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Warum? Warum immer wieder? Lag es an ihm? Weil er ein Popstar war? An dem Ruhm und der unerwünschten Aufmerksamkeit, Tag für Tag? Oder war er selber das Problem? Sein Charakter?
Auf Dauer ging es einfach nicht gut. Kein Mädchen blieb bei ihm. Keine endlose, wahre Liebe, kein Glück, keine Zukunft. Kein gar nichts. Nur ein einsamer, weltberühmter Popstar. Millionär und Mann.
Wenn man alles andere wegstrich, wenn es verloren ging, sich in Rauch auflöste, wie so vieles Andere, dann blieb nur das. Ein einsamer Mann. Er hatte sich schon oft allein gefühlt. Auf dem Timessquare, inmitten eines riesigen Publikums. Auf einer Party, in einem Haufen Freunde und Bekannter. Aber noch nie so. Nie so!
In ihm war alles kalt. Eiskalt und leer. Leise klangen seine Schritte auf dem feuchten Straßenpflaster. Sie war so schön gewesen. So wunderschön. Das Haar lang und schwarz wie diese Nacht. Ihre Haut leicht sonnengebräunt. Ihr Lächeln der strahlende Sonnenschein.
Seufzend blieb er stehen und blickte auf. Der Himmel über ihm war sternenklar. Der Vollmond sah auf ihn hinunter. In der Ferne hörte er das Meer rauschen. Es war eine dieser warmen Sommernächte, die er immer so geliebt hatte. Früher. Als er sie mit ihr geteilt hatte.
Nun war sie nicht mehr da, um sie mit ihm zu teilen. ‚Ich liebe einen Anderen.’ hatte sie gesagt. ‚Es tut mir leid, wirklich, aber du und ich... Es geht einfach nicht.’ Dann war sie gegangen. Und er auch. Denn das ganze Haus roch nach ihr, hallte von ihrem Lachen wieder. Er hatte mit dem Gedanken gespielt es zu verkaufen, aber er brachte es nicht übers Herz. Sie war noch immer dort. Wenn er die Haustür aufschloss, dann konnte er sie förmlich sehen, wie sie überall ihren Duft und ihre Blumen verteilte. Niemals hatte ein Mädchen, das er kannte, soviel wert auf Blumen im Haus gelegt. Mit ihr waren jetzt Blumen und Leben aus seinem Haus verschwunden.
Und aus ihm. Auch aus ihm. Er setzte seinen Weg fort, ohne zu wissen wohin er eigentlich ging. Er lief einfach weiter, wohin seine Füße ihn trugen. Seine Schritte hallten in den menschenleeren Straßen wieder. Genau wie in seinem Innern. Du-bist-allein... Du-hast-niemanden... Er beschleunigte, aber das half nicht. Keine-will-dich... Niemand-braucht-dich... Er fing an zu rennen. Seine Füße flogen über den Asphalt, aber es hörte nicht auf. Allein-allein-allein-allein-allein-allein! Plötzlich änderte sich der Klang völlig, wurde zu einem dumpfen Herzschlag.
Er verlangsamte und blieb keuchend stehen. Er stand mitten auf dem alten Pier. Das tote Holz säuselte in einer Brise über dem Meer. Leise klatschten die Wellen unter ihm an die Balken. Auch hier waren sie einmal gewesen. Im hellen Sonnenschein hatte sie ihn lachend herausgefordert sie zu fangen.
Er ging bis ans Ende des Piers und sah hinunter ins Wasser. Es war sehr ruhig und bezaubernd schön im silbrigblauen Licht. Der Mond schien einen Pfad über die salzigen Fluten zu schlagen, der direkt am Fuß des Piers endete. Aber der Mann mit dem gebrochenen Herzen achtete nicht darauf. Vor seinem inneren Auge war es taghell und er fing eine dunkelhaarige Schönheit, die er zur Belohnung zärtlich küssen durfte. Dann verschwand das Bild und das Gefühl ihrer Lippen auf seinen und machte der harten Wirklichkeit platz. Schlagartig war es wieder Nacht um und in ihm und die Einsamkeit traf ihn härter als zuvor. Tränen rannen über seine Wangen und vermischten sich tief unter ihm mit dem Meerwasser. Er konnte es nicht ertragen. Die Einsamkeit richtete ihn langsam zu Grunde. Er konnte so einfach nicht weitermachen.
Langsam, mit traumwandlerischer Sicherheit, kletterte er über die Brüstung. Er sah hinunter in das Spiel aus Mondlicht und Schatten, dass sich Mond und Meer boten. Dann schloss er die Augen und ließ los.

„Wie kannst du das tun? Weißt du denn nicht, wie kostbar ein Leben ist? Hast du mal darüber nachgedacht, wie viele Menschen sterben müssen, ohne es zu wollen?“
Erstaunt öffnete er die Augen. Er lag am Strand, völlig durchnässt und... in den Armen einer Frau? Ihr Haar war silbern im Mondlicht und ihre sanften Augen waren grau. Sie hielt ihn fest umschlungen und blickte ihn tadelnd an. Sein Kopf ruhte an ihrer Schulter. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht... Er war nass. Wenn sie ihn herausgefischt hatte, warum war sie dann trocken? Und wo kam sie so plötzlich her? Noch dazu in einem Kleid, das aus reinem Mondlicht zu bestehen schien?
„Wer bist du?“ fragte er rau.
Sie lächelte ihn an. „Ich bin die Tochter des Mondes. Man nennt mich Mondlicht.“
Er war schon fast versucht ihr zu glauben. „Wenn du die Mondtochter bist, wie kommst du dann her?“
„Ganz einfach. Sieh nur hin, der Mondpfad ist noch da.“ Sie zeigte hinaus auf das Wasser und er folgte diesem Wink. Es sah wirklich so aus, als führte ein Pfad über das Wasser bis zum Mond.
Er sah sie wieder an. „Und was machst du hier?“
Sie lachte. Es klang wie Flügelschlag in der Nacht. „Was ich hier mache? Du bist gut! Ich habe dir das Leben gerettet. Ich entdeckte dich, wie du da auf dem Pier standest. Und ich wusste sofort was du vorhattest. Ich beobachte dich schon lange, weißt du?“
„Von... von da oben aus?“
„Ja. Mein Vater hat es mir erlaubt. Er sagte, man lernt viel über die Menschen, wenn man sie beobachtet. Und dich beobachte ich schon, seitdem du der Zahnfee deinen ersten Milchzahn unters Kissen gelegt hast. Inzwischen kenne ich dich ganz gut.“
Sie blickte ihm direkt in die Augen. Er glaubte in ihren zu ertrinken. Sie hatten die Farbe von Wasser im Mondlicht. Ständig wechselnd und doch immerzu vertraut. Er war nicht in der Lage, sich von ihnen loszureißen. Dann trafen ihre Lippen seine und er versank im süßesten Kuss, den er je erlebt hatte. Er rang um Atem, als sie den Kopf wieder hob.
„Oh... Vater hatte recht. Man lernt einiges erst wirklich, wenn man es selber ausprobiert.“ Sie lächelte zärtlich auf ihn hinunter. Dann strich sie sacht mit dem Daumen über seine Stirn und sein Kopf fiel gegen ihre Schulter, als er unvermittelt in ihren Armen einschlief.

Als er erwachte, fand er sich am Strand liegend wieder. Wie kam er denn hier her? Er erinnerte sich noch, durch die Straßen gelaufen zu sein. Aber danach... Filmriss.
Eine sanfte Brise streichelte sein Gesicht. Die Nacht war erfüllt von unzähligen Düften. Direkt vor ihm, über den Wassern des Atlantik, stand der Vollmond und lächelte ihn an. Tauchte ihn in silbernes Licht, das bis in die Tiefen seiner Seele drang.
Unbewusst lächelte er zurück. Es war wohl an der Zeit endlich heimzugehen.
Ja, er würde heimgehen.



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