Der Traumfänger

~*~

Damals, als die Weißen das erste Mal die Lakota heimsuchten, lebte ein großer Schamane namens Sahale. Er war ein mächtiger Mann, der starke Zauber wirken konnte. Und als die weißen Männer das Dorf der Lakota überfielen, in dem Sahale mit seiner Familie lebte, und viele Dorfbewohner töteten, unter ihnen auch Chenoa, Sahales ältere Tochter, schwor er ihnen erbitterte Rache.
Er nahm einen Weidenring, den gedrehten Darm eines Pumas, Holzperlen, die er mit dem Blut seiner Tochter rot gefärbt hatte, und Rabenfedern und machte daraus einen Traumfänger, in dessen Netz er einen starken Zauber wob. Jeder Weiße sollte diesen Traumfänger als einen kostbaren Schatz ansehen, wertvoller als Gold und Edelsteine. Die Weißen sollten sich gegenseitig töten, um an dieses Kleinod zu gelangen. Und jeder Weiße, der es einmal berührt hatte, sollte des Nachts von unsäglich qualvollen Träumen heimgesucht werden, für den Rest seines Lebens. So wollte es der große Schamane.
Er schenkte diesen Traumfänger einem Weißen und war sich sicher, dass sie sich in ihrer Habgier gegenseitig zerstören würden.
Doch einige Nächte später erschien ihm seine Tochter Chenoa im Traum.
"Was willst du, Weiße Taube?" fragte er. "Findest du keine Ruhe? Ich bin dabei deinen Tod zu rächen, mein Kind."
"Ach, Vater. Das ist der Grund, warum ich nicht ins Reich unserer Ahnen einziehen kann. Mein Blut klebte an deinem Werk, du hast mich durch deinen Zauber an diese Welt gebunden."
Sahale erschrak.
"Oh, Tochter, das wollte ich nicht. Ich werde den Traumfänger von den weißen Männern zurückholen und zerstören."
"Er hat sein Werk bereits begonnen, Vater. Es mussten bereits Menschen ihr Leben lassen. Und andere leiden unter schrecklichen Träumen. Wie soll ich mit diesem Wissen Ruhe finden?"
"Ich kann keinen Menschen wieder zum Leben erwecken. Aber ich will einen neuen Traumfänger machen, der die Träume wieder beendet."
Das beruhigte den Geist von Weiße Taube und er verschwand.
Sahale nahm, noch in der gleichen Nacht, die Federn und Lederbänder, die Weiße Taubes Hochzeitskleid hätten schmücken sollen und Perlen aus Muschelkalk und machte sich ans Werk.
Am nächsten Morgen, die Vögel waren noch nicht erwacht, wollte er aus dem Lager der übriggebliebenen Lakota schleichen. Aber dann bemerkte er, dass Ewiges Blühen, seine jüngere Tochter, ihm folgte. Sie ließ sich nicht zurückschicken, sondern blieb beharrlich, bis ihr Vater ihr von den beiden Traumfängern erzählte.
"Vater." sagte sie daraufhin. "Du bist kein junger Mann mehr. Ich werde für dich diese Aufgabe übernehmen und Chenoas Geist Frieden schenken."
Nichts konnte das Mädchen davon abbringen, also willigte Sahale schließlich ein.
Ewiges Blühen begann der Spur des Traumfängers zu folgen und heilte auf ihrem Weg die weißen Männer von ihren bösen Träumen.
So zog sie durch das Land, doch es gelang ihr nicht den 'Fänger der bösen Träume' zu zerstören...


"Und hier haben wir ein ganz besonderes Prachtstück..."
"Mann, Kev, wenn du mich nochmal auf eine Versteigerung mitschleppst, dann wenigstens auf eine wo Comicbücher angeboten werden..."
"Nick, ich dachte es könnte nicht schaden, wenn du deinen Horizont ein wenig erweiterst. Und jetzt hör auf zu maulen."
"...ist wirklich äußerst interessant. Das Mindestgebot liegt bei zehntausend Dollar."
"Warum bieten die zehntausend für eine blaubemalte Vase? Ist da tausend Jahre altes Popcorn drin, oder so?"
Kevin schlug die Hände vors Gesicht.
"Wenn du grade zugehört hättest, Kleiner, hättest du gehört dass die Vase aus der Ming-Dynastie stammt. Die ist über eine halbe Millionen wert..." klang es dumpf hinter ihnen hervor.
"Häh? Eine halbe Million? Da kaufe ich mir doch lieber was vernünftiges dafür! Stell dir vor die fällt mir mal runter... Und hübsch ist sie auch nicht grade..."
Von Kevin hörte man nur noch ein gepresstes Stöhnen.
"...und zum Dritten. Verkauft an Herrn Toshiba, für eine halbe Million." Der Auktionator deutete eine Verbeugung in Richtung des japanischen Herrn an.
"Und damit kommen wir zu einem Kunstgegenstand der amerikanischen Ureinwohner. Einem sogenannten Traumfänger. So ein Objekt soll angeblich böse Träume von einem Schläfer fernhalten. Das Mindestgebot beträgt dreißigtausend Dollar."
"WAS? DR..."
Blitzschnell presste Kevin seinem Freund die Hand auf den Mund und lächelte entschuldigend die Leute in den vorderen Reihen an, die sich konsterniert zu ihnen umgedreht hatten.
"Verdammt noch mal, Nick! Dich kann man echt nirgendwo mit hinnehmen!" zischte er dem Jüngeren dann zu.
"Aber er sagte dreißigtausend! Für einen Dreamcatcher! Die gibt es bei uns im Supermarkt für dreizehn Dollar!"
"Da haben wir das Prachtstück." sagte der Auktionator grade. Automatisch sahen Kevin und Nick nach vorn und sogen gemeinschaftlich scharf die Luft ein.
"Am liebsten würde ich es selbst ersteigern..." scherzte der Versteigerer. Aber wenn man genau hinsah, konnte man die Gier in seinen Augen aufblitzen sehen.
"Es wurde erst vor kurzem auf dem Dachboden einer leerstehenden Villa gefunden. Die Untersuchungen ergaben, dass der Traumfänger bereits über einhundert Jahre alt sein muss. Er ist gut erhalten, fast wie neu. Die Bespannung besteht aus dem Darm einer Raubkatze, die Federn sind die eines Raben. Die Holzperlen wurden mit Blut gefärbt. Es ist ein einzigartiges Stück..." Seine Finger glitten über die schwarzglänzenden Federn.
"Ich biete fünfzigtausend!"
Kevin fuhr zu Nick herum und starrte ihn entgeistert an.
"Sag mal, was machst du da?!"
"Ich will ihn haben!"
Der Auktionator wirkte wie aus einem Traum gerissen, als er schließlich doch Nicks Angebot registrierte.
"Hunderttausend!"
"Hundertzwanzigtausend!!"
"Zweihunderttausend!!!"
Plötzlich riefen alle anwesenden Bieter Zahlen durcheinander. Kevin sah sich erschreckt um. Die Leute sprangen auf und warfen sich gegenseitig Schimpfworte an den Kopf. Die waren drauf und dran sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen!
Im letzten Moment konnte ein scheinbar indianisch-stämmiger Wachmann den Traumfänger vor zwei streitenden Bietern außer Sichtweite in Sicherheit bringen.
Die Menge beruhigte sich langsam, die Stimmen wurden leiser. Doch Nick hatte sich grade erst aufgewärmt.
"Ich biete fünfhunderttausend Dollar!"
Alle sahen ihn irritiert an, als könnte sich keiner von ihnen erklären, warum er diese horrende Summe für ein bisschen Holz, Darm und Federn ausgab. Aber der Auktionator war wieder aufgewacht und rief: "Verkauft!"
Kurze Zeit später verließen Nick und Kevin gemeinsam das Auktionshaus. Ersterer mit zufriedenem Grinsen, letzterer mit verständnislosem Blick. Hin und wieder sah Kevin auf den flachen Holzkasten, der den teuer bezahlten Traumfänger enthielt. Gut, dass Nick genügend Geld hatte...
"Hey! Wo guckst du hin!" fuhr Nick ihn plötzlich an.
"Hey, ganz ruhig, Mann! Ich will nur sichergehen, dass wir ihn nicht unterwegs verlieren!"
Nick beäugte Kevin einen Moment misstrauisch, doch dann gab er sich damit zufrieden.
Kevin schüttelte den Kopf über Nicks Reaktion. Und doch... er hätte den Traumfänger gern mal berührt...

Dichte Nebelschwaden zogen über die Ebene, auf der Nick stand. Es war fast völlig dunkel. Kein Laut drang durch den Nebel. Er war allein...
"Hallo? Hört mich jemand?"
Keine Antwort...
"Jungs? Mom? Dad?"
Nichts...
"Jungs, das ist nicht lustig!" Nick begann zu rennen.
"Hört mich keiner? Bitte! Irgendwer muss mich doch hören!"
Aber da war niemand, der antworten konnte. Er war allein...
"HIIIIIIIILFEEEEEEEEE!"

"Nick! Nickolas, wach auf!"
Nick schreckte hoch und fand sich in seinem Bett wieder. Kevin saß neben ihm auf der Bettkante.
"Alles okay. Das war nur ein Albtraum. Atme tief durch."
Nick tat es und ließ sich erleichtert zurücksinken.
"Oh, Mann... Was für ein Horror. Man hatte mich allein irgendwo im Nichts ausgesetzt..."
"Ich gebe ja zu, dass wir da öfter drüber nachdenken... So wie du grade geschrieen hast, musst du panische Angst gehabt haben."
"Hatte ich auch. Ich war allein in der Dunkelheit... Das ist, als würdest du Brian außen an der Tragfläche eines Flugzeugs festbinden und starten. Gott, ich hatte eine Angst..."
"Es war nur ein Traum. Hey, warum benutzt du nicht den Traumfänger? Das soll doch helfen?"
"Spinnst du? Etwas so wundervolles benutzt man nicht! Das ist nur zum Ansehen."
"Aha. Na dann. Versuch weiterzuschlafen, Nick. Ich bin drüben im Gästezimmer, wenn was ist." Kevin ging und ließ die Türen ein Stück auf, für alle Fälle.
Kaum dass er gegangen war, holte Nick unter seinem Bett den Holzkasten mit dem Traumfänger hervor. Mit einem seligen Lächeln öffnete er ihn und strich zärtlich mit den Fingern über die glänzenden Rabenfedern.
Als er wieder einschlief, hielt er den Traumfänger fest umklammert.

"Sag mal, Nick, wirst du ihn heute noch loslassen? Zum Essen zum Beispiel? Oder wenn du mal musst?" zog Kevin seinen Freund auf, als der auch endlich zum Frühstück kam, den Traumfänger noch immer im Arm.
"Ach sei ruhig. Du hast ja keine Ahnung."
"Wovon habe ich keine Ahnung?"
"Der ist wertvoll, Kevin! Ich sollte einen Tresor einbauen..."
"Einen was? Ja, das ist eine tolle Idee!" Kevin brach in Gelächter aus.
"Du kannst es scheinbar nicht spüren, was?"
"Was spüren?"
"Dass er wertvoll ist, natürlich."
"Tut mir leid. Ich habe wirklich nicht das Gefühl, dass er eine halbe Million Dollar wert ist. Aber wenn du es hast..." Kevin zuckte mit den Schultern.
"Hier, fass ihn mal an. Dann merkst du es vielleicht." Nick hielt Kevin den Traumfänger hin, zog ihn jedoch blitzschnell zurück, als Kevin die Hand danach ausstreckte. "Ich kann dir doch vertrauen, oder?"
"Na, jetzt hör aber auf, Nick!"
Zögernd reichte Nick Kevin das Objekt.
In dem Moment, in dem Kevin es berührte, begannen seine Fingerspitzen zu kribbeln. Stirnrunzelnd sah er sich seine Hände an, doch es war nichts zu sehen und das Prickeln hatte aufgehört. Mit einem Schulterzucken tat Kevin es als Irrtum ab. Er besah sich den Traumfänger genau. In das Netz waren Perlen eingearbeitet, die eine rotbraune Färbung aufwiesen. Das musste wohl das Blut sein, das der Auktionator gemeint hatte. Die Federn glänzten wie neu.
"Er ist hübsch." meinte Kevin beifällig, wodurch er sich einen bösen Blick seines Freundes einfing.
"Du würdest ihn also nicht haben wollen?" fragte Nick lauernd.
"Nein, nicht unbedingt. Ich habe schon schönere gesehen. Und im Übrigen bräuchte ich wohl nur einen meiner indianischen Großcousins bitten und bekäme einen in meiner Lieblingsfarbe."
"Pft!" machte Nick und nahm ihn Kevin aus der Hand.
"Du solltest dich lieber beeilen, Nick. Wir haben noch viel vor, heute." erinnerte Kevin.
Nick zog eine Grimasse und begann zu essen, während Kevin in der Zeitung blätterte.
"Hey, ich glaube, wir sollten uns mal von einem Arzt durchchecken lassen. Der Auktionator von gestern wurde heute Nacht ins Krankenhaus eingeliefert. Sie wissen noch nicht was er hat. Aber er soll ähnliche Symptome haben wie der Sachverständige, der die Objekte schätzt und ein Mann aus Miami, der zur Versteigerung herkam..."
"Ach was. Mir geht's gut." erklärte Nick unwirsch, während er unbemerkt den Traumfänger liebkoste, den er auf dem Schoß hielt.
Als sie einige Zeit später das Haus verließen, stand in einiger Entfernung eine junge dunkelhaarige Frau in Jeans und T-Shirt, die sie beobachtete.
"Guck mal, Nick. Da hat schon wieder ein Fan dein Zuhause gefunden."
Nick warf der jungen Frau einen misstrauischen Blick zu.
"Nicht, dass sie einbricht und was klaut, wenn ich nicht da bin..."
"Ach komm. Nicht jeder Fan ist so wie der, der AJ den Schmuck geklaut hat."
Trotzdem lief Nick noch einmal zurück und kam mit einem kleinen Koffer wieder.
"Was hast du denn da drin? Deine Videospiele? Oder deine liebsten Beanie-Babies?"
"Weder noch. Los, sonst kommen wir zu spät."

Als die Beiden, Stunden später, zurückkamen und aus dem Wagen stiegen, vertrat dieselbe junge Frau ihnen den Weg. Aus der Nähe besehen hatte sie eindeutig indianische Züge.
"Bitte, ich muss mit Ihnen sprechen."
"Worum geht es denn?" fragte Kevin freundlich.
"Mein Name ist Aiyana. Ich bin von Stamm der Lakota. Mein Stamm hat als erster Traumfänger gebaut und wir haben Grund zu der Annahme, dass Sie..." Sie deutete auf Nick. "...gestern ein besonderes Exemplar gekauft haben. Ich würde gern mit Ihnen über einen möglichen Verkauf reden." "Das ist aber Pech. Ich verkaufe ihn nicht." versetzte Nick.
"Bitte, Sie sollten sich das noch einmal überlegen. Dieser Traumfänger ist bei meinem Volk als der 'Fänger der bösen Träume' bekannt. Er bringt Unglück über seine Besitzer. Der Letzte lebte in einer Gründerzeit-Villa in Miami. Er hatte alles verloren, bis auf sein verfallenes Haus. Es heißt, der Traumfänger hätte ihm den Verstand geraubt. Er starb allein und seine Leiche wurde erst nach Jahren in seinem Haus gefunden..."
"Hören Sie, junge Frau. Sie können mir noch so schreckliche Schauergeschichten erzählen, ich verkaufe nicht. Schönen Tag noch." Damit stürmte Nick ins Haus.
Kevin sah die junge Frau bedauernd an. "Tut mir leid. Wenn er sich mal etwas in den Kopf gesetzt hat, dann ist er nicht mehr davon wegzubekommen."
Er wollte sich abwenden und Nick folgen, doch Aiyana hielt ihn zurück.
"Hören Sie. Sie scheint der Traumfänger nicht in seiner Gewalt zu haben. Wenn Ihnen das Leben ihres Freundes lieb ist, dann nehmen Sie ihm den Fänger weg und verbrennen ihn."
Kevin schüttelte den Kopf.
"Das kann ich nicht tun. Er mag das Ding. Vielleicht hat er endlich Zugang zu seinen indianischen Wurzeln gefunden, oder so. Ich werde ihm nicht wehtun, indem ich ihm etwas nehme, an dem er hängt. Noch einen schönen Tag, Miss."
"Ich hoffe, dass Ihrer ebenfalls schön bleibt, weißer Mann."
Als Kevin sich zu ihr umdrehte, um darauf zu antworten, war die Frau verschwunden.

Es war ein strahlender Sommertag im Park. Das Sonnenlicht bildete ein Mosaikmuster auf dem Boden unter den Bäumen, wo Ann Richardson mit der Vorbereitung für das Picknick beschäftigt war. Kevin spielte mit seinem Vater und seinen älteren Brüdern Baseball. Hin und wieder winkten sie der Mutter zu.
Plötzlich zogen dunkle Wolken auf. Ein heftiger Sturmwind peitschte über den Platz. Kevins Brüder liefen davon und suchten Schutz unter einem Baum. Kevin wollte sie warnen, denn dieser Ort war nicht sicher bei einem Gewitter, doch er bekam keinen Laut heraus.
Grelle Blitze zuckten über den Himmel. Und einer von ihnen schlug in den Baum, unter dem Jerald jr. und Tim standen. Sie wurden in helles Licht getaucht, dann lagen nur noch ihre qualmenden Leichen da.
Kevin suchte seine Mutter und entdeckte entsetzt, dass der Baum, unter dem das Picknick hatte stattfinden sollen, auf sie gestürzt war. Seine Mutter war nicht mehr am Leben.
Kevin rannte los, um seinen Vater zu finden. Er sah schon von Weitem das Krankenbett mitten auf der sturmgepeitschten Wiese stehen. Zögernd näherte er sich. Sein Vater sah ihm entgegen.
"Sieh mal, Junge, was die Ärzte gefunden haben..." Mit diesen Worten schlug Jerald Richardson die Decke zurück und gab den Blick auf ein riesiges nässendes schwarzes Geschwür frei, dass auf seinem Bauch wucherte.
"Sie sagen, du hast auch eins..." sagte Jerald Richardson, dann fiel er ins Kissen zurück und war tot.
Entsetzt wich Kevin von dem Bett zurück. Dann begriff er, was sein Vater gesagt hatte und sah an sich herunter. Sein T-Shirt hatte am Bauch einen nassen schwarzen Fleck, der sich weiter ausbreitete.
Kevin riss sein Shirt aus der Hose. Auf seinem Bauch wucherte dasselbe Krebsgeschwür, wie bei seinem Vater...

Kevin erwachte von seinem eigenen Schrei. Er brauchte eine Weile, um sich wieder zurechtzufinden.
Nebenan stöhnte Nick leise und rief nach seiner Mutter. Mit zitternden Knien stand Kevin auf und ging rüber.
Nick hielt den Traumfänger an seine Brust gedrückt und wälzte sich unruhig hin und her.
"Nick, wach auf. Du hast einen Albtraum."
Nick fuhr hoch und hielt den Traumfänger wie ein Schutzschild vor sich. Als er Kevin erkannte, atmete er auf und ließ zu, dass sein Freund ihm das Objekt abnahm und auf den Nachttisch legte. Das leichte Brennen an seinen Fingern schrieb Kevin dabei den Nachwirkungen seines Traums zu.
"Es war wieder derselbe Traum..." flüsterte Nick gehetzt.
"Soviel zur Wirksamkeit von Dreamcatchern." antwortete Kevin.
"Hab ich wieder geschrieen? Hab ich dich geweckt?"
"Nein, diesmal hatte ich selbst auch einen Albtraum. Ich werde versuchen noch eine Mütze voll Schlaf zu nehmen." Kevin drehte sich zur Tür um und konnte sich grade noch am Rahmen festhalten um nicht zu stürzen.
"Kev, was hast du?" fragte Nick alarmiert.
"Nichts, mir ist nur ein bisschen schwindelig." beschwichtigte Kevin.
Nick schwang sich aus dem Bett und kam zu ihm herüber.
"Du siehst gar nicht gut aus, Alter." Er legte Kevin die Hand auf die Stirn und verzog besorgt das Gesicht. "Du hast Fieber. Komm, ich bring dich zurück in dein Zimmer. Und wenn es dir morgen nicht besser geht, lass ich einen Arzt kommen."
"Ach, das wird schon." Ächzend legte sich Kevin wieder in sein Bett und ließ grinsend zu, dass der Jüngere ihn zudeckte wie eine besorgte Glucke.

Als Kevin am nächsten Morgen erwachte, fühlte er sich völlig zerschlagen. Seine Augenlider waren so schwer, dass er sie kaum öffnen konnte. Ein Blick auf den Wecker bestätigte ihm, dass es bereits sehr spät war. Er quälte sich aus dem Bett, was er mit einem neuen Schwindelanfall bezahlte. Kurz schloss er die Augen, um sich zu sammeln.
Was war das? Bilder flackerten vor seinem geistigen Auge auf, als würden sie mit einem alten Kinoprojektor dorthin projiziert. Sie zogen ihn mit aller Macht an. Plötzlich wünschte er sich nichts sehnlicher, als zu schlafen. Aber eine kleine Stimme warnte ihn davor, diesem Drang nachzugeben. Also riss er die Augen auf, stieß sich vom Bett ab und tastete sich die Wand entlang nach unten, in die Küche.
So lang war ihm der Weg noch nie vorgekommen. Immer wieder lockten ihn die Bilder zurück in den Schlaf und immer wieder zwang er sich dazu, die Augen offen zu halten.
Als er endlich die Küche erreichte, war er am Ende seiner Kraft. Er hatte den Verlockungen des Schlafes kaum noch etwas entgegenzusetzen.
"Kev! Um Himmels Willen!" Nick war mit einem Satz bei ihm und stützte ihn. "Mein Gott! Du glühst ja förmlich!"
"Aber mir ist kalt..." erklärte Kevin mit leichtem Zähneklappern. Dann gaben seine Knie endgültig nach und Nick musste ihn aufrecht halten. Er lehnte Kevin an die nächste Wand und ließ ihn dann langsam daran herunter in eine sitzende Position rutschen.
"Warte hier." beschwor Nick ihn unsinnigerweise. "Ich rufe einen Krankenwagen."
Kevin hörte Nicks Worte kaum noch. Ein Schleier hatte sich über seine Wahrnehmung gelegt, den er nicht mehr zu lüften vermochte. Der Kampf gegen den Schlaf schien plötzlich unsinnig, also gab Kevin ihn auf. Sein Bewusstsein glitt in eine bleierne Empfindungslosigkeit hinüber, während sein Körper zu Boden sank.
Als Nick zurückkam, brachte keine seiner Anstrengungen seinen Freund dazu, wieder aufzuwachen...

Bilder eines furchtbaren Gemetzels zogen immer und immer wieder an Kevin vorbei. Mal war er einer der Indianer, der zusehen musste wie seine Frau vergewaltigt und erschlagen wurde, und mal ein Weißer, der im Blutrausch auf kleine Kinder einstach. Seine Seele schrie vor Qual, aber es hörte nicht auf. Er durchlebte es immer und immer wieder, bis er selbst nicht mehr wusste was wirklich war und was Traum. Was sein Selbst war und was Täter oder Opfer. Als er an diesem Punkt angelangt war, hörte das Blutbad auf. An seinen Händen klebte das Blut eines indianischen Mädchens, das er grade vergewaltigt und erschossen hatte. Und es hatte ihm Spaß gemacht, es dieser kleinen Rothaut so richtig zu geben. Sie war hübsch gewesen und hatte ein schneeweißes Kleid getragen, das jetzt rot war von ihrem Blut.
Dann sah er plötzlich ihn. Es war wohl einige Tage später, und ein Mann mit einem Fuhrwerk, der ihn mitgenommen hatte, hatte ihn kurz hochgehalten. Er hatte keine Ahnung, was das für ein Ding war, aber er musste es unbedingt haben... Also sprang er den Mann von hinten an und zog ihm sein Messer über den Hals. Dann flüchtete er mit seiner Beute, einem Kreis mit einem Spinnennetz darin, das schönste Etwas das er je gesehen hatte.
Einige Wochen lang verteidigte er seinen Schatz gegen Männer, die genauso habgierig waren wie er selbst. Dann kam ein junges indianisches Mädchen zu ihm, das den Spinnenkreis haben wollte. Sie wehrte sich heftig gegen ihn, als er ihr das Kleid hochschob. Aber das half ihr genauso wenig wie ihr Schreien... Als er mit ihr fertig war, erwürgte er sie, um sie endlich zum Schweigen zu bringen.
Der Teil von Kevin, der noch er selbst war, hätte alles getan, um das zu verhindern. Aber er hatte nicht die Kraft dazu...


Nick stand am Krankenbett seines Freundes, auf der Intensivstation. Die Sonne war draußen inzwischen wieder untergegangen, doch Kevins Zustand blieb weiter kritisch. Nick hatte es bisher nicht gewagt Kevins Familie oder die anderen Jungs anzurufen. Ängstlich lauschte er auf jeden unregelmäßigen Atemzug, der durch die Sauerstoffmaske drang.
Die Ärzte hatten keine Ahnung, was Kevin fehlte. Sie wussten nur, dass er der vierte Fall dieser Art war und dass es ihn am schwersten erwischt hatte. Sie brachten das Fieber nicht dazu herunterzugehen.
Nick starrte voller Furcht in Kevins schmerzverzerrtes Gesicht. Trotz seines hohen Fiebers war er leichenblass, seine Hände eiskalt. Nervös fingerte Nick an dem Koffer herum, in dem er den Dreamcatcher mit sich herumschleppte. Dann legte er ihn auf dem Bett ab, öffnete ihn und nahm den Traumfänger heraus. Zärtlich glitten seine Finger über den Rahmen.
"Weißt du, Kev, er gehört ja mir. Aber ich leihe ihn dir, damit du gut schlafen kannst." Er hängte ihn über Kevins Kopf an eine Lampe.
Plötzlich gab ein Gerät neben dem Bett einen Warnton von sich. Erschreckt sah Nick auf. Die Herzlinie auf dem Monitor zeigte erste Unregelmäßigkeiten.
"Willst du deinen Freund retten?"
Nick fuhr herum. Vor ihm stand die junge Indianerin, die ihn ernst ansah.
"Willst du, dass er am Leben bleibt?"
"Ja! Ja, das will ich!"
"Dann nimm den Traumfänger ab."
Nick gehorchte mit zitternden Händen und hielt überrascht inne, als er sah dass sich die Linie auf dem Monitor wieder normalisierte.
"Was zur Hölle..."
"Es ist der 'Fänger der bösen Träume'. Was ich über den Mann in Miami erzählte, der den Verstand verlor, ist wahr. Der Traumfänger wurde auf seinem Dachboden gefunden und auf der Auktion versteigert. Und jeder, der den Traumfänger berührt hat, leidet unter Albträumen. Träumen so schlimm, dass sie Körper und Seele vergiften."
"Aber ich bin nicht krank."
"Nein. Aber du würdest für den Besitz des Traumfängers alles geben. Du würdest sogar Menschenleben dafür opfern."
"Das ist nicht wahr!"
"Doch, das ist es. Aber es liegt nicht an dir, sondern an dem Zauber, den der Schamane Sahale in das Netz des Traumfängers webte, um sich an den Weißen für den Tod seiner Tochter Weiße Taube zu rächen."
Nick sah zweifelnd auf seinen Schatz hinunter.
"Also ist er an allem schuld... Daran das Kevin krank ist..."
"Ja, das ist er. Aber du könntest dafür sorgen, dass dein Freund gesund wird und so etwas nie wieder geschieht."
Nick blickte verblüfft auf.
"Ich? Wie?"
"Indem du ihn zerstörst."
"Was?! Das kann ich nicht!"
"Dann kann ich nichts mehr für deinen Freund tun. Noch nie wurde jemand durch den Fänger so krank wie er. Ich nehme an, das liegt an der Mischung des Blutes in seinen Adern. Er ist zugleich Weißer und Indianer. Von welchem Stamm stammt er ab?"
"Cheyenne. Sein Urgroßvater soll ein Medizinmann gewesen sein."
"Dann sieht er deshalb mehr als andere in seinen Träumen. Die Sehergabe des Schamanen steckt in ihm. Aber auch du hast Indianerblut, nicht wahr?"
"Ja. Die Großmutter meines Vaters war eine Siksika, eine Blackfeet-Indianerin."
"Dann ist das der Grund, weshalb du zulassen kannst, dass andere in die Nähe des Fängers kommen. Der Zauber wirkt nicht in dem Maße, als hättest du nur weißes Blut in dir."
"Dann ist Kevins Indianerblut dafür verantwortlich, dass er den Traumfänger nicht haben will?"
"Ja, genauso ist es."
"Wenn du soviel darüber weißt... Du hast ein Gegenmittel, nicht wahr? Du kannst Kevin helfen?"
"Ich habe das hier..." Sie holte einen kleinen Traumfänger mit weißen Perlen und grünen und braunen Federn aus einem Beutel an ihrem Gürtel und hängte ihn über Kevins Bett. Langsam entspannten sich die Gesichtszüge des Kranken etwas.
"Bei den Anderen half er sofort und sie waren nach wenigen Minuten gesund. Sieh dir aber deinen Freund an. Was wirst du jetzt tun?"
Nick beobachtete Kevin. Er hoffte auf eine weitere Besserung, doch sie blieb aus. Sein Blick wanderte zu dem Traumfänger, den er jetzt voller Verachtung anstarrte.
"Was immer du wert bist... wie viel auch jemals für dich geboten wurde, oder jemals geboten werden wird, du bist mir nicht halb soviel wert wie Kevins Leben!" Er packte den Fänger mit beiden Händen und brach ihn auseinander. Dann warf er die Bruchstücke in den Papierkorb, fischte ein Feuerzeug aus seiner Hosentasche und zündete sie an. Sie verbrannten zischend und mit blauer Flamme, als hätte jemand Alkohol darüber ausgegossen. Nick starrte auf die Überreste, bis nur noch Asche übrig war, dann trat er zu Kevin ans Bett und nahm dessen Hand.
Die junge Frau ging auf die andere Bettseite und nahm die Andere.
Nick musterte Kevins Gesicht, dessen Züge jetzt friedlich waren und Farbe bekamen. Die Hand, die Nick hielt, wurde allmählich warm. Sacht berührte Nick Kevins Stirn und stellte erleichtert fest, dass das Fieber zurückging. Die Atmung war wieder tief und regelmäßig.
"Ich sollte viel öfter Traumfänger verbrennen, wenn das bei Kranken solche Auswirkungen hat." grinste Nick.
Die Indianerin lächelte zurück. "Wenn das nur immer helfen würde, Ahanu."
"Was heißt Ahanu?"
"Er, der lacht. Das ist ein Name der Algonquin, zu denen auch die Siksika gehören. Er passt zu dir."
Kevin seufzte leise und schlug die Augen auf. Er wirkte erschöpft und verwirrt, aber nicht länger krank. Benommen sah er zu Nick auf, der ihn strahlend anlächelte, dann wandte er der jungen Frau den Blick zu und erstarrte. Mit zitternden Fingern zog er die Sauerstoffmaske herunter.
"Ich kenne dich! Du warst in meinem Traum! Und ich... ich habe..." Eine Träne rann über seine Wange und versickerte im Kissen.
"Nein, nicht du. Das warst nicht du, Kuckunniwi, kleiner Wolf. Das war ein Anderer. Du hattest nur einen bösen Traum."
"Wer bist du?"
"Mein Name ist Aiyana, Ewiges Blühen. Ich habe heute endlich mein Ziel erreicht und meine Schwester befreit, die durch ihr Blut, an den Perlen des 'Fängers der bösen Träume', an diese Welt gebunden war. Jetzt ist sie frei, und ich mit ihr. Lebt wohl, ihr zwei. Und möge der große Geist immer über euch wachen."
Mit diesen Worten verschwand Aiyana, vor ihren Augen. Zurück blieb nur ein kleiner Traumfänger, mit Perlen aus Muschelkalk und Federn in grün und braun. Ein Traumfänger, der nur gute Träume hindurchließ und die Schlechten einfing, damit die ersten Strahlen der Morgensonne sie auseinander treiben konnten...



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