Die Star-Falle

Der Raum wölbte sich hoch über ihm. Blicklose, gesichtslose Steinstatuen schliefen ihren ewigen Schlaf entlang der Wände, hielten müßig Schwerter und Speere, nutzlos, zerbrochen.
Fackeln bissen rußend in die Luft, schwärzten das Gemäuer. Irgendwann würde der schwarze Belag die letzten, bunt angehauchten Reste der Wandmalereien zugewachsen haben.
Ein trostloser Ort, noch mehr dadurch, dass in guten Zeiten viele hier Trost gefunden haben mussten.
Das Portal öffnete sich, laut quietschend, und spuckte einen Mann in den Innenraum. Kevin schenkte ihm keine große Aufmerksamkeit. Jedes bisschen davon war mehr, als der Kerl verdiente. Außerdem hatte er schon genug davon genossen, sein entstelltes Gesicht zeugte davon. Wie zwei kleine Bäume sprossen die Narben über die Haut seiner Wangen, eine Verästelung nach unten, als Stamm, drei strahlenförmig nach oben, wie Zweige die sich der Sonne entgegenrecken. Steinadler hatten scharfe Krallen, und Kevin hatte, damals wie heute, keine Bedenken alle zur Verfügung stehenden Waffen gegen den Mann einzusetzen, der der OCRSI entflohen war, um sich an ihm und seiner Familie zu rächen.
Narbengesicht schritt den Gang herunter, hielt sich dabei strikt mittig, obwohl keine Kirchbänke mehr rechts und links von ihm auf fromme Besucher warteten. Er grinste höhnisch, doch Kevin sah den Tauben, oben unter dem Dach, bei der Balz zu und war zu beschäftigt um das zu bemerken. Als Narbengesicht das endlich auch auffiel, verzog sich seine Mine grimmig.
"Dir werde ich deine Arroganz schon noch austreiben!" zischte er. Das hohle Echo verlieh seinen Worten Nachdruck.
Kevins Augen blieben nun doch an ihm hängen. "Oh... Schon zurück? Ich hoffe, du hast meinen Cheeseburger dabei, ich hab Hunger."
Narbengesicht wurde rot im Gesicht, nur die Narben blieben blass. "Du kannst mich mal! Als würde ich dir was zu essen holen! Vielleicht hast du noch nicht kapiert was hier vorgeht, aber ich werds dir verraten! Du bist DRAN, Popsänger! Da kann nicht mal dein süßes Frauchen was dran ändern! Aber ich werde natürlich hier auf sie warten und sie... trösten..." Er grinste süffisant.
"Und mich zusehen lassen, oder lieber vorher um die Ecke bringen?" Kevin legte fragend den Kopf schief.
"DAS überlege ich mir noch..." Narbengesicht lachte hämisch. "Vielleicht nehme ich am besten den Mittelweg... Ich schneide dir ein paar Löcher ins Fleisch, und sie schaut zu wie du verblutest, während ich es ihr mal ordentlich besorge."
Kevins Antwort darauf war ein belustigtes Schnauben. "Der Einzige, der hier bluten wird, bist du. Sie wird dich in kleine Streifen schneiden und an ihren Wolf verfüttern."
Narbengesicht setzte sich in den Sessel, den irgendjemand hier rein geschleppt hatte, und sah zu Kevin auf. "Noch etwas, das dein kleines Pop-Hirn noch nicht mitbekommen hat, Richardson... Kein Wunder, bei den Drogen die du im Lauf deines Lebens schon konsumiert haben musst... Derjenige, der hier ans Kreuz genagelt hängt, bist... DU..."
Okay, da war vielleicht etwas dran, das musste Kevin zugeben. Er war es, der auf dem Altarstein stand, die Arme ausgebreitet wie Jesus Christus. Aber 'genagelt' stimmte schon mal gar nicht. Er war eindeutig mit Stricken am Kreuz festgebunden.
"Ich mag vielleicht hier oben rumstehen wie bestellt und nicht abgeholt, aber dafür sehe ich von hier aus gut, wenn Shannon dir deinen Arsch aufreißt." erwiderte er gleichmütig.
"Du bist doch echt nicht ganz dicht... Hast du immer noch nicht kapiert, dass sie sogar hierher kommen SOLL? Dass du der Lockvogel für sie bist?" Narbengesicht schüttelte resigniert den Kopf. "Also noch mal zum Mitschreiben, für zurückgebliebene Popstars. Ich habe DICH niedergeschlagen und entführt, damit DEINE FRAU dich auspendelt und dir hierher folgt."
Stimmte soweit, ja, das musste man schon sagen. Kevin spürte ganz deutlich wo das getrocknete Blut an seiner Schläfe herunter gelaufen war. Es spannte unangenehm, und Kevin schien es bei jeder schnellen Bewegung, als würde der Schlag noch in seinem Kopf nachhallen. Auch dass Shannon ihn orten und ihm folgen würde, war sicher.
"Und weil deine süße kleine Hexe nicht anders kann, als zu versuchen dich zu retten, weil ihr zwei ja ach so verliebt in einander seit...", Narbengesicht grinste süffisant, "wird sie mir direkt in die Arme laufen und genau tun was ich ihr sage. Sogar ihr Wolf wird das. Aus genau zwei Gründen: Zum Einen kann sie ihre verfluchten Hexenkräfte nicht gegen mich einsetzen, weil ich ein Schutzamulett trage, übrigens zufällig deins. Und dazu gehört auch ihre faszinierende Gabe Feuer zu machen, denn..." Narbengesicht deutete mit einer weit ausschweifenden Bewegung um sich.
Kevin konnte nicht anders und folgte dieser Geste mit den Augen. Auf der gesamten Länge des Kirchenschiffes stand Flüssigkeit in kleinen Pfützen. Sie bildete ein unregelmäßiges Oval, von dem aus Strahlen auf den Altar zu führten, direkt auf die Holzberge zu, die rings um Kevin aufgeschichtet waren. Ein beißender Geruch ging von ihnen aus, der Kevins Augen tränen ließ.
Hier war alles mit Benzin getränkt... Der einzige Grund, warum die Fackeln die stechenden Dämpfe nicht entzündeten, war der, dass sie im Durchzug hingen, der durch die zerstörten Fenster ringsum blies. Wenn Shannon auch nur einen einzigen Funken erzeugte, würde in sekundenschnelle alles brennen. Und Kevin mit...
"Und zum Anderen wird das hier dein süßes Frauchen aufhalten." fuhr Narbengesicht unbeirrt fort und hielt ein kleines Kästchen mit einem roten Druckknopf hoch. "Das ist der Funkauslöser einer faszinierenden Apparatur, die ich teuer bezahlt habe – aber das ist mir der heutige Tag wert. Dort oben, wo früher die Orgel thronte, ist eine Armbrust aufgebaut, etwa dreimal so groß wie die, die man mit sich herumtragen kann. Fast ist es schon ein kleines Katapult... Und der eiserne Speer, mit der sie geladen ist, ist direkt auf dein Herz ausgerichtet. Ich habe extra ein paar Schießübungen auf das Kreuz gemacht, bis ich ganz sicher war, dass ich dich genau dort treffe. Es ist zwar schade, dich schnell hinüber auf die andere Seite zu bringen, aber wenn es sein muss..."
Kevin hörte ihm bereits nicht mehr zu, sondern starrte durch ihn hindurch. Narbengesicht erzählte sowieso nichts, das er nicht schon wusste, schließlich hatte er Augen im Kopf. Er wollte also ein Kevin-Schaschlik machen. Und im Grunde war es völlig egal, ob er es tat weil Shannon nicht machte was er wollte, denn es würde so oder so passieren. Es ging ihm ja nicht bloß darum Shan vor Kevins Augen zu vergewaltigen, obwohl ihm das bestimmt einen Mordsspaß machen würde. Nein, Kevin sah das ganz klar, es ging darum sie beide, möglichst langsam und qualvoll, zu töten.
Dem Szenario nach, das Narbengesicht hier aufgebaut hat, ist es am wahrscheinlichsten, dass er zuerst die Vergewaltigung durchführt, bei der es, dank der Vorkehrungen, wahrscheinlich nicht mal Gegenwehr geben würde. Dann will er zusehen, beim unweigerlich folgenden Rettungsversuch. Eine Fackel, aus der Halterung genommen und damit das Benzin in Brand gesetzt, reicht aus, damit die Kirche im Handumdrehen in Flammen steht. Die Stricke wären vielleicht schnell durchschnitten, aber nicht schnell genug, dass nicht bereits der benzintropfende Jeansstoff meiner Hose in Flammen stünde. Und bevor wir vom Altar gesprungen und in Sicherheit wären, würde ein Speer aus der Dunkelheit der Empore hervorschnellen, ausgelöst von Narbengesicht der triumphierend vom sicheren Portal aus zusieht, uns durchbohren und – diesmal tatsächlich – an das Kreuz nageln... Kevin runzelte die Stirn. Gab es noch andere Möglichkeiten? Er glaubte nicht.
Shan, Kleines, was auch immer heute mit uns geschieht... ich liebe dich von ganzem Herzen. Vergiss das nie.
Okay, ja, er hatte Angst. Aber Narbengesicht gegenüber würde er das weder zugeben noch jemals zeigen, den durchbohrte er immer noch mit einem harten Blick aus grünen Augen. Und egal wie cool Narbengesicht tat, Kevin konnte ihn trocken schlucken sehen, und im Fackelschein glänzte der Schweiß auf seiner Stirn.
"Hör auf mich so anzustarren!" fauchte er, was Kevin zum Schmunzeln brachte. Es war nicht mehr als das subtile Hochziehen der Mundwinkel, kaum sichtbar in diesen Lichtverhältnissen.
"Was soll ich denn sonst anstarren? In dieser Kirche gibt es nicht besonders viel zu sehen, oder? Zumindest nicht, bis Shan sich deiner annimmt. Darauf freue ich mich schon richtig."
Narbengesicht sprang wutentbrannt auf. "Hast du mir eigentlich nicht zugehört?!"
Die Tauben flatterten erschreckt vom Deckengebälk auf und suchten sich eilig einen Weg, durch die zerbrochenen Fenster, in die Nacht hinaus. Narbengesichts Blick zuckte nach oben.
"Wieso, hattest du etwa irgendwas spannendes zu erzählen?" fuhr Kevin ihn so scharf an, dass Narbengesicht ihn perplex ansah. "Ich kann mich nur an ein anhaltendes Blablabla erinnern!"
Als Narbengesichts Gesicht puterrot anlief vor Wut, ahnte Kevin, dass er zu weit gegangen war... Das extreme Geltungsbedürfnis seines Gegenüber, was die Ausbreitung seiner Rachepläne betraf, hätte er auf keinen Fall unterschätzen dürfen. Das Einzige, was Narbengesicht daran hinderte zu ihm raufzuklettern und sein wehrloses Opfer zusammenzuschlagen, war sein eigener Plan, für den er auf das Quietschen des Portals wartete, das anzeigte dass Shannon eintrat.
"Bald... sehr bald... bist du dran..." knurrte Narbengesicht Kevin an.
Der zog zur Antwort eine Braue hoch und sah seinen Entführer an. "Sieht aber ganz so aus, als wärst du noch vor mir dran."
Im nächsten Moment fiel eine schwarze Gestalt, lautlos und an einem Seil, wie die Spinne an ihrem Faden, von der Decke und landete dicht neben Narbengesicht. Der fuhr erschreckt herum, doch zu spät, ein Fußtritt kickte ihm den Funksender aus der Hand. Glitzernd beschrieb er einen elliptischen Bogen über den Köpfen der Kontrahenten, doch als Narbengesicht sprang um ihn aufzufangen, schickte ein rechter Haken ihn rückwärts zu Boden. Mit einem dumpfen Laut schlug sein Hinterkopf auf den Steinboden auf, und er selbst im Land der Träume, während der Sieger dieses Zweikampfs den Sender sicher auffing.
"Auaaaaaa!" jammerte Shannon und schüttelte die Rechte. "Verdammter, blöder, schwarzmagischer Arsch, eigentlich wollte ich dir doch viel mehr wehtun als du mir!"
"Hast du dir was getan, Kleines?" fragte Kevin besorgt vom Altar her.
Shannon schnaubte unwillig, "Nein, nur meinem Stolz." Sie trat nach Narbengesicht, was leider nicht den erwünschten Erfolg hatte, da er nicht bei Bewusstsein war, und legte ihm, so brutal es ging, die Handschellen mit Fußketten an. Dann ließ sie ihn, wie ein Paket verschnürt, liegen und strich ihn aus ihrem Gedächtnis, die OCRSI hatte sowieso bereits ein Sonderkommando losgeschickt um den Dreck wegzuräumen. Mit einem kühnen Satz war sie bei Kevin auf dem Altar.
"Hssssss... Oh Baby, und da fragst du mich, ob ich mir was getan habe?" Mitfühlend untersuchte sie zuerst die Platzwunde an Kevins Stirn, mit fest zusammengebissenen Zähnen. Sie hatte ein echtes Problem Wunden zu sehen, die Mitgliedern ihrer Familie zugefügt wurden.
"Das ist nichts, ich hab mir schon schlimmere Blessuren beim Football geholt." wiegelte Kevin ab. Natürlich, er war auch nur ein Mann, und auch in ihm schlummerte irgendwo der kleine Macho, der Blut mit einem Schulterzucken abtat, selbst wenn es wirklich weh tat.
"Das wird sich ein Arzt ansehen." stellte Shannon daher rigoros fest, in einem Tonfall der klarmachte, dass es darüber überhaupt nichts zu diskutieren gab. Dann zückte sie ein Messer aus ihrem Stiefelschaft und schnitt die Stricke durch, die Kevin an dem Kreuz festhielten.
Kevin seufzte erleichtert auf, als sie nicht mehr in seine Arme schnitten, und ließ zu, dass Shannon ihn fachkundig massierte, um den Blutfluss wieder anzuregen. Es stach wie tausend Nadeln, doch Kevin ertrug es klaglos, indem er die Zähne zusammenbiss. Und als er seine brennenden Finger endlich wieder spürte, zog er seine Frau in seine Arme.
Er hatte solche Angst gehabt, um sie und um sich... Genug, dass diese Angst seine Gedanken, Worte und Bilder, nach draußen zu ihr getragen hatte. Eine Fähigkeit zwischen ihnen, von der Narbengesicht nichts wissen konnte.
Kevin war fast das Herz stehen geblieben, als Shannon versehentlich die Tauben hochscheuchte, und Narbengesicht nach oben blickte. Ein Glück nur, dass er Shans Entdeckung hatte abwenden können. Alles stand und fiel mit ihrem Auftritt durch eins der zerstörten Fenster, so dass Narbengesicht sie nicht kommen hörte.
Eine lange Zeit standen sie einfach da, mitten in der Kirche, die ihr Grab hätte werden sollen, und hielten einander fest. Den todbringenden Speer noch immer auf sich gerichtet, jedoch ohne jemanden, der auf sie schießen wollte. Sie fanden Trost bei einander, Wärme und Geborgenheit, und allmählich legte sich die Angst und Aufregung und machte einer vertrauensvollen Ruhe platz.
Kevin war der Erste, der sich wieder bewegte. Er hob den Kopf von Shans Schulter, zog ihr das Band aus dem Haar und ließ es frei über ihre Schultern fallen, um die Finger hindurch gleiten zu lassen.
"Es hat recht gut geklappt, was meinst du?"
Shan sah auf, in seine Augen. "Besonders gut gefallen hat es mir aber nicht. Dich entführen zu lassen, um ihm eine Falle zu stellen... Eine einzige Unwägbarkeit, ein Ausweichplan von ihm, und du hättest sterben können..."
"Bin ich aber nicht." beruhigte Kevin sie. "Nur eine kleine Platzwunde. Ich hab nicht mal eine richtige Gehirnerschütterung."
Shan schnaubte, es klang wie eine Unmutsäußerung Akelas. "Und du glaubst, das beruhigt mich sonderlich?"
"Hey, es war eine einmalige Sache, es wird nicht wieder passieren Kleines. Versprochen." Er gab ihr einen kleinen, intensiven Kuss auf den Mund, nach dem Shan zwar noch grummelte aber schon viel besser drauf war.
"Es sei denn..." schränkte Kevin vage ein.
Shannons Kopf fuhr hoch. "Es sei denn??"
Kevin lächelte spitzbübisch. "Es sei denn, du rettest mich jedes Mal in diesem Outfit, dann überlege ich mir das vielleicht noch mal."
Shan sah an sich herunter, dann ihren Mann an, und zog eine Braue hoch. Das hautenge schwarze Spiderwoman-Outfit machte ihn also an, ja?
"Wenn es dir so gefällt, dann... benutze ich es ab heute als Pyjama."

 

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