Prolog
Sie ließ die Straße hinter sich und bog auf den Feldweg ab. Mit viel zu hoher Geschwindigkeit jagte sie ihn entlang, raste, weil sie nirgendwo anders hinkonnte, auf die Schlucht zu.
Mit jedem Blitz wurde die Nacht taghell erleuchtet und das Gestrüpp am Wegrand aus dem Dunkel gerissen. Der Scheibenwischer konnte dem prasselnden Regen kaum Herr werden.
Aber sie musste trotzdem weiter. Jeden Moment konnten die Scheinwerfer des Jeeps hinter ihr aus der Dunkelheit auftauchen. Ihr Auto war dem Geländewagen einfach in keiner Weise gewachsen.
Der Weg wurde zu felsig für die rasante Fahrt. Der Kombi hüpfte und tanzte auf den Steinen und schließlich war sie gezwungen zu halten. Sie sprang aus dem Fahrzeug und hastete weiter. Schritt für Schritt kämpfte sie sich durch den heftigen Sturm, lief gegen den Wind an. Das Geschirrtuch, dass sie um ihren Arm gewickelt hatte, war bereits von Blut und Regen durchnässt.
Sie musste weiter! Wenn er sie einholte, würde er sie töten! Wenn sie den schmalen Pfad, in die Schlucht hinunter zu der kleinen Höhle, erreichte, hatte sie eine Chance.
Sie stolperte über eine Wurzel und fing sich im letzten Moment wieder.
Da! Da war der Rand der Schlucht! Wenn sie jetzt noch den Abstieg schaffte, dann... Grelles Licht vor ihr blendete sie plötzlich und ließ ihre Gedanken gefrieren. Sie stand mitten im Scheinwerferkegel des Jeeps.
"Hallo, Liebling! Wohin willst du denn so schnell?"
Sie hörte sein Lachen, als sie losrannte, weg von ihm. Sekunden später röhrte hinter ihr der Motor des Geländewagens auf.
Beim ersten Mal schaffte sie es, dem Wagen zur Seite auszuweichen. Doch nur wenige Meter weiter traf er sie an der Hüfte und riss sie herum. Sie schlug hart auf dem Boden auf und blieb liegen, unfähig zu atmen oder sich zu rühren.
Dann stand er über ihr.
"Arme kleine Rachel. Hattest du einen Unfall? Der wievielte ist das denn nun schon, hm? Die maroden Bremsschläuche, die kaputte Kellertreppe... Ach, ist ja auch egal. Warte, mein Schatz, ich helfe dir." Mühelos hob er sie hoch. Mit ihr auf den Armen ging er weiter auf die Schlucht zu.
"Ich muss dir noch danken, mein Liebling. Danke, dass ich alles erben werde. Du machst mich zu einem reichen Mann. Ich werde immer wohlwollend an dich denken."
Er blieb stehen. Direkt zu seinen Füßen fiel das Gestein steil ab.
"Bitte John, du musst das nicht tun... Ich gebe dir was immer du willst. Bitte, lass mich leben..." flüsterte sie entsetzt.
"Tztztz... 'was immer du willst...' Ich will Sandy. Und bei einer Scheidung würde ich zuviel verlieren, das weißt du doch. Dein Vater hat das geschickt eingefädelt. Aber er hat nicht dran gedacht, dass dein Ehemann bei deinem Tod ALLES bekommt." Er stellte sie auf die Füße und drehte sie mit dem Gesicht zur Schlucht, hielt sie aber weiter mit eisernem Griff fest. Tief unter ihr brauste der Cimarron über die Felsen seines Bettes.
"Meine liebe Rachel, grüß mir deinen Vater wenn du ihn siehst." Er stieß sie hart nach vorn.
Ihr Schrei verklang im Tosen des Wassers.
 
1. Kapitel
"Miriam, kannst du mal hier gucken?" übertönte eine nervöse Stimme das Stimmengewirr.
Ich drehte mich zu Dona um.
Oh, da war eine Naht nicht ordentlich genäht... Ich scheuchte Dona zum Nächsten ihrer Modells, um in Ruhe arbeiten zu können. Sylvia stand geduldig still, während ich schnell die Stelle ausbesserte.
Ich ließ mich von der Hektik um mich nicht aus der Ruhe bringen. Hier wurde gepudert und geschminkt, da wurde jeder, der auf den Catwalk sollte, mit einer wahren Wolke von Haarspray überzogen, dort wurde an Kleidern und Mänteln gezupft und gerückt. Und überall dazwischen die aufgeregte Dona und ihr Team, die die Modells stylten, an- und auszogen und auf die Bühne scheuchten.
"Okay, Sylvia, das sollte halten."
"Danke, Miri, du bist ein Schatz." Sie strahlte mich an und entschwebte zur Entkontrolle, um endlich den Laufsteg zu betreten.
"Himmel! Miriam!" Dona sah sich suchend in dem Gewusel nach mir um.
"Was ist denn, Dona?"
"Ach! Da bist du ja! Enrico sagt es gibt ein Problem drüben, bei den Herren, mit dem er nicht allein fertig werden kann!"
Ich sah den ziemlich aufgelösten Enrico auf der Schwelle stehen, sich die Hände wie Scheuklappen vor die Augen haltend. Als ob die Mädels hier denken würden, er wolle ihnen was weggucken... Seine Homosexualität war schließlich ein offenes Geheimnis.
"Ich komme."
Ich eilte rüber in den anderen Backstage-Bereich, Enrico im Schlepptau. Hier herrschte nicht ganz so große Eile, wie drüben bei den Mädels. Dafür gab es hier und da wohlgeformte nackte Männeroberkörper zu sehen. Mich reizten die allerdings überhaupt nicht.
Enrico lotste mich zu einem jungen Mann, der kopfschüttelnd vor dem Spiegel stand. Du liebe Güte... Wer hatte denn das Shirt genäht? Derjenige gehörte aufgehängt. Aber... wenn ich hier und da...
"Soll ich es ausziehen?" fragte mich eine warme dunkle Stimme.
"Nein, ich kann das so besser." erwiderte ich ohne aufzusehen.
"Ja, sie ist unsere beste Näherin! Und Donas Mädchen für alles! Sie hat sehr geschickte Hän..." Enrico verstummte und ich musste ihn nicht angucken, um zu wissen, dass er rot geworden war.
"Dann sind Sie wohl die berühmte Miriam?" fragte die dunkle Stimme.
"Ja, Miriam heiße ich. Berühmt würde ich jedoch nicht sagen." Ich drehte ihn ein Stück herum, was er klaglos geschehen ließ.
"Ich bin Kevin. Nett Sie kennen zu lernen."
Oh! Ein Mann mit Manieren in dieser Branche? Das hatte Seltenheitswert. Normalerweise übersahen männliche sowie weibliche Modells die Näherinnen beinahe völlig. Aber möglicherweise wollte er sich über mich bei Dona einschmeicheln... Damit würde er garantiert keinen Erfolg haben.
"Kev, Lieber, wenn du dann gleich wieder rausgehst, dann achte doch bitte darauf zu lächeln, ja? Stell dir vor es wären deine Fans da draußen. Es kommt auf Fotos nicht so gut, wenn du dir nervös auf die Unterlippe beißt, weißt du?" säuselte Enrico.
Oh-oh. Da hatte jemand Interesse an einem Modell gefunden. Ich verbiss mir das Grinsen und beendete meine Arbeit. Ja, der erneute Blick in den Spiegel überzeugte mich davon, dass ich es gut gemacht hatte. Jetzt schmiegte sich der weiße Stoff eng an den Körper des Mannes.
"Danke, das ist viel besser."
Zum ersten Mal sah ich auf in sein Gesicht.
Mein Herz setzte einen Schlag aus und beschleunigte dann rapide. Himmel, was für Augen... Ich wandte schnell den Blick ab und zuckte gleichmütig mit den Schultern.
"Ist mein Job."
Grußlos flüchtete ich zurück zu den Mädels, innerlich völlig durcheinander, äußerlich die Ruhe selbst.
Was war denn das eben? Ich hatte mir geschworen mich nie wieder zu verlieben. Und das gerade waren keine romantischen Gefühle gewesen, sondern nur ein Aufflackern meines Geschlechtstriebs, redete ich mir ein. Mutter Natur hatte uns Frauen eben für die breitschultrigen Exemplare des anderen Geschlechts empfänglich gemacht. Es war schon verwunderlich, dass ich solche Regungen nicht häufiger hatte, schließlich hatte ich oft vielversprechende Männer um mich herum.
Aber selbst wenn man mir einen davon auf den Bauch band, würde nichts passieren. Eine schlechte Erfahrung hatte gereicht.
 
2. Kapitel
Ich war todmüde. Das war es zumindest, was ich Dona erzählte. Jedenfalls drückte ich mich um die Party, die der Modenschau folgte. Ich wollte lieber heim.
Ich schlug den Kragen meines dunklen Mantels hoch und trat auf die stille Straße hinaus. Es war schon kühl und die Luft roch nach welkem Laub. Vereinzelt waren die Häuser schon mit Kürbissen und ähnlichem geschmückt. Bei uns zu Hause hatte ich immer den Kürbis schnitzen dürfen...
Ich schob die Gedanken beiseite und ging einen Schritt schneller. Irgendwo musste sich doch hier ein Yellow Cab auftreiben lassen?
Motorengeräusch näherte sich. Ich drehte mich um, um zu sehen ob es ein Taxi war, doch die Scheinwerfer blendeten mich. Es war ein Geländewagen... Einen Augenblick lang glaubte ich wieder an der Schlucht zu sein, im strömenden Regen.
Ich schüttelte den Kopf, um das Bild loszuwerden. Es war immerhin schon zwei Jahre her. Ich ging weiter, ohne den Jeep zu beachten.
Bis er neben mir hielt und die Scheibe mit leisem Summen herunterglitt.
"Kann ich Sie vielleicht ein Stück mitnehmen?"
Die Stimme kannte ich doch? Ich sah vorsichtig hoch und erkannte den Mann, bei dem ich das Shirt ausgebessert hatte.
"Nein, danke, Mister. Ich komme allein klar."
"Kevin. Oder, wenn Sie darauf bestehen, Mr. Richardson. Sind Sie sicher, dass Sie allein gehen wollen? Es ist schon spät und New York ist nachts nicht ungefährlich."
"Ja, ich bin sicher Mr. Richardson. Vielen Dank für die Einladung, aber ich gehe zu Fuß." erklärte ich entschlossen. Der sollte sich bloß nicht einbilden, mit seinem Charme und seinem guten Aussehen könnte er mich einwickeln.
Ich ging, energischen Schrittes, weiter.
Er blieb neben mir, indem er einfach den Jeep weiterrollen ließ... Himmel, konnte er mich nicht in Ruhe lassen? Ich blieb wieder stehen.
"Hören Sie, Mister!..."
"Kevin." unterbrach er mich. "Oder Mr. Richardson."
"Hören Sie, Mister Ich-nerve-mal-eben-eine-Fremde-auf-der-Straße! Ich habe kein Interesse an Ihrer Gesellschaft! Also fahren Sie weiter!"
"Sie bringen mich in einen ziemlichen Gewissenskonflikt, wissen Sie? Einerseits hat mein Dad mir beigebracht, dass man die Wünsche einer Dame zu erfüllen hat. Andererseits allerdings habe ich von meiner Mom gelernt, dass man junge Frauen nicht nachts allein nach Hause laufen lässt. Was tue ich nun also?"
Bis jetzt hatte ich vermieden ihn anzusehen. Stattdessen hatte ich auf dieses Monster von Wagen geblickt, der mich so an die Schreckensnacht von vor zwei Jahren erinnerte. Nur dass der damals schwarz gewesen war, während dieser metallic-blau war. Aber jetzt war ich so perplex, dass ich aufsah. Eine Straßenlaterne vor uns tauchte sein Gesicht in helles Licht.
Mir waren zuvor nur seine Augen aufgefallen, weil er so dicht vor mir gestanden hatte. Jetzt jedoch... Himmel, sah der Mann gut aus. Markante Züge, schmale Nase, hohe Wangenknochen... und diese Augen, die mich so merkwürdig intensiv musterten. Das seitlich einfallende Licht ließ sie hellgrün leuchten.
"Halt dich von ihm fern!" warnte mich meine innere Stimme. Zum Teufel! Das würde ich auch!
Statt ihm seine Frage zu beantworten, fuhr ich herum und ging die Straße weiter entlang. Das erste Taxi wäre meins und dann konnte ich den Abstand zu ihm ganz schnell auf eine ungefährliche Distanz vergrößern.
Der Jeep folgte mir nicht mehr, also war ich ihn endlich los. Dachte ich... Im nächsten Moment hatte er mich eingeholt und passte seine Schritte den meinen an. Ich zuckte zusammen und wich zur Seite aus, aber er kam nicht näher, sondern blieb einfach mit mir auf einer Höhe. Er hatte die Hände tief in den Taschen seiner Jeans vergraben, die Schultern leicht hochgezogen. Er sah aus wie ein bockiger kleiner Junge... Überhaupt wirkte er im Profil jünger.
"Mir ist was wieder eingefallen." sagte er, während wir so nebeneinander hergingen. "Mein Dad hat mal gesagt, dass es wichtiger ist das Richtige zur falschen Zeit zu tun, als das Falsche zur Richtigen."
"Wollen Sie mir damit etwa sagen, Sie tun das Richtige und ich hätte Unrecht weil ich vor Ihnen meine Ruhe haben will?!"
"Nein. Wohl eher, dass jetzt die falsche Zeit für eine Grundsatzdiskussion ist. Ich werde Sie ganz einfach nicht nachts allein durch New York laufen lassen. Wenn Ihnen etwas zustoßen würde, könnte ich mir das nie verzeihen."
"Was versprechen Sie sich davon?"
"Wie bitte?"
"Sie haben mich schon verstanden. Ich werde weder für Sie ein gutes Wort bei Donatella einlegen, noch bei Enrico oder sonst jemandem. Sie haben also nichts von Ihrer zur Schau gestellten Ritterlichkeit."
Sein leises Lachen ließ mir einen Schauer über den Rücken laufen.
"Sie glauben, ich will durch Sie ein neues Engagement als Modell? Das ist wirklich witzig. Bisher hat mir noch nie jemand meine gute Erziehung zum Vorwurf gemacht. Ich versichere Ihnen, Miriam, ich habe genug zu tun. Und Donatella... Sie wird es mir schon sagen, wenn sie mich noch mal als Modell haben möchte. Haben Sie eigentlich im Allgemeinen eine schlechte Meinung von Modells oder liegt das an mir?"
In diesem Moment erreichten wir eine belebtere Straße und ich winkte dem nächsten Taxi. Es hielt prompt und ersparte mir eine peinliche Antwort.
"Wie immer Sie meinen, Mister." sagte ich stattdessen.
"Kevin." berichtigte er erneut.
Ich stieg grußlos ein und bedeutete dem Fahrer weiterzufahren. Dieser Kerl hinter mir musste meine Adresse wirklich nicht wissen.
Im Seitenspiegel sah ich, dass er dem Taxi hinterher blickte. Nun, ich war ihn los. Ich war außer Gefahr.
 
3. Kapitel
Das Telefon klingelte.
"Hallo?"
"Miriam?"
Diese hektische Stimme konnte nur einer gehören.
"Hallo Dona. Was gibt es, warum bist du so aufgelöst?"
"Er hat mich versetzt! Er ist krank und kommt nicht zur Party!"
Ich überlegte, von welcher Party die Rede war. Ach ja... da war irgendeine High Society Ding...
"Miriam, du musst mitkommen!"
"Was???"
"Du kannst mich nicht allein gehen lassen!"
"Donatella, Liebes, ich habe weder Kleid noch Schuhe und..."
"Ich hab alles dabei!" unterbrach sie mich.
Oh nein...
"Wir sind gleich bei dir! Enrico wird dich schnell hübsch machen und..."
"Donatella..."
"Oh bitte! Miri!"
Ich seufzte ergeben.
"Dafür habe ich aber was gut bei dir."
"Alles was du willst!"
 
Eine Stunde später stand ich neben Donatella Versace im Foyer des Hotels, in dem die Party stattfand. Es gab kein Entrinnen mehr...
In der verspiegelten Fahrstuhltür begutachtete ich nochmals das Kleid. Es passte wie angegossen. Und ich fühlte mich darin wie eine Fremde... Was hätte ich jetzt für Jeans und Sweater gegeben.
Ein Hotelangestellter führte uns in den Festsaal. Stimmengewirr, Abendgarderoben... Hilfe... Wo hatte mich mein weiches Herz nur jetzt schon wieder hingeführt?
Plötzlich sah ich ein bekanntes Gesicht. Das konnte doch nicht sein! Kevin Richardson?!
Er stand lässig da, im schwarzen Anzug, wirkte als sei er darin geboren worden und sprach mit einem blonden jungen Mann mit Engelsgesicht, der etwa genauso groß war wie er, und einem Kleineren mit blonden Locken, dessen Gesichtszüge seinen ähnlich waren.
Im nächsten Moment kamen noch zwei dazu. Beide waren dunkelhaarig, der Eine mit krausem Haar, der Andere mit sehr dunkler Sonnenbrille, über deren Rand er in die Runde blickte.
Jetzt, als ich alle fünf sah, ging mir ein Kronleuchter auf. Die Backstreet Boys... Und ich hatte ihn für ein aufdringliches Modell gehalten… Ich wurde prompt feuerrot.
Aber warum hatte er für Donatella gemodelt?
Als hätten mein Blick und meine Gedanken ihn aufmerksam gemacht, sah Kevin in diesem Moment auf und mir direkt in die Augen. Seine Lippen verzogen sich zu einem umwerfenden Lächeln. Lachte er mich etwa aus? Nein, so wirkte er nicht.
Er kam zu uns herüber, seine vier Freunde im Schlepptau.
"Donatella, wie schön dich zu sehen."
Er umarmte sie kurz aber herzlich, seine Bandkollegen taten es ihm nach. Der mit der Sonnenbrille linste dabei zu mir herüber.
"Diese junge Dame hast du uns aber bisher vorenthalten, Donatella. Würdest du sie uns vorstellen? So hübsch wie sie ist, ist sie doch bestimmt ein Modell, oder?" schmeichelte er mit rauer Stimme.
Ich lief schon wieder feuerrot an. Ich war Komplimente, ob ernst gemeint oder nicht, nicht mehr gewöhnt.
Dona lachte.
"Ich werde bei nächster Gelegenheit versuchen sie auf den Catwalk zu zerren, AJ. Miriam, darf ich vorstellen? Die Backstreet Boys: AJ "Mr. Sonnenbrille" McLean, der mit dem Lausbubengrinsen ist Brian Littrell, der blonde Engel da ist der Youngster, Nick Carter. Der stille junge Mann hier ist Howie Dorough und hier..." Sie legte Kevin einen Arm um die Taille. "...ist das Multitalent Kevin Richardson. Es gibt nichts, was er nicht kann. Von Singen über Modeln bis Fliegen."
"Jetzt übertreibst du aber..." protestierte Kevin halbherzig.
"Genau! Denn Multitalente sind wir doch alle!" warf AJ ein und wurde mit zustimmendem Gelächter belohnt.
"Und das hier, Jungs, ist meine große Künstlerin mit der Nadel, Miriam Milton." beendete Dona die Vorstellung.
"Sehr erfreut ihre Bekanntschaft zu machen, Miss Milton."
Kevin beugte sich formvollendet über meine Hand und hauchte einen Kuss darauf. Von dort breitete sich ein leichtes Kribbeln in meinem ganzen Körper aus. Oh Himmel...
Die anderen Jungs tauschten bei dieser Aktion ihres Freundes verdutzte Blicke. Kevin jedoch lächelte mich verschmitzt an und forderte mich zum Tanzen auf.
Tanzen? Ich?? Tanzen??? Ich warf Donatella einen hilfesuchenden Blick zu, doch die meinte nur: "Viel Spaß, ihr zwei!"
Dann zog er mich hinter sich her, zur Tanzfläche. Kaum hatten wir die ersten Tanzschritte gemacht, kam was ich die ganze Zeit gefürchtet hatte.
"Nun, Miss Milton, Sie haben mir meine Frage noch nicht beantwortet. Liegt es an mir oder haben Sie im Allgemeinen eine schlechte Meinung von Modells?"
 
4. Kapitel
Ich kam prompt aus dem Takt und trat ihm versehentlich voll auf den Fuß.
"Au... Soll ich das als Antwort werten?"
Ich wurde schon wieder feuerrot und ließ ihn abrupt los.
"Das tut mir so leid... Ich wollte ja auch eigentlich gar nicht tanzen... Ich habe vor drei Jahren das letzte Mal getanzt..." Auf meiner Hochzeit... "Bitte, entschuldigen Sie mich."
Ich drehte mich um und wollte Richtung Waschraum verschwinden, aber er bekam mein Handgelenk zu fassen.
"Nicht so schnell, Miss Milton. Ich bin jetzt keineswegs Invalide, nur weil ich so ungeschickt war meinen Fuß unter Ihren geraten zu lassen."
Er zog mich an sich, viel dichter als zuvor und sah mich unverwandt an.
Es gelang mir nicht mehr, meinen Blick von seinen Augen abzuwenden. Ich versank in ihnen, wie in der Tiefe eines grünbemoosten Brunnens. Er führte mich. Zu meinem Glück, denn ich nahm die Musik nicht mal mehr wahr. Ich war gefangen in diesen sanften Augen und der Wärme seines Körpers.
Dann blieben wir stehen. Es dauerte eine Weile bis ich bemerkte, dass die Musik verstummt war. Ich trat einen Schritt zurück und versuchte mich wieder in der Realität zurechtzufinden. War gar nicht so einfach...
"Miriam..." flüsterte Kevin weich.
Oh nein! Darauf konnte und wollte ich mich nicht einlassen! Ich fuhr herum und eilte, so schnell es die Stöckelschuhe und die Partygäste erlaubten, zu den Waschräumen.
Glücklicherweise war hier im Moment niemand. Ich hielt meine Handgelenke unter kaltes Wasser, um mich abzukühlen. Irgendwie hatte ich das Gefühl in Flammen zu stehen...
Was zum Teufel hatte dieser Mann an sich, dass ich bei seinem bloßen Anblick völlig den Sinn für die Realität verlor? Ich war doch normalerweise relativ rational. Selbst auf John, den ich ja eineinhalb Jahre lang zu lieben geglaubt hatte, hatte ich nie so reagiert.
Ich sah auf und erblickte mein Spiegelbild. Enrico hatte zwar ganze Arbeit geleistet, aber mein dauerndes Erröten war nicht zu überschminken. Ich sah erhitzt und verängstigt aus. Die dunklen Augen wirkten unnatürlich groß. Kein schöner Anblick...
In diesem Moment kam Donatella herein.
"Miri, Liebes, was ist denn? Ich sah, wie du Kevin einfach stehen gelassen hast und davongelaufen bist. Hat er dir was getan?"
Ja, er hatte meine Gefühle wiedererweckt, die ich vor zwei Jahren sorgfältig todgehauen und vergraben hatte...
"Nein, Dona, er war sehr nett zu mir. Ich fühlte mich nur nicht so gut..."
"Das hätte ich mir auch nicht vorstellen können. Die Jungs sind alle so lieb... und dabei noch verteufelt attraktiv, vor allem Kev. Aber was fehlt dir denn, Liebes? Du siehst auch gar nicht gut aus! Du wirst mir doch nicht etwa krank?"
"Ich weiß nicht, Dona. Am besten wird es sein, wenn ich heimfahre. Die Zeit vor der Modenschau war ja sehr stressig... Ich werde mich schlafen legen und morgen geht es mir bestimmt besser." Nicht erst morgen, sondern sobald ich einen gewissen Sicherheitsabstand zu Mr. Richardson eingenommen hatte. So etwa... zwei Kilometer?
"Ja, du hast Recht. Du solltest dich hinlegen und ausruhen. Aber... ich wollte noch hier bleiben... Elton wollte später noch kommen und du weißt, ich habe ihn lange nicht gesehen..."
"Bleib du ruhig hier, Dona. Ich fahre allein nach Hause. Das ist doch gar kein Problem."
"Na gut. Dann werde ich dich wohl bei den Jungs entschuldigen und dir ein Taxi rufen lassen, okay?"
Ich nickte und sie verließ den Waschraum.
Ich war erleichtert. Mein Abend und mein Seelenfrieden waren gerettet. Ich würde heimfahren, dieses Kleid ausziehen, den Bademantel überstreifen und es mir mit einem Buch und einer heißen Schokolade gemütlich machen. Weit weg von Kevin Richardson!
 
Als ich den Waschraum verließ, stand Dona wieder bei den Backstreet Boys. Als sie mich sah, leuchtete ihr Gesicht auf.
"Stell dir vor, Miri, Kevin hat sich erboten dich heimzufahren! Da kann ich sicher sein, dass du heil zuhause ankommst und muss mir keine Sorgen um dich machen!"
Ich blieb geschockt stehen und starrte sie an. Dann glitt mein Blick wie von selbst zu Kevin, der mich mit ernstem Gesicht musterte.
Oh! Mein! Gott! NEIN! Ich war soeben vom Regen in die Traufe geraten!
 
5. Kapitel
Ich saß neben ihm, fest in meinen Mantel gewickelt, dicht an die Beifahrertür gedrängt, in diesem Monster von Wagen... Wie kam ich hier nur her? Was hatte ich getan, wen verärgert, dass ausgerechnet ich ausgerechnet jetzt ausgerechnet hier saß? Gott musste mich hassen...
"Das beantwortet zumindest meine Frage." meinte der Mann am Steuer trocken.
"Welche?"
"So wie Sie dasitzen..." Er warf mir einen Blick zu und startete den Motor. "...können Sie mich ganz bestimmt nicht leiden."
Ich antwortete nicht, sondern starrte stur geradeaus.
"Ihr Kleid ist sehr schön. Ist es eine von Donas Kreationen?" versuchte er ins Gespräch zu kommen.
"Ja."
"Und die Schuhe? Die sind sehr hübsch."
"Auch."
"Und die Frisur passt wunderbar zu Ihnen."
"Hm."
"Okay, ich mag auch keinen Small Talk. Also, warum haben Sie was gegen mich?"
Ich fuhr zu ihm herum.
"Ich habe nichts gegen Sie!"
"Das dachte ich auch, solange wir tanzten. Aber dann sahen Sie mich an, als ob..." Er verstummte.
"Als ob was?"
"Als ob Sie Angst hätten. Wer war es? Wer hat Ihnen so weh getan?"
"Ich weiß nicht wovon Sie reden."
"Und ob Sie das wissen. Also, wer war es?"
"Das geht Sie nichts an."
Eine Weile herrschte Stille.
"Da mögen Sie Recht haben... Ich hoffe, es passiert Ihnen nicht wieder."
Das würde es nicht. Dafür würde ich schon sorgen.
Den Rest des Weges über schwiegen wir.
 
Wir hielten vor meiner Wohnung. Ärgerlicherweise wusste er jetzt wohl doch, wo ich wohnte... Naja, deshalb zog ich jetzt aber nicht weg.
Als ich aussteigen wollte, hielt er mich plötzlich zurück. Erschrocken drehte ich mich zu ihm um... und sah wieder direkt in diese unglaublich intensiven Augen, die mich aus der Realität herausrissen. Ich fühlte die Spannung zwischen uns. Es war fast, als würden wir wie Magnete voneinander angezogen. Er sah mir beinah erstaunt in die Augen. Dann wanderte sein Blick über mein Gesicht und blieb an meinem Mund hängen.
Ich atmete schneller. Er würde doch nicht...
Im nächsten Augenblick berührten sich unsere Lippen und ich vergaß alles um mich her.
Es war ein wundervolles Gefühl. Seine Lippen waren warm und fest. Sanft knabberten sie an meinen, neckten mich und forderten mich heraus. Rein instinktiv öffnete ich den Mund und erwiderte den Kuss.
Zärtlich erforschte er meinen Mund, dann fühlte ich wie seine Finger über meine Wangen strichen und sich mit meinem Haar verflochten.
Ein Prickeln breitete sich in meinem Körper aus. Millionen von Schmetterlingen flatterten durcheinander. Irgendwie waren meine Arme um seinen Hals geraten und zogen ihn näher an mich heran. Ja, ich wollte ihn nah bei mir haben. Wollte seinen Körper an meinem fühlen, so wie damals...
Oh nein! Nicht wie damals John! Ich stieß Kevin von mir und sprang aus dem Wagen. Ich hörte, wie er meinen Namen rief, aber ich reagierte nicht. Ich schloss mit bebenden Händen die Haustür auf und drückte sie hinter mir wieder ins Schloss. Auf dem Weg nach oben hörte ich, wie er fluchend davor stand.
Nein, ich würde Abstand zu ihm halten. Besser vier Kilometer als zwei... Und ich würde meine Gefühle ignorieren oder, noch besser, diesmal tiefer verbuddeln. So tief, dass sie nie wieder gefunden würden!
 
6. Kapitel
Kräftige Hände, die zärtlich über meine Haut glitten... Weiche Lippen, die eine heiße Spur meinen Hals hinunter zogen...
Ich fuhr schwer atmend aus dem Traum hoch und versuchte mich wieder zu beruhigen. Dieser Kuss, neulich Abend, brachte mich schon die dritte Nacht um meinen Schönheitsschlaf. Immer wieder wachte ich auf und ertappte mich dabei, wie ich in meinem Bett nach jemandem tastete, der gar nicht da war. Und es war nicht John, den ich da suchte, sondern ein dunkelhaariger Mann mit markanten Zügen und sanften Augen...
Beim Gedanken an ihn fühlte ich erneut seine Finger auf meinen Wangen, seinen Mund auf meinem. Eine prickelnde Hitze breitete sich in meinem Bauch aus.
Himmel, schon allein die Erinnerung an ihn erregte mich...
Und zugleich wusste ich, da war mehr. Es war mehr als nur Lust, die ich empfand. Der Blick in seine Augen, bei der Modenschau, hatte mich mein Herz gekostet. Wie bekam ich es bloß unverletzt zurück?
Erschöpft rieb ich über mein Gesicht, versuchte sowohl Gedanken als auch Berührung zu verdrängen. Ich sah auf die Uhr. Es war erst vier Uhr früh...
Seufzend ließ ich mich in die Kissen zurücksinken. Ich war hellwach. Dann eben arbeiten.
Ich griff nach meinem Skizzenblock, wo ich begonnen hatte einen Hosenanzug zu entwerfen. Ich war Näherin, aber ich war versucht ins Fach Design überzuwechseln.
Ich arbeitete halbherzig, bis mir, viel später, die Augen zu fielen.
Der Weckdienst klingelte mich wach. Wobei... wach... das war eindeutig was anderes.
 
Als ich bei Dona im Atelier ankam, sah sie mich gleich vorwurfsvoll an.
"Du siehst aus, als würdest du gleich im Stehen einschlafen. Was, zum Teufel, ist nur los mit dir? Bist du krank? Hast du Liebeskummer?"
Ich antwortete nicht, sondern machte mich an meine Arbeit.
"Miri..." Dona ging neben mir in die Hocke. "Ist es jemand aus unserem Team?"
Ich seufzte.
"Es ist nicht jemand, Dona. Ich bin vor zwei Jahren einen Mann losgeworden, der mir das Leben zur Hölle gemacht hat. Ich habe jetzt nicht vor, mich wieder Einem auszuliefern."
Donatella musterte mich besorgt.
"Du sprichst nie über deine Vergangenheit.... Warum nicht? Was hat dein Ex dir getan? Hast du noch Angst vor ihm?"
"Ich möchte nicht darüber reden, Dona. Es ist vorbei und vergangen. Es hat nichts mehr mit mir zu tun."
"Es ist Teil deiner Vergangenheit und deines Wesens. Du kannst es nicht einfach ausklammern."
"Das hab' ich aber." erklärte ich bestimmt.
Sie schüttelte resigniert den Kopf.
"Dann sieh zu, dass dich deine Vergangenheit nicht einholt und dir ein Bein stellt. Und jetzt fahr heim und schlaf dich aus." Sie stand auf.
"Dona..."
"Du fährst heim! Heute Abend steigt eine kleine Party bei einem Freund. Du begleitest mich, das bringt dich auf andere Gedanken."
"Dona...!"
"Keine Wiederrede! Ich bringe was zum Anziehen mit, wenn ich dich abhole. Also sei dann soweit fertig."
Sie war der Boss. Das war höhere Gewalt...
 
Party. Party, Party, Party. Donatella war fast jeden Abend auf einer Party. Und sie schleppte gern unschuldige Mitarbeiter dahin mit. Diesmal Sylvia, ein Modell mit dem ich gut bekannt war, und mich.
Wir hielten vor einer schönen Villa, deren Vorgarten die hässlichsten Putten zierten, die ich je zuvor gesehen hatte.
Die Haustür öffnete sich uns schwungvoll... und ich erstarrte, als ich Alexander McLean erkannte.
"Herzlich willkommen zu meiner Party! Oh wow! Gleich drei schöne Frauen, ganz allein für mich!" Er lachte diabolisch.
"Du solltest die Damen vielleicht erst mal hereinlassen, AJ." Howie tauchte hinter ihm auf, schob ihn vom Eingang weg und ließ uns ein.
Mir wurde flau im Magen. Zwei Backstreet Boys kamen selten allein...
Im nächsten Moment schoss Nick Carter aus einer Tür, dicht gefolgt von Brian, dessen Hemd ein frischer Rotweinfleck zierte.
"Na warte, du Tollpatsch! Du hast mir mein Lieblingshemd versaut!"
Ich sprang ihnen aus dem Weg, froh darüber, dass ich diesmal flache Schuhe trug. Howie entschuldigte sich sofort für die Beiden, die grußlos durch eine andere Tür verschwanden. Er führte uns ins Wohnzimmer, wo uns zwei junge Frauen neugierig musterten. Ich hielt mich im Hintergrund, während wir einander vorgestellt wurden. Wenn das alle Gäste waren, stimmte jedenfalls die Bezeichnung "kleine Party".
Plötzlich lief mir ein Schauer über den Rücken. Ich musste ihn nicht sehen, um zu wissen dass er da war. Ich drehte mich trotzdem um. Er stand in der Tür zum Garten, völlig reglos, und sah mich überrascht an. Er hatte mich wohl genauso wenig hier erwartet, wie ich ihn. Dann war er also nicht dafür verantwortlich, dass ich da war. Sollte mich das beruhigen? Welche bösen Mächte hatten dann ihre Finger im Spiel?
 
7. Kapitel
Donatella drehte sich zu mir um und entdeckte den Traum meiner schlaflosen Nächte.
"Kevin! Mein Lieber! Alles Gute zum Geburtstag!" Sie umarmte ihn herzlich. "Leider habe ich kein Geschenk für dich... Aber dafür sind Miriam und Sylvia mitgekommen."
Ja, gezwungenermaßen... Mein Blick suchte meine Leidensgenossin, die sich aber angeregt mit AJ unterhielt und nicht ein bisschen leidend aussah.
"Du hättest mir kein besseres Geschenk machen können, Donatella." hörte ich Kevin sagen. Ich traute mich nicht zu ihm zu blicken, weil ich fürchtete er könnte mich bei seinen Worten ansehen.
"Schön, dass ihr hier seid. Ich fürchtete schon, ich müsste alleine feiern."
Allein... Als ob ihm nicht die Frauen in Scharen hinterher rennen würden... Ob eine von den beiden auf der Couch seine Freundin war? Der schmerzhafte Stich, den ich als Eifersucht identifizierte, erschreckte mich.
"Nicht, solange wir da noch mitreden können." beruhigte Howie derweil seinen Freund.
"Genau, alter Mann!" lachte AJ, der mit Sylvia zu ihnen trat.
Da ich zwei Schritte weiter weg stand gelang es mir, mich klammheimlich in die Küche abzusetzen. Und da John um die Küche immer einen riesigen Bogen geschlagen hatte... warum sollte das bei den Backstreet Boys anders sein? Ich wollte jetzt allein sein, um meine Gedanken zu sortieren.
Also so was... Nicht nur, dass ich auf einer Party war, auf der ich nicht sein wollte. Nein. Es war auch noch seine Geburtstagsparty! Verdammt!
Ich kühlte meine Handgelenke unter fließendem Wasser. Die Hitze, die sich bei seinem Anblick in meinem Bauch ausgebreitet hatte, löschte das aber nicht.
Ein Prickeln zwischen meinen Schulterblättern ließ mich hastig herumfahren.
"Sie wussten nicht, was das für eine Party ist, richtig?"
Ich sah weg, um mich nicht wieder von seinen Augen einfangen zu lassen.
"Sie wären nicht gekommen, wenn Sie gewusst hätten, dass ich hier bin." stellte er nüchtern fest.
"Nein." gab ich zu.
"Sie haben Angst vor mir. Nein... nicht ganz. Sie haben Angst, dass ihr Gefühle so stark werden, dass Sie sich nicht mehr dagegen wehren können."
"Von was für Gefühlen reden Sie da bloß!"
"Dieselben, die Sie dazu bringen mich schon wieder anzufahren."
"Hören Sie, Mister!..."
Sein Seufzer unterbrach mich.
"Wir sind also wieder bei Mister angelangt... Was muss ich tun, damit Sie mich Kevin nennen? Nur ein Mal?"
"Wie wäre es, wenn Sie mich den Rest des Abends ignorierten? Dafür könnte ich Ihren Namen vielleicht sagen!"
Er schüttelte bedauernd den Kopf.
"Das ist so ziemlich das Einzige, was ich nicht tun kann."
"Warum nicht?!"
Ein kleines Lächeln spielte um seine Lippen.
"Kannst du dir das nicht denken?"
Ich konnte schon. Aber ich wollte nicht!
"Wenn Sie mich nicht in Ruhe lassen, rufe ich mir ein Taxi und fahre heim." drohte ich leise.
Sein Lächeln verlor sich.
"Ich hatte nicht vor, Sie auf irgendeine Art zu belästigen. Also gut. Ich werde Sie in Ruhe lassen."
Er wandte sich ab und wollte hinausgehen, doch an der Tür hielt er inne und drehte sich noch mal zu mir um.
"Sie können vielleicht verleugnen, was zwischen Ihnen und mir geschieht. Aber davon wird es nicht verschwinden."
Innerlich bebend sah ich zu, wie er die Tür hinter sich schloss. Es konnte nicht sein... Da war nichts zwischen uns! Gar nichts!
Aber eine leise Stimme in mir rief seinen Namen.
 
8. Kapitel
Donatella sah mich komisch an, als ich zurück ins Wohnzimmer kam. Ich ignorierte ihre hochgezogenen Brauen und ließ mir von Howie den Weg ins Bad zeigen. Aber das nutzte nichts... Sie betrat den Raum nur einen Moment nach mir.
"Sag mal, was ist denn mit dir los? Kevin kommt aus der Küche und macht ein Gesicht, als hätte er grade erfahren, dass seine Karriere nur geträumt war, und du... Du siehst aus als hättest du unerwartet in eine Zitrone gebissen. Was läuft da zwischen euch beiden?"
"Da läuft gar nichts, Dona."
"Dann ist es also das. Kevin ist an dir interessiert und du willst ihn nicht."
Von "nicht wollen" konnte eigentlich keine Rede sein... Mein Körper schrie förmlich nach ihm. Und mein Herz fiel mir scheinbar ebenfalls in den Rücken.
"Ich dachte immer, du und ich wären Freundinnen, Miriam."
So ernst und leise sprach Donatella nur selten.
"Das sind wir auch..." Ich seufzte.
"Dann sag mir doch was los ist. Kevin ist ein Freund von mir und ich möchte ihn nicht leiden sehen. Ebenso wenig wie dich."
Ich seufzte wieder.
"Also gut... Ich werde dir meine Geschichte erzählen. Aber mach bitte vorher die Tür zu."
Sie sauste förmlich hin, versicherte sich dass niemand im Gang war, und schloss uns dann ein. Ich setzte mich derweil auf den Rand der marmorierten Badewanne und starrte auf das mäandernde Muster der Bodenfliesen.
Sie setzte sich neben mich und sah mich abwartend an.
"Meine Mutter... starb, als ich noch sehr klein war." begann ich. "Mein Vater versuchte das irgendwie auszugleichen, er liebte mich über alles. Er wollte stets nur das Beste für sein Kind, die besten Schulen, Reit- und Klavierlehrer... Wir lebten im Luxus, denn er war reich. Sehr reich..."
Ich warf ihr einen Blick zu und bemerkte wie erstaunt sie war. Natürlich, wie auch nicht? Als ich mich bei ihr bewarb, war meine Kleidung zwar sauber, aber alles andere als neu und modern gewesen.
"Ich lernte während meines Jahres in Europa einen Mann kennen. Er war Amerikaner, gutaussehend, höflich... ich verliebte mich in ihn. Wir kehrten gemeinsam nach Hause zurück und ich stellte ihn Dad vor. Ich hatte immer sehr viel auf seine Meinung gegeben... Aber er konnte John nicht leiden. Er sah ihn zum ersten Mal und sie fingen nach kurzer Zeit furchtbar an zu streiten. Doch ich liebte John – zumindest glaubte ich ihn zu lieben... – und ich dachte, er liebe mich auch. Also heirateten wir."
Ich hielt inne und erinnerte mich an die wunderschöne Feier. Natürlich hatte mein Dad sie ausgerichtet. Selbst wenn er John nicht mochte, wollte er trotzdem, dass ich glücklich war.
"Mein Dad änderte kurze Zeit später sein Testament. Er sorgte dafür, dass John nicht an mein Erbe kommen sollte. Und er wusste genau, weshalb er das tat. Er starb, nur ein halbes Jahr später. Ich war seine Erbin, war die Einzige, die an die Konten durfte. Wenn John etwas wollte, und das wollte er oft..., musste er mich darum bitten. Häufig bat er mich um eine Vollmacht, aber ich konnte sie ihm nicht geben, es war gegen Dads Willen. Dann stritten wir immer öfter. Immer um Geld. Und dann... kam ich vom Himmel direkt in die Hölle..."
Donas Hand legte sich tröstend über meine. So flatterhaft und extrovertiert sie auch war, sie bemerkte sehr wohl, wie es grade in mir aussah.
"Zuerst dachte ich, es seien Zufälle gewesen... Eines Abends, John war angeblich mit einem Freund auf einer Party, hörte ich etwas im Keller. Ich wollte runtergehen, um nachzusehen. Aber ich stolperte auf der Treppe und fiel... Ich wachte mit einer Gehirnerschütterung im Krankenhaus auf. Einige Wochen später wollte ich in die Stadt fahren, um einzukaufen. Wir lebten weit draußen, in der Nähe einer Schlucht. Der Weg in die Stadt führt zeitweise in Serpentinen an ihr entlang. Ich verlor an so einer Stelle die Kontrolle über den Wagen und konnte nicht mehr bremsen. Ich stoppte den Wagen, indem ich an der Felswand schrammen ließ. Das Kreischen des Metalls dröhnt mir noch heute in den Ohren..."
"Oh mein Gott... Willst du mir sagen, dass dein Mann..." Dona verstummte schockiert.
"Wieder einige Zeit später... Ich dachte es wären Einbrecher, doch es war John... Er verletzte mich mit einem Schnappmesser am Arm... Es sollte aussehen, als hätte ich mir die Pulsadern aufgeschnitten."
Ich drehte die Innenseite meines Arms nach oben und zog den Ärmel hoch. Mit zitternden Finger strich Dona über die lange Narbe.
"Ich schaffte es irgendwie ihn niederzuschlagen. Aber er rappelte sich hoch und verfolgte mich. Die Telefonleitung hatte er gekappt und mein Handy hatte er mir weggenommen. Ich nahm meinen Wagen und fuhr zur Schlucht. Dort gibt es eine Höhle, da hinein wollte ich mich flüchten. Der Kombi schaffte den Weg nicht ganz, also stieg ich aus und rannte um mein Leben. Er holte mich trotzdem ein, denn er hatte einen Jeep. Er fuhr mich an. Dann packte er mich und stieß er mich hinunter in die Schlucht."
"Aber... wie hast du das überlebt?"
"Mit viel Glück. Es hatte stark geregnet und der Fluss führte Hochwasser. Ich brach mir einen Arm und mehrere Rippen an den Felsen, aber ich schaffte es, fast eine Meile flussabwärts, ans Ufer. Gegenüber den Wanderern, die mich am nächsten Tag fanden, sagte ich, ich sei in den Fluss gefallen und hätte alle Papiere verloren. Ich nahm eine neue Identität an."
"Aber warum hast du ihn nicht angezeigt? Er hat schließlich versucht dich umzubringen!"
Traurig sah ich sie an. "Er hatte gegenüber Freunden immer mal wieder angedeutet, ich könnte werden wie meine Mutter. Er war ganz der besorgte Ehemann... Meine Mutter hat Selbstmord begangen. Sie war manisch-depressiv... John zeigte mir ganz stolz einen Abschiedsbrief mit meiner Unterschrift, bevor er versuchte mich umzubringen. Und er sagte, er hätte überlegt mich einfach einweisen zu lassen, aber die Gefahr, dass ich irgendwann aus der Anstalt herauskäme, sei zu groß. Wenn ich ihn angezeigt hätte, hätte er es dargestellt als litte ich unter Verfolgungswahn. Ich wollte nur noch weg..."
"Dann war er, von Beginn an, auf dein Geld aus..."
"Wäre ich in der Anstalt gelandet, hätte er die Kontrolle über mein Vermögen bekommen. Und im Todesfall erbt automatisch der Ehepartner... Ja, er plante das schon, als er mich kennen lernte."
"Oh Miri... Ich weiß nicht, was ich sagen soll..."
"Dann sag nichts. Es ist vorbei. Ich bin frei und zufrieden. Und ich will nie wieder einem Mann ausgeliefert sein."
"Das kann ich verstehen. Aber Kevin ist nicht so..."
"Das macht keinen Unterschied." sagte ich leise. "Erzähl keinem davon, ja?"
"Nein, natürlich nicht... Willst du heimfahren?"
"Nein, ich halte schon durch. Aber Danke."
Sie seufzte und stand auf.
"Wenn du nicht schon für mich arbeiten würdest, würde ich dich jetzt aufgrund dieser Geschichte einstellen... Ich bin froh, dich zu haben, Miri. Oder wie auch immer du wirklich heißt." Sie lächelte und fuhr mir durchs Haar. "Und jetzt werde ich wohl mal mit Kevin reden und dich ihm ausreden. Es gibt ja noch mehr hübsche Frauen hier." Sie ließ die Augenbrauen zweimal zucken und grinste.
Ich lächelte zurück. Keine Frage wen sie meinte...
 
9. Kapitel
Als ich, eine Weile später, aus der Toilette trat, stand Dona bei Kevin und lächelte ihn strahlend an. Sie hatte Recht, er wirkte niedergeschlagen. Meine Zurückweisung hatte ihn mehr verletzt als ich gedacht hatte.
Er spürte meinen Blick und blickte auf, sah aber sofort wieder weg. Seine Augen waren traurig... In mir regte sich das schlechte Gewissen. War ich zu hart gewesen? Er konnte ja nichts dafür, dass John mir das alles angetan hatte... Sollte ich mich bei ihm entschuldigen?
Er schüttelte grade den Kopf und lächelte Dona bedauernd an. Sie grinste zurück und zuckte leicht mit den Schultern. Sie hatte wohl auch nicht wirklich geglaubt bei ihm landen zu können, schließlich war sie mehr als zehn Jahre älter als Kevin.
Ich wandte mich von den Beiden ab und ging hinaus in den Garten. Ich wollte nachdenken.
Es wurde bereits dämmerig und Nebel zog auf. Die Luft war bläulich und kalt, und ich fröstelte in dem teuren Designerkleid.
Der Garten war nach Vorbild der englischen Gärten gestaltet worden. Immergrüne Hecken und Marmorstatuen. Hässliche... Marmorstatuen... Wenn die Villa einem der Backstreet Boys gehören sollte, hatte derjenige jedenfalls sehr wenig Geschmack.
Ich ging weiter, bis ich beinahe in einen kleinen Teich trat, den ich fast nicht bemerkt hätte. Fast. Es war selbst im Nebel schwer, zwei große rosarote Plastik-Flamingos zu übersehen. Uah, Floridaner...
Plötzlich lief wieder dieses Prickeln meinen Rücken hinunter. Das konnte nur eins bedeuten...
"Ich habe Sie gesucht. Es ist zu kalt hier draußen ohne Jacke." Kevin, wer sonst, trat zu mir und legte mir einen Mantel um. Seinen, dem Duft nach. "Ich hoffe, Sie betrachten das nicht als Belästigung."
"Doch... Nein... Ich meine..." Ich hörte auf sinnlos herumzustottern, als unsere Blicke sich trafen. Das Gefühl war wie beim ersten Mal, nur viel stärker. Ein vager Eindruck von Vertrautheit, gemischt mit einer unbestimmbaren Sehnsucht.
"Die Flamingos sind schrecklich hässlich." erklärte ich verwirrt.
"Das habe ich AJ auch gesagt..." antwortete er leise. Er schien genauso durcheinander wie ich.
Der Nebel umschloss uns jetzt ganz und gar mit grauen Wattewänden, aber es war noch immer hell genug, dass ich sehen konnte wie seine Augen dunkler wurden. So was hatte ich noch nie zuvor gesehen.
Doch... Ich erinnerte mich an den Augenblick vor dem Kuss, als er mich nach Hause gefahren hatte.
Bei dem Gedanken leckte ich mir nervös über die trockenen Lippen... und sah ihn alarmiert an, als er leise stöhnte.
"Wenn du das noch mal machst, kann ich für nichts mehr garantieren." erklärte er heiser.
"Zwischen uns ist nichts, das bilden Sie sich nur ein." versuchte ich ihn auf Abstand zu bringen.
"Soll ich es dir beweisen?" fragte er weich.
"Ich..."
"Ja? Oder Nein?"
"Sie..."
"Das war kein Nein." flüsterte er, kaum hörbar, an meinem Ohr. Mir wurde schlagartig warm.
"Bitte, Sie haben es versprochen, Mister." erwiderte ich kläglich.
"Wenn du noch mal Mister sagst..."
"Dann?"
"Dann tue ich es, ohne zu fragen." Wir standen einander so nahe, er hätte nur den Kopf senken müssen, um mich zu küssen.
"Ich weiß, dass der Mann, mit dem du zusammen warst, dich verletzt hat. Ich werde dir beweisen, dass ich nicht bin wie er. Dass du mir vertrauen kannst." erklärte er mit sanfter Stimme.
"Warum suchen Sie sich nicht eine andere? Warum ausgerechnet ich? Da drin sitzen doch genug schöne Frauen."
"Aber mit dir ist es..." Er hob die Hand und strich sacht mit dem Daumen über mein Kinn. Unwillkürlich atmete ich schneller. "...anders. Spürst du das nicht? Allein wenn du mich ansiehst, ist es, als würdest du mich berühren. Und das jedes Mal. Aber da ist noch mehr..." Er suchte in meinem Blick, ob ich wusste was er meinte.
Und ob ich es wusste... Aber das musste er ja nicht wissen. Ich wäre längst vor ihm geflüchtet, wenn mein Körper mir noch gehorcht hätte. Aber er tat es nicht, also musste ich wenigstens verbal auf Abstand gehen.
"Ich habe keine Ahnung, wovon Sie da reden, Mister."
Ich wusste, ich hatte einen Fehler gemacht, in dem Moment in dem ich es aussprach. Seine Augen blitzten auf und ein ironisches Lächeln spielte um seine Mundwinkel.
"Strafe muss sein..." sagte er mit leisem Triumph.
Dann berührten seine Lippen die meinen und ich vergaß alles andere. Sogar dass ich eigentlich gar nicht von ihm geküsst werden wollte.
Der Kuss war so sanft und verführerisch, dass mir erst eine ganze Weile später auffiel, dass ich die Arme um ihn geschlungen hatte und mich an ihn presste. Sein Körper fühlte sich fest und muskulös an. Und seine Arme, die mich umfingen, vermittelten mir eine behagliche Sicherheit, wie ich sie lange nicht gefühlt hatte.
Er beendete den Kuss, zog mich aber nur noch enger an sich und lehnte seine Wange an meine Schläfe.
Ich war nicht mehr in der Lage klar zu denken. Es war fast, als hätte der Nebel Einzug in meine Gedanken gehalten. Alles, was ich wahrnahm, war er. Er hielt mich zärtlich, seine Hand strich mir beruhigend über den Rücken, sein Duft und seine Wärme hüllten mich ein. Es war so schön...
Und deshalb konnte dieser Moment nicht lange andauern. Nichts Schönes dauerte lange an bei mir, und das schon seit einigen Jahren. Vielleicht hatte ich das Glück in meinem Leben einfach schon aufgebraucht...
"KEV? HIER DRINNEN WARTET EINE TORTE MIT DEINEM NAMEN AUF DICH!"
Der Nebel in meinem Kopf verpuffte förmlich. Ich riss mich von ihm los und stürmte davon, um die Villa herum auf die Strasse, wo ich glücklicherweise sofort auf ein Taxi stieß, dass mich nach Hause brachte.
Ich musste nicht aus dem Fenster sehen um zu wissen, dass er mir hinterhergerannt war.
Erst als ich meine Wohnungstür aufschloss bemerkte ich, dass ich noch immer seinen Mantel trug.
 
10. Kapitel
An diesem Wochenende erreichte ich Dona nicht. Also blieb dieser Mantel an meiner Garderobe hängen und ich schlug einen Bogen um ihn. Zwei Tage lang.
Am Montag nahm ich ihn mit zur Arbeit, was bedeutete dass ich ihn berühren musste. Ich wollte Dona bitten, ihn für mich zurückzugeben. Aber Dona erschien an diesem Tag nicht, also musste ich ihn wieder mitnehmen und zurück an die Garderobe hängen...
Ich verdrängte seine Existenz und nahm ein Bad, zog mir meine bequemsten Sachen an, ein verwaschenes Sweatshirt und eine Trainingshose, und setzte mich mit einer heißen Schokolade auf meine Couch. Dann griff ich nach meinem Buch, Ann Rice, Königin der Verdammten.
In diesem Moment klingelte es an der Tür. Ich vermutete, dass es Mrs. Vittkowski war. Sie war eine alte Dame, die in dem Apartment gegenüber meinem wohnte und ihre Augen und Ohren überall hatte. Hin und wieder suchte sie jemanden, dem sie unter einem Vorwand den neuesten Klatsch erzählen konnte. Die Arme hatte keine Angehörigen mehr, ganz genau wie ich.
Als ich jedoch die Tür öffnete, fuhr ich erschreckt zusammen, denn Kevin Richardson stand vor mir. Er sah atemberaubend gut aus in seiner Lederjacke, mit den zerzausten dunklen Haaren und vom kalten Wind leicht geröteten Wangen. Ich konnte nicht anders, als ihn fasziniert anzustarren.
"Willst du mich nicht reinlassen?" fragte er nach einer Weile.
"Nein." antwortete ich, ohne nachzudenken.
Er lächelte amüsiert und stützte sich mit den Unterarmen rechts und links ab, so dass er den Türrahmen ganz ausfüllte. Er wirkte größer und kräftiger, als ich ihn in Erinnerung hatte...
"Was wollen Sie hier?" wollte ich wissen, um mich selbst von ihm abzulenken.
Jetzt war er sichtlich belustigt.
"Ich wollte gern meinen Mantel wiederhaben."
Ich lief tiefrot an.
"Willst du mich jetzt nicht doch reinlassen?" hakte er lächelnd nach.
"Nein." wiederholte ich, diesmal bewusst.
"Findest du mich so gefährlich, Miri?"
Darauf sparte ich mir eine Antwort und sein Lächeln wurde breiter. Er machte es sich vor meiner Tür gemütlich, indem er sich mit der Schulter in den Rahmen lehnte und die Arme vor der Brust verschränkte.
Er sah so gelassen aus, dass es mich auf die Palme brachte.
"Wie sind Sie eigentlich unten reingekommen, Mister?"
Oh-oh! Schon wieder hatte ich diesen Fehler gemacht! Aber vielleicht merkte er es ja nicht?
Pustekuchen... Das triumphierende Lächeln stahl sich um seine Mundwinkel, er trat einen Schritt näher, die Arme noch immer verschränkt, und sah mich mit diesem intensiven Blick an. Ich wollte weglaufen, doch irgendwo zwischen Hirn und Füßen ging der Befehl dazu verloren. Er neigte seinen Kopf, unsere Lippen waren nur noch Zentimeter voneinander entfernt. Ich spürte seinen Atem...
"Belästigt Sie dieser junge Mann etwa, Miriam?"
Überrascht drehte Kevin sich um. Hinter ihm stand Mrs. Vittkowski, die zu ihm aufblinzelte und kämpferisch das Kinn reckte.
"Sie! Wenn Sie dem Mädel was tun, dann können Sie sich auf was gefasst machen!" Sie stampfte mit ihrem Stock auf.
"Ich kann Ihnen versichern, Misses..."
"Vittkowski!"
"Misses Vittkowski. Ich würde niemals eine hübsche junge Frau wie Miss Milton belästigen. Erst recht nicht, wenn ich mich dadurch mit einer so netten älteren Dame wie Ihnen anlegen würde."
Mrs. Vittkowski bedachte diese Äußerung mit einem wenig damenhaften Schnauben.
"Ist mit Ihnen alles in Ordnung, Kindchen?" fragte sie mich. Ihre hellblauen Augen musterten mich aufmerksam.
"Ja, alles okay..." Ich wusste nur auf einmal nicht mehr, ob ich enttäuscht oder erleichtert war, dass sie diesen Kuss verhindert hatte.
"Mr. Richardson wollte nur seinen Mantel abholen."
"Ja, wirklich? Für mich sah das anders aus, Kindchen. Die Luft zwischen Ihnen beiden brannte ja förmlich." meinte sie trocken und wandte sich ihrem Apartment zu.
Ich spürte Kevins Blick auf mir, doch ich wagte nicht ihn anzusehen.
"Ich hole eben den Mantel..."
Ich ging die zwei Schritte den Korridor meiner Wohnung entlang zur Garderobe und nahm ihn vom Haken. Der raue Stoff roch nach seinem Besitzer. Ich ließ meine Hand darüber gleiten und stellte mir vor was hätte passieren können, wenn Mrs. Vittkowski nicht aufgetaucht wäre.
"Du scheinst ihn zu mögen."
Ich fuhr erschreckt herum und stand Kevin gegenüber, der einfach hereingekommen war und die Tür bis auf einen Spalt zugeschoben hatte. Er hatte mich ertappt... Ich lief tiefrot an.
Er lächelte und kam näher.
"Du bist noch schöner, wenn du rot wirst."
"Ich... Ich bin nicht schön..."
"Das zu beurteilen solltest du anderen überlassen. Was weiß eine Rose von der eigenen Schönheit?" Er hob die Hand und streichelte meine Wange, fuhr mit dem Daumen zärtlich über meine Lippen. Mir blieb die Luft weg und mein Herz schlug zum Zerspringen.
Ich legte meine Hände auf seine Brust und versuchte ihn fortzuschieben, doch er war stärker und blieb einfach stehen.
"Strafe muss sein..." murmelte er, bevor er seinen Mund auf meinen drückte.
Der Kuss begann sanft und verführerisch und meine Gegenwehr erstarb. Eine willkommene Hitze breitete sich in meinem Bauch aus und meine Haut fing überall an zu kribbeln. Der Mantel glitt vergessen aus meiner Hand.
Kevin begann meinen Mund zu erkunden, seine Finger fuhren durch mein Haar. Eine seiner Hände blieb leicht in meinem Nacken liegen, verflochten mit den Strähnen, die Andere wanderte bis zu meiner Taille und zog mich näher an seinen festen Körper. Ich spüre seine Erregung... Sein Kuss wurde leidenschaftlicher, fordernder und ich gab ihm nach, war zu keinem eigenständigen Gedanken mehr fähig. Ich fühlte nur noch seine Hände auf mir, seine Lippen, die über meine Wange zu meinem Hals wanderten und dort sanft zu saugen begannen.
Meine Knie gaben nach...
Hätte er mich jetzt hochgehoben und ins Schlafzimmer getragen, ich hätte mich nicht gewehrt. Ich hätte mich nicht wehren können. Was er da mit mir anstellte, hatte ich nie zuvor empfunden. Kein Mann hatte es zuvor geschafft, dass ich mich ihm in sexueller Hinsicht ausgeliefert gefühlt hatte. Und das ohne ein Gefühl der Angst, dass der Andere meine Schwäche ausnutzen könnte. Ich wusste nicht warum, aber ich ahnte, ich konnte Kevin vertrauen.
Plötzlich ließ er von meinem Hals ab und seufzte leise.
"Es geht zu schnell... Du bist noch nicht soweit..."
Was meinte er denn damit? Ich öffnete die Augen und sah ihn benommen an. Sein Blick war verschleiert und seine Atmung beschleunigt. Ich sah ihm sein Verlangen nach mir an, aber er gab mich trotzdem frei. Langsam, damit ich das Gleichgewicht wiederfand. Ich verstand nicht was los war...
"Warum?" fragte ich rau.
Er lächelte traurig.
"Ich will dich. Mehr als alles andere. Aber ich will nicht derjenige sein, der das Kommando hat. Zu lieben heißt, zu geben und zu nehmen."
Ich verstand nicht, was er damit sagen wollte. Ich starrte ihm einfach nur hinterher, als er zur Tür ging.
"Auf bald, Miri." sagte er, mit einem Blick zurück. Dann schloss sich die Tür hinter ihm.
Fassungslos ging ich ins Bad, stieg dabei über den Mantel, der unbeachtet und vergessen auf dem Boden liegengeblieben war.
Mein Spiegelbild erkannte ich zuerst nicht wieder. Meine Augen glänzten fiebrig, mein Haar war zerzaust, die Wangen gerötet. Und meinen Hals zierte ein kleiner Fleck, den seine Lippen hinterlassen hatten. Ein zärtliches Brandmal...
 
11. Kapitel
Was bildete sich dieser Popsänger eigentlich ein! Mit welchem Recht betrat er meine Wohnung! Und wie war er eigentlich ins Haus gekommen! Dann ließ er auch noch den Mantel liegen! Und warum... hatte er diesen...
Ich schloss die Augen und spürte, wie die Tränen meine Wangen herunterrannen. Ich war wütend auf ihn, aber noch mehr auf mich selbst. Ich hatte mich nicht mal gewehrt, als er mich geküsst hatte. Weil ich jedes Mal schwach wurde, wenn seine Lippen mich berührten... Dabei war ich sicher, dass ich auf keinen Fall eine Beziehung, gleich welcher Art, mit einem Mann haben wollte. Und schon gar nicht mit diesem Mann! Der mir immer wieder so gefährlich wurde... Der meinen Seelenfrieden auf dem Gewissen hatte...
Und jetzt hatte dieser Mann mich tatsächlich "markiert"! War ich etwa ein Stück Vieh, das man brandmarken konnte? Wo kam der Kerl eigentlich her? Hielt er sich für einen Cowboy?! Vielleicht sollte ich den Mantel in kleine Stücke reißen. Ja, das war eine gute Idee! Und dann würde ich ihn verbrennen! Ich hob ihn auf und...
Da war wieder dieser Duft. War das Sandelholz? Das musste sein Deo oder Aftershave oder sonst was sein. Es roch genau wie er...
Unwillig wischte ich mir mit dem Mantelärmel die Tränen weg. Um jede wegen ihm vergossene war es schade. Er verdiente sie nicht.
Ich riss mich zusammen und ging schlafen. Die heiße Schokolade, inzwischen kalt, blieb unberührt auf dem Wohnzimmertisch zurück.
 
Ich erwachte am nächsten Morgen wie gerädert. Trotz meiner guten Vorsätze hatte ich mich in den Schlaf geweint.
Ich versuchte zuerst den Knutschfleck zu überschminken, aber er hatte auf meiner hellen Haut einen zu dunklen Fleck hinterlassen. Mir blieb nichts anderes übrig, als mir ein Tuch umzubinden. Aber man sah trotzdem noch ein Stückchen von dem Fleck...
Als Dona mich an diesem Morgen zu Gesicht bekam, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen.
"Miri, um Himmels willen! Hast du die Nacht etwa durchgezecht? Du siehst schrecklich aus!"
"Danke für das Kompliment!" erwiderte ich giftig.
Sie fuhr erschreckt zurück. "Was ist denn nur los? Hat es mit Kevin zu tun?"
Bei dem Namen zuckte ich zusammen.
"Aber Miri... Was hat er dir getan? War er gemein zu dir?"
Wie sollte ich ihr denn erklären, dass genau das Gegenteil der Fall war? Das mein Körper sich schmerzhaft nach ihm sehnte? Ich ließ es und schob Dona aus meinem kleinen Büro.
"Ich hab noch was zu tun. Wir sehen uns beim Mittagessen."
Genau eine halbe Stunde später, um acht Uhr dreißig, klopfte es und ein großer Strauß Blumen wurde abgegeben. Ich dachte an einen Irrtum, bis ich die Karte sah. "Vergib mir, dass ich gegangen bin." stand darauf. Ich riss sie in kleine Fetzen und warf sie in den Papierkorb. Den Blumenstrauß drückte ich im Vorbeigehen Donas Sekretärin in die Hand.
Was bildete sich dieser Popstar eigentlich ein?! Mich erst zu küssen, obwohl ich nur meine Ruhe vor ihm wollte, dann gehen und sich später dafür entschuldigen? Ich brachte die leise Stimme in mir zum Schweigen, die mich bat zuzugeben, dass der Kuss einer der schönsten meines Lebens gewesen war.
Ich war noch immer wütend, als Dona eine ganze Zeit später anklopfte und vorsichtig den Kopf zur Tür hereinsteckte.
"Darf ich reinkommen, oder wirfst du dann mit der Schere?"
Ich versuchte Freund und Feind zu unterscheiden und bat sie herein. Sie setzte sich mir gegenüber und sah mich forschend an.
"Was ist denn..." fragte ich müde. Das Wut und Ärger einen so erschöpfen konnten, war mir auch neu.
"Ich versuche abzuschätzen, ob ich gute oder schlechte Nachrichten bringe. Überbringer schlechter Nachrichten haben heute bei dir schlechte Karten, fürchte ich."
Ich seufzte.
"Raus damit, ich werde heute nicht noch mal aggressiv. Dazu bin ich inzwischen viel zu müde."
"Okay... Ich habe vorhin mit AJ telefoniert. Du weißt ja, ihm gehört die Villa, in der die Party zu Kevins Geburtstag stattfand. Er sagte mir, dass sie heute morgen die letzten geschäftlichen Dinge hier in New York regeln werden und dann direkt in ihren wohlverdienten Urlaub aufbrechen. Das bedeutet..." Sie sah mich misstrauisch an. "Soll ich dein strahlendes Lächeln als gutes Zeichen nehmen?"
Ich grinste sie an.
"Ja, kannst du. Kevin Richardson verlässt New York und ich habe wieder meine Ruhe. Das ist fantastisch!"
"Miriam, ich zweifle momentan ein wenig an deinem Verstand. Sei mir nicht böse, aber ich möchte dass du heimfährst und dich ausruhst. Wahrscheinlich hast du Recht und Kevin ist wirklich nicht gut für dich... Nimm dir die Woche frei, momentan ist ja nicht ganz so viel zu tun."
Ich grinste noch immer breit, während sie ging und ich meinen Kram zusammenpackte. Er flog zurück nach Florida... Oder wo immer er sonst Ferien machte. Das waren dann wohl genug Meilen Abstand. Fröhlich vor mich hinsummend stieg ich in meinen Kleinwagen und fuhr heim.
Als ich die Tür meines Apartments aufschloss, fiel mein Blick auf die Garderobe und den daran hängenden Mantel. Entschlossen griff ich zum Telefon, noch ehe ich mir die Zeit nahm die Schuhe abzustreifen. Ich rief Dona an und bat sie um den Gefallen, den sie mir noch schuldete. Wenig später klingelte ihr Chauffeur und nahm mir den Mantel ab. Er hatte den Auftrag, ihn bei AJ abzugeben. Damit war ich von diesem Ding endlich befreit.
Ich ließ mir ein Bad ein und verbrachte zwei vergnügliche Stunden mit meinem Buch und einer heißen Schokolade im warmen Wasser. Dann holte ich etwas von dem versäumten Schlaf nach und erwachte erfrischt und zufrieden.
Ich ließ mir was vom Chinesen kommen und setzte mich gemütlich vor den Fernseher. Und dann machte ich den ersten Fehler. Beim Durchzappen blieb ich bei Mtv hängen, wo grade ein Lied von Shania Twain lief. Ich brachte mein Geschirr in die Küche, spülte es kurz ab und ließ den Fernseher solange laufen. Als ich wieder hereinkam, waren die Backstreet Boys auf dem Bildschirm... Mein zweiter Fehler war, nicht sofort umzuschalten.
"Eure Tour war ein Mega-Erfolg, das Album verkauft sich wie warme Semmeln, was habt ihr als nächstes vor?" fragte der Moderator.
"Urlaub!" erklang es aus fünf Kehlen gleichzeitig, dann brachen sie alle in Gelächter aus.
"Es ist ja so, dass man auf Tour kaum eine freie Minute hat." ergriff Kevin das Wort. "Es sind ja nicht nur die Konzerte selbst, sondern auch Proben, Soundchecks..."
"Die Kevin besonders liebt!" warf Brian vorwitzig ein, was Nick und AJ wieder zum Lachen brachte. Doch Kevin ließ sich nicht beirren.
"...die Fahrt von einer Veranstaltung zur nächsten. Da ist man froh, wenn man überhaupt genug Schlaf bekommt."
"Und wie steht es im Moment bei euch mit Beziehungen?" hakte der Moderator nach.
Jetzt sahen sie plötzlich alle ernst aus.
"Auf Tour zu sein, bedeutet sehr wenig Zeit zu haben. Wir hatten in den letzten Jahren unseren riesigen Erfolg in Europa und jetzt hier und waren im Grunde ständig irgendwo auf Tour. Das macht keine Beziehung lange mit." erklärte Howie in der entstandenen Stille. "Aber ein sehr großer Pluspunkt des Ruhmes ist die Möglichkeit anderen dadurch zu helfen. Wir engagieren uns für die Kinderkrebshilfe und noch einige weitere Organisationen. Vor allem Kevin ist der Kampf gegen Krebs wichtig, weil er seinen Vater durch diese Krankheit verlor."
Kevin senkte den Kopf, aber ich hatte die Tränen bereits gesehen, die sich in seinen Augen sammelten. Das versetzte mir einen kleinen Schock. Ich hätte nicht gedacht, dass dieser Mann öffentlich weinen würde... Er schien doch so stark zu sein.
Der Moderator schien es nicht bemerkt zu haben, denn mit seinen nächsten Frage wandte er sich direkt an ihn.
"Kevin, du hast vor wenigen Tagen Geburtstag gefeiert. Was wünschst du dir für dein neues Lebensjahr?"
Kevin sah auf, und ich bemerkte, dass er die Unterlippe zwischen die Zähne gezogen hatte. Mir fielen Enricos Worte auf der Modenschau wieder ein, als er Kevin bat auf dem Catwalk nicht nervös auf der Lippe herumzubeißen. Jetzt verzog er den Mund zu einem schwachen Lächeln. Die Tränen waren aus seinen Augen verschwunden, er hatte sich wieder unter Kontrolle.
"Ich wünsche mir, was jeder andere sich wohl auch wünscht. Gesundheit und Glück. Und eine Beziehung die so stark ist, dass sie meinen Job übersteht."
Ich spürte einen Stich in meinem Herzen. Warum, zur Hölle, fühlte ich mich jetzt schuldig?! Es war doch eigentlich ganz klar, dass mich dieser attraktive Mann sexuell anzog. Mehr war es doch nicht, redete ich mir ein. Es war nur körperlich. Nichts längerfristiges. Wir passten überhaupt nicht zusammen. Im Übrigen kannte ich ihn ja überhaupt nicht. Ich wusste nichts über ihn, außer seinem Namen und dem Erfolg seiner Gruppe. Und dass der Tod seines Vaters ihm vor laufender Kamera die Tränen in die Augen trieb... Nein, ich musste mich nicht schuldig fühlen dafür, dass er einsam war. Für meine eigene Einsamkeit machte ich schließlich auch niemanden verantwortlich.
In dieser Nacht verfolgten mich traurige grüne Augen im Schlaf.
 
12. Kapitel
Ein zärtlicher Mund, der an meinem Hals saugte... Fingerspitzen, die ein brennendheißes Muster auf meine Haut malten...
Ich fuhr hoch und stöhnte frustriert auf. Warum, war mir selbst nicht ganz klar. Weil ich schon wieder von ihm geträumt hatte? Oder weil ich allein im Bett lag? Ich würde wahrscheinlich in meinem Leben nie wieder ruhig schlafen können... Ich verdrängte bewusst jeden Gedanken an ihn. Inzwischen war er sowieso weit weg.
Zum Glück war es bereits Morgen und nicht mehr dunkle Nacht, also stand ich auf, zog mich an und machte mir Frühstück. Dann wollte ich meine Post holen, also öffnete ich die Tür zum Flur... und erstarrte. Auf der Türschwelle lag eine einzelne rote Rose, darunter ein Kuvert. Ich wusste, von wem das war... Aber das konnte doch nicht sein! Er hatte gefälligst im Urlaub zu sein!
Ich legte beides auf die Kommode und ging zuerst hinunter, meine Post holen. Auf dem Rückweg klingelte ich bei Mrs. Vittkowski. Neugierig lugte sie durch den Türspalt, dann öffnete sie ganz und lächelte mich strahlend an.
"Miriam, meine Liebe. Na, haben Sie die Überraschung des jungen Mannes gefunden?"
Ich wunderte mich nicht darüber, dass sie von Brief und Rose wusste.
"Ja, habe ich. Mrs. Vittkowski, ich wüsste gern wie Mr. Richardson ins Haus gekommen ist. Wissen Sie vielleicht, wer ihm geöffnet haben könnte?"
"Niemand, Kindchen. Bei dieser Eiseskälte, die momentan herrscht, schließt das Türschloss nicht richtig. Wenn man dagegen drückt, geht es wieder auf. Ich habe mich schon mehrfach beim Vermieter darüber beschwert, aber Sie wissen ja wie das ist. Eilig hatte der Mann es noch nie..."
"Danke, Mrs. Vittkowski..."
"Wenn Sie heute zu Hause sind, Kindchen, dann kommen sie doch auf einen Kaffee vorbei. Ich habe frischen Käsekuchen gebacken und natürlich wieder viel zu viel."
Ich lächelte sie an.
"Bei Käsekuchen sage ich nicht Nein. Ich komme heute Nachmittag, in Ordnung?"
"Wann immer Sie wollen, Kindchen. Sie wissen ja, ich gehe selten aus. Und noch seltener habe ich Besuch." Sie lächelte zurück.
"Dann bis heute Nachmittag."
"Bis dann, Kindchen."
Ich ging zurück in mein Apartment und sie schloss ihre Tür.
Ich sah zunächst meine Post durch, doch dann hatte ich keine Entschuldigung mehr das Unausweichliche aufzuschieben. Mit zitternden Fingern riss ich das Kuvert auf und faltete das Blatt auseinander, das darin steckte. Seine Handschrift irritierte mich zuerst, da er schwungvoll in Großbuchstaben schrieb, die zum Zeilenende eine leichte Tendenz nach oben hatten. Ich hatte eher einen Computerausdruck erwartet, als einen handgeschriebenen Brief...
 
 
LIEBE MIRIAM,
 
ICH WEISS NICHT, WIE ICH ES ERKLÄREN SOLL. WENN ICH DICH SEHE... DANN IST SOFORT DER WUNSCH DA, DICH ZU KÜSSEN. UND NICHT NUR DAS...
ABER ES IST, WIE ICH SAGTE. ICH WILL NICHT DIE FÜHRUNG HABEN BEI EINER BEZIEHUNG, GLEICH WELCHER ART SIE IST. DESHALB BIN ICH GEGANGEN, BEVOR ES ZU SPÄT DAZU WAR. BEVOR ICH VÖLLIG DIE KONTROLLE VERLOR. ICH WILL DICH SO SEHR, DASS ES MIR SCHON FAST ANGST MACHT...
 
ICH DACHTE, WIR KÖNNTEN VIELLEICHT VON VORN BEGINNEN. UNS AUF DIE TRADITIONELLE ART ZUERST MAL KENNEN LERNEN. DENN ICH MUSS ZUGEBEN, DASS MICH UNSERE BEGEGNUNG ZIEMLICH VERWIRRT HAT.
 
ICH WÜRDE DICH GERN FÜR HEUTE ABEND ZUM ESSEN EINLADEN. ZU EINEM GEMÜTLICHEN KLEINEN ITALIENER, DEN ICH ERST VOR EIN PAAR TAGEN ENTDECKT HABE.
ICH KOMME UM SIEBEN, UM ENTWEDER DICH ODER MEINEN KORB ABZUHOLEN. ICH HOFFE, DICH...
 
PEACE + LUV
 
KEVIN
 
Die Frechheit dieses Kerls brachte mich auf die Palme! Er sagte mir also, dass er nicht die Führung übernehmen wolle und im nächsten Moment diktierte er mich zu einem italienischen Abendessen, das ich nicht mal telefonisch absagen konnte, weil ich seine Nummer nicht hatte? Der sollte ruhig kommen und sich den Korb abholen. Ich würde niemanden über mein Leben bestimmen lassen! Nie wieder!
Als ich einige Stunden später zu Mrs. Vittkowski hinüberging, war ich bei dem Gedanken an den großen, attraktiven Sänger nach wie vor in Rage und wild entschlossen, ihm ein paar boshafte Dinge an den Kopf zu werfen und ihn hinauszuekeln.
 
Mrs. Vittkowski öffnete mir mit einem strahlenden Lächeln und servierte mir umgehend frischen Käsekuchen mit Sahne und heißen Kirschen, in ihrem mit Spitzendeckchen überladenem Wohnzimmer. Und dann lenkte sie das Gespräch unbeirrt auf Kevin...
"Der junge Mann ist wirklich charmant, nicht wahr? Und gutaussehend. Wenn ich nur dreißig Jahre jünger wäre..." Sie lachte hell auf.
"Charmante Männer können mir gestohlen bleiben. Und dieser Mr. Richardson sowieso."
"Warum denn, Kindchen? Hat ein Vertreter des anderen Geschlechts Sie schlecht behandelt?"
"Schlecht behandelt kann man es nennen." Ich hatte keinesfalls vor, ihr meine Lebensgeschichte zu erzählen, da ich nicht wollte, dass nachher das ganze Haus bescheid wusste.
"Und da übertragen Sie die schlechten Erfahrungen einfach von einem Mann auf einen anderen? Das ist aber auch nicht richtig, meine Liebe. Ich werde Ihnen mal etwas erzählen. Vor vielen Jahren, als ich noch jünger war als Sie heute, lernte ich einen Mann kennen, in den ich mich sofort unsterblich verliebte. Wir heirateten und waren lange Zeit glücklich. Er war der zärtlichste Liebhaber, den Sie sich vorstellen können..." Sie errötete leicht bei der Erinnerung.
"Aber eines Tages verlor er durch einen Unfall eine Hand. Er war dadurch nicht mehr in der Lage zu arbeiten. Das machte ja nichts, schließlich hatte ich zwei gesunde Hände, also arbeitete ich statt seiner. Aber er wurde von Tag zu Tag zorniger und hasserfüllter. Auf sich selbst, weil er sich als nutzlos empfand, und auch auf mich. Weil ich diejenige war, die Geld heimbrachte. Er begann mich zu schlagen. Zuerst nur hin und wieder, aber dann..."
Sie seufzte leise auf und ich drückte tröstend ihre Hand. Dankbar lächelte sie mich an.
"Es wurde so schlimm, dass ich unser Kind verlor. Ich habe nie erfahren, ob es ein Junge oder ein Mädchen geworden wäre. Und ich selbst starb auch fast dabei... Als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, holte mich der beste Freund meines Mannes ab. Er wusste nicht, was bei uns vor sich ging. Und er war mir nie geheuer gewesen, denn er war größer als mein Mann, kräftiger. Und er hatte ein wirklich hässliches Gesicht. Er sah richtig brutal aus, wie man sich Gauner und Strauchdiebe eben so vorstellt." Sie schüttelte langsam den Kopf.
"Kaum war ich daheim und der Freund meines Mannes aus der Tür, ging es schon wieder los. Ich konnte mich einfach nicht wehren, ich war zu schwach und wohl auch falsch erzogen. Ich bin ja eine ganz andere Generation als Sie, Kindchen... Er schlug mich mit der Faust, trat nach mir, es war schrecklich. Wieder und wieder schlug er mich ins Gesicht. Ich verschränkte die Arme über den Kopf, um mich zu schützen. Ich sah ihn nicht an, in der Hoffnung er würde dann eher aufhören. Und plötzlich... hörte er auf. Aber nicht freiwillig. Sein Freund, der mit dem brutalen Gesicht, hatte mich wohl schreien gehört und war zurückgekommen. Er packte meinen Mann, zerrte ihn von mir weg und stellte sich zwischen uns. Als mein Mann weitertobte, hob er mich kurzerhand hoch und nahm mich mit zu sich nach Hause. Er ließ mich in seinem Bett schlafen, schlief selbst in seinem Wohnzimmer auf dem Boden, er kümmerte sich um mich, obwohl ich noch immer vor ihm zurückzuckte. Mein Mann hatte mir die Angst vor Männern richtiggehend ins Gehirn geprügelt... Aber nach einigen Monaten... Ja, Kindchen, Sie haben richtig gehört. Es dauerte Monate. Aber schließlich vertraute ich ihm. Er war ein hässlicher Riese, und zugleich der sanfteste Mann, den ich je kennen lernte.
Mein Ehemann soff sich innerhalb kurzer Zeit tot und ich war Witwe und damit frei. Frei, um meinen Retter zu heiraten... Lennard Vittkowski. Ich habe es nie bereut." Sie lächelte verträumt und voller Zuneigung.
"Warum ich Ihnen das erzähle, Kindchen... Es gibt so viele Männer auf dieser Welt. Viele davon sind schlecht. Aber es gibt auch die Anderen. Die Guten. Und davon, das schwöre ich Ihnen, gibt es mehr. Werfen Sie also nicht alles Mannsvolk in einen Topf. Ihr Mr. Richardson... Seine Augen sind so sanft wie die meines Lennard. Ich glaube nicht, dass er Sie absichtlich verletzen würde. Und, ganz unter uns, ein so attraktives Exemplar sollte man doch wenigstens mal ausprobieren, wenn man, wie Sie, ungebunden ist. Hm?" Sie blinzelte mich verschwörerisch an.
"Sie haben Recht damit, dass er attraktiv ist... Aber ich will eben keinen Mann." Angestrengt rührte ich in meinem Kaffee.
"Oh, das sah aber ganz anders aus, letztens im Hausflur. Und wenn ich den Fleck da an Ihrem Hals richtig deute..."
Errötend zupfte ich mein Halstuch zurecht.
"Ich würde mir die Chance jedenfalls nicht entgehen lassen, Kindchen. Ein bisschen Spaß zu haben ist ja nicht verboten. Und wenn ich meinen Augen noch trauen kann, will er mit Ihnen Spaß haben. Das verpflichtet Sie ja erst mal zu nichts. Was hat er Ihnen eigentlich geschrieben, Kindchen?"
"Er schrieb, er wolle mich richtig kennen lernen. Er hat mich für heute Abend zum Essen eingeladen."
Mrs. Vittkowski zog erstaunt die Brauen hoch.
"Er will Sie kennen lernen? Ach du meine Güte."
"Stimmt etwas nicht, Mrs. Vittkowski?" fragte ich besorgt.
"Ja... Nein... Es ist nur... Wenn er Sie kennen lernen will, dann glaube ich, er will mehr als nur Spaß..."
"Aber ich nicht. Nein. Das heißt, ich will nicht einmal Spaß."
"Ach, deshalb glänzen Ihre Augen jedes Mal so, wenn wir über ihn reden? Weil sein Körper Ihnen völlig gleichgültig ist, Kindchen?" Sie kicherte, als sie mich wieder erröten sah. "Was fiel Ihnen denn als erstes an ihm auf?"
"Seine Augen. Ich stand vor ihm und hatte grade etwas an seinem T-Shirt ausgebessert. Dann sah ich ihm direkt in die Augen..."
Sie neigte bedenklich den Kopf von einer Seite zur anderen.
"Beschreiben Sie sie mir."
"Sie sind..." Ich überlegte einen Moment. "...grün und werden nach innen haselnussbraun. Aber sie wechseln je nach Lichteinfall die Farbe. Bei hellem Licht von der Seite sind sie hellgrün, bei gelbem Licht fast bernsteinfarben. Und wenn er erregt ist, werden sie dunkel. Aber am meisten irritiert mich die Art, wie er mich ansieht. So intensiv..."
"Sie sollten mit ihm essen gehen, Kindchen. Und ihm dabei Ihren Standpunkt klarmachen. Ihm sagen, dass Sie kein Interesse an einer Beziehung haben. Das sollte ihn eigentlich von Ihnen abbringen."
"Das hoffe ich, Mrs. Vittkowski. Das hoffe ich..."
Doch sie hatte geklungen, als bezweifelte sie ihre Worte selbst...
 
13. Kapitel
Was zur Hölle tat ich hier nur. Ich hatte mich umgezogen - drei Mal... - und mich sogar geschminkt. Und jetzt sah ich immer wieder nervös auf die Uhr. Sehnte ich ihn herbei, oder wollte ich es nur hinter mich bringen? Ich wusste es selbst nicht.
Es klopfte, auf die Minute pünktlich, an der Tür. Ein Blick durch den Spion überzeugte mich davon, dass er in seinem Mantel genauso attraktiv war wie in der Lederjacke.
Ich öffnete, versuchte ihn nicht direkt anzusehen, aber sein Aufatmen brachte mich doch dazu hoch zu schauen.
Er lächelte sanft. "Das sieht nicht nach einem Korb aus... Hallo Miriam."
"Hallo..." hauchte ich. Ihm so dicht gegenüber zu stehen, verschlug mir den Atem.
Er zog die Hand hinter dem Rücken hervor, wo er die ganze Zeit etwas vor mir versteckt hatte. Es war eine einzelne weiße Rose, die einen zarten Duft verströmte. Er hielt sie mir wortlos hin, aber noch immer mit diesem Lächeln. Ich nahm sie, ebenso wortlos, und stellte sie schnell zu ihrer roten Schwester in die Vase im Korridor.
Als ich aus der Tür getreten war und abgeschlossen hatte, bot Kevin mir seinen Arm. Ich ignorierte die Geste und ging ihm zur Haustür voraus. Ich konnte aber nicht verhindern, dass er vor mir da war und sie mir öffnete.
Während der Fahrt zu dem italienischen Lokal schwieg ich. Er sah unterwegs hin und wieder zu mir herüber, aber ich wandte mich nicht zu ihm um. Zu groß war die Gefahr, dass ich mein Vorhaben bei dem Blick in seine faszinierenden Augen völlig vergaß. Aber im Restaurant konnte ich ihm nicht länger ausweichen. Denn nachdem er mir den Stuhl zurechtgerückt hatte, setzte er sich mir gegenüber...
"Was möchtest du trinken? Wein? Es gibt hier einen sehr guten Chianti."
Ich nickte einfach. Irgendwie bekam ich den Mund nicht richtig auf, wenn er mir so nah war.
"Miriam?" Er klang leicht besorgt.
"Hm?" Verflixt! Das war als hätte ich ein zähes Kaubonbon zwischen den Zähnen kleben.
"Geht es dir gut? Du bist ganz blass."
Klar ging es mir gut. Ich wünschte mich nur heim, in mein Bett...
Das "Alles klar." würgte ich fast hervor. Ich starrte dabei auf meinen leeren Teller, als gäbe es da etwas besonderes zu sehen.
"Du hast immer noch Angst vor mir." seufzte er enttäuscht.
"Ich habe vor nichts und niemandem Angst." stellte ich leise klar.
"Warum siehst du mich dann nicht an? Bin ich so hässlich?"
Mein Kopf fuhr hoch und ich starrte ihn verblüfft an.
"Hässlich??" ich schlug mir die Hand vor den Mund, um nicht noch so was blödes zu sagen. Durch meine Dummheit wusste er jetzt, dass ich ihn alles andere als hässlich fand. Ich hatte ihm schon wieder einen Vorteil eingeräumt... Er lächelte sein tiefgründiges Lächeln.
Glücklicherweise rettete mich der Kellner für den Moment. Kevin nahm die Karte entgegen und bestellte den Wein.
"Und was möchtest du essen? Ich kann die Lasagne sehr empfehlen."
"Nein, ich nehme lieber die Spagetti." Allein... an einem anderen Tisch...
Der Kellner brachte den Chianti, schenkte uns ein und schrieb unsere Bestellung auf.
Ich war nervös, viel zu nervös, und trank einen Schluck um das trockene Gefühl aus meinem Mund zu vertreiben. Leider war der Wein auch trocken.
"Ich mag die italienische Küche sehr. Ich möchte gern mal für ein paar Monate mit dem Motorrad durch Italien fahren. Aber im Moment ist das einfach nicht drin. Ich würde wohl dauernd erkannt und angehalten." erzählte er. Er wirkte, im Gegensatz zu mir, völlig entspannt. "Wovon träumst du so? Was würdest du tun, wenn du machen dürftest was du willst?"
Das Grab meines Vaters besuchen... Ich nahm noch einen Schluck Wein, um ein wenig Zeit zu gewinnen.
"Ich würde gern eine Reise durch Europa machen. Paris sehen, London, Madrid. Und dann in der Schweiz Skilaufen gehen." log ich. Wieder nach Europa zu fahren, wo ich meinen Exmann kennen gelernt hatte, würde mir nicht im Traum einfallen.
"Ich fand Deutschland sehr schön. Dort gibt es fantastische Burgen und Schlösser. Aber jedes Mal wenn ich dort war, hatte ich Heimweh. Landschaftlich sieht es da fast so aus wie zu Hause in Kentucky."
Also kein Cowboy, sondern ein Farmer... Na, ob er jetzt Rinder markierte oder Pferde, so groß war der Unterschied nicht. Ich überprüfte kurz, ob mein Halstuch den Fleck noch verdeckte.
"Wenn Sie Heimweh hatten in Deutschland, warum sind Sie dann jetzt, im Urlaub, nicht nach Hause gefahren?"
Er sah mir direkt in die Augen und ich war nicht in der Lage wegzusehen. Unruhig begann ich mit meiner Gabel zu spielen, doch dann legte er seine warmen Finger über meine.
"Ich bin wegen dir noch hier."
Ich zog meine Hand so heftig zurück, als hätte er sie mir verbrannt. Meine Gabel landete scheppernd auf den Fliesen.
Kevin sah mich weiter ruhig an, während ich versuchte meine Atmung wieder unter Kontrolle zu bringen.
Der Kellner kam mit dem Essen und tauschte umstandslos mein Besteck aus. Eine Weile schaffte ich es, mich ausschließlich mit meinen Spagetti zu beschäftigen. Allerdings schmeckten sie irgendwie nach gar nichts. Und der Appetit war mir sowieso vergangen. Wie konnte ich diesen Abend überstehen? Wenn ich ihm jetzt sagte, dass ich keine Beziehung haben wollte, musste ich mir möglicherweise den ganzen restlichen Abend seine Versuche anhören, meine Meinung zu ändern.
"Haben Sie Geschwister?" erkundigte ich mich. Es sollte interessiert klingen, doch ich quiekste es fast heraus. Fahrig griff ich wieder nach meinem Glas und wunderte mich, dass es schon leer war. Kevin schenkte mir sofort nach.
"Ich habe zwei ältere Bruder. Jerald Jr. und Tim." Er lächelte versonnen. "Wie merkwürdig, dass es Leute gibt, die noch nichts von den Backstreet Boys gehört haben. Normalerweise sagen mir wildfremde Menschen, ich soll Mom und meine Brüder grüßen. Hast du überhaupt schon mal unsere Musik gehört?"
"Ein, zwei Mal. Sie machen Popmusik, oder?" Allmählich begann auch ich mich zu entspannen. Das lag möglicherweise an den zwei Gläsern Chianti, die ich inzwischen intus hatte.
"Wir machen eine Mischung aus R 'n B, Soul und Pop. Hauptsächlich Liebeslieder und Balladen. Ein bisschen in Richtung BoysIIMen."
"Aha." Mir war nach kichern zumute, aber ich versteckte das im neu aufgefüllten Weinglas. Überhaupt war es jetzt unlogisch zu kichern, oder?
"Du hast kaum was gegessen." meinte Kevin besorgt. "Ist wirklich alles in Ordnung?"
Ich nahm den nächsten Schluck und lächelte ihn strahlend an.
"Alles klar."
Er zog die Augenbrauen zusammen, bis zwei steile Falten über seiner Nasenwurzel erschienen. Ich fand das lustig, warum auch immer, und konnte mir wieder das Lachen kaum verkneifen.
Sein Gesicht hellte sich daraufhin ebenfalls auf und seine geschwungenen Lippen verzogen sich zu einem amüsierten Lächeln.
"Ich glaube, du hast einen Schwipps. Trinkst du sonst keinen Alkohol?"
Ich dachte ernsthaft über die Frage nach.
"Nein."
Ich hörte ihn leise lachen, doch ich verstand nicht warum.
"Hast du Geschwister, Miriam?"
Ich trank etwas Wein und behielt das Glas in der Hand.
"Nein. Ich bin allein."
"Allein? Was ist denn mit deinen Eltern?"
"Meine Mom hat sich die Pulsadern aufgeschnitten. Da war ich fünf, glaube ich... Nein, sechs... Nein, doch fünf... Und Daddy hatte einen Hersch... Hertsch... einen Infarkt. Vor ein paar Jahren." Ich trank das Glas leer und linste zu ihm hinüber. Er war ernst geworden. Er sollte lieber lachen, das stand ihm viel besser.
"Dann bist du wirklich ganz allein."
"Ja, ganz allein. Zum Glück. Ich bin John endlich los." Das hatte ich eigentlich nicht sagen wollen.
"Ist John derjenige, der dir so weh getan hat?" hakte er behutsam nach.
Ich drehte die Innenseite meines Arms nach oben und zupfte umständlich den Ärmel hoch. Die lange Narbe, die vom Handgelenk bis fast zur Mitte des Unterarms reichte, zeichnete sich weiß gegen meine helle Haut ab.
"Das..." Ich tippte auf die Narbe und nahm mir Kevins Glas. "...war er." Ich trank sein Glas auf einen Zug leer und sah ihn dann irritiert an. Er presste die Lippen zu einem Strich zusammen und seine Augen funkelten vor Wut, als er die Narbe betrachtete.
Ich verspürte plötzlich das Bedürfnis, mich in seine Arme zu schmiegen und von ihm beschützen zu lassen...
Energisch schüttelte ich den Kopf. Ich war doch hier um ihm zu sagen, dass ich ihm nichts zu sagen hatte. Oder so ähnlich... Verflixt, was wollte ich ihm noch mal sagen? Ich stützte den Kopf in die Hand und rieb mir über die Stirn, aber der Nebel ließ sich nicht daraus vertreiben.
"Ich glaube, wir sollten gehen, Miri." sagte eine sanfte Stimme neben mir.
Ich sah auf. Kevin kniete neben meinem Stuhl und legte den Kopf schief, um mir in die Augen sehen zu können.
"Hmhm..." machte ich zustimmend.
Er half mir hoch, steckte meine Hände in die Mantelärmel und legte dann einen Arm um meine Taille, um mich zu stützen.
Als wir aus der Tür des Restaurants auf die Straße traten, wurde mir schwummerig. Ich bekam nur halb mit, wie Kevin mir in seinen Jeep half und mich anschnallte. Ich rollte mich auf dem Sitz zusammen und schloss müde die Augen.
Sekunden später, so schien es mir zumindest, hob Kevin mich aus dem Sitz, auf seine Arme. Seufzend umschlang ich seinen Hals und kuschelte mich an ihn. Er roch so gut... Und er war stark. So stark, dass er mich ins Haus, die Treppen hinauf und bis zu meiner Apartmenttür tragen konnte. Er schloss sie auf, stieß sie mit dem Fuß hinter uns wieder zu und stellte mich im Korridor langsam auf die Füße.
Ich blinzelte zu ihm hoch. Ach... jetzt wusste ich es wieder! Ich taumelte leicht, während ich ihn spitzbübisch angrinste.
"Was denn?" fragte er leise.
"Es ist mir wieder eingefallen. Ich will dir sagen, dass ich nichts mit dir zu tun haben will. Ich will keinen Mann. Nicht für eine Nacht und erst recht nicht für mehr." erklärte ich triumphierend. Dann stellte ich mich auf die Zehenspitzen, schlang meine Arme um seinen Hals und presste meine Lippen auf seine.
Er stöhnte überrascht auf, öffnete aber bereitwillig den Mund als meine Zunge darüber fuhr. Ich vertiefte den Kuss, erkundete seinen Mund, streichelte seinen Rücken und seinen Po.
Ich brauchte drei Anläufe, um ihm den Mantel abzustreifen, aber ich schaffte es schließlich. Er dagegen brauchte nur einen Versuch, um mir meinen geschickt von den Schultern zu schieben, während mir seine Lippen an meinem Hals den Rest Verstand raubten. Das Halstuch fiel vergessen zu Boden. Ihm folgte mein Haarband, als er mir mit den Fingern durch die Haare fuhr. Er zog mich eng an sich, streichelte meinen Körper. Und ich rieb mich an ihm, wie eine liebeskranke Katze.
Plötzlich schob er mich mit einem Ächzen von sich und hielt mich, eine Armlänge entfernt, fest. Benommen schaute ich auf in seine fiebrig wirkenden Augen.
"Das ist genug, meine Süße. Du bist betrunken und nicht ganz bei dir." erklärte er rau atmend.
"Das ist nicht wahr... Ich weiß genau, dass ich dich will." schmollte ich und schmiegte mich wieder an ihn.
Mit einem fast schmerzlichen Laut hob er mich hoch und stieß die nächste Tür auf. Es war das Schlafzimmer. Er trug mich hinein und legte mich sacht auf das Bett. Dann zog er mir die Schuhe und die Hose aus, deckte mich zu und kniete sich neben mich. Er verteilte sanfte kleine Küsse auf meinem Gesicht.
Ich schloss genießerisch die Augen und hatte Mühe sie wieder zu öffnen.
"Meine süße, begehrenswerte Miri. Wenn du wüsstest, was du mit mir anstellst..." Er küsste mich heiß, um sofort wieder auf Abstand zu gehen. "Wenn wir zwei es jetzt tun, würdest du es morgen früh bitter bereuen. Du bist noch immer nicht soweit. Dein Herz sagt ja, doch dein Verstand sagt nein. Und den hast du heute Abend, ohne es zu wollen, ausgeschaltet. Schlaf gut, Miriam. Und träum süß. Träum von mir, Miriam. So wie ich jede Nacht von dir träume."
Ich murmelte einen Protest, ohne die Augen zu öffnen. Es war sowieso viel zu anstrengend.
"Noch eins, meine Süße. Sag meinen Namen. Bitte, nur dies eine Mal..."
Ich öffnete den Mund und seufzte. Dann versank ich in der warmen Dunkelheit, die angefüllt war mit seinem Duft. Ich hörte nicht mehr, wie er seufzend aufstand und sich kurze Zeit später die Apartmenttür hinter ihm schloss.
 
14. Kapitel
Sonnenstrahlen fielen auf mein Gesicht. Autsch... Warum hatte ich denn Kopfschmerzen?
Langsam sickerte die Erinnerung an einige Gläser Chianti in meinen Kopf. Die hingen allerdings eng mit dem Bild eines attraktiven dunkelhaarigen Mannes zusammen.
Oh nein... Ich zerrte das zweite Kissen zu mir und zog es mir über den Kopf, um mich darunter zu verstecken. Was zum Teufel war gestern passiert?
Okay, wir waren ins Restaurant gefahren und hatten uns dort unterhalten. Kevin war sehr höflich und charmant gewesen und ich hatte zuviel getrunken, um meine Nervosität in den Griff zu bekommen. Dann waren wir zurückgefahren und... Nachdenklich runzelte ich die Stirn. Und wie war ich in mein Bett gekommen???
Ich warf das Kissen von mir, schlug hastig die Decke zurück und sah an mir runter. Ich trug noch das Top von gestern Abend. Gott sei dank... Dann war er unmöglich lange geblieben, nachdem er mich die Treppe hochgetragen hatte.
Ich machte eine gedankliche Vollbremsung. Treppe?? Hochgetragen??? Oh mein Gott!!!
Ich sprang aus dem Bett und stellte mich umgehend in voller Montur unter die kalte Dusche. Vor Kälte bibbernd, kramte ich dort den Rest des vergangenem Abends zusammen.
Ich hatte ihn geküsst. ICH hatte IHN geküsst! Und das direkt nach meiner Erklärung, ich wolle keine Beziehung mit ihm haben. Toll Miriam! Sehr überzeugend!
Aber statt die Situation auszunutzen, wie es wohl die meisten Männer getan hätten, hatte er mich zu Bett gebracht und war gegangen...
Es klopfte.
Ich kam aus der Dusche, streifte die nassen Sachen ab und zog den Bademantel über. Dann atmete ich tief durch und öffnete die Tür. Es war, wie erwartet, Mrs. Vittkowski. Sie bekam hier im Haus ja alles mit, also bestimmt auch das gestern Abend...
"Na, Kindchen? Kopfweh? Ich habe hier Tee und Aspirin für Sie." Sie wedelte unternehmungslustig mit einer Thermoskanne und humpelte mit ihrem Stock an mir vorbei, Richtung Wohnzimmer. "Das war wohl nichts, gestern Abend? Ich meine, Sie wollten ihm ja sagen, dass Sie keine Beziehung mit ihm wollen."
Ich folgte ihr und setzte mich neben sie auf die Couch.
"Nein, nicht wirklich." stimmte ich ihr zu.
"War aber ein schönes Bild wie er, mit Ihnen auf den Armen, die Treppe hochkam. Man erkennt viel im Blick eines Mannes, wenn er die Frau ansieht die er liebt."
"Nein!" Schockiert sprang ich auf. "Er liebt mich nicht! Er kann mich nicht lieben!"
"Warum?" fragte Mrs. Vittkowski interessiert.
"Weil... weil... Weil er mich gar nicht kennt!" Ich stürmte zum Fenster und starrte hinaus, doch das Einzige, was ich sah, war Kevins zärtliches Lächeln.
"Kindchen, Kindchen, Kindchen... Es gibt so etwas wie ein... tieferes Erkennen. Auf seelischer Ebene. Einige würden es als "Liebe auf den ersten Blick" bezeichnen. Aber es kann auch auf den Zweiten passieren, oder auf den Dritten... Tatsache ist, dass man nichts dagegen tun kann, wenn es einen erst mal erwischt hat. Und Ihren jungen Freund hat es voll erwischt, so wie er Sie angesehen hat, als Sie in seinem Armen lagen. Das sprach eine deutliche Sprache. Die Frage ist nur, was fühlen Sie?"
"Nichts." Ich drehte mich zu ihr herum.
"Was passierte denn, nachdem er Ihre Apartmenttür hinter Ihnen beiden geschlossen hatte?" fragte sie mit schiefgelegtem Kopf.
"Ich..."
"Ja?"
"Ich... habe ihn... geküsst..."
Sie zog die Brauen hoch und sah mich ironisch an.
"Aber das lag nur daran, dass er mich sexuell erregt. Weiter ist es nichts. Ich hatte lange nichts mit einem Mann und deshalb..." Ihr skeptischer Blick ließ mich verstummen.
"Na, wie auch immer. Ich muss noch Besorgungen machen, Kindchen." Sie stand auf und ging zur Tür, ich folgte ihr. Doch als sie die Tür öffnete, blieb sie erst wie angewurzelt stehen und bückte sich dann erstaunlich gewandt.
"Wenn Sie ihn wirklich nicht wollen, Kindchen, dann schicken Sie ihn zu mir. Attraktive romantische Männer sind heutzutage rar." Damit drehte sie sich um und drückte mir eine gelbe Rose in die Hand.
Ich stand noch immer wie erstarrt da, als ihre Tür ins Schloss fiel.
 
Bis zur Mittagszeit wanderte ich ziellos von der Küche ins Wohnzimmer und wieder zurück und grübelte. Nein, er konnte einfach nicht in mich verliebt sein... Ich interessierte ihn vielleicht und hatte durch meine ablehnende Haltung seinen Jagdinstinkt geweckt. Aber das würde sich geben, ganz sicher. Das war nichts ernstes. Auf keinen Fall. Mrs. Vittkowski musste sich täuschen. Und dass ich ihn geküsst hatte, lag einfach an dieser sexuellen Spannung zwischen ihm und mir. Ja, genau.
Erleichtert ließ ich mich auf die Couch sinken. Nein, da war nichts zwischen ihm und mir.
In diesem Moment klopfte es. Bestimmt war Mrs. Vittkowski vom Einkaufen zurück und wollte nun an unser Gespräch von heute morgen anknüpfen.
Ich öffnete, aber es war nicht Mrs. Vittkowski. Es war Kevin... Er lächelte mich an...
"Hallo Miriam."
Ich starrte ihn an, wie er locker vor mir stand, zwei Papiertüten im Arm.
"Verdammt kalt draußen, nicht wahr? Lässt du mich rein?"
"Wie kommen Sie jedes Mal ins Haus?"
Er zuckte lässig mit den Schultern.
"Die Tür unten lässt sich einfach aufdrücken."
"Sie könnten trotzdem aus Höflichkeit klingeln." Ein unausgesprochenes "Mister" lag in der Luft.
"Das hätte ich auch getan, wenn ich nicht beide Hände vollgehabt hätte." Er hob die Tüten ein Stück höher, um seine Aussage zu untermauern. "Darf ich jetzt rein? Die sind schwer."
Wiederstrebend ließ ich ihn eintreten.
"Was ist da überhaupt drin?" erkundigte ich mich misstrauisch.
"Unser Mittagessen. Du hast doch noch nicht gegessen?"
"Nein..." Ich folgte ihm ins Wohnzimmer und bemerkte wie er sich interessiert umsah, als er die Tüten auf dem Tisch abstellte.
"Gemütlich hast du es hier." Er ging zur Kommode, wo der Bilderrahmen stand. Ich hatte meinen Dad gezeichnet und dieses Bild gerahmt, weil ich keine Fotos von ihm hatte. Die waren alle in unserem ehemaligen Zuhause, in einer Schachtel auf dem Dachboden. Hoffte ich... Vielleicht hatte John sie auch weggeworfen.
Kevin sah sich die Zeichnung genau an, als wolle er sie sich einprägen. Dann kam er zurück zum Tisch.
"Ich hoffe, du hast Hunger."
Ja, den hatte ich. Zumal ich gestern Abend nicht viel gegessen und mir heute Morgen zu sehr den Kopf zerbrochen hatte, um ans Essen zu denken. Ich sah zu, wie er sich auf die Couch setzte, mehrere Päckchen aus den Tüten holte und hineinsah.
"Magst du chinesisch? Ich habe hier eine Portion Chop Suey, einmal Bami Goreng... und was das hier ist, kann ich nicht genau definieren..."
Ich erkannte das Emblem des chinesischen Restaurants, zwei Blocks weiter. Da ging ich auch manchmal essen. Ich warf einen kurzen Blick in die Packung, deren Inhalt er kritisch musterte.
"Nasi Goreng." klärte ich auf.
"Also magst du chinesisch." Er lächelte erleichtert.
Ich sagte weder ja noch nein, sondern nahm mir ein Paar Stäbchen und die gebratenen Nudeln, umrundete den Tisch und setzte mich in den Sessel, so dass das Möbel als Abstandshalter zwischen ihm und mir war. Ein belustigtes Lächeln huschte über sein Gesicht, doch er sagte nichts. Schweigend aßen wir eine Weile, wobei er immer wieder zu mir herüber sah.
"Ich habe letzte Nacht nachgedacht." meinte er schließlich.
Ich sah auf. "Ach ja? Worüber?"
Er lächelte geheimnisvoll. "Über uns natürlich. Ich hatte ja viel Zeit dazu..." Er seufzte leise.
"Uns? Es gibt kein uns. Warum sehen Sie das nicht einfach ein?" Meine Güte, klang meine Stimme wirklich so dünn?
"Vielleicht, weil ich noch immer deine Lippen auf meinen spüre..." sagte er, kaum hörbar.
Ich fühlte meine Wangen heiß werden.
"Aber das tut nichts zur Sache. Wenn du nicht mit mir zusammen sein willst, kann ich dich nicht dazu zwingen. Ich möchte dir aber etwas vorschlagen." Er sah mich ernst an. "Ich mag dich. Und ich würde mich gern hin und wieder mit dir treffen, auf rein freundschaftlicher Basis. Einfach ein bisschen Spaß haben. Was hältst du davon?"
Spaß haben? Mit ihm? Krampfhaft versuchte ich das Bild zu verdrängen, das mir automatisch vor Augen stand. Er und ich, nackt in meinem Bett... Ich konnte nur hoffen, dass man mir meine Gedanken nicht ansah.
"Was halten Sie also davon, Miss Milton?" fragte er leise.
Sie? Miss Milton? Damit sicherte er mir grade den Abstand zu, um den ich mich seit Tagen vergeblich bemühte...
"Aber Sie haben doch eigentlich Urlaub. Werden Sie nicht zu Hause erwartet?"
Er zuckte mit den Schultern. "Ich werde demnächst für ein paar Tage hinfliegen. Aber ich höre mich im Moment hier in New York nach einer Rolle in einem Musical um. Und solange das dauert, sitze ich hier sozusagen fest. Ganz allein." Er wirkte plötzlich wie ein einsamer kleiner Junge. Wie zum Teufel machte er das?
"Würden Sie mir ein wenig Gesellschaft leisten, Miss Milton? Aus Freundschaft?"
Mein Vorsatz Nein zu sagen schwankte unter seinem jungenhaften Blick.
"Bitte..."
Seine weiche dunkle Stimme brachte mein Herz zum Schmelzen. Ich wusste nicht mehr was ich tat, aber sein strahlendes Lächeln sagte mir, dass ich soeben zugestimmt hatte... Ich musste wirklich den Verstand verloren haben. Oder... etwa doch mein Herz? Das durfte einfach nicht wahr sein...
 
15. Kapitel
Ich lief, wie der sprichwörtliche Tiger im Käfig, auf und ab. Jeden Moment konnte es klingeln... Ein Blick auf die Uhr bestätigte mir zwei Dinge. Zum Einen dass es fünf Uhr nachmittags war und zum Anderen, dass ich ihm heute schon zum zweiten Mal begegnen sollte. Er war doch erst vor dreieinhalb Stunden gegangen, verflixt! Wie hatte ich ihm nur zusagen können?
Aber wie hätte ich es nicht tun können? Er war ein äußerst attraktiver Mann. Diese kleine Stimme in mir flüsterte, er sei der heißeste Typ den ich je gesehen hatte... Und außerdem schmeichelte es mir, dass er selbst dann meine Nähe suchte wenn ich keine Affäre mit ihm wollte. Welcher Mann tat so was? Entweder einer der mich wirklich als Freund ansah. Oder einer, der bis über beide Ohren in mich verliebt war und alles tun würde, nur um in meiner Nähe zu sein...
Ich schüttelte verzweifelt den Kopf. Das konnte es nicht sein! Ja, ich war ganz hübsch... Aber in keiner Weise mit den Frauen zu vergleichen, mit denen er ständig zu tun hatte. Was war ich gegen Sylvia? Oder gegen die beiden jungen Frauen auf seiner Geburtstagsparty?
Ich ging ins Bad und stellte mich vor den Spiegel. Große dunkelbraune Augen starrten mich aus einem gespenstisch blassen Gesicht an. Das lange braune Haar hing mir glatt über die Schultern. Ich trug einen dunklen Rollkragenpullover, dessen Ärmel mir fast bis zu den Fingerspitzen reichten, und einen langen beigefarbenen Rock, darunter eine dicke Strumpfhose. Es war nicht so kalt wie in der letzten Woche, aber immer noch kühl draußen und ich war gerüstet. Meine Güte, sah ich spießig aus...
Ich hätte niemals einwilligen dürfen. Warum um alles in der Welt hatte ich seinem Vorschlag, einen Spaziergang zu machen, zugestimmt?
Es klingelte. Ausnahmsweise unten an der Tür. Ich ging an die Gegensprechanlage.
"Ja?" Hoffentlich war er es doch nicht... oder vielleicht wollte er absagen...
"Miss Milton, Ihr Wagen steht bereit. Darf ich Sie zu ihm geleiten?"
Wie konnte der Mann nur so gut gelaunt sein...
"Ich komme." Es gab keinen Ausweg.
 
Das Erste was er tat war, mich bewundernd von oben bis unten zu mustern. Ich fühlte mich nicht grade wohl in meiner Haut... Noch dazu wo er so fantastisch aussah in seiner Lederjacke. Die Sonne, die trotz der Jahreszeit noch wärmte, färbte seine Augen hellgrün und machte die Sommersprossen auf seiner Nase deutlich sichtbar.
Er deutete eine Verbeugung an und reichte mir seinen Arm. In seinen Augen blitzte der Schalk. Ich ließ mich von ihm zu seinem Jeep führen, wo er für mich die Tür öffnete. Dieser Mann hatte Seltenheitswert...
 
Wir fuhren zum Central Park und hatten Glück gleich einen Parkplatz zu finden. Wenig später flanierten wir schweigend zwischen buntbelaubten Bäumen und Grasflächen daher, die zu dieser Stunde noch von den dog-walkers, den Leuten die professionell Hunde ausführten, bevölkert waren.
Es war schön hier. Nirgends in der Stadt merkte man so deutlich, dass es doch noch eine Jahreszeit zwischen Sommer und Winter gab. Wir kamen am Pond vorbei, dem künstlichen Teich an der Südostecke, wo Kinder die Enten fütterten. Den Zoo mieden wir, weil er bei dem schönen Wetter restlos überfüllt war. Wir gingen durch das East Green, blieben eine Weile am Lake stehen und sahen den ferngelenkten Booten zu, dann kamen wir zum Metropolitan Museum of Art.
"Haben Sie Lust sich das anzusehen, Miss Milton?" brach Kevin das einvernehmliche Schweigen.
"Ehrlich gesagt nein. Ich musste es mir so oft ansehen mit Dona... Sie meinte ich könnte mir dort Anregungen für ein neues Design holen."
"Dann entwerfen Sie auch selbst? Ich dachte Sie nähen ausschließlich."
"Ich versuche es zumindest. Allerdings hat Dona bisher bei jedem Stück die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen."
"Dann sollten Sie sich eventuell einen weniger harten Kritiker nehmen." Er lächelte.
"Oh, das würde mir Dona nie verzeihen!" antwortete ich mit einem Lachen.
"Das kann ich mir vorstellen. Sie hat gern ihre Schäfchen in ihrer direkten Nähe. Vor allem wenn sie begabt sind. Möchten Sie dann woanders hin? Vielleicht ins Hayden Planetarium?"
Ich überlegte. "Ich hätte ja gern den Zoo gesehen... Aber da sah man ja vor Menschen keine Tiere mehr."
"Sie mögen Tiere? Waren Sie schon mal im Bronx Zoo?"
"Es gibt in der Bronx einen Zoo?"
"Sogar einen sehr guten. Die Tiere werden dort möglichst artgerecht gehalten. Gut, damit steht unser nächstes Ausflugsziel jetzt fest. Und wohin möchten Sie heute? Ah, ich weiß." Er nahm meine Hand und hakte mich bei sich ein. Wenig später standen wir vor dem American Museum of Natural History.
Die nächsten eineinhalb Stunden sahen wir uns zuerst den berühmten 'Star of India' - den größten Saphir der Welt mit seinen 563 Karat -, riesige Vitrinen mit ausgestopften Exponaten und tropische Schmetterlinge an. Kevin wusste erstaunlich viel, was er mit seiner unstillbaren Neugierde erklärte. Vor der Nachbildung eines Frühmenschen blieb er schließlich eine Weile nachdenklich stehen.
"Was ist denn los?" wollte ich wissen.
"Ich überlege grade, an wen mich dieser Kamerad hier erinnert."
Ich sah genauer hin. Relativ aufrechte Haltung, schlaff herunterhängende Arme, die Stirn in Falten gelegt und ein irgendwie dämlicher Gesichtsausdruck. Ja, mir kam er auch bekannt vor...
"Hm... Ich glaube ich habe ihn mal im TV gesehen." Aber wo war das nur gewesen?
Plötzlich hellte sich Kevins Gesichtsausdruck auf. "Ich hab's. Es ist Mr. George W. Bush."
Unsere Blicke trafen sich, dann brachen wir in lautes Gelächter aus. Die Ähnlichkeit der beiden war wirklich verblüffend!
Wir kicherten immer noch, als wir das Museum verließen. Kein Wunder, versuchte Kevin doch die ganze Zeit vergeblich dieses typische Bush-Gesicht zu machen.
"Besser wir lassen das, sonst brauchen ich noch ein Sauerstoffzelt." keuchte ich.
"Ich schaffe es einfach nicht. Wie kann man nur so dämlich aus der Wäsche gucken?" Er versuchte es ein letztes Mal und überprüfte den Erfolg in der spiegelnden Glastür.
"Es gibt eben Leute, deren IQ sich im Gesicht wiederspiegelt." Ich brach wieder in hysterisches Kichern aus. Oh Mann, ich hatte schon Seitenstechen... Ich atmete bemüht langsam durch, aber als Kevin sich zu mir umdrehte konnte ich nicht mehr ruhig bleiben und verlor fast den Halt unter den Füßen vor Lachen. Er hielt mich fest, bis ich wieder zu Atem kam.
"Jetzt... jetzt ist aber gut." keuchte ich. "Sonst musst du für mich noch einen Krankenwagen rufen."
Wir machten uns auf den Rückweg. Und erst nach einigen Minuten ging mir auf, dass ich ihn eben zum ersten Mal im nüchternen Zustand geduzt hatte. Vorsichtig warf ich ihm einen Blick zu. Ein leichtes Lächeln umspielte seinen Mund, aber da stand nicht dran ob es von dem 'du' herrührte. Wenn ich gar nichts sagte, dann vergaß er es vielleicht. Wenn er es überhaupt gehört hatte.
Es war inzwischen dunkel und wir blieben auf den Hauptwegen, die von Laternen in Lichtinseln getaucht wurden. Nur hin und wieder kamen uns noch Jogger oder Radfahrer entgegen. Es war merklich kühler geworden. Aber da wir in Bewegung blieben, machte es mir nichts aus. Nur meine Hände waren eiskalt. Ich zog die Ärmel des Pullovers darüber und kreuzte die Arme.
Im nächsten Moment blieb Kevin stehen, zog seine Jacke aus und legte sie mir um. Sie war schwer und roch nach Leder und nach ihm.
"Aber..." versuchte ich wenigstens eine Abwehr.
"Du frierst." sagte er nur.
Und ich war so naiv gewesen zu hoffen, er hätte es nicht gehört... Damit waren wir also wieder per Du.
 
Er ließ es sich nicht nehmen, mich bis zu meiner Haustür zu begleiten. Ich stand einen Moment unschlüssig da und wusste nicht was ich sagen sollte. Unsicher blickte ich zu ihm auf. Ich wusste, er hätte mich jetzt gern geküsst. Aber er tat es nicht. Er sah mich einfach mit einem sanften Gesichtsausdruck an.
"Schlaf gut, Miriam." sagte er schließlich leise.
"Du auch..." Ich zögerte noch kurz, dann schloss ich auf und ging hinein. Erst nachdem ich in meinem Apartment war und das Licht anknipste, startete unten der Motor des Jeeps.
 
16. Kapitel
Es war wieder Freitag. Genau eine Woche nach Kevins Geburtstag.
Heute Morgen hatte er mich angerufen und mich in den Bronx Zoo eingeladen. Ich hatte zugesagt... Warum wusste ich selbst nicht genau. Ich versuchte mir einzureden, dass ich gern die Tiere in artgerechter Haltung sehen wollte. Wollte ich auch... Aber diese verräterische kleine Stimme in mir flüsterte permanent, dass ich Kevin noch viel lieber sehen wollte. Ich brachte sie einfach nicht zum Schweigen...
 
Während der Fahrt unterhielten wir uns angeregt über Tiere im Allgemeinen, Tierhaltung in Zoos und bedrohte Tierarten. Mich interessierten diese Themen sehr. Und ihn scheinbar auch, denn er war gut informiert und hatte zum Thema Tierhaltung in Zoos dieselbe Ansicht wie ich: Wenn es schon nötig war sie einzusperren, sei es aus Gründen des Artenschutzes oder der Motivation der Leute sich für Umweltschutz zu engagieren, dann sollten sie auch möglichst artgerecht gehalten werden.
Im Zoo lud er mich zum Mittagessen ein. Natürlich stilechtes Zoofutter, nämlich Hot Dogs. Ich konnte mich nicht dran erinnern, bei welcher Gelegenheit ich zuletzt einen gegessen hatte.
Während wir aßen erzählte Kevin mir ein bisschen über den Zoo. Es gab hier etwa 3800 Tiere, die möglichst nicht in Käfigen, sondern in parkähnlichen Gehegen gehalten wurden. Der Zoo, eigentlich war es der 'International Wildlife Conversation Park', erstreckte sich über 107 Hektar. Es gab eine Hochbahn und den sogenannten 'Bengali-Express'.
Wir sahen uns eine Weile die Bewohner des 'Lions Island' an, die Löwen lagen träge in der Sonne herum und gähnten, und Kevin fiel der eine oder andere Vergleich mit seinen Freunden Howie und Nick dazu ein. Am witzigsten fand ich die Vorstellung, dass Howard Dorough tatsächlich bei einem Videodreh eingeschlafen sei. Und zwar im Stehen, auf ein Verkehrshütchen gestützt...
"Sag ehrlich. Habt ihr überlegt es ihm wegzuziehen?" wollte ich wissen.
"Ja, Nick hat einen Vorschlag in der Richtung gemacht. Aber Howie wachte bei dem Versuch auf. Sein Gesicht hättest du sehen sollen." Kevin schmunzelte.
Wir schlenderten weiter und kamen an ein Tropenhaus.
"Das hier ist die 'World of Birds'. Hier hat man ein Stück tropischen Regenwald entworfen und über 100 Vogelarten hineingesetzt. Tropische Vögel sind wegen der dichten Vegetation sehr viel intensiver gefärbt als unsere Einheimischen. Und sie zwitschern alle durcheinander. Möchtest du es dir ansehen?"
Ich nickte und er öffnete für mich die Tür.
Es war hier drinnen angenehm warm und schweißtreibend feucht. Aber der Anblick der meterhohen Pflanzen, deren Blätter ja schon höher waren als ich, war sehenswert. Lautes Zwitschern erklang von allen Seiten. Hin und wieder sah man im Blattwerk etwas bunt flattern.
Staunend gingen wir über den mit Holzbohlen belegten Weg, als sich plötzlich direkt vor uns ein feuerroter Piepmatz niederließ und uns mit schiefgelegtem Kopf musterte. Er hüpfte näher. Kevin und ich waren stocksteif stehen geblieben, um ihn nicht zu erschrecken. Der Vogel hüpfte noch näher heran, beäugte uns mit seinen schwarzen Knopfaugen, dann tschilpte er kurz und flog davon.
Kevin und ich sahen uns einen Moment wortlos an, dann brachen wir in Gelächter aus.
"Ich könnte schwören er sagte: Was? Ihr gebt mir nichts zu fressen? Na, dann seid ihr uninteressant für mich!" kicherte ich.
"Ganz genau so hat es sich angehört." erwiderte Kevin schmunzelnd.
Wir verließen nach einer Weile das Vogelhaus. Hier draußen war es jetzt allerdings sehr kühl, weil wir von der Feuchtigkeit da drinnen verschwitzt waren.
"Okay, entweder wir gehen, damit wir uns keine Lungenentzündung holen, oder aber wir bleiben noch, dann aber in geheizten Räumen."
"Ich möchte noch nicht gehen..." Ich fand es so schön hier. Vor allem in seiner Gesellschaft...
"Gut, dann gehen wir jetzt zu einem meiner Favoriten." Er legte einen Arm um meine Schultern, als er merkte dass ich fror, und führte mich zu einem fensterlosen Gebäude.
"Willkommen in der 'World of Darkness'." sagte er leise, als wir es betraten.
Ja, dunkel war es hier wirklich. Schummrige Lampen an den Wänden gaben grade genug Licht um zu sehen wohin man trat. Es erinnerte mich unwillkürlich an das Innere einer Höhle, vor allem da die Wände konturlos in Decke und Boden übergingen. Es war gruselig wie in einer Geisterbahn.
"Komm, ich möchte dir ein paar Freunde von mir vorstellen." Kevin zog mich sanft in eine Ecke, wo man auf den zweiten Blick eine Scheibe in der Wand erkennen konnte. Im Raum dahinter hingen kleine schwarze Regenschirmchen von der Decke, die hin und wieder zappelten wenn sie herunterzufallen drohten.
"Gott, sind die süß..." Staunend betrachtete ich eine der Fledermäuse, die ganz nah an der Scheibe hing. Ihr Näschen zuckte unentwegt, sie ließ die Ohren kreisen.
"Die meisten Menschen haben Angst vor ihnen. Ich verstehe wirklich nicht warum, aber es könnte mit dem Vampirmythos zu tun haben. So ein Blödsinn..." In Kevins Stimme schwang Verärgerung mit. "Sie sind auch nicht kalt, wie so viele glauben, sondern Warmblüter. Sogar ihre Flügel sind warm. Sie fühlen sich ein bisschen ledrig an, aber das Fell am Körper ist ganz flaumig. Die meisten Fledermäuse ernähren sich von Insekten, Obst und Nektar. Nur der 'Echte Vampir', er gehört zu den Blattnasen-Fledermäusen und lebt im Gebiet von Mexiko bis Paraguay, und der 'kleine Vampir', der lebt in Brasilien, saugen Blut von Wirbeltieren, meist von Vieh. Und dabei ist das Infektionsrisiko höher als die Gefahr durch die Fledermäuse selbst. So viel Panik um solche Winzlinge... Die beiden Arten sind nur sieben, beziehungsweise fünf Zentimeter groß."
"Sie kennen sie eben nicht. Alles, was die Menschen nicht kennen, ängstigt sie." meinte ich leise.
"Ja... Aber du scheinst sie zu kennen. Du hast überhaupt keine Angst vor ihnen, warum nicht?"
Ich drehte mich zu ihm um und sah ihm in die dunklen Augen, deren Ausdruck mir im Dämmerlicht verborgen blieb.
"Mein Vater liebte Tiere. Als wir feststellten, dass durch ein Loch im Dach kleine ungeladene Gäste jeden Tag ein und aus flatterten, haben wir uns über Fledermäuse informiert. Damals war ich grade sieben. Als ich eines Tages eine Verletzte fand, brachten wir sie in die nächste Aufzuchtstation, wo sie gesundgepflegt wurde. Sie wurde später beringt und freigelassen. Mein Vater und ich haben uns immer ausgemalt, dass sie auf unseren Dachboden zurückgefunden hat..."
"Du musst deinen Vater sehr geliebt haben."
"Ja, das habe ich..." Meine Stimme brach.
Kevin zog mich sofort in seine Arme. "Ssschhhh... schon gut... weine ruhig..."
Er hielt mich fest, bis mein Tränenfluss versiegte. Dann hob er mein Kinn an und wischte mir sanft mit den Fingern die Tränen von den Wangen.
"In deinem Herzen wird er für immer bei dir sein. Nichts kann dir das nehmen." Mit dem Daumen wischte er eine letzte Träne weg. Dann schlang er seinen Arm um meine Taille und wir gingen langsam weiter durch das Dämmerlicht, bis ich mich soweit beruhigt hatte der Sonne zu begegnen.
 
Wir blieben den Rest des Nachmittags zusammen, sahen uns einen Film an, aber viel gesprochen wurde nicht mehr zwischen uns. Irgendwie tat es gut, dieses stille Einvernehmen. Es gab mir das Gefühl dass er mich verstand, zumal auch er seinen Vater verloren hatte, und auch ein Gefühl der Geborgenheit. Heute wollte ich dieses Gefühl einfach genießen. Und Morgen konnte ich mir Gedanken machen, wieso er es überhaupt in mir hervorrief.
 
17. Kapitel
Ich ließ den Samstag langsam angehen. Ich las Zeitung, brunchte dabei, was man eben so macht wenn man sich ablenken wollte. Ich mochte einfach nicht drüber nachdenken, wie nah mir Kevin in den letzten beiden Tagen gekommen war.
Das Telefon riss mich aus meiner Gedankenwelt.
"Milton?"
"Hallo Miriam."
"Hi..." Kevin, wer sonst. Ich setzte mich aufrecht hin und strich mir das Haar aus dem Gesicht. Verflixt, ich saß hier im Bademantel... Moment. War ich irre? Ich hatte kein Bildtelefon. Er konnte mich doch gar nicht sehen. Selbst wenn ich nackt... Nein, nackt hätte ich nicht mit ihm telefonieren können. Da hätte ich aufgelegt...
"Ich hab mich gefragt, ob du eventuell noch nicht auf der Freiheitsstatue warst. Und ob du Lust hättest, mal mit mir raufzugehen. Was meinst du?" riss er mich aus den Gedanken.
"...ich war noch nie da..."
"Hab ich mir fast gedacht. Wie lange lebst du eigentlich in New York? Wenn bei euch zu Hause Fledermäuse unterm Dach wohnten, dann kommst du doch bestimmt nicht hier aus der City?"
"Nein, komme ich nicht. Ich lebe jetzt seit zwei Jahren hier." Seitdem ich vor meinem Mann geflohen bin... Und nichts würde mich dazu bringen irgendwem zu sagen, woher ich stammte.
"Also? Hast du Lust mit mir die alte Lady zu besuchen? Dann sollten wir möglichst bald los. An den Fähren steht man nachmittags Schlange."
Wie konnte ich Nein sagen, wenn er so enthusiastisch klang? "Ich bin in einer halben Stunde fertig."
Die leise Stimme in mir jubelte...
 
Eine Stunde später gingen wir durch den Battery Park zur Anlegestelle der Fähre nach Ellis Island. Auch heute war es sonnig und nicht ganz so kalt. Trotzdem hatte ich, auf Kevins Rat hin, meinen Mantel an. Auf dem Wasser war es schließlich um einiges kühler.
"Weißt du eigentlich, dass die New Yorker Miss Liberty gar nicht haben wollten? Erst als die französische Regierung drohte sie Bosten zu schenken, nahmen sie sie notgedrungen an. Wenn man bedenkt, was für eine Einnahmequelle sie sich fast entgehen ließen... Von der Bedeutung als Wahrzeichen mal ganz zu schweigen." Kevin schüttelte belustigt den Kopf.
"Es ist schon so lange her, dass wir in der Schule drüber geredet haben... Frankreich hat sie New York zur Erinnerung an die Waffenbrüderschaft im Unabhängigkeitskrieg geschenkt, oder?"
"Ja, genau. Und die New Yorker hätten lieber Uncle Sam aufgestellt. Für das Geld für den Sockel musste mühsam gesammelt werden. 1886 wurde die Lady dann eingeweiht. Sie ist aus Bronze und alleine 46 Meter hoch. Das Stahlgerüst in ihrem Inneren stammt übrigens von Gustave Eiffel, dem Erbauer des Eiffelturms. Und ihr Gesicht verewigt die Mutter des Bildhauers Frédéric-Auguste Bartholdy." Er lachte leise. "Entschuldige meine mangelhafte französische Aussprache."
"Ach, war gar nicht schlecht. Für den Anfang..." Ich versuchte jetzt nicht mehr das Lachen zurückzuhalten. Es hatte sich zu drollig angehört...
"Hey, hör auf zu lachen. Oder kannst du es besser?"
"Oui, Monsieur. Je peux parler francais. Mais maintenant nous sommes arrivées à la port." Ich lachte noch mehr, jetzt über sein ratloses Gesicht. "Komm, wir wollen schließlich die 'Lady' besuchen, wie du sagst."
Auf der Fähre baten ein paar Mädchen Kevin um Autogramme und Fotos. Bereitwillig ließ er sich knipsen, immer mit einem anderen Fan im Arm. Fasziniert bemerkte ich, dass er Linkshänder war. Das war mir bisher nicht aufgefallen. Im nächsten Moment fragte ich mich, wieso es mir überhaupt auffiel.
"Denkt dran, dass ihr noch ein paar Fotos von der Freiheitsstatue machen wollt. Verknipst nicht alle wegen mir, okay?" Kevin lächelte die Mädchen an. Die fingen sofort an zu tuscheln, als er ihnen den Rücken kehrte.
"Jetzt werden sie wieder sagen 'Hey! Der ist ganz normal, ein ganz normaler Mensch!'. Ich hab keine Ahnung was Fans denken, was man sonst sein sollte. Und spätestens morgen werden im Internet Fotos von uns beiden kursieren, zu denen dann die wichtige Frage gestellt wird wer wohl meine neue Freundin sei."
Ich versteifte mich kurz.
Aber nein... Keiner aus meinem früheren Bekanntenkreis hatte Interesse an der Welt der Popmusik. Solange ich nicht auf dem Titelbild der Times auftauchte, war ich hier in New York sicher.
"Was ist los? Hab ich was falsches gesagt?" Kevin sah mich besorgt an.
"Nein, nein, schon gut. Sag mal, warum wirst du eigentlich nicht öfters erkannt? Das war jetzt das erste Mal, dass es passierte wo ich dabei war."
"Das liegt daran, dass wir als Backstreet Boys zu fünft auftreten. Als Einzelperson wird man da weniger erkannt. Außerdem bin ich offiziell gar nicht hier in New York. Das letzte Gerücht besagte, dass wir zu fünft auf die Bahamas fliegen..." Seine Stimme verlor sich, während er über das Wasser des Hudson River blickte.
Woran dachte er jetzt? Er schien in Gedanken ganz woanders zu sein.
"Ich fliege morgen nach Hause, Miriam..."
 
18. Kapitel
Seine Worte versetzten mir einen Stich, aber ich versuchte sofort mir einzureden, dass es nicht daran lag dass Kevin fort wollte. Ich drehte mich von ihm weg und sah zu Miss Liberty hin. 'Kommt zu mir – ihr Müden, ihr Armen, ihr bedrückten Massen, die es nach freier Luft gelüstet.' Dieses Gedicht, dass ihren Sockel zierte, hatte mich damals dazu bewogen nach New York zu kommen. Die ersten zwei Wochen hatte ich in einem Obdachlosenasyl verbracht. Aber jedes Mal wenn ich die Hoffnung zu verlieren drohte, hatte ich mir die Freiheitsstatue angesehen und an die vielen Millionen Einwanderer gedacht die nicht mehr gehabt hatten als ich, als sie auf Ellis Island ankamen.
"Miriam..." Kevin legte seine warme Hand auf meine kalte, die auf der Reling lag.
Ich wagte nicht ihn anzusehen. Wenn ich jetzt in seine sanften Augen geblickt hätte, wäre ich in Tränen ausgebrochen. Und das, ohne wirklich zu wissen warum.
"Ich hatte gehofft, dass du vielleicht mit mir kommst, Miri... Aber..." Er seufzte. "Ich komme zurück, in zwei Wochen. Am 27. bin ich wieder in New York. Darf ich... darf ich dich dann zum Essen einladen? Bitte..." Das letzte Wort flüsterte er in mein Ohr. Er schlang vorsichtig seine Arme um mich, wie um mir Gelegenheit zu geben aus seiner Umarmung auszubrechen. Aber ich verspürte nicht den Drang davonzulaufen. Seufzend lehnte ich meinen Kopf an seine Schulter, legte eine Hand auf seine Brust. Ich war es müde mich gegen ihn zu wehren.
Die Fähre legte an. Es wiederstrebte mir mich von ihm zu lösen und wie von selbst fanden sich unsere Hände, die sich miteinander verschränkten.
Das zwischen uns war so zart und zerbrechlich... Kevin schien Angst zu haben, es mit einem unbedachten Wort zu zerstören, mich wieder in die Flucht zu schlagen. Deshalb sagte er nichts, als wir die Freiheitsstatue Hand in Hand bestiegen, und ich schwieg ebenso.
Die Aussicht von hier oben war großartig. Durch die Öffnungen, die Teil der Krone von Miss Liberty waren, konnte man die Skyline New Yorks bewundern.
Ich sah zur Fackel hinüber, deren Flamme vergoldet war. Ich war tatsächlich in dem Wahrzeichen, dass auch für mein Überleben und meine zweite Chance stand... Ich fühlte mich auf einmal als Teil dieser Stadt. Zum ersten Mal... Warm rannen die Tränen jetzt doch über meine Wangen.
Kevin schob sich wie ein Schutzschild zwischen mich und die Leute, die mit uns hier oben waren.
"Ssschhhh..." machte er leise, während er mir die Tränen fortwischte.
Ich sah zu ihm auf. Plötzlich machte es mir nichts mehr aus, dass ich mich in ihn verliebt hatte. Ich vertraute ihm. Er war ganz anders als John. Das Einzige an mir, das John etwas bedeutet hatte, war mein Geld gewesen. Aber Kevin war ich wichtig. Er liebte mich, auch wenn ich keine Ahnung hatte warum. Erleichtert schlang ich meine Arme um ihn und kuschelte mich an seine Brust. Ich hatte das Gefühl, dass jemand eine schwere Last von mir genommen hatte, die ich seit zwei Jahren mit mir herumschleppte.
"Hey, Kleine... Ist alles okay? Was hast du denn?" Seine Stimme klang besorgt.
"Nichts. Gar nichts. Es ist schon okay." flüsterte ich lächelnd. Wie hätte ich ihm auch erklären können, dass mich zwei Jahre lang ein Albtraum verfolgt hatte, der erst im sanften Licht seiner Augen verblasst war? Er hatte mich befreit und mir die Möglichkeit gegeben wieder zu leben anstatt nur zu existieren.
Als wir wieder am Fuß von Miss Liberty ankamen, strahlte die Sonne für mich heller.
 
Wir gingen essen, dann lud Kevin mich zu einer Shoppingtour ein. Irgendwie landeten wir ausgerechnet in einem Spielwarenladen an der Fifth Avenue.
Ich konnte mich kaum wieder von den wundervollen Kuscheltieren losreißen. Besonders hatte es mir ein Bär der deutschen Firma Steiff angetan, der mich an meinen Freund aus Kindertagen erinnerte. Was wohl aus dem geworden war... Ob John ihn weggeworfen hatte?
Ich streichelte den weichen Plüsch. "Du findest bestimmt jemanden, der dich ganz furchtbar lieb hat. Du bist so ein hübscher Kerl..."
Ich sah auf und Kevin direkt in die Augen. Oh Mann... wie lange stand er schon da? Er hatte mitbekommen, dass ich mit einem Stofftier redete... Meine Wangen wurden heiß und ich legte den Bär hastig ins Regal zurück. Aber Kevin nahm ihn sofort wieder heraus.
"So wie ich das sehe, mein Freund, hast du diesen Jemand schon gefunden." meinte er zu dem Bär. "Wie ist das, möchtest du mit Miriam nach Hause gehen? Was?" Er hielt sich den Bär ans Ohr. "Na dann… Er sagt er möchte bei dir im Bett schlafen." Er legte mir den Teddy in den Arm.
"Aber..."
"Na hör mal, willst du etwa mit einem Bären diskutieren? Komm, wir gehen zur Kasse. Die Sicherungsplakette drückt dem armen Kerl am Fuß."
Er kaufte mir tatsächlich diesen Teddy... Während er bezahlte, knuddelte ich meinen neuen Freund. Ich brachte es nicht übers Herz ihn in eine Tüte stecken zu lassen, also behielt ich ihn im Arm.
Als wir wieder auf die Avenue hinaustraten, fiel ich Kevin um den Hals.
"Danke, das ist so... Ich hab noch nie... Danke..." stammelte ich gerührt.
"Wenn es so leicht ist, dir eine Freude zu machen, dann sollte ich das öfter probieren." Kevin lächelte als er mich umarmte.
Wir ließen den Tag auf einer Bank im Central Park ausklingen und genossen die Sonne, bis ich zu frösteln begann als es allmählich dunkel wurde.
"Wann fliegst du denn morgen...?" fragte ich vorsichtig, als wir wieder vor meiner Haustür ankamen.
"Leider ganz früh. Schon um sieben."
Erst jetzt begriff ich, dass ich gefragt hatte weil ich mit dem Gedanken gespielt hatte ihn mit nach oben zu nehmen. Wollte ich mit ihm schlafen? War ich schon soweit?
Ich zögerte. Nein, wenn ich ehrlich war, war ich das noch nicht. Aber ich mochte mich auch nicht von ihm trennen. Und er würde zwei Wochen weg sein. Das klang so schrecklich lange...
Er riss mich aus den Gedanken, indem er mir den Bären aus dem Arm nahm.
"Tja, Kumpel. Du bekommst jetzt die ehrenvolle Aufgabe, für mich auf diese reizende junge Dame aufzupassen. Mach deine Arbeit gut. Wenn mir Klagen kommen, musst du dich in zwei Wochen bei mir verantworten. Nur dass das klar ist." Er stupste dem Teddy mit dem Finger auf die Nase.
"Ich wette, er wird seine Aufgabe gut machen. Er ist ein großer, starker Bär."
"Und du bist eine wunderschöne und kluge Frau."
Ich senkte den Blick. "Nein. Klug bin ich ganz und gar nicht. Das habe ich heute begriffen. Und schön..."
"Doch, du bist beides. Sieh mich an, Miriam."
Zögernd sah ich auf. Er nahm mein Gesicht zwischen die Hände und streichelte mit den Daumen meine Wangen. Seine Augen wurden dunkler und er ließ wiederstrebend wieder los.
"Ich sollte jetzt bess..."
Meine Lippen auf seinen brachten ihn zum Verstummen. Es war das erste Mal, dass ich ihn von mir aus küsste und dabei bei klarem Verstand war. Obwohl... klar war mein Verstand auch nicht, als er meinen Kuss erwiderte. Wir versuchten einander so nah wie möglich zu sein, worunter der Teddy zu leiden hatte, der zwischen uns eingeklemmt war.
"Oh, Miri... Wie soll ich denn jetzt noch gehen können..." stöhnte Kevin leise, als ich seinen Hals küsste.
"Tut mir leid... Ich hätte damit nicht noch zwei Wochen warten können..." antwortete ich keuchend als ich mich von ihm löste.
Seine Augen stellten mir eine stumme Frage, aber ich schüttelte leicht den Kopf. "Nein. Ich könnte nicht ertragen mich morgen früh zu verabschieden, wenn wir..."
"Okay... Meine Mom wäre auch ziemlich ungehalten, wenn ich nicht in diesem Flugzeug sitzen würde. Wir sehen uns so selten und... Ach, Miri... willst du nicht doch... Nein, du möchtest nicht mit, oder?" Er seufzte und küsste mich auf den Mund. "Ich werde mir die ganze Zeit sagen, dass es nur zwei Wochen sind. Das ist ja nicht so lange. Aber es wird mir sehr lange vorkommen..."
"Mir auch..." Ich strich ihm durchs dunkle Haar. "Aber es sind nur zwei Wochen."
"Nur zwei Wochen."
"Genau."
Er küsste mich wieder. "Ich werde die Tage zählen, Miri. Und jede Nacht von dir Träumen. Oh mein Gott, wie soll ich das nur überleben..." Er lachte leise.
"Und ich werde jeden Abend unseren kleinen Freund hier knuddeln." Ich nahm ihm den Teddy aus der Hand.
Kevin zog die Brauen zusammen. "Hey, Bär, nicht vergessen. Das ist mein Mädchen. Du lässt die Tatzen von ihr, ja?"
Ich fing an zu lachen und Kevin schmunzelte.
"Geh jetzt besser rein. Ich bin ziemlich nah am Wasser gebaut und wir wollen einen Dammbruch lieber vermeiden. Ich hasse traurige Abschiede..."
"Ich auch..." Wir sahen einander in die Augen und sagten einander stumm 'Auf Wiedersehen'. Dann schloss ich die Haustür auf, er küsste mich ein letztes Mal, und ich ging hinein.
Als ich in meinem Apartment ankam, ging ich, ohne Licht zu machen, ans Wohnzimmerfenster. Da unten stand er, in der offenen Tür seines Jeeps, den Blick auf meine Fenstern gerichtet. Er wartete tatsächlich darauf dass ich ein Licht einschaltete, damit er sicher sein konnte dass alles in Ordnung war.
Ich schaltete die kleine Stehlampe an, damit er mich sehen konnte, und warf ihm eine Kusshand zu. Er fing sie lächelnd auf und warf eine zurück. Dann winkte er noch mal, stieg ein und fuhr davon.
 
19. Kapitel
Zwei Wochen...
Bereits am folgenden Tag, es war Sonntag, fiel mir zu Hause die Decke auf den Kopf. Ich wollte hinaus in den Sonnenschein, aber nicht allein. Ein schmerzhaftes Ziehen in meiner Brust bestätigte mir, was ich endlich vor mir selbst zugab. Ich sehnte mich nach Kevin.
Ich setzte mich mit dem Teddy im Arm auf die Couch und überlegte was ich tun sollte. Am besten ich redete mit jemandem, um mich abzulenken. Und mit wem? Auf Donas 'Ich hab's dir doch gesagt!' hatte ich keine Lust. Und andere Freunde hatte ich nicht.
Bis auf...
Eine halbe Stunde später saß ich mit Mrs. Vittkowski auf der Bank im Central Park, auf der ich gestern noch mit Kevin gesessen hatte, und unterhielt mich angeregt mit ihr. Oder sollte ich sagen... ich unterhielt sie...?
"Kindchen, Kindchen, Kindchen!" lachte sie plötzlich hellauf. "Wenn Sie noch einen einzigen Satz mit 'Und dann hat Kevin' anfangen, platze ich weil ich die ganze Zeit versuche mir das Lachen zu verkneifen! Soviel zu Ihrer Entscheidung ihn nicht zu wollen!"
Ich fühlte meine Wangen heiß werden.
"Schon gut, Kindchen." Sie tätschelte beruhigend meine Hand. "Wie kann eine junge Frau auch auf Dauer soviel männlichem Charme wiederstehen. Und hartnäckig ist der Mann... Alle Achtung. Er weiß was er will. Und das sind wohl Sie. Sind Sie jetzt glücklich?"
Das war eine gute Frage. War ich glücklich?
"Ich denke, wenn er hier wäre, wäre ich es."
"Ja, eine alte Frau wie ich ist ein ziemlich armseliger Ersatz, was?" kicherte sie.
"Sie sind ganz bestimmt kein armseliger Ersatz!" erklärte ich vehement. "Sie sind eine der wenigen Freundinnen, die ich habe."
"Dann sind Sie schlimmer dran, als ich dachte. Tja, das hier ist New York. Großstädte haben was für sich, aber genauso viel spricht auch gegen sie."
"Um ehrlich zu sein, ich habe mich nie besonders um Freundschaften bemüht. Ich wollte niemandem erklären..." Ich verstummte.
"Sie wollten niemandem von ihrer Vergangenheit erzählen, hab ich recht? Wenn ich Sie mir so ansehe, Sie werden wohl kaum jemanden umgebracht haben. Was ist es, das Sie niemandem erzählen wollen? Es hat mit dem Mann zu tun, der Sie so verletzt hat, oder?"
Ich nickte.
"Haben Sie es noch niemandem erzählt?"
"Doch. Meiner Arbeitgeberin. Sie ist zugleich auch meine Freundin."
"Und werden Sie es Kevin erzählen?"
Ich überlegte. Ich erinnerte mich an seine beschützerische Geste in Miss Libertys Krone, an seinen Gesichtsausdruck als ich ihm die Narbe an meinem Arm zeigte. Was würde er tun, wenn er erfuhr was John getan hatte? Konnte ich riskieren, dass er ihn anzeigte und herauskam dass ich noch am Leben war? Ich versuchte die Folgen abzuschätzen. Versuchte mir Johns Reaktion vorzustellen.
"Nein, ich kann es ihm nicht sagen. Ich müsste Angst haben, dass John..."
"...dass John ihm etwas antut." beendete Mrs. Vittkowski meinen Satz.
"Ja..."
"Dann ist es möglicherweise besser so. Aber andererseits wird es ihre Beziehung belasten. Überlegen Sie sich das gut, Kindchen. Jeder wird irgendwann von seiner Vergangenheit eingeholt."
Ich konnte nur hoffen, dass sie sich irrte.
 
Den Sonntag schaffte ich irgendwie herumzubekommen. Und am Montag konnte ich wieder zur Arbeit. Da ich Hemmungen hatte in meine leere Wohnung zurückzukehren, blieb ich länger und arbeitete auf, was übriggeblieben war in der vergangenen Woche.
Als ich heim kam, erwartete mich eine hektisch blinkende Anzeige am Anrufbeantworter. Verflixt! Warum hatte ich nicht daran gedacht, dass er mich anrufen könnte? Ich stürzte hin, noch bevor ich Mantel und Schuhe auszog oder auch nur das Licht anschaltete, und drückte den Knopf.
"Hallo Miri... Schade dass du nicht da bist, ich hätte gern deine Stimme gehört. Ich wollte gestern schon anrufen, aber es wurde zu spät. Ich war zu Besuch bei meinen Brüdern. Meine kleine Nichte kann inzwischen allein laufen..." Man konnte hören dass er lächelte. "Ich wünschte du hättest das sehen können. Beim nächsten Mal nehme ich dich einfach mit, ob du willst oder nicht. Dann zeige ich dir meine Farm und wir gehen in den Bergen wandern und..." Er seufzte. "Es gibt so viel, das ich dir zeigen möchte... Ich vermisse dich. Ich liebe dich, Miri. Wir sehen uns in dreizehn Tagen."
"Ich liebe dich auch." flüsterte ich in der Dunkelheit.
 
20. Kapitel
Dona steckte den Kopf durch den Türspalt und musterte mich misstrauisch, wie ich, vor mich hin pfeifend, eine Skizze in einen Schnittbogen verwandelte. "Hast du einen Vogel verschluckt oder bist du guter Laune?"
"Ich bin guter Laune, würde ich sagen. Obwohl auch das mit dem Vogel hinkommt. Ich hatte vorhin ein Putenbrust-Sandwich."
Dona baute sich vor meinem Schreibtisch auf. "Okay. Wer bist du und was hast du mit unserer Miriam gemacht? Sie hat noch nie bei der Arbeit gepfiffen."
Ich runzelte die Stirn. "Du hast recht. Das ist eine Menge verlorene Zeit, die ich nachholen muss. Ob ich deiner Sekretärin die Stoffbestellung zupfeifen kann?"
Dona klappte die Kinnlade herunter. "Ich glaube ich muss einen Arzt holen... Was zum Teufel ist mit dir passiert?! Wieso..." Das Klingeln des Telefons unterbrach sie.
"Einen Moment, Dona... Versace Moden, Miriam Milton?"
"Hallo Miri. Tut mir leid, ich konnte es keine Minute länger aushalten. Ich musste einfach deine Stimme hören."
"Kevin..." Ich strahlte.
"KEVIN???" Dona riss die Augen auf.
"Ist das Dona? Störe ich grade? Ich kann auch..."
"Nein, nein, du störst überhaupt nicht. Dona wolle sowieso grade gehen."
"Wollte ich das!?" Dona setzte sich provokativ auf meinen Besucherstuhl und schlug die Beine übereinander.
"Lass mich raten... Sie sitzt vor dir, die Beine übereinandergeschlagen, und hat diesen du-wirst-es-mir-erzählen-eher-wirst-du-mich-nicht-los-Blick."
Ich sah Dona an. "Ganz genau."
Er lachte. "Dann rufe ich dich besser später zu Hause an. Bist du gegen fünf da?"
"Ja, ich werde da sein." Ich lächelte.
"Gut. Bis dann..."
"Bis dann." Lächelnd legte ich auf.
"Kevin, ja?" fragte Dona lauernd.
"Hmhm." Verträumt kritzelte ich auf meinem Block herum.
"Der von den Backstreet Boys? Der für mich gemodelt hat? Der, der nicht gut war für dich?"
"Hmhm." Unter meinen Fingern entstanden kleine Herzchen.
"Der, dem du mit meinem Chauffeur seinen Mantel zurückgeschickt hast?"
"Hmhm." Jetzt wurden die Herzchen rot ausgemalt.
"Der, über dessen anstehende Abreise du dich so gefreut hast?"
"Hmhm." Das größte Herz trug Kevins Namen.
"Sag mal, hörst du mir überhaupt zu?"
"Hmhm." Eine Blumenranke wuchs um die Herzen herum.
"Desirée hat vor, ihre neue Kreation in lindgrün, mit lila Streifen, zu gestalten."
"Hmhm." Das Herz mit Kevins Namen wurde von einer Taube umflattert.
"Und ein paar grasgrüne Aliens sollen es auf dem Catwalk tragen."
"Hmhm." Jetzt war es ein Taubenpaar.
"Dir ist echt nicht mehr zu helfen..."
"Hmhm." Welche Farbe hatten wohl Taubenschnäbel...
"Schön, dass du es wenigstens einsiehst."
 
21. Kapitel
Um fünf vor fünf waren die Vorhänge zugezogen, obwohl draußen die Sonne noch schien, und ich saß wartend vor dem Telefon. Es klingelte um Punkt fünf.
"Hey, Baby." sagte er mit dunkler Stimme.
"Hey..."
"Hat der Teddy irgendwas bei dir versucht?"
Ich lachte. "Nein."
"Wollte ich ihm auch geraten haben. Nicht auszudenken, dass ich zurückkomme und seine Pfotentapsen irgendwo auf dir finde." meinte er leise.
Ich hielt den Atem an. "Wo zum Beispiel...?"
"Ich weiß nicht... Auf deinem Bauch? Teddys stehen auf Bäuche. Am liebsten sind ihnen ja die kleinen Runden."
"Aber mein Bauch ist nicht klein und rund..."
"Dann ist er also vor dem Teddy sicher, meinst du?"
"Ja..."
"Hm... aber vor mir nicht, fürchte ich."
"Auf was für Bäuche stehst du denn?" fragte ich flüsternd.
"Auf deinen auf jeden Fall..."
Ich atmete tief durch.
"Wenn du jetzt hier bei mir wärst, würde ich... Wir sollten das Thema wechseln, sonst nehme ich den nächstmöglichen Flug."
"Okay..."
Einen Moment herrschte Stille.
"Was hast du denn heute so gemacht?" fragte ich, um das Gespräch wieder in Gang zu kriegen.
"Ich bin mit Mom in den Wald gefahren, wo sie sich unseren Tannenbaum ausgesucht hat. Ich habe ihr einen Hübschen vorgeschlagen, aber der war ihr zu voll. Der Nächste war nicht voll genug, der Dritte hatte einen Knick im Stamm, der Vierte war zu groß, der Fünfte... was war noch mit dem Fünften... Ach ja, der hatte keine Spitze. Irgendwann kamen wir zum Ersten zurück, der ihr plötzlich ausgezeichnet gefiel. Und sie glaubte mir natürlich nicht, dass ich ihr den zuerst gezeigt hatte. Wir markierten ihn, damit Tim ihn dann zu Weihnachten wiederfindet. Alles in allem ein ganz normaler Tag mit meiner Familie."
"Das klingt toll..."
"Währst du gern mit uns im Kreis gelaufen?"
"Hmhm... Es ist toll eine Familie zu haben. Jemand zu dem man gehört..."
"Du wirst das auch eines Tages haben."
"Du scheinst dir da sicher zu sein."
"Bin ich auch."
Wieder herrschte einen Moment Stille.
"Dona war heute ziemlich erstaunt." wechselte ich das Thema.
"Das kann ich mir vorstellen. Auf meiner Geburtstagsparty hatte sie versucht mich zu trösten, nachdem du weg warst. Sie meinte, du seiest einfach bindungsunfähig. Und es gäbe so viele schöne Frauen."
"Womit sie Recht hat."
"Schon möglich. Aber du bist was besonderes."
"Bin ich nicht. Ich weiß nicht warum du das denkst, aber ich bin es nicht."
"Na hör mal. Ich kenne nicht viele Frauen, die es einem Mann vorwerfen wenn er höflich zu ihr ist."
"...das hat nichts damit zu tun, ob ich was besonderes bin."
"Für mich schon. Ich würde dir jetzt gern beweisen, wie besonders du bist... aber dafür ist der Abstand zwischen uns im Moment ein bisschen groß."
"Wie willst du mir das denn beweisen?"
"Zuerst mal würde ich dich küssen, bis du aufhörst mir zu widersprechen."
Bei dem Gedanken daran wurde mir heiß...
"Und da du einen kleinen Dickkopf hast, würde das länger dauern."
Da konnte er Recht haben... "Und dann...?"
Er räusperte sich. "Ich sollte vielleicht doch mal nachsehen, wann die Flüge gehen..."
"Was würde deine Mom dazu sagen, wenn du nach einem Tag schon wieder flüchtest?"
"Auch wieder wahr..." Er seufzte. "Aber ich vermisse dich."
"Ich dich auch."
"Und es sind noch zwölf verdammte Tage... Entschuldige dass ich fluche..."
"Ist aber auch ein verflixtes Pech." erwiderte ich schmunzelnd.
"Und jetzt machst du dich auch noch über mich lustig..."
"Nein, mach ich nicht. Ich finde es nur witzig, dass du erst fluchst und dich dann dafür entschuldigst. Das passt irgendwie zu dir."
"Ach ja? Und zu dir passt es, dass du dich mit Teddybären unterhältst."
"Hey! Das hast du auch gemacht!"
"Na also. Dann passen wir zwei ja großartig zusammen."
"..."
"Du widersprichst ja gar nicht."
"Mir fiel dazu auf die Schnelle nichts ein..."
"Wie wäre es mit einem 'Ja'?"
"Ich hatte eher an ein 'Nein' gedacht."
"Das wird aber als Antwort nicht akzeptiert."
"Hab ich mir fast gedacht. Mit dir hat das Debattieren wohl genauso wenig Sinn wie mit dem Teddy, was?"
Er lachte leise. "In dem Punkt bin ich mit ihm einig. Weißt du was? Ich habe letzte Nacht von ihm geträumt."
"Von dem Bären??"
"Ja. Wir haben ihn gebeten im Wohnzimmer zu schlafen."
"..."
"Schon wieder sprachlos?"
"Ich versuche mir nur grade nicht vorzustellen, warum er nicht in meinem Bett schlafen sollte..."
"Das hast du jetzt gesagt."
"Worum ging es denn sonst?"
"..."
"Na also."
"Miriam, so leid es mir tut, ich muss jetzt auflegen. Sonst stehe ich wirklich innerhalb einiger Stunden vor deiner Tür."
"Ich würde dich da nicht stehen lassen..."
"Das macht es mir jetzt nicht leichter..."
"Mir auch nicht..."
"Es sind ja nur noch... Mist. Immer noch zwölf Tage."
"Wenn du morgen anrufst, sind es nur noch elf."
"Ich vermisse dich... Bis morgen, Baby."
"Bis morgen..."
"Bye..."
Ich riss mich zusammen und legte auf.
 
22. Kapitel
Mit viel Arbeit, in der ich mich vergrub, und der Hilfe, die unsere Telefonate für mich waren, überstand ich die nächsten zwölf Tage relativ gut. Allerdings wurde die Sehnsucht nach Kevin mit jedem Tag stärker.
Am Montag den 27. Oktober, der Tag an dem Kevin endlich wiederkommen sollte, schickte Dona mich schon zur Mittagszeit entnervt nach Hause, weil ich im Atelier hin und her lief wie ein Tiger im Käfig. Kevin sollte aber erst mit dem Flug um acht heute Abend kommen... Also besuchte ich Mrs. Vittkowski, die mir den neuesten Klatsch aus dem Haus erzählte, und begleitete sie danach zum Einkaufen. Als wir zurückkamen, ging es in unserem Hausflur zu wie in einem Taubenschlag.
"Sieht aus, als würde Mr. Voughn ausziehen..." Mrs. Vittkowski tippte mit ihrem Stock an einen Karton, der unter den Briefkästen abgestellt war. Tatsächlich stand sein Name drauf.
"Na, was soll das denn, Muttchen! Was du da machst ist Sachbeschädigung!"
Wir fuhren herum. Hinter uns stand ein verschwitzter Kerl mit rasiertem Schädel und unsympathischen Gesicht.
"Dafür muss man Schadensersatz zahlen, wenn man was kaputtmacht." Er feixte.
"Wir haben nichts kaputtgemacht." erklärte ich.
"Na klar habt ihr das, Schönheit." Er gab dem Karton einen Tritt mit dem Fuß, woraufhin der die letzten paar Stufen herunterfiel. Das Geräusch von brechendem Glas erfüllte das Treppenhaus. "Das macht zweihundert Dollar. Pro Nase, natürlich. Du kannst selbstverständlich auch anders bezahlen..." Er musterte mich lüstern von oben bis unten. Dann kam er auf mich zu und ich wich bis zur Wand vor ihm zurück, wobei ich die Einkäufe wie ein Schutzschild vor mich hielt. Ich verfluchte mich selbst dafür, dass ich noch immer keinen Selbstverteidigungskurs besucht hatte...
Mrs. Vittkowskis Stock, mitten auf seiner Brust, stoppte schließlich seine Annäherung. "Wissen Sie was, junger Mann? Einem solchen Abschaum wie Ihnen begegnet man sonst nur in der schmutzigsten Ecke der Bronx. Zum Einen bin ich bestimmt nicht Ihr 'Muttchen' und zum Anderen werden Sie das Mädel in Ruhe lassen, sonst machen Sie Bekanntschaft mit meiner Gehhilfe!"
Er fing an zu lachen. "Ach echt, Muttchen? Du willst dich mit mir anlegen?"
"Nein, das mache ich für sie."
Der Kerl fuhr herum und auch ich wagte einen Blick aus dem Augenwinkel, der mir bestätigte was mein rasender Herzschlag mir sagte. Kevin... Er stand in der offenen Haustür und fixierte den Umzugshelfer mit eisigem Blick. Hoffentlich sah er mich nie so an...
"Äh..."
"Sie werden sich sofort bei den beiden Damen entschuldigen."
Ich wunderte mich, wie er ohne die Stimme zu heben so viel Autorität in sie hineinlegen konnte.
"Äh... Sorry Ladies..." Der Typ drückte sich an uns vorbei zur Tür, die Kevin ihm erst freigab nachdem er ihn nochmals mit schmalen Augen angestarrt hatte. Dann war der Mann blitzschnell raus und außer Sicht.
Kevin war mit wenigen Schritten bei mir, nahm mir die Tüten aus den zitternden Fingern, stellte sie ab und zog mich an sich.
"Alles okay, Baby. Er ist weg." Beruhigend strich er mir über den Rücken. "Mit Ihnen alles in Ordnung, Mrs. Vittkowski?" fragte er die alte Dame.
"Hmpf... Nein. Sie waren eindeutig eine Minute zu früh da. Ich hätte es dem Kerl schon gezeigt..."
Ich gab einen erstickten Laut von mir, der ebenso gut Lachen wie Schluchzen sein konnte. So genau wusste ich das selbst nicht.
"Das wird er sich denken und nicht wiederkommen." mutmaßte Kevin mit todernstem Gesicht. Jetzt musste ich wirklich kichern...
"Na, hier auf ihn zu warten macht nicht viel Sinn. Tragen Sie mir die Einkäufe hoch, Mr. Richardson? Oder, noch besser, tragen Sie vielleicht mich?" Mrs. Vittkowski schmunzelte.
"Tut mir leid, ich werde wohl die Tüten nehmen müssen. Miss Milton steckt der Schreck noch zu sehr in den Gliedern, als dass ich sie das alles tragen lassen könnte."
"Na gut. Okay. Für dieses Mal sind Sie entschuldigt, junger Mann. Aber nächstes Mal kenne ich kein Pardon. Dann werden Sie sich nicht aus der Affäre ziehen." Mrs. Vittkowski stampfte mit dem Stock auf den Boden.
"Das würde mir nicht im Traum einfallen." lächelte Kevin. Er nahm die Einkäufe und wir gingen zu dritt nach oben. Kaum hatte er die Tüten auf Mrs. Vittkowskis Küchentisch abgestellt, als diese uns schon wieder nach draußen scheuchte.
"Na los, raus hier! Ich kann mir denken, Sie beide haben weitaus interessantere Dinge zu tun, als einer alten Frau zuzusehen wie sie Dosensuppen in den Schrank stellt." Sie drängte uns mit dem Stock zur Tür, weil wir ihr nicht schnell genug waren. Unglaublich, was sie für ein Tempo draufhaben konnte... Sekundenbruchteile später standen wir im Flur und ihre Tür schlug zu. Verdattert sahen wir einander an.
"Ist sie immer so?" fragte Kevin vorsichtig.
"Ja, ist sie."
"Das habe ich gehört!" erklang es gedämpft durch die geschlossene Tür. Wir traten vorsichtshalber den Rückzug in mein Apartment an...
Kevin sah sich gründlich um, während ich etwas zu trinken holte. Den Bären auf der Couch bedachte er dabei mit einem betont misstrauischen Blick, der mich zum Lachen brachte. Er half mir Gläser und Getränke abzustellen, dann zog er mich fest in seine Arme.
"Zeit, dass wir endlich die Begrüßung nachholen..." Meine Antwort erstickte er mit einem Kuss.
"Du solltest doch erst heute Abend kommen..." erwiderte ich, sobald er mir erlaubte Luft zu holen.
Er ließ sich auf die Couch sinken und zog mich auf seinen Schoß. "Willst du mich etwa wieder loswerden?" Er schmunzelte spitzbübisch. "Ich hab es einfach nicht mehr ohne dich ausgehalten und einen früheren Flug genommen. Ich hab dich schrecklich vermisst..."
"Ich dich auch..." Ich kuschelte mich an ihn.
"Ich hab mir allen Ernstes gewünscht, dieses Plüschtier zu sein. Hat der Teddy wirklich bei dir im Bett geschlafen?"
"Hm... ja."
"Okay, jetzt muss ich es wissen."
Ich hielt überrascht die Luft an, als er die unteren Knöpfe meiner Bluse öffnete und den Stoff auseinander schob.
"Nein... keine Pfotenabdrücke..." Unsere Blicke trafen sich.
"Hast du richtig nachgeguckt?" fragte ich leise. Ich nahm seine Hand und legte sie auf meinen nackten Bauch.
"Ist das eine Einladung...?" erkundigte er sich flüsternd. Seine Augen fragten mich, ob es wirklich wollte. Mein Kuss reichte als Antwort...
 
23. Kapitel 
(Zum Weiterlesen bitte auf das Kapitel klicken. Warnung: Dieses Kapitel ist ein Visual. Das heißt, es werden darin sexuelle Handlungen im Detail beschrieben. Das Passwort erhaltet ihr über silke_grey@hotmail.com)
 
24. Kapitel
Ich erwachte von den Strahlen der tiefstehenden Sonne, die durchs Schlafzimmerfenster hereinsah. Neben mir lag Kevin, ich hatte also nicht geträumt.
Er sah so friedlich aus im Schlaf. Von der dunklen Bartstoppeln mal abgesehen, hatte er etwas sehr jungenhaftes an sich. Oder lag es daran, dass ich wieder sein Profil sah?
Ich dachte an den Tag zurück, an dem ich ihn kennen gelernt hatte. Der Tag an dem er mir mit dem Auto hinterhergefahren und an dem es mir das erste Mal aufgefallen war. War das wirklich erst einen Monat her? Es schien mir doch schon so lange... Und in der Zwischenzeit war so viel passiert. Ich hatte meine Gefühle wiederentdeckt. Durch ihn. Hatte seit langer, langer Zeit das erste Mal wieder herzhaft gelacht. Mit ihm. Hatte mich wieder sicher und geborgen gefühlt, wie zuletzt mit meinem Vater. Und das in seinen Armen. Er hatte mich wieder zum Leben erweckt. Mit seiner Hartnäckigkeit und seinen zärtlichen Küssen. Und jetzt lag er hier neben mir, den Mund im Schlaf weich, die dunklen Haare wirr in die Stirn fallend...
Ich streckte die Hand nach ihm aus und streichelte seine Wange. Sein Mundwinkel zuckte leicht, dann öffnete er die Augen.
"Hallo Miri..." murmelte er verschlafen.
"Hi..." Ich lächelte. Wie süß er aussah, wenn er grade erst wach wurde...
"Was machst du?"
Er stellte komische Fragen... "Ich sehe dich an." Ich versuchte mir ein Grinsen zu verkneifen.
Er zog die Augenbrauen hoch und blinzelte. "Bin ich so interessant?"
Ich lachte leise und zog ihn in meine Arme. "Ja, das bist du..." Unsere Lippen verschmolzen zu einem zärtlichen Kuss.
...der durch das klingelnde Telefon unterbrochen wurde.
"Geh nicht dran." bat Kevin leise.
"Aber wenn..."
Sein Mund an meinem Hals ließ mich alles andere vergessen.
Der Anrufbeantworter ging an. "Miriam?"
Oh nein...
"Miriam, ich weiß dass du da bist!" tönte Donas leicht schrille Stimme durch das Apartment.
"Nein, hier ist wirklich niemand." antwortete Kevin. "Nur wir Mäuse, Ratten und Gespenster." Wir kicherten wie zwei Teenager, die grade etwas anstellten.
"Also gut! Du willst scheinbar nicht drangehen. Ich will dich ja auch nur an die Halloween Party erinnern. Die übermorgen, du weißt schon. Du kannst Kevin mitbringen. Bis dann." Klick.
"Tja, jetzt habe ich ein Problem."
"Ich auch... Ich hab an die Party gar nicht mehr gedacht. Ich hab kein Kostüm..." Wenn ich ehrlich war, ich hatte nicht hingehen wollen. Aber der Gedanke mit Kevin da aufzutauchen gefiel mir. Wenn ich es nur diesmal schaffte, ihm beim Tanzen nicht auf die Füße zu treten...
"Ich hab auch keins. Was jetzt?"
"Ach weißt du... Mit deinem Körperbau ist das leicht. Wir könnten dir einen Lendenschurz basteln, dann gehst du als Tarzan." Ich prustete los, bis er mir ein Kissen auf das Gesicht fallen ließ.
"Okay, okay, mal ernsthaft." Ich schob es beiseite und sah auf die Uhr. "Es ist noch nicht mal sechs. Wir rufen Enrico an, der wird, wie ich ihn kenne, etwas passendes auf Lager haben. Und danach gehen wir essen."
Kevin zog eine Schnute. "Können wir nicht hier bleiben? Wir könnten im Bett essen, das ist doch viel netter."
"Wir haben doch schon den ganzen Nachmittag im Bett verbracht..."
"Willst du etwa andeuten, dass es dir nicht gefallen hat?" Zur Strafe begann er mich zu kitzeln.
"Nein! Nein, hör auf! Das ist unfair! Doch, es hat mir gefallen! Es hat mir gefallen!" Lachend und quietschend versuchte ich seine Hände auf Abstand zu bringen, aber er griff sich einfach mit einer Hand meine Handgelenke und hielt sie fest, so dass er die andere Hand zum Kitzeln freihatte.
"Das sag ich dem Teddy!"
"Da krieg ich aber Angst. Er wird mich anbrummen und mich knuddeln, dieses gefährliche Tier." Er hielt inne, seine Hand auf meinem Bauch. "Dabei will ich viel lieber mit dir knuddeln."
Nach Luft ringend, sah ich zu ihm hoch. Einen Augenblick sahen wir einander in die Augen, dann ließ er meine Hände los, streichelte meine Wangen und küsste mich.
 
So schnell schafften wir es nicht aus dem Bett. Aber es gelang uns, Enrico noch vor sieben Uhr anzurufen. Er bat uns sofort vorbeizukommen, also fuhren wir zu ihm ins Atelier. Manchmal glaubte ich fast, er schlief sogar da...
"Mon dieux! Miriam, wen bringst du denn da mit?" Enrico setzte sein strahlendstes Lächeln auf. "Ich bin hocherfreut!"
Ja, das sah man Enrico an. Er war immer noch scharf auf Kevin... Ich verbiss mir ein Grinsen.
"Enrico, hast du was in deinem Lager, das uns weiterhelfen kann? Irgendwas, das als Kostüm geeignet wäre."
Er sah mich beleidigt an. "Irgendwas... Als hätte Enrico 'irgendwas' in seinem Lager. Tztztz... Miriam, Mäuschen, ich habe nur die höchste Qualität. Es werden ihnen die Augen rausfallen, wenn sie euch sehen." Seine Rede wurde, wie immer, durch weit ausschweifende Handbewegungen untermalt. "Kommt mal mit, ihr Süßen."
Wir eilten hinter ihm her, in sein persönliches Lager.
"Oh, ich weiß! Ich habe hier genau das Richtige!"
Ich hatte keine Ahnung, wie er sich hier zurechtfand. Kreuz und quer standen Kleiderstangen, an denen mit Plastik verhüllte, bunte Bekleidung hing. Und er sauste durch den Raum, in den hintersten Winkel, und zog triumphierend zwei Plastiktüten irgendwo zwischen hervor.
"Kommt, kommt, das müsst ihr anprobieren!" Schon rauschte er an uns vorbei, wieder hinaus. Kevin warf mir einen verwirrten Blick zu, den ich, genauso verdutzt, erwiderte. Dann folgten wir Donas Chefdesigner.
Wenig später stand ich fassungslos vor einem Spiegel. Ich trug ein hauchzartes Nichts von einem Kleid, das nur deshalb nicht durchscheinend war, weil es aus unzähligen Stoffstücken bestand. Sie hatten in etwa die Form von Blättern und waren auf den ersten Blick weiß. Aber sie schimmerten mal lavendelfarben, mal türkis, dann wieder altrosa, je nachdem wie das Licht darauf fiel. Zu dem Kleid gehörte ein zierliches Diadem, das ich in meiner Hand hielt weil ich mich nicht traute es zu fest anzufassen und aufzusetzen.
"Oh... Miri du siehst entzückend aus!" Enrico klatschte vor Begeisterung in die Hände. "Wir müssen dir nur noch passende Schuhe suchen und eine Maske machen. Du bist die perfekte Titania."
Titania?? Die aus dem 'Sommernachtstraum' von Shakespeare???
"Ach ja, und dann fehlen die Ohren. Ich muss kurz telefonieren, lauf mir nicht weg!"
Ich starrte ihm entsetzt hinterher. Ohren? Wovon zur Hölle redete er?
Ein leises Räuspern ließ mich herumfahren. Auf den Anblick war ich nicht vorbereitet... Kevin trug eine einfache braune Hose und ein Wams, das, wie mein Kleid, aus unzähligen Stücken in verschiedenen Braun- und Grüntönen zusammengesetzt war. Und es unterstrich auffällig seine breiten Schultern und seinen muskulösen Oberkörper... Ich schluckte und sah schnell weg. Nein, das konnte er nicht anziehen. Wenn er das länger als fünf Minuten trug, würde ich über ihn herfallen und ihn verführen.
Enrico kam glücklicherweise zurück, bevor die fünf Minuten um waren...
"Er kommt gleich her. Ah, Kevin, du siehst zum Anbeißen aus, mein Lieber!"
Hey! Die Einzige, die an ihm knabbern durfte, war ich!
Enrico lenkte uns ab, indem er nach Schuhen suchte. Natürlich fand er sofort passende, schließlich war er hier quasi zu Hause.
 
Eine Stunde später hatte ein Maskenbildner Abdrücke von unseren Ohren gemacht, Enrico bastelte an zwei fantasievollen Masken und es stand fest, dass Kevin und ich als Oberon und Titania zur Party gingen.
Nein... wir wurden nicht gefragt, ob wir das wollten...
 
25. Kapitel
Am Tag der Party dauerte es fast eine Stunde, bis die Ohren endlich saßen, Enrico mich fertig geschminkt und frisiert hatte und ich in diesem... Nichts von Kleid steckte. Es war so leicht, dass ich mich tatsächlich nackt fühlte. Ich spielte mit dem Gedanken, doch noch furchtbare Kopfschmerzen zu entwickeln, aber das hätte mir Dona niemals vergeben. Schließlich war sie die Gastgeberin, und ihre jährliche Halloween-Party war ihr ganzer Stolz. Jetzt musste ich also nur noch sehen, wo Kevin steckte, und mit ihm zu dem großen Highlight des diesjährigen Halloweenfestes fahren.
Ich lief, auf diesen zarten Stoffschuhen, die zum Kostüm gehörten, durch das Atelier und versuchte dabei nicht daran zu denken, dass Enrico mir etwa zwanzigmal vorgeschwärmt hatte wie grazil ich aussah, wie ätherisch. Er sollte am Ende dieser Party vielleicht Kevins Füße nach deren Meinung fragen...
Als ich Kevin entdeckte, blieb ich wie vom Blitz getroffen stehen und suchte mir am nächsten Kleiderständer Halt. Er saß vor einem Schminkspiegel und ließ geduldig zu, dass Enrico an ihm herumzupfte. Seine Elfenohren sahen aus, als wären sie echt. Er wirkte aber weniger so streng und hoheitsvoll wie die Elben aus dem 'Herrn der Ringe', als vielmehr wie die Elfen in den alten Märchen, die manchen gutmütigen Schabernack vollführten. Sein dunkles Haar zierte eine Krone aus echten Ästen und Zweigen, an denen vereinzelt kleine Blätter aus Silberdraht befestigt waren. Das, zusammen mit den Sommersprossen auf der Nase und den unternehmungslustig funkelnden Augen, machte ihn zu einem Oberon, an dem Shakespeare seine Freude gehabt hätte. Das einzige Wort, das mir dazu einfiel, war 'Anmut'.
Er schien meinen Blick zu spüren, denn er drehte sich zu mir um. Er schob Enrico sanft, aber bestimmt, zur Seite, stand auf und kam auf mich zu.
Einen Augenblick lang schien er jede Kleinigkeit an mir in sich aufzunehmen – unter seinem intensiven Blick wurde mir heiß – dann zog er mich an sich und küsste mich behutsam, fast schüchtern.
Ich schlang meine Arme um seinen Hals und erwiderte den Kuss voller Hingabe.
Der Blitz von Enricos Kamera holte uns zurück in die Wirklichkeit.
"Das sah ja soooooooooooo süüüüüüüüüüüüüß aus!" strahlte er über das ganze Gesicht. Er machte noch ein paar Bilder, von jedem allein, von uns zusammen und – natürlich – eins mit ihm, dem großen Künstler. Dann scheuchte er uns in Richtung Ausgang, damit wir pünktlich zur Party aufbrachen.
Kevin ging den Jeep holen, während ich mit Enrico, meiner Stoffschuhe wegen, am Eingang auf ihn wartete. Enrico zupfte noch mal meine Haare zurecht, die er in Locken gelegt hatte, und rückte das zarte Blütendiadem grade.
"Du bist schon zu beneiden, Süße. Er ist atemberaubend. Schade, dass er so hetero ist. Aber kein Mann kann perfekt sein, nicht wahr? Irgendwo ist immer ein Haken."
Ich sah Enrico betreten an. "Tut mir wirklich leid. Du verdienst es so sehr deinen Traumprinzen zu finden. Du bist so ein toller Mann."
Lächelnd hob er mein Kinn. "Kein Grund Trübsal zu blasen, kleine Titania. Irgendwann, irgendwo läuft er mir über den Weg. Und dann wirst du meine Brautjungfer. Jetzt aber schnell, ihr wollt doch die Party nicht versäumen. Ich komme mir vor wie Cinderellas gute Fee!" meinte er lachend.
"Das bist du ja auch." Ich drückte ihm einen Kuss auf die Wange und lief zum Jeep. Enrico winkte uns nach, bis wir um eine Ecke bogen.
"Er scheint ganz gut damit klarzukommen." sagte Kevin leise.
"Womit?"
"Mit uns beiden. Ich habe bemerkt, dass er vernarrt ist in mich."
"Es war ja auch schwer zu übersehen. Ja, er kommt, scheint es, gut damit klar."
"Das liegt an dir." Er warf mir einen Seitenblick zu.
"Warum denn das??"
"Du löst in den Menschen sämtlichen Beschützerinstinkte aus, mit deinen großen braunen Augen. Man kann dir einfach nicht auf Dauer böse sein."
"Manche Menschen schon." Ich sah geradeaus auf die Straße, um nicht seinem Blick zu begegnen. Ich wollte nicht von John sprechen, das hätte mir den Abend verdorben. Ich wusste noch immer nicht, ob ich Kevin alles erzählen sollte oder nicht, aber wenn ich die Wahl hatte, dann blieb dieses Thema vom Tisch und meine dunkle Vergangenheit mein Geheimnis.
 
26. Kapitel
"Oh, ihr zwei seht entzückend aus! Und so schöne Masken!" rief Dona schon von weitem. Sie stöckelte uns, in halsbrecherischem Tempo, durch die Eingangshalle ihrer Villa entgegen, um uns zu umarmen und uns Küsse auf die Wangen zu hauchen. Sie trug ein Rokokokleid, das vorn so verändert worden war, dass es ihre schlanken Beine entblößte.
"Lasst mich raten! Ihr seid... Nein, nichts sagen... Ihr seid die Elfen aus dem Märchen!"
"Aus Shakespeares Sommernachtstraum, genau." stimmte Kevin charmant lächelnd zu.
"Ach, hinreißend!" lachte Dona, während sie uns in den Festraum zog. "Ihr passt in meine Dekoration, als sei es abgesprochen gewesen!"
Sie hatte Recht. Die Deko, in ihrem kleinen Ballsaal, war eine Mischung aus Kristallpalast und pflanzendurchwucherter Wildnis. Durch unzählige Blumenkübel waren kleine Nischen an den weißen Wänden entstanden, in die sich die Gäste zurückziehen konnten. Die Pflanzen lockerten die etwas steril wirkenden, transparenten Tische mit dem Büfett und die tiefhängenden modernen Kristalllüster auf. Die Sitzgelegenheiten waren ausnahmslos aus weißem Leder und auch das kleine Orchester, das auf einer Empore saß, war weißgekleidet. Dona entschuldigte sich, weil neue Gäste kamen und lief mit freudestrahlendem Gesicht davon.
Wir waren nicht die ersten Gäste. Ein paar von Donas kreativen Mitarbeiterinnen erkannten uns trotz der Masken, begrüßten uns mit großem Hallo und stellten Kevin neugierige Fragen. Am wichtigsten schien zu sein, dass er mit mir hier war. Die Frage, wie lange und durch welchen Umstand er und ich uns kannten, fiel mehr als einmal. Kevin antwortete mit Charme und Witz, während ich die Reaktionen der jungen Damen auf ihn studierte. Sie hatten alle reges Interesse an ihm, sogar Diana, die bereits liiert war. Und grade sie schien zu denken, dass sie ihn mir abspenstig machen konnte, denn sie machte einen Scherz nach dem anderen und legte ihm beim Lachen eine Hand auf den Arm. Eine Weile dachte ich, ihr Plan ginge vielleicht auf, und wurde dementsprechend stiller. Aber dann zog mich Kevin an sich und legte mir besitzergreifend einen Arm um die Hüfte, wobei ich zwischen ihn und Diana geriet. Danach entschuldigte er uns bei den Damen und lotste mich von ihnen weg.
"Deine Freundinnen sind ziemlich... neugierig." seufzte er leise.
"Du meinst anstrengend. Und sie sind nicht meine Freundinnen, wir arbeiten nur alle für dieselbe Chefin. Was hältst du von Diana?"
"Eine hübsche Frau." antwortete er wahrheitsgemäß. "Aber sehr aufdringlich und von sich eingenommen, und damit überhaupt nicht mein Typ." Er warf mir einen Seitenblick zu und lächelte zärtlich. "Ganz im Gegensatz zu dir."
Ich fühlte, wie mir die Röte ins Gesicht stieg und sah weg, aber er drehte mein Gesicht zu sich und sah mir in die Augen. Seine, hinter der moosgrünen Maske mit dem zarten silbernen Linien, schienen von innen zu leuchten.
"Bist du eifersüchtig, kleine Titania?" fragte er leise.
"Ich dachte, bei Shakespeare sei Oberon der Eifersüchtige gewesen... 'Oberon ist hier, der Eifersüchtge? Elfen, schlüpft von hinnen, denn ich verschwor sein Bett und sein Gespräch.'" zitierte ich ebenso leise.
"Glaub mir Miri, du hast keinen Grund zur Eifersucht. Es gibt keine Frau für mich, die schöner ist als du. Keine Rose, die süßer duftet, kein Stern am Firmament, der heller strahlt. Ich möchte dich in den Armen halten und die ganze Nacht durch lieben, mit dir einschlafen und dein Gesicht sehen, wenn ich aufwache. Ich liebe dich, Miriam." Die letzten Worte flüsterte er in mein Ohr.
"Ich liebe dich auch, Mister." erwiderte ich ebenso leise.
Kevin zog mich lächelnd in eine der Pflanzennischen. "Strafe muss sein..."
Aber wenn er das Strafe nannte, dann war ich gern ein böses Mädchen.
 
27. Kapitel
Ich fächelte mir mit der Maske Luft zu, bevor ich sie wieder aufsetzte. Es war inzwischen richtig voll geworden und dementsprechend stickiger, aber der Grund meiner Erhitzung hatte spitze Ohren und funkelnde grüne Augen.
"Wollen wir ein bisschen an die frische Luft gehen?" schlug er mir vor.
"Bin ich dir jetzt doch oft genug auf die Füße getreten? Ich habe dich gewarnt und das mehrmals."
"Meine Füße würden sich von niemandem lieber treten lassen, als von dir." Er zog mich wieder näher und wiegte sich mit mir im Takt. "Ich dachte nur, du möchtest dich ein bisschen abkühlen. Deine Wangen sind bezaubernd rot." murmelte er in mein Ohr.
"Und du willst mir weismachen, dass du keinerlei Hintergedanken hast?"
"Heißt das etwa, du kannst meine charakterlosen Gedanken erraten?" Er schnalzte mit der Zunge. "Und dabei dachte ich, dass ich mich besonders gut getarnt hätte."
Ich schüttelte den Kopf. "Da hilft keine noch so gute Maske. Du bist ertappt, Fürst der Schatten."
"Verflixt!" Er schmunzelte.
"Ach, da seid ihr beiden ja! Oder störe ich euch grade beim Tanzen?"
Seit den 'Hintergedanken' hatten unsere Füße wieder stillgestanden, also störte Dona uns nicht beim Tanzen. Andererseits konnten wir auch später weiterflirten. Allein...
"Miri, ich muss dir unbedingt jemanden vorstellen..."
Dona wartete selten eine Antwort ab. Sie zog mich kurzerhand mit sich und Kevin folgte uns kopfschüttelnd. Ich stieß fast mit Dona zusammen, als sie abrupt und freudestrahlend bei einem Mann im Smoking stehen blieb.
"Hier haben wir sie, Mister Tigue. Miriam Milton, meine rechte Hand und aufstrebende Jungdesignerin, deren Entwürfe Sie so bewunderten. Miriam, das ist Mr. David Tigue, er ist Inhaber von 'Color and Style' und überlegt ob er mit uns ins Geschäft kommt. Er hat deine Entwürfe auf meinem Schreibtisch liegen sehen und war begeistert von dem Hosenanzug."
"Ja, diese jugendliche, frische Formgebung ist genau das, was ich mir für meine Filialen vorstelle. Dona kann sich sehr glücklich schätzen Sie zu haben, Miss Milton." bestätigte er ihre Worte.
Ich klappte den Mund wieder zu und lächelte zaghaft. "Freut mich, dass er Ihnen gefällt."
"Ich hätte Sie gern dabei, wenn ich nächsten Montag die Einzelheiten des Vertrags mit Miss Versace durchspreche. Natürlich nur, wenn das möglich ist?"
Ich warf Dona einen vorsichtigen Blick zu. Dieser Mann schien meine 'Kollektion', wenn man es denn schon so nennen konnte, zu einem festen Bestandteil des Vertrags machen zu wollen und damit von Versace-Moden... Und Dona strahlte über das ganze Gesicht? Dabei hatte ich befürchtet, es würde sie beleidigen.
"Gern, wenn ich es zeitlich einrichten kann." erwiderte ich ausweichend.
"Was auch immer du da sonst vorhast, kannst du verschieben. Sei um zehn in meinem Büro, in Ordnung?" Dona drückte lächelnd meine Hand. "Und nun entschuldigt uns bitte, ich muss Mr. Tigue noch Diana und die Anderen vorstellen." Damit ergriff sie seinen Arm und zog ihn in ihrem Kielwasser durch die Menge.
Kevin, der sich diskret im Hintergrund gehalten hatte, stupste mich sacht an. "Erde an Miri. Soll ich jetzt gratulieren oder dir auf den Schreck lieber etwas Hochprozentiges holen?"
"Ich denke noch drüber nach..." Ich starrte weiter in die Richtung, in welche die beiden verschwunden waren, allerdings ohne etwas zu sehen.
Zwei warme Hände auf meinen Schultern brachten mich wieder zurück in die Realität. "Okay, Baby, wir zwei gehen jetzt auf die Terrasse, bevor du mir hier umfällst."
Ich konnte mir denken, dass ich inzwischen knallrot angelaufen war. Ein bisschen frische Luft musste jetzt sein und ich war Kevin dankbar dafür, dass er mir einen Arm um die Taille schlang und mich stützte. Um Himmels Willen! Ich war im Begriff eine Designerin für Versace zu werden! Allein der Gedanke bewirkte, dass sich alles um mich drehte!
 
28. Kapitel
Kevin steuerte mit mir die kleine Treppe an, die von der Terrasse über wenige Stufen in den Garten hinunter führte. Wir ließen Stimmengewirr und Musik hinter uns und traten hinein in die kühle Dunkelheit. Das Wetter, das sich vor zwei Wochen noch von seiner unfreundlichen Seite gezeigt hatte, war in diesen Tagen wieder so mild, dass ich in meinem Kostüm nicht fror. Das konnte aber auch daran liegen, dass ich so erhitzt war, oder an Kevins wärmender Nähe. So genau konnte ich das in meinem verwirrten Zustand nicht sagen. Mein Gott, ich war auf dem Weg Designerin zu werden... Bisher hatte ich zwar gehofft, aber nicht wirklich an die Möglichkeit geglaubt. Mein Talent beschränkte sich, meiner Ansicht nach, auf das Zusammensetzen der Kleidung, nicht unbedingt auf das Entwerfen.
Und jetzt das... Ein wundervoller Abend in einem sündigen Kostüm, den absoluten Traummann an meiner Seite und auf dem Weg zu einer kreativen Karriere...
"Zwick mich, ich träume."
"Nein, du träumst nicht." wiedersprach Kevin.
"Doch, ich muss träumen, das kann nicht real sein. Also zwick mich endlich."
Er tat mir den Gefallen und zwickte mich. Am Allerwertesten...
"Bist du jetzt überzeugt?"
Ich bekam seinen Satz gar nicht richtig mit. Kopfschüttelnd grübelte ich, was in den letzten paar Wochen mit mir geschehen war.
"Miriam." Kevin nahm mein Gesicht zwischen die Hände und brachte mich dazu ihn anzusehen. "Baby, manchmal geschehen Dinge einfach so und mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit. Es ist wie auf einen fahrenden Zug aufzuspringen. Wenn du zu lange zögerst und zurücksiehst, wirst du unweigerlich fallen und den Zug verpassen. Aber wenn du die Bedenken für eine Weile über Bord wirfst, hast du die Chance voranzukommen. Du entscheidest selbst, was von beidem dein Weg ist."
Ich sah auf in seine dunklen Augen. In ihnen stand Vertrauen und zärtliche Liebe, etwas das ich seit dem Tod meines Vaters nicht mehr gesehen hatte. Mir wurde zum ersten Mal wirklich klar, was Kevin für mich empfand. Es war mehr als ein bloßes Verliebtsein, mehr als alles, was ich bisher in einem Mann geweckt hatte. Und es fühlte sich gut an. Lange Zeit hatte ich nicht mehr auf eine bessere Zukunft zu hoffen gewagt. Und jetzt hatte ich plötzlich alles, was ich mir wünschen konnte...
Arm in Arm schlenderten wir durch den Garten. Es roch nach Herbstlaub und späten Rosen. Über uns funkelten die Sterne und machten mir Versprechungen, der Mond war nicht zu sehen.
"Du bist so still." bemerkte Kevin leise.
"Ich bin glücklich." erwiderte ich verträumt.
Er lächelte verschmitzt. "Das sieht man dir an, kleine Titania. Ist dir kalt? Wollen wir wieder reingehen?"
Tatsächlich fröstelte ich jetzt doch. Ich blieb stehen und schlang meine Arme um ihn. "Du könntest mich doch wärmen."
Er lachte leise. "Wie meine Königin befielt."
Er nahm mich in die Arme. Meine Güte, dass ein Mann soviel Wärme ausstrahlen konnte... Lag das an ihm oder an mir?
Bevor ich den Gedankengang beenden konnte, neigte er den Kopf und bedeckte meine Lippen mit seinen. Sie waren weich... warm... mit einem Hauch Orangen, von dem Saft vorhin. Er löste sich ein Stück von mir, um mir in die Augen zu sehen.
"Wir sollten doch besser reingehen. Sonst erregen wir noch öffentlich Ärgernis."
Ich nickte, leicht benommen.
Er nahm meine Hand, streichelte mit dem Daumen leicht die Handfläche und lächelte versonnen. Dann umschlossen seine Finger meine, und wir gingen händchenhaltend zurück zur Party.
Als wir in den Lichtkegel traten, der aus der Verandatür fiel, hörten wir schon Donas helles Lachen, obwohl wir sie vor lauter Menschen gar nicht sehen konnten. Sie fiel überall mühelos auf. Das war eine Eigenschaft, die ihr angeboren schien, und die weder arrogant noch lästig herüberkam, weil Dona einfach ein unheimlich lieber Mensch war.
"Wollen wir sie suchen?" fragte Kevin.
"Ja. Ich muss mich bei ihr bedanken, dass sie so eine tolle Chefin und wundervolle Freundin ist. Ich glaube, sie hat meine Entwürfe absichtlich auf ihrem Schreibtisch im Büro liegen lassen... Der ist normalerweise, grade wenn Besprechungstermine anstehen, penibel aufgeräumt. Ihr kreatives Chaos erstreckt sich nie über die Schwelle ihres Arbeitszimmers hinweg."
"Ich weiß, sie hat mich mal einen Blick hineinwerfen lassen. Es ist der Raum hinter ihrem Büro, richtig? Aber warum lässt sie deine Entwürfe nicht einfach selbst ausführen? Sie findet sie doch bestimmt auch toll, wenn sie sie ihren Geschäftskunden so direkt unter die Nase hält?"
"Das tut sie nicht, weil ich es ihr verboten habe. In einem Anfall von Selbstmitleid habe ich ihr gesagt, dass sie sie nur toll findet, weil ich ihre Freundin bin. Scheinbar will sie mich auf diesem Weg vom Gegenteil überzeugen." Ich lächelte.
"Und es klappt." stellte Kevin schmunzelnd fest.
Ich lachte. "Sieht ganz so aus. Sag mal, währest du so lieb mir etwas zu trinken zu holen? Der Zigarettenrauch reizt mich zum Husten."
Er lächelte mich an und drückte meine Hand. "Ein alkoholfreier Cocktail, kommt sofort." Er hob meine Hand und küsste meine Finger, dann verschwand er in der Menge.
Glücklich seufzend blickte ich ihm nach. Dieser Mann war einfach... der absolute Traum.
Ich erinnerte mich wo ich hinwollte und folgte Donas Lachen. Jemand rempelte mich leicht an und entschuldigte sich höflich. Es war einfach etwas zu voll in der Nähe der Stehtische. Ich rückte meine Maske grade und bahnte mir weiter vorsichtig einen Weg.
Da vorne war ihr platinblonder Kopf. Sie stand in einem Pulk junger Männer, die sie allesamt umschmeichelten. Dann machte sie mit der Hand einen Wink und die Herren schwirrten auseinander, anscheinend jeder mit dem Anliegen ihr als erster ein Glas Champagner zu holen.
Ich grinste. Das Spiel kannte ich bereits. Der Sieger bekam nachher einen Kuss und wenn er Dona besonders gut gefiel vielleicht sogar noch mehr.
Sie hatte mich noch nicht gesehen und drehte sich jetzt zu einem Mann im dunkelgrauen Armanianzug um, der meiner Sicht zuvor durch die anderen Männer verdeckt gewesen war.
Ich erstarrte mitten in der Bewegung, wie ein Kaninchen vor der Schlange. Einen Moment glaubte ich – betete ich -, es sei eine Halluzination. Aber als ich kurz die Augen schloss, um sie zu vertreiben, ertönte sein dröhnendes Lachen und ich riss sie wieder auf.
Er war es. John war hier, direkt vor mir. Und in diesem Augenblick drehte er sich zu mir um und sah mir direkt in die Augen.
 
29. Kapitel
Ungeschickt bahnte ich mir einen Weg durch die Menge, stieß unentwegt irgendwen an und murmelte Entschuldigungen. Dabei hatte ich die ganze Zeit diese eiskalten graublauen Augen vor mir, seine Augen.
Ich wollte nur noch weg. Er schien mich nicht erkannt zu haben, vielleicht wegen Maske und Kostüm. Außerdem glaubte er ja, ich wäre tot.
Das Leben, das ich mir in den letzten zwei Jahren aufgebaut hatte, war innerhalb einer Sekunde zu Staub zerfallen. Früher oder später würde er mich doch erkennen, denn Dona war stolz auf mich, ihre rechte Hand, und stellte mich jedem vor.
Ihre ehemalige rechte Hand... Es war vorbei. Ich musste weg, raus aus New York. Fort von Dona, meiner Arbeit, meinem Apartment. Von Kevin... Der Gedanke, ihn nie wiederzusehen, versetzte mir einen scharfen Stich ins Herz. Aber mir blieb keine andere Wahl... Wenn John mich fand, würde er mich töten. Und wenn er Kevin mit mir fand...
So stark und heldenhaft Kevin auch sein mochte, John war ein kaltblütiger Killer. Um mein Vermögen endgültig an sich zu bringen, würde er auch nicht zögern einen weltberühmten Sänger umzubringen. Leichen konnte man überall verschwinden lassen, erst recht hier in New York. Ich hätte Kevin von Beginn an auf Abstand halten sollen, hätte mich nie in ihn verlieben dürfen... Nun war es zu spät und ich musste ihn und mich verletzen, um wenigstens ihn zu schützen.
Ich erreichte die Eingangstür und stieß sie auf, rannte weiter. Wohin wollte ich eigentlich? Ich musste auf jeden Fall etwas anderes, wärmeres anziehen. Also zu meinem Apartment.
Durch die dünnen Sohlen meiner Stoffschuhe, fühlte ich bei jedem Schritt den harten Asphalt. Ich versuchte einfach nicht darauf zu achten.
"Miriam!"
'Nein, bitte... Komm mir nicht nach, Kevin...' Aber ich wusste bereits, dass ich vergeblich hoffte. Ich hörte ihn hinter mir laufen und im nächsten Moment ergriff er mich am Arm und zwang mich stehen zu bleiben. Er drehte mich an den Schultern zu sich herum, aber ich starrte zu Boden.
"Miri... Was zur Hölle ist los?! Hat dir jemand wehgetan?"
Ich schwieg.
Er hob mein Gesicht an, um mir in die Augen zu sehen, suchte in ihnen nach einer Antwort. "Was ist denn passiert..." erkundigte er sich leise.
Sein sanfter Tonfall und seine warmen Finger auf meinen Wangen trieben mir die Tränen in die Augen. Ich drehte den Kopf zur Seite, um sie vor ihm zu verbergen, aber es war zu spät.
"Miriam..."
Ich riss mich von ihm los. "Ich will nach Hause."
"Okay... Okay, ich bring dich heim. Warte bitte hier auf mich, ja?" Er versuchte wieder, mir in die Augen zu sehen, aber ich wich ihm aus. "Miri... bitte... warte hier auf mich... Ich kann dich nicht mitten in der Nacht allein heimgehen lassen... Versprichst du hier stehen zu bleiben, bis ich mit dem Jeep da bin?"
Ich nickte, obwohl ich lieber gelaufen wäre. Ich würde ihn nach dieser Nacht nicht wiedersehen und je länger ich in seiner Nähe war, umso größer wurde der Schmerz.
Kevin beeilte sich. Ob nun aus Sorge, dass mir was passierte derweil er nicht da war, oder weil er fürchtete ich könnte ohne ihn gehen, ich wusste es nicht. Ich wusste gar nichts mehr. Unaufhaltsam liefen mir die Tränen über das Gesicht, während mir eine Kälte durch den Körper kroch, die von innen statt von außen kam.
Als der Geländewagen vor mir hielt, kletterte ich auf den Beifahrersitz, ohne Kevins Hilfe abzuwarten.
Auf der Fahrt herrschte beklommene Stille zwischen uns. Ich war mir seiner Nähe extrem bewusst, versuchte alles an ihm in meiner Erinnerung zu speichern, ohne ihn das merken zu lassen. Wie gern hätte ich noch einmal mit ihm geschlafen, aber danach hätte ich ihn nicht mehr verlassen können. Was immer ich für John empfunden hatte, es konnte nicht mehr als eine Kleinmädchenschwärmerei gewesen sein, im Vergleich mit dem Gefühlssturm den Kevin in mir auslöste. Hätte ich ihn nur nie kennen gelernt...
An meinem Apartmenthaus angekommen, folgte Kevin mir die Treppen hinauf, obwohl ich ihn gebeten hatte es nicht zu tun. In seinem Gesicht stand echte Sorge zu lesen.
Ich schloss meine Tür so schnell auf, wie meine bebenden Finger es zuließen und schlüpfte hinein. Bevor ich sie jedoch vor seiner Nase schließen konnte, hatte er seinen Fuß im Türspalt.
"Miriam, bitte, lass uns darüber reden. Ich weiß doch gar nicht was los ist..."
Ich zwang mich, in seine Augen zu blicken, diese schönen Augen, die mich von Anfang an gefesselt hatten, und es auszusprechen.
"Es ist vorbei, Kevin. Das mit uns beiden funktioniert einfach nicht."
Seine Augen weiteten sich im Schock. "Das ist nicht dein Ernst..."
"Doch, das ist es. Wir kommen aus verschiedenen Welten und ich... ich kann... einfach nicht..." Meine Stimme brach. Bevor er seinen Schock überwinden und mich daran hindern konnte, schob ich seinen Fuß zur Seite und schloss die Tür. Dann legte ich tränenblind die Kette und den Riegel vor. Wenn er allerdings wirklich reinkommen wollte, würden die ihn nicht aufhalten.
"Miriam!"
Ich lehnte mich mit dem Rücken gegen die Tür und spürte im nächsten Augenblick wie sie vibrierte, als er dagegen schlug.
"MIRIAM!"
"Na na, junger Mann, Sie wollen doch wohl nicht das ganze Haus aufwecken?" erklang Mrs. Vittkowskis Stimme. "Was ist denn passiert?"
"Ich weiß es nicht..." erwiderte Kevin verzweifelt.
"Na, dann kommen Sie doch erst mal zu mir rein, bevor Mrs. Carmichael von oben wegen Ruhestörung die Polizei ruft. Kommen Sie..."
Ich hörte noch Kevins schwachen Protest, den er mit verdächtig schwankender Stimme vorbrachte, dann schloss sich Mrs. Vittkowskis Tür und es war still.
Ich stieß mich langsam von meiner Tür ab und ging, unsicheren Schrittes, durch den Korridor ins Badezimmer. Der bleiche Herbstmond tauchte es in sein bläuliches Licht und versilberte die Tränenspuren auf meinem Gesicht, das mir genauso bleich aus dem Spiegel entgegensah. Die Maske musste ich wohl im Wagen vergessen haben. Die Locken hingen wirr auf meine Schultern herunter, grade dabei sich aufzulösen. Das Diadem war verrutscht und erinnerte an den Gänseblümchenkopfschmuck eines Kindes, das sich beim Blumenpflücken verlaufen hatte.
"Mich dünkt, von Tränen blinke Lunas Glanz; und wenn sie weint, weint jede kleine Blume um einen wild zerrissnen Mädchenkranz..." zitierte ich leise aus dem Sommernachtstraum. Dann sank ich weinend vor dem Waschbecken zusammen.
 
30. Kapitel
Nachdem ich den Rest der Nacht weinend auf den kalten Fliesen im Bad gesessen hatte, trieb mich jetzt der reine Überlebenswille an. Auf meinem Bett stand nur die kleine Reisetasche, denn ich wollte mit leichtem Gepäck fahren.
Ich wanderte zwischen Wohn- und Schlafzimmer hin und her und sammelte meine wichtigsten Besitztümer ein, auf die ich nicht verzichten konnte. Meine liebsten Kleidungsstücke. Die Kette, die meiner Mutter gehört hatte und die nur deshalb noch in meinem Besitz war, weil ich sie damals in dieser unglückseligen Nacht getragen hatte. Den silbernen Ring, den ich mir vom Rest meines ersten Gehalts gekauft hatte und den ich statt des Eheringes trug, den ich damals in den Fluss geworfen hatte. Das Bild von Dad.
Ich versuchte meinen Blick von dem zweiten Bilderrahmen fernzuhalten, der erst seit einer Woche auf dem Wohnzimmerschrank stand. Ich wollte dem Blick dieser grünen Augen nicht begegnen, nicht dieses Lächeln sehen, denn es würde mich so oder so jahrelang in meinen Träumen verfolgen. Es würde ihm gut gehen. Ein Mann wie er blieb nicht lang allein. Er würde eine Frau finden, die ihn glücklich machte, sie heiraten und wunderschöne Babys mit ihr bekommen.
Unwillig wischte ich mir die Tränen vom Gesicht.
"Es ist für ihn das Beste so." versuchte ich mir selbst einzureden. Aber für mich war es das nicht...
Ich holte meine Papiere aus der Kommode. Ich wusste noch nicht, ob ich sie weiter benutzen konnte. Ich wusste ja noch nicht mal, wo genau ich hinwollte. Auf jeden Fall raus aus den Vereinigten Staaten. Vielleicht Kanada... Mein Schulfranzösisch mochte reichen um dort Fuß zu fassen. Irgendwo würde ich irgendwie einen Neuanfang machen. Neue Leute kennen lernen. Mich weigern zu verzweifeln.
"Das Leben geht weiter." Das klang in meinen Ohren zwar abgedroschen, aber es war das Einzige, das mich aufrecht erhielt.
Das Telefon klingelte und ich zuckte zusammen. Ich starrte es an, um es mit reiner Willenskraft zum Verstummen zu bringen, denn ich wusste wer da anrief.
Das hatte noch nie geklappt... Der Anrufbeantworter sprang an.
"Miriam? Miri, bitte... geh dran... Ich muss mit dir reden..."
Aber ich konnte nicht mit ihm reden. Nie mehr.
"Verdammt, Miriam, ich liebe dich! Und ich weiß, dass du mich auch liebst! Warum willst du das wegwerfen?!"
Oh, ich wollte ganz bestimmt nicht. Aber ich hatte doch keine Wahl...
"Ich werde nicht so einfach aufgeben, Miriam. Das kann ich nicht. Ich liebe dich."
Der AB schaltete sich ab und Stille senkte sich über das Apartment.
Eine einzelne Träne fiel auf meine Hand, riss mich zurück in die Wirklichkeit. Ich hatte noch zu tun...
Etwa eine Stunde später sprach Dona auf den Anrufbeantworter. Sie scherzte, dass Oberon und Titania bestimmt gute Gründe hatten so früh von ihrer Party zu verschwinden und dass ich den Rest der Woche nicht kommen brauchte, sondern mich von Kevin verwöhnen lassen könnte. Ich sollte nur an den Termin am Montag denken.
Dona würde es also erst Montag auffallen, dass ich verschwunden war. Das war möglicherweise ganz gut so. Der einzige unberechenbare Faktor war Kevin. Ihm durfte ich auf keinen Fall noch mal über den Weg laufen.
Ich packte Shampoo und Duschgel in meine Kulturtasche und sah auf die Uhr. Es war schon halb elf vormittags, also höchste Zeit. Ich warf noch einen Blick in alle Räume. Es war alles aufgeräumt, also würde, wer auch immer die Wohnung auflöste, nicht viel Arbeit haben. Es wirkte einfach, als wäre ich über ein paar Tage weggefahren. Schulden hatte ich auch nirgends. Es konnte losgehen.
Ich zog meinen Mantel an, denn draußen wurde es dunkler und die ersten schweren Tropfen trommelten gegen die Scheiben. Vielleicht weinte der Himmel mit mir, wie Daddy immer gesagt hatte. Ich nahm meine Tasche und öffnete die Apartmenttür. In Gedanken ging ich noch mal alles durch.
Ich musste zur Bank, mein Konto auflösen, damit ich genug Geld hatte und niemand über Überweisungen meine Spur verfolgen konnte. Ich zog die Tür zu und schloss ab. Den Schlüssel würde ich gleich unten in den Briefkasten werfen.
"Nanu? Verreisen Sie etwa, Kindchen?"
Ich fuhr erschreckt herum. Mrs. Vittkowski stand hinter mir und musterte mich aufmerksam aus hellblauen Augen.
"J... ja, ich fahre für eine Weile nach... nach Washington. Ich habe da... eine alte Freundin." stotterte ich.
Im Blick der alten Frau schien für den Bruchteil einer Sekunde etwas aufzublitzen. "Aber nicht, dass Sie vor ihrem Freund flüchten, Miriam. Man kann vor der Liebe ebenso wenig davonlaufen, wie vor dem Tod."
Ich zuckte innerlich zusammen. Genau das tat ich doch seit zwei Jahren... Vor dem Tod davonlaufen...
"Ich... werde bald zurück sein, Mrs. Vittkowski."
Sie legte nachdenklich die Stirn in Falten. "Na gut. Dann schauen Sie bei mir rein, wenn Sie zurück sind. Ich denke, Sie brauchen jemanden zum Reden."
"Werde ich tun." Plötzlich wiederstrebte es mir, mich von ihr zu trennen. Schließlich war sie, außer Dona, meine einzige Freundin gewesen und ich würde sie nie wiedersehen. "Bis bald, Mrs. Vittkowski. Und passen Sie auf sich auf, während ich weg bin."
Sie nickte und ich ging zur Treppe. Auf halbem Weg nach unten hörte ich, wie sich ihre Tür hinter ihr schloss.
Sie würden mir fehlen, ihre Neugier und ihre Klarsicht. Und ihre tröstlichen Worte, wenn man sie brauchte. Ich hatte nie Großeltern gehabt, aber jetzt wünschte ich mir, dass sie meine Großmutter wäre, der ich mich ganz hätte anvertrauen können.
So in Gedanken ging ich weiter, meinen Schlüssel in der Hand, mir bewusst, dass ich diese steinernen Stufen zum letzten Mal benutzte. In der Ferne grollte Donner.
Ein dunkler Schatten fiel vor mir auf die Treppe. Ich sah auf. Der Schlüssel rutschte mir aus der Hand und landete mit lautem Klirren auf dem Stein.
Vor mir, nur zwei Stufen tiefer, stand John.
 
31. Kapitel
"Hallo Rachel. Oder soll ich lieber Miriam sagen?"
Ich war vor Angst wie erstarrt. Er brauchte bloß die Hand auszustrecken und er hätte mich gehabt. Den einzigen Fluchtweg versperrte er, und ich wusste, er würde es mich nicht mal versuchen lassen. Das konnte ich in seinem eisigen Blick lesen.
"Wie unglaublich einfallsreich, einfach deinen zweiten Vornamen und den Mädchennamen deiner Mutter zu benutzen. Das zeugt von großer Intelligenz... Hätte ich nicht bis gestern daran geglaubt dich loszusein, hätte ich dich im Handumdrehen gefunden. Aber vielleicht wolltest du ja, dass ich dich finde. Schließlich liebst du mich über alles, meine werte Gattin." Er lächelte kalt.
"Was immer ich mal für dich empfunden habe, starb damals mit Rachel Huntington in der Schlucht." erwiderte ich gepresst.
"Oh, ich wünschte sie wäre tatsächlich gestorben. Dann müsste ich mir heute nicht an dir die Hände schmutzig machen, kleine Närrin. Du hast die Kreise der Reichen und Schönen immer gehasst, im Gegensatz zu mir. Und ausgerechnet auf einer High Society Party treffen wir uns wieder... Deine liebe Dona hält wirklich große Stücke auf dich. Sie laberte mir über eine halbe Stunde die Ohren voll, wie toll du doch wärst. Dabei wollte ich nur wissen, wo ich dich finde. Aber... was soll's. Jetzt habe ich dich gefunden."
Er schob sein Jackett vorn auseinander und zeigte mir die Pistole, die in seinem Hosenbund steckte. "Du weißt ja, mein Schatz, dass ich ein guter Schütze bin. Natürlich will ich dich nicht erschießen, es würde zu viele Umstände machen deine Leiche zu beseitigen. Also wirst du jetzt den Schlüssel aufheben und zurück nach oben gehen, damit wir das in Ruhe... klären können."
"Und wenn ich mich weigere?"
Er grinste süffisant. "Dann, mein Schatz, wird dein hübscher neuer Freund dafür bezahlen."
Ich wusste, er bluffte nicht. Er brauchte nicht mal in Erfahrung zu bringen, wo Kevin hier in New York wohnte. Es reichte wenn er hier auf ihn wartete, denn Kevin würde garantiert hier auftauchen um mit mir zu reden. Ich hatte also keine andere Wahl, als zu gehorchen.
Ich hob den Schlüssel auf, während John vorsichtshalber eine Hand an der Waffe hatte. Er war wirklich ein guter Schütze und auf die kurze Distanz... Ich drehte mich langsam um und ging die Treppe mit zitternden Knien wieder hoch.
Meine Gedanken rasten auf dem Weg nach oben. Wenn ich mich jetzt plötzlich umdrehte und ihm die Reisetasche um die Ohren schlug? Aber da war ja hauptsächlich Wäsche drin. Er würde vielleicht die Treppe herunterfallen, aber ich hatte weder eine Garantie dafür, dass er bewusstlos wurde, noch dass er unterwegs die Waffe verlor. Also war das keine Option für mich. Verdammt, ich fühlte mich so hilflos...
Wir kamen auf der richtigen Etage an und ich streckte die zitternde Hand nach dem Schlüsselloch aus. Die Schlüssel klirrten aneinander.
Hoffentlich blieb Mrs. Vittkowski wo sie war und kam nicht auf den Gedanken aus der Tür zu sehen... Bei dem Gedanken daran, was John dieser netten alten Dame antun konnte, wurde das Beben meiner Hände stärker. Der Schlüssel rutschte aus meiner Hand und knallte auf den Boden.
Etwas eiskaltes Kreisrundes presste sich augenblicklich an meinen Hals...
Plötzlich war ich völlig ruhig. "Na los, drück schon ab. Bringen wir es hinter uns." zischte ich. Das kalte Metall wurde langsam zurückgezogen.
"Nein, ich werde dich nicht erschießen. Aber wenn du nicht spurst, ist dein Freund dran. Was meinst du... würde so ein Loch an seiner Schläfe sein Aussehen sehr verschandeln?"
Ich sah dieses Bild vor mir... Kevin zu meinen Füßen... das Blut... die sanften Augen leer... Innerlich schrie ich vor Entsetzen.
Ich hob den Schlüssel hoch und schloss die Tür auf. Das Apartment war noch genauso, wie ich es verlassen hatte. War das wirklich erst wenige Minuten her? Es erschien mir wie Jahre... Vielleicht war das alles nur ein böser Traum, und ich würde gleich erwachen und mich an Kevin schmiegen, ihm alles erzählen und mich trösten lassen... Es konnte... durfte... so nicht zuende sein...
"John..." Ich drehte mich halb herum und blickte ihn über die Schulter hinweg an. Er stand in der offenen Tür, war gerade im Begriff sie zu schließen, allerdings ohne mich aus den Augen zu lassen.
"Ja, meine Liebe?" Er lächelte kalt.
"Du musst das nicht tun. Wenn... Wenn du mich laufen ließest, würde ich nie wieder kommen. Offiziell bin ich tot... warum belassen wir es nicht dabei? Du hättest das Geld und ich... ich bliebe... am Leben."
Ich las in seinen Augen, dass er es nicht tun würde. Er drückte die Tür unwiderruflich zu. Das hier war ein Alptraum, aber es gab kein Erwachen für mich...
"Rachel, Rachel, Rachel... Diese Worte haben dir schon damals an der Schlucht nicht geholfen. Erinnerst du dich noch an jene Nacht? Ein Gewitter tobte, so wie heute. Du hast Stürme doch immer geliebt, bist du nicht froh, dass du noch einen erleben darfst?" Sein falsches Lächeln verblasste und er hob wieder die Waffe. "Und jetzt gehst du weiter, ich habe nicht ewig Zeit."
Ich gehorchte. Ich ging ihm voraus ins Wohnzimmer, stellte die Tasche unter dem Fenster ab und drehte mich zu ihm um. Eine Flucht aus dem Fenster zu wagen, war reiner Selbstmord. Und darauf die Feuerleiter am Schlafzimmerfenster zu erreichen, durfte ich nicht hoffen...
"Schön hast du es hier." Johns Augen huschten durch den Raum. "Wie machen wir es denn am besten... Oh ja! Du packst die Tasche wieder aus und verteilst alles hübsch über die Sessel. Du weißt schon, so als ob du es hättest einpacken wollen. Na los! Mach schon!"
Ich gehorchte wieder. Wenn er jetzt gewusst hätte, dass Mrs. Vittkowski mich schon mit der Tasche gesehen hatte... Ich würde es ihm garantiert nicht erzählen. Wenn er einen erfolgreich verlaufenen Selbstmord für mich plante, dann würde ihre Aussage das platzen lassen. Dann hatte ich wenigstens die Hoffnung, dass sie ihn für meinen Tod zur Rechenschaft zogen.
Ich verteilte die Wäsche ordentlich auf die Sessel, legte Kulturtasche und das Bild meines Vaters auf den Pulloverstapel. Unwillkürlich zog die Bewegung seiner Hand, die ungeduldig mit dem Pistolenlauf auf die Sessellehne trommelte, meinen Blick an. Er trug Handschuhe... Fingerabdrücke würde es also nicht geben... Warum machte ich mir unnütz Hoffnungen? Sie würden ihn nicht fassen, selbst wenn sie herausfanden wer ich überhaupt war...
"Bist du endlich fertig, verdammt?! Du ziehst jetzt die Gardienen zu und machst die Fenster auf!"
Ob er wusste, wie sinnlos diese Anweisung war? Ich tat ihm den Gefallen und reckte mein Gesicht dabei einen Moment in den kalten Wind. Ein paar schwere Tropfen trafen meine Wangen und vermischten sich mit meinen Tränen. Weinte ich tatsächlich? Um mein Leben? Oder um die Liebe, die ich viel zu spät gefunden hatte? Ich wischte mir mit dem Handrücken über das Gesicht und drehte mich zu ihm um.
"Und jetzt ziehst du den Mantel und die Schuhe aus und packst sie ordentlich weg. Und mach keine Dummheiten, das Ding hier ist auf dein Herz gerichtet."
"Was nützt mir mein Herz, wenn es sowieso gebrochen ist..." flüsterte ich unvernehmlich. Ich tat was er verlangte, und fühlte mich dabei unangenehm an die letzten Monate unserer Ehe erinnert. Er neigte schon immer dazu, andere zu kommandieren und seine Macht auszuspielen. Bei mir hatte er mein schlechtes Gewissen, das ich wegen des Geldes hatte, ausgenutzt, um mich dazu zu bringen zu tun was er wollte. Warum hatte ich das nicht erkannt, bevor es zu spät war?
Als ich vom Korridor wieder in den Wohnraum trat, dirigierte er mich in Richtung Küche.
"Du nimmst dir jetzt ein Glas, ein schönes großes, und setzt dich damit auf die Couch. Und deinen Mörser nimmst du auch mit dahin."
Er wusste es also noch... Ich kam nicht aus ohne einen Mörser, weil ich meine Gewürze immer frisch rieb. Ein alter Trick meines Vaters, der sehr gern und gut gekocht hatte. John hatte mich immer damit aufgezogen, hatte mir sogar eine Gewürzmühle geschenkt, aber das war einfach nicht dasselbe. Er hatte es nie begriffen, sondern mich dumm und rückständig genannt.
Ich nahm den schweren marmornen Mörser aus dem Schrank, holte ein Longdrinkglas aus einem anderen, und brachte beides zum Wohnzimmertisch. Auf einen Wink mit der Pistole, setzte ich mich hin.
John holte eine Flasche aus seiner Manteltasche, aus der anderen eine Tablettendose. Beides stellte er vor mir auf den Tisch.
"Tabletten zerreiben, Scotch drauf und runter damit!"
 
32. Kapitel
Ich sah von der bernsteinfarbenen Flüssigkeit zu John und zurück. Wahrscheinlich war ein großes Glas davon für mich auch ohne Pillen tödlich...
Ich nahm die Tabletten zur Hand. Auf der Dose war kein Aufkleber, also ließ sich weder sagen was drin war, noch woher sie stammte. Ich öffnete sie und schüttete den Inhalt in den Mörser. Dann klopfte ich die Tabletten mit dem Stößel kleiner, bis ich sie zerreiben konnte. Ich musste irgendwas sagen... Ich bereitete hier meinen Tod vor und musste mich davon ablenken...
"Versprichst du mir was, John?" fragte ich und war stolz wie ruhig meine Stimme klang.
"Den Teufel werde ich tun. Was sollte ich dir schon versprechen..." erwiderte er gehässig.
"Ich habe dich nie um etwas gebeten, John Patrick Huntington. Sieh es als letzten Gefallen, schließlich hat jeder zum Tode Verurteilte einen Wunsch frei."
Er seufzte genervt. "Also, was willst du..."
"Ich will dein Versprechen, dass du Kevin in Ruhe lässt, wenn ich das hier trinke. Du wirst ihm nicht auflauern, du wirst ihm kein Haar krümmen. Versprichst du es?"
"Du scheinst echt an dem Typen zu hängen... Ja, sicher... wenn du meinst... dann verspreche ich es eben..." erklärte er gelangweilt.
Ich wusste, dass dieses Versprechen ebenso leer war, wie alle Liebeserklärungen, die er mir je gemacht hatte. Vorsichtig gab ich das weiße Zeug, aus dem Mörser, in das Glas. Es füllte fast ein Drittel. Dann schraubte ich die Flasche auf und nahm ohne nachzudenken einen Schluck. Es war sowieso egal... Ich schüttelte mich vor Ekel. Der Scotch hinterließ ein taubes Gefühl auf der Zunge. Eine dumpfe Wärme breitete sich in mir aus.
Ich schüttete etwas in das Glas und ließ es in meiner Hand kreisen, damit sich der Inhalt auflöste. Ich sah, dass noch sehr viele halbe Pillen am Boden schwammen. Der Mörser war zu voll gewesen.
"Und jetzt runter damit." befahl John.
Ich wusste nicht, ob ich das Zeug wirklich trinken konnte. Allein der Geruch des Scotch widerte mich an und der Geschmack war, wie eben erlebt, noch schlimmer. Ich starrte in die bernsteinfarbene Flüssigkeit, dann schloss ich die Augen und hielt die Luft an. Ich setzte an und schluckte... schluckte... schluckte... schluckte... Es war ekelig, die Tabletten auf der Zunge zu spüren, aber noch schlimmer war der Geschmack des Alkohols. Ich setzte das Glas ab und blinzelte. Es waren noch immer Tablettenrückstände darin...
"Noch mal das Ganze!"
Hätte ich mir auch denken können. Ich füllte das Glas neu und trank es aus. Diesmal war es wirklich leer. John nahm es mir aus der Hand und stellte es auf den Tisch.
Irgendwie dekorativ... Was zur Hölle dachte ich da?
Ein eisiger Windstoß ließ die Vorhänge wehen und brachte Regen mit herein. Es blitzte und unmittelbar darauf folgte der Donner.
Ich wollte aufstehen und die Fenster schließen, aber dann merkte ich, wie wackelig meine Knie schon durch den Alkohol waren, und erinnerte mich, dass John die Fenster offen haben wollte.
Ich sah zu ihm auf. Er grinste.
"Du verträgst immer noch nichts, kleine Rachel. Dein neuer Freund hat dich also auch nicht an was gutes zu trinken gewöhnen können. Naja, vielleicht ist es besser wenn du dich hinlegst."
Ich tat es nicht, obwohl ich bereits merkte, dass ich beduselt war. Ich beobachtete stattdessen John, wie er zum Schrank ging und Kevins Foto herunternahm. Er stellte es vor mich auf den Couchtisch.
"Es soll ja echt aussehen, dein Selbstmord aus Liebeskummer, richtig?" Er wirkte fast fürsorglich und das kotzte mich an.
"Was machen wir jetzt." wollte ich wissen.
"Oh, ganz einfach. Wir warten darauf, dass du schläfrig wirst. Das sollte nicht allzu lange dauern. Und wenn ich sicher bin, dass du tief und fest schläfst, werde ich gehen. Ich kann leider nicht warten, dass du dich entweder erbrichst und daran erstickst, oder dass die Tabletten deinen Herzschlag so sehr verlangsamen, dass es einfach zu schlagen aufhört. ...schöner ist wahrscheinlich die zweite Variante." Er sah sich um. "Die Feuerleiter geht hinten raus, richtig?"
"Lass mich raten... Weder auf der Flasche noch auf der Tablettendose sind deine Fingerabdrücke zu finden. Und wenn ich eingeschlafen bin, schließt du die Apartmenttür von innen ab und verschwindest über die Feuerleiter. Deshalb wolltest du auch, dass ich die Fenster öffne... dann fällt es nicht auf, dass das zur Leiter offen steht." Erst bei meinen eigenen Worten wurde mir klar, wie penibel er meinen Selbstmord geplant hatte. Keiner käme auf den Gedanken, dass es ein Mord gewesen sei...
"Sieh an... Manchmal benutzt du dein hübsches Köpfchen also doch zum Denken. Ein Wunder, in unserer Ehe hast du das nie getan." Er ging zum Fernseher und schaltete ihn an.
"Du willst jetzt fernsehen??" fragte ich entgeistert.
"Ja, sicher! Ich hab doch immer ferngesehen, wenn ich drauf wartete, dass du endlich fertig wurdest. Und jetzt sei still, ich will die News von der Börse nicht verpassen."
Er konzentrierte sich tatsächlich auf das Geschehen auf dem Bildschirm... Da er direkt vor dem TV stehen blieb, wandte er mir den Rücken zu. Vielleicht...
Ich schaute mich um und mein Blick fiel auf den marmornen Mörser. Langsam streckte ich die Hand danach aus, nahm behutsam den massiven Stößel heraus und ergriff den Tiegel mit beiden Händen.
Ich stand auf und betete, dass meine Knie nicht nachgeben mochten. Sie zitterten... aber sie hielten stand. Lautlos umrundete ich den Couchtisch und schlich mich von hinten an ihn heran. Er rührte sich noch immer nicht...
Ich hob den Mörser hoch über meinen Kopf. Aber im selben Moment, als ich zuschlagen wollte, fuhr John herum und packte meine Hände.
 
33. Kapitel
"Was wolltest du dreckige, kleine Schlampe denn da machen, häh!?" Er entrang mir den Tiegel und schlug mich mit der flachen Hand. Er traf über dem Ohr und das wohl mit Absicht, denn sein Handabdruck auf meiner Wange brächte die Selbstmordtheorie ins Wanken.
"Du mieses, kleines, dreckiges Flittchen! Wenn ich nur die Zeit dazu hätte und wüsste wohin mit deiner Leiche, würde ich dich mitnehmen und dir beibringen wie sich eine Frau ihrem Mann gegenüber zu verhalten hat!"
Ich erschauderte bei dem Gedanken daran, was er damit wohl meinte. Nach seinem Schlag hielt ich den Kopf gesenkt und die Haare waren mir ins Gesicht gefallen. Hilflos hing ich in seinem Griff.
"Ich wusste schon immer, dass du einfach nur dumm bist. So dumm und unscheinbar, dass ich es mir trotz deines Geldes sehr lange überlegen musste, ob ich dich bis zum Tod deines Vaters ertragen konnte. Ich hab echt keine Ahnung, was dein neuer Verehrer an dir findet. Aber vielleicht steht er ja drauf, eine regungs- und empfindungslose lebende Puppe zu vögeln!"
Ich fühlte, wie meine Wangen nass wurden. Ich wollte nicht weinen, denn ich glaubte ihm kein Wort. Kevin hielt mich nicht für dumm, ganz bestimmt nicht. Und er hatte mir so oft gesagt wie schön ich sei, dass ich begonnen hatte mich durch seine Augen zu sehen. Eine empfindungslose Puppe...? Das war ich in Johns Armen vielleicht gewesen, ja. Ein Mann, der nach der Hochzeit jedes Mal nur noch sein eigenes Verlangen befriedigt, konnte von seiner Frau nicht erwarten, dass sie daran Spaß hatte benutzt zu werden. Aber Kevin war ganz anders. Zwischen dem Sex mit ihm und dem mit John lagen Welten!
John stieß mich so heftig von sich, dass ich über ein Tischbein stolperte und fiel. Er richtete die Pistole wieder auf mich und einen Augenblick lang fürchtete ich, dass er abdrücken würde. Aber er tat es nicht. Stattdessen bedeutete er mir, dass ich mich auf die Couch setzen sollte. Mir blieb nichts anderes übrig, als zu gehorchen.
"Und jetzt, Schätzchen, will ich nichts mehr von dir hören und sehen!" befahl er rau. Er musste ein wenig gegen das Gewitter anschreien, das jetzt scheinbar direkt über unseren Köpfen tobte. Draußen war er fast so dunkel, wie mitten in der Nacht. Blitz und Donner kamen zeitgleich und immer heftiger. Die Vorhänge waren durch den Regen aufgeweicht und klatschten immer wieder gegen die Scheiben der offenen Fenster, wenn der Wind nur einen Moment nachließ.
Es war ein Gewitter, wie damals an der Schlucht... Ich schloss die Augen und wartete auf das Aufheulen des Jeeps, der mich jagte. Es kam nicht, aber dafür wurde mir schwindelig. Vor mir sah ich die Schlucht. Jeder Blitz riss die scharfkantigen Felsen, über die der Fluss da unten peitschte, aus der Dunkelheit. Ich war totmüde. Ich spürte, wie ich das Gleichgewicht verlor und in die finsteren Tiefen hinabglitt.
Das erschreckte mich so sehr, dass ich die Augen aufriss. Ich begegnete direkt Johns eisigem Blick.
"Es ist soweit..." meinte er mit kaltem Lächeln.
Ja, es war soweit. Meine Glieder waren bleichschwer und die Augen fielen mir zu. Langsam rutschte ich an der Rückenlehne der Couch entlang, bis meine Wange auf der Armlehne ruhte. Ich machte die Augen wieder auf. John sah mich neugierig an, während er an seiner Unterlippe nagte. Ich öffnete den Mund um ihm zu sagen, er solle sich zum Teufel scheren, doch meine Zunge war zu schwer und mein Atem reichte irgendwie nicht für die Worte. Mein Blick wanderte fort von ihm, hin zum Tisch, auf dem Kevins Foto stand. Ich betrachtete es einen Moment, bis meine bleiernen Lider sich wieder senkten und die Realität aussperrten. Mein Herz flüsterte hilflos Kevins Namen.
Ein raues Lachen ließ mich erneut die Augen öffnen. Ich konzentrierte mich auf das Foto und versuchte wach zu bleiben. Das Zimmer verschwamm vor meinen Augen... Ich blinzelte um klar zu sehen. Einmal. Zweimal. Beim dritten Mal vergaß ich, die Augen wieder zu öffnen.
Dad stand vor mir. Sein Gesicht war traurig. "Mein kleines Mädchen... Du darfst ihn nicht heiraten... Er wird dich unglücklich machen, ich spüre es..." Bevor ich ihm antworten konnte, verschwand er.
 
34. Kapitel
Ein lautes Krachen riss mich wieder zurück in die Wirklichkeit. Zuerst dachte ich, es sei der Donner gewesen, doch dann fiel mein benommener Blick auf John. Er war bleich und starrte wütend Richtung Korridor. Aber warum?
Ich drehte mühsam den Kopf und erkannte eine hochgewachsene dunkle Gestalt im Türrahmen, als ein Blitz kurzzeitig den Flur in grelles Licht tauchte.
Nein... Nein, bitte nicht... Ein Schub Adrenalin schoss durch meinen Körper. Mein Blick flog zurück zu John, der grade die Pistole zog. Ich musste etwas tun...
Einen Augenblick war es völlig still, als würde die Welt die Luft anhalten. Sogar das Gewitter hielt scheinbar inne. In diesem lautlosen Augenblick klang das Entsichern der Waffe scharf und schmerzhaft schrill.
Ich versuchte, das Dunkel des Korridors zu durchdringen, doch ich konnte wegen der Lampe, die hier über dem Tisch brannte, nichts erkennen. Ich wusste nicht, wo genau Kevin war, ich meinte aber seine Nähe fast körperlich spüren zu können.
John schwenkte die Waffenhand leicht hin und her, also wusste er so viel wie ich. Doch dann streckte er den Arm etwas und ich wusste, er würde schießen. Vielleicht hoffte er auf einen Zufallstreffer... Ich zog die Beine an – sie waren schwer wie Blei –, dann trat ich John, mit aller verbliebenen Kraft, in den Rücken.
Der Schuss peitschte los, zugleich grollte ein lauter Donnerschlag. John taumelte vorwärts. Ich konnte nur beten, dass er Kevin nicht getroffen hatte.
John fing sich sofort wieder, fuhr wutentbrannt zu mir herum und richtete die Pistolenmündung auf mich.
Ich sah, wie sich Johns Finger krümmte und kniff die Augen zu. Ich wartete auf den Knall und den Schmerz. Der Einschlag musste mich wohl wie ein Faustschlag zurückwerfen.
Aber statt des Schusses erklang ein Wutschrei, und ich riss die Augen wieder auf. Ein Blitz tauchte den Raum in gleißendes Licht und brannte die Szene, wie Kevin Johns Hand nach unten schlug, einem Schnappschuss gleich in mein Gedächtnis ein. Die Pistole ging los, die Kugel schlug jedoch nur zu meinen Füßen in den Boden.
John versuchte, die Waffe zwischen sich und Kevin zu bringen. Aber sein Gegner war ein paar Zentimeter größer und kräftiger. Es gelang Kevin, Johns Hand gegen die Kommode zu hämmern. In einem Schrei aus Schmerz und Wut fiel die Waffe dumpf zu Boden, dann stieß Kevin John rücklings auf den Couchtisch, der unter seinem Gewicht zusammenbrach.
John stöhnte auf, aber Kevin zog ihn mitleidslos wieder hoch und rammte ihm die Faust in den Bauch.
"Du gottverdammter Scheißkerl!" Kevin holte erneut aus und traf diesmal Johns Kinn. Dann ließ er den erschlafften Körper achtlos fallen und lief zu mir.
Besorgt nahm er mein Gesicht zwischen die Hände und wischte mir die Tränen von den Wangen. "Was hat er mit dir gemacht, Baby?"
Ich versuchte zu antworten, doch kein Laut drang über meine Lippen. Mit zitternder Hand deutete ich auf die Tablettendose, die neben Kevin auf dem Boden lag. Er entdeckte sie und fluchte leise.
"Ist schon gut, Miri, alles wird gut... Ich bringe dich ins Krankenhaus..." Er nahm die Decke von der Sofalehne und wickelte mich sorgsam hinein.
"Kev..."
Er hielt inne und sah mich an.
"Es... tut mir so leid..." flüsterte ich kaum hörbar.
"Ist schon gut, Baby. Wir reden später." Er küsste mich sanft auf die Stirn.
Einen Augenblick lang schloss ich die Augen, doch dahinter lauerte eine immer tiefer werdende Dunkelheit, also zwang ich sie wieder auf.
Aus dem Augenwinkel sah ich eine Bewegung hinter Kevin. Verständnislos blickte ich auf die Hand, die über den Teppich zur Pistole rutschte, sie ergriff und auf Kevins Rücken richtete.
'John!' durchfuhr es mich heiß.
"Kev..." wimmerte ich, mir wohl bewusst es war zu spät. Meine Finger krallten sich um seine Hand.
Er fuhr zu John herum, und so sahen wir beide Johns triumphierendes Grinsen.
Plötzlich ging alles ganz schnell. Etwas schlug wie der Blitz auf Johns Hand ein und die Waffe flog in hohem Bogen in die hinterste Zimmerecke. John jaulte auf und umfasste seine Finger, aber dann krachte das Etwas auf seinen Kopf und es war schlagartig still.
"Na, da hat sich doch der Senioren-Golfkurs tatsächlich gelohnt. Und ich dachte, das Geld sei zum Fenster herausgeworfen."
Sprachlos starrten wir Mrs. Vittkowski an, die ihren Stock, mit dem Griff nach unten, wie einen Golfschläger hin und her durch die Luft schwang.
"Na, nun guckt nicht so entgeistert. Junger Mann, das Mädel muss dringend ins Krankenhaus, also sputen Sie sich gefälligst!" Sie fuchtelte gebieterisch mit dem Gehstock vor Kevins Nase herum.
"Ja, Ma'am. Sofort, Ma'am." Kevin schob vorsichtig seine Hände unter mich und hob mich hoch.
Halt suchend schlang ich meine Arme um seinen Hals. Erst jetzt merkte ich, dass er völlig vom Regen durchnässt war. Die Tropfen rannen ihm aus dem Haar, den Hals hinunter und in den Kragen der Lederjacke.
Mit mir auf den Armen, drehte sich Kevin besorgt zu der alten Frau um. "Glauben Sie, Sie kommen mit dem Mistkerl allein klar, Mrs. Vittkowski?"
Einen Moment lang dachte ich, sie würde mit dem Stock auf ihn losgehen wollen. Doch dann reckte sie sich nur ein Stück und stemmte die Hände in die Seiten.
"Was ich einmal kann, junger Mann, kann ich auch ein zweites Mal. Außerdem ist die Polizei unterwegs hierher und auch wenn die Cops nicht sehr helle sind, nehme ich doch an, dass sie mit einem solchen Subjekt fertig werden müssten. Und jetzt laufen Sie endlich los! Sonst nehme ich Ihnen das Mädel ab und bringe es selbst ins Krankenhaus!"
 
35. Kapitel
Ich hatte gewusst, dass Kevin stark war. Aber dass er, mit mir auf den Armen, die Treppe hinunterlaufen konnte, als sei ich leicht wie eine Feder, das hätte ich nicht vermutet.
Mir wurde schwindelig auf dem Weg nach unten und ich schloss einen Moment lang die Augen, nur um sie sofort wieder aufzureißen. Diesmal war die warme Geborgenheit in Kevins Armen gefährlich, denn der Schlaf lauerte in der Dunkelheit hinter meinen Lidern... Und mein Bedürfnis, ihm nachzugeben, wurde immer stärker.
Kevin öffnete, ohne mich abzusetzen, die Haustür und rannte hinüber zu seinem Wagen. Dicke kalte Regentropfen trafen auf dem Weg dorthin mein Gesicht, nahmen aber nichts von der Benommenheit, die die Tabletten bei mir auslösten.
Kevin setzte mich behutsam in den Sitz und schnallte mich fest. Dann stieg er selbst ein, startete den Jeep und fuhr los.
"Miriam..."
Ich öffnete die Augen mühsam ein Stück weiter und drehte den Kopf, um ihn ansehen zu können.
Kevin griff nach meiner Hand und drückte sie. "Ich liebe dich, Baby. Du musst durchhalten, mir zuliebe... Halt durch..."
Ich versuchte zu lächeln, doch das Ergebnis war eher kläglich. Erschöpft rieb ich mir über das Gesicht. Ich kämpfte... Ich kämpfte gegen die Wirkung des Medikaments an, aber ich verlor immer mehr an Boden... Die Straße vor uns nahm ich kaum noch wahr. Es wurde wieder heller, das Unwetter verzog sich, doch ich sah nur ganz verschwommen, ein Grau-in-Grau, das hier und da von vorbeiziehenden Straßenlampen erhellt wurde.
Kevin fuhr schneller und warf mir immer besorgtere Blicke zu.
Gern hätte ich ihn beruhigt und gesagt, dass es mir gut ginge, aber ich spürte, wie ich tiefer und tiefer in den Sog der Tabletten geriet. Mein Körper war schwer wie Blei, meine Gedanken wurden träge und ich sehnte mich danach die Augen zu schließen und mich auszuruhen.
Aber einzuschlafen konnte den Tod bedeuten... Ich wollte nicht sterben. Ich wollte mit Kevin zusammensein, seine Familie kennen lernen, sein Zuhause. Ich wollte ihm sagen, dass ich ihn liebe. Ich wollte mit ihm glücklich sein. Für immer. Nur ganz kurz den Kopf an die Nackenstütze anlehnen. Ganz kurz. Und kurz die Augen schließen, deren Lider so schwer waren. Ich würde sie ja sofort wieder öffnen. Nur einen kurzen Moment...
Dad war da. Er und ein Eiswagen. Er kaufte mir ein Eis am Stiel. Dann wurde der Eisverkäufer zu einem Heißluftballon und wir stiegen ein. Aber wir konnten nicht abheben, wir waren zu schwer. Stattdessen rutschten wir über den Boden.
Die Schlucht näherte sich. Ich hörte den Cimarron rauschen. Der Ballon schwebte langsam mit uns abwärts, hinein in die dunklen Tiefen des Abgrunds. Die Welt verlor ihre Farbe. Der Ballon bekam Johns Gesicht, er grinste. Dann konnte ich auf einmal nicht mehr atmen.
"Miriam! Miriam, wach auf!"
Ich tauchte langsam aus dem düsteren Bilderstrom wieder hoch. Vor mir sah ich, ganz unscharf, Kevin Gesicht. Er schüttelte mich... Warum tat er das...? Ich stöhnte leise und versuchte seine Hände fortzuschieben. Er sollte mich schlafen lassen. Ich war so müde...
Es überraschte mich, als er mich plötzlich auf seine Arme hob. Aber außer einem kurzen erschreckten Zusammenzucken, konnte ich mich nicht rühren. Kevin legte mich wieder ab und rief irgendetwas. Eine andere Stimme antwortete. Ich versuchte zu verstehen was los war.
"Welche Tabletten hat sie geschluckt?"
"Sie hat sie nicht freiwillig genommen, ihr Mann hat sie mit einer Waffe dazu gezwungen. Auf der Dose war kein Etikett, ich weiß nicht was es war."
Worüber sprachen die beiden da nur? Wer hatte etwas geschluckt?
Ein fremdes Gesicht tauchte über mir auf. Jemand leuchtete mir schmerzhaft mit einer Lampe ins Auge.
"Okay, sie kommt in Raum 3. Los geht's."
Das Ding, auf dem ich lag, setzte sich in Bewegung. Ich erkannte über mir eine weiße Decke, an der Neonröhren hingen. Fast sah es aus, als würden die sich bewegen und nicht ich. Die Frage, was von beidem jetzt zutraf, zu klären, war mir aber zu anstrengend.
Eine große warme Hand schloss sich um meine Finger. Müde drehte ich den Kopf in die Richtung. Es war Kevin, der neben mir herlief.
"Alles wird gut, Baby. Du bist im Krankenhaus, hier werden sie dir helfen."
Ich wollte ihm etwas antworten, doch ich vergaß was es war. Ratlos sah ich in seine Augen. Warum wirkte er nur so besorgt?
"Tut mir leid, Mr. Richardson, Sie können leider nicht mit in den Behandlungsraum. Warten Sie bitte draußen."
Die warme Hand wurde mir entzogen, als Kevin zurückblieb. Ich drehte den Kopf, um ihn anzusehen. Eine Glastür fiel zu und trennte ihn damit von mir.
Um mich herum liefen Leute hin und her und machten mich ganz konfus. Ein Schlauch wurde gebracht, und eine klare Flüssigkeit in einem Messbecher. Umstandslos steckten sie mir den Schlauch tief in den Mund und ließen die Flüssigkeit in meinen Magen laufen.
Mir wurde augenblicklich schlecht. Zwei Menschen in weißen Kitteln richteten mich schnell auf und hielten mir etwas unter die Nase.
Mit ungeheurer Anstrengung gab ich alles wieder von mir, von dem salzig schmeckenden Zeug. Mir wurde so schwindelig, dass ich fast zur Seite gekippt wäre, hätte mich der eine weiße Kittel nicht festgehalten.
Sie sagten mir, ich solle mich auf die Seite legen. Es dauerte seine Zeit, bis ich das geschafft hatte. Mir war so kalt... Ich sah auf und blickte direkt in Kevins mitfühlende, grüne Augen. Er hob die Hand und legte sie an die Scheibe, als wollte er sie durchdringen und mich berühren. 'Ich liebe dich...' formten seine Lippen. In seinen Augen standen Tränen.
Ich wollte ihm antworten, doch mein Körper gehorchte mir nicht richtig. Meine Finger zuckten nur ganz kurz.
Kevin war das Letzte, das ich sah. Dann fielen mir die Augen zu.
 
36. Kapitel
Dunkel und warm. Und ein unangenehmer Geruch nach Desinfektionsmitteln. Ich musste wohl in einem Krankenhaus sein... Ich war noch immer müde und meine Gedanken waren träge, aber ich erinnerte mich allmählich wieder, was geschehen war.
Warme Finger umschlossen meine Hand fester.
"Miri?"
Ich öffnete, etwas mühsam, die Augen und lächelte Kevin schwach an. Er erwiderte mein Lächeln und wirkte dabei unsagbar erleichtert. Er beugte sich über mich und drückte seine Lippen auf meine Stirn.
"Kev?" Ich verfluchte mich selbst, weil meine Stimme so leise und schwach war.
"Ja, Baby? Brauchst du etwas? Wasser, oder..."
Ich schüttelte den Kopf und er verstummte. "Du hast mir das Leben gerettet." flüsterte ich heiser.
Er sah mich an, mit diesen unglaublich grünen Augen. "Ich liebe dich." sagte er ruhig, als wäre es die Erklärung für alles. Möglicherweise war es das ja auch... Aber noch musste ich ihm zu vieles erklären, das möglicherweise seine Gefühle für mich ändern konnte.
"Was ist mit John?" wollte ich wissen. "Geht es Mrs. Vittkowski gut?"
"Ihr geht es blendend." Kevin lachte leise. "Sie ist so was von aufgekratzt... Die Polizei musste sie davon abhalten, John auf den Golfplatz mitzunehmen. Sie meinte, an ihm könnten die anderen Seniorinnen die Schläge üben... Sie haben John verhaftet, du musst noch deine Aussage machen. Der Inspektor wartet draußen, um sie aufzunehmen. Soll ich ihn jetzt reinholen?"
Ich griff nach seinem Arm. "Nein, erst... Erst muss ich dir einige Sachen erklären. Ich... Du musst wissen, dass John... Ich konnte es dir bisher nicht sagen, weil..."
Ich war einfach nicht in der Lage, einen Satz zu Ende zu führen. Ich hatte wahnsinnige Angst, Kevin doch noch zu verlieren.
"Ssschhhh..." Er zog mich in seine Arme und strich mir beruhigend über den Rücken. "Du brauchst mir nichts zu erklären, Miri. Ich weiß, dass John dein Mann ist und ich weiß auch, was er versuchte dir anzutun."
Erschreckt löste ich mich von ihm und starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. "Wo... woher weißt du das?"
Schuldbewusst erwiderte er meinen Blick. "Nach dem Abend, an dem wir im Restaurant waren, habe ich ausführlich mit Donatella geredet. Ich tat, als wüsste ich bescheid. Ich meinte zu ihr, dass du mir die Narbe gezeigt hättest, die John dir zugefügt hat. Es sprudelte daraufhin nur so aus ihr heraus. Sie kann vielleicht ihre neuen Kollektionen für sich behalten, aber sonst sieht das mit Geheimnissen schlecht bei ihr aus. Sie erzählte mir alles... Von deinem Erbe bis zu Johns Mordversuchen. Ich war drauf und dran die Polizei einzuschalten, doch dann wurde mir klar, dass er dich auf diese Weise aufspüren würde. Und das konnte ich nicht zulassen..."
Ich bemerkte kaum, dass er mir die Tränen von den Wangen wischte.
"Woher wusstest du, dass er mich gefunden hatte? Wie kam es, dass du da warst, um mir zu helfen?"
"Mrs. Vittkowski machte sich Sorgen um dich, als sie dich mit der Tasche sah. Sie konnte dich nicht aufhalten, aber sie merkte, dass du große Angst hattest. Sie hörte wenig später, dass du zur Wohnung zurückkamst. Und als sie dann Johns Namen aufschnappte, rief sie mich sofort an und berichtete mir davon. Wir zählten eins und eins zusammen, und ich kam so schnell ich konnte."
"Ich hätte es dir sagen müssen... Ich hätte dir von John erzählen müssen, aber ich hatte solche Angst, dass er dir was antun könnte. Deshalb wollte ich mich von dir trennen, als ich ihn auf der Party traf." sprudelte es aus mir heraus, während immer neue Tränen über mein Gesicht liefen. "Es hatte erst den Anschein, als hätte er mich nicht erkannt. Ich wollte nur noch vor ihm davonlaufen..."
"Ssschhhh... Du brauchst es mir nicht zu erklären, Miriam." versuchte Kevin mich zu beschwichtigen.
"Doch, Kevin... Ich muss es dir sagen..." Meine Stimme wurde fast von den Tränen erstickt. "Es hat mir das Herz zerrissen als ich sagte, es sei vorbei mit uns. Seit dem Tod meines Vaters hat mir nichts mehr so weh getan! Ich liebe dich, Kevin! Bitte, verzeih mir!"
Er zog mich eng an sich und vergrub sein Gesicht in meinem Haar. "Es gibt nichts zu verzeihen. Wenn ich dich verloren hätte... Wenn ich zu spät gekommen wäre... Mein Herz wäre mit dir gestorben..." Seine zitternden Finger straften seine ruhige Stimme lügen.
Lange Zeit, so schien es uns, saßen wir einfach da und hielten einander fest. Mir genügte die Gewissheit, dass er bei mir war und dass ich ihn nicht loslassen musste. Dass es vorbei war. Die Jahre der Angst vor Entdeckung waren zu Ende. John würde seine Strafe bekommen und ich konnte endlich wieder frei leben. Und lieben, wen immer ich wollte.
Mein Herz rief Kevins Namen. Und ich konnte hören, wie seins mit 'Miri' antwortete...
 
Epilog
Hierher zu kommen, war nicht grade einfach für mich. John hatte viel verändert. Sein Eifer, meine Vergangenheit auszulöschen, hatte einiges unwiederbringlich zerstört. Mein Elternhaus sah völlig anders aus, als ich es in Erinnerung hatte. Alles so modern und kalt... einzig von ihm und seiner dickbusigen und ewig-dumm-lächelnden Dauerfreundin Sandy gab es Bilder.
Und es war kaum zu glauben, an wie vielen Orten Spiegel hingen... Kevin hatte sich kurz umgesehen, eine Augenbraue hochgezogen und etwas von unheilbarem Narzissmus gemurmelt.
Ich hatte ihm gesagt, dass er nicht mitkommen müsse, nach Colorado, in die Nähe von Branson. Aber seine Antwort war einer dieser Blicke gewesen, die ich so an ihm liebte. Einer der einfach nur sagte: 'Ich weiß, dass es richtig ist.' Und dem konnte ich in diesem Fall nicht wiedersprechen, denn spätestens als ich vor meinem alten Zuhause stand und die Veränderungen sah, war ich froh eine starke Schulter zu haben, an die ich mich lehnen konnte.
Da es im Haus selbst nichts mehr gab, das für mich von Wert gewesen wäre, stiegen wir mit schwindender Hoffnung auf den Dachboden. Ich erwartete ihn leer vorzufinden, deshalb blieb ich wie erstarrt stehen, als ich die Tür öffnete.
Das Wunderland meiner Kindheit... es war noch da. Dunkle alte Massivholzschränke mit unzähligen Schubladen, der alte vergoldete Papageienkäfig ohne Boden, die Kleiderpuppe mit Hut und Kleid aus dem vorletzten Jahrhundert... Es war alles so, als sei ich nie weggewesen... Staub tanzte im Sonnenlicht, das durch die Bogenfenster hereinfiel.
"Es ist wunderschön hier." sagte Kevin leise, der dicht hinter mir stand. Er schlang seine Arme um mich und ich kuschelte mich kurz an seine Brust.
Dann begannen wir unsere Suche, nach den Zeugen meiner Vergangenheit. Wir öffneten Schubladen und Schranktüren, leerten alte Lederkoffer aus und scheuchten eine Maus aus dem Gitarrenkasten.
Nichts... War von Dad und mir nichts mehr im Wunderland zurückgeblieben?
Mein Blick fiel schließlich auf den hintersten Winkel des Dachbodens. Dort war ein kleiner Verschlag, den eine Tür an rostigen Angeln verschloss. Sie lag in tiefsten Schatten und war kaum zu erkennen.
Etwas neben der Tür erregte meine Aufmerksamkeit. Ich ging hin, wagte aber nicht zu hoffen. Zum ersten Mal knipste ich die mitgebrachte Taschenlampe an.
"Das ist ja..." Eine glänzendpolierte Holztruhe erschien im Lichtkegel. Ich erinnerte mich gut an sie, aus einer Zeit vor Johns und meiner Hochzeit. Sie hatte am Bettende meiner Eltern gestanden. Eigentlich war sie ein Erbstück aus der Familie meiner Mutter und hätte nach der Hochzeit mir gehören sollen...
Ich entriegelte sie und wunderte mich, wie leicht das ging. Der Deckel war recht schwer, deshalb fasste Kevin mit an.
Das Erste, auf das mein Blick fiel, war mein Teddy.
Ich nahm ihn ehrfürchtig heraus. Er war ein wenig schmuddelig, hier und da verlor er sein Fell, aber es war mein heißgeliebter Bär aus Kindertagen... Ich schluchzte und drückte mein Gesicht in seinen weichen Körper.
Ein sehnsuchtsvolles Brummen erklang und ließ mich unter Tränen hell auflachen.
"Er hat dich auch vermisst." übersetzte Kevin liebevoll schmunzelnd.
Ich küsste ihn, knuddelte dann den Teddy und setzte ihn auf meinen Schoß, um mir die nächsten Wunder anzusehen.
Es waren Dokumente, eine vergilbte handschriftliche Familienchronik aus den Zeiten des Bürgerkriegs, meine Babydecke, die ich gleich nass weinte, das Hochzeitskleid meiner Großmutter, das auch meine Mutter getragen hatte. Gleich darunter lag ein Buch, das Daddys Namen trug.
Erstaunt hob ich es hoch und strich sanft mit der Hand darüber. Dann schlug ich es auf und begann zu lesen.
Es war sein Tagebuch... Nein, eigentlich war es mein Tagebuch. Denn es begann am Tag meiner Geburt und ich war auch das einzige Thema. Rachel lernte heute dies, sie tat gestern das, morgen will sie dort hin... Ich gab acht, diesen Liebesbeweis an mich nicht versehentlich zu zerstören, indem ich darauf weinte. Ich blätterte vor, bis zum Tag meiner Hochzeit.
'Ich weiß ja, dass sie einen Fehler macht. Ich glaube nicht, dass dieser Mann es wert ist meine Kleine zu heiraten. Aber wenn sie mich so glücklich anstrahlt wie vorhin, dann kann ich nicht anders, als mit ihr glücklich zu sein. Ich hoffe nur, sie bereut es nie. Und dass sie eines Tages einen Mann findet, der sie wahrhaft liebt...'
Oh Dad, inzwischen hatte ich ihn gefunden...
Ein Kloß saß in meinem Hals. Und der wurde noch dicker, als ich den letzten Eintrag las.
'Ich habe grade zufällig ein Telefonat mitgehört, dass John mit einer gewissen Sandy geführt hat. Er sagte, er würde den 'Plunder' aus dem Haus werfen und es neu einrichten. Er betrügt meine Kleine... Ich wünschte, ich wäre jung und hätte Kraft genug, um diesen Mistkerl eigenhändig zusammenzuschlagen. Aber so kann ich nur eins tun. Ich werde Bill, den Gärtner, bitten die Truhe nach oben zu bringen. Was immer geschieht, da oben sollten unsere Schätze sicher sein. Auch dieses Buch lege ich hinein.
Ich liebe dich, meine kleine Rachel. Dad'
Der letzte Satz ließ meinen Tränenstrom auf unerklärliche Weise versiegen.
"Ich liebe dich auch, Dad." flüsterte ich. Dann legte ich das Buch sorgsam auf das Hochzeitskleid und nahm den Zwischenboden der Truhe heraus.
Darunter waren Kartons. Kartons mit Dutzenden... Hunderten... Tausenden Photos. Sie waren nach Jahreszahlen sortiert.
Ich begann in ihnen zu blättern und vergaß alles um mich herum.
 
"Miriam?"
Ich tauchte aus meiner Versunkenheit wieder auf, ohne eine Vorstellung wie lange ich in der Vergangenheit abgetaucht gewesen war, und sah mich suchend um. Wo war Kevin denn?
Da entdeckte ich die kleine Tür des Verschlags, sie stand offen.
Ich lächelte unwillkürlich. Kevins unheilbare Neugier hatte ihn direkt zum größten Schatz des Dachbodens geführt...
Ich legte alles, bis auf Daddys Tagebuch und meinen Bären, zurück in die Truhe. Die musste auf jeden Fall mit nach Hause... Dann folgte ich Kevins Stimme in den kleinen Verschlag. Er war leer, denn die Fledermäuse waren in ihren Winterquartieren.
Kevin saß in der Hocke auf dem Boden, vor ihm ein Haufen Fledermaus-Unrat. Er drehte sich zu mir um.
"Sieh mal, was ich gefunden habe."
Durch das Loch im Dach fiel Licht herein, und in diesem Licht blinkte der kleine Gegenstand auf Kevins Handfläche.
Ich trat näher und erkannte einen kleinen Metallring, in den eine Zahlenreihe eingestanzt war.
Das konnte doch nicht... Eilig schlug ich Dads Buch auf und suchte die richtige Seite, Juni 1987. Da war es...
'Rachel kam heute mit verweintem Gesicht zu mir, in beiden Händen vorsichtig eine kleine Fledermaus. Wir brachten sie sofort zur Pflegestation in Branson. Ich bin so stolz auf mein Mädchen...'
Und etwas später...
'Die kleine Fledermaus ist fast wieder gesund. Sie trägt jetzt einen Ring mit der Nummer 7438983, damit man sie immer wiedererkennen kann. Sie wird in der Nähe der Pflegestation ausgesetzt werden. Rachel und ich hoffen sehr, dass sie wieder nach Hause findet.'
7438983... Es waren dieselben Zahlen, wie auf dem Ring in Kevins Hand. Unsere Blicke trafen sich und er lächelte. "Es sieht ganz so aus, als seiest du nicht die Einzige, die nach Hause gefunden hat."
Ich legte meine Hand in Kevins, so dass der Ring zwischen ihnen lag. Unsere Finger schlossen sich umeinander.
"Ja, es sieht ganz so aus." stimmte ich ihm leise zu.



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