1. Kapitel

Miriams pov

Ich stand am Fenster und sah auf die Straße hinaus, sah den weißen Flocken zu, die an meinem Fenster vorbeitanzten. Draußen war es kalt, aber hier war es warm und die heiße Schokolade, auf der Fensterbank vor mir, dampfte. Nur hatte ich für sie keine Hand frei...

Ich drückte den Teddy enger an meine Brust und lauschte lächelnd den Atemzügen, die über so viele Meilen hinweg durch das Telefon zu mir drangen.

Kevin lachte leise. "Ich glaubs nicht... Ich liege hier auf meinem Bett und höre dir mit einem verklärten Lächeln zu, wie du nichts sagst..."

Ich kicherte. "Du musst wohl verliebt sein."

"Oh ja, das bin ich... Wenn ich die Augen schließe, sehe ich dich vor mir, in diesem Pullover mit den zu langen Ärmeln... Du stehst da und lachst, dein Haar schimmert in der Sonne leicht rötlich. Um uns herum glühen die Bäume in den schönsten Herbstfarben, aber ich sehe nur dich..."

"Und wenn ich die Augen schließe, sehe ich dich in deiner Lederjacke vor mir, mit vor Kälte geröteten Wangen und windzerzaustem Haar... Deine Augen leuchten, während du mich ansiehst... voll Liebe und Zärtlichkeit..." Ich sperrte das Schneetreiben vor meinem Fenster aus, indem ich die Lider schloss und mir dieses Bild vor Augen rief.

"Ich will dich berühren, Baby..."

"Dann tu es doch..."

Er stöhnte unwillig. "Mein Kissen riecht nicht mehr nach dir... Sag es nochmal, Miri... sag nochmal, wann wir uns sehen..."

"Wir sehen uns schon morgen... Nur noch ein Mal schlafen und du fliegst los, morgen Vormittag bist du schon hier bei mir..."

"Warum kann es nicht schon soweit sein... Schneit es bei dir immer noch?"

Ich öffnete die Augen und sah hinaus. "Ja, und es scheint nicht aufhören zu wollen. Aber es ist kein Sturm angesagt, der Flughafen müsste frei sein."

"Gut, sonst würde ich ziemlich ärgerlich werden."

"Und wie ist das Wetter bei dir in Orlando?"

"Sonnig, um die 18 Grad... und langweilig ohne dich. Ich will dich bei mir haben..."

"Morgen, darling... In Gedanken bin ich immer bei dir..."

Ich lächelte, als ich ein leises, mir sehr bekanntes, Klirren hörte. Ich hatte Weihnachten bei ihm und seiner Familie verbracht und sie hatten mich mit offenen Armen willkommen geheißen. In der Weihnachtsnacht hatte ich ihm eine Silberkette, mit dem Ring von der kleinen Fledermaus daran, geschenkt. Seither nahm er sie nicht mehr ab und er spielte manchmal ganz in Gedanken damit, was ab und zu dieses metallische Klirren verursachte.

Mein Blick fiel wieder, wie so oft, auf den Ring an meiner rechten Hand. Er war schmal und silberfarben, ihn zierte ein Smaragd, der mich an Kevins Augen erinnerte. Ich wusste, was dieses Weihnachtsgeschenk bedeutete, auch wenn er mir noch keinen Antrag gemacht hatte. Ich war offiziell noch immer mit John verheiratet, aber die Ehe stand kurz vor dem Scheidungsurteil. Und wenn es so weit war, würde Kevin vor mir niederknien und diesen Ring von meiner rechten Hand auf die Linke wechseln, während er mich bat ihn zu heiraten.

Mit geschlossenen Augen erinnerte ich mich wieder an diese wundervolle Nacht vor zwei Monaten, als wir zusammen mitten auf dem Bett, im Gästezimmer seiner Mum, saßen. Der Mond versilberte seine nackte Brust, glitzerte auf der Kette, die ich ihm soeben umgelegt hatte und die er sanft streichelte. Dann traten Selbstzweifel in seinen Blick, als er das Kästchen mit dem Ring hervorholte. Es war ein verzauberter Augenblick, als ich ihn bat mir den Ring anzustecken... Er nahm meine Hand in seine, streichelte mit dem Daumen darüber, dann schob er den Ring langsam an seinen Platz. Seine Augen standen voller Tränen, aber er strahlte...

"Ich liebe dich..."

Seine geflüsterten Worte brachten mich in die Gegenwart zurück. Damals hatte er sie auch gesagt, wieder und wieder, während wir uns zärtlich liebten, die Kette an seinem Hals meine Brust streifte und er den Ring an meinem Finger spüren konnte, wenn ich ihn streichelte.

"Ich dich auch..." gab ich voll Inbrunst zurück. "Ich sehne mich so sehr nach dir..."

"Und ich mich nach dir... Ich hoffe, du hast morgen nichts anderes vor, als den Tag mit mir im Bett zu verbringen. Denn ich werde dich nicht weglassen, wenn ich dich erstmal in meinen Armen habe."

"Hmm... ich freu mich drauf..." schnurrte ich.

Ich flüsterte ihm zu, was ich mir wünschte am nächsten Tag mit ihm zu tun, bis er leise stöhnte und ich wusste, dass er ins Schwitzen geraten war.

"Gott, Miri... du bringst mich um den Verstand..." keuchte er lachend. Dann hörte ich, wie er tief durchatmete. "Holst du mich am Flughafen ab, Baby?"

"Ja, ich werde da sein."

"Gut... ich halte es keinen Moment länger ohne dich aus als nötig."

"So wenig wie ich ohne dich... Ich liebe dich..."

"Ich liebe dich auch, Baby... bis morgen..."

"Bye, darling..." flüsterte ich.

"Bye..."

"Bye..."

"...irgendjemand von uns sollte jetzt auflegen..."

"Ich warte drauf, dass du es tust..."

"Ich kann nicht, solange ich dich noch höre..."

"...das sollten wir behandeln lassen..."

Er lachte. "Ich glaub auch... Okay, wir machen es anders. Ich zähle bis drei, und wir legen zusammen auf. Eins... Zwei... Drei..."

"..."

"Irgendwas läuft hier falsch..."

Ich lachte los. "Warum legst du denn nicht auf bei 'Drei'?"

"Weil ich warte, dass du es tust."

"Ich kann nicht..."

"Hey, wir müssen aber... Sonst verpasse ich morgen früh meinen Flieger, weil ich hier mit dir am Telefon hänge..."

"Nein, das können wir nicht riskieren... Also nochmal. Eins. Ich liebe dich..."

"Ich dich auch, Baby... Zwei. Ich brauche dich..."

"Nicht halb so sehr wie ich dich..."

"Doch..."

"Okay, wenn du es sagst... Drei..."

"Drei..." Er seufzte. "Nicht mehr lange... ein paar endlos lange Stunden... Byebye, Baby."

"Bye..."

Dann knackte es in der Leitung und auch ich konnte das Telefon abschalten. Mit einem versonnenen Lächeln und Sehnsucht im Herzen trank ich meine kaltgewordene Schokolade, den Blick verträumt auf das Schneetreiben gerichtet. Was für ein wundervolles Gefühl es war, verliebt zu sein und geliebt zu werden...

 

Der Anruf kam kurz vor vier Uhr früh. Ich hatte gleich ein schlechtes Gefühl... Um die Zeit klingelte es nur, wenn etwas schlimmes passiert war...

"Hallo?"

"Spreche ich mit Mrs. Rachel Miriam Huntington? Der Ehefrau von John Patrick Huntington?"

"Ja, am Apparat..."

"Hier ist Detective Lake vom New York Police Department. Ich habe eine schlechte Nachricht, wie ich vermute. Ihr Ehemann ist gestern Abend aus dem New Yorker Staatsgefängnis geflüchtet. Wir fahnden nach ihm und wir glauben, er könnte bei Ihnen auftauchen."

Ich konnte nicht antworten, nicht einmal atmen. John war auf freiem Fuß... John war frei! Ich lief zur Tür, schloss ab und legte die Kette vor. Plötzlich atmete ich viel zu schnell, kalter Schweiß trat mir aus allen Poren.

"Mrs. Huntington? Sind Sie in Ordnung?" drang die Stimme des Detectives in mein Bewusstsein. Wie oft fragte er das schon? Ich musste mich zusammenreißen...

"Ja... ja, es geht mir gut, ich... Es ist nur... so plötzlich..." Ich fühlte, wie meine Augen zu brennen begannen. Tränen sammelten in ihnen sich. Kraftlos sank ich gegen die Tür und rutschte an ihr herunter. Wie hatte ich nur glauben können, es sei vorbei? Wie hatte ich uns in Sicherheit wähnen können? Er war da, irgendwo dort draußen in der Nacht. Und er wartete auf seine Chance uns zu töten...

"Mrs. Huntington, wir stellen Ihnen jemanden als Personenschutz ab. Ihnen kann also nichts passieren."

Ich hörte nicht mehr hin. Ein Blick auf die Uhr bestätigte mir, dass Kevin bereits an Bord der ersten Maschine war. Er war also unweigerlich auf dem Weg her... Gut, dann eben anders.

Ich stand vom kalten Boden auf und packte entschlossen meine kleine Reisetasche. So einfach würden wir es John nicht machen... Ich wollte losfahren, Kevin abholen und dann mit ihm, direkt vom Flughafen aus, nach Kentucky fliegen. Seine Familie würde sich freuen und wir wären in Sicherheit.

Ich schrieb einen kurzen Brief an Mrs. Vittkowski und wollte ihn auf dem Weg nach unten in ihren Briefkasten werfen, damit sie sich keine Sorgen machte, wenn ich so plötzlich weg war. Doch mit dem fertigen Brief in der Hand stutzte ich. Wenn John herkam, war die nette alte Dame, die uns vor ihm gerettet hatte, nicht in Gefahr? Warum hatte ich nicht vorher daran gedacht? Das mussten wir anders machen... sie musste mitkommen... aber wenn ich sie jetzt geweckt hätte, wäre ich nicht rechtzeitig am Flughafen. Also erst dort hin, dann hierher zurück und ihr beim Packen helfen, und dann irgendwo untertauchen. Ja, das klang gut...

Wenig später lief ich entschlossen die Treppen herunter, um meinen Freund vom Flughafen abzuholen. Meine Tasche nahm ich schon mal mit, damit ich sie später nicht vergaß.

 

Ich wartete ungeduldig vor der Absperrung auf Kevin. Die Durchsage vorhin hatte bestätigt, dass der Flug aus Orlando ohne Verspätung gelandet war.

Da kamen die ersten Leute, lauter sonnenverwöhnte Urlauber. Ich war nicht braun geworden, als ich Kevin vor drei Wochen besucht hatte. Aber es war mir auch nicht wichtig gewesen mich zu sonnen, ich hatte einfach nur so dicht wie möglich bei ihm sein wollen. Wie ich es jetzt auch wollte... Bei ihm war ich sicher. Niemand konnte mir wehtun, wenn ich in seinen Armen lag.

Endlich entdeckte ich seine hochgewachsene Gestalt. Ich atmete tief durch, ohne mir bewusst zu werden, dass ich die Luft angehalten hatte. Er sah unglaublich gut aus und seine Augen blitzten auf, als er mich entdeckte.

Sekunden später trat er durch die Absperrung und wir fielen uns in die Arme. Ich musste schlucken, um nicht loszuheulen. Er drückte mich eng an sich und vergrub sein Gesicht in meinem Haar, dann schob er mich ein Stück von sich, um mir ins Gesicht zu sehen, und musterte mich besorgt.

"Was ist los, Baby? Ist was passiert? Du hast geweint..."

Wieder traten mir Tränen in die Augen und ich schüttelte heftig den Kopf. "John ist aus dem Gefängnis geflohen..." brach es aus mir heraus.

Ich spürte, wie er erstarrte. Dann zog er mich beschützend in seine Arme und all meine Dämme gaben nach. Er hielt mich fest, während ich weinte und seinen Pullover mit meinen Tränen durchnässte. Er hielt mich, bis die Schluchzer nachließen und ich mich nur noch an ihn klammerte, nicht gewillt die Sicherheit seiner Umarmung zu verlassen.

"Wann ist das passiert?" fragte Kevin leise.

"Gestern Abend, sagte der Detektive... Können wir weg? Können wir Mrs. Vittkowski nehmen und zu dir nach Hause fliegen, oder irgendwo anders hin, nur weg von New York und weg von ihm?" bittend sah ich zu ihm auf, in sein ernstes Gesicht.

"Ja, Baby, wir fliegen nach Kentucky. Komm, beeilen wir uns Mrs. Vittkowski zu holen, desto früher können wir wieder hier sein." Er hob seine Tasche hoch und wir gingen Hand in Hand zum Parkplatz.

 

Eine halbe Stunde später lenkte ich meinen Wagen durch die Straßen New Yorks. Es war schon ziemlich viel los, aber noch kein Berufsverkehr. Wir kamen gut voran. Kevin saß neben mir und ich fühlte, wie seine selbstbewusste Gelassenheit auf mich einwirkte und mich ruhiger machte. Es konnte nicht so schlimm sein, solange er bei mir war. Ich warf ihm einen Seitenblick zu und schenkte ihm ein Lächeln, das er zärtlich erwiderte.

Es geschah alles sehr schnell... Wir waren nicht mehr weit von meinem Haus entfernt. Ich hatte grün und überquerte eine Kreuzung. Plötzlich heulte links von mir ein Motor auf und ich sah instinktiv hin. Ein dunkler BMW schoss auf uns zu, an seinem Steuer erkannte ich John, dessen Gesicht zu einer hasserfüllten Fratze verzogen war... Es gab keine Möglichkeit mehr, dem Aufprall zu entgehen. Mit einem ziemlichen Tempo krachte sein Wagen in unser Auto, das von der Wucht der Kollision zur Seite gerissen wurde. Ich wurde gegen die Fahrertür geschleudert und schlug hart mit dem Kopf dagegen. Schlagartig wurde es dunkel um mich.

 

Ich wusste nicht, wo ich war. Ich roch Desinfektionsmittel, irgendwo hallte eine Lautsprecherdurchsage... Uhmm... konnte das eine Klinik sein? Ich hatte furchtbares Kopfweh, aber ich musste wissen was los war. Also zwang ich mühsam meine Augen auf und blinzelte in die schmerzende Helligkeit.

Das Erste, das ich sah, war die weißgestrichene Decke über mir. Dann spürte ich die Anwesenheit von jemandem und drehte den Kopf langsam zur Seite. Grüne Augen musterten mich voller Besorgnis, gemischt mit Erleichterung. Geschwungene Lippen verzogen sich zu einem beruhigenden Lächeln.

"Alles in Ordnung, Baby. Du kannst bald wieder hier raus." erklärte mir die samtig-dunkle Stimme mit dem leichten Südstaaten-Akzent.

Ich sagte das Erste, das mir einfiel.

"Wer sind Sie?"

 

2. Kapitel

Kevins pov

Ich fühlte mich, als hätte mir jemand einen harten Schlag in den Magen verpasst und alle Luft aus meinen Lungen gepresst... Nie hatten ein paar Worte mich so schockiert, zumindest nicht seit der tödlichen Krebsdiagnose meines Vaters.

Miriam sah mich mit ihren großen Augen verwirrt an, als versuchte sie zu begreifen was ich hier machte und wie sie herkam. Das konnte nicht sein... Das durfte nicht passieren... Gleich würde mein Wecker klingeln und es wäre nur ein böser Traum. Ich würde meinen Flug erwischen und... Aber ich wusste, ich war wach. Der Schock, als unser Wagen gerammt wurde und ich John hinter dem Steuer des anderen Autos sah, hatte genug Adrenalin freigesetzt, um meinen Kopf glasklar werden zu lassen. Die eingedrückte Fahrerseite und Miriams regloser Körper, das Blut, das an ihrer Schläfe herunterlief, hatten ihren Teil dazu beigetragen. Es war ein Albtraum, aber es gab kein Erwachen...

Miriams Augen fielen gegen ihren Willen wieder zu und sie wimmerte leise.

"Ich... ich hole den Doktor..." Es dauerte einen Moment, bis ich es schaffte einen Fuß vor den anderen zu setzen.

 

Einige Zeit später betrat ich hinter dem Arzt Miriams Krankenzimmer und blieb an der Tür stehen, während er zu ihr ging.

"Mrs. Huntington?" sprach Doktor Miller Miri an.

Sie öffnete die Augen. "Warum bin ich hier... Was ist denn passiert..." murmelte sie benommen.

"Sie hatten einen Unfall. Was ist das Letzte, an das Sie sich erinnern können?"

Sie zog die Stirn kraus und dachte angestrengt nach. Ich war auf das Schlimmste gefasst.

"Mmmh... die Party... Wir haben gestern eine Party gegeben, mein Mann und ich. Unfall... ich weiß von keinem Unfall... Bin ich vielleicht eine Treppe heruntergefallen, wie vor ein paar Wochen?"

Ich presste die Zähne zusammen, als ich begriff wovon sie sprach. Der Sturz die Kellertreppe herunter... Einer der drei Mordanschläge, die John durchgeführt hatte.

"Welches Jahr haben wir, Mrs. Huntington?" fragte der Arzt.

"1995... Warum fragen Sie mich das?" beunruhigt blickte Miriam zu mir, als erwartete sie eine Antwort.

Ich war der Letzte, der ihr helfen konnte... Sie kannte mich nicht einmal, das letzte halbe Jahr hatte für sie nicht stattgefunden. Die letzten zweieinhalb Jahre, berichtigte ich mich selbst...

"Ich muss kurz etwas mit Ihrem... mit Mr. Richardson klären, Mrs. Huntington. Ich komme gleich wieder zu Ihnen."

Wir verließen den Raum und der Doktor führte mich ein paar Schritte weiter den Gang entlang, außer Hörweite.

"Ich befürchte, Sie hatten Recht. Ihre Verlobte hat, durch die Kopfverletzung oder den Schock, eine retrograde Amnesie. Die Computertomographie hat nichts ergeben, keine Blutungen, keine Hirnschäden." Er sah mich ernst an. "Eine Amnesie ist schwer einzuschätzen. Es gibt Fälle, in denen nach einigen Tagen das Gedächtnis nahezu vollständig wiederhergestellt ist. Aber es gibt auch solche, in denen sich der Patient nie wieder an die verlorengegangenen Ereignisse erinnert. Die Medizin kann in einem solchen Fall nicht viel machen..."

Ich schloss einen Augenblick die Augen und fuhr mir durch die Haare. "Das heißt, wir müssen abwarten."

"Ja. Tut mir sehr leid, Mr. Richardson."

Ich seufzte und sah auf. "Kann ich sie denn mitnehmen? Wie gesagt, ihr Mann ist hier in New York City und er war es, der den Unfall verursacht hat. Wenn er irgendwie an Miriam rankommt, wird er versuchen sie zu töten. Ursprünglich wollten wir nach Kentucky fliegen, dort lebt meine Familie."

Der Arzt schüttelte langsam den Kopf. "Ihre Verlobte hat, neben den geprellten Rippen und dem angestauchten Arm, eine Gehirnerschütterung. Ich würde von einem Flug unter diesen Umständen dringend abraten. Es könnte aufgrund der Schwankungen des Luftdrucks doch noch zu einer Blutung kommen... Mir wäre es außerdem lieb, wenn wir Mrs. Huntington über Nacht zur Beobachtung hier behalten könnten. Nur zur Sicherheit."

"Wenn es Sie nicht stört, dass ich in irgendeiner Ecke sitze und sie nicht aus den Augen lasse, soll mir das recht sein."

Doktor Miller musterte mich und erkannte, wie ernst es mir damit war.

"Also schön. Sie sagten, Sie bezahlen ein Privatzimmer? Dann stellen wir Ihnen dort ein zusätzliches Bett rein. Zu einem anderen Thema..." Er rieb sich über die Stirn. "Sie sollten ihre Verlobte keinesfalls überfordern, indem Sie ihr den Inhalt der letzten Jahre erzählen... Für ihr Verständnis ist sie mit ihrem Mann, John Huntington, zusammen und glücklich. Sie muss schonend darauf vorbereitet werden, dass er nicht der Fall ist. Und Ihre Beziehung zu ihr sollten Sie vorerst ganz aussparen..."

"Sie haben Recht, Doktor. Ich muss mir darüber Gedanken machen, wie ich meine Anwesenheit hier erkläre... Werden Sie ihr sagen, dass sie sich an die letzten zweieinhalb Jahre nicht erinnern kann?"

"Ja, das werde ich. Aber viel mehr kann ich nicht machen. Ich schlage vor, Sie stellen sich Mrs. Huntington als Freund vor, den sie in der Zeit hier in New York kennen gelernt hat. So bekannt Sie und ihre Gruppe inzwischen hier sind, ihre Verlobte hat noch nie von den Backstreet Boys gehört."

Der Doktor nickte mir zu und ging zurück zu Miriam, um ihr zu sagen, dass wir inzwischen Ende Februar 1998 hatten.

Ich blieb im Flur zurück und starrte auf die klinisch weißen Wände, atmete die von Desinfektionsmitteln überladene Luft und versuchte damit fertig zu werden, dass die Liebe meines Lebens keine Gefühle für mich hatte. Dass sie nicht mal meinen Namen wusste... Wie sollte ich damit nur klarkommen?

 

3. Kapitel

Miriams pov

Ich hätte nach der Eröffnung des Doktors nicht gedacht, dass ich wieder einschlafen könnte. Zweieinhalb Jahre... Ein großer Teil meines Lebens einfach... ausgelöscht. Was war in dieser Zeit passiert? Hatten John und ich ein Kind bekommen? Ich wusste noch, ich wollte eins und hatte mit ihm darüber vor kurzer Zeit... Aber das war ja gar nicht vor kurzer Zeit. Vielleicht hatten wir schon ein Kind und ich wusste es nicht. Wo war nur John? Und was machte ich in New York?

Diese Fragen wälzte ich in meinem Unterbewusstsein und schließlich weckten sie mich auf. Benommen starrte ich an die weiße Decke. Dann wanderte mein Blick im Zimmer herum. Es war nicht mehr das von vorhin, sondern ein Einzelzimmer mit Wänden und Gardinen, die in einem sonnigen Gelb gehalten waren. Ein Zimmer für Privatpatienten. Seltsam... Ich hatte niemandem Angaben zu meinem Versicherungsverhältnis gemacht...

Erst jetzt spürte ich, dass ich nicht allein im Raum war. Langsam drehte ich den Kopf Richtung Fenster und wurde prompt von den grünen Augen dieses Mannes durchbohrt. In ihnen standen Sorge und etwas, das ich nicht benennen konnte. Er saß in einem Sessel, eins der langen Beine angewinkelt, das andere ausgestreckt. Er wirkte relaxt, souverän. Mein Blick wanderte über sein kantiges Gesicht, mit den hohen Wangenknochen und den dominierenden Brauen. Er konnte gut von der Mafia sein... so kräftig und brutal wie er wirkte. Er jagte mir etwas Angst ein... Wollte er mir etwas antun? Hatte er mit dem 'Unfall' zu tun, der mir mein Gedächtnis genommen hatte? Er sah mich an, als würde er mich kennen, aber ich hatte absolut keine Ahnung wer er war...

Ich zuckte leicht zusammen, als er sich vorbeugte.

"Entschuldige... ich wollte dich nicht erschrecken." sagte er leise. Er klang, als meine er es ernst... Seine Stimme war weich und dunkel, vertrauenerweckend. "Ich denke, es ist das Beste wenn ich mich... vorstelle... Ich bin Kevin Richardson. Wir haben uns vor einem halben Jahr hier in New York kennen gelernt."

"Dann kennen Sie mich und meinen Mann?" erkundigte ich mich hoffnungsvoll. Vielleicht wusste er ja, wo sich John aufhielt.

Seine Augen verdunkelten sich. "Ja, ich kenne John..." Er verstummte, als wollte er nicht aussprechen was er dachte.

"Wo ist er? Ist er bei dem Unfall auch verletzt worden? Liegt er hier im Krankenhaus?" Ich hoffte und bangte zugleich, dass es so sein könnte.

Dieser Mr. Richardson schien plötzlich sehr distanziert. "Nein, er wurde nicht verletzt. Ich habe keine Ahnung wo er ist. Aber du brauchst dir keine Sorgen zu machen, ich werde mich um alles kümmern. Du sollst über Nacht zur Beobachtung hier bleiben. Morgen fahren wir zu Freunden von mir, da kannst du dich erstmal erholen."

Ich verstand nur Bahnhof. "Wohin wollen Sie mich bringen...? Das geht nicht, ich muss nach Hause. Mein Mann wartet dort bestimmt auf mich und..."

"Miriam."

Ich zuckte zusammen, als er mich auf diese Art unterbrach. Er kannte meinen zweiten Vornamen... woher? Und warum sprach er mich damit an, anstatt mit Rachel? Meine Mutter war die Einzige, die mich jemals so genannt hatte... Ich sah ihn fassungslos an, während er leise seufzte und sich über die Stirn rieb.

"Miri... Rachel... Du lebst seit über zwei Jahren hier in New York... Und du lebst nicht mit John zusammen hier... Ihr... ihr habt euch getrennt, vor zweieinhalb Jahren... auf eine unschöne Art... Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll." Er hob hilflos die Schultern.

Ich starrte ihn an. Dieser Fremde wollte mir erzählen, dass meine Ehe gescheitert war? Das konnte nicht sein! Gestern noch hatten John und ich uns zärtlich geküsst. ...nur war das nicht gestern gewesen... Der Doktor hatte mir das Datum auf der Tageszeitung gezeigt...

"Hab ich... hab ich ein Kind?" fragte ich unsicher. Zu wissen, dass die Möglichkeit bestand, dass irgendwo mein Sohn oder meine Tochter nach mir weinte, nagte an mir.

Mein Gegenüber schüttelte langsam den Kopf. "Nein, Miri, du hast kein Kind. Du bist allein in New York, aber du hast ein paar sehr gute Freunde hier. Einer davon ist Donatella Versace, deine Arbeitgeberin. Du hast dich bei ihr von einer Näherin zu ihrer Assistentin und Designerin hochgearbeitet. Du bist richtig gut."

Ich bemerkte, dass mein Mund offen stand, und machte ihn schnell zu. Designerin? Bei Versace Moden?? Ich??? Die ganze Sache wurde immer unglaublicher. Warum arbeitete ich überhaupt? Das Geld, das ich von Daddy geerbt hatte, machte mich zu einer reichen Frau. Wollte ich nach der Trennung von John etwa ein völlig neues Leben anfangen?

Plötzlich fiel mir wieder ein, wie mich dieser Fremde, hier vor mir, genannt hatte, als ich das erste Mal aufwachte. 'Alles in Ordnung, Baby. Du kannst bald wieder hier raus.' Baby... Hatte es etwas zwischen ihm und mir gegeben? Waren wir nur sehr gute Freunde, oder wollte er etwas von mir, das ich ihm nicht geben konnte, oder waren wir... waren wir tatsächlich... Ich schüttelte verwirrt den Kopf. Ich konnte mir das nicht vorstellen. John war ein heller Typ, kultiviert. Er verstand es, die Aufmerksamkeit aller auf sich zu ziehen und die Leute zu unterhalten. Er war der Mittelpunkt jeder Party, stilbewusst und elegant. Immer en vogue und in der Lage zu jedem Thema etwas zu sagen. Er hatte Ambitionen in die Politik zu gehen und zog mich gern damit auf, dass ich die perfekte kleine Präsidentengattin sei.

Dieser Mister Richardson war vollkommen anders. Dunkel und von einer dunklen Aura umgeben, jemand der spurlos in der Masse untertauchen konnte, wenn er wollte. Er schien ruhig und nachdenklich, war athletisch gebaut, als stemme er Gewichte oder übe mehrere Sportarten aus. Dem markanten Gesicht fehlte jede Ähnlichkeit mit Johns engelsgleichen Zügen. Zu sagen, er sei nicht mein Typ, war noch untertrieben.

Und doch... Dieser Mann hatte mehr Sexappeal in seiner linken Hand, als John im ganzen Körper... Er war so ein Typ, zu dem keine Frau nein sagen würde. Aber hatte ich zu diesen Frauen gehört? Ich konnte ihn natürlich fragen, wie nah wir einander standen, doch ich hatte Angst vor der Antwort. Sie band mich möglicherweise an einen völlig Fremden.

Mir schwirrte der Kopf... Ich sah auf meine Hände herab. Der linke Ringfinger wirkte kahl ohne den Ehering. Keine Spur war davon zurückgeblieben, nicht mal ein heller Hautstreifen. Ich fragte mich, ob das symptomatisch für die Ehe war, für die er gestanden hatte. Rechts trug ich einen schmalen Reif mit einem Smaragd. Er war mir unbekannt. Wie mein derzeitiges Leben. Müde rieb ich mir über die Augen.

"Du solltest versuchen etwas zu schlafen, Miri."

Ich sah auf und direkt in mitfühlende grüne Augen.

"Wie könnte ich nach all dem ruhig schlafen? Ich feiere an einem Tag mit meinem Mann und Freunden eine Party und am anderen wache in einem Krankenhaus auf, ohne einen einzigen bekannten Menschen um mich. Mir wird gesagt, ich hätte mein Gedächtnis verloren und ich sei geschieden, lebe tausende Meilen von meinem Zuhause entfernt in einer fremden Stadt... allein..."

Er stand auf und kam zu mir, während ich mit den Tränen kämpfte. Ich fühlte eine warme Hand auf meiner.

"Du bist nicht allein, Miriam."

Ich zog schnell meine Finger unter seinen weg. "Fassen Sie mich nicht an, Mister..."

Etwas blitzte für den Bruchteil einer Sekunde in seinen Augen auf, aber bevor ich ausmachen konnte was das war, war es wieder verschwunden.

Er atmete tief durch und legte seine Hände still auf die Matratze neben mir. "Hör zu, Miriam. Rachel... Ich weiß, dass das alles nicht leicht ist und dich völlig überfordert. Mich übrigens auch. Aber wie es aussieht, bin ich im Moment der Einzige, der dich unterstützen kann. Donatella und Enrico sind in Mailand und werden erst in einigen Tagen zurück nach New York kommen. Mrs. Vittkowski ist auf dem Weg zum Flughafen... hoffe ich zumindest... um ein paar nette Wochen auf dem Land zu verbringen. Selbst wenn einer von ihnen statt meiner hier wäre, du würdest keinen wiedererkennen, weil du sie alle erst nach deiner... Trennung von John kennen gelernt hast."

Er sah ernst auf mich herunter. "Du und ich, wir kennen uns seit einem halben Jahr, Miri. Ich kann es dir leider im Moment nicht beweisen und ich weiß, ich bin ein Fremder für dich. Aber ich würde dir niemals etwas antun oder dir irgendwie schaden, das musst du mir glauben. Wir zwei sind Freunde. Du wirst morgen früh aus der Klinik entlassen, aber mit deinen Verletzungen brauchst du die nächsten Tage ein wenig Hilfe. Wir beide waren im Begriff nach Kentucky in den Urlaub zu fliegen, als uns das Auto rammte. Vielleicht wäre es das Beste, wenn wir mit dem Wagen dorthin fahren, du dich erstmal erholst und wir mit der Zeit sehen, ob dein Gedächtnis zurückkommt. Wenn es, bis wir da sind, noch nicht zurückgekehrt ist, werden wir Donatella bitten nach Kentucky zu kommen. Vielleicht hilft es, wenn mehrere deiner Freunde um dich sind."

"Freunde..." Das war es! "Ich möchte gern mit meinen Freunden zu Haus sprechen! Also... Mein Zuhause in Branson, Colorado... Sie werden mir doch sicher bestätigen können, wer Sie sind und mir einiges erzählen können, aus diesen zweieinhalb Jahren!" Ich blickte hoffnungsvoll auf in sein Gesicht, aber ich entdeckte nur Mitgefühl und Trauer in den dunklen Augen.

"Es tut mir leid, Miri... Mehr als ich sagen kann... Aber du hast den Kontakt zu ihnen damals abgebrochen, als deine Ehe zu Ende war. Niemand deiner alten Freunde kann diese Lücke in deiner Erinnerung füllen..."

Ich fühlte mich plötzlich leer, hohl... meine Wangen fühlten sich taub an und ich bemerkte die Tränen erst, als sie auf meine Hände fielen.

"Miri..." flüsterte der Fremde vor mir voller Schmerz. Er beugte sich zu mir herunter, nahm mich in seine Arme, bevor ich mich wehren konnte, und hielt mich fest. Ich versuchte mich von ihm loszumachen, doch er war viel stärker als ich. Ich begann mit den Fäusten auf ihn einzuschlagen und er zuckte merklich zusammen, als ich seinen Oberarm traf, doch er hielt mich nur noch enger an sich gedrückt.

Schließlich gab ich auf und sank, von Schluchzern geschüttelt, an seine Schulter, während meine Kopfschmerzen mit jedem Herzschlag schlimmer wurden. Aber was machte das schon... Ich hatte heute alles verloren, was mein bisheriges Leben ausgemacht hatte.

Alles...

 

4. Kapitel

Kevins pov

Ich schloss, mit einem letzten Blick auf die unruhig Schlafende, leise die Tür hinter mir. Seufzend lehnte ich mich gegen die kühle Wand des Flurs und fuhr mir durchs Haar. Das war hart... mehr als hart... Es tat mir unglaublich weh, Miriam so verletzt und verzweifelt zu sehen. Und das auch noch, ohne dass ich ihr helfen konnte. Sie war in einem fremden Leben aufgewacht, in einer ihr fremden Welt...

Ich hatte eigentlich nicht den Eindruck gehabt, dass sie das mondäne Partyleben vermisste. Im Gegenteil... sie schien es nicht unbedingt zu mögen. Ihre Freunde waren, ihren Erzählungen nach, versnobte Kinder reicher Eltern gewesen. Ein Kreis, der sich durch John um Miriam gebildet hatte. Leute, deren geistreicher Smalltalk dem Gegenüber Tränen der Langeweile in die Augen trieb, und die so abgehoben waren, dass sie mühelos ohne Rakete die Stratosphäre erreichten. Um solche Menschen schlug ich auf Partys instinktiv einen Bogen... Es waren eigentlich nicht Miriams, sondern Johns Freunde und er passte in ihren Kreis. Anders als die Miriam, die ich kennen gelernt hatte... John hatte sie verändert, soviel stand fest.

Ich schloss die Augen und erinnerte mich an jene Nacht, in der sie mir ihre Geschichte in allen Einzelheiten erzählt hatte. Damals, auf dem Hotelbalkon in Branson. Sie saß neben mir auf der Bank, ihre zwei Teddys und das Tagebuch ihres Vaters an ihre Brust gedrückt. Ihr Kopf lehnte an meiner Schulter und ich hielt sie einfach, während sie leise sprach und wir zusammen zu den Sternen aufsahen.

Miriam war ein fröhlicher Teenager gewesen. Grade süße achtzehn – von ihrem Vater verwöhnt, aber nicht anspruchsvoll – war sie von ihm, nach langem Zureden, auf eine einjährige Reise durch Europa geschickt worden, um etwas von der Welt zu sehen und Erfahrungen zu sammeln. Im schweizerischen Davos begegnete sie John und verliebte sich sofort heftig in ihn, als er ihr den Hof machte. Dass er ein Windhund war und sich von anderen aushalten ließ, bemerkte Miri leider nicht. Er wollte von Beginn an nur eins, ihr Geld. Er nahm sie mit zu Partys und Ausflügen und führte sie in die Kreise ein, in denen er so gern verkehrte. Und sie war einfach nur glücklich, mit ihrer großen Liebe zusammenzusein und merkte kaum, wie die Menschen um sie her wirklich waren. Die rosarote Brille leistete ganze Arbeit.

John folgte ihr über die letzten Stationen ihrer Tour und in Paris bat er sie auf Knien um ihre Hand. Zurück in den USA wurde bald Hochzeit gefeiert. Das böse Erwachen kam erst nach dem Tod ihres Vaters, etwa ein halbes Jahr nach der Hochzeit. John hatte keinen Zugriff auf das Erbe, aber er wollte Geld. Obwohl Miriam ihm ein großzügiges Taschengeld zusprach, reichte es ihm nicht. Also versuchte er Miri loszuwerden.

Der erste Versuch schlug fehl, sie brach sich auf der Kellertreppe nicht wie erhofft das Genick. Der scheinbar besorgte Ehemann rief also einen Krankenwagen. Der zweite Versuch scheiterte an Miriams Geistesgegenwart, sie stoppte ihren Wagen an einer Felswand ab, als die Bremsen versagten. Natürlich kümmerte sich John nachher um den Wagen und ließ ihn verschrotten, um Spuren zu verwischen. Danach bemühte sich John, vor aller Augen, eine Zeit sehr um Miriam, ließ immer mal wieder ein Wort über ihre Mutter und deren frühen Selbstmord fallen. Ein paar engeren Freunden vertraute er schließlich an, dass Miriam depressive Züge hätte und er sich Sorgen mache. Schließlich fälschte er einen Abschiedsbrief und besorgte sich ein wasserdichtes Alibi, dann Schritt er zur Tat.

Es war eine stürmische Nacht, ein Gewitter ließ die Flüsse anschwellen. Das Telefon fiel aus, aber nicht durch den Sturm, wie Miriam dachte, sondern weil John das Kabel herausgezogen hatte. Er präsentierte ihr ihren eigenen Abschiedsbrief, verletzte sie am Arm so, dass es wirklich schien, als hätte sie sich die Wunde selbst zugefügt. Es sollte ganz nach Selbstmord aussehen. Aber es gelang Miri zu fliehen und sie raste mit dem alten Kombi ihres Vaters zur Schlucht, um sich dort zu verstecken. John holte sie jedoch ein und fuhr sie an, um sie dann in die tosenden Fluten des Cimarron zu werfen.

Miriam überlebte es und tauchte hier in New York unter. Sie besaß nur noch, was sie am Leib trug. Aber etwas in ihr war bei dem Mordversuch gestorben. Das fröhliche Mädchen war fort und zurück blieb eine scheue junge Frau, die vor jeder Nähe zurückschreckte.

Ich seufzte leise, als ich daran dachte, wie sie wieder und wieder vor mir zurückgewichen und davongelaufen war. Ich hatte gespürt, dass etwas wichtiges dahinter steckte. Dass sie Angst hatte. Ich musste schließlich Donatella austricksen, um die Geschichte zu erfahren. Und glücklicherweise half mir Mrs. Vittkowski dabei Miriam zu beschützen, als John in New York auftauchte, denn sonst wären wir heute beide tot...

Mrs. Vittkowski... Besser ich rief Frank mal an und fragte ihn, ob alles in Ordnung war.

Ich ging in den Bereich der Klinik, in dem Handytelefonate gestattet waren, und wählte die Nummer des Ex-BsB-Sicherheitschefs.

"Ja?"

Im Hintergrund war Stimmengewirr zu hören, er schien am Flughafen zu sein. "Hey Frank, hier ist Kevin."

"DU! Wie gut, dass ich DICH grade dran habe! Du bittest mich um einen harmlosen Gefallen, hast du gesagt! Ich soll auf eine wehrlose alte Dame aufpassen, hast du gesagt! Nur hast du leider vergessen dazuzusagen, dass ihr Gehstock gefährlicher ist als eine geladene Waffe! Das büßt du mir, das schwöre ich! Das gibt mindestens die doppelte Gefahrenzulage und ich werde mir noch etwas für dich ausdenken, darauf kannst du dich verlassen!"

Ich nutzte die Gelegenheit, dass er endlich mal Luft holen musste, um selbst etwas zu sagen. "Frank, ist Mrs. Vittkowski sicher unterwegs?"

"Nein, wir sind immer noch am Flughafen und sie ist kurz auf Toilette. Das Schneetreiben war etwas viel für den Räumdienst, aber es gibt nur Verspätungen, keine Streichungen. Ich rufe deinen Bruder sofort an, wenn die Maschine abhebt, damit er deine runzlige Freundin in Empfang nehm..."

Ein leises *Patsch* ertönte, gleich darauf Franks Schmerzenslaut und Mrs. Vittkowskis Stimme. "Wer ist hier runzlig, Bürschchen?"

Ich sah sie förmlich vor mir, wie sie drohend über dem schrankgroßen Bodyguard stand, die Hände fest um den Stock geklammert, den sie ihm irgendwo hin verpasst hatte. Autsch...

"Bitte, Ma'am, ich hab das nicht so gemeint..." nuschelte Frank.

"Das wollte ich Ihnen auch geraten haben, junger Mann. Wen haben Sie da am Telefon? Mr. Richardson?"

"Jawohl, Ma'am..."

Ich hörte, wie das Handy unfreiwillig den Besitzer wechselte.

"Junger Mann, es ist schon ein starkes Stück, mich von einem baumlangen Kerl wie ein Gepäckstück abholen und sozusagen entführen zu lassen, der sich auch noch weigert mich zum Krankenhaus zu bringen, damit ich einen Blick auf das Mädel werfen kann!"

Ich spürte wie ich rot wurde und einige Zentimeter schrumpfte. "Es tut mir leid, Mrs. Vittkowski, aber es geschieht alles zu Ihrer Sicherheit... Miriam fürchtete, dass John Sie vielleicht ebenfalls als Ziel im Auge hat und ich bin da ganz ihrer Ansicht. John kann Ihnen ohne Papiere nicht per Flugzeug nach Kentucky folgen, und wir brechen morgen ganz früh mit dem Wagen auf und treffen Sie in ein paar Tagen dort."

"Und wenn er Ihnen folgt?"

Ich atmete tief durch. "Damit muss ich rechnen. Aber diesmal bin ich nicht unvorbereitet."

"Sollten Sie es schaffen, bringen Sie ihn mir mit. Ich habe noch ein dickes, fettes Huhn mit ihm zu rupfen."

"Ich werde mein bestes tun." John konnte einem fast leid tun. Aber nur fast. "Geben Sie mir bitte nochmal Frank?"

"Ich wünsche Ihnen und Miriam Glück, junger Mann. Wir halten Kontakt."

"Ja, ich rufe regelmäßig an. Danke, und einen guten Flug, Mrs. Vittkowski."

Wieder ein Besitzerwechsel, mit ausgesucht höflichem Dank des Bodyguards.

"Kev?"

"Frank, sei nett zu Mrs. Vittkowski, du weißt ja inzwischen, dass sie recht... energisch werden kann."

"Das kann man wohl sagen... Ich werde morgen über und über blau sein."

"Bitte sorg dafür, dass sie sicher an Bord der Maschine kommt. Tim weiß bescheid und wird sie abholen."

"Ich hoffe, du hast ihn vorgewarnt..."

Ich seufzte. Tim hatte dieselbe Erziehung wie ich genossen und wenn Mrs. Vittkowski  einen Grund sah ihm eins zu verpassen, dann hatte er es zweifellos verdient. "Hast du mir besorgt um was ich dich bat?"

"Ja, es liegt beim Pförtner für dich bereit. Mir ist nicht wohl bei der Sache, Kev."

"Mir auch nicht, aber manchmal hat man eben keine andere Wahl. Drück mir die Daumen, dass alles glatt geht und er uns nicht folgt. Und kein Wort zu irgendwem, weder zu einem der Jungs, noch zum Management, noch zu sonst wem, von dem du glaubst, er könnte es mir ausreden. Je weniger Menschen wissen, wohin ich Miriam bringe und welche Straßen ich benutze, desto geringer ist die Gefahr für uns."

"Ich sehs ein, wenn auch nur unter Protest. Meld dich regelmäßig."

"Das werde ich. Danke für alles, Frank."

Er schnaubte amüsiert. "Warte bis du die Rechnung bekommst... Viel Glück." Dann unterbrach er die Verbindung.

Ich überlegte einen Moment, ob ich sofort zurück zu Miriam gehen sollte, entschied mich aber dagegen. Ich wollte erst das Paket abholen, das Frank mir hatte zukommen lassen. Also lief ich die Treppen hinunter und durch das Erdgeschoss zum Pförtner, der mir das Paket erst aushändigte, als ich ihm meinen Ausweis zeigte. Dann ging ich in die nächste Herrentoilette und schloss mich in einer der Kabinen ein, um es zu öffnen.

Vorsichtig riss ich das braune Packpapier auf. Dann schlug ich den Stoff beiseite und nahm das erste Teil heraus. Handschellen mitsamt einer passenden Gürteltasche. Als nächstes wog ich mattschwarzes Metall in meiner Hand. Die Pistole. Sie lag gut darin. Ich hatte lange nicht geschossen, aber ich verließ mich drauf, dass man einige Dinge nicht verlernte. Sie war geladen und gesichert. Ich überprüfte das Magazin und machte mich mit dem Sicherungsmechanismus vertraut.

Als ich wenig später den Waschraum verließ, hatte ich ein Pistolenhalfter, unsichtbar für alle, unter meiner Lederjacke und war gerüstet für die nächste Begegnung mit John. Nochmal würde er mich nicht auf dem falschen Fuß erwischen, wie heute morgen... 

 

5. Kapitel

Miriams pov

In dieser Nacht fand ich keinen erholsamen Schlaf. Ständig tauchten all jene Gesichter vor mir auf, die ich kannte und zu denen ich wohl den Bezug verloren hatte. Ich träumte von John, der mir immer und immer wieder seine Liebe gestand und ich fühlte, wie mein Herz raste, bei seinem bloßen Anblick. Was nur hatte uns auseinander gebracht? Ich liebte ihn doch...

Jedes Mal, wenn ich aus einem Traum hochfuhr, sah ich die dunkle Gestalt dieses Kevin Richardson im Nachbarbett. Ich wusste nicht, ob er wach war oder schlief. Es machte auch keinen Unterschied. Einerseits war ich beruhigt nicht allein zu sein, aber andererseits brachte mich seine Nähe völlig aus dem Konzept. Er beunruhigte mich, mehr als ich mir selbst eingestehen wollte. Ich musste nachdenken, aber mit ihm in meiner Nähe schien das unmöglich... Wenn ich es versuchte, schweifte ich immer wieder ab, fragte ich mich viel zu oft, wie das Verhältnis zwischen ihm und mir gewesen war. Er hatte mich so seltsam intensiv angesehen, mit diesen grünen Augen, die sich einem scheinbar ins Innerste bohrten...

Ich erinnerte mich leider sehr gut, wie sich sein fester, muskulöser Körper angefühlt hatte, als er mich hielt, während ich weinte. Und ich schämte mich John gegenüber, weil ich irgendwann vergessen hatte, warum ich weinte, und dieses Gefühl sogar einen Augenblick genoss. Es war einfach gut gewesen, ein sicherer, beschützter Ort... Wie eine Zuflucht. Und ich fragte mich, warum ich dieses Gefühl in Johns Armen noch nie gehabt hatte. Vielleicht, weil John nicht so athletisch gebaut war... Ja, daran musste es liegen. Schließlich liebte ich John. Und er liebte mich. Er war mir in Europa sogar hinterhergereist, weil er es nicht ohne mich aushielt. Das mit unserer Trennung musste ein Missverständnis sein... Vielleicht war ich einfach nur zu stur gewesen, einem seiner Wünsche nachzugeben. Wahrscheinlich ging es wieder um das dumme Geld... Es war ja klar, dass ein Mann in seinem Stolz verletzt war, wenn seine Frau die Finanzen führte und er mit einem Taschengeld zufrieden sein sollte. Wir mussten darüber reden... Dann würde alles wieder in Ordnung kommen...

Wenn Daddy nur das Testament nicht so geändert hätte, dass mein Ehemann keinerlei Verfügungsgewalt über das Vermögen bekommen konnte. Er hatte sogar Klauseln einbauen lassen, die verhinderten, dass ich John einen Teil des Geldes schenkte. Aber er hatte John auch nie gemocht... Kurz nachdem ich die beiden einander vorgestellt und Dad überglücklich von unserer Verlobung erzählt hatte, waren die beiden in Streit geraten. Ich habe nie erfahren, worum es dabei ging. Aber seit der Zeit, bis zu seinem Tod, hatte Dad mich immer wieder so merkwürdig angesehen, mit einer Mischung aus Besorgnis und Zuneigung. Einem Ausdruck, der dem dieses Mr. Richardson irgendwie ähnelte...

Ich drehte mich auf die Seite, um möglichst viel Abstand zwischen den Fremden und mich zu bringen. Es war schon wieder passiert, er schlich sich einfach in meine Gedanken! Wenn es nicht diese irritierend grünen Augen waren, dann seine dunkle Stimme, die mich an mitternachtsblauen Samt erinnerte. Eine seltsame Assoziation sollte man meinen, auch wenn ich mich erinnerte, als Kind eine Decke aus diesem Stoff besessen zu haben.

Ich lauschte auf seine Atmung, um festzustellen, ob er vielleicht wach war und mich belauschte. Nicht dass er viel hören würde, außer meiner eigenen Atmung und dem Rascheln der Decke, wenn ich mich bewegte. Aber ich fragte mich, ob die Augen, die mich so beschäftigten, offen waren und mich ansahen. Ich fühlte mich durchschaubar und verletzlich...

Schließlich hielt ich es nicht länger aus und drehte mich mit einem Ruck herum, nur um festzustellen, dass er sich nicht gerührt hatte und mir noch immer den Rücken zuwandte, seine Atmung tief und regelmäßig, was dafür sprach, dass er schlief.

Na bitte, jetzt sah ich also schon Gespenster. Es schien, als hätte der Unfall einen größeren Schaden bei mir angerichtet, als ich vermutet hatte...

Ich legte mich wieder zurecht und schloss die Augen, versuchte alle Gedanken auszusperren, um etwas zu schlafen. Ich hätte mich gern, wie so oft zum Einschlafen, auf die linke Seite gedreht. Aber allmählich ließen die Sedativa nach und ein dumpfer Schmerz zog sich durch meinen linken Arm, zusammen mit einem quälenden Puckern in meinen Rippen.

Mir fiel wieder ein, dass mir niemand erklärt hatte, wie es zu diesem Unfall gekommen war. Ich wusste nur, dass ich angeblich mit Mr. Richardson nach Kentucky fliegen wollte. Was auch immer ich da sollte... Stand möglicherweise das Kentucky Derby bevor? Eigentlich hatte ich nicht viel Interesse an Pferden, weil John keine mochte. Klar hatte ich reiten gelernt, aber allein machte es mir nun mal keinen Spaß.

Plötzlich hatte ich das Bild vor Augen, wie dieser hochgewachsene Fremde aus dem Nachbarbett souverän auf einem dunkelbraunen Pferd saß. Seltsamerweise war es Trento, Dads Pferd, das vor fünf... Nein. Vor siebeneinhalb Jahren wegen schlimmer Arthrose eingeschläfert werden musste. Wie passte denn das zusammen? Ja, dieser Mann wirkte so selbstsicher und beherrscht, der meisterte bestimmt jede Situation, einschließlich Dads eigenwilligem Hengst. Und er machte gewiss noch eine gute Figur dabei.

Mist, jetzt war ich wieder bei dem muskulösen Körper gelandet. Aber was sollte es, Appetit holen durfte man sich ja, aber gegessen wurde... zu Hause? Wo zum Teufel war ich eigentlich jetzt zu Hause?

Ich seufzte auf. Die Gedanken kreisten in meinem Kopf, und eine Frage führte zur nächsten... Wie eine Schlange, die sich selbst in den Schwanz biss. Ich würde nie irgendwo ankommen, ohne dass ich zuvor mein Gedächtnis wiederfand. Wenn ich nur gewusst hätte, wo ich danach suchen sollte...

Mit diesem Gedanken, schlief ich schließlich doch noch ein.

 

6. Kapitel

Kevins pov

Ich lauschte auf Miriams tiefer werdende Atemzüge. Endlich fand sie etwas Ruhe... Seit Stunden wälzte sie sich im Bett herum und ich konnte nichts tun, als reglos hier zu liegen, um ihr etwas Sicherheit zu geben und sie nicht zusätzlich zu ängstigen. Sie war so schrecklich misstrauisch gegen mich... Sie wich fast ständig vor mir zurück, ganz genau wie damals, als wir uns kennen lernten. Ich sah immer wieder Argwohn und Angst in ihren Augen aufblitzen, wenn ich zu nahe kam. Dabei wünschte ich mir nichts sehnlicher, als sie zu küssen... Das letzte Mal war viel zu lange her, mehr als sechzehn Stunden. Wie hatte ich nur die Wochen ohne sie ausgehalten, während derer sie hier in New York war und ich in Orlando? Und wie sollte ich es aushalten, sie jetzt 24 Stunden am Tag um mich zu haben, ohne sie zu berühren? Wir steuerten direkt auf eine Katastrophe zu...

 

Am nächsten Morgen kümmerte ich mich sofort um Miris Entlassung und organisierte den Rollstuhl, um sie so schnell wie möglich aus New York heraus und, hoffentlich, in Sicherheit zu bringen. Dr. Miller hatte dafür gesorgt, dass ich für einige Minuten direkt vor dem Haupteingang parken konnte und sogar einen Sicherheitsmann angewiesen, solange ein Auge auf den Wagen zu haben. Es war ein Leihwagen, von einem Unternehmen das Frank mir empfohlen hatte. Ein Jeep, der kugelsicher war und dessen getönte Scheiben Deckung versprachen. Jetzt musste ich nur noch Miri da reinbugsieren.

 

"Nein."

"Was zur Hölle heißt 'Nein.'?!"

"Nein heißt, ich fahre nicht mit Ihnen nach Kentucky. Ich möchte gern in meine Wohnung, hier in New York. Vielleicht bringt irgendwas dort meine Erinnerung zurück."

Ich atmete tief durch und versuchte, nicht die Geduld zu verlieren oder an die Gefahr zu denken, in der Miriam schwebte. Sie konnte ja nicht wissen, dass nichts in der Wohnung ihr Antworten geben, sondern alles nur noch mehr Fragen aufwerfen würde. Wie sollte ich ihr auch erklären, weshalb sie in einem Zwei-Zimmer-Apartment wohnte, in einer Gegend, die Wohngebiet der unteren Mittelschicht war? Wie es kam, dass die Zimmer mit hübschem, aber eindeutig benutzen, Secondhand-Mobiliar ausgestattet waren? Und warum es gefährlich war dorthin zu fahren, da der Mann, den sie liebte und als ihren Ehemann ansah, noch nicht wieder gefasst worden war und sie töten wollte?

Ich sah sie an, erfasste das eigensinnig vorgereckte Kinn und das angrifflustige Funkeln in ihren dunklen Augen. So unglaublich sexy... wenn ich nicht aufpasste, würde ich sie küssen und mir damit zumindest eine Ohrfeige einfangen. Vielleicht sogar mehr. Mühsam riss ich mich los.

"Glaub mir, Miri. Alles, was deine Erinnerung zurückbringen könnte, steckt hier drin." Ich klopfte mit der Hand leicht auf ihre Reisetasche, die ich aufs Bett gestellt hatte. Sie hatte sie selbst gepackt, nur wusste sie das nicht mehr. Und jetzt warf sie einen Blick darauf, als könnte das Gepäckstück sie anspringen.

"Was ist da drin...?"

"Deine Sachen. Kleidung, Toilettenartikel... Und persönliche Dinge, ohne die du ungern verreist." Ich sah ihr an, dass sie sofort überlegte was das sein mochte.

"Haben Sie das für mich gepackt?"

"Nein. Wie ich schon sagte, wollten wir zusammen nach Kentucky fliegen. Du hast selbst gepackt und mich abgeholt. Was immer hier drin ist, es war für dich wichtig genug es bei dir zu haben."

"Haben Sie reingesehen?"

"Nein." sagte ich wahrheitsgemäß. Aber ich konnte mir denken was drin war... Sie hatte die beiden Teddybären und das Tagebuch ihres Vaters bestimmt nicht zurückgelassen. "Miriam, bitte... Ich verstehe deine Bedenken gegen mich, aber wir müssen los..."

Miriam sah mich misstrauisch an. "Warum wollen Sie mit mir ausgerechnet nach Kentucky? Was sollte ich da? Das Kentucky Derby findet erst im April statt..."

Ich atmete tief durch. Wenn ich ihr sagte, dass dort meine Familie lebte, würde sie sich garantiert weigern mitzukommen.

Ein Räuspern lenkte unsere Aufmerksamkeit auf Dr. Miller, der in der Tür stand.

"Mrs. Huntington… Mr. Richardson lädt Sie zu einem Urlaub ein, den Sie sehr gut brauchen können. Sie sollten nicht allein in einer Ihnen unbekannten Wohnung sitzen, in einer fremden Stadt. Sie brauchen die nächsten Tage jemanden, der für Sie sorgt und sie sollten möglichst viel ruhen. Mr. Richardson ist ein guter Freund von Ihnen und ich denke, Sie können ihm vertrauen."

Ich warf ihm einen dankbaren Blick zu, den er mit einem fast unmerklichen Lächeln registrierte.

Miriam wirkte unschlüssig. Sie sah zwischen dem Arzt und mir hin und her. Dann seufzte sie leise und nickte zögernd.

"Fein. Dann brauche ich noch hier Ihre Unterschrift." Der Doktor trat zu Miriam ans Bett und deutete auf eine Linie auf den Papieren.

Sie setzte, ohne zu zögern, 'Rachel Huntington' darauf...

 

  

7. Kapitel

Miriams pov

Ich fühlte mich nicht grade glücklich dabei, dass ich mit einem fremden Mann durch die Gegend fahren sollte. Erst recht nicht, wenn ich ihm so ausgeliefert war...

Die Schwester hatte mir beim Anziehen helfen müssen, denn ich konnte meinen geprellten Arm kaum bewegen. Inzwischen trug ich eine Schlinge über dem nichtssagend braunen Rippenpullover, der mir überall zu groß zu sein schien. Aber die Schwester meinte, es sei wirklich meiner, ich hätte ihn bei mir gehabt beim Unfall. Sie hatte auch beiläufig bemerkt, mein Freund – bei dem Wort hatte sie vieldeutig gelächelt – sei sehr in Sorge gewesen bei meiner Einlieferung. Sie hätten ihn kaum von mir trennen können. Was für mich wieder diese Frage aufwarf, der ich mich nicht stellen mochte, ob es irgendeine Art Beziehung zwischen uns gegeben hatte... Ich konnte, und wollte, es mir nicht vorstellen, schließlich liebte ich John. Dr. Miller meinte vorhin, ich sollte diesem Mr. Richardson vertrauen. Aber wie konnte ich das? Der Mann war kein Freund, sondern ein völlig Fremder für mich! Ein verdammt sexy aussehender Fremder, zugegeben, aber nichtsdestotrotz ein Fremder.

Die Schwester legte mir meinen Mantel um die Schultern und half mir in den Rollstuhl. Normalerweise fand ich es lächerlich, dass man in so einem Ding nach draußen gekarrt wurde, aber diesmal war ich ganz froh. Die Gehirnerschütterung machte mich etwas schwindelig und allein der kurze Gang zur Toilette hatte Kopfweh verursacht. Ganz zu schweigen von dem dumpfen Schmerz, der bei jeder falschen Bewegung der linken Seite auftrat.

Die Schwester stellte mir die Tasche, die angeblich ich gepackt hatte, auf den Schoß und schob mich auf den Flur. Dort warteten schon der Doktor und dieser Mr. Richardson, der mir sofort einen seiner intensiven Blicke zuwarf. Seine Miene verriet nichts, als er das Schieben des Rollstuhls übernahm.

"Also, Mrs. Huntington, schonen Sie sich noch einige Zeit. Und dann lassen Sie es langsam angehen. Ich habe Mr. Richardson ein paar Medikamente mitgegeben, damit Sie schmerzfrei schlafen können. Wenn es Probleme gibt, haben Sie ja meine Nummer." Der Doktor verabschiedete sich mit einem freundlichen Lächeln und entließ uns in einen kalten New Yorker Februarmorgen. Auf der Auffahrt vor dem Portal stand verbotenerweise ein Jeep, ähnlich dem, den ich für John gekauft hatte. Nur hatte dieser getönte Scheiben und war silbergrau, Johns war schwarz.

Mr. Richardson schob mich zur Beifahrertür und öffnete sie. Dann nahm er die Tasche von meinem Schoß und ich dachte, er würde sie irgendwie auf einen der Rücksitze verfrachten. Doch stattdessen stellte er sie neben mir ab. Bevor ich protestieren konnte, schob er einen Arm unter meine Achseln und den anderen unter meine Knie. Einen Augenblick lang wurde ich gegen seine breite Brust gepresst. Ich atmete erschreckt ein. Das war zu nah... viel zu nah...
Er hob mich aus dem Rollstuhl, als wäre ich leicht wie eine Feder, und setzte mich behutsam auf dem Beifahrersitz ab. Ich starrte ihn verstört an, aber er ging darüber weg als wäre nichts geschehen. Er bat einen Wachmann sich um den Rollstuhl zu kümmern, stellte die Tasche hinter mir auf den Rücksitz und stieg dann selbst ein.

Ich fühlte mich irgendwie benommen. Das alles erschien mir so unwirklich... Was zum Henker hatte er da grade gemacht und warum? Weil er mir zeigen wollte, dass er das Sagen hatte? Oder... war das etwa Fürsorge?

Es half mir nicht grade, dass mich eine kleine Stimme in meinem Innern fragte, wann ich bei John das letzte Mal eine solche Geste gesehen hatte.

Nun, John war ein praktisch denkender Mensch, kein Romantiker. Wir hatten in einer Hochzeitsvorbesprechung auch über das Für und Wieder von romantischen Traditionen wie dem 'Braut über die Schwelle tragen' debattiert und John hatte Recht, es waren zwar schöne Traditionen, aber einige waren nicht ganz ungefährlich. Wie schnell man sich den Rücken verrenken konnte bei so was. Und so wichtig war es mir nicht, schließlich wollte ich nicht, dass er sich wehtat...

Wieder ertönte die verräterische kleine Stimme, die ich versuchte zu überhören. Aber sie verschaffte sich dennoch Gehör und erinnerte mich daran, dass ich diesen feinen kleinen Schmerz verspürt hatte, als ich erfuhr, dass John mit der Tradition brechen würde.

Ja, verdammt, ich wäre gern über die Schwelle getragen worden... Ich hatte auch später ab und zu das Gefühl vermisst, das ich vor der Hochzeit manchmal bei ihm hatte, dass ich das Wichtigste für ihn war und er mich auf Händen trug. Nicht im wörtlichen Sinn, sondern im Übertragenen. Aber mit mir zusammenzuleben war auch nicht einfach und im Alltagstrott blieb nun mal etwas auf der Strecke.

Der Jeep fuhr an und ich bemühte mich, aus dem Fenster zu sehen anstatt zum Fahrer. Ich war schon mehrmals in New York gewesen, aber nie im Winter. Die Straßen waren geräumt, doch hier und da sah man noch Reste der Schneehaufen neben den parkenden Autos.

Mr. Richardson war ein erstaunlich ruhiger Autofahrer. Er versuchte nicht die Ampeln noch im letzten Moment zu passieren und den anderen Verkehrsteilnehmern dicht aufzufahren, oder die Spur zu wechseln, um vielleicht eine Wagenlänge vor den anderen zum Stehen zu kommen.

Ich warf ihm einen verstohlenen Seitenblick zu. Er wirkte vollkommen konzentriert. Ob er wohl beruflich viel fuhr? Wie alt war er wohl? Ich wusste nicht mehr über ihn, als seinen Namen, und dass wir einander angeblich ein halbes Jahr kannten. So von der Seite... mochte er etwa Anfang zwanzig sein. Von vorn erschien er mir jedoch älter, eher Mitte bis Ende zwanzig, mit diesen kantigen Gesichtszügen. Er hatte nicht die typische New Yorker Winterblässe, sondern war leicht sonnengebräunt. Also wahrscheinlich jemand, der neben dem Bodybuildingstudio auch noch die Sonnenbank besuchte. Ob er zu den selbstverliebten Körperfetischisten gehörte? Wohlmöglich hatte ich ihn bei der Arbeit kennen gelernt und er war ein Modell, dem Aussehen nach mochte das hinkommen. Aber sicher sein würde ich mir erst, wenn ich ihn fragte... Irgendwann und irgendwo musste ich wohl doch damit anfangen. Warum das Unvermeidliche weiter aufschieben...

Ich räusperte mich. "Darf ich Sie etwas fragen?"

"Sicher, du darfst mich alles fragen." erwiderte er freundlich, ohne den Blick wirklich von der Straße zu nehmen.

"Wo haben wir uns kennen gelernt?"

"Bei einer Modenschau hier in New York. Donatella bot mir an, in der Show ein paar ihrer Sachen auf dem Catwalk zu tragen. Eins der T-Shirts saß nicht richtig, also hast du es geändert."

Aha... Ich sah stirnrunzelnd auf meine Hände. Ich konnte Nähen, sicher. Aber reichte das für die Modewelt? Und was meinte er damit, dass sie es ihm angeboten hätte?

"Wann genau war das?" wollte ich wissen.

"Kurz vor Halloween, letztes Jahr."

"Also zwei Jahre, nachdem ich nach New York kam?"

"Ja."

Es schwirrten so viele Fragen in meinem Kopf, dass ich nicht wusste, welche ich als nächstes stellen sollte. Und allmählich fing mein Kopf wieder an wehzutun.

"Warum kam ich nach der Trennung von John ausgerechnet hier her?"

Er überlegte kurz. "Ich denke, möglicherweise wolltest du so viel Raum wie möglich zwischen euch bringen."

Das konnte ich mir aber nicht vorstellen... "Wann wurde unsere Ehe geschieden?"

Er stutze kurz und warf mir einen Blick zu. "Du wartest zur Zeit auf das Scheidungsurteil..."

Dann war ich also noch immer Johns Frau? Vielleicht gab es doch noch Hoffnung! Ich musste ihn anrufen, oder, noch besser, persönlich mit ihm reden. Aber... vielleicht wollte John ja die Scheidung...

"Wie hat... John denn die Sache aufgenommen?"

Zum ersten Mal sah Mr. Richardson mich voll an, mit der ganzen Intensität seiner grünen Augen. Ich war versucht mich klein zu machen... Er wandte sich wieder ab, starrte auf die Straße. Seine Kiefermuskeln arbeiteten, als würde er mit aller Kraft die Zähne zusammenbeißen.

"Seine Meinung zur Scheidung war dir herzlich egal, und ich habe ihn nicht gefragt. Allerdings hatte er sich das Ende eurer Ehe wohl etwas anders vorgestellt..."

Den letzten Satz hatte er leise ausgesprochen, als wäre er nicht für meine Ohren bestimmt gewesen. Was zum Teufel sollte das alles bedeuten? Ich musste dringend mit John reden...

 

 

 



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