Der Vertreter

Es war Hollywood. Genauer gesagt, der westliche Teil davon. Kleine Villen, also die mit unter 350 m² und maximal vier Schlafzimmern. Genau die richtige Gegend für Henry Brown.
Mr. Brown war Vertreter, aber einer der gehobenen Art. Er vertrieb hochwertige Alarmanlagen und er wollte seine Kunden zufrieden sehen, ihre Häuser sicherer machen.
Mit dieser Intention war Mr. Brown also unterwegs. Als er die Auffahrt zu dem zweigeschossigen Bau hinaufging, machte er sich bereits im Kopf Notizen. Das Tor zur Strasse war ungesichert, es hatte eine Automatik um es für Wagen zu öffnen, aber die kleine Seitenpforte ließ sich einfach aufdrücken, wie Brown grade festgestellt hatte. Auf dem Rasen neben dem gepflasterten Weg lagen zwei Kinderfahrräder, also lebte eine Familie hier. Das war gut, Werte und kleine Kinder im Haus waren immer ein guter Grund für eine bessere Alarmanlage.
Brown erreichte die Haustür und klingelte. Es dauerte nicht lange, bis ein Mann ihm öffnete und ihn fragend ansah.
"Ja bitte?"
Mr. Brown wusste sofort, dass der Mann ein Prominenter war. Er kannte das markante Gesicht aus der Presse, wer es aber war, wusste er nicht auf Anhieb. Er lächelte in die grünen Augen seines Gegenübers.
"Guten Tag. Mein Name ist Henry Brown, ich vertrete California Security Systems und möchte Ihnen eine kostenlose Beratung anbieten."
Der junge Mann lehnte sich an den Türrahmen und hob einen nackten Fuß, um mit ihm über den anderen zu reiben. Das weiße Muskelshirt spannte sich über seine breite Brust, auch die bloßen Arme waren alles andere als schwächlich. Das war schlecht, so jemand hatte meist das Gefühl, selbst der beste Schutz für ein Haus zu sein.
"Eigentlich haben wir schon eine Alarmanlage." sagte er dann auch tatsächlich.
"Sicher haben Sie die, aber es ist immer wichtig auf dem neusten und sichersten Stand zu sein, um seine Lieben zu beschützen, das ist unser Firmenmotto." Brown lächelte überzeugend.
"Wer ist an der Tür, Baby?" drang in diesem Moment eine sanfte, weibliche Stimme nach draußen. Leise Schritte nackter Füße auf Steinboden kamen heran, dann erschien eine bildhübsche junge Frau. Langes, rotblondes Haar fiel ihr seidig auf die Schultern herab.
Der junge Mann warf ihr einen zärtlichen Blick zu. "Mr. Brown möchte uns in Sachen Sicherheit beraten."
"Oh." sagte sie nur. Dann lächelte sie entschuldigend, trat an Brown vorbei nach draußen und warf einen Blick auf den Türrahmen über ihnen. Erst jetzt sah Brown, dass dort ein okkultes, silbernes Symbol angebracht war.
Aha, er war unter Esoterikern... Wenn er Glück hatte, teilte der Mann diese Vorliebe nicht mit seiner Frau, sondern tolerierte sie nur.
"Also, ich finde das Haus ausreichend gesichert." Die junge Frau zuckte leicht mit den Schultern. "Aber wenn du denkst, wir brauchen eine neue Anlage, dann..."
"Mooooommy!" unterbrach sie eine Kleinmädchenstimme.
Die junge Frau lachte leise. "Verzeihen Sie, die Kinder sind grade dabei das Bad unter Wasser zu setzen und möchten dafür Publikum." Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihrem Mann einen Kuss auf den Mund, ging dann zurück ins Haus und zog seinen verträumten Blick hinter sich her.
"Wie viele Kinder haben Sie denn?" wollte Brown lächelnd wissen.
"Zwei. Bisher." Der junge Mann wandte sich ihm wieder zu.
"Grade mit Kindern ist Sicherheit sehr wichtig." stellte Brown fest.
"Da haben Sie recht, deswegen sind sie nie irgendwo allein, solange wir hier in Kalifornien sind. Zu Hause, auf unserer Farm in Kentucky, können sie auch ohne erwachsenen Anhang herumtoben."
Der junge Mann kreuzte die Arme vor der Brust, und langsam zweifelte Brown daran, dass er an diesen Herrn eine neue Anlage vermitteln konnte.
"Wenn ich das fragen darf, als was arbeiten Sie?" startete er einen letzten Versuch.
"Ich bin in der Musikbranche. Genauer gesagt, ich bin einer der Backstreet Boys."
Jetzt erkannte Brown den jungen Mann auch wieder und wusste, er stand Kevin Richardson gegenüber.
Naja, wenn er nicht über die Kinder an ihn kam, dann vielleicht über seine Frau, an der er ja offensichtlich sehr hing.
"So im Rampenlicht zu stehen, ist bestimmt nicht unproblematisch... Stellen Sie sich vor, jemand entführt Ihre Frau um Lösegeld zu kassieren."
Kevin zog die Brauen hoch. Einen Moment tat er genau das, stellte sich Shannons Entführung vor, und stieß dann zischend die Luft aus. "Also... ganz ehrlich... Diese Entführer tun mir jetzt schon leid..."
Nun war es an Henry Brown, verblüfft die Brauen hochzuziehen.
Kevin lächelte jungenhaft. "Naja, meine Frau... Sagen wir mal, sie verfügt über spezielle Fähigkeiten. Nahkampftechniken unter anderem."
Okay, mit so einer Frau war ein Nahkampf bestimmt keine schlechte Sache... "Also kann ich Ihnen nicht mit einer besseren Sicherheitsanlage weiterhelfen?" wollte Brown wissen.
Kevin schüttelte, immer noch lächelnd, den Kopf. "Ich fürchte nein."
Sehr schade... Brown zückte seine Karte. "Falls das irgendwann anders wird... Sie können mich jederzeit erreichen. Auf Wiedersehen, Mr. Richardson."
"Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag, Mr. Brown."
Unverrichteter Dinge und ein wenig missmutig ging Brown die Auffahrt hinunter und erwartete eigentlich die Haustür zugehen zu hören. Doch das passierte nicht. Er wollte sich aber auch nicht umdrehen um zu sehen, ob Richardson ihm nachsah.
Als Brown das kleine Tor erreichte, stockten seine Schritte. Davor stand ein großer weißer Hund in angespannter Haltung, die Zähne gefletscht und mit einem grollenden Knurren, das aus seiner Kehle drang... Brown schluckte und erwartete halb, dass das riesige Tier jeden Moment auf ihn lossprang.
"Akela! Lass das, der Mann darf gehen!" erschallte Richardsons Stimme vom Haus her.
Der Hund entspannte sich nur unwesentlich und brummelte, doch er ging schließlich zur Seite und lief zum Haus hinauf.
Aufatmend verließ Brown das Grundstück.
Okay... Das war also ein Haus, in das im Grunde jeder, der wollte, hinein kam. Aber beim Verlassen sah das irgendwie ganz anders aus...

 

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