Shopping-Dämon

Es war ein schöner Frühlingstag im sonnigen Kalifornien. Die Luft war mild, eine sanfte Brise wehte vom Pazifik her, und Büsche und Bäume standen in voller Blüte. Ein wundervoller Tag also, um an den Strand zu gehen, an der Wasserlinie entlangzuspazieren und das Gefühl des Seewinds auf dem Gesicht und des nassen Sandes unter den nackten Füßen zu genießen.
Warum nur waren sie stattdessen in der Mall und streiften durchs Sears?!
Shannon seufzte genervt, ein Laut der Kevin nicht verborgen blieb.
"Ich weiß, du hasst Shopping..." Er legte sanft den Arm um ihre Schultern und zog sie näher an sich. Seine Wange streifte kurz ihr Haar. "Es wird bestimmt nicht mehr lange dauern, ich schwöre."
Shan zweifelte daran - immerhin hüpfte Alex vor ihnen begeistert von Ständer zu Ständer - aber ihr nächster Atemzug war voll von Kevins Duft und besänftigte sie ein wenig.
"Schaut mal, das ist doch schick." Alex stand plötzlich, ein olivgrünes Top mit Spagettiträgern in der Hand, vor ihnen.
Schick ja, nur zeigte es für Shannons Geschmack zuviel ihrer blassen Haut. Das würde höchstens ihr Mann zu sehen bekommen, es sei denn sie trug eine Jacke darüber.
"Das ist..." Sie suchte nach beschwichtigenden Worten, doch Alex hatte in ihrem Gesicht schon gelesen was sie meinte.
"Okay, warte, ich such dir ein anderes. Mit Ärmeln, genau." Enthusiastisch lief er davon.
Shannon seufzte erneut. Es war ihr schleierhaft, wie sie mit ihrem shoppingbegeisterten Freund hierher geraten konnte. Oder vielleicht doch nicht...
Es hatte damit angefangen, dass Alex einen neuen 'normalen' Anzug suchte. 08/15, aber modisch und zu ihm passend, weshalb er Kevin fragte ob er nicht als Stilberatung mitkommen wollte. Und irgendwie waren die Zwei dann bei der Diskussion über aktuelle Damenmode angelangt und dabei, wie ihr dieses oder jenes stehen mochte...
Ehe Shan sich versah und Vorsichtsmaßnahmen treffen konnte, war sie Alex' Welpenblick ausgesetzt worden, dem sie nur mühsam, und leider nicht immer vollständig, zu widerstehen vermochte. Alles zu spät... Man hatte sie mitgeschleppt zum Shopping, auch noch mit ihrem Einverständnis, jedenfalls irgendwie, so dass sie sich auch mit einer Entführung nicht rausreden konnte.
Und Alex war nicht der Einzige, der sich für sie nach Kleidung umschaute. Auch Kevins Blick glitt suchend über die ausgestellte Ware. Jedoch hatte er es besser drauf zu entscheiden was in Frage kam, weil er, außer den Kriterien von Shans heller Hautfarbe und der ungewöhnlichen ihres Haares, auch noch den Aspekt der Tragbarkeit bewertete. Es half ja nichts, ein hübsches Teil im Schrank zu haben, wenn es den nicht verließ. Beziehungsweise nur unter Kevins gutem Zureden. Bei Kleidern für irgendwelche Anlässe war das eine Sache. Aber was Shirts anging, fand Kevin, sollte seine Frau sich verschlafen anziehen können und, beim Blick in den Spiegel in der Diele, nicht vor Verlassen des Hauses erschreckt feststellen, dass sie doch lieber mehr tragen wollte um sich wohlzufühlen.
Kevin sah etwas Smaragdgrünes, eine Farbe die Shan wundervoll stand, und zog sie sanft in diese Richtung, nur um festzustellen, dass auch hier Spagettiträger oder ganz trägerlose Sachen auf dem Ständer hingen.
Alex tauchte gleich darauf mit einem hübschen Shirt mit Rüschen und schräg geschnittenen Ärmeln vor ihnen auf. Einziges Problem: Es war gelb. Eine schöne Farbe, Alex' Lieblingsfarbe, auch gut zu rotblondem Haar, aber... nicht zu porzellanheller Haut, der es einen Gelbstich verliehen hätte. Alex schnalzte mit der Zunge und eilte dorthin zurück, wo er das gute Stück her hatte.
"Ooooooch, können wir jetzt bitte gehen?" bettelte Shannon ungeduldig. "Ich hab keine Lust mehr, das waren jetzt gefühlte einhundert Oberteile."
Kevin gab ihr einen beruhigenden Kuss auf die Schläfe. "Es waren doch erst sieben, Kleines. Du bist so tapfer... Stell dir einfach vor, es wären Dämonen."
Shan grummelte. "Wenn es welche wären, würde ich sie einfach in Stücke hauen und gut... hmpf..."
Kevin lachte leise und gab ihr noch einen Kuss, diesmal auf die Lippen.
Daran hätte Shannon sich glatt gewöhnen können, mitten in der Damenoberbekleidung von Sears geküsst zu werden, aber AJ kam grade mit einem Arm voll Shirts zurück und begann ihr eins nach dem anderen anzuhalten.
"Zu grün... Nein, rot geht gar nicht." Zwei Oberteile landeten auf einem Kleiderständer. "Lila steht dir gut! ... Aber so wie du mich grade anguckst... magst du die Farbe wohl nicht, nein? Nein..." Vorsichtig brachte Alex das Shirt außer Reichweite. "Und pinnnn...k legen wir gleich zu lila..."
Damit blieben noch zwei, eins in schwarz und eins in blau. Shannon griff nach dem Schwarzen.
"Das wäre doch..." Aber Kevin hatte es ihr bereits aus der Hand genommen und das Blaue hineingelegt, bevor der Satz beendet war.
"Kein schwarz. Die Hälfte deines Schrankinhalts ist schwarz. Es soll ein Sommeroberteil werden und keins für die Arbeit."
Shan seufzte und betrachtete das übrig gebliebene Shirt. Es war... blau, nichtssagend blau und überdies tailliert.
Kevin, der ihren Gesichtsausdruck genau beobachtet hatte, nahm ihr das T-Shirt aus der Hand und legte es Alex über die Schulter. "Falsches Shirt."
Der lächelte ironisch. "Ach nein? Okay, versuchen wir etwas anderes." Er griff sich jeweils eine Hand der Beiden und zog sie hinter sich her, zu einer Ecke mit Oberteilen in jeder Farbe.
"Guckt mal, hier gibt es so viele! Da muss doch was passendes für dich dabei sein, Shan..." Er begann zu suchen und die Bügel klapperten, mit der Geschwindigkeit einer perfekt beherrschten Tastatur, aneinander.
Shannon spürte indes ihr letzte Quäntchen Shopping-Lust durch den Fußboden verschwinden. Es war nicht ihre Welt... Die Musik aus den unsichtbaren Boxen ging ihr auf die Nerven, der Geruch neuer Sachen nistete sich in ihre Nebenhöhlen ein und verursachte einen unangenehmen Druck im Kopf, während die Klimaanlage ihr die Augen trocken werden ließ. Sie würde nie verstehen, warum Menschen Spaß am Shopping hatten... Klar, sie und Kevin, allein in einer feinen kleinen Boutique, wo sie ihm gleich vorführte was ihm auf dem Bügel gefiel... Das konnte Spaß machen. Eine Stunde lang, danach musste es vorbei sein, sonst drohten die Vorhänge der Umkleidekabinen Feuer zu fangen. Aber das hier?
Shannon seufzte und hatte das Gefühl, das heute noch öfter getan zu haben als die jetzt zweihundert Mal, die sie ein Shirt in Augenschein genommen hatte.
Alex wirkte ein wenig unzufrieden, er fand einfach nicht was er sich vorstellte. Doch dann ging plötzlich ein Leuchten über sein Gesicht...
Shannon folgte seinem Blick und zuckte innerlich gequält zusammen. Gegenüber kündigten große rote Schilder die Preisknüller des Jahres an.
"Sonderangebote!" frohlockte Alex auch sogleich, als hätte er den Heiligen Gral entdeckt. Er stob davon.
Shannon und Kevin warfen einander einen Blick zu, dann folgten sie ihm langsamer. Nicht dass Sonderangebote nicht toll waren, vor allem Kevin war in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass Geld hart verdient wurde und man sparen sollte was möglich war. Aber es war kein Grund draufloszustürzen, es sei denn man war ein bisschen shoppingberauscht wie Alex.
Er machte sich grade mit einem beglückten Seufzer über den Drehständer her, als in dessen Mitte sich etwas bewegte. Im ersten Moment dachte Shan sich nichts dabei, sie selbst hatte sich als Kind gern bei langen Einkaufstouren in die Ständer hineingedrückt und die Langeweile dort totgeschlagen. Doch als plötzlich ein großes graues Etwas in einem schwarzen Mantel aus dem Drehständer auf Alex zusprang, wusste Shannon, dass das kein Kind war...
Das graue Etwas hatte spärliches Fell und ein Paar kleine Hörner, unterhalb des Mantelsaums peitschte ein gegabelter Schwanz. Die nackten Füße und in den Stoff gekrampften Hände hatten was von den Gliedern eines Geckos, sie waren bedeckt von Lamellen, die es dem Etwas vielleicht ermöglichten auf glatten, senkrechten Flächen zu laufen.
Alex zuckte erschrocken zurück, aber zu spät... Das Etwas riss seinen Mantel auf und zeugte ihm seinen nackten... na ja, einigermaßen behaarten Körper. Dabei begann es schauerlich zu quietschen und heulen, und übertönte damit die Musikberieselung.
"Das kann doch nicht..." Shannon eilte Alex zu Hilfe, Kevin nur einen halben Schritt hinter sich.
Das Etwas hatte inzwischen das T-Shirt gepackt, das Alex in der Hand hielt, und zerrte daran, wobei es kicherte und gibbelte als wäre es irre. Der Stoff riss ein, dunkle Flecken verunstalteten die Farbe, wo dreckiggraue Finger ihn berührt hatten. Erst jetzt ließ das Etwas los, nachdem das Shirt unwiderruflich verdorben war, aber nur um Alex anzuspringen und ihm die Geldbörse aus seiner Hosentasche zu ziehen.
Wieder begann ein Geziehe und Gezerre, weil die Börse mit Alex' Glücksbringerkette an seiner Hose festgemacht war...
Das war der Moment, in dem Shannon das seltsame Wesen erreichte. Es war vielleicht schnell, aber die Hexe war schneller. Sie packte seine Handgelenke und drückte zu, bis es mit einem Wimmern Alex' Portmonee aus den Lammellenfingern fallen ließ. Dann fasste Shan es am Kragen seines schmuddeligen Mantels und fixierte es mit einem bösen Blick.
"Preisanstieg!" fauchte sie wütend.
Das Etwas jaulte schmerzerfüllt.
"Mehrwertsteuererhöhung!"
Sein Jaulen steigerte sich zu einem Crescendo, es zappelte wie wild, doch Shannon ließ es nicht los.
"Inflation!"
Mit einem Japsen verstummte das graue Etwas, schrumpfte plötzlich in sich zusammen wie ein Ballon, aus dem man die Luft herauslässt, und fiel schließlich samt Mantel zu Boden, wo es unter dem schmuddeligen Stoff hin und her huschte und einen Ausgang suchte.
"Was zur blutigen Hölle ist das!" fragte Alex entsetzt. Er starrte auf die Beule im Stoff hinunter, die ziellos herumwischte.
"Ein Shopping-Dämon."
"Ein was??" hakte Kevin nach, der glaubte sich verhört zu haben.
Shan seufzte. "Ein Shopping-Dämon... Er lebt von der Euphorie, die ein Einkäufer freisetzt, und der Energie des Ärgers, den er selber produziert. Sie sind recht kurzlebig, meist sind sie nach Geschäftsschluss nicht länger als zwei Stunden in der Lage zu bestehen. Dafür werden aus ihren Überresten neue Dämonen geboren, sobald die ersten Kunden den Laden betreten und ihn wieder mit Euphorie füllen."
Alex sah sie mit großen Augen an. "Was es nicht alles gibt..."
Die Hexe zog eine Grimasse. "Tja... Und alle wundern sich, dass ich Shopping hasse... Sie leben übrigens bevorzugt auf Krabbeltischen und in Ständern mit Sonderangeboten. Einige Kunden halten sie irrtümlich sogar für freche Kinder, die Schabernack treiben. Sie sind recht schnell kleinzukriegen, wenn man sie demotiviert." Sie deutete auf das mausgroße Ding, das noch immer versuchte wegzukommen. "Sieht man ja."
"Und was machen wir jetzt mit ihm?" wollte Kevin mit gerunzelter Stirn wissen.
"Na ja, das halt..." Shannon trat fest auf die laufende Delle. Als sie den Fuß wieder hob, war der schäbige Stoff an der Stelle platt.
Shan nahm den Mantel beiseite und legte eine flachgepresste Wollmaus frei.
"Das ist die Keimzelle. In Geschäften, die ordentlich sauber gehalten werden, trifft man einen Shopping-Dämon niemals an, es fehlen ihm einfach die Fusseln."
Kevin nahm die Wollmaus in die Hand und drehte sie hin und her, doch es blieb eine harmlose Wollmaus.
"Cool..."
"Nö, so cool fand ich das gar nicht... Ich hatte grade das T-Shirt für Shan gefunden, und jetzt ist es nur noch ein Putzlappen." Alex verschränkte die Arme vor der Brust.
Shan nahm Kevin die Wollmaus ab, um sie später zu entsorgen.
"Weißt du was, Alex, ich führe dich demnächst mal in die Geheimnisse der Versandhauskataloge ein..." Sie legte beiden Männern je einen Arm um die Taille und drängte sie entschieden zum Ausgang.

 

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