1. Kapitel

(Los Angeles, Club Charisma, 02. Oktober 1999, 23:45 Uhr )
Kevin drängte sich zwischen den Leuten an der Theke hindurch. Die Luft war, trotz Rauchverbot, rauchgeschwängert und dick. Kevin unterdrückte ein Husten. Er musste sich beeilen, wenn er den Champagner noch rechtzeitig bekommen wollte. Er wartete, dass der Barkeeper ihm seine Aufmerksamkeit schenkte.
„Champagner! Zwei Flaschen!“ Kevin musste fast schreien, um sich Gehör zu verschaffen. Die Musik aus den hohen Boxen übertönte alles, aber der Barkeeper schien ihn verstanden zu haben. Wenig später kam Kevin zu ihren zusammengeschobenen Tischen zurück. Er war beladen mit Flaschen und Gläsern. Howie und Brian halfen ihm, alles auf den Tischen unterzubringen.
„Hey, alter Mann! Ich fürchtete schon, dass du es nicht mehr rechtzeitig schaffst! Im Alter wird man so langsam!“ frotzelte AJ.
„Ich gebe dir gleich langsam, Bürschchen.“ drohte Kevin gutgelaunt. Er küsste seine Kristin auf die Wange und setzte sich neben sie.
Sie hatten grade die erste Etappe ihrer Welttour hinter sich gebracht und waren mehr als zufrieden. Deshalb nahmen sie heute seinen 28. Geburtstag, der in wenigen Minuten anbrach, als Gelegenheit ausgelassen zu feiern. Brian hatte Leighanne mitgebracht und AJ war mit Amanda da. Nick hatten sie reingeschmuggelt, während die Mädels mit den Türstehern flirteten. Der Abend verlief bisher toll. Die Stimmung war trotz gelegentlichem Mangel an Getränken ausgelassen. Und Brian und Howie hatten die ganze Zeit ein Auge auf die Uhr.
Jetzt hob B-Rok die Hand. Die Gespräche am Tisch verstummten.
„Fünf, vier, drei, zwei, eins...“
„HAPPY BIRTHDAY, KEV!“ brüllten alle los. Kristin zog ihn an sich und küsste ihn. Die Jungs sangen 'Happy Birthday to you' und übertönten diesmal locker die Musik.
Kevin strahlte. Es gab keinen Platz auf der Welt, an dem er jetzt lieber gewesen wäre.
Hätte er jedoch geahnt, was in dieser Nacht noch auf ihn zukam, hätte er schleunigst das Weite gesucht...

Einige Zeit später quetschte Kevin sich, auf dem Weg zur Toilette, durch die Menge. Inzwischen war es noch voller geworden. Ein Typ rempelte ihn an, und Kevin stolperte über den Fuß einer jungen Frau.
„Verzeihung, das war keine Absicht.“ entschuldigte er sich bei ihr.
Die Frau hatte langes, tiefschwarzes Haar und trug ein rotes Abendkleid. Sie hob ihr blasses Gesicht und sah ihm in die Augen.
Kevin erstarrte. Ihre Augen waren gelb, wie die eines wilden Tieres. Und das waren keine Kontaktlinsen...
Sie lächelte ihn an. „Hallo, schöner Mann. Wollen wir zwei ein bisschen an die frische Luft gehen?“
Sie wirkte irgendwie... wie unter Drogen. Und diese Blässe war beunruhigend, von dem seltsam hungrigen Blick mal ganz zu schweigen. Kevin war auf der Hut, Leute die sich Sachen einwarfen konnten schnell gefährlich werden.
„Tut mir leid. Ich bin mit meiner Freundin und ein paar Kumpels hier. Die warten auf mich.“ Er drehte sich um und wollte gehen, als sie ihn mit erstaunlicher Kraft packte und herumriss. Ihre Augen funkelten ihn wutentbrannt an.
„Ich warte schon viel länger als sie!“ fauchte sie. In ihrem Blick lag etwas bezwingendes. Kevin wollte sich losreißen und abwenden, aber er konnte es nicht. Plötzlich war es, als befände er sich mit ihr in einem leeren Raum. Um sie herrschte restlose Stille.
Sie lächelte ihn an, hob die Hand und fuhr sanft mit den Fingern über seine Wange. Und dann drang sie brutal in sein Bewusstsein ein. Als er versuchte sich dagegen zu wehren, lachte sie auf.
„Das hat gar keinen Sinn, mein Liebling. Du gehörst jetzt mir.“ flüsterte sie zärtlich.
Kevin atmete gepresst und versuchte erneut, sich von ihrem Blick loszureißen. Es gelang ihm nicht.
„Du verschwendest deine Energie. Aber mach nur weiter. Es erheitert mich.“ Diesmal war ihre Stimme eiskalt. Im nächsten Moment brach sie seinen Widerstand und sein bewusstes Denken setzte aus.
Schemenhaft nahm Kevin wahr, dass die Frau ihn am Arm nach draußen führte. Auf der Hintertreppe des Clubs lockerte sie den Griff um seinen Geist. Ein kühler Wind ließ ihn wieder halbwegs zur Besinnung kommen. Aber sie ließ seinen Verstand nicht völlig frei.
Sie drängte ihn gegen eine Wand. Abschätzend glitten ihre Hände über seinen Brustkorb, betasteten seine Arme. Er konnte sich nicht rühren, nicht einmal schreien.
„Ja... ja... Ich habe mir den Richtigen ausgesucht... Du bist genau, was ich brauche. Ich werde viel Spaß mit dir haben.“ Eine Hand noch immer auf seiner Brust, schob sie die andere in sein dunkles Haar und umfasste seinen Kopf. Sie rückte näher an ihn heran, bis ihre Augen das Einzige waren, das er wahrnahm.
„Du hast ja Angst! Angst schmeckt besonders gut.“ Sie lächelte. Dann presste sie ihre Lippen auf seinen Mund, zwang ihn auf und küsste Kevin tief. So tief, dass er deutlich die messerscharfen Eckzähne spürte, die sich in seine Lippen bohrten.
Sie ist ein Vampir! schoss es ihm durch den Kopf.
Sie löste sich von seinem Mund und hauchte Küsse auf seine Wange. Ihr Mund wanderte über seinen Hals, bis zu der Stelle wo sein rasender Herzschlag zu spüren war. Kevin versuchte ein letztes Mal, sich gegen ihre mentale Umklammerung zur Wehr zu setzen.
Shan! Bitte hilf mir! schrie er innerlich.
Als die Zähne der Vampirin tief in seinen Hals eindrangen, stöhnte er vor Schmerz auf.
Sie trank durstig. Mit jedem Herzschlag fühlte Kevin einen Blutschwall in ihren Mund strömen. Die Kräfte verließen ihn, seine Beine gaben nach, doch sie hielt ihn aufrecht und ließ ihn nicht los. Sein Herz pumpte immer schneller das verbliebene Blut, um seinen Körper weiter zu versorgen.
Der Vampirin reichte das Blut jedoch nicht mehr aus, das von selbst in ihren Mund floss. Sie biss tiefer und saugte an der Wunde. Ein scharfer Schmerz durchzuckte Kevin, dann wurde es dunkel um ihn.
Wenig später löste sich die Vampirin von ihm. Ynara war zufrieden mit ihrem Mahl. Er hatte das Bewusstsein verloren, aber sein Herz schlug noch immer. Wie vielversprechend! Er hing wirklich hartnäckig am Leben.
Ynara wich zurück, ließ ihn zu Boden gleiten und kniete sich über ihn. Aber gerade, als sie ihr Handgelenk aufritzen wollte, um ihm ihr Blut zu geben, hörte sie Stimmen. Sie fuhr herum und zischte erbost. Zwei Schatten kamen die kleine Gasse entlang, direkt auf sie zu.
„Ich bin noch nicht fertig mit dir! Vergiss das nicht!“ fauchte sie den reglosen Körper vor sich an. Im nächsten Moment war sie verschwunden.

„Wo schleppst du mich denn jetzt schon wieder hin? Ich dachte, du wolltest eine rauchen. Warum müssen wir deswegen erst kilometerweit durch die Gegend rennen?“ nörgelte Nick.
„Hör auf dich zu beschweren. Ich wollte dir den Hintereingang von diesem Club zeigen. Wir können dich ja nicht ewig reinschmuggeln. Außerdem macht es doch Spaß, oder?“ fragte AJ. Er stieß Nick mit dem Ellenbogen in die Rippen.
„Na, was du so unter Spaß verstehst...“
„Guck mal. Das, da vor uns, ist dein neuer Haupteingang.“
„Toll. Und auf der Treppe liegt ein Betrunkener...“
Nick stutzte. AJ bemerkte es im selben Augenblick.
„F...!“ Sie rannten los.
Nick kam durch seine längeren Beine früher an der Treppe an. Vorsichtig drehte er den leblosen Mann um und fand sich bestätigt. Es war Kevin! Er war kreidebleich und an seinem Hals prangte eine blutige Bisswunde.
Nick kämpfte mit der aufsteigenden Übelkeit. AJ stieß eine Reihe von Flüchen aus und rief per Handy einen Krankenwagen.

Howies Handy klingelte. Er ging dran und hielt sich mit der anderen Hand das freie Ohr zu, um über den Lärm des Clubs hinweg etwas zu verstehen.
„Dorough!“
„D, hier ist AJ! Es ist was passiert! Kommt sofort zum Hintereingang!“
„Was ist denn? Ist was mit Nick?“ erkundigte sich Howie besorgt.
„Nein! Es ist Kevin!“ Der Kontakt brach ab. Howie starrte entgeistert auf das Telefon.
„Was ist?“ fragte Brian.
„Wir sollen sofort hinter den Club kommen, sagt AJ. Es ist was mit Kev.“ erwiderte Howie verständnislos.
Kristin, die neben ihm saß, war ihr Entsetzen deutlich anzusehen. Sie sprang auf und stieß sich einen Weg durch die Menge frei. Die anderen folgten ihr eilig.

„Verdammt! Wo bleibt nur der Krankenwagen? Verdammt, verdammt, verdammt!“ Nick war außer sich. Sobald er wieder klar hatte denken können, hatte er bei Kevin Erste Hilfe geleistet. Er hatte Kevins Beine hochgelegt, um den Kreislauf stabil zu halten und hatte ihn mit AJ's und seiner Jacke zugedeckt. Mehr konnte er im Moment nicht tun.
AJ stand mit zitternden Händen neben ihm und starrte auf Kevin hinunter. Er konnte sehen, wie sich seine Brust ganz schwach hob und senkte. Irgendwie war AJ nicht in der Lage, Kevin anzufassen. Stattdessen hielt er sich verzweifelt an seinem Handy fest.
Wenn doch nur die Girls heute nicht dabei gewesen wären. Er hätte Amanda und Leighanne diesen Anblick gern erspart. Und Kristin! Wie würde sie reagieren?
AJ zwang sich ruhig zu bleiben. Der Krankenwagen war unterwegs. Hilfe nahte.
Hilfe? Es war zum Schreien. Wie sollten die Sanitäter Kevin denn helfen? Sie konnten höchstens seinen Blutverlust ausgleichen. Aber diese Bisswunde sah aus, als wäre sie von einem verdammten Vampir! Was wenn der wiederkam?
AJ fasste einen Entschluss. Er ging seine Handyeinträge durch und wählte eine Nummer.
„Was machst du?“ fragte Nick besorgt.
„Ich rufe den einzigen Menschen an, der Kev jetzt noch helfen kann.“
„Shannon.“ sagte Nick.
AJ nickte.


2. Kapitel

„Ich habe es doch schon vor zwei Monaten gemeldet!... Nein, telefonisch! Ihr könnt nicht einfach einen Zenar-Dämon frei in Deutschland rumlaufen lassen... Verflixt noch mal, soll ich jedem Dämon hinterher reisen, der die USA verlässt? Ich dachte ihr habt so viele Dämonenjä... Ihr habt doch nicht nur Gabriel! Was ist zum Beispiel mit Corbinian? Oder Ruth? Oder Anatol?... Dann setzt gefälligst die Abschlussklasse dran! Die sind doch inzwischen auch so weit!... Dann spart ihr euch diesmal die Prüfung!“
Wütend unterbrach Shannon die Verbindung. Seit mehr als zwei Jahren war sie in den USA unterwegs, um Zweigstellen der OCRSI in allen Haupt- oder Großstädten des Landes zu eröffnen und Hexen, Medien und Dämonenjäger zu rekrutieren. Und noch immer trat man mit jedem größeren Problem an sie heran. Scheinbar vermisste die Organisation ihr einziges Multitalent schmerzlich. Dabei hatten sie in Europa genug fähige Leute. Hier sah das dagegen ganz anders aus...
Shannon öffnete das Fenster und atmete tief die würzige Nachtluft ein. Sie versuchte sich zu entspannen, aber es gelang ihr nicht. Sie warf Akela einen Blick zu.
Er lag quer über ihrem Bett, die Decke über sich gebreitet, dass nur noch die schwarze Nase hervorsah, und versuchte zu schlafen.
Shannon empfand Mitleid mit ihm. Er würde erst zur Ruhe kommen, wenn sie neben ihm lag. Aber das konnte sie erst, wenn diese dummen deutschen Bürokraten in der Führung der OCRSI einsahen, dass es hier in San Francisco nach zwei Uhr morgens war. Shannon seufzte. Ausschalten konnte sie das Handy auch nicht, weil jederzeit ein Notruf kommen konnte.
Sie wollte es gerade weglegen, als es erneut klingelte. Shan verdrehte die Augen zur Decke und schüttelte resigniert den Kopf. Das war der dritte Anruf seit Mitternacht. Genervt strich sie sich die schulterlangen rotblonden Haare zurück.
Es klingelte wieder.
Akelas Kopf tauchte ganz unter der Decke hervor.
Gehst du vielleicht mal dran? fauchte er aufgebracht.
Wenn er seinen Schönheitsschlaf nicht bekam, wurde er unausstehlich... Shan tat was er wollte.
„O'Neall?“
„Shannon?“
Plötzlich stand die junge Hexe wie unter Strom. Das war AJ! Von den Jungs hatte sie seit über drei Monaten nichts mehr gehört. Sie wollte gerade fragen, wie es ihm ging und wie die into-the-millennium-Tour lief, als er schon weitersprach.
„Wir haben ein Problem, Shan!“ Er klang ziemlich fertig.
„AJ, atme einmal langsam und tief ein und aus. Du hyperventilierst gleich.“
Sie konnte hören, wie er ihre Anweisung befolgte.
Akelas Kopf tauchte wieder unter der Decke auf. Fragend sah er sie an.
„Okay...“ AJ war jetzt ruhiger. „Shan, gibt es Vampire?“
Shannon fuhr zu dem Wolf herum. Entsetzen malte sich auf ihrem Gesicht ab. „Ja, es gibt Vampire... Was ist passiert?“
„Kevin liegt hier direkt vor uns. Er lebt so gerade noch und hat eine Bisswunde am Hals...“
Shannon wurden die Knie weich. Sie sank auf einen Stuhl, schloss die Augen und kämpfte gegen ihre Panik an. Nicht Kevin! Warum, um alles in der Welt, traf es schon wieder ihn?
Akela sprang vom Bett und legte seinen Kopf tröstend auf ihr Knie.
„Ich habe schon einen Krankenwagen verständigt.“ sprach AJ weiter.
„Wie sieht die Bisswunde aus?“ Es wunderte Shannon selbst, wie geschäftsmäßig und kühl sie klang, obwohl ihre Eingeweide vor Angst zu brennen schienen und ein glühender Dolch sich durch ihr Herz bohrte.
„Etwa so, wie die Schlangenbisse in den Western. Nur größer.“
Vampir. „Wo seid ihr? In welcher Stadt?“ Vielleicht hätte sie eher nach dem Land fragen sollen, überlegte sie.
„In L.A.. Ich weiß aber nicht, in welches Krankenhaus Kev gleich kommt.“
„Ich bin unterwegs. In ein paar Stunden bin ich da. Lasst Kevin auf keinen Fall allein. Es muss immer jemand bei ihm sein, verstanden?“
„Ja. Alles klar.“
Shannon legte auf. Blitzschnell war sie angezogen. Wie gut, dass sie ihren Rucksack und ihre Reisetasche immer gepackt bereithielt, das sparte viel Zeit. Sie rief ihren ganz persönlichen Taxiservice an.
„Hi. Shannon O'Neall. Kennwort: Poltergeist. Ich brauche einen Lir-Jet nach Los Angeles und einen Wagen zum Flughafen.“
„Wo befinden sie sich?“ fragte eine strenge Stimme.
„4413 Westroad.“
„Das ist Planquadrat sieben. Der Wagen holt sie sofort ab.“
Shannon griff nach ihren Taschen und war aus der Tür, Akela ihr auf den Fersen. Es waren nicht mal fünf Minuten seit AJ's Anruf vergangen.

Die Sanitäter hoben die Trage mit dem Bewusstlosen in den Krankenwagen. Einer der Sanny's drückte ihm eine Sauerstoffmaske auf Mund und Nase. Sie hatten ihm sofort eine Infusion mit Kochsalzlösung gegeben, aber seinen Zustand hatte das nicht verbessert. Kevin hatte sehr viel Blut verloren. Nicks Maßnahmen hatten Kevin wahrscheinlich fürs Erste das Leben gerettet.
Kristin schluchzte hilflos in Howies Armen. Leighanne und Amanda waren wie erstarrt. Brian hatte versucht sie zu beruhigen und ging jetzt zu AJ.
„Nick hat gesagt, du hast Shannon angerufen?“
AJ nickte. „Sie sagte, wir dürfen ihn unter keinen Umständen allein lassen.“
„Kristin und ich fahren im Krankenwagen mit. D bringt zuerst Amanda und Leighanne zu Kevins Appartement und kommt dann nach. Kannst du mit Nick hinter uns herfahren?“
„Ja. Ich hab mich wieder im Griff.“
„Dann bist du weiter als ich...“ Brian ballte seine zitternden Hände zu Fäusten.

Eine schwarze Limousine hielt vor Shannon, die am Straßenrand wartete. Das Fenster auf der Beifahrerseite glitt lautlos herunter und gab den Blick auf einen Mann frei. Schwarzer Anzug, weißes Hemd, schwarze Krawatte, tiefschwarze Sonnenbrille, Stoppelhaarschnitt.
„Kennwort.“ brummte er unfreundlich.
Shannon konnte es nicht lassen. Sie streckte ihm die Hand entgegen, die Handfläche nach oben. *Plopp* schwebte, mit einer kleinen Verpuffung, ein Hexenlicht darauf. Ein ziemlich grelles Hexenlicht.
„Poltergeist.“ antwortete Shannon liebenswürdig.
Der CIA-Mann nahm fluchend die Brille ab und rieb sich die geblendeten Augen.
Der Fahrer war inzwischen ausgestiegen, um mit dem Gepäck zu helfen. „Tut mir leid, Miss O'Neall. Der ist neu im Fahrdienst. Er wird es schon noch lernen.“ entschuldigte er sich bei ihr.
„Freundlichkeit lernt man in dem Alter nicht mehr, Sam. Entweder man hat sie, oder eben nicht.“
Shannon ließ sich in den Rücksitz fallen, Akela zu ihren Füßen. Der Wagen fuhr an und Shan rief AJ zurück, um den Namen des Krankenhauses zu erfahren.
„Apparat McLean?“ meldete sich eine vertraute Stimme.
„Nicky! Alles okay mit AJ?“
„Ja... Er kann nur nicht fahren und gleichzeitig telefonieren.“
„Gut. Ich wollte den Namen des Krankenhauses haben, in das Kevin gebracht wird.“ Sie hörte, wie Nick AJ danach fragte.
„In das Memorial. Wann bist du da? Soll ich dich vom Flughafen abholen?“
„Nein. Die CIA bringt mich sozusagen bis vor die Haustür.“
„Die CIA???“
„Später, ich muss Schluss machen. Passt auf euch auf!“
Sie legte auf und wählte sofort die nächste Nummer.
„Gabe?“
„Shannon! Gibt es einen Notfall? Bei euch schläft doch jetzt alles.“
„Das Böse schläft nie. Ich brauche alles Relevante, was die Organisation über Vampire hat.“
„Was ist passiert? Das ist doch kein Auftrag, oder?“
„Jetzt ist es einer. Ich habe in allem freie Hand, wie du weißt. Kevin ist gebissen worden...“
Am anderen Ende blieb es einen Moment still.
„Der Junge scheint das Übersinnliche ja direkt anzuziehen. Ich schicke dir, was wir haben. Hast du den Laptop dabei?“
„Positiv. Schick es per Mail.“
„Ist schon fast auf dem Weg.“
Shannon legte auf. Die Jungs schienen es tatsächlich anzuziehen. Zuerst die Verwandlungsgeschichte. Das war nahezu harmlos, das Problem schnell gelöst. Und das eigentliche Ziel waren Shannon und die OCRSI gewesen. Dann, kurze Zeit später, die Sache mit den Geistern in Nicks Villa. Das wäre fast schief gegangen. Bei dem 'Brand' hätten die Jungs umkommen können. Das war wirklich gefährlich. Und jetzt das!
Shannon hatte in den letzten zwei Jahren die Karriere der Jungs verfolgt. Sie waren in Kontakt geblieben. Etwa alle zwei Wochen hatte einer von ihnen ihre 'kleine Schwester' angerufen. Sie war eine der Ersten gewesen, der Brian seine Liebe zu Leighanne gestanden hatte. AJ und Nick hatten, immer mal wieder, jemanden vorurteilsfreien gebraucht, dem sie von ihren Problemen erzählen konnten. Howie hatte sie manches mal trösten müssen, wenn er zweifelte jemals ein Mädchen zu finden, das ihn so liebte wie er war. Obwohl er ein Star war, und nicht deshalb.
Und Kevin? Ihr Kontakt war selten. Tief drinnen liebte Shannon ihn noch immer, aber sie vermied mit ihm zu sprechen, um ihre Gefühle nicht an die Oberfläche steigen zu lassen. Vor allem, seitdem er wieder mit Kristin zusammen war. Shannon wünschte den beiden alles Gute und hoffte, dass sie sich bald verloben würden. Heute hätte sie Kevin anrufen wollen. Ihm zum Geburtstag gratulieren.
Vielleicht war heute auch sein Todestag...
Shannon unterdrückte den Schauer, der sie überlief, und versuchte das Bild von Kevin, aufgebahrt in einem schwarzen Sarg, aus dem Kopf zu bekommen. Er war nicht tot, und sie würde alles dafür tun, dass er am Leben blieb.
Doch der bohrende Schmerz in ihrem Herzen hörte nicht auf.
Mit quietschenden Reifen hielt die Limousine vor der Schranke des kleinen Flughafens. Hier herrschte, trotz der späten Stunde, reges Treiben.
Die CIA schlief nie.
Ein Beamter kontrollierte die Papiere des Fahrers, öffnete die Schranke und winkte sie durch. Er tippte sich, in Shannons Richtung, grüßend an die Stirn.
Man könnte ja echt meinen, du wärst der Präsident persönlich. Und das nur wegen dieses kleinen Poltergeistes im Oval Office des Weißen Hauses. versuchte Akela sie von ihren düsteren Gedanken abzubringen.
So klein war er nun auch wieder nicht. Und er hat der First Lady ja einen ganz schönen Schrecken eingejagt.
Diese Menschlein sind einfach viel zu schreckhaft... meinte der Wolf trocken.
Shannon lachte in sich hinein.
Ja. Und wir von der OCRSI ergreifen jede Gelegenheit. Dieser Poltergeist hat uns schließlich kostenlose Beförderungen von A nach B eingebracht. Kaum einer fliegt so schnell und prompt wie die CIA.
Auf dem Parkplatz vor dem Tower wurden sie bereits erwartet. Der Fahrer half Shannon wieder mit dem Gepäck, während der Mann von der Beifahrerseite in sicherer Entfernung stehen blieb und ängstliche Blicke in ihre Richtung warf. Shannon grinste ihm wölfisch zu.
„Miss O'Neall?“ Der Agent, der auf sie zutrat, war über fünfzig, hatte einen grauen Haarkranz und einen Bauchansatz.
„Ja, Sir. Die bin ich. Ich brauche einen Flug nach L.A., so schnell wie möglich.“ Sie zeigte ihm ihre Marke, die sie als OCRSI-Mitglied auswies, und die mit einer Kette an ihrer Hose befestigt war. Der Agent nickte geschäftig.
„Die Maschine ist in einer Viertelstunde startklar. Darf ich ihnen solange einen Kaffee anbieten?“
„Nein, danke, aber wenn sie eine Coke für mich hätten... Und ich brauche einen Internetzugang.“
Shan bekam umgehend das Gewünschte.
Sie rief mit der rechten Hand Gabes E-Mail ab und speicherte sie auf dem Laptop, während sie mit links schon wieder telefonierte. Nach dem fünften Klingeln meldete sich eine atemlose Stimme.
„Frank, es gab vorhin einen Notruf, ich brauche einige Sachen. ... Nein, Vampire, diesmal keine Dämonen... Okay, ich brauche Pflöcke... Kreuze... das Normalprogramm eben. ... Ja, Weihwasser auch. Ach, und die magischen Fesseln, du weißt schon. ... Gut. Bringst du sie mir auf den Flughafen bei... Ja, genau den. Bis gleich dann in L.A..“ Sie legte auf.

Im Memorial Hospital in L.A. kam Kevin inzwischen langsam zu sich. Einen Moment lang wusste er nicht wo er war, aber der Geruch nach Desinfektionsmitteln gab ihm schnell den entscheidenden Hinweis. Er lag in einem kahlen Einzelzimmer, das nur ein Fenster hatte. Draußen war es noch dunkel. Oder war es schon wieder dunkel?
Kevin hatte nicht die Kraft, darüber nachzudenken. Für eine Weile schloss er einfach die Augen und ließ sich in die Bewusstlosigkeit zurückgleiten.
Da waren Stimmen, leise und besorgt. Doch Kevin beachtete sie nicht, es war einfach zu schwer sich zu konzentrieren.
„Meine Herren, ihr Freund hat eine Menge Blut verloren. Wir haben ihm mehrere Konserven gegeben, aber sein Zustand ist noch immer besorgniserregend. Um ihn entsprechend zu behandeln, müssten wir wissen, wodurch der Blutverlust zustande kam.“
Brian, Howie, AJ und Nick wechselten einen Blick. Wie sollten sie dem Doc erklären, dass sie einen Vampir in Verdacht hatten?
„Wir haben ihn so vorgefunden, Doktor Miller. Wir haben keine Ahnung, was sich abgespielt hat.“ erklärte AJ mit fester Stimme. Das war nicht mal gelogen.
Brian legte ihm kurz die Hand auf die Schulter und ging dann zu Kristin, die mit blassem Gesicht an der Wand neben Kevins Zimmertür lehnte.
„Wie geht es dir, Liebes?“
„Es würde mir besser gehen, wenn ihr Jungs nicht diese wissenden Blicke tauschen, sondern mich einweihen würdet. Ihr wisst doch was los ist, oder etwa nicht? Was ist passiert?“
Brian sah besorgt zurück zum Doktor. Kristin wurde etwas laut, was angesichts der Situation ja durchaus verständlich war. Er zog sie ein Stück den Gang hinunter.
„Die Wunde an Kevins Hals... Wir halten sie für eine Bisswunde. Von einem Vampir.“ erklärte er leise. Kristins dunkle Augen weiteten sich.
„Das ist nicht euer Ernst.“ flüsterte sie fassungslos.
„Wir haben vor zweieinhalb Jahren Dinge erlebt, die unsere Ansichten über solche Dinge etwas geändert haben...“
Er erzählte Kristin kurz von den übernatürlichen Vorkommnissen und von Shannon. Kristins Gesicht wurde immer bleicher.
„Shan ist schon auf dem Weg hierher. Wenn Kevin jetzt jemand helfen kann, dann sie.“ meinte Brian beruhigend.
Kristin schlug die Hände vor ihr Gesicht und atmete tief durch. 'Jetzt keinen hysterischen Anfall...', ermahnte sie sich.
„Wann kann diese Shannon hier sein?“
„Das kommt darauf an. Im Moment reist sie sehr viel herum. Wir hoffen, dass sie in den westlichen Bundesstaaten ist, AJ hat aber leider verpasst sie zu fragen.“
Nick kam auf sie zu.
„Kristin, der Doktor sagt du kannst jetzt zu Kev... Geht es dir gut? Du bist so blass.“
„Brian hat mir gerade von Shannon erzählt.“
Nick riss entsetzt die Augen auf und wurde rot. Diese Reaktion irritierte Kristin einen Augenblick, dann ahnte sie, was los war.
„So ist das also! Kevin hatte was mit dieser Frau und ihr wolltet es mir verschweigen!“
„Nun, äh...“ druckste Nick.
Brian setzte alles auf eine Karte.
„Ja, da war was zwischen ihnen. Aber Shannon war wegen ihrer Arbeit nicht an einer Beziehung interessiert. Sie haben sich das letzte Mal vor über zwei Jahren gesehen, und jetzt brauchen wir sie. Sie ist die Einzige, die Kevin helfen kann...“
Kristin blieb nichts anderes übrig, als das so hinzunehmen. Es ging jetzt nicht darum, dass Kevin ihr nie von dieser Shannon erzählt hatte, obwohl er ihr sonst alles sagte, oder darum, dass die Rede von Dämonen, Geistern und Vampiren war, die es allesamt nicht geben durfte. Es ging einzig um den Mann, den sie liebte, und der um sein Leben kämpfte.
Als sie zu ihm ins Zimmer kam, lag er reglos da. Das dunkle Haar verschwitzt, die Sauerstoffmaske bedeckte noch immer Mund und Nase. Ein Pulsmesser klemmte an seinem Finger und brachte ein Gerät neben ihm zum Piepsen.
Kristin warf einen Blick auf den Bildschirm. Sein Herzschlag war noch immer zu schnell und sein Puls schwach, trotz der zusätzlichen Blutkonserve, die langsam in seinen Körper sickerte.
Kristin griff nach seiner kalten Hand. Wenn diese Shannon Kevin helfen konnte, dann würde sie sich mit allem abfinden. Aber Kevin durfte nicht sterben... Das würde sie nicht ertragen...

Der Lir-Jet setzte zur Landung auf einem kleinen Flughafen an.
Shannon hatte während des Fluges das Material über Vampire durchgearbeitet. Viel Neues war für sie nicht dabei herausgekommen. Es gab mehrere Vampirarten, und nur eine davon biss heute noch Menschen und tötete sie. Die anderen gingen mehr oder weniger human mit ihren Opfern um und ließen sie am Leben. Die kamen also in diesem Fall wohl nicht infrage, dafür ging es Kevin zu schlecht.
Shannon hatte Mühe, die Alten Mächte in ihrem Blut unter Kontrolle zu halten. Ihre Gefühle für Kevin beeinflussten ihre Fähigkeiten gewaltig. Wenn sie nicht aufpasste, konnte sie andere Menschen gefährden...
Als Akela, der das spürte, helfend eingriff und ihre Schutzschilde verstärkte, atmete sie erleichtert auf.
Zärtlich drängte sich der Wolf an sie. Das wird schon alles wieder. Kevin ist stark, er wird es überstehen. Und du auch.
Shannon kraulte ihn hinter den Ohren und er schloss wohlig die Augen.
Sobald die Maschine auf dem Rollfeld zum Stillstand kam, meldete der Copilot, dass der Helikopter bereits auf sie wartete.
Sie liefen zum Hubschrauberlandeplatz. Neben dem Heli wartete bereits Frank, der sich selbst scherzhaft 'Requisiteur der OCRSI' nannte, auf sie und half ihr mit ihren Taschen.
„Die Vampirsachen sind an Bord! Viel Glück!“ schrie er gegen den Motorenlärm an. Sie umarmte ihn kurz und stieg ein. Sie setzte die Kopfhörer auf, die der Pilot ihr reichte, und holte dann aus ihrer Reisetasche das letzte Geburtstagsgeschenk von Gabriel. Einen Spazierstock mit silbernem Wolfskopf als Knauf. Aus der Tasche, die Frank bestückt hatte, zog sie einen langen, schlanken Pflock, den sie in ihre Manteltasche schob. Sie wollte vorbereitet sein.
Mit lautem Getöse stieg der Helikopter in den Himmel.

Die Erinnerung kam heftig und unvermittelt. An eine Frau mit gelben Augen, die sein Bewusstsein umklammert hielt und sein Blut trank.
Kevin schreckte hoch.
„Ssschhhh, Liebling. Alles wird wieder gut.“ Kristin beugte sich über ihn und wischte ihm mit einem feuchten Tuch den Schweiß von der Stirn.
Kevin holte keuchend Luft und sah sie an. In ihrem Gesicht war eine Mischung aus Sorge und Erleichterung zu lesen.
Er blickte sich um. Er lag in einem Krankenzimmer. Neben dem Bett stand ein Herzmonitor, der einen ungesund schnellen Rhythmus anzeigte. Sein Herzschlag? Dann war er vermutlich noch am Leben. Er hatte bereits daran gezweifelt...
Erschöpft ließ er den Kopf zurück ins Kissen sinken und schloss die Augen.
Kristins Hand streichelte sanft sein Gesicht. Kevin versuchte zu sprechen, aber es kam kein Ton über seine Lippen. Er versuchte es erneut.
„...die Anderen....“ klang es durch die Atemmaske. Es war nur ein Flüstern. Kevin ärgerte sich selbst über seine Schwäche. Es schien, als hatte diese Frau ihm nicht nur das Blut ausgesaugt.
„Die Jungs stehen vor der Tür. Sie durften nicht rein, solange du bewusstlos warst. Aber sie wollten auch nicht zu weit weggehen. Die Oberschwester hat viermal vergeblich versucht, sie in den Warteraum zu scheuchen.“
Kevin drehte den Kopf zur Tür und öffnete die Augen. Er musste mit den Jungs sprechen. Er musste sie warnen. Die Vampirin konnte jederzeit zurückkommen und dann waren sie alle in Gefahr. Sie mussten Shannon rufen!
„Ich soll sie reinholen?“ deutete Kristin seinen Blick richtig.
Kevin nickte mühsam.
Kristin ging zur Tür und sprach mit jemandem, den er nicht sehen konnte. Eine Welle der Müdigkeit schlug über Kevin zusammen, aber er kämpfte dagegen an einzuschlafen. Erst musste er dafür sorgen, dass die Anderen in Sicherheit waren. Sie mussten Kristin von hier wegbringen.
Die Jungs traten an sein Bett. „Du willst mit uns reden?“ fragte Brian.
Kevin versuchte schwach, sich die Sauerstoffmaske vom Gesicht zu ziehen. Das strengte ihn so an, dass er die Augen wieder schloss. Brian kam ihm zur Hilfe und nahm sie ihm ab. Obwohl Kevin jetzt schlechter Luft bekam, atmete er auf.
„Ein Vampir... hat... mich gebissen...“ raunte er heiser.
„Das haben wir uns schon gedacht.“ beruhigte Howie ihn leise.
„Ihr müsst... Shannon... holen... Gefahr...“ presste Kevin mühsam heraus. Dabei sah er eindringlich von Einem zum Anderen.
Die Jungs tauschten Blicke.
„Sie ist schon unterwegs. Shan kommt her.“ erklärte Nick gedämpft.
„Sie sagte, wir sollten dich auf keinen Fall allein lassen.“ ergänzte AJ.
Kevin zog die Augenbrauen zusammen und versuchte den Kopf zu schütteln. „Nein!... Geht... weg!... Kris... und ihr... in Gefahr...“ Er atmete jetzt heftiger. Der Monitor quittierte das mit alarmiertem Gepiepse. Brian drückte die Maske schnell wieder auf sein Gesicht.
Kristin trat hinter den Jungs hervor. Sie hatte jedes Wort mitgehört. „Kevin Scott Richardson, wenn du denkst, ich ließe dich hier und brächte mich in Sicherheit, dann bist du schief gewickelt! Wir werden dass gemeinsam durchstehen.“
„Nein... B-bitte...“, drang seine Stimme schwach durch das Plastik. „...bitte...“ Dann fielen seine Augen zu und sein Kopf sank zur Seite.
Die Jungs wechselten besorgte Blicke. Der Arzt hatte gesagt, dass der Blutverlust jetzt ausgeglichen war. Aber so kraftlos wie Kevin im Moment wirkte, steckte mehr in dem Vampirbiss, als sie erwartet hatten.
In diesem Augenblick dachten sie alle dasselbe: Hoffentlich kommt Shannon bald...

Etwa eine Viertelstunde später kam eine Krankenschwester in Kevins Zimmer und teilte ihnen mit, dass auf das Dach des Krankenhauses ein Helikopter im Anflug war. An Bord sei eine gewisse Shannon O'Neall.
Die Jungs brachen in lauten Jubel aus, den auch der strafende Blick der Oberschwester nicht dämpfen konnte.
„Okay!“ Howie versuchte die anderen wieder etwas zu beruhigen. „Nick und ich, wir holen Shannon oben ab. B-Rok, AJ, ihr bleibt hier bei Kev.“
„Na, seit wann kommandierst du denn rum? Du klingst schon fast wie Kevin!“ zog AJ ihn auf.
„Ich komme mit nach oben.“ erklärte Kristin bestimmt.
„Dann mal los.“
Die drei machten sich auf den Weg aufs Dach. Brian und AJ blieben da.
„Hey, Mann! Hoffentlich macht Kristin Shannon nicht gleich einen Kopf kürzer.“ meinte AJ.
„Quatsch. Selbst wenn die beiden in Streit geraten sollten, ich würde eher auf Shan setzen. Aber sie werden nicht streiten. Sie haben schließlich dasselbe Ziel. Kevins Leben.“
Der Blick der Beiden wanderte zum Bett, wo Kevin unruhig schlief.
„Ich hole mir kurz am Automaten einen Kaffee. Willst du auch was?“
„Nein, danke Bone.“

Sie war hier. Sie war HIER. Kevin konnte die Vampirin ganz deutlich fühlen. Sie war gekommen, um ihn zu holen... Er erwachte und öffnete die Augen.


3. Kapitel

Der Hubschrauber landete auf der Plattform, auf dem Dach des Krankenhauses. Kristin schützte ihre Augen mit den Händen vor dem Wind, den der Rotor verursachte. Howie und Nick machten es ihr nach.
Kristin konnte nicht genau ergründen warum, aber sie wollte Shannon am liebsten als Erste begegnen. Möglicherweise um sofort ein Zeichen zu setzen, dass Kevin ihr gehörte. Aber eigentlich war das absurd. Vor zwei Jahren hätte Shannon ihn schließlich haben können und wollte ihn nicht. Außerdem war Kristin nicht eifersüchtig. Noch nie gewesen. Fing sie jetzt etwa doch damit an?
Aus dem Heli stieg eine junge Frau, die von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet war. In einer Hand einen, ebenfalls schwarzen, Rucksack, in der Anderen einen Spazierstock mit angelaufenem Silberknauf. Sie duckte sich nicht unter den Rotorblättern, wie der ebenfalls ausgestiegene Pilot, der zwei Reisetaschen auslud. Sie brauchte es auch nicht, denn sie war eher klein und zierlich. Aber sie strahlte eine Macht aus, die Kristin den Atem verschlug. Man konnte fast sehen, wie sie in der Hexe brodelte. Der Sog des Rotors zerrte an ihrem Mantel und ihrem rotblonden Pferdeschwanz, aber um sie selbst war Stille, als dränge ihre Energie alles beiseite, das ihr gefährlich werden könnte.
„Sie ist ziemlich sauer!“ brüllte Nick Kristin über den Lärm zu. Kristin wusste nicht, woraus er das schloss, aber sie glaubte es ihm irgendwie.
Shannon nahm dem Piloten die Taschen ab und kam herüber, während der Hubschrauber abhob und davonflog.
Nick rannte auf Shannon zu, sobald es gefahrlos möglich war. Und sie stellte die Taschen ab und empfing ihn mit offenen Armen.
„Alles in Ordnung, kleiner Bruder?“ Shannon nahm sein Gesicht zwischen die Hände und sah ihm in die Augen. Vorsichtig berührte sie sein Bewusstsein. Nick bemerkte es und lächelte.
„Ja. Jetzt, wo du hier bist, ist wieder alles okay.“
Howie trat neben sie und wurde sofort in die Umarmung mit einbezogen. Shannon überzeugte sich, dass es auch ihm gut ging. Dann ließ sie die beiden los und ging zu Kristin, die sie noch immer mit den Augen maß. Shannon war gespannt auf diese Frau, mit der Kevin zusammen war.
Ihre Blicke trafen sich.
Kristin schien misstrauisch. Sehr misstrauisch. Sie war ein Stück größer als Shannon und sehr hübsch. Kevin hatte einen guten Geschmack.
Shannon streckte die Hand aus, die Kristin nur zögernd ergriff.
Nick und Howie kamen zu ihnen, und erlösten beide vorübergehend damit. Jeder der Jungs trug eine ihrer Taschen, Howie auch den Rucksack.
Sie machten sich, ohne weitere Verzögerung, auf den Weg ins Gebäude.

Das Gefühl war nach wie vor da. Sie war hier. Kevin war sich absolut sicher... Er musste die Anderen warnen, vor allem seinen Cousin der bei ihm im Zimmer war. Die Vampirin war...
Plötzlich schlug etwas gegen das Fenster, das sofort zersplitterte. Eine heftige Böe zerrte an den Vorhangen. Die Vampirin sprang durch die Öffnung und landete mit katzenhafter Eleganz vor Brians Füßen, der in der Nähe des Fensters gestanden hatte. Sie richtete sich auf und lächelte verführerisch.
„Na, wenn ich dich im Club näher betrachtet hätte, wäre meine Wahl möglicherweise auf dich gefallen. Andererseits... Ich kann auch zwei brauchen.“
Brian starrte ihr entsetzt in die gelben Augen. Ihr Lächeln wurde breiter, weil er es ihr so leicht machte, und sie drang skrupellos in sein Bewusstsein ein.
Brian ächzte. Er konnte sich nicht mehr bewegen.
„Nein! Lass ihn in Ruhe! Du bist doch wegen mir hier, oder?“ erklang Kevins schwache Stimme vom Bett her. Er hatte sich die Sauerstoffmaske vom Gesicht gezogen und den Kopf gehoben, um sie ansehen zu können.
„Nana, Liebling! Immer einer nach dem anderen!“ schalt Ynara ihn.
Die Tür öffnete sich und AJ kam rein, einen Becher Kaffee in der Hand. Er sah den schreckensbleichen Brian vor einer Frau mit sehr gelben Augen und sehr spitzen Zähnen stehen und ließ den Becher fallen. Sofort griff er sich einen Stuhl und stürzte sich auf die Vampirin.
Aber Ynara hatte ihn aus den Augenwinkeln kommen sehen und schlug ihm den erhobenen Stuhl einfach aus der Hand. Dann packte sie ihn am Hals und presste ihm die Luft ab.
AJ's Augen weiteten sich vor Entsetzen. Diese Frau war deutlich stärker als ein normaler Mensch!
Ynara sah kurz abschätzend an ihm hinunter, um ihn dann einfach wegzuwerfen. AJ segelte durch die Luft und schlug hart gegen die Wand, an deren Fuß er bewusstlos liegen blieb.
Kevin fluchte und versuchte aus dem Bett aufzustehen, aber er war nicht stark genug dazu. Hilflos musste er mit ansehen, wie die Vampirin sich wieder Brian zuwandte.
Brian hatte panische Angst. Als die grausamen gelben Augen sich wieder auf ihn richteten ahnte er, dass er bald sterben würde. Er war der Vampirin vollkommen ausgeliefert. Brutal griff Ynara in seinen Geist. Brian schrie vor Schmerz auf, dann sank er zu Boden. Befriedigt sah die Vampirin auf den gemarterten jungen Mann hinunter, der mit leerem Blick dalag und vor Angst keuchte. Dann wandte sie sich um, trat an Kevins Bett und lächelte zärtlich. Ihre spitzen Eckzähne blitzten im Licht der Deckenlampe.
„Zuerst du, dann er. Es ist wirklich nett von den Ärzten, dass sie dir Blut gaben und mir damit eine zweite Mahlzeit bei dir ermöglichen.“ Sie setzte sich neben ihn auf das Bett.
Kevins Wut hatte ihm vorhin Kraft gegeben, aber jetzt hatte er nur noch Angst. Er versuchte nochmals aufzustehen, aber er fiel wieder zurück. Die Vampirin lachte nur über diesen vergeblichen Fluchtversuch.
Kevin saß in der Falle. Sollte er sich wehren, würde sie, wie letztes Mal, in sein Bewusstsein eindringen. Fliehen konnte er nicht. Und wenn Howie, Nick und Kristin, wo immer sie jetzt waren, hereinplatzen, wären sie ebenfalls in Gefahr. Ihm blieb also nur die Hoffnung, dass die Vampirin schnell handelte. So schnell, dass bereits alles vorbei war, wenn die Anderen zurückkamen. Es sei denn... Er schöpfte neue Hoffnung. Und die Hoffnung gab ihm Kraft. Er hob die Hand und strich ihr über die Wange.
Ynara sah ihn überrascht an. „Was machst du da?“
„Eigentlich finde ich dich sehr attraktiv. Wenn wir schon die Ewigkeit miteinander verbringen sollen, dann sollten wir auch gut miteinander auskommen.“ flüsterte er.
„Mmmhmmm, da hast du nicht unrecht.“ Sie beugte sich über ihn und küsste ihn auf den Mund. Gekonnt liebkoste sie seine Lippen, drang tiefer und forderte ihn zu einem erotischen Spiel mit der Zunge heraus.
Kevin machte mit, obwohl ihr kalter Körper ihm einen Schauer über den Rücken laufen ließ. Der Zweck heiligte die Mittel. Sie schien sehr zufrieden mit ihm zu sein, denn sie gab einen leichten Summton von sich, der wohl an das Schnurren einer Katze erinnern sollte.
Sie löste sich von ihm, zog ihm das Krankenhausnachthemd aus und fuhr mit ihren kalten Händen über seinen nackten Oberkörper. Kevin unterdrückte ein Frösteln und deutete auf Brian.
„Sag mal, mein Schatz? Musst du den da, auf dem Boden, wirklich auch nehmen? Ich kenne ihn schon seit dem Sandkasten. Und mit ihm die ganze Ewigkeit... nein, danke. Wir zwei könnten es uns doch zusammen richtig gemütlich machen, hm?“ Kevin wusste nicht, ob er jetzt zu hoch pokerte, aber es war einen Versuch wert. Wenn er schon verloren war, sollte wenigstens Brian die Chance haben mit seiner Leighanne glücklich zu werden.
Ynara sah von Brian zu Kevin und zurück.
„Na gut. Wenn du dich mir freiwillig hingibst, dann lasse ich den da liegen.“
„Gut. Dann lass uns anfangen.“ Kevin stählte sich innerlich gegen das Folgende, dann legte er die Arme um die Vampirin, drehte den Kopf zur Seite und führte ihren Mund direkt zu seiner Halsschlagader. Ihre scharfen Zähne drangen sofort in seine Haut, bohrten sich langsam und genüsslich tiefer, bis das Blut mit jedem Pulsschlag in ihren Mund sprudelte. Kevin schaffte es, sich gegen den Schmerz und den Ekel abzuschirmen und beobachtete mit einer Mischung aus Verwunderung und Faszination, wie sich die Herzschlagkurve auf dem Bildschirm neben ihm veränderte. Er sah den schnelleren Herzschlag dort, bevor er selber fühlte, wie sein Herz zu rasen begann. Der Monitor begann warnend zu piepen. Mit einer Hand stieß Ynara ihn um, dass er auf den Boden knallte und Funken stoben. Dann biss sie tiefer und begann zu saugen. Kevin schien es, als holte sie das Mark aus seinen Knochen. Er schrie vor Schmerz auf, aber der Schrei verebbte schnell. Er konnte nicht genug Luft holen, um sie derart zu verschwenden.
Schließlich löste Ynara sich von ihm und streichelte ihm über die Wange.
„Das war seeehr gut.“
Kevin konnte nicht antworten. Er rang verzweifelt nach Luft und sein Herz schien immer wieder einige Schläge zu überspringen.
Ynara drehte sein Gesicht zur anderen Seite, bis er Brian sehen konnte.
„Und jetzt kannst du mir beim Nachtisch zuschauen. Oder dachtest du wirklich, ich halte mein Versprechen?“ Sie lachte ihm ins Gesicht.
Kevin wollte schreien, um Hilfe rufen, aber er brachte nur ein Wimmern heraus.
„Hast du was gesagt, Liebling? Nein? Auch gut. Oh, verflucht! Jetzt hätte ich doch fast das Wichtigste vergessen!“ Ynara ritzte sich mit dem Daumennagel ins Handgelenk und ließ ihr zähes Blut in seinen Mund tropfen.
„So. Nicht zu viel, dann kannst du länger bei deinem Freund zusehen.“
Ein scharfes Brennen breitete sich in Kevin aus. Ihm war entsetzlich kalt, er hatte panische Angst und Brian war in höchster Gefahr. Kevin tat das einzige, was er noch tun konnte. Er öffnete seinen Geist und schrie.
SHANNON!

Nick erzählte gerade, wie er bei Kevin Erste Hilfe geleistet hatte, als Shannon plötzlich losrannte. Akela blieb ihr dicht auf den Fersen.
Kevins Angst führte sie wie ein Leuchtfeuer, um eine Ecke und den Gang entlang, zu seiner Zimmertür.
Lass keinen hier rein oder raus, es sei denn, ich erlaube es! rief sie dem Wolf zu.
Er kam schlitternd vor der Tür zum Stehen. Shannon stieß sie mit aller Kraft auf und stand, vor Wut keuchend, im Türrahmen.
Das Bild, das sich ihr bot, war schrecklich. Kevin lag auf dem Bett im Sterben, AJ war an einer Wand niedergestreckt worden und die Vampirin hielt Brian am Kragen gepackt. In Shannon brach der Sturm los, aber sie durfte die Alte Macht hier nicht einsetzen, wo Menschenleben auf dem Spiel standen. Stattdessen warf sie die Tür zu und zog den Pflock aus ihrer Manteltasche.
Die Vampirin ließ Brian wieder zu Boden sinken. „Willst du dich etwa mit mir anlegen? Oh, warte mal. Ich habe von dir gehört. Du bist doch die Dämonenjägerin, die sich seit einiger Zeit in Kalifornien herumtreibt. Da legst du dich jetzt aber mit der Falschen an! Ich bin kein Dämon, sondern ein Vampir!“
„Ich habe genau die Richtige vor mir! Du hast MEIN RUDEL angegriffen! Und jetzt trägst du die Konsequenzen!“ knurrte Shannon.
Die Vampirin ging zum Angriff über. Sie brach sich vom nächstbesten Stuhl ein Bein ab und stürmte auf Shannon los, in der Absicht sie aufzuspießen. Shannon blieb ruhig stehen und trat erst in letzter Sekunde einen Schritt zur Seite. Dabei versetzte sie der Vampirin mit dem Fuß einen Stoß, und die landete unsanft auf dem Boden und verlor das Stuhlbein. Shannon wich ein Stück zurück, weil Ynara sich im nächsten Moment, wie erwartet, vom Boden abstieß und auf den Füßen landete. Fauchend fuhr die Vampirin zu ihr herum und packte den Pflock, den Shannon noch immer in der Hand hielt. Sie versuchte, ihn zwischen sich und die Hexe zu bringen, um sie mit ihrer eigenen Waffe zu pfählen.
Shannon ließ es aber nicht auf eine Kraftprobe ankommen, bei der sie nur verlieren konnte. Sie stieß die Vampirin von sich und ließ gleichzeitig den Pflock los, um blitzschnell einen Salto rückwärts zu schlagen und kurz außerhalb Ynaras Reichweite zu landen.
Erst jetzt fiel der Vampirin auf, dass ihre Hand, die den Pflock hielt, eigenartig qualmte. Jaulend ließ sie das geweihte Holz fallen. Dann funkelte sie die Hexe böse an.
„Das war nicht fair.“
„Erzähl du mir nichts von Fairness!“
Ynara überlegte. Diese kleine Schlampe hier vor ihr wäre nicht so leicht zu erledigen, wie sie gedacht hatte... Doch plötzlich blitzten ihre gelben Augen auf, als sie Shannons Achillesferse erkannte.
„Dein Rudel, ja?“ Sie wollte an Shannon vorbeipreschen, um Brian in ihre Gewalt zu bringen, als sie aus dem Augenwinkel etwas aufblitzen sah und herumfuhr. Shannon hatte am Knauf ihres Stockes gezogen und eine glänzende Ninja-Klinge aus ihrer Scheide befreit.
„Nein!“ kreischte die Vampirin entsetzt.
„Ja!“ entgegnete Shannon eiskalt und hieb ihr den Kopf von den Schultern. Er prallte auf den Boden und zerfiel zu Staub. Der Torso folgte.
„Wer mein Rudel angreift, bezahlt dafür!“ grollte Shannon. Dann stieß sie die Klinge zurück in die Scheide und lief zu Kevin.
Er sah schrecklich aus. Die leichenblasse Haut kontrastierte im stärksten Maße mit seinem dunklen Haar. Er war schweißgebadet und sein Mund war mit Vampirblut verschmiert. Sanft wischte Shannon es mit einem sauberen Tuch weg und streichelte seine Gesicht.
Er öffnete langsam die Augen. Es stand Angst darin. Angst vor dem nahen Tod.
Shannon legte eine Hand auf seine Brust. Sein Herz raste. Sein Kreislauf konnte jeden Moment zusammenbrechen. Aber sterben würde er nicht. Er würde zum Untoten werden. Dafür sorgte schon das Blut, das die Vampirin ihm gegeben hatte...
Er bewegte die Lippen.
„...du... ...hast... ...mich... ...gehört...“ hauchte er.
„Ja, ich hab dich gehört.“ flüsterte Shannon.
„...bist... ...gekommen...“
„Ich werde immer kommen, wenn du mich rufst.“
„...Schutz... ...engel...“ Er lächelte schwach. In seinen Augen standen die Qualen seines Todeskampfes.
Shannon berührte behutsam sein Bewusstsein und nahm ihm die Schmerzen und die Angst.
Sogleich wurden seine Augen klar und sanft. Zärtlich sah er sie an, mit der ganzen Liebe die er für sie fühlte.
Dann wurde sein Blick langsam leer und sein Kopf sank zur Seite.
Kevin war tot.


4. Kapitel

Shan? Kätzchen, was ist los da drin?
Gib mir noch ein paar Minuten.
Shannon wischte sich mit dem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht und schloss Kevin behutsam die Augen. Er sah so friedlich aus, als würde er schlafen. Nur ein bisschen zu blass und erschöpft. Aber wenn er erwachte, wäre er nicht mehr derselbe...
Shannon sah kurz nach AJ. Bis auf eine Platzwunde an der Stirn, und eventuell eine Gehirnerschütterung, fehlte ihm hoffentlich nichts.
Bei Brian sah das ganz anders aus. Seine Augen waren weit geöffnet, seine Pupillen riesig und starr. Und seine Angst war ihr so fühlbar wie ein Hagelschauer, hart und eisig.
Shannon drang sehr vorsichtig in sein Bewusstsein ein, um ihn nicht noch mehr zu erschrecken, und begutachtete den Schaden, den die Vampirin in seinem empfindsamen Wesen angerichtet hatte. Sorgsam begann sie die Geistheilung, übersah keinen noch so kleinen Riss in ihm und schaffte es schließlich, ihn aus der Starre zu befreien.
Brian hielt ihren Blick, als fürchtete er, sie könnte verschwinden wenn er blinzelte.
Zärtlich berührte sie seine Wange, um ihm zu beweisen dass sie wirklich da war. Bei ihm. Dass es vorbei war, und die Vampirin fort.
Ihm kamen die Tränen, und Shannon zog ihn in ihre Arme und ließ ihn weinen.
Als sein Tränenstrom allmählich versiegte, küsste sie ihn auf die Stirn.
„Danke.“ flüsterte er heiser. Mehr konnte er nicht sagen. Mehr musste er aber auch nicht sagen.
Shannon ließ ihn langsam los und ging die Tür öffnen. Der nächste Kampf stand ihr direkt bevor.
Kristin drängte sich, an dem deutlich sichtbaren Wolf vorbei, ins Zimmer und lief zum Bett.
„AJ braucht dringend einen Arzt.“ erklärte Shannon kurz Howie und Nick.
Die zwei sahen zu Kevin und dann zurück zu ihr. Shannon schüttelte bedauernd den Kopf.
„Ich kam zu spät. Wäre ich nur fünf Minuten früher hier gewesen...“
„Er ist tot?“ fragte Nick fassungslos.
„Nein...“ erwiderte Shannon leise. Und dann grimmig: „Er ist... untot...“
Nick verstand, mit blankem Entsetzen auf dem Gesicht.
Er und Howie nahmen AJ hoch und brachten ihn zur Notaufnahme. Shannon ging indes zu Kristin, die fassungslos vor dem Bett stand.
Kevins Freundin fuhr zur Hexe herum. „Er ist tot! Du verdammtes Miststück! Du solltest auf ihn aufpassen!“ schrie sie unter Tränen. Sie holte aus und wollte Shannon schlagen, aber Shan fing ihre Hand mit Leichtigkeit ab und zog Kristin zu sich heran.
„Er ist nicht tot. Es ist noch viel schlimmer als das... Er wird innerhalb der nächsten Stunde zum Vampir werden, die Verwandlung hat schon eingesetzt.“
„Verwandlung?“ fragte Kristin erstickt.
Shannon trat mit ihr an das Bett heran, schob behutsam Kevins Oberlippe hoch und zeigte Kristin einen nadelspitzen Eckzahn.
„Die Verwandlung setzt ein, sobald das Vampirblut die Mundschleimhaut berührt, über die das Virus in den Körper eindringt.“ erklärte sie sanft.
„Es ist ein Virus?“ erkundigte sich Brian. Er saß noch immer am Boden, Akela hatte sich tröstend an ihn gedrängt.
„Ja. Die OCRSI hat es untersucht. Bisher wurde kein Gegenmittel gefunden, aber sie arbeiten daran.“
„Was ist die OCRSI?“ wollte Kristin mit schwankender Stimme wissen.
„Die Organisation zur Erfassung und Regelung übersinnlicher Vorfälle. Wir haben Mitarbeiter aus allen Berufssparten, die sich um die jeweiligen Fälle kümmern. Bei besonders schweren Fällen kommen Menschen zum Einsatz, die übernatürliche Begabungen haben. Zum Beispiel Medien, Hexen, Dämonenjäger oder Geistheiler.“ Shannon warf Brian einen Blick zu.
Er stand auf und kam zu ihnen. „Und Shannon ist das alles zusammen.“ sagte er.
„Dann gibt es also für Kevin noch Hoffnung?“ wollte Kristin wissen. Sie wischte sich die Tränen von den Wangen.
„'Solange Leben ist, ist auch noch Hoffnung.'“ zitierte Shannon ihre Mutter. „Wir müssen als erstes aufpassen, dass hier keiner vom Krankenhauspersonal hereinplatzt. Wenn sie Kevin sehen, bringen sie ihn sonst in die Leichenhalle.“
Shannon ging zur Tür, wo Nick und Howie ihre Taschen abgestellt hatten. Sie durchwühlte die von Frank und kam mit ein Paar breiten eisernen Handfesseln zurück, die durch eine lange Kette miteinander verbunden waren. Sie schloss die erste um Kevins rechte Hand, wickelte die Kette mehrfach um das Metallrohr am Kopfende des Bettes und fesselte Kevins Linke dann mit der Zweiten.
„Was machst du da?“ fragte Kristin fassungslos.
„Ich sorge dafür, dass er uns nicht angreifen kann, sobald er aufwacht.“
„Das würde er nicht tun! Kevin würde nie...“ Kristin verstummte.
Kevin würde sie nie angreifen. Aber das dort auf dem Bett war im Begriff zu einem Vampir zu werden. Erst jetzt realisierte sie wirklich, was hier geschah und keuchte entsetzt auf.
Shannon war augenblicklich bei ihr, nahm ihr Gesicht zwischen die Hände und sah ihr in die haselnussbraunen Augen.
„Kristin! Ich werde alles tun was ich kann, um ihn zu retten!“
Kristin sah tief in Shannons dunkelgrüne Augen und erkannte, dass sie die Wahrheit sagte. Und sie sah die unendliche Liebe zu Kevin in ihnen...
Shannon begriff, wie abgrundtief sie Kristin hatte blicken lassen und erschrak. Langsam ließ sie Kristin los.
Die beiden Frauen sahen einander eine Weile wortlos an. Dann zog Kristin Shannon in ihre Arme.
Sie waren stillschweigend übereingekommen, dass sie Kevin retten mussten. Egal wie. Zwischen ihnen beiden war kein Platz für Feindschaft und Eifersucht. Nicht solange der Mann, den sie beide liebten, in Gefahr war...

AJ erwachte mit einem gewaltigen Brummschädel. Allerdings konnte er sich nicht erinnern etwas getrunken zu haben.
Als er versuchte sich aufzusetzen, hielten Nick und Howie ihn fest.
„Hey, AJ! Bleib liegen, Mann! Der Doc denkt, du hast vielleicht eine Gehirnerschütterung!“
„Mensch, Nick! Wo nichts ist, kann ich auch nichts erschüttern!“ AJ blinzelte. Nach einem Augenblick sah er klar. Er lag in einem Behandlungszimmer auf der Untersuchungsliege, flankiert von Nick und Howie.
„Hey, Leute, was ist mit dem Vampir? Sie hat mich einfach gegen die Wand geworfen und bei mir gingen die Lichter aus. Was ist mit Kev und Brian? Sind sie okay?“
„Brian schien okay, als wir kamen, aber Kev... Shannon kam zu spät, um ihm noch helfen zu können. Wenn ich richtig verstanden habe, ist er jetzt ein Vampir...“ erzählte Howie besorgt.
„Ist Shan der verdammte Vamp etwa entkommen?“
„Keine Ahnung. Plötzlich war der Wolf da und hinderte uns ins Zimmer zu gehen.“
„Seid froh! Der Vampir hätte euch im Handumdrehen fertig gemacht!“ Stöhnend rieb AJ sich die Schulter, die nähere Bekanntschaft mit der Wand geschlossen hatte.
„Ich denke nicht, dass der Vampir entkommen ist. Hast du nicht den Haufen Staub auf dem Boden gesehen, D?“ fragte Nick.
Der Arzt betrat den Raum und unterband jede Unterhaltung. Er stellte bei AJ's Untersuchung keine schwerwiegenden Verletzungen fest, riet ihm aber sich in den nächsten Tagen zu schonen.
Minuten später waren die Jungs auf dem Weg zu den Anderen.
Im Gang zu Kevins Zimmer fiel ihnen ein junger Mann auf, der die Raumnummern inspizierte und schließlich Anstalten machte, in Kevins Raum zu platzen. Blitzschnell wurde er von den Dreien an die Wand gedrängt und professionell abgetastet. AJ ergatterte seine Brieftasche, während Nick ihn festhielt und Howie ihn am Schreien hinderte.
„Wir haben hier den guten Doktor Stephan Tyler, der uns bestimmt sagen kann, was er ohne Kittel im Krankenhaus macht.“ meinte AJ mit einem Blick in seine Papiere. Er blätterte weiter. „Hey, wie hieß noch mal die Organisation, für die Shan arbeitet?“
„OCRSI.“ antwortete Howie.
„Dann könnt ihr ihn loslassen. Er ist auch bei dem Verein.“
„Das bin ich allerdings!“ wetterte Stephan, als sie von ihm abließen. „Wo, zum Teufel, ist Shannon?“
AJ deutete grinsend auf die Tür.
Shannon sah auf, als die Tür aufgerissen wurde und Stephan hereinstürmte, gefolgt von AJ, Nick und Howie.
„Hi, Stephan. Ich dachte, du bist in Guatemala, im Urlaub.“
„Da war ich auch, bis gestern. Mein Rückflug ging über L.A. und da Gabriel mich bei der Zwischenlandung telefonisch erreicht hat, schickte er mich her. Allerdings weiß ich wirklich nicht, wofür du mich brauchst, denn deine Bodyguards da leisten hervorragende Arbeit!“ Er deutete mit dem Daumen auf die drei Jungs.
Shannon zog die Augenbrauen hoch. „Du bist selbst schuld, wenn du unfreundlich empfangen wirst. Ich habe dir schon oft genug gesagt, du sollst dich anmelden wenn du kommst.“ Sie wandte sich an die restlichen Anwesenden. „Beim letzten Mal hat Akela ihn angesprungen, weil er ihn nicht gleich erkannt hat. Er roch nach Vampir.“ erklärte sie.
Stephan schnaubte.
Akela kicherte bei der Erinnerung los und fing sich einen erstaunten Blick von Kristin ein, die ihn bisher noch nicht sprechen gehört hatte.
„Also, wo ist jetzt der Vampir der Probleme macht!“ fragte Stephan ungeduldig.
Du stehst mitten drin! Akela kringelte sich vor Lachen.
Jetzt kicherten auch die Anderen ein bisschen.
Stephan stieg angewidert aus dem Haufen Staub, den Shannon umgehend mit einer Handbewegung aufwirbelte und aus dem zerbrochenen Fenster beförderte.
„Gabe dachte wohl, dass ich nicht allein damit fertig werde. Aber wo du schon mal hier bist, kannst du mich auf den neusten Stand bringen. Gibt es inzwischen ein Mittel gegen das Vampirvirus?“ wollte Shannon wissen.
„Klar! Einen Pflock!“
Plötzlich war es totenstill. Alle starrten Stephan an.
„Willst du mir sagen, dass seit den Ergebnissen von vor drei Jahren kein Fortschritt gemacht wurde?“ erkundigte sich Shannon leise.
„Genauso sieht es aus!“
Kristin sah Shannon hilfesuchend an.
Shannon ging zum Bett und nahm Kevins erkaltende Hand. Kristin hielt die andere.
„Wir finden eine Lösung.“ versprach Shannon leise. „Sobald er aufwacht, müssen wir von hier verschwinden. Wenn er hier außer Kontrolle gerät, kann er zu viele Menschen verletzen. Wir müssen ihn irgendwo hinschaffen, wo er nichts anrichten kann. Dann sehen wir weiter.“
Stephan kam zu ihr, warf einen Blick auf den reglosen Mann auf dem Bett und zog sie beiseite.
„Shannon O'Neall! Bist du von allen guten Geistern verlassen? Wenn die Verwandlung abgeschlossen ist, hast du da eine Tötungsmaschine! Der könnte Normalsterbliche ja jetzt schon in Grund und Boden rammen! Was glaubst du, wie stark der erst wird, wenn er das erste Mal Blut getrunken hat?“ flüsterte er aufgebracht.
Wütend machte Shannon sich von ihm los. „Dann wird er eben kein Blut trinken!“ knurrte sie zurück.
Sie rief die Anderen zusammen.
„Ich möchte euch die Sachlage erklären, damit ihr einschätzen könnt, in welche Gefahr ihr euch begebt. Kevin ist von der gefährlichsten und bösartigsten Vampirart gebissen worden, die es gibt. Die Vampirin hat ihm ihr Blut zu trinken gegeben und ihn so zu einem der ihren gemacht. Das Vampirvirus dringt in den Körper des Opfers ein und verwandelt ihn. Sobald die Verwandlung abgeschlossen ist, wird Kevin zwar äußerlich derselbe sein, innerlich jedoch ein ganz anderes Wesen. Sein einziger Antrieb ist die Suche nach Blut. Er wird versuchen euch zu überzeugen, er wird euch drohen, euch beeinflussen. Und in geringem Maße kann er sogar in euren Verstand eindringen. Wir müssen verhindern dass er Blut bekommt, weil er sonst stärker wird und eure Gedanken beeinflussen kann. Ihr kennt jetzt also die Gefahren. Wer von euch hilft mir, ihn zu retten?“
Bis auf Stephan hoben alle Anwesenden die Hand. Sogar Akela hob eine Pfote, bevor er langsam wieder unsichtbar wurde.
„Ihr habt alle total den Verstand verloren! Aber einer muss ihn euch vom Leib halten.“ meinte Stephan resigniert. Dann hob auch er die Hand.


5. Kapitel

Howie hatten sie außen vor der Tür postiert, AJ setzte sich von innen davor. Shannon bereitete sich indes auf die Beschwörung vor, die ihr zeigen sollte, wie Kevin zu retten war. Sie brauchten göttlichen Beistand.
Shan zog einen Kreis, vor den sie sich kniete, in die Mitte setzte sie die Runen der Reinheit und der Weisheit. Dann holte sie aus ihrem Rucksack kleine Lederbeutel mit Halbedelsteinen, eine Messingschale und einen faustgroßen glasklaren Bergkristall, den sie aufrecht zwischen die zwei Runen stellte. Einige Edelsteine füllte sie in die Schale und stellte diese vor sich. Dann zündete sie die fünf weißen Kerzen an, die auf dem Kreis verteilt standen. Und zwar mit einem scharfen Blick...
Kristin beobachtete sie die ganze Zeit staunend. Sie hatte ja, im Gegensatz zu den Jungs, noch nie eine Hexe in Aktion gesehen.
Shannon konzentrierte sich.
„Brigantia, du bist das Land, die Erde, das Wasser und das Feuer. Du, Herrin mit dem silbernen Flammenmantel, du, die ihren Segen über Irland ausgebreitet hat, du, 'Flamme der Freude', die unserem Land den Namen Weiße Insel, Insel des Schicksals und Irland gegeben hat. Gewähre mir, einer Nachfahrin deiner Diener, der Druiden, eine Antwort auf meine Frage.“
Über dem Bergkristall bildete sich eine bläuliche Flamme.
„Sprich, Tochter der Insel, welche Frage hast du.“ ertönte eine weiche weibliche Stimme.
„Hier bei mir ist ein Mann, der von den Toten auferstehen wird um zu töten. Der lebt, obwohl er tot ist, und Blut trinken wird, um zu leben. Er ist ein Kind der Insel, wie ich. Was muss ich tun, o Herrin, um ihn zu heilen?“
Einen Moment herrschte Stille.
„Gib ihm das Blut der Himmelskönigin zu trinken, es wird das Böse aus ihm treiben. Aber es muss geschehen, bevor er seinen ersten Menschen tötet.“ sprach die Stimme dann feierlich. Die Flamme erlosch, und mit ihr auf einen Schlag auch die Kerzen.
Shannon lehnte sich auf ihre Fersen zurück und dachte nach. Sie hatte keine Ahnung, wer mit der Himmelskönigin gemeint war. Wie sollte sie da erst an deren Blut herankommen? Grübelnd biss sie sich auf die Unterlippe.
Jaja, Götter und ihre Rätsel. Das Orakel von Delphi war leichter zu verstehen. funkte Akela dazwischen.
Ach, halt deine Schnauze, Wolf. Deine indianischen Götter sind doch ganz genauso.
Shannon packte die Messingschale, aus der die Halbedelsteine verschwunden waren, in den Rucksack, gefolgt von dem Bergkristall und den Kerzen. Dann wischte sie mit einem Tuch die Kreidezeichnung vom Boden.
„Entschuldige Shan, wenn ich dich störe. Aber was meintest du vorhin damit, das Kevin ein 'Kind der Insel' sei?“ fragte Brian, der, wie die Anderen, bei der Beschwörung zugesehen hatte.
„Nun ja, Kev hat durch seine Mutter, genauso wie du durch deinen Vater, irische Vorfahren. Die Beiden sind ja Geschwister. Damit bist du ebenfalls ein Kind der Insel. Und wenn Littrell kein irischer Name ist, dann weiß ich auch nicht.“
Brian staunte. Er hatte sich bisher kaum Gedanken über das alte Irland und seine Götter gemacht. Dieser kleine Einblick eröffnete eine neue Welt für ihn.

Stephan rief inzwischen die Ausrüstungszweigstelle der OCRSI in L.A. an. Ein verschlafener Frank meldete sich.
„Hallo, Frank. Hier ist Stephan Tyler. ... Ja, ich bin zurück... ... Ja, Gabe war so frei mich zu ihr zu schicken. Deshalb rufe ich auch an. Ich will nicht schon wieder ein Krankenhaus plündern... ... Genau. Also einen Erste Hilfe Kasten, Stethoskop, Infusionssets... ... Ja, ruhig mehrere, ich bin hier nur von Verrückten umgeben... Einwegspritzen... kreislaufstärkende Mittel... eine Sauerstoffflasche und mehrere Blutkonserven, Null negativ. Hast du alles? ... Dann pack das Blut doch in eine Kühlbox... ... Ja, ich hole die Sachen direkt bei dir ab. Bye!“ Er legte auf und ging zu Shannon.
„Ich muss kurz mit dir sprechen.“ Er zog sie mit sich in eine Ecke.
„Was gibt es denn?“
„Ich werde schnell zu Frank fahren und ein paar Sachen holen. Ich wollte nur kurz Bescheid geben.“
„Oh, das ist wirklich nett von dir... Erlaubnis verweigert.“
„Was?!“
„Du bist vielleicht älter als ich, Stephan Tyler, und schon länger bei der Organisation. Und ganz bestimmt bist du DER Vampirexperte. Aber ICH bin das ranghöchste Mitglied in den USA und damit DEINE Vorgesetzte. Ich würde dir bei einer Vampirjagd nie Vorschriften machen, aber dies hier ist mein Fall! Das da sind meine Freunde! Und deshalb sage ich, was hier gemacht wird! Ist das klar?“ Wütend funkelte Shannon ihn an.
Der Vampirjäger sah auf sie runter. Er war noch etwas größer als Kevin und Gabe, und damit überragte er seine Vorgesetzte um mehr als Haupteslänge. Eigentlich arbeitete er allein und nahezu unabhängig, was bedeutete, dass er den Umgang mit Höhergestellten nicht gewohnt war. Erst recht, wenn sie schmal und zerbrechlich wirkten und nur knapp über einssechzig groß waren.
Aber die Alte Macht kochte in Shannon bei seinem skeptischen Blick wieder hoch, und obwohl er keinerlei magisches Gespür besaß, merkte er, dass sie gefährlich wurde. Bevor er allerdings einen Sicherheitsabstand einnehmen konnte, rief Shannon ihn zurück.
„Ich habe Nick und Akela gerade losgeschickt, um ein paar Sachen zur Tarnung zu besorgen. Wir müssen Kevin schnellstens hier rauskriegen und dafür brauchen wir seinen Hausarzt.“ Sie sah Stephan herausfordernd an.
„Was, mich!?“
„Du hast immerhin ein paar Semester Medizin studiert, bei dir ist es am glaubhaftesten.“
Stephan schluckte. Shannon scharfer Blick ließ ihm keine andere Möglichkeit als einzuwilligen. Aber er tat es nicht gern.

Wenige Minuten später ließen Howie und AJ einen ziemlich atemlosen Nick herein, der eine auffällige Beule in der Jacke hatte. Akela kam, Sekunden später, hinter ihm durch die geschlossene Tür.
„Habt ihr es?“
„Klar!“ war die zweistimmige Antwort.
Nick zog grinsend einen Kittel und ein Stethoskop hervor. Damit wurde Stephan ausstaffiert und auf die Oberschwester und den behandelnden Arzt losgelassen. Tatsächlich erreichte er es umgehend dass Kevin, auf 'eigenen Wunsch', in die Hände seines 'Hausarztes' entlassen wurde.
Und keinen Moment zu früh... Kaum dass Stephan Shannon Meldung gemacht hatte, schrie Kristin am Krankenbett erschreckt auf. Kevin hatte die Augen aufgeschlagen und versuchte sie zu packen... Nur die Handschellen verhinderten, dass er sie sofort biss. Howie und Brian zogen Kristin vom Bett fort, außerhalb von Kevins Reichweite.
Mit beiden Händen zerrte Kevin wütend an der Kette. Da er sie aber nicht zerreißen konnte, sah er wild von Einem zum Anderen und zischte böse, die Fangzähne gefletscht.
Instinktiv wichen alle ein Stück zurück, bis auf Shannon. Sie trat dicht an ihn heran.
„Hallo Kevin. Oder möchtest du, dass wir dich jetzt anders nennen?“
Er fauchte und schnellte vor, bis die Handschellen ihn, am Bettende kniend, stoppten. Sein Gesicht war nur noch wenige Zentimeter von Shannons entfernt, doch näher kam er nicht an sie ran. Die Verwandlung hatte seine Augen nicht gelb werden lassen, wie Ynaras, sie hatten ihre Farbe behalten. Dafür waren sie jedoch vollkommen kalt und gefühllos, und ein harter Zug lag um Kevins Mund. Leise knurrend starrte er die junge Hexe an, ohne jedes Zeichen von Erkennen.
Shannon zuckte nicht mit der Wimper, obwohl ihr die Seele bei diesem Anblick schmerzte. Was aus dem Mann geworden war, den sie liebte, wollte sie nicht zu nah an sich heran lassen, sonst drohte es ihr das Herz zu brechen.
„Du kannst so lange an der Kette zerren, wie du willst. Sie ist mit einem Bann belegt. Aus diesen Handschellen kommt nicht mal ein Vampir frei, der gut bei Kräften ist. Und du als junger Vampir, der noch kein Blut getrunken hat, hast gar keine Chance.“ erklärte sie ihm ruhig.
Akela trat unsichtbar neben sie und stützte die Vorderpfoten auf das Bettende, um auf Augenhöhe mit Kevin zu sein.
Der zuckte zusammen und wich vor dem Wolf ans andere Ende des Bettes zurück.
Sehen kann er mich wohl noch, aber er scheint es nicht unbedingt zu wollen. meinte Akela ironisch.
„Wir müssen hier raus. Bald geht die Sonne auf, dann wird das so gut wie unmöglich. Also sollten wir bald gehen.“ Shan hob Kevins Sachen, die Kristin schon bereitgelegt hatte, vom Stuhl und warf sie dem Vampir zu.
„Die Spielregeln sind ganz einfach. Du tust was ich sage und dafür bleibst du am... na ja... am Leben.“
Seinem eisig-verächtlichen Blick nach, hatte der Vampir sie verstanden. Aber an die Spielregeln würde er sich nicht halten wollen, dass war schon jetzt klar.
Shannon drehte sich zu Kristin um, die sich scheinbar nach dem Schreck wieder gefangen hatte. Shan bat sie und die Jungs, ihre Reisetasche und den Rucksack zu nehmen und die Autos zu holen. Sie sollten nicht sehen, was die Hexe gezwungen war mit Kevin zu tun.
Sobald sie aus dem Zimmer waren, und nur noch Stephan an der Tür stand, zog Shannon ihr Schwert. Sie hielt es mit der Spitze direkt an Kevins Hals.
Der Vampir erstarrte, in seine dunklen Augen trat Angst. Die Klinge ritzte leicht seine Haut und ließ einen zähen Tropfen Blut schwerfällig über seine Brust rinnen.
„Du hast nur die eine Möglichkeit. Wenn du nicht gehorchst, bist du tot.“ versprach Shannon ihm leise.
Der Vampir glaubte ihr das. Er erinnerte sich, was er als Kevin gesehen hatte, wie Ynara, seine Mutter, gestorben war.
„Ich werde gehorchen.“ flüsterte er heiser.
Shannon nahm langsam die Klinge herunter. „Zieh dich an!“ befahl sie.
Kevin tat es, aber Shannon war sicher, dass er nur auf die Gelegenheit wartete zu entkommen. Und vorher einige von ihnen zu töten...
„Denkst du, du schaffst es ihn da loszumachen, ohne dass er dich anfällt? Und wie willst du ihn in ein Auto kriegen? Wo wollen wir überhaupt hin mit ihm?“ fragte Stephan von der Tür aus.
„Akela wird schon dafür sorgen, dass er nicht aus der Reihe tanzt. Wir bringen ihn fürs Erste zu sich nach Hause. Ich muss rauskriegen, was es mit dieser Himmelskönigin auf sich hat. Und jetzt hör auf destruktive Fragen zu stellen und steh Schmiere.“

Akela schaffte es tatsächlich, Kevin so einzuschüchtern, dass Shannon ihn vom Bett losmachen und seine Hände hinterm Rücken fesseln konnte. Diesmal benutzte sie normale Handschellen, mit kurzer Kette, die allerdings ebenfalls mit einem Bann belegt waren. Ihm die Füße zu fesseln wäre zu auffällig gewesen. Aber da Kevin, soweit Shannon wusste, keine Kampfsportarten machte, waren seine Beine sowieso nur halb so gefährlich wie seine Hände.
Akela ließ Kevin nicht aus den Augen. Er fixierte ihn die ganze Zeit, wie eine Schlange ein Kaninchen.
„Also, dann mal los!“ Shannon zog Kevin am Arm vom Bett hoch, hängte ihm seine Lederjacke über die Schultern, um die Fesseln zu verdecken, und schob ihn aus der Tür. Glücklicherweise war es sehr, sehr früher Morgen und auf der Station ruhig, so dass ihnen auf dem Weg zum Seiteneingang niemand begegnete.
Akela lief ein Stück vor ihnen, den Körper tief geduckt und halb zu Kevin gedreht, wie ein Schäferhund, der seine Herde zusammentreibt. Sollte der Vampir auch nur einen Versuch machen zu entkommen, hätte der Wolf ihn im nächsten Augenblick eingeholt und angesprungen. Shannon ging hinter Kevin, die Hand am Knauf ihres Spazierstocks, den sie an ihrem Hosenbund befestigt hatte. Stephan, der die Tasche mit der Ausrüstung trug, blieb ein Stück zurück. Ihm war nicht wohl bei der Sache, weil er seine gewohnte Waffe, eine Armbrust, nicht hatte.
Als sie den Ausgang erreichten, wartete schon Howies Corvette, mit offenem Verdeck, davor. Am Steuer saß allerdings AJ.
Shannon und der Wolf kreisten Kevin ein. Ihm blieb nichts anderes übrig als einzusteigen. Akela setzte sich direkt vor, Shannon, mit etwas Abstand, neben ihn. Nick ließ sich auf den Beifahrersitz fallen, nachdem er Stephan zu AJ's Mercedes gewunken hatte.
„D fühlt sich im Moment nicht in der Lage zu fahren.“ erklärte AJ seine Position am Steuer.
„Solange du daran denkst, dass wir hier kein Rennen veranstalten, ist mir das Recht, AJ.“ meinte Shannon leicht belustigt.
Er sah sie im Rückspiegel an und wirkte gekränkt.
„Guck nicht so, Bone, ich hab dich schon mal fahren sehen! Du wirst jetzt ganz gemächlich schleichen. Weil ich nämlich keine Lust habe, bei der ersten Kurve Vampirzähne im Hals stecken zu haben...“
AJ suchte im Spiegel Kevins Blick, fand jedoch von ihm kein Spiegelbild. Fasziniert machte er Nick darauf aufmerksam.
Shannon verdrehte die Augen über die Kindsköpfe vor ihr und stieß beide so heftig an, dass sie erschreckt herumfuhren.
„Wir wollen fahren, ihr Süßen!“ Sie deutete mit der Hand nach vorn.
AJ startete den Motor. „Wo geht es denn hin?“
„Zu Kevins Appartement. Wir brauchen ein Dach über dem Kopf, wegen der Sonne.“
Nick gab das Ziel per Handy kurz an Brian durch.

Die Fahrt durch die dunkle Stadt verlief ruhig. Wegen der frühen Morgenstunde waren kaum Menschen zu sehen. Aber Kevin wurde allmählich unruhig. Scheinbar spürte er den Sonnenaufgang nahen.
Als sie endlich vor dem Wohnkomplex ankamen, atmeten alle befreit auf. Erste Sonnenstrahlen fielen bereits auf die Spitze des Gebäudes, weshalb Kevin nicht lange zögerte hineinzugehen.
Sie wurden schon von Leighanne und Amanda erwartet, die natürlich von den Jungs auf dem Laufenden gehalten worden waren. Sie hielten einen weiten Abstand zu dem Vampir ein, starrten ihn jedoch mit großen Augen an.
Shannon inspizierte das Schlafzimmer und kettete Kevin dort erleichtert am Bett fest, das ein stabiles eisernes Kopfende hatte.
Kevin gefiel das gar nicht. Vor allem, da das Zimmer nach Osten lag und ein großes Fenster ohne Vorhänge hatte. Es würde nicht lange dauern, bis die Morgensonne auf das Bett und ihn traf.
Kristin stand unentschlossen im Türrahmen, hin und her gerissen zwischen der Liebe, die sie in Kevins Nähe hielt, und der Angst vor dem Geschöpf der Nacht, das aus ihm geworden war. Als Shannon sie um eine Decke bat, lief sie, wie erlöst, eine holen. Als sie damit wiederkam half sie der Hexe, die Decke über das geöffnete Fenster zu hängen und es dann wieder zu schließen.
Das Zimmer war jetzt stockfinster. Die beiden Frauen hörten Kevin im Dunklen aufatmen.
Shan nahm Kristin an der Hand und zog sie aus dem Raum. „Akela bleibt hier, Kevin wird wahrscheinlich sowieso den ganzen Tag verschlafen. Die nächsten paar Stunden sollten wir uns also auch ausruhen und besprechen, was zu tun ist.“ erklärte sie auf dem Weg ins Wohnzimmer.
Es war ein großer gemütlicher Raum, in hellen Farben gehalten. Eine lederne Sitzgruppe, für mindestens zehn Leute gedacht, beherrschte die Zimmermitte. An einer Wand stand ein Großbildfernseher, an der zweiten ein professionelles Keyboard.
Shannon staunte. Wenn das hier Kevins Zweitwohnsitz war, hätte sie zu gern mal seine Villa in Orlando besichtigt.
Leighanne kam ihr entgegen und nahm sie in den Arm.
„Es ist so schön, dich endlich kennen zu lernen!“ flüsterte sie ergriffen. Sie und Shannon hatten schon so manches Mal telefoniert. „Und danke, dass du Brian geholfen hast. Er hat mir davon erzählt.“
„Hey, das war doch selbstverständlich.“ wiegelte Shannon leise ab.
Jetzt kam auch Amanda heran und schüttelte ihr stumm und mit seltsamen Blick die Hand. AJ vermied, dass die Situation zu peinlich wurde, indem er Amanda von Shannon weg und auf seinen Schoß zog. Er hatte sich, wie die anderen Jungs, auf der Sitzgruppe verteilt.
Leighanne zog Shannon und Kristin mit sich zur Couch, wo Brian war. Nachdem alle saßen entstand eine lange Pause. Keiner wusste, was er sagen sollte.
Shannon merkte, wie müde sie war, legte den Kopf nach hinten und schloss einen Moment die Augen.
„Was passiert jetzt weiter?“ fragte Nick schließlich leise in die anhaltende Stille.
„Shannon ruht sich erst mal aus.“ erklärte Brian bestimmt.
„Das ist eine gute Idee.“ stimmte AJ zu. „Besonders, weil sie heute schon einen Vampir gekillt und einen bezwungen hat. Ach, ja. Und eine Göttin beschworen natürlich auch.“
„Und mir hat sie die Vampirin aus dem Kopf vertrieben.“ ergänzte Brian.
„Und ich hätte sie fast geschlagen.“ erinnerte Kristin.
„Alles in allem nicht schlecht bis...“ Shannon linste auf ihre Uhr. „...nicht ganz acht Uhr früh.“ Sie ließ den Arm wieder sinken und die Augen zufallen.
Kristin nahm ihre Hand. „Es tut mir leid, dass ich dich schlagen wollte.“
Shannon drehte den Kopf zu ihr und lächelte sie an.
„Du bist nicht die Erste, die mich nach den ersten zehn Minuten Bekanntschaft verprügeln will. Aber du bist eine der wenigen, die sich davon abbringen ließen.“ Sie setzte sich erschöpft auf, band sich ihren Pferdeschwanz neu und streckte sich. „Nicky hat recht. Wir müssen besprechen wie wir vorgehen, ehe wir uns ausruhen können.“
Sie stützte die Ellenbogen auf ihre Knie und sah in die Runde. „Zuerst noch mal die Fakten. Kevin ist ein Vampir, trinkt Blut, fürchtet geweihte Gegenstände, hat kein Spiegelbild...“ sie warf AJ und Nick einen schiefen Blick zu. „Um ihn zu töten, müsste man ihn pfählen, den Kopf abschlagen oder ihn verbrennen. Den Kopf nach hinten drehen soll auch helfen. Aber ihn zu töten wollen wir ja vermeiden... Nun ja, die Göttin sagte, er müsse das Blut der Himmelskönigin trinken, um gerettet zu werden. Sagt einem von euch das was?“
Kopfschütteln reihum.
„Du glaubst doch nicht wirklich, dass du einen Vampir wieder zum Menschen machen kannst! Ich finde, ich sollte ihn pfählen und dann ist Ruhe!“
Alle starrten Stephan mit Mienen zwischen entsetzt und erbost an.
Shannon wandte sich mit einem gefährlichen Gesichtsausdruck an ihn.
„Das hast glücklicherweise nicht du zu entscheiden... Hast du mal etwas von Vampiren gehört, die wieder zu Menschen wurden?“
„Nein. Es geht das Gerücht, dass einer hier in L.A. lebt, verflucht wurde und deshalb eine Seele hat. Aber deshalb ist er noch lange kein Mensch.“
„Ich sollte mich vielleicht mit ihm in Verbindung setzen.“ überlegte Shannon laut. „Wie heißt er? Wo kann ich ihn erreichen?“
„Angel Investigations. Aber ich denke nicht, dass er dir die Wahrheit erzählen wird. Das tun Vampire nie. Du kannst dir den Anruf also sparen.“
Shannon ignorierte Stephan und ging in den Flur, um zu telefonieren. Erst nach einer ganzen Weile kam sie zurück und ließ sich wieder auf die Couch fallen.
„Die Leute sind echt nett. Angel arbeitet mit Menschen zusammen, um übersinnliche Fälle zu lösen. Aber Angel wusste weder, wie man einen Vampir in einen Menschen zurückverwandelt, noch kannten sie eine Himmelskönigin. Einer seiner Mitarbeiter hat extra in ein paar Büchern nachgeschlagen. Ich habe ihnen die Nummern der OCRSI gegeben, falls sie mal Hilfe brauchen.“ erschöpft rieb sie sich die Stirn.
„Und wenn du Kevin einfach verfluchen würdest? Wäre er, wenn er eine Seele hätte, nicht wieder normal?“ erkundigte sich Howie.
„Ich kann ihn nicht einfach verfluchen. Zum Einen kenne ich den Wortlaut des Fluches nicht, Angel übrigens auch nicht, und zum Anderen liegen Flüche in einer Grauzone, die ich nicht betreten will. Flüche werden ausgesprochen um zu schaden. Wenn ich einmal einen anwende, selbst um jemandem zu helfen, laufe ich Gefahr es wieder zu tun und langsam auf die schwarzmagische Seite abzurutschen. Die Zigeuner, die Angel verflucht haben, wollten ihm ein Massaker an ihrem Volk heimzahlen. Er leidet sehr darunter, was er früher getan hat. Und er erzählte, dass er nach einem 'Moment des höchsten Glücks' wieder bösartig wird. Seine Mitarbeiter mussten ihn bereits mehrfach bekämpfen. Das ist keine Möglichkeit, die ich für Kevin in Erwägung ziehen würde. Ihr?“
Kollektives Kopfschütteln.
„Also suchen wir nach der Himmelskönigin.“ schloss Shannon müde.
„Aber erst mal legen wir uns eine Weile hin. Du siehst aus, als wolltest du gleich hier umkippen und einschlafen.“ merkte AJ an.
„Recht hast du. Komm, wir Mädels ziehen ins Gästezimmer um.“ Kristin zog Shannon von der Couch hoch. Leighanne schloss sich ihnen an. Amanda schien lieber bei AJ bleiben zu wollen.

Auf dem Weg zum zweiten Schlafraum blieb Shannon vor einem Regal stehen. Dort stand ein silberner Bilderrahmen mit einem Foto. Die Backstreet Boys am Strand bei einem Lagerfeuer. Shannon mitten unter ihnen... Dasselbe Foto trug sie ständig bei sich, auf ihren Reisen. Brian hatte es damals per Selbstauslöser geknipst und ihr einen Abzug geschickt.
Kristin war schon vorgegangen, um das Bett zu machen, aber Leighanne blieb neben Shannon stehen.
„Soweit ich weiß, hat jeder der Jungs einen Abzug von Brian bekommen.“, erzählte sie leise, „Bei AJ und Howie habe ich sie stehen sehen. Die Jungs mögen dich sehr...“
„Ich liebe sie auch. Sie sind so... intensiv in allem was sie tun. Ich liebe sie einfach...“
„Das kann ich voll und ganz nachempfinden. Komm, sonst schläfst du mir hier im Stehen ein. Das macht sonst nur Howie...“
Darüber musste Shannon lachen.

Die Hexe konnte allerdings trotz Müdigkeit nicht schlafen. Immer wieder ging ihr die Frage im Kopf herum, wer die Himmelskönigin war, ohne die sie keine Chance hatten Kevin zu retten. Also tat sie schließlich das einzig Richtige und stand wieder auf.
Bei Kevin war alles ruhig. Durch ihre Hexensicht konnte Shannon ihn im Dunkel auf dem Bett liegen sehen. Er hatte sich mit den Handschellen arrangiert und schlief. Akela hatte den Kopf gehoben, sobald er ihre Schritte vor der Tür gehört hatte, und döste jetzt auf ihr Zeichen, dass alles in Ordnung war, weiter.
Im tageslichthellen Wohnzimmer hatten es sich Brian und Stephan auf den Sofas bequem gemacht. Nicky lag auf einem Zweisitzer ausgestreckt, seine Beine ragten über die Seitenlehne in den Raum. Howie, AJ und Amanda waren nirgends zu sehen.
Shannon nahm Nicks Jacke, die auf den Boden gerutscht war, und deckte ihn wieder damit zu.
Er seufzte leise.
Sanft strich sie ihm übers Haar, dann ging sie durch die Küche zur Terrasse. Howie saß hier mit einer Tasse Tee. Er sah auf, als sie kam.
„Kannst du auch nicht schlafen? Möchtest du eine Tasse?“ Er hielt ihr seine hin, als sie sich neben ihn setzte.
„Nein, danke. Was machst du so allein hier draußen?“
„Ich habe gerade darüber nachgedacht, wie gern Kevin sich im Freien aufhält. ... aufhielt... Er hat die Sonne immer genossen. Und jetzt würde sie ihn töten.“ Er legte nachdenklich eine Hand auf den Tisch und ließ das Licht Flecken darauf malen. „Und warum findest du keinen Schlaf?“
„Ich denke die ganze Zeit über diese Himmelskönigin nach... Ich habe das dumme Gefühl, dass ich sie kennen müsste...“
Howie lächelte. „Meine Mutter sagt immer 'Kind, wenn du nicht weiter weißt, dann geh in die Kirche. Gott hat die Antwort auf alle Fragen'.“
Shannon erwiderte sein Lächeln.
„Meine Mutter sagte immer 'Vertraue in Gott, aber niemals der Kirche. Wenn du den Herrn treffen willst, ist das der falscheste Platz.'“
Howie lachte.
„Besonders viel hielt sie wohl nicht von christlicher Religion?“
„Nein. Und Dad auch nicht. Meine Ma stammt von einer Reihe Hexen ab und mein Dad von keltischen Hohepriestern. Da kam nicht grade viel Vertrauen in die katholische Kirche auf.“
„Aber jetzt, wo du sowieso nicht schlafen kannst, kommst du mit mir? Hier in der Nähe gibt es eine schöne kleine Kirche. Die wollte ich mir schon letztes Mal ansehen, als ich hier war.“
„Na, wenn du mich Ungläubige dahin mitnehmen möchtest, warum nicht?“

Sie fuhren mit Howies Corvette und Shannon fiel auf, wie unterschiedlich die Fahrstile der Jungs waren. Wo AJ schnell und ein wenig wild fuhr, war Howie ruhig und besonnen. Brian ließ sich gelegentlich vom Geschehen auf der Straße ablenken und war manchmal unkonzentriert, was sich auf sein fahrerisches Können auswirkte. Nick fuhr eher so wie AJ, und Kevin wieder ganz anders. Ruhig, nicht zu schnell, konzentriert, selbstbewusst, und als könnte er vorhersehen, was ihn an der nächsten Ecke erwartete.
Jedenfalls fuhr er so Auto. Wenn er mit seinem Motorrad im Gelände unterwegs war, war dass wahrscheinlich etwas ganz anderes...
Sie hielten vor einer hübschen kleinen Kirche mit Buntglasfenstern. Als sie eintraten, waren sie die einzigen Besucher.
Shannon ging ungeniert weiter, während Howie sich mit Weihwasser die Finger benetzte und sich bekreuzigte. Sie besah sich bereits den Alter und den gekreuzigten Christus, der darüber hing, als Howie, nach einem Kniefall und erneuter Bekreuzigung, neben sie trat.
„Ein schöner Altar, nicht wahr?“
„Ja. Von einem fähigen Künstler. Ich verstehe aber immer nicht, warum die Kirche so am Leiden der Märtyrer festhält. Es gibt doch genug junges Leid auf der Welt.“
„Gehörst du eigentlich irgendeinem Glauben an, Shan?“
„Ja, dem Keltischen. Wenn Winter ist, betet man dass er vorbei geht, wenn Sommer ist, betet man um reiche Ernte und zwischendurch dankt man, dass es einem gut geht. Ich habe auch an dem Glauben keinen regen Anteil, aber ich finde die Altäre noch schöner als diesen hier. Steinquader, mit Runen besetzt, unter alten Eichen mitten im Wald. Die sind europaweit anzutreffen. Aber wir verehren auch die Quellen und Flüsse als Lebensspender. Es ist ein sehr ursprünglicher Glaube. Mein Vater taufte mich mit Wasser aus der Quelle des Shannon.“
Sie ging interessiert weiter und sah sich die Statuen an.
Howie dagegen ging zur teilvergoldeten gekrönten Marienstatue, kniete nieder und betete.
„Heilige Maria, voll der Gnaden. Bete für uns jetzt und in der Stunde unseres Todes.“
Shannon fuhr plötzlich herum. Dann schlug sie sich mit der flachen Hand vor die Stirn und stieß einen irischen Fluch aus, der laut in der gesamten Kirche wiederhallte.
Howie sah sie pikiert an.
„Tut mir leid, D.... Aber mir ist gerade die Grundlage jeder Religion wieder eingefallen! Der erste Gott der Menschheit war damals weiblich, und aus ihr wurden sämtliche späteren Gottheiten abgeleitet. In einigen Religionen wurden die weiblichen Gottheiten auf ein Minimum reduziert, aber in allen blieb zumindest etwas von ihnen erhalten, und damit von der ersten Göttin, der Erdmutter. Das männliche Prinzip dominiert vielleicht, aber es gibt Reste der Erdmutter in jeder Religion! Weißt du was das heißt?“
„Ich hab keine Ahnung.“
„Das heißt, du kniest vor der HIMMELSKÖNIGIN!“ Shannon warf ihn fast um, als sie ihn lachend umarmte.


6. Kapitel

Shannon hatte nicht die Ruhe, um schlafen zu gehen. Stattdessen holte sie ihren Laptop heraus und ging über Kevins Modem ins Internet. Stundenlang fahndete sie dort nach dem Blut der Himmelskönigin. Zuerst ohne zu wissen was sie suchte, später mit genauem Ziel. Als die Anderen nach und nach erwachten, und AJ und Amanda wieder auftauchten, war es drei Uhr Nachmittags und Shannon hatte, was sie wollte.
Die Jungs zogen großbrüderlich-grimmige Gesichter da sie schnell merkten, dass Shannon nicht geschlafen hatte. Sie war blass und hatte bläuliche Ringe unter den Augen. Aber Shannon blieb stur und wollte erst erzählen was sie herausgefunden hatte, ehe sie an Schlaf überhaupt dachte. Also setzten sie sich wieder zusammen, und sie begann mit der Entdeckung der Marienstatue und der Krone, die sie trug und erzählte dann von ihrer Internetsuche.
„...dann habe ich festgestellt, dass es kein Blut Marias als Reliquie gibt. Aber jedes Jahr fangen irgendwo auf der Welt einige Statuen an zu weinen und manchmal weinen einige Blut, oder eine ähnliche Flüssigkeit. Der Vatikan lässt es bei jeder Statue untersuchen. Die meisten Tränen stellen sich als Fälschungen heraus, aber nicht alle. Und jetzt kommt es: Genau östlich von Tijuana, etwa zweihundertzwanzig Kilometer von hier, in der Nähe von Agua Caliente, knapp hinter der mexikanischen Grenze, liegt ein kleines Dorf namens Santa Cross. Und in der Kappelle dort weint die Marienstatue seit drei Tagen echte Blutstränen.“
Stephan schüttelte missbilligend den Kopf, aber die Jungs gerieten in Aufruhr bei dieser Nachricht. Kristin musste schließlich ein Machtwort sprechen, damit wieder Ruhe einkehrte.
„Okay, Jungs, ihr haltet jetzt sofort die Klappen, bevor ich ernsthaft ungemütlich werde!“
Fast sofort trat Stille ein, nur AJ plapperte noch einen Moment.
„...der totale Wahnsinn, was man im Internet alles fin...“ Kristins scharfer Blick brachte seinen Redefluss abrupt zum versiegen.
„Und jetzt, wo endlich Ruhe herrscht, kann Shannon vielleicht zu Ende berichten.“
„Danke, Kris.“ Shannon grinste schief.
„Überhaupt keine Ursache.“ Sie grinste zurück.
„Also wie gesagt, östlich von Tijuana. Wir könnten einen Lir-Jet nehmen und wären in nicht mal zwei Stunden da. Wenn ich recht habe, kann Kevin also noch heute behandelt werden. Wenn ich allerdings daneben liege, weiß ich nicht was wir machen sollen. Ich habe für die Himmelskönigin keine andere Erklärung.“
Die Jungs und Mädels sahen einander an.
„Ich schätze mal, dass du mit deinen Vermutungen recht hast. Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert.“ meinte Brian. Die anderen nickten zustimmend.
„Gut, dann rufe ich jetzt die CIA an und...“
„Die CIA?“ erklang es vielstimmig verblüfft.
Shannon wurde rot. „Das ist eine lange Geschichte...“
„Die Kurzfassung ist, der Präsident hatte ein Problem, die OCRSI hat es gelöst und Shannon darf umsonst reisen. Im Privatjet.“ erklärte Stephan ungeduldig.
Gabriel hätte sich schenken sollen dich zu schicken, du Angeber! Shannon hat das Problem gelöst, nicht die Organisation! Und alle Mitglieder dürfen reisen, nicht nur Shannon!
Leighanne und Amanda zuckten zusammen, als Akela plötzlich sichtbar zwischen ihnen stand.
„Du sollst dich doch nicht projizieren, Bruder, es kostet dich zuviel Energie!“ rügte Shannon sanft und streichelte seinen Kopf. „Und du, Stephan, kannst dir jetzt die Sachen von Frank abholen. Danach hast du vielleicht bessere Laune!“
Er verschwand wortlos.
Tut mir leid, Kätzchen. Als ich diesen selbsternannten Vampirspezialisten reden hörte, konnte ich nicht anders. Der Wolf leckte Shannon die Hand. Kannst du eine Weile nach unserem Freund sehen? Ich muss mir mal die Pfoten vertreten.
„Sicher, mein Schatz. Ich komme.“
Brian ging als Verstärkung mit.
Kevin schlief noch immer und im verdunkelten Zimmer herrschte vollkommene Stille.
„Oh Mann. Er schläft wie ein...“ Brian hielt inne.
„Wie ein Toter?“ half Shannon ihm auf die Sprünge.
„Nun... ja!..“ Brian kratzte sich am Kopf. „Ich wollte dir noch was erzählen. Etwas, das ich im Krankenhaus mitbekommen habe. Ich wollte nicht, dass die Anderen zuhören, also ist jetzt vielleicht die günstigste Gelegenheit...“ Er verstummte.
Shannon berührte ihn an der Hand.
„Brian. Du kannst mir alles sagen. So wie in dem Moment, als unsere Geister sich berührt haben.“
„Ja. Das war... einzigartig... Hast du das mit den anderen Jungs auch so gemacht?“
„Ja. Bei AJ und Nick damals in Köln. Bei AJ war es anders, ihn habe ich nur gelesen. Aber bei Nick habe ich den Schock gemildert. Das war so ähnlich wie bei dir. Und Howie und Kevin damals bei dem Brand, in Orlando. Da habe ich ihnen etwas eingegeben, das ist wieder eine andere Technik. Aber erzähl mir, was du auf dem Herzen hast. Es hat dich ziemlich erschreckt, das kann ich spüren.“
Brian schlug die Augen nieder.
„Ja... es hat mich sehr erschreckt.“ Er sah sie wieder an und holte tief Luft. „Kevin hat sich der Vampirin freiwillig angeboten, um mein Leben zu retten. Er hat MITGEMACHT bei... ihrem abscheulichen... Tun... damit sie mich in Ruhe lässt...“
Shannon nahm ihn beruhigend in die Arme, und Brian klammerte sich einen Moment haltsuchend an ihr fest, das Gesicht an ihren Hals gedrückt, als die Erinnerung an die vergangene Nacht ihm einen kalten Schauer durch den Körper jagte.
„Ssschhhh, ich weiß schon.“ Shan strich ihm beschwichtigend über den Rücken. „Er schrie in Gedanken nach mir, nachdem die Vampirin ihm ihr Blut gegeben hatte. Und seine Angst um dich war genauso groß wie seine Angst vor dem Tod.“
„Ich fühle mich so schuldig. Wenn er mich herumkommandiert, werde ich sauer. Und dann kann ich nicht glauben, dass er es macht um mich zu schützen oder um zu helfen. Ich habe ihn so manches mal gehasst für seine Art, von oben herab zu bestimmen. Und dann macht er so was! Wie verdammt selbstlos kann der Mann nur sein? Jetzt habe ich Schuldgefühle, weil ich ihn manchmal hasse!“
„Brian.“ Shannon sah ihn an und wischte ihm eine Träne von der Wange. „Du hasst Kevin nicht. Du bist nur manchmal stinksauer auf ihn. Und das ist ganz normal, weil ihr fünf einander so nah seid. Kevin verkörpert bei euch am wenigsten Spaß und am meisten Pflicht. Es ist normal, dass er dafür büßen soll, dass er euch antreibt. Es hat dich nur erschreckt, dass du plötzlich einen Beweis seiner Liebe hattest. Er würde das für jeden von euch tun. Er liebt euch.“
„Ja. Jetzt habe ich wirklich den greifbaren Beweis, dass er das tut. Ich habe in dem Moment etwas gelernt, was ich schon immer wusste, aber nicht wirklich wahrhaben wollte...“
„Etwas besser jetzt, Bruder?“
Brian musste lächeln bei dieser Bezeichnung.
„Ja, kleine Schwester. Viel besser jetzt.“ Er drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. „Du hast das ernst gemeint, mit dem Rudel, nicht wahr?“
„Ja. Ihr seid mein Rudel. Ihr seid meine Familie.“ flüsterte Shannon. Sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter und gähnte verstohlen.
Dann sorg mal dafür, dass unsere kleine Schwester ins Bett kommt. forderte Akela, der hereinkam und die letzten Sätze mitbekommen hatte. Die Sonne geht bald wieder unter. Dann sollten wir loslegen.
„Du sollst doch nicht projizieren, es sei denn im Notfall!“ Shannons Schelte verlor durch ihr erneutes Gähnen gewaltig an Wirkung. „Seitdem er diese Fähigkeit erworben hat, versucht er dauernd sichtbar zu sein und mit jedem zu sprechen!“ erklärte sie Brian mit einem strengen Seitenblick auf den grinsenden Wolf.
Als sie ins Wohnzimmer zurückkehrten, erwartete sie schon ein frühes Abendessen. Aus Sicht der gerade Aufgestandenen vielleicht eher ein sehr spätes Frühstück. Kristin und Leighanne hatten Kühlschrank und Vorratskammer geplündert.
Danach wurde Shannon, mit energischen Worten von AJ und Brian, ins Bett geschickt. Nick leistete ihr Gesellschaft im Gästezimmer, bis sie einschlief. Da war es vier Uhr.

Um sieben weckte sie das durchdringende Geheul des Wolfes.
Uuuoooooowuuuuuuuuh, die Sonne geht unter!
Shannon fluchte laut und stand auf.
„Deshalb musst du noch lange nicht so einen Lärm veranstalten, Hund!“ rief sie Richtung Kevins Schlafzimmers.
Akela lachte zur Antwort.
Shannon wusch sich das Gesicht, kämmte die schulterlangen Haare und band sie wieder zum Pferdeschwanz. Ihr Gesicht blickte ihr ziemlich missmutig entgegen, aber sie hatte im Moment kein anderes parat.
Sie ging ins Wohnzimmer zu den Anderen und ließ sich neben Nick auf die Couch fallen, der sofort tröstend den Arm um sie legte. Er hatte schließlich Erfahrungen mit Schlafmangel.
„Gebt mir eine Weile, um richtig wach zu werden.“ bat Shannon verschlafen.
„Möchtest du einen Kaffee?“ erkundigte sich Kristin.
„Sie mag keinen Kaffee. Hast du noch Coke da? Und Eis?“ fragte AJ. Als Kristin bejahte, holte er ein großes Glas davon für Shannon.
„Wir wollten gleich was zu essen kommen lassen. Hast du einen besonderen Wunsch?“ wollte Howie wissen.
„Für Akela bitte nichts von McDonalds. Er hasst Burger. Ansonsten nehme wir alles gern. Wo wollt ihr denn was holen?“
„Wir sind uns noch nicht einig. Ich will Pizza, Howie chinesisch und AJ natürlich Burger. Das läuft darauf hinaus, dass wir drei Sorten Essen kriegen.“ meinte Nick.
„Dann schließe ich mich Howie an und Akela dir. Er mag Schinken-Käse-Pizza.“
Noch bevor das Essen kam, beziehungsweise AJ von McDonalds zurück war, meldete sich der Wolf.
Er ist wach, Shan. Und er guckt genauso böse wie vorher. Was für ein kleiner Sonnenschein!
Shannon ging nachsehen.
„Hallo, Kevin. Möchtest du etwas essen?“
„Willst du dich mir anbieten?“ fragte der Vampir gefährlich leise.
„Nein. Ich habe Pizza und chinesisch im Angebot.“
Seine Augen wurden schmal.
„Dann nehme ich einen Chinesen.“
Na, wenn der nicht witzig ist... ulkte der Wolf.
„Dann also nicht.“ Shannon zuckte mit den Schultern und ging zurück ins Wohnzimmer.
Beim Essen besprachen sie ihr weiteres Vorgehen. Leighanne und Amanda wollten beide mitkommen, was aber Shannon, AJ und Brian rundheraus ablehnten.
„Das wird zu gefährlich. Wir halten euch auf dem Laufenden, aber ihr bleibt bitte hier. Es ist schlimm genug, dass ich für Kristin und diese fünf Holzköpfe verantwortlich bin. Außerdem gibt es bei den fahrbaren Untersätzen genug Probleme bei der Platzverteilung. Seht ihr dass ein?“ bittend wanderte Shannons Blick zwischen ihnen hin und her.
Sie taten es, schweren Herzens.
Shan telefonierte mit der CIA und bestellte einen Jet und drei Leihwagen für Tijuana. Die Fahrt zum Flughafen organisierten die Jungs. Sechs Männer und zwei Frauen zu transportieren war kein Problem. Aber fünf Männer, zwei Frauen und ein Vampir waren eine Herausforderung. Irgendwie wurden sie sich einig und schafften den Weg ohne größere Komplikationen.
Die bereitete ihnen allerdings der Agent vom Dienst, der die Wagen partout nicht auf den Flugplatz lassen wollte. Er führte an, das sechs der Insassen keine OCRSI-Mitglieder waren.
„Zivilisten haben hier keinen Zutritt!“ erklärte er kategorisch.
Shannon, die wieder mit Kevin und Akela hinten in der Corvette saß, stand kurz vor einer Explosion.
„Sie werden mir sofort ihren Vorgesetzten herholen.“
Er machte keine Anstalten.
„ICH SAGTE SOFORT!“ Die Schranke vor der Einfahrt ging spontan in Flammen auf.
Alle Anwesenden zucken zusammen. Shannon versuchte sich zu beruhigen und sie so zu löschen, aber es war bereits zu spät. Weißglühend tropfte das Metall zu Boden.
„Verdammt. Ich brauche dringend einen Psychiater.“ murmelte sie resigniert.
Jetzt hätten sie passieren können. Der Agent war in Panik weggerannt...
„Okay, ihr könnt ohne mich da rein gehen, ich steige jetzt hier aus. Wenn ich gleich Schüsse höre, weiß ich was los ist.“ erklärte Stephan im hinteren Auto. Er hatte den Türgriff bereits in der Hand.
AJ, der neben ihm saß, schnappte ihm die heißgeliebte Armbrust weg.
„Dann hau ab. Aber die behalte ich.“
„Ihr werdet jetzt nicht streiten!“ befahl Howie streng vom Fahrersitz aus. Kristin, neben ihm, beobachtete, wie Shannon im vorderen Auto ihr Handy hervorholte und einen Augenblick später heftig mit jemandem am anderen Ende debattierte. Kurze Zeit später kam ein Mannschaftswagen auf sie zu, aus dem mehrere Männer stiegen.
Shannon stieg aus und ging auf sie zu.
„Agent Miller, schön sie zu sehen. Das mit der Schranke tut mir wirklich leid... Es war ein Versehen...“
„Wo liegt denn das Problem, Miss O'Neall?“
Shannon umriss kurz, dass sie einen Vampir dabei hatten und dringend nach Mexiko mussten. Dann erzählte sie, wie es zu dem Unfall mit der Schranke gekommen war.
Miller schmunzelte darüber. Er war einer der wenigen CIA-Agents mit Humor.
„Na, dann folgen Sie uns mit den Wagen mal UNAUFFÄLLIG.“
Das brachte dann auch Shannon zum Lachen. Sie stieg wieder ein und winkte Howie, der Corvette zu folgen.
Keine zehn Minuten später waren sie auf dem Weg nach Tijuana.


7. Kapitel

Shannon hatte dröhnende Kopfschmerzen. Kein Wunder nach nur drei Stunden Schlaf und einem ungeplanten Ausbruch der Alten Macht. Zum Glück waren sie gleich da. Dann mussten sie nur noch nach Santa Cross fahren, das Blut holen, Kevin zwingen es zu trinken, zwischendurch aufpassen, das er niemanden tötete oder entkam... Eine Kleinigkeit! dachte sich Shannon ironisch. Sie wandte den Kopf und sah ihn an.
Akela saß, wie schon im Auto, ständig vor ihm und beobachtete jede seiner Bewegungen. Nicht dass er sich viel bewegt hätte. Er saß die ganze Zeit über reglos da. Nur seine Augen wanderten von Einem zum Anderen, als suchte er sich bereits sein erstes Opfer aus. Shannon hatte ihn vor dem Start festgeschnallt, seine Hände waren wieder auf dem Rücken gefesselt. So hatte er kaum Handlungsspielraum. Aber der Gurt hielt ihn nicht auf, sollte er sich entscheiden sich loszureißen.
Kevins Blick wanderte zu ihr.
Shannon sah nicht weg. Sie wollte wissen, ob er einen Manipulationsversuch starten würde.
Er tat es tatsächlich... Shan fühlte eine leise kalte Stimme in ihren Gedanken, die da bestimmt nicht hingehörte. Sie klang nicht ganz wie Kevins, aber sie kam eindeutig von ihm. Shannon schätzte die Kraft ein, die dahinter steckte. Noch war er nicht in der Lage, damit einen Menschen zu beeinflussen. Aber er schien auch ohne Blut stärker zu werden und das bereitete ihr Sorgen. Und dass er bisher so kooperativ war, machte sie auch stutzig. Nicht dass er eine andere Wahl gehabt hätte, aber dennoch...

Auf dem Flughafengelände standen für sie ein Jeep, ein Van und ein Toyota bereit.
Shannon bat Brian den Jeep zu fahren, die anderen stiegen in den Van. Stephan bekam seltsamerweise den Toyota für sich allein.
„Was ist mit Stephan? Warum will keiner von euch bei ihm mitfahren?“ erkundigte Shannon sich bei Brian, der gerade ihre Taschen und den Rucksack im Jeep verstaute.
„Ich nehme an das liegt daran, dass er ein arroganter Idiot ist, der partout einen Alleingang machen will. Bevor wir losgeflogen sind, hatte sich AJ mit ihm angelegt. Er hatte ihm wohl die Armbrust weggenommen... Jedenfalls hat Stephan sie sich wiedergeholt und damit vor AJ Gesicht herumgefuchtelt. Er meinte, er würde Kevin am liebsten damit eins verpassen, um endlich nach Hause fliegen zu können. Ein Backstreet Boy mehr oder weniger würde ja keinem auffallen. Und bei diesen Worten hat er auf AJ gezielt.“
Shannon lief vor Wut rot an.
Uh-oh, jetzt explodiert sie! bemerkte Akela mit einem Seitenblick.
Bruder, behalte Kevin gut im Auge, ich komme gleich wieder... Shannon hatte Mühe ihre Gedanken ruhig zu senden. Sie ging zu Stephan, der gerade die Taschen, die Frank für ihn zusammengestellt hatte, in den Toyota laden wollte. Shannon nahm sie ihm aus der Hand. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie die giftigen Blicke, die Kristin und die Jungs dem Vampirjäger zuwarfen.
„Ich möchte eine Erklärung dafür, wie du dich hier aufführst. Und zwar sofort.“ sagte Shannon bemüht ruhig.
„Wie ich mich aufführe?“ fuhr Stephan auf. „Gabriel schickt mich, um einen Vampir zu töten! Aber Shannon die Große will nicht, das er getötet wird, nein! Stattdessen fährt sie mit diesem gefährlichen Biest in der Stadt spazieren und bringt unschuldige Menschen in Gefahr! Und weil irgendeine dahergelaufene Göttin es dir eingibt, musst du jetzt auch noch mit dem Vampir nach Mexiko! Unterwegs verlierst du mal eben die Kontrolle über dich und gefährdest selbst Menschenleben! Ich werde beim Vorstand beantragen deinen Geisteszustand untersuchen zu lassen, Shannon! Meiner Ansicht nach bist du für die Organisation nicht tragbar!“
Shannon war kreidebleich geworden.
„Gut. Tu das.“ Sie nahm die Taschen und wollte gehen, als er sie an der Schulter herumriss.
„Was glaubst du, was du da tust?!“ brüllte er sie an.
Shannon stellte blitzschnell die Taschen ab und packte seine Hand. Sie verdrehte sie, bis Stephan, vor Wut und Schmerz aufheulend, mit dem Körper der Bewegung folgen musste.
„Ich ziehe dich hiermit von dem Fall ab, Stephan! Du kannst meinetwegen Meldung machen, aber diese Sachen werde ich mitnehmen! Ich habe noch ein Problem zu lösen! Pass bloß auf, dass du nicht das nächste bist...“
Erst jetzt bemerkte sie, dass Nick, Howie und AJ hinter ihr standen. Ohne Stephan loszulassen bat sie die drei, die Taschen an sich zu nehmen. Grinsend griff sich AJ auch die Armbrust vom Rücksitz.
Shannon stieß Stephan gegen den Wagen und ließ ihn los. Er drehte sich zu ihr und hielt sich fluchend die Hand.
„Das wirst du noch bereuen!“ zischte er zwischen zusammengebissenen Zähnen.
„Du auch. Wenn die Organisation sich deiner Meinung nicht anschließt, werde ich dafür sorgen, dass du der Ausbildungseinheit angegliedert wirst. Da darfst du dann jeden Tag drei Mal dem führenden Ausbildenden Bericht erstatten. Soweit ich weiß, ist Angela vor zwei Monaten dazu befördert worden... Und die lässt sich nicht von jemandem wie dir auf der Nase herumtanzen!“
Schimpfend stieg Stephan in den Toyota und fuhr los.
„Wo will der hin?“ fragte Nick.
„Wahrscheinlich nach Hause. Könnt ihr die Taschen mit in den Van stellen?“
„Klar. Eigentlich wollten wir dir ja zur Hilfe kommen, als der Typ dich an der Schulter gepackt hat. Aber du warst schneller.“ AJ spielte grinsend mit der Armbrust.
„Du hättest es mir sofort sagen sollen, dass er dich bedroht hat, AJ.“
Er zuckte mit den Schultern.
„Ich dachte, ihr wärt Freunde. Da wollte ich nicht dazwischenfunken. Außerdem hat er es ja nicht wirklich ernst gemeint.“
„Meine Freunde kann man an zwei Händen abzählen, und er gehört bestimmt nicht dazu. Er hat ein großes Problem damit, jemandem untergeben zu sein, der kleiner und schwächer ist als er.“
Nick grinste. „Dann hätte er mit dir eigentlich kein Problem haben dürfen. Du bist eindeutig stärker als er.“
AJ und Howie lachten.
„Jungs, so lustig das Thema auch ist, wir sollten losfahren. Wir haben nur noch ein paar Stunden, bis die Sonne wieder aufgeht.“ erinnerte Shannon.

Vom Flughafen dauerte es etwa eine Stunde bis Santa Cross. Die Straße wurde, je näher sie dem Ort kamen, immer schlechter und steiniger.
Santa Cross entpuppte sich als Ansammlung von Häusern und Hütten um eine kleine Kirche. Als Howie auf spanisch einen einheimischen Bauern nach einem Hotel oder einer Pension fragte, wurde ihm mitgeteilt, dass es so was in diesem Dorf nicht gab.
Shannon war ebenfalls ausgestiegen und erkundigte sich, ob es denn einen Platz gab, an dem ein müder Reisender rasten könnte.
Der Mann sah mitfühlend an ihr herunter. Dann meinte er, das Haus des verstorbenen Bürgermeisters stehe leer. Es seien dort Betten und Decken zu finden, so dass sie nicht auf dem Boden schlafen bräuchten.
Sie bedankten sich vielmals und standen kurze Zeit später vor dem zweigeschossigen Haus, das etwas abseits lag.
„Das hat auch schon bessere Tage gesehen.“ murmelte Nick.
„Besser als nichts. Bringen wir die Sachen rein.“ ermunterte ihn Kristin.
Shannon machte einen schnellen Rundgang und fand ein schweres Eichenhimmelbett, an dem die Vorhänge fehlten, in der oberen Etage. Hierher brachte sie Kevin mit Akelas Hilfe. Der Wolf war inzwischen ebenso erschöpft wie sie.
Als sie die Handschellen wieder um Kevins Gelenke schloss, war ihr Hals seinem Gesicht so nah, dass er unternehmungslustig seine Zähne aufeinander klacken ließ...
Erschreckt fuhr Shannon zurück. Akela tat das genaue Gegenteil und sprang auf dem Bett vor. Knurrend starrte er Kevin an, aber der lachte nur leise.
Er verliert die Angst vor mir. Das ist keine besonders positive Entwicklung.
Das fand Shannon auch. Sie starrte Kevin an, wie er, relaxt ans Kopfteil gelehnt, auf dem Bett lag. Die Beine hatte er übereinandergeschlagen, einen Arm, wegen den Fesseln, um den Bettpfosten geschlungen, als sei er ein alter Freund, und seine Hände miteinander verschränkt. Und er lachte, wodurch seine Eckzähne deutlich sichtbar wurden.
„Du hättest mal deinen Gesichtsaudruck sehen sollen! 'Ah, ein Vampir!!!' Wirklich zu drollig!“ Er wandte seine Aufmerksamkeit zur Tür. „Hallo Kristin! Willst du deinem lieben Kevin nicht einen Kuss geben?“
Kristin schauderte. Seine weiche, dunkle Stimme klang genau wie immer... Aber als er sie träge anlächelte, blitzten seine Augen kalt auf.
Entsetzt wandte sie sich ab, was ihn erneut zum Lachen brachte.
Shannon nahm Kristin bei der Hand und ging mit ihr zur Treppe.
„Kris, ich habe keine Ahnung, wie lange wir ihn noch festhalten können. Die Handschellen wird er nicht los. Aber wenn er weiter stärker wird, bricht er uns bald den Bettpfosten durch und haut ab. Er hat die Angst vor Akela bereits verloren.“ erklärte Shan ihr besorgt.
Beunruhigt erwiderte Kristin ihren Blick. „Dann geh besser bald und versuch das Blut zu kriegen...“
„Ich wollte euch allen kurz noch was erklären, für den Fall der Fälle. Komm eben mit runter.“
Shannon packte auf dem Tisch im ehemaligen Esszimmer eine der Taschen aus, die Frank für Stephan zusammengestellt hatte. Dann zeigte sie den anderen wie man Infusionen legte und Einwegspritzen benutzte, erklärte die Wirkung von kreislaufstärkenden Mitteln und zeigte ihnen das Blut in der Kühlbox. Nick wurde zwar zuerst etwas grün um die Nase, fing sich aber wieder.
„Denkt ihr, ihr könntet im Notfall damit umgehen, wenn einer von uns von Kevin gebissen wird?“ erkundigte sich Shan mit einem Blick in die Runde.
Ihr antwortete zögerliches Kopfnicken.
„Gut. Ich gehe dann jetzt und versuche den Priester zu finden. Ich beeil mich...“

Der Priester war ein alter, verhutzelter Mann, mit weißen Haaren. Er erzählte Shannon auf dem Weg in die Kirche voll Stolz, dass 'seine kleine Maria' den Vatikan nach Mexiko gelockt hätte.
Shan lächelte nachsichtig. Sie verstand gut, was für eine Euphorie diese Aufmerksamkeit der katholischen Kirche in ihm ausgelöst hatte.
Dann standen sie endlich vor der kleinen Statue. Sie war mit der teilvergoldeten, die Shannon in L.A. gesehen hatte, nicht zu vergleichen. Ganz schlicht aus Holz geschnitzt, die Hände in Demut gefaltet, lächelte sie milde auf die Sünder herab. Und es liefen ihr permanent rote Tränen aus den Augen.
Shannon saugte einige mit der Pipette auf. Es sah tatsächlich aus wie Blut. Vorsichtig positionierte Shan eine Messingschale an den Fuß des Sockels, auf dem die Statue stand, damit sich das Blut darin sammelte.
Der Priester quittierte es mit einem ebenso milden Lächeln wie Maria. Shannon hatte ihm erzählt, dass sie das Blut einem kranken Freund bringen wollte, der nicht selbst in die Kirche gehen könnte. Dass der Freund ein Vampir war, hatte sie vorsorglich verschwiegen...

Inzwischen hatte sich Kristin im Bürgermeisterhaus alle Räume genauer angesehen und ein Klappbett gefunden. Sie bat die Jungs es zu Kevin ins Zimmer zu stellen, weil sie sich dachte, dass eine zusätzliche Wache kein Fehler sein konnte. Dann ging sie Decken und Kissen suchen.
Kevin beobachtete Nick und AJ genau dabei, wie sie das Bett hereintrugen und aufbauten.
Sie fühlten sich ziemlich unbehaglich unter seinem Blick und hofften so schnell wie möglich wieder aus dem Zimmer zu kommen.
„Also, ich hole dann mal die Matratze...“
„Vergiss es, AJ, die hole ich! Du hast schließlich das Ding da, zu deinem Schutz!“ Nick deutete auf die geladene Armbrust.
„Na gut... Aber beeil dich! Ich habe keine Lust hier Wurzeln zu schlagen.“ AJ sah Nick finster hinterher, als er aus der Tür ging.
Kaum dass er weg war, glaubte AJ eine Stimme flüstern zu hören. Er fuhr herum, aber da war nichts. Kevin lag entspannt auf dem Bett und erwiderte seinen Blick unschuldig.
„Hallo, Alex.“ Er lächelte, dass seine Eckzähne blitzten. Und er ließ den Blickkontakt nicht wieder abreißen, sondern legte den Kopf schräg.
Akela wurde unruhig. Der hatte doch irgendwas vor...
Im nächsten Moment versetzte Kevin dem Wolf mit seinem Bewusstsein einen harten mentalen Schlag, der ihn niederstreckte. Akela rührte sich nicht mehr.
AJ hatte aus den Augenwinkeln etwas weiß aufblitzen sehen, konnte aber den Blick nicht mehr von Kevin abwenden. Angst brandete in ihm hoch. Weshalb griff der Wolf nicht ein? AJ fluchte innerlich. Er wollte die Armbrust heben, um sich zu wehren, oder sich umdrehen und fliehen, aber er konnte sich einfach nicht bewegen.
Kevin lachte boshaft.
„Jetzt kriegst du Angst, stimmts, Alex? Du hast nicht zufällig einen Schlüssel für diese Dinger?“ Er rasselte mit den Handschellen. „Na, egal. Komm her zu mir, Alex. Wir zwei müssen etwas besprechen.“
AJ bemerkte zu seinen Entsetzen, dass sich seine Füße in Richtung Bett in Bewegung setzten. Er versuchte vergeblich stehen zu bleiben.
„Alex, Alex, Alex... Wenn ich sage du sollst herkommen, brauchst du gar nicht erst versuchen dich zu widersetzen. Lass die Armbrust fallen!“
Die Waffe glitt AJ aus den tauben Fingern.
Kevin grinste. „Nett, dass du mal auf mich hörst. Das hätten wir schon früher ausprobieren sollen. Setz dich doch.“
AJ sank mit angstgeweiteten Augen auf die Matratze. Er hatte die schreckliche Gewissheit, dass sein Ende nahte, während Kevin mit ihm Spielchen trieb.
In diesem Augenblick kam Nick durch die Tür. Er erfasste die Szene im Bruchteil einer Sekunde, ließ die Matratze fallen und schrie um Hilfe.
Kevin verlor im selben Moment die Gewalt über AJ's Bewusstsein, packte ihn stattdessen mit den Händen und zerrte ihn zu sich heran. Nick hechtete in den Raum, riss die Armbrust hoch und legte auf Kevin an, der AJ wie einen Schutzschild vor sich hielt.
„Keine Bewegung, oder dein Freund ist tot!“ brüllte der Vampir.
In der nächsten Sekunde knallte ein Kissen an Kevins Kopf. Das brachte ihn genug aus dem Gleichgewicht, dass AJ ihm aus den Händen rutschte und auf dem Boden landete, zum Glück außerhalb von Kevins Reichweite.
Kristin stand in der Tür, das nächste Kissen wurfbereit in der Hand. Ihr Gesicht war wutverzerrt. Hinter ihr kam Shannon die Treppe hochgerannt, Brian und Howie im Schlepptau. Sie drängte sich an Kristin vorbei und kniete sich neben AJ.
„Alles okay?“ Sie drehte seinen Kopf von einer Seite zur anderen und kontrollierte seinen Hals auf Bisswunden.
„Ist schon gut... Es ist alles in Ordnung...“ erklärte er rau, als er versuchte sich von ihr loszumachen.
Shannon sah ihm prüfend in die Augen. „Nein. Ist es nicht.“ Sie berührte vorsichtig sein Bewusstsein und fühlte ihn heftig zusammenzucken.
„Ssschhhh... Ich tu dir nicht weh...“
Ganz behutsam drang sie in seinen Geist ein, heilte ihn und besänftigte AJ's Angst. Erleichtert atmete er auf.
„Jetzt kannst du wieder der coole Rebell sein.“ flüsterte Shannon ihm liebevoll ins Ohr.
„Danke, Shan. Vielen, vielen Dank.“ Er ließ sich von ihr tröstend in den Arm nehmen.
„Was ist denn mit Akela? Ich dachte ihn kurz gesehen zu haben.“ murmelte er.
„Kevin hat ihn niedergeschlagen. Aber er erholt sich bereits wieder.“
Wie zur Antwort wurde der Wolf halb sichtbar. Er wirkte ziemlich mitgenommen.
„Ich kümmere mich gleich um dich.“ versprach Shannon leise, während sie ihm durchs Fell fuhr.
Kristin warf Decken und Kissen auf das Klappbett und funkelte Kevin an, der immer noch von Nick mit der Waffe bedroht wurde. „Du kannst froh sein, dass ich die Armbrust nicht in der Hand hatte. Ich hätte dich, ohne zu zögern, mit deiner Schulter an die Wand genagelt!“
„Oh, glaubst du wirklich, Süße?“ fragte Kevin mit vor Ironie triefender Stimme.
„Du vergisst, dass Kris inzwischen weiß, was du bist.“ gab Shannon zu bedenken.
„Ja wirklich? Das ist aber Schade. Dass sie das weiß, meine ich. Aber weißt du es auch?“ Er zog fragend die Brauen hoch.
Shannon erstarrte einen Moment. Dann stand sie, würdevoll wie sie hoffte, auf und verließ den Raum, die besorgten Blicke der Anderen im Rücken. Akela folgte ihr.
Hat er recht? Hast du ihn noch nicht als das erkannt was er ist, ein blutgieriger Untoter?
Shannon antwortete ihm nicht.
Also hat er recht. erkannte der Wolf resigniert. Dein dunkler Engel kennt dich ziemlich gut.
Er kennt mich nicht... Er kann nur leider in mir lesen wie in einem offenen Buch, wegen dieser ganzen Seelenerkennen-Sache zwischen uns. Er ist gefährlich. Aber ich bin davon überzeugt, das etwas von seiner wahren Persönlichkeit noch da sein muss. Überleg doch mal, im Krankenhaus hat er nur reagiert und niemanden mit Namen angesprochen. Jetzt zeigt er Verhaltenselemente, die er auch früher hatte. Ich habe bei AJ's Geistheilung in ihm gelesen, dass ein Teil von seinem Schock daher rührte, dass Kevin ihn auf ihr früheres Verhältnis hingewiesen hat. Meiner Meinung nach verbindet sich der Vampir allmählich mit Kevins ursprünglicher Persönlichkeit.
Ja... möglicherweise... Was bedeuten würde, dass der Teil von ihm, der zu dem Kevin gehört den wir kennen und mögen, immer kleiner wird. Und was willst du mit diesem Wissen anfangen? Wie willst du die Beiden trennen? erkundigte sich der Wolf.
Ich... habe keine Ahnung... Erschöpft rieb Shannon sich über die Stirn.

Als Shannon wieder nach oben kam, trug sie die Messingschale mit dem Blut in der Hand, die sie bei ihrer Ankunft vorsichtshalber unten gelassen hatte, als das Gepolter hier losging.
Nick und AJ hielten bei Kevin Wache. Howie, Brian und Kristin standen vor der offenen Tür und unterhielten sich leise. Jeder von ihnen hatte einen Pflock und ein Flakon Weihwasser in der Hand.
Entsprechend der Bewaffnung rührte sich der Gefangene vorsichtshalber nicht.
Die drei Türwächter kamen mit Shannon ins Zimmer. Neugierig sah jeder der fünf in die Schale.
„Besonders spektakulär ist das ja nicht.“ meinte Nick enttäuscht.
„Was hast du denn erwartet?“ wollte Howie wissen.
„Keine Ahnung. Vielleicht grünes Blut, das im Dunklen leuchtet?“
„Das ist ja kein Dämonenblut, Nicky.“ erklärte Shannon geduldig.
„Leuchtet Dämonenblut im Dunkeln?“ fragte AJ irritiert.
„Von einigen schon. Und ein paar Sorten sind schön bunt. Deshalb laufe ich meistens in schwarz herum, Dämonenblut-Flecken kriegt man schwer wieder raus.“
„Kannst du mir nicht mal ein bisschen von der Sorte schicken, die im Dunklen leuchtet? Das wäre ganz toll für Halloween!“ bat Nick begeistert.
„Genau, Nick... Ich frage mich wirklich, warum du damals unbedingt deine Gespenster loswerden wolltest. Die wären für Halloween doch perfekt gewesen.“ zog AJ ihn auf.
„Alexander James McLean! Du bist ein alter Spielverderber!“
„Nicholas Gene Carter! Wie oft soll ich dir noch sagen, dass mich nur meine Mom so nennen darf!“
„Darf ich euch vielleicht sagen, dass ich es nicht gut finde, wenn ihr in einer so ernsten Situation streitet?“ fragte Howie.
„NEIN!“ schrieen Nick und AJ ihn einstimmig an.
Howie zuckte die Schultern.
„Dann nicht.“
Einen Moment lang versuchten sie sich zusammenzureißen, dann brachen Kristin, Brian und Shannon in Gelächter aus, was AJ und Nick mit finsteren Blicken quittierten.
„Okay, genug rumgealbert jetzt.“
Shannon trat zu Kevin ans Bett, während die Anderen zurück blieben.
„Ich wette du hast Durst. Ich habe hier was für dich. Es ist zwar nicht viel, aber...“
Sie hielt ihm das Gefäß hin.
Kevin warf einen Blick hinein und sah ihr dann kalt ins Gesicht.
„Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich auf euren Trick reinfalle. Ich weiß genau, was dieses Blut mit mir tun soll. Ich habe es in Alexander gelesen.“ Ein teuflisches Grinsen verzerrte langsam sein hübsches Gesicht. „Eher würde ich freiwillig verhungern, als euch euren heißgeliebten Freund wiederzugeben...“
Er beugte sich leicht vor und seine Stimme senkte sich zu einem Flüstern, so dass nur Shannon ihn noch hören konnte. „Den willst du doch, nicht wahr? Du willst den Mann wiederhaben, den du mehr als alles andere liebst... So ein Pech. Du wirst ihn nie wieder sehen. Aber dafür bin ja ich jetzt da. Mir könntest du gefallen... Und schließlich ist es noch immer sein Körper. Kristin könnte sich nie wieder zwischen uns stellen, jetzt wo Kevin fort ist.“
Er richtete sich wieder auf. „Denk darüber nach, Kleines. So ein Angebot mache ich nicht zweimal... Die Ewigkeit, in meinen Armen.“ Er hob demonstrativ die gefesselten Hände, um seine leisen Worte zu unterstreichen.
Shannon starrte ihn fassungslos an. Als er sie 'Kleines' nannte, hatte sie einen leichten Schock erlitten. Dabei hätte sie es erwarten müssen, denn schließlich hatte er Zugang zu Kevins Erinnerungen. Und dieser Vorschlag...
Shan drehte sich benommen um und ging zur Tür, die Schale nach wie vor in den Händen.
„Hey, Shan? Alles in Ordnung?“ fragte Brian.
„Ja... Alles okay. Ich gehe runter.“
Die Anderen sahen ihr besorgt nach. Sie hatten nichts von dem Gespräch mitbekommen und wussten nicht was los war.
„Was ist mit ihr?“ erkundigte sich Kristin.
„Ich weiß nicht. Normalerweise wird sie so, wenn sie sich überanstrengt hat.“ Brian runzelte die Stirn.
„Was machen wir denn jetzt, wo Kevin das Blut nicht trinken will?“ wollte Nick wissen.
„Ich weiß es nicht... Ich habe keine Ahnung, wie man einen Vampir dazu zwingt.“ sagte Brian erschöpft.
„Ich gehe mal davon aus, dass es wenig Sinn macht ihn festzuhalten und es ihm einzuflößen, weil er einfach den Mund nicht aufmachen wird. Und ihm die Nase zuzuhalten, und zu warten bis er es schluckt, ist auch nicht drin.“ mutmaßte AJ.
„Warum denn nicht?“ fragte Nick irritiert.
„Weil Vampire nicht Luft holen müssen, du Schafskopf!“


8. Kapitel

Als Shannon nach einer ganzen Weile, mit der Schale in der Hand, wieder den Schlafraum betrat, wandten sich ihr fünf Augenpaare zu. Nur Kevin sah nicht zu ihr herüber.
„Lasst mich bitte eine Weile mit ihm allein. Ich denke, wir zwei haben noch etwas zu klären.“ sagte sie.
„Kommst du alleine klar?“ erkundigte sich Brian besorgt.
„Ja. Gar kein Problem. Lasst mir die Armbrust da.“
Es stand eine starke Entschlossenheit in ihren Augen, die die Jungs beruhigte. AJ reichte ihr die Waffe und sie ließen Shannon mit dem Vampir allein.
„Wo hast du denn deinen Wolf gelassen?“ wollte Kevin provozierend wissen.
„Für das, was ich jetzt vorhabe, brauche ich ihn nicht.“
Shannon stellte die Schale ab, schloss die Tür und legte den Riegel vor. Dann lehnte sie die Armbrust an den Türrahmen, zog ihren Mantel aus, faltete ihn sorgsam zusammen und legte ihn auf den Boden. Sie nahm den Stab mit dem Wolfskopf von ihrem Hosenbund und deponierte ihn auf den Mantel.
Der Vampir beobachtete das alles misstrauisch.
Jetzt trat Shannon auf das Bett zu und blieb knapp außerhalb seiner Reichweite stehen. Sie zog ihr keltisches Amulett unter dem T-Shirt hervor, nahm es ab und warf es auf den Mantel.
Kevin sah ihr verblüfft zu. „Was zum Teufel tust du da?“
Sie blickte ihn fest an. „Ich habe mir dein Angebot durch den Kopf gehen lassen. Ich wähle lieber die Ewigkeit in deinen Armen, als ein erbärmliches Menschenleben ohne den Mann, den ich liebe.“ Sie stand jetzt direkt vor ihm. Langsam streckte sie ihre Hand aus und berührte sanft seine Wange, wie sie es früher so oft getan hatte. Doch Kevin packte sie und riss sie zu sich heran.
„Hast du denn überhaupt keine Angst vor dem bösen Vampir?“ knurrte er.
„Nicht mehr, als du vor der bösen Hexe!“ Heftig presste sie ihre Lippen auf seinen Mund. Ihr Verlangen nach ihm war sofort da, und diesmal gab sie sich dem hemmungslos hin. Sie keuchte verhalten auf, als Kevin ihren Mund brutal eroberte und mit ihrer Zunge zu spielen begann. Seine Hände glitten rücksichtslos über ihren Körper und hinterließen dort heiße Spuren, trotz ihrer Kälte.
Schaudernd klammerte Shan sich an ihm fest, die Finger in seinem dunklen Haar vergraben.
Kevin umfasste ihr Gesicht, bestrafte ihr Frösteln mit einem harten Kuss und zog ihr schließlich das Haarband aus ihren Pferdeschwanz. Ihr rotblondes Haar fiel nach vorn, in sein Gesicht. Gierig ließ er seine Hände durch ihre seidige Mähne gleiten, fasste sie mit einer Hand zusammen und bekam die Hexe so ganz in seine Gewalt.
Dann, ganz plötzlich, änderte sich etwas grundlegend und kippte die Situation, wie wenn unerwartet Licht durch bleierne Sturmwolken bricht. Kevin hielt abrupt er inne und starrte Shannon an, die Augen voll benommenen Staunen.
„Shan...“
Es war, als hätte er sie erst jetzt erkannt.
Shannon lächelte auf ihn herab. Es war nicht länger der Vampir, den sie da umschlungen hielt, es war Kevin. Wie auch immer sie das angestellt hatten, es war passiert... sie hatte irgendwie Vampir und Mensch getrennt. Sie öffnete die Handschellen mit einem Lösungszauber und wurde von ihm sofort in die Arme gezogen.
Kevin ließ zärtlich seine Lippen über ihre gleiten, vertiefte den Kuss, und sie fühlte mehr, als dass sie hörte, wie er leise vor Verlangen stöhnte. Wie von selbst tauchten ihre Hände unter sein Shirt und streichelten seine Brust, wanderten über seine kühle Haut. Schließlich zog sie ihm das T-Shirt aus, um ungehindert in dem seidigen Gefühl zu schwelgen, und küsste ihn wieder.
Kevin presste sie an sich, suchte ihre Wärme und Nähe, umarmte sie mit verzweifelter Liebe, wie ein Ertrinkender das rettende Treibholz.
Zärtlich nahm Shannon sein Gesicht zwischen die Hände, streichelte seine Wangen und sah ihm tief in die, jetzt wieder sanften, olivgrünen Augen, bis ihre Seelen einander kurz in einem Funkenregen berührten.
„Ich liebe dich...“ flüsterte Kevin heiser. Doch dann glitt ein Schatten über sein Gesicht. „Shan... Der Vampir ist stärker als ich. Bitte lass nicht zu, dass er jemandem etwas antut. Du musst ihn töten, bevor...“
„Ssschhhh... Alles wird wieder gut.“ Liebevoll strich sie mit dem Daumen über seine geschwungenen Lippen.
Seufzend schloss er die Augen.
Shannon rieb ihre Nase an seiner, dann küsste sie ihn wieder und wieder, während ihre Finger mit seinem seidigen Haar spielten. Ihr Mund wanderte über sein Kinn, die Kehle hinunter, verspielt biss sie in seinen Hals. Ihr Atem erwärmte seine Haut.
„Shannon... Du musst dich in Sicherheit bringen... Ich weiß nicht, wie lange ich ihn...“ begann Kevin besorgt, wenn auch nur halb bei der Sache.
„Ssschhhh...“ Sie verschloss seinen Mund mit ihrem, und er erwiderte ihren hungrigen Kuss voller Hingabe, vergessen die Warnung, die er ihr hatte geben wollen. Er zog sie mit sich und drehte sich herum, so dass er halb auf ihr zu liegen kam.
„Du spielst mit dem Feuer...“ murmelte er rau an ihrer Wange. „...Du bist so warm...“
Sie zog ihn noch näher zu sich heran und schlang ein Bein um seine Hüfte. Er folgte ihr ergeben. Durch den Stoff ihres Tops streichelte er zärtlich ihre Brüste.
Shannon stöhnte wohlig auf und bog sich ihm entgegen.
Doch plötzlich verkrampfte Kevin sich.
„Shannon... Ich kann nicht länger... gegen ihn ankämpfen... Du musst... gehen!“
Aber Shannon versuchte es nicht mal, sondern hielt ihn fest, eine Hand noch immer in seinem dunklen Haar. „Wehr dich nicht dagegen, Baby... Lass es einfach geschehen.“ Sie zog sein Gesicht näher zu ihrem Hals und drehte leicht den Kopf, bot ihm ihre verletzliche Kehle dar.
Kevin verstand das nicht, er kämpfte mit aller Kraft und widerstand dem Drang zuzubeißen, doch der Vampir in ihm wurde jeden Moment stärker.
„Mein Blut wird dich wärmen...“ wisperte Shannon in sein Ohr.
Der warme Hauch ihres Atems, der seine kalte Haut streifte, war das letzte was Kevin spürte, dann gewann der Vampir die Oberhand. Seine Zähne schlugen sofort tief in ihre zarte Haut.
Trotzdem spürte Shannon nicht Schmerz sondern Glück. Sie hielt ihn in ihren Armen. Ihren dunklen Engel... Mehr als zwei Jahre hatte sie sich danach gesehnt, hatte Einsamkeit und Trauer verleugnet, wohl wissend dass sie sie einholen würden.
Kurz streiften ihre Gedanken Kristin und ein tiefes Bedauern zupfte an ihrem Herzen, doch sie verdrängte es. Liebevoll streichelte Shannon Kevins kühle Haut und sein Haar, während er von ihr trank. Sie zog ihn noch näher, wollte ihn ganz dicht an ihrem Körper spüren. Sie wurde bereits schwächer und ihre Hände begannen zu zittern, aber das war ihr gleichgültig, solange sie ihn nur festhalten konnte. Leise summte sie für ihn ein altes, irisches Wiegenlied.
Ihre Energie verließ sie immer schneller. Bald brach ihre Stimme, einer ihrer Arme fiel auf die Matratze, der andere lag kraftlos über Kevins Rücken. Aber der Vampir hatte noch nicht genug... Ohne von ihrem Hals abzulassen, verschränkte er seine Finger mit ihren. Die andere Hand wühlte sich in ihr feines Haar.
Um Shannons Lippen spielte ein verträumtes Lächeln. Sie war ganz kurz davor, das Bewusstsein zu verlieren.
Plötzlich hielt der Vampir inne. Abrupt löste er sich von ihrem Hals und starrte entsetzt auf sie herab.
„Was... was hast du getan?“ fragte er fassungslos.
Shannon war zum Lachen zumute, aber ihr fehlte die Kraft dazu.
„...dich... ...reingelegt...“ hauchte sie lächelnd.
Er begann zu zittern und ließ sie jäh los, wie um von ihr fortzukommen. Ein heftiger Krampf durchlief seinen Körper... Er schrie vor Schmerz auf.


9. Kapitel

Gabriel war so besorgt um Shannon und die Backstreet Boys gewesen, dass er Stephan, den fähigsten Vampirjäger der Organisation, auf den Fall angesetzt hatte. Trotzdem war er in die USA geflogen, um selbst nach dem Rechten zu sehen. Und in L.A. hatte er einen wütenden Stephan vorgefunden, der sich lautstark darüber beschwerte den 'blöden Boygroup-Vampir' nicht zur Strecke bringen zu dürfen.
Als Stephan auch noch erklärte, er wolle bei der OCRSI beantragen Shannons Geisteszustand untersuchen zu lassen, hatte Gabe ihn mit der Faust zum Schweigen gebracht. Er war von Natur nicht gewalttätig, aber Shannon war wie eine Tochter für ihn, und der Vampirjäger hatte es herausgefordert.
Danach war Gabe schnurstracks nach Mexiko weitergereist und hatte das Dorf Santa Cross gesucht. Er fand auch schnell zum Haus des Bürgermeisters und wurde von vier sehr erstaunten Backstreet Boys und einer fremden jungen Frau begrüßt, die ihm als Kevins Freundin vorgestellt wurde.
Gabriel redete nicht lange um den heißen Brei, noch an der Tür stellte er die entscheidende Frage.
„Wo sind Shannon und Kevin?“
Im nächsten Moment ließ ein durchdringender Schmerzensschrei das alte Gemäuer erbeben. Alle waren sofort auf den Beinen und auf dem Weg nach oben.
Doch die Tür zu dem Zimmer, in das die Jungs stürmen wollten, ließ sich nicht öffnen, sie war von innen verriegelt.
Nicht dass sie das stoppen konnte... Die Jungs fackelten nicht lange, sondern brachen die Tür mit vereinten Kräften auf.
Der Anblick, der sich ihnen dann jedoch bot, ließ Kristin entsetzt aufschreien, während die Männer erschüttert nach Atem rangen.
Shannon lag reglos auf dem Bett, die Augen geschlossen. Ihre Haut war schneeweiß, bis auf die grausame Bisswunde an ihrem Hals. Dennoch lag ein leichtes, unendlich sanftes Lächeln auf ihrem Gesicht. Neben ihr wand sich Kevin in schweren Krämpfen auf den Laken.
Gabe stand durch den Anblick unter Schock. 'Sie ist tot!' war sein erster Gedanke. 'Wo ist der verdammte Wolf!' sein zweiter. Er konnte keinen Schritt über die Türschwelle machen.
Zum Glück galt das nicht für die Anderen. Brian fasste sich zuerst und rannte zu Shannon. Er griff nach ihrer Hand und tastete nach ihrem Puls, der schwach, aber zumindest vorhanden war, wie Brian erleichtert feststellte.
Zuerst mal musste sie von dem, vor sich hin wütenden, Vampir weg... Brian schob eilig die Arme unter ihren reglosen Körper und hob sie hoch, er trug sie zu dem Klappbett hinüber. Dann schickte er mit knappen Worten AJ, Howie und Nick runter ins Erdgeschoss, die medizinische Ausrüstung holen, noch während er Shannon behutsam dort ablegte.
Gabriel tauchte neben ihm auf, ebenso totenbleich wie sie. Bevor er fragen konnte, gab Brian ihm bereits Auskunft über Shannons Zustand.
Kristin stand indes hilflos neben dem Bett, auf dem sich Kevin mit schmerzverzerrtem Gesicht krümmte. Ihr liefen in ihrer Ohnmacht, nichts führ ihn tun zu können, die Tränen über das Gesicht.
„Was ist hier nur passiert?“ wollte Gabriel entsetzt wissen.
„Ich habe nicht die geringste Ahnung, verdammt!“ fluchte Brian.
Die Jungs kamen mit dem Gepäck herein, und Brian versuchte verzweifelt sich an Shannons Anweisungen zu erinnern. Aber bevor er etwas tun konnte, legte Gabe der bleichen Hexe routiniert eine Infusion mit zwei Blutkonserven, streifte ihr die Sauerstoffmaske über das Gesicht und spritzte ihr ein kreislaufförderndes Mittel.
Dann warf er einen Blick zu Kevin hinüber. Die Krämpfe ließen scheinbar nach, aber der Vampir zitterte unkontrolliert am ganzen Körper...
Akela projizierte sich plötzlich neben Gabe. Er stützte die Pfoten auf die Matratze und ließ etwas auf das Bett fallen. Es war eine Spritze...
„Was, zum Teufel, ist das, Wolf?“ fragte Gabriel aufgebracht.
Akela starrte ihn erbost an.
Was glaubst du, was das ist? Ich werde es dir erklären! Shannon bekam Kevin nicht dazu das Marienblut zu trinken. Jedenfalls nicht auf dem normalen Weg... Also hat sie das Ding genommen und sich das Blut injiziert. Kevin trank von ihr, und das Ergebnis liegt hier vor dir!
Die Anwesenden tauschten bestürzte Blicke. Wie leicht hätte Shannon bei diesem riskanten Spiel sterben können!
„Warum hast du sie nicht davon abgehalten? Sie hätte dabei draufgehen können!“ rief Nick fassungslos.
Akela schnaubte. Hast du schon mal versucht Shannon O'Neall von etwas abzuhalten, das sie sich in den Kopf gesetzt hat? Nein? Dann sprechen wir noch mal darüber, wenn du es getan hast...
Vom Klappbett her drang leises Stöhnen. Shannon bewegte sich schwach und murmelte etwas unverständliches.
Ich bin hier, Kätzchen. Akela schob Brian zur Seite und quetschte seinen Kopf zwischen Matratze und Shannons Arm hindurch, bis der um den Hals des Wolfs geschlungen lag.
Shannon blinzelte benommen und zog sich mühsam die Sauerstoffmaske vom Gesicht.
„Lass Nicky in Ruhe. Er kann doch nichts dafür, dass du mich nicht davon abhalten konntest.” flüsterte sie erschöpft. Sie öffnete die Lider ganz und sah sich um. Alle guckten sie besorgt an.
„Was... was ist mit Kevin?“ Sie versuchte sich aufzusetzen, plötzlich Angst in den Augen, aber Brian drückte sie wieder aufs Bett hinunter.
„Er ist noch am Leben, also bleib schön ruhig liegen!“
Shannon gehorchte widerstrebend und sank matt zurück.
„Am Leben ist er zwar nicht...“ Gabriel trat zum Klappbett und sah Shannon ernst an. „Wir zwei sprechen später noch darüber, was du hier gemacht hast!“ sagte er bedrohlich leise auf deutsch.
„Okay, Big Daddy.” ergab sich Shannon.
Gabe schnaubte missbilligend und ging zurück zu Kevin.
„Wie fühlst du dich denn, Schwesterchen?“ wollte Brian wissen.
„Ein bisschen blutarm und müde, aber ansonsten gut.“ antwortete Shannon leise.
Zweifelnd musterte Brian ihr Gesicht. „Kevin ging es im Krankenhaus gar nicht gut, selbst nachdem er Blut bekommen hatte.“
„Die Vampirin, die ihn gebissen hatte, war auch alt und erfahren. Sie hat ihm neben dem Blut die Lebensenergie ausgesaugt. Kevin konnte das bei mir aber nicht, er ist noch zu jung dazu. Mir wird es gut gehen, wenn der Blutverlust erst ausgeglichen ist.“
Brian lächelte sie erleichtert an und strich ihr das Haar aus der Stirn.
„Du hast uns einen ganz schönen Schreck eingejagt!“ beschwerte sich AJ, der sich neben ihnen fallen ließ.
„Ich konnte euch nicht vorher einweihen, Kevin wäre dahinter gekommen. Es war für mich schon schwer genug, in seiner Nähe an andere Dinge zu denken.“ Sie drehte den Kopf Richtung Bett, wo Kevin reglos dalag. „Wie geht es ihm denn?“
„Er bekommt Fieber, also kämpft sein Immunsystem jetzt, mit allem was er hat, gegen das Vampirvirus an. Wir müssen abwarten, was dabei herauskommt.“ Gabriel horchte mit einem Stethoskop Kevins Brustkorb ab. „Bis jetzt höre ich weder sein Herz noch seine Atmung.“
„Aber er wird es schaffen. Ich weiß, dass er es schafft. Er muss!“ versuchte Kristin sich selbst Mut zu machen. Howie legte tröstend einen Arm um sie, er konnte den Blick so wenig von seinem Freund abwenden wie Kristin.
'Ja... Er ist stark. Er wird es schaffen.' dachte Shannon. 'Ihr Götter, ich gebe euch alles was ihr wollt, wenn ihr ihn nur leben lasst!'
Lange Minuten des Wartens verstrichen, in denen jeder im Raum auf seine Art betete. Dann wurde Kevins Körper plötzlich von einem heftigen Hustenkrampf geschüttelt. Er keuchte erstickt auf und... holte tief Luft.


10. Kapitel

Es war immer noch dunkel, aber die Morgendämmerung würde nicht mehr lange auf sich warten lassen.
Shannon stand auf. Sie war zwar noch etwas wackelig auf den Beinen, aber sie wollte unbedingt nach Kevin sehen. Der Wolf folgte ihr, als sie behutsam über Brian und AJ stieg, die es sich mit ein paar Decken neben ihrem Bett bequem gemacht hatten und schlummerten. Howie und Nick hatten dasselbe am Fußende des Himmelbettes getan, und Gabe hatte sich auf ein durchgelegenes Sofa im Nachbarraum zurückgezogen.
Shannon setzte sich vorsichtig zu Kevin auf die Bettkante, um Kristin nicht zu stören, die auf seiner anderen Seite im Bett lag und ruhig schlief.
Shannons Hexensicht zeigte ihr, dass sich Kevins Brustkorb gleichmäßig hob und senkte. Sachte legte sie eine Hand darauf und spürte seinen beruhigend regelmäßigen Herzschlag. Seine Haut war noch immer heiß und sein Haar feucht, aber das Fieber hatte schon etwas nachgelassen.
Zärtlich strich sie ihm die dunklen Strähnen aus der Stirn. Dann nahm sie das Tuch, aus der Schüssel mit Wasser neben dem Bett, wrang es aus und tupfte ihm den Schweiß vom Gesicht.
Kevin seufzte leise und öffnete die Augen.
„Shan...“ murmelte er.
„Hey... Nachträglich alles Liebe zum Geburtstag.“ flüsterte sie.
„Danke... Scheinbar bin ich nicht tot?“
Shannon nahm seine Hand und legte sie auf seine Brust, direkt über sein schlagendes Herz. „Du hast noch etwas Fieber, aber du bist bald wieder auf den Beinen.“ versprach sie leise.
Er fing ihre Hand ein, führte sie an seinen Mund und küsste sie sanft. „Mein Schutzengel hat mich gerettet.“
Tief durchatmend kämpfte die Hexe gegen die Hitze an, die wie eine Stichflamme in ihr aufloderte. „Dafür sind Schutzengel ja da...“ Sie versuchte an Kristin zu denken, die neben Kevin lag, an ihre Pflicht gegenüber der OCRSI und daran, dass sie sich bald von ihm verabschieden würde. Wieder...
Kevin fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. „Kann ich etwas zu trinken haben? Es braucht auch kein Blut zu sein.“
Shannon lächelte. Wenn Kevin seinen Humor wiederfand, war er offenkundig auf dem Weg der Besserung.
Sie stützte seinen Kopf und gab ihm einen Schluck Wasser. Als sie das Glas wieder absetzte, sah Kevin sie durchdringend an.
„Hab ich dir vorhin wehgetan? Ist alles okay mit den Anderen?“
„Mach dir keine Gedanken mehr darüber. Es ist wirklich alles in Ordnung.“
Shannon streichelte sein glühendes Gesicht, und Kevin schloss die Augen und genoss ihre Berührung. Ein paar Augenblicke später schlief er erschöpft wieder ein.

Kevin hatte darauf bestanden mitzukommen. Und so standen jetzt alle fünf Backstreet Boys am Altar der kleinen Kirche, Kevin leicht von Howie und AJ gestützt. Kristin, Gabriel und Shannon hatten in einer der Kirchenbänke platzgenommen.
Sie waren hier um Danke zu sagen und die Himmelskönigin zu ehren, die Kevin gerettet hatte. Zum Bedauern des alten Priesters hatte die Marienstatue aufgehört zu weinen. Aber in Shannons Messingschale war noch genug Blut, dass damit eine wissenschaftliche Analyse gemacht werden konnte. Die OCRSI wollte herausfinden, welche Faktoren für Kevins Heilung verantwortlich waren. Man hatte auch Kevin um eine Blutprobe gebeten, die er gern gegeben hatte.
Shannon glaubte jedoch nicht daran, dass sie irgendetwas finden würden. Ihrer Meinung nach war es die metaphysische Kraft des frischen Madonnenbluts, welche die Heilung bewirkt hatte. Und solche Kräfte waren nicht wissenschaftlich nachzuweisen. Wie sich später herausstellen sollte, hatte sie damit Recht.
Die Jungs sahen einander an, stimmten den Grundton an und dann begann Brian zu singen. Seine Stimme stieg, hell wie die eines Engels, im Kirchenschiff empor. Er hatte die Augen geschlossen und sang aus ganzem Herzen. Die anderen fielen in sein ‚Ave Maria’ ein.

Abends standen sie alle auf dem Flughafen bei Tijuana. Es warteten zwei Jets auf sie. Einer sollte die Jungs und Kristin wieder nach L.A. bringen, der andere Gabriel und Shannon zu einem OCRSI-Mitgliederrat nach Phoenix, Arizona befördern. Der leitende Direktor der Organisation war plötzlich verstorben und es musste über seine Nachfolge beraten werden.
Die Jungs waren zutiefst enttäuscht, sich schon wieder von Shannon trennen zu müssen.
Kevin war jedoch gleichzeitig fast schon erleichtert, und das hatte einen guten Grund. Er wusste einfach nicht, wie er damit umgehen sollte, Shannon und Kristin zusammen um sich zu haben.
Widerstrebend hatte er sich eingestehen müssen, gleich zwei Frauen zu lieben. Das war ihm nicht leicht gefallen, denn bis er Shannon kennen lernte, war Kristin seine Große Liebe gewesen, und jetzt fühlte er sich, als würde er sie mit einer zweiten Großen Liebe verraten.
Zugleich brach es ihm fast das Herz, Shan gehen zu lassen. Obwohl sie seit der letzten Nacht auf Abstand geblieben war, und sich immer jemand Dritter in der Nähe befand, zog sie ihn wie magisch an.
Magisch. Das war das Wort... Vielleicht hatte sie ihn damals in Köln doch verhext. Aber wie lange konnte ein Liebeszauber schon andauern? Oder war es doch so, wie Akela behauptet hatte? War das zwischen ihnen Schicksal?
Als Shannon ihn zum Abschied in den Arm nahm, vermied sie es, ihm in die Augen zu sehen.
Vielleicht war das besser so. Möglicherweise hätte Kevin sie nicht mehr gehen lassen können, wenn er sich wieder in ihrem Blick verloren hätte...
Er sah ihrem Jet nach, als er abhob. Sollte er hoffen sie nie wiederzusehen, oder darum beten, dass es möglichst schnell dazu kam? Kevin wusste es einfach nicht. Mit gesenktem Kopf ging er zu Kristin.
Die hatte sich von Shannon in dem Wissen verabschiedet, eine sehr gute Freundin gefunden zu haben. Sie hatte die Tränen der Jungs gesehen, und jetzt, wo sie Shannon kannte, verstand sie, warum alle so verrückt nach der Hexe waren.
Und sie verstand auch den verlorenen Ausdruck in Kevins Augen... Sie konnte nur hoffen, dass er sich nie zwischen ihr und Shannon entscheiden musste, denn auf wen seine Wahl dabei fallen würde, war ihr klarer als ihm...



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