliegst übermorgen?" fragte er leise.
Sie nickte.
"Und hast du schon eine Liste geschrieben?"
"Was für eine Liste?" erwiderte sie gequetscht.
"Wenn man für immer weggeht, sollte man eine Liste schreiben mit den Dingen, die man noch machen möchte. Sonst könnte es ja passieren, das man etwas wichtiges vergisst."
"Und was steht auf so einer Liste?"
"Naja, zum Beispiel... einen Baum zu pflanzen oder eine Flaschenpost zu schreiben."
"Du möchtest eine Flaschenpost schreiben?"
"Warum nicht? Ich hab so was noch nie gemacht. Einmal muss man ja damit anfangen." Er lächelte dieses unwiderstehliche Lächeln. "Und was möchtest du machen?"
"Ich habe darüber noch nie nachgedacht..."
"Dann solltest du damit anfangen. In einer halben Stunde ist das Essen fertig." Er küsste sie auf die Nase und ging wieder nach unten.
Als Ansatz nicht schlecht, sie hat aufgehört zu weinen. Und wie willst du erreichen, dass sie bei dir bleibt? wollte der Wolf wissen, der ihm gefolgt war.
"Ich fürchte, es ist ihre Entscheidung ob sie geht oder bleibt. Ich kann nicht mehr tun, als es hinzunehmen."
Ich nehme an, es ist keinem von euch mal in den Sinn gekommen, dass es Schicksal war, dass ihr euch begegnet seid? Dass ihr für einander bestimmt seid?
Kevin sah den Wolf ernst an.
"Selbst wenn ich ja sagen würde, würde Shannon es abstreiten. Es würde nur alles komplizieren und schmerzvoller machen. Sie leidet schon genug."
‚Ja. Und du auch.’ dachte Akela. ‚Aber vor seinem Schicksal kann man nicht davon laufen...’

Es war ein romantisches Dinner bei Kerzenschein. Kevin hatte an alles gedacht. Es gab leise Musik, griechischen Likörwein (der einzige Wein, den Shannon mochte), der Tisch war mit Blumen dekoriert. Es war zauberhaft.
Und Shannon wurde auch zauberhaft. Vor allem, als sie ihr Weinglas geleert hatte. Kevin hatte noch niemanden kennen gelernt, der nach nur einem Glas einen Schwips bekam. Sie war nicht betrunken, aber sie wurde mutwillig und kicherte über die normalsten Dinge. Und sie steckte ihn damit an.
Nach dem Essen drehte er die Musik etwas lauter und sie tanzten. Für Shannon war es das erste Mal und sie genoss jede Sekunde davon. Es lief ‚I’ll never break your heart’. Shannon schmiegte sich eng an Kevin und er führte sie. Als das Lied zu Ende war und ‚Quit Playing Games’ begann, hielt er sie einfach weiter umschlungen. Er kämpfte mit den Tränen und sang leise mit.
Shannon sah mit feuchten Augen auf und legte einen Finger über seine Lippen. Dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn.

Als die anderen Jungs wiederkamen, fanden sie Shannon und Kevin, engumschlungen in einem Sessel sitzend, im dunklen Wohnzimmer.
"Hey, was ist denn mit euch beiden?" fragte Howie sanft, während er sich vor sie hinhockte.
"Wir sind ein bisschen depressiv, weil ich übermorgen fliege." sagte Shannon. Kevin drückte sein Gesicht in ihr Haar und schluckte die Tränen hinunter.
Howie sah zu den Anderen zurück, die im Türrahmen standen. Auf ihren Gesichtern malte sich Betroffenheit ab. Sie hatten gehofft, dass Shannon da bleiben würde. Und als Kev in ihr Zimmer zog, sahen sie diese Hoffnung bestätigt.
Sie traten näher. Brian setzte sie neben Shannon auf die Sessellehne, AJ blieb neben Kevin stehen und legte ihm tröstend eine Hand auf die Schulter, Nick ließ sich neben Howie auf den Boden fallen und rutschte so nah an Shannon heran, wie es ging.
"Ich kann dich aber anrufen, oder? Jederzeit?"
"Klar, Nick. Du bist doch mein kleiner Bruder." Shannon fuhr ihm durchs Haar.
Lange Zeit blieben alle still und hingen ihren Gedanken nach.
"Ich habe jetzt den ersten Punkt auf meiner Liste." meinte Shannon plötzlich leise.
Kevin rückte ein Stückchen von ihr ab, um ihr in die Augen sehen zu können.
"Und was möchtest du?"
"Ein Lagerfeuer am Strand, mit den Backstreet Boys."
"Euer Wunsch ist uns Befehl, Mylady." murmelte Kevin in ihr Ohr. "Na los! Ihr habt Mylady gehört! Es geht an den Strand!" Er hob Shannon von seinem Schoß und ging mit ihr nach oben.
In ihrem Zimmer drehte sich Shannon zu ihm um und legte die Arme um seinen Nacken.
"Es ist aber unfair, wenn du dir nicht auch einen Wunsch von deiner Liste erfüllst."
"Wie kommst du darauf, dass ich das nicht tue? Ich wünsche mir, mit einer Hexe schwimmen zu gehen. Und da du hier die einzige Hexe bist... Ich habe da am ersten Abend einen Badeanzug an dir bewundern dürfen, den solltest du vielleicht anziehen. Du kannst natürlich auch ohne..."
Shannon schlug ihm gespielt erbost auf den Arm, aber Kevin lachte nur darüber.
Eine halbe Stunde später waren sie am Strand. Kevin hatte sie zu der Bucht gelotst, die sie am ersten Tag entdeckt hatten. Während die Jungs mit Taschenlampen loszogen, um Treibholz zu suchen, drehte Shannon Kevin den Rücken zu, zog ihr Strandkleid aus und stand im Badeanzug da. Dann schlang sie die Arme um ihren Körper. Sie traute sich nicht recht, sich wieder zu ihm umzudrehen.
Plötzlich fühlte sie seine Arme um sich. Sanft drehte er sie zu sich herum und sah sie von oben bis unten an.
"Du bist wunderschön." flüsterte er fast ehrfürchtig. Er hauchte einen Kuss auf ihren Mund, nahm ihre Hände und führte sie ins spiegelglatte Wasser. Es war warm, trotz der späten Uhrzeit. Kevin brachte sie immer weiter weg vom Ufer, bis sie beide den Boden nicht mehr berührten.
Sie spielten im Licht der schmalen Mondsichel miteinander fangen, bis sie das Lagerfeuer am Strand lodern sahen. Dann schwammen sie zurück und gingen zu den Anderen, deren bewundernde Blicke Shannon gar nicht bemerkte, weil sie selbst Kevin anstarrte, der nur eine Badehose trug. Das Licht des Feuers vergoldete seinen schlanken, muskulösen Körper.
Brian legte ihr schließlich ein Badetuch um, weil sie sich nicht rührte. Sie zuckte überrascht zusammen.
"Ich bin es nur. Ich wollte nicht, das du dich erkältest, während du Kev mit den Blicken ausziehst." flüsterte er ihr ins Ohr.
Shannon lief rot an.
Sie saßen bis tief in die Nacht hinein am Strand und sprachen über das neue Album, ihre selbst geschriebenen Songs (vor allem ‚That’s what she said’ von B-Rok, der auf Backstreet’s Back kommen sollte) und ihre Tourpläne. Ab und zu sangen die Jungs einen dieser Songs für Shannon. Es war eine herrliche Nacht.

Früh am nächsten Morgen erwachte Kevin vom Klingeln eines Handys. Irritiert sah er sich um. Das war nicht seins...
Shannon fuhr hoch und griff in ihren Rucksack, der wie immer neben ihrem Bett stand.
"O’Neall?" Sie hörte einen Moment zu, dann wurde sie bleich.
"Ja... ja, ich komme." Sie legte auf, rief den Flughafen an und buchte einem Flug nach Kopenhagen. Dann schaltete sie das Handy ab und sah Kevin mit Tränen in den Augen an.
Kevin starrte sie an. Sie flog schon heute! Geschockt schüttelte er den Kopf.
"Es tut mir so leid!" Sie warf ihre Arme um seinen Hals und begann laut zu schluchzen.

Bereits eine Stunde später waren sie am Flughafen. Gabriel war in Schwierigkeiten geraten, deshalb hatte die OCRSI ihre fähigste Hexe aus dem Urlaub zurückgerufen. Sie konnte gar nicht anders als ihrem Pflegevater zu Hilfe zu kommen. Was nicht hieß, dass es ihr leicht fiel zu gehen...
Shannon liefen unablässig die Tränen über das Gesicht. Sie wussten alle, dass sie einander wahrscheinlich nicht wiedersehen würden. Es sei denn, es gab bei einem der Backstreet Boys einen übersinnlichen Notfall. Und das war sehr unwahrscheinlich, oder?
Ihr Flug wurde zum ersten Mal aufgerufen.
Shannon drehte sich zu den Jungs um. Nick umarmte sie als Ersten.
"Auf Wiedersehen. Ich schwöre, ich rufe dich jeden Tag an." murmelte er.
Shannon lächelte gequält.
Als nächster kam Howie. "Ich wünsche dir viel Glück." Er strich ihr sanft über den Rücken.
"Danke." erwiderte sie leise. Dann zog AJ sie in seine Arme.
"Hey, Baby. Wenn du mal jemanden brauchen solltest..." Er gab ihr liebevoll einen Kuss auf die Wange.
"Dann seid ihr die Ersten, die ich anrufe. Danke Bone." Sie drückte ihn fest. Dann sah sie Brian an und fing wieder an zu schluchzen.
"Hey, hey, hey... wir sind doch nicht aus der Welt." sagte er leise, während er sie in seine Arme zog.
Shannon konnte nicht antworten. Sie glaubte fast ersticken zu müssen.
Eine warme Hand strich ihr sacht das Haar hinter die Ohren. Brian ließ sie behutsam los und Kevin nahm seinen Platz ein.
Shannon klammerte sich an ihn, wie eine Ertrinkende. Sie presste ihr Gesicht an seine Brust und versuchte, sich seinen Geruch einzuprägen.
"Ich liebe dich." flüsterte sie erstickt.
"Ich liebe dich auch, Kleines... mein Schutzengel... ich liebe dich, mehr als ich sagen kann." Seine leise Stimme schwankte bei diesen Worten. Er nahm ihr Gesicht zwischen die Hände und küsste sie. Es war ein Kuss der Verzweiflung. Er schmeckte nach Tränen.
Der zweite Aufruf ertönte.
Kevin löste sich von Shan und sah ihr tief in die Augen.
"Du musst jetzt gehen." sagte er rau. Shannon nickte. Dann nahm sie all ihre Kraft zusammen, drehte sich um und ging, um einzuchecken.
Plötzlich hörte sie die Jungs singen und sah zurück. Sie hatten Kevin in die Mitte genommen und die Arme umeinander gelegt. Allen standen Tränen in den Augen, doch ihre Stimmen klangen klar wie die von Engeln, als sie 'like a child' für sie sangen.

Zwei Tage später stand Shannon in Kopenhagen am Kai und beobachtete die Wellen, die gegen die Mauer schlugen. Es schien ihr eine Ewigkeit her, seit sie das Flugzeug bestiegen hatte. In der Zwischenzeit war viel passiert, aber Gabriel war jetzt, den Göttern sei Dank, wieder zu Hause und sein Zustand besserte sich von Tag zu Tag.
Die Organisation hatte ihr heute angeboten die OCRSI in den USA zu vertreten und dort neue Zweigstellen zu eröffnen. Das hieß, lange Zeit von Stadt zu Stadt zu reisen und viel Arbeit zu erledigen. Shannon hatte angenommen. Sie brauchte ein Ziel, etwas dass sie von ihrem Schmerz ablenkte. Und die Wahrscheinlichkeit, bei diesem Job den Backstreet Boys über den Weg zu laufen, war verschwindend gering.
Nachdenklich blickte sie auf den Zettel in ihrer Hand. Es war eine Liste, mit zwei Punkten darauf:
1. Ein Lagerfeuer mit den Backstreet Boys
Diese Zeile war durchgestrichen.
2. Mit dem Mann schlafen, den sie liebte
Diese Zeile zu streichen, würde sie nie die Gelegenheit haben.
Sie hatte die Liste vor jenem letzten Abendessen geschrieben. Jetzt rollte sie sie zusammen, steckte sie in die mitgebrachte Flasche, verkorkte diese und warf sie, so weit sie konnte, ins Wasser.
Sie konnte nur hoffen, die richtigen Abzweigungen erwischt zu haben...



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