St. Mireille (by Angel)

PROLOG

Während ich in einem rasanten Tempo zum Telefon rannte, wäre ich beinahe mal wieder über den Teppich im Flur gestolpert. Das passierte mir öfters. Paris hatte schon ein paar Mal darüber gelacht. "Das kommt davon, dass du so ein Wirbelwind bist", meinte sie dann jedes Mal. Ach ja, Paris! Sie war die allerbeste Freundin, die es nur gab. Ich lächelte. Sie würde gleich ausflippen.
Ich rutschte mit meinen Socken die letzten Meter über den Parkettboden, schnappte mir beim Stoppen das Telefon und wählte hektisch ihre Nummer.
"Paris Laurelle?", hörte ich sie freundlich fragen.
"Hey ich bin's." sagte ich außer Atem.
"London! Hi."
"Du wirst es nicht glauben."
"Wenn du mir nicht sagst, was es ist, kann ich dir nicht sagen, ob ich es dir glauben werde", lachte sie.
Ich verschnaufte erst mal.
"Muss ja was sensationelles sein, wenn du deswegen durchs ganze Haus rennst. Ach ja, bist du dabei wieder halb über den Teppich geflogen?"
Das brachte mich zum Lachen, sie konnte irgendwie immer meine Gedanken lesen. Und mein Kichern war ihre Antwort. Als ich mich wieder beruhigt hatte, sagte ich: "Ich habe den perfekten Ort für unseren Sommerurlaub."
Kurze Zeit war es still. Dann hörte ich Paris' begeisterte Stimme: "Ich komme rüber."

Es kam uns einmal mehr zugute, dass wir nur drei Straßen auseinander wohnten. Eigentlich hatten wir uns vorgenommen, nach dem Abi erst einmal eine USA-Rundreise zu machen. Aber schnell wurde uns klar, dass das mit unserer knappen Kasse nicht zu machen war. So hatten wir schon fast befürchtet, dass der Urlaub ganz ausfallen musste.
Nach gut 5 Minuten hörte ich den Schlüssel an der Haustür. Paris hatte einen Schlüssel von mir, wie ich von ihr. Wir vertrauten uns, und manchmal war es einfach praktischer, als immer klingeln zu müssen.
Ich konnte ihr ansehen, dass sie neugierig war. Also setzten wir uns an den Esszimmertisch, und ich erklärte es ihr.
"Du kennst doch Janice."
"Ja natürlich, die mit dir reiten geht."
"Genau. Ihre Tante hat ein Haus direkt am Meer. Sie will im Sommer mit ihrem Mann eine 5-wöchige Reise durch die USA unternehmen, und sucht jemanden, der ihr Haus beaufsichtigt. Janice meinte, dass sei genau das Richtige für uns. Oh warte! Ich habe ja auch Fotos!"
Bevor Paris irgend etwas sagen konnte, schoss ich die Treppe hoch, holte die Fotos und saß nach ein paar Sekunden wieder neben ihr. Paris betrachtete das Ganze grinsend. Doch als sie die Fotos sah, blieb ihr erst einmal der Mund offen stehen.
Das Haus war nicht sehr groß, aber wunderschön. Ein Rosenbogen säumte die Auffahrt, das romantische Häuschen war geschmackvoll eingerichtet, und die schmale Holztreppe am Ende des kleinen Gartens führte direkt in den Sandstrand hinein. Nicht einmal 50m entfernt begann das Meer. Es war ein Paradies, man konnte die Wellen schon fast hören.
Während sie sich alles ansah, erzählte ich weiter. "Der Ort, in dem das Haus liegt, ist nur ganz klein, mit höchstens 200 Einwohnern. Und die Ecke hier ist sowieso total abgeschieden. Janice meinte, es gäbe nur ein Haus zur Rechten, das leer steht, und der andere Nachbar wäre im Sommer auch weg. Das bedeutet, dass wir vollkommen unsere Ruhe haben, sozusagen am Ende der Welt, nur wir zwei und das Mittelmeer. Das ist doch genau das, was wir wollten, nach all dem Abi-Stress! Miete müssen wir auch nichts bezahlen, nur eben Anfahrt, Essen, und das Haus versorgen."
"Wer ist das?" unterbrach mich Paris. Sie hielt mir ein Foto von einem Golden Retriever hin. "Das ist Valentine. Ihr Hund. Oh, das hätte ich beinahe vergessen. Sie können ihn natürlich nicht mitnehmen, deswegen bleibt er bei uns. Ist er nicht süß?"
Paris lächelte. Sie liebte Hunde genauso wie ich. Nachdem sie alle Fotos gesehen hatte, sah sie mich an. Sie war begeistert, wie ich es erwartet hatte.
"Und wie heißt der Ort?", fragte sie.
"St. Mireille", antwortete ich.
Sie seufzte. "Ich wusste ja, dass wir in Frankreich landen würden, wenn du es aussuchst, London."
Ich lächelte verlegen. "Na ja..."
"Es klingt wirklich traumhaft schön", gab Paris zu.
"Mir war klar, dass es dir genauso gefallen würde wie mir. Also kann ich zusagen?"
Paris und ich lächelten uns an. Unsere Augen strahlten gleichermaßen. Das würden unsere Traumferien werden.
"Aber sicher. Wann geht's los?"


KAPITEL 1

Ich telefonierte noch öfters mit Janices Tante namens Océane. Wir hatten uns auf Vornamen geeinigt. So erklärte sie mir alles wichtige, das Haus und den Garten betreffend, und natürlich über Valentine. Ich freute mich schon, den süßen Hund zu betreuen, er war sehr folgsam und gut erzogen, versicherte mir Océane.
Anfang August ging es dann auch endlich los. Wir würden 3 Wochen im August und die ersten beiden Septemberwochen bleiben. Ich war schon morgens total aufgedreht, und Paris erging es nicht anders. Schon ganz früh hievten wir unsere Koffer in Paris' Auto, mit dem wir den Weg zurücklegen wollten.
Ich erinnerte mich noch, wie wir erst am Tag zuvor zwei Stunden lang zusammen per Telefon gepackt hatten. Es war das Chaos pur, aber durch mein Organisationstalent hatte ich dann noch eine Liste aufgestellt, um ja nichts zu vergessen. Und wenn doch, dachte ich, könne man in St. Mireille bestimmt das Wichtigste kaufen.
Wir verabschiedeten uns beide von unseren Eltern und dann ging die Fahrt los. Zuerst kam natürlich die schwierige Frage, welche CD wir zuerst hören sollten. Da Paris und ich den verschiedensten Musikgeschmack hatten, den es nur gab, mussten wir Kompromisse schließen. Also einigten wir uns zuerst einmal auf Aaliyah. Wir fuhren abwechselnd bis Dijon, wo wir in einer kleinen Pension übernachteten. Aus Geldgründen hatten wir uns ein Doppelzimmer genommen, und schon gab es das nächste Problem: Wer ging zuerst duschen?
"Also wenn das jetzt 5 Wochen so weiter geht, kehre ich gleich wieder um!" rief ich Paris ins Bad hinterher.
"Keine Sorge, nach ein paar Tagen hast du dich daran gewöhnt, mir den Vortritt zu lassen!"
Da die Fahrt bei der Riesenhitze, die in Frankreich herrschte, ziemlich anstrengend war, schliefen wir bald ein, nachdem wir uns noch darüber unterhalten hatten, was wir alles machen, oder besser gesagt nicht machen würden. Hätte ich nicht den Wecker gestellt, hätten wir wahrscheinlich total verschlafen, und wir sahen beide nicht sehr wach aus, als wir gegen 6 aus dem Bett krochen. Aber wir hatten noch eine ganz schöne Strecke vor uns, bis ans Mittelmeer, wir mussten früh losfahren.
Nachdem wir von der freundlichen Französin extra früher Frühstück gemacht bekommen hatten, ging unsere Reise weiter. Mittlerweile war ich wieder mit Fahren dran, alle CDs waren einmal durchgehört, so fingen wir eben wieder von vorne an. Paris und ich schliefen und fuhren abwechselnd, und einmal mussten wir nach dem Weg fragen. Je kleiner die Dörfer, desto schlechter die sowieso schon katastrophale Beschilderung der Strecke.
Dann war es soweit. Ein kleines, halb verrottetes Holzschild, auf dem "St. Mireille, 3km à" stand. Ich bog auf die Straße ein und weckte Paris.
"Hey Süße aufwachen, du musst mir mal helfen."
Als sie begriff, dass wir gleich da waren, war sie sofort hellwach. Links und rechts von der Straße wuchs wilder Mohn, Thymian und Lavendel, es duftete nach Kräutern und es wehte ein leichter Wind, der die Sonne gleich viel erträglicher machte. St. Mireille selbst war ein romantisches kleines Dorf mit typisch französischen Einwohnern, kleinen, mit Wein bewachsenen Häusern, einem Café in dem sich die älteren Herren trafen, verwinkelten Gassen und einer Küstenstraße direkt am Meer. Ich liebte es von der Sekunde an, in der ich es erblickte.
Paris war ebenso sprachlos und vergaß sogar ihre große Leidenschaft, das Fotografieren, für... 1 Minute. Wie Océane schon erklärt hatte, lag ihr Haus doch noch ca. 10 Minuten hinter St. Mireille.
Durch einen kleinen Pinienwald führte die Straße zu einer Anlage direkt am Strand. Drei Häuser nebeneinander, aber trotzdem mit genügend Abstand gehalten, so dass man seine Privatsphäre hatte.
Na, außer uns würde ja sowieso niemand auftauchen, dachte ich mir.
Wir erkannten das Haus von den Fotos sofort wieder. Der Rosenbogen war größer als ich es mir vorgestellt hatte, und man hörte das Meer. Das kleine, weiß gestrichene Haus mit den blauen Fensterläden und dem kleinen, ordentlich angelegten Garten raubte einem sofort den Atem. Paris fotografierte mit Sicherheit schon den zweiten Film voll, denn von der Seite aus hatte sie auch noch den Sonnenuntergang am Meer drauf. Der Sand war fein und weiß, es war ein Paradies.
Gerade als wir ausgestiegen waren, empfingen uns Océane, eine große, schlanke Frau mit roten, kurzen Haaren und freundlichem Gesicht, ihr Mann Étienne, ein kleiner, rundlicher Herr mit einer Halbglatze, der freundlich lächelte, und natürlich Valentine, der gar nicht mehr aufhören wollte, zu bellen, und wie verrückt mir seinem cremefarbenen Schwanz wedelte. Seine rosa Zunge hing ihm aus dem Maul, er hechelte erfreut. Ja wirklich, er sah aus, als ob er lächelte! Einfach süß.
Nachdem wir uns von dem Anblick losgerissen hatten, gingen wir auf sie zu und umarmten die beiden. Wir dankten ihnen für das großartige Angebot, unseren Urlaub hier verbringen zu können. Valentine wurde ausgiebig gestreichelt, und dann luden wir die Koffer aus. Diese Nacht würden wir alle im Haus schlafen, da die beiden erst morgen früh abgeholt und zum nächsten Flughafen gefahren würden.
So schlief ich im Gästezimmer, das sonst leer stand, und Paris im Wohnzimmer auf der Couch. Doch an viel Schlaf war nicht zu denken, zu viel hatten wir uns zu erzählen. Valentine war der erste, der irgendwann den Kopf auf die Pfoten sinken ließ, und einschlief. Étienne und ich waren die letzten, die in Bett gingen. Wir verstanden uns prächtig, und da er kein Wort Deutsch sprach, war ich gezwungen, Französisch mit ihm zu reden, was ich gerne tat. Ich liebte diese Sprache nun einmal.

Schon um 5 Uhr holte ein Taxi Océane und Étienne ab. Verschlafen winkten wir ihnen hinterher, ich hatte gerade mal 3 Stunden geschlafen, aber das machte mir nichts aus. Der Gedanke, jetzt 5 Wochen alleine mit meiner besten Freundin hier verbringen zu können, hielt mich wach. So beschlossen wir, erst einmal einen Spaziergang am Strand zu machen.
Valentine kam begeistert mit, eine Leine brauchte er nicht. Wie beschrieben führte die schmale Holztreppe am Ende des Gartens direkt in den Sand hinein. Ich ließ meine Schuhe dort stehen, und rannte barfuss ans Meer. Valentine sprang hinter mir her und machte ein paar vorsichtige Schritte ins Meer hinein. Er kam zu dem selben Schluss wie ich: "IIIIIIH ist das kalt!!"
Paris lachte los. "London es ist 5:30, wie kannst du da erwarten, dass das Meer warm ist?"
Ich schmollte für ein paar Sekunden, lächelte dann aber wieder. Man konnte bei dieser schönen Umgebung gar keine schlechte Laune haben.
"Soll ich schon Frühstück machen, ihr könnt ja noch etwas draußen bleiben, ich rufe euch dann!" schlug Paris vor.
"Das wäre toll, ich bin dann morgen dran."
"Alles klar." Paris ging also zurück zum Haus, während ich mich an den Strand setzte und die winzigen, schimmernden Wellen beobachtete. Ich schloss die Augen und träumte vor mich hin. Das Rauschen machte einen verdammt müde...
"LONDON! LONDON! LONDON JULLIARD! AUFWACHEN!!" Irgendwann landete eine Handvoll Wasser auf meinem Gesicht, und ich fuhr mit einem Schrei hoch.
"Iih Paris! Bist du verrückt?"
Sie lachte. "Ja, wenn Madame einfach so am Strand einpennt und mich nicht hört?"
"Ist ja schon gut, ich komme."
"Das will ich aber auch meinen. Ist doch nicht zu fassen, schläft einfach während ich mich fürs Frühstück abrackere."
Ich kniff sie leicht in die Seite. Dann machten wir Wettrennen bis zur Treppe, wobei Valentine mit Vorsprung gewann.
"Ist nicht fair, er hat 4 Beine!" maulte ich.
"Mensch Lond', du kannst aber auch nicht verlieren." Paris und ich lachten.
Dann gab es Frühstück mit allem Drum und Dran. Das musste einfach sein. Ich fing schon wieder an zu gähnen, und auch Paris wurde zusehends müder.
"Ich glaube, nach dem Auspacken lege ich mich noch einmal eine Runde aufs Ohr", sagte ich.
"Gleichfalls, morgen sind wir dann hoffentlich fit um ans Meer zu gehen", antwortete Paris. Ich räumte alles weg, das hatten wir so ausgemacht. Es ging nichts über Arbeitsteilung.
So packten wir also aus, wobei Paris in das Schlafzimmer umzog. Dort stand ein Schrank leer, in den sie ihre Kleidung räumen konnte, und das Bett war frisch bezogen. Ich blieb im Gästezimmer nebenan, es hatte Blick aufs Meer und das liebte ich. Nachdem wir uns auch im Bad ausgebreitet hatten, trugen wir die restlichen Einkäufe ins Haus. Dann legten wir uns hin.

Wir schliefen beide bis zum nächsten Morgen durch. Ich hätte wahrscheinlich noch länger geruht, wenn Paris nicht morgens ins Zimmer gekommen wäre und mich geweckt hätte.
"Wie viel Uhr ist?" fragte ich sie verpennt.
"Halb acht! Wir waren wohl ziemlich müde", antwortete sie.
So standen wir auf, ich machte das Frühstück, während Paris im Bad war, und sie räumte ab, während ich dann im Bad war. Da sie etwas länger brauchte, entschloss ich mich, mit Valentine einen kleinen Spaziergang am Strand zu machen, und sie danach abzuholen. Ich sagte ihr Bescheid und schon stand ich mit Valentine am Strand.
"Na wo sollen wir hingehen", wollte ich wissen.
Valentine sah mich hechelnd an.
Ich schaute mich erst einmal um. Ein paar hundert Meter westlich war eine Felsen, der meine Neugierde erweckte. Er war so zackig, dass man nicht sehen konnte, was dahinter lag. Also gingen wir in diese Richtung los. Und ich wurde nicht enttäuscht: Dahinter lag eine runde, kleine Bucht. Man konnte ein Stückchen auf den Felsen klettern, und wenn man dann direkt vor sich sah, dachte man, man flöge über dem Wasser. Es war wunderschön.
Nach einer Weile, in der absolute Ruhe herrschte, fing Valentine plötzlich an, nervös zu werden.
"Was ist los?", fragte ich und glitt vom Felsenvorsprung herunter. Nachdem Valentine mehrmals schnell zu mir und Richtung zu Hause gesehen hatte, rannte er bellend los.
"Hey! Valentine! Bleib stehen!", rief ich und rannte hinterher.
Als ich den Felsen umlaufen hatte und somit wieder den ganzen Strand überblicken konnte, wusste ich, was ihn so aufgeregt hatte. Gerade lief ein junger Mann mit einem anderen Hund in unsere Richtung. Valentine kam eben bei ihnen an, und die Hunde beschnupperten sich.
Atemlos landete auch ich ein paar Sekunden später bei den dreien. Der andere Hund war ein Mischling, nicht so groß wie Valentine, und außerdem schwarz, mit weißem Bauch. Er sah unglaublich niedlich aus. Auch er war nicht angeleint, aber die beiden schienen sich zu mögen.
"Tut mir sehr leid, ich habe nicht aufgepasst", entschuldigte ich mich bei dem Mann, und sah ihn dabei zum ersten Mal richtig an.
Wow. Er hatte ozeanblaue, strahlende Augen, blonde Locken, die das Morgenlicht reflektierten, ein paar Sommersprossen und ein breites, anziehendes Lächeln auf den Lippen. Dazu trug er dunkelgrüne Shorts, ein helles Shirt und ein Kopftuch.
"Ach, das macht doch nichts."
Seine Stimme klang ruhig, melodiös, aber irgendwie glücklich. Ich mochte ihn sofort.
"Ich bin London, und das ist Valentine", stellte ich mich vor, und gab ihm meine Hand, die er sofort schüttelte.
"Freut mich sehr, mein Name ist Brian. Das ist Gillian, aber wir nennen sie Gilli."
"Angenehm. Gilli ist ein schöner Name."
"Ja... Kevin wollte immer eine Tochter namens Gillian, da das aber nicht klappte, nannten wir eben unser Maskottchen so."
Ich sah etwas verdutzt aus, und Brian lachte. "Tut mir leid, also Kevin ist einer der Freunde, mit denen ich hier bin."
Jetzt lächelte ich auch. "Du... ich meine Sie... sind nicht alleine hier?"
"Hey, lass doch das Du."
"Okay, also bist du mit Kevin zusammen hier?"
"Genau. Aber wir sind zu fünft. Da gibt es noch Alex, Howie, und natürlich Nick. Wir wohnen in dem Haus da vorne, wir machen Urlaub." Brian zeigte auf das Haus nebenan.
"Das gibt's doch gar nicht! Wir wohnen neben euch!"
"Echt? Klasse. Wer ist 'wir'?" Brian schien sich wirklich dafür zu interessieren, und so liefen wir ein Stück gemeinsam mit den Hunden am Strand entlang.
"Wir, das ist meine beste Freundin Paris und ich."
Brian lachte.
"Was denn?"
"Ihr habt beide Städtenamen?"
"Oh, wenn ich jedes Mal einen Cent genommen hätte, wenn jemand das sagte, könnte ich jetzt in Rente gehen", klagte ich.
"Das tut mir leid."
"Nein, um Himmels willen, so sollte es nicht klingen. Das passiert eigentlich immer. Kein Problem."
So unterhielten wir uns noch eine ganze Weile weiter.
"Na ja, vielleicht arbeiten wir doch ein bisschen, damit wir nicht zu faul werden." meinte Brian zum Schluss.
"Was, arbeitet ihr alle zusammen?"
"Ja, ähm, wir sind eine Band."
"Oh, klasse. Und was macht ihr so für Musik?"
Brian sah mich schon wieder so komisch an. Sagte ich irgend etwas Falsches?
"Pop-Musik. Wir schreiben gerade Lieder für ein neues Album."
"Ach so, habt ihr viel Erfolg?"
Was zum Teufel sollte denn dieser Blick immer? Langsam wurde ich nervös. "Ich kenne mich mit Pop nicht so aus, entschuldige, wenn die Frage blöd war. Aber ich höre R&B."
"Nein, das macht nichts. Ja, wir haben in Deutschland ziemlich viel Erfolg."
"Dann müsste ich euch aber eigentlich kennen. Komisch. Wie heißt ihr?"
Brian schien das nicht unbedingt beantworten zu wollen, und als er es dann doch tat, war mir klar, warum.
"Backstreet Boys. Die sind wir."
Ich fiel beinahe um. "Oh... ich glaub, ich muss mich erst mal setzen..." flüsterte ich und ließ mich in den Sand plumpsen.
Brian ging in die Hocke. "Hey, alles okay?"
Ich verbarg mein Gesicht in meinen Händen. OH MEIN GOTT. Brian, Kevin, AJ, Howie, Nick. Natürlich!
"Eigentlich hatte ich nicht die Absicht, dich gleich beim ersten Treffen umzuhauen..." scherzte Brian.
Ich musste lachen. "Das ist mir jetzt wirklich peinlich, darauf hätte ich früher kommen sollen."
"London das muss dir absolut nicht peinlich sein. Es ist ein gutes Gefühl, mal jemanden kennen zu lernen, der nicht gleich vor Ehrfurcht erblasst... oder loskreischt."
"So schlimm?"
"Ja, manchmal." Wir lächelten.
Brian richtete sich auf und reichte mir seine Hand. "Komm schon, hoch mit dir." Dann pfiff ich nach Valentine, der schnell brav angetrottet kam. Gilli folgte ihm.
"Ich glaube, ich sollte langsam gehen, Paris fragt sich sicher schon, wo ich bleibe."
"Gut. Es hat mich gefreut!"
Ich grinste. "Mich auch, wir sehen uns bestimmt bald wieder, wenn wir schon nebeneinander wohnen."
So verabschiedeten wir uns. Als ich schon einige Meter von ihm entfernt war, rief er noch einmal nach mir.
"London?"
Ich drehte mich um.
"Hast du vielleicht Lust mit Paris heute Abend zu uns zu kommen? Wir wollen grillen und ein bisschen feiern und so."
Ich lächelte. "Gerne!", rief ich zurück. "Wann?"
"Ist 8 okay?"
"Perfekt, wir kommen! Danke!"
Ich rannte so schnell mich meine Füße trugen zurück ins Haus.

"Mensch London, wo warst du, ich hab mir echt Sorgen gemacht, du wolltest 'kurz' mal raus und warst fast 2 Stunden weg!", war das erste was Paris rausbrachte.
"Was, so lange? Oh Mann! Ich muss dir sofort was erzählen." Ich packte ihren Arm und schleifte sie hinter mir her an den Küchentisch. Dort angekommen, rieb sie sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den Unterarm.
Ich achtete gar nicht darauf, so aufgedreht war ich noch. Ich berichtete ihr also die ganze Geschichte von vorne bis hinten und Paris kam aus dem Lachen nicht mehr heraus.
"Das finde ich nicht sehr lustig!", meinte ich beleidigt.
"Oh London!" kicherte sie, während ihr schon Tränen die Wangen herunterliefen vor Lachen. "Da rennst du 2 Stunden lang mit Brian Littrell von den Backstreet Boys am Strand herum und erkennst ihn nicht, wo ganz Deutschland völlig verrückt nach dem Kerl ist... echt, das kann wieder nur dir passieren..." Sie konnte nicht mehr aufhören zu lachen und schließlich fiel ich mit ein.
"Als ich es schließlich wusste, war es mir auch sehr peinlich."
Da erlangte sie dann doch ihre Fassung wieder. "Er hat es dir ja nicht übelgenommen."
"Nein, er hat uns heute Abend zum Barbecue eingeladen."
"Brian, hm?" grinste Paris.
"Grrr, nicht was du meinst, Paris. Wir haben uns nur gut verstanden, mehr ist da nicht", fauchte ich.
"War ja nur ein Scherz. Aber im Ernst, du kannst da gerne hingehen, aber zähle nicht auf meine Begleitung."
Da blieb mir doch wirklich die Spucke weg. "Was? Warum nicht?"
"London, sie sind eine Boygroup! Ich will sie nicht kennen lernen."
"Nein, Paris, also jetzt mal Schluss mit den Vorurteilen. Brian ist wirklich wahnsinnig sympathisch und die anderen bestimmt auch. Du kannst ja auch sofort gehen, wenn du sie doch nicht mögen solltest. Aber bitte, komm heute Abend mit, okay? Du musst sie nie wieder sehen, wenn du sie nicht magst. Bitte, bitteeeeee!"
Ich schaute sie mit meinem berühmten Hundeblick an, und sie seufzte.
"Okay, ich komme mit..."
"Jaaaaa!", schrie ich. "Cool, ich wette du wirst sie mögen."
"Hoffen wir's. Du bist echt überzeugend."
"Weiß ich."

Den Rest des Tages verbrachten wir mit Beach-Volleyball (wenn das unsere Sportlehrerin gesehen hätte!), baden und faulenzen am Strand. Gegen 6 fing der Wind wieder an, zu wehen, und das Wasser kühlte ab. So verließen wir den Strand. Valentine bekam sein Futter, dann duschten wir und zogen uns um.
Ich entschied mich für mein Lieblingskleid. Es war dunkelrot, knielang, mit dünnen Trägern und Strasssteinen. Paris trug eine kurze Jeans mit Batikmuster und ihr hellgelb-orangenes Top das hinten gebunden wurde. Zu ihrer Verteidigung meinte sie: "Wenn ich schon hingehe, muss ich ja nicht wie der letzte Kartoffelsack aussehen, oder?"
Ich grinste hinter ihrem Rücken. Von wegen 'Boygroup... oh nee!'. Viertel vor Acht waren wir fertig, und standen schon bald vor der Haustür der Jungs.


KAPITEL 2

Ich strich gedankenverloren über meine Schulter, auf der ich mir einen ganz schön heftigen Sonnenbrand zugezogen hatte.
"Ich hab dich gewarnt, du sollst dich eincremen, London", kommentierte es Paris.
Ich warf ihr einen bösen Blick zu und klingelte schließlich.
"Ich glaube, ich sollte doch besser gehen..." Paris wurde wohl etwas mulmig, während wir warteten, aber als sie es gerade ausgesprochen hatte, ging die Tür auf.
"Zu spät", grinste ich und blickte direkt in Brians freundlich lächelndes Gesicht.
"Schön, dass ihr gekommen seid", begrüßte er uns, umarmte mich und gab mir einen Kuss auf die Wange. Nachdem Paris und er sich vorgestellt hatten, bekam auch sie einen, und ich merkte sofort, dass Paris sich genauso wohl in seiner Nähe fühlte, wie ich. Bei ihr entschied sich Mögen oder Nicht-mögen immer in den ersten Augenblicken, und Brian gehörte ganz klar in die erste Kategorie. Bei seiner Herzlichkeit ging es auch gar nicht anders.
Nach und nach trudelten auch die anderen Vier an der Tür ein. Kevin war wie ich ihn mir vorgestellt hatte, und ich mochte ihn sofort. Er war groß und ziemlich gutaussehend mit seinen dunklen, kurzen Haaren und den funkelnden, grünen Augen, die irgendetwas Magisches an sich hatten.
Wenn man Brian und ihn nebeneinander sah, fiel einem nicht sofort auf, dass sie verwandt waren. Mal abgesehen davon, dass sie eine sehr ähnliche Gesichtsform besaßen. Aber nachdem er mich gefragt hatte, wie es mir ging, und wir ein bisschen redeten, war es mir sofort klar. Er hatte dieselbe, warmherzige Art. Es wirkte sehr erwachsen, ruhig und klug, aber im gleichen Augenblick auch geheimnisvoll und interessant.
Alex wollte ich gerade die Hand hinstrecken, da zog er mich auch schon in eine Umarmung. Aber hallo, so viel Herzlichkeit war ich gar nicht gewohnt. Seine braunen Augen, die sonst immer hinter einer Sonnenbrille versteckt lagen, strahlten mich fröhlich an. Noch so ein Kandidat, den man durchaus gern haben konnte.
"Hi, ich bin London", stellte ich mich dann doch endlich vor.
"Freut mich, AJ, oder Alex, ganz wie du willst."
"Alex", entschied ich und er nickte. Dann wandte er sich Paris zu.
Bevor ich die Zwei weiter beobachten konnte, lernte ich Howie kennen. Er war wieder eine völlig andere Persönlichkeit. Ganz lustig war, dass er kleiner war als ich, was nicht allzu oft vorkam. Dazu war er unglaublich zuvorkommend und freundlich, wie alle. Auch von ihm bekam ich eine Umarmung, und so langsam begann ich zu verstehen, warum jeder diese Jungs liebte. Sie hatten so eine wundervoll, warme und weiche Art, miteinander und mit anderen umzugehen, dass man sich sofort geborgen und zu Hause fühlte.
Aber ganz verstand ich es wohl erst, als ich Nick gegenüber stand. Die anderen hatten sich schon mehr oder weniger in ein Gespräch eingeklinkt, und so kam es mir vor, als stünden wir ganz alleine in der großen Eingangshalle. Er war der Größte von allen, und selbst mit meinen hohen Schuhen war er noch etwa 10cm größer als ich.
Für einen Moment dachte ich, dass mir die Luft wegbleiben würde. Er hatte wohl normalerweise blaue Augen, die aber im Moment wassergrün strahlten. Und wie sie das taten! Seine kurzen, blonden Haare hatte er erfolglos versucht, mit Gel in Form zu bekommen, doch sie standen nach allen Seiten ab, als hätte sie gerade eben jemand kräftig durchgewuschelt. Andererseits gab ihm das eine Aura, die irgendwo zwischen sexy und süß lag. Und dann war da noch das 1 Million $ Lächeln, dass sich gerade auf seinem Gesicht breit machte. Zum Sterben schön. Ich glaubte zu spüren, dass mein Herz stehen blieb, nur um im nächsten Moment anzufangen wie wild zu schlagen, ich bekam weiche Knie und mir wurde ziemlich warm. Um es kurz zu machen, es hatte mich gleich total erwischt.
Schlussendlich riss ich mich von seinem Blick los. Er drückte mich fest, was ich gerne erwiderte, und ich fürchtete gleich umzukippen, als er mir zwei Küsschen auf die Wangen drückte. Wie ich noch meinen Namen aussprechen konnte, als er mir in die Augen sah und sich vorstellte, weiß ich nicht mehr. Dieser Augenblick kam mir so unendlich lang vor, und konnte doch nicht länger als ein paar Sekunden gedauert haben.
"Hey ihr zwei, kommt ihr mit ins Wohnzimmer, was trinken", fragte Howie. Kevin wollte draußen noch fertig decken.
"Geht ihr schon mal vor, ich helfe Kevin schnell und dann kommen wir nach, okay?", schlug ich vor.
Kevin wollte meine Hilfe zwar nicht annehmen, aber ich bestand darauf. Ich war schließlich eingeladen!
Wir hatten viel zu lachen, während wir uns besser kennen lernten. Es stimmte schon, er war sehr gebildet, aber auch unglaublich lustig. Jemand mit einer Persönlichkeit, die ich sehr bewunderte. Nachdem draußen alles bereit war, schickte er mich mit den Worten "Du hast genug getan, ich kriege noch ein schlechtes Gewissen" zu den anderen.
Da ich mich überhaupt nicht auskannte, folgte ich einfach meinem Gehör, und fand das Wohnzimmer bald. Es war in einem ähnlichen Stil gehalten, wie bei uns im Haus. Brian und Howie diskutierten in einer Ecke über irgend eine CD, AJ schenkte sich gerade etwas zu trinken ein, und Paris und Nick saßen auf der Couch und unterhielten sich angeregt. Meine Eifersucht meldete sich, sofort war ich alarmiert. Ich schlich mich zu den beiden und hörte zu.
"London ist nicht immer ganz einfach, sie ist toll aber manchmal kann sie aus heiterem Himmel ihre Krallen ausfahren", sagte Paris gerade.
WAS? Sie sprachen auch noch über mich?
"Die Schöne und das Biest in einem also. Solange man nur kuscheln will ist sie lieb, und macht man eine falsche Bewegung, beißt sie", gab Nick zur Antwort und lächelte.
Das war ja wohl die Höhe! Erst beleidigte er mich und dann flirtete er noch mit meiner besten Freundin.
"Ist ja sehr nett, wie du über Leute urteilst, die du gar nicht kennst", fuhr ich ihn an.
Er sah erschrocken auf.
Paris machte, da sie mich kannte, lieber erst einmal nicht ihren Mund auf, aber Nick beging diesen Fehler.
"Tut mir leid, ich hab's nicht so..."
"Zu spät, Giftzwerg. Wie konnte ich nur eine Sekunde lang denken, dass du etwas anderes wärst, als der reiche, verzogene Popstar!", fauchte ich und drehte mich um, um zu gehen.
Leider hatte Nick es noch immer nicht kapiert. Zu Paris gewandt, meinte er spöttisch: "Wenn sie rote Haare hätte, würde ich jetzt 'Hexe' sagen, allerdings sieht unsere kleine Prinzessin momentan mehr aus wie ein gekochter Krebs."
Ich hörte es und fing an, rot zu sehen. Also ging ich die paar Schritte wieder zurück in seine Richtung und funkelte ihn wütend an. "Ich bin zufällig auch Krebs, Blondie. Und wenn ich mir dich so anschaue, sieht mir das mehr nach Wassermännchen aus."
Damit verließ ich den Raum. Ich hatte nicht oft solche Wutausbrüche, aber wenn, dann heftig. Und so musste ich mich erst einmal abregen. Ich lief in den Garten raus.
"Ich hasse ihn, ich hasse ihn, oooooh wie ich diesen Kerl hasse! Ich könnte ihn an einem Spieß über dem Fegefeuer rösten lassen, so eine Wut habe ich!" Ich rannte wie eine Wilde im Kreis um den gedeckten Tisch herum, und übersah Kevin, der am Grill stand und mir amüsiert zusah.
"Ich glaube, dann hättest du eine ganze Horde Fans am Hals", lachte er und ich drehte mich erschrocken zu ihm um.
"Entschuldige, ich habe dich gar nicht gesehen", sagte ich verlegen und fuhr mir mit der Hand durchs Haar.
"Ist schon okay. Wer bringt dich denn so auf die Palme?"
Nur die Erinnerung an ihn machte mich wieder wütend. "Das arroganteste Chauvinisten-Schwein, das ich jemals getroffen habe", presste ich mühsam hervor.
Kevin lächelte noch immer. "Ah, du hast also auch schon Bekanntschaft mit Nicks liebenswürdiger Art gemacht."
"Ja sieht so aus, und ich würde verdammt noch mal gerne wissen, was daran so komisch sein soll!"
Kevin hörte auf zu grinsen. "Ich dachte nur gerade an das, was immer passiert. Die besten Freundschaften, die Nick hat, begannen immer mit einer Katastrophe."
"Glaub mir Kevin, keine Regel ohne Ausnahme. Und seit gerade eben bin in diesem Fall ich die Ausnahme."
Er bat mich, zu erzählen, was passiert war, und so berichtete ich die ganze Geschichte.
"Woher wusstest du, dass er Wassermann ist?" fragte Kevin interessiert.
"Ich mochte ihn gleich, dann komme ich gar nicht mit ihm aus, er macht sich über mich lustig, und dann haucht mich noch so etwas von meinem Bruder an... das konnte nur ein Wassermann sein."
Kevin nickte gedankenverloren. "Du hast eine gute Beobachtungsgabe."
Ich wurde rot. "Danke."
"Nimm es Nick nicht übel, er hat es mit Sicherheit nicht so gemeint."
"Ich bin keine einfache Person, das gebe ich zu, aber ich hatte es auch teilweise ganz schön schwer im Leben. Und wenn ich dann jemandem begegne, der so über mich spricht, obwohl er mich kein bisschen kennt... tut mir leid aber das reicht wirklich."
"Ich kann das gut verstehen. Aber ich hoffe du kommst uns wegen Nick nicht weniger oft besuchen. Ich mag dich nämlich."
"Danke, ich dich auch. Ihr könnt auch gerne zu uns kommen." In Gedanken fügte ich hinzu: 'wenn ihr Nick zu Hause lasst!'
"Was riecht hier eigentlich so komisch?", fragte ich plötzlich.
"Aaaaah... scheiße." fluchte er und fischte einen total verkohlten Maiskolben vom Grill.
Ich lachte los. "Oh Kevin, ich wusste gar nicht, dass du so fluchen kannst! Darfst du das in einer Boygroup eigentlich?"
Er fiel in mein Lachen mit ein. "Solange du nicht morgen zur Presse gehst, ist das, glaube ich, vertretbar." Wir mussten wieder lachen. Wir hatten einfach die selbe Art Humor.
Kevin versorgte kurz den Grill und umarmte mich dann fest. "Nicht mehr sauer sein, okay?"
"Ich bin nicht mehr sauer. Wie glaubst du kann ich bei dir lange sauer sein, hm?"
"Ich fasse das jetzt mal als Kompliment auf", antwortete er darauf und lächelte.
"Was ist passiert?", kam eine Stimme von der Tür her.
Wir drehten uns um. Natürlich. Nick. Ich konnte auch nur so ein Pech haben.
"Nichts schlimmes. Ich habe einen Maiskolben verkohlen lassen."
"Ja pass nur auf, an deiner Begleiterin verbrennt man sich schneller die Finger als man denkt."
"Nick", sagte Kevin warnend.
"Schon gut. Wann gibt’s Essen", fragte Nick.
Zeit für Rache. "Meinst du es ist überhaupt noch was für uns übrig, wenn er fertig ist?" fragte ich mit einem süßlichen Lächeln an Kevin gewandt.
Nick verzog sich mit einem sauren Laut.
"London, du musst ihn ja nicht mögen, aber lass ihn wenigstens in Ruhe", seufzte Kevin. Noch bevor ich was sagen konnte, fügte er hinzu. "Und es ist mir egal, wer angefangen hat."
Ich sah ihn erstaunt an. Er lächelte und zuckte mit den Schultern. "Nick hätte das jetzt gesagt."


KAPITEL 3

"Schon kapiert", seufzte ich. Kevin schien immer noch davon überzeugt zu sein, dass Nick und ich uns eines Tages blendend verstehen würden. Niemals.
"Nur über meine Leiche, damit das klar ist", fügte ich hinzu.
Das brachte ihn nur noch mehr zum Lachen.
"Wir werden ja sehen", meinte er nur schmunzelnd. Dann bat er mich, die anderen zum Essen zu rufen.
Da ich einen ausgezeichneten Orientierungssinn besaß, fand ich den Weg, den ich vorhin gerannt war, trotzdem sofort wieder. Wenn man den Architekturstil einmal durchschaut hatte, fand man sich in so ziemlich jedem Haus zurecht.
Ich wäre beinahe mit Howie zusammengestoßen, der in dem Moment aus dem Zimmer kam. "Entschuldigung", sagten wir beide zur gleichen Zeit und mussten lachen.
"Das Essen ist gleich fertig, kommt ihr?" Alex und Paris erhoben sich von der Couch, auf der sie sich unterhalten hatten, und folgten mir. Da ich wusste, dass sie alle den Weg kannten, lief ich schon mal voraus. Ich hatte wahrlich keine Lust, Nick länger zu sehen, als ich musste.
"Wie kann er sich das erlauben..." dachte ich. Und schrak im selben Moment zusammen. Ich ließ mich ja schon wieder von seiner Macho-Art ärgern! Schluss, Aus, Fertig. Ich schwor mir, mir den Abend nicht von ihm ruinieren zu lassen. Ich beachtete ihn ganz einfach nicht mehr.
Leider war das leichter gesagt als getan, denn er saß mir genau gegenüber. Was mich nicht mehr wunderte, als ich Kevins Lachen bemerkte, mit dem er in Brians Richtung schaute.
"Na warte", dachte ich. "Das wirst du noch büßen." Dennoch beschränkte ich mich darauf, Nick einen feindseligen Blick zuzuwerfen, den er nicht minder eisig erwiderte.
Howie rief meinen Namen und ich schaute zu ihm. Er saß mir schräg gegenüber. Er warf mir einen Blick zu und sah dann weg.
Was?
Nachdem er das gleiche Spiel dreimal wiederholt hatte, verstand ich endlich. Ich folgte seinem Blick zu Paris, die neben mir saß, und Alex neben ihr. Die zwei waren schon wieder so in ihrer eigenen Unterhaltung gefangen, dass sie von all dem nichts mitbekamen. Ich lächelte und auch die anderen schienen zu bemerken, was sich abspielte.
Während des Essens passierte das allerdings nicht mehr. Mal abgesehen davon, dass Nick und ich weder einen Blick, noch ein Wort miteinander wechselten, war die Stimmung wundervoll. Es war die gleiche, familiäre Atmosphäre, die scheinbar immer zwischen ihnen herrschte, und die ich zu schätzen begann. Wir hatten viel zu lachen und es war schon weit nach Mitternacht, als wir uns verabschiedeten.
Na ja, alle außer Nick und mir. Ich sah, dass Kevin es mit gerunzelter Stirn beobachtete. Er konnte froh sein, dass wir uns nicht die Köpfe einschlugen und uns wenigstens aus dem Weg gingen...


Auf dem Rückweg zu unserem Haus unterhielten wir uns. "So, Alex, was?", fragte ich, kaum dass wir zur Tür hinaus waren.
"Lond', wir verstehen uns einfach nur gut."
"Ja klar, das kannst du deiner Großmutter erzählen!"
"Es ist aber so", meinte sie trotzig.
Das war nur meine Bestätigung. "Genau, und deswegen wart ihr auch dauernd in ein Gespräch vertieft, so dass ihr nicht einmal mehr gemerkt habt, was um euch herum vorgeht. Und auch deswegen habt ihr euch die ganze Zeit heimlich Blicke zugeworfen. Oh ja Paris, Kevin und ich machen das auch. Und Brian und Howie und ich genauso, weil wir uns gut verstehen." Ich musste so lachen, als ich ihr entgeistertes Gesicht sah. "Ja ja... da hat es dich schon ganz schön erwischt, Paris..."
"Aber bitte sag es keinem. Ich mag ihn, aber nach allem, was mit Chris war... und er hat auch nicht gerade den besten Ruf weg."
"Hey, er ist nicht Chris, okay? Und so wie ich ihn einschätze, ist das alles nur erfunden. Ich mag ihn wirklich, und ich lasse mich so schnell in meiner Menschenkenntnis nicht täuschen."
"Stimmt, du hast mich auch vor Chris gewarnt. Hätte ich bloß auf dich gehört."
Sie spielte damit auf einen Streit an, den wir vor langer Zeit gehabt hatten, und in dem ich ihr abgeraten hatte, sich mit Chris einzulassen, weil ich ihm nicht traute. Sie hatte mir vorgeworfen, nur eifersüchtig zu sein. Erst viel zu spät konnte ich sie überzeugen. Chris hatte sie mehrmals betrogen, und als sie es selbst einmal miterlebt hatte, war sofort Schluss. Seitdem ließ sie niemand männlichen außer ihrem besten Freund Yann mehr an sich heran.
"Sag es bitte niemanden", bat sie mich noch einmal.
Ich schmunzelte bei dem Gedanken, dass es sowieso schon alle wussten, versprach es ihr aber.
Bevor wir in unsere Zimmer verschwunden, fragte sie noch: "Was ist mit dir und Nick?"
"Ich kann ihn nicht leiden. Ich lasse mir nicht alles von ihm bieten."
"Sein Kommentar, der ihm übrigens sehr leid tut, ist doch nicht der wahre Grund, London."
"Ist mir egal, ob es ihm leid tut", versuchte ich auszuweichen. Ich wusste, worauf sie hinauswollte.
"Es ist nicht der wahre Grund", wiederholte sie. "Du kannst es nicht ewig dein Leben bestimmen lassen. Ich weiß, dass er dein Typ ist. Du hast nur Angst, es zuzulassen. Du wirfst ihn lieber schnell aus deinem Herz, bevor er dir gefährlich werden kann."
Was erlaubte sie sich eigentlich? So ging man mit mir nicht um. "Halt die Klappe Paris. Du solltest dich nirgends einmischen, wovon du nichts verstehst."
Ich drückte die Klinke herunter und verschwand in mein Zimmer. Das war ja wohl die Höhe! Ich konnte Nick nicht ausstehen, er war ein verzogener, arroganter Popstar und weiter nichts. Basta.


KAPITEL 4

***PARIS P.O.V.***
"Aber sicher, Lond'. Ich weiß doch ganz genau, dass du Angst hast", dachte ich, bevor ich einschlief.
Aber wie konnte ich ihr das vorwerfen? Ich hatte selbst genug Angst davor, mich wieder zu verlieben. Zu viel Angst.
Als ich am nächsten Morgen durch die Sonne geweckt wurde, musste ich erst einmal die Reste des Traums verscheuchen. Ich und ein Engel, Schwachsinn.
Als ich auf den Wecker sah, war ich zumindest schnell aus dem Bett. Viertel nach 9. Das hieß, dass London noch mindestens eine Stunde schlafen würde. Valentine war aber bestimmt bereit, mit mir einen Strandspaziergang zu unternehmen. Also zog ich mich schnell an, hinterließ für London einen Zettel, weil ich wusste, dass sie es hasste, wenn jemand ging, ohne etwas zu sagen, und verließ das Haus leise durch die Hintertür.
Es war unglaublich, wie angenehm das Wetter war, und schon um diese Uhrzeit. Nicht zu heiß, aber auch nicht kühl, wie es sonst morgens der Fall war. Als ich gerade Richtung Strand ging, und Valentine mir bellend nachgesprungen kam, sah ich, wie Nick mir einige hundert Meter weiter entgegenkam und winkte. Fröhlich winkte ich zurück und spurtete den Weg mit Valentine zu ihm.
"Guten Morgen, wie geht's dir", empfing er mich fröhlich.
"Danke, sehr gut. Und dir? Gut geschlafen?"
"Hm, ja, Gilli hat in meinem Zimmer übernachtet und mich heute Morgen äußerst unsanft geweckt."
Ich sah wohl etwas verwirrt aus, jedenfalls lachte er und erklärte: "Sie hat mir das Gesicht abgeschleckt." Jetzt musste ich auch lachen.
"Ich nehme an, das war das letzte Mal, dass sie bei dir im Zimmer schlafen durfte."
"Worauf du dich verlassen kannst", antwortete er.
Wir gingen eine Weile zusammen am Strand entlang.
"Ich wollte mich noch einmal bedanken, dass wir gestern zu euch kommen durften."
"Ist doch selbstverständlich, ihr könnt jederzeit wiederkommen. Obwohl ich gestehen muss, dass ich nach Brians Beschreibung von London jemand etwas anderen erwartet hatte."
Ich seufzte. "Sie ist normalerweise auch nicht so. Du siehst ja, wie sie mit den anderen umgeht."
"Und das nur wegen meines dummen Kommentars. Der nun wirklich nicht so schlimm war, dass sie so ein Theater darum machen müsste."
"Es ist nicht wegen des Kommentars", flüsterte ich.
Er schien es jedoch gehört zu haben. "Wegen was dann?"
Ich sah ihm in die Augen. "Ich kann es dir nicht sagen. Das musst du sie schon selbst fragen."
Er lachte sarkastisch: "Ja sicher, und sie wird es mir bestimmt sagen."
"Das ist ihre Entscheidung."
"Bitte Paris. Ich mochte das Mädchen, das ich vor diesem Zwischenfall kennen gelernt habe. Aber ich kann sie nicht verstehen, und sie wird mir nicht dabei helfen. Also bitte hilf du mir."
Ich setzte mich in den Sand. "Aber du sagst es sonst keinem, und ihr schon gar nicht, klar? Sie bringt mich um und dich gleich mit, wenn sie davon erfährt."
"Ich verspreche es dir."
"Okay... Also, London war früher nicht so extrem empfindlich wie heute. Aber sie war schon immer so sensibel. Gerechtigkeit und Respekt sind das Wichtigste für sie, sie verabscheut Lügen und Vorurteile."
Hier stoppte ich erst einmal. Ich fühlte mich nicht gut, sie zu verraten. Es kam mir wie Verrat vor.
Nick wartete geduldig. Ich hatte das Gefühl, das hinter ihm auch weit mehr steckte, als er zeigte. London und er waren sich viel ähnlicher, als sie vielleicht ahnten...
"Vor drei Jahren hat sie jemanden verloren, den sie sehr liebte. Seitdem hat sie Angst. Sie hat davor schon versucht, mich auszuschließen, als ich ihr zu nah kam. Aber ich habe nicht aufgegeben. Jetzt hat sie noch viel mehr Angst, jemanden an sich heran zu lassen. Sie will nicht noch jemanden verlieren, den sie liebt. Und ich nehme an, dass sie in dir eine große Gefahr sieht, dass du ihr weh tust. Deswegen schließt sie dich lieber schnell aus, bevor es zu spät ist. Der Streit war wohl nur so etwas wie die passende Gelegenheit, dich loszuwerden. Sie hasst dich nicht, sie hat nur so viel Angst."
Ich sah ihn an. Wie würde er darauf reagieren?
"Du meinst, sie hat Angst vor mir?"
"Nicht vor dir, vor den Gefühlen für dich." Oops... sie würde mich definitiv umbringen, wenn sie davon erfuhr.
"Ich muss also nur hartnäckig genug sein", überlegte Nick.
"Vor allem musst du ihr das Gefühl geben, dass du sie immer noch magst. Reagiere nicht auf ihre Anfeindungen. Irgendwann wird sie verstehen, dass du ihr nicht weh tun willst. Und wenn sie sich dann öffnet, ist sie der tollste Mensch, den es gibt." Ich lächelte und er blickte, in seine Gedanken versunken, auf das Meer, das unter den ersten warmen Sonnenstrahlen funkelte.
"Danke" war alles, was er sagte, als er mich ansah.
Nach einer Weile, in der wir beide schwiegen, fing Valentine an, mich mit seiner Schnauze anzustupsen.
"Ich glaube, Val hat Hunger."
"Ich auch", antwortete Nick und wir lachten.
"Okay, dann ist es wohl an der Zeit zurückzugehen. Wir sehen uns, Nick."
"Wollen wir uns nicht nachher alle zusammen am Strand treffen?"
"Gerne, so gegen halb 12?"
"Alles klar, dann bis später." Mit einer kurzen Umarmung verabschiedeten wir uns, und Valentine und ich machten uns auf den Weg nach Hause.

"Aufstehen, Schlafmütze!", rief ich, als ich in ihr Zimmer kam. Ich konnte nicht glauben, dass London immer noch schlief...
"Aaah... was... lass mich..." murmelte London verschlafen. Da half nur eins: Kitzeln. Und wirklich war sie auf einen Schlag hellwach. Aber leider etwas zu wach, denn sie schnappte sich ihr Kissen und so entstand die schönste Kissenschlacht. Nach etwa 10 Minuten gaben wir allerdings beide außer Atem auf.
Als wir beim etwas verspäteten Frühstück saßen, erzählte ich ihr von meinem Morgenspaziergang mit Nick.
"Übrigens hat er uns eingeladen, nachher mit den Jungs am Strand abzuhängen."
"Du meinst, er hat dich eingeladen."
"Nein, ich meine uns. Wie sieht's aus, hast du Lust dazu?"
Ich konnte sehen, wie es hinter ihrer Stirn arbeitete. ‚Ja’ zu sagen, bedeutete eine Einladung von Nick anzunehmen, ‚Nein’ aber Langeweile den ganzen Tag lang, darauf hatte sie mit Sicherheit noch weniger Lust, als Nick zu sehen.
"Ich würde gerne die anderen sehen, ja." London war einfach unglaublich stur! Ich hatte sie mal wieder unterschätzt.

***LONDONS P.O.V.***
Was sollte ich schon anderes tun, als Nicks Einladung zu folgen. Natürlich wollte ich Paris das nicht auf die Nase binden. Na egal, ich musste mich ja nicht mit Nick beschäftigen, wenn ich nicht wollte. Und ich wollte nicht.
Die Jungs hatten schon Sonnenschirme in den Sand gesteckt, als wir kamen, und so musste ich mir nur noch den schönsten Schattenplatz suchen, der - selbstredend - möglichst weit weg von Nick war, mich auf mein Handtuch niederlassen und den Tag genießen. Dieses Mal jedoch beschloss ich lieber auf Paris zu hören und cremte mich ordentlich ein.
Den restlichen, kurzen, Vormittag verbrachte ich damit, mein Buch fertig zu lesen.
Irgendwann fragte Nick herum, ob jemand Durst hatte, da er sich sowieso etwas zu Trinken holen wollte. Von allen Seiten tönte es "Wasser" oder "Sprudel" oder sonstiges, nur ich überhörte seine Frage absichtlich.
"London?", fragte er auch schon nach.
Grrrr, der gab wohl nie auf. Ohne aufzusehen sagte ich kurz: "Wasser". Es klang weder freundlich noch unfreundlich, doch Nick musste mich natürlich doch reizen.
"Wie heißt das Zauberwort mit "B"?" fragte er.
Ich sah auf, lächelte und meinte spitz: "Bedienung?"
Anscheinend hatte er es jetzt kapiert und machte sich davon. "Oder Blödmann", knurrte ich ihm hinterher. Unfassbar, dieser Mensch.
"Mh-hm, oder Beziehungsangst", ließ Paris neben mir leise verlauten.
Ich warf ihr einen bösen Blick zu.
Alex, auf meiner anderen Seite, seufzte.
"Lond', das musste jetzt nicht sein, oder?"
"Er hat gefragt, und ich habe geantwortet, wo liegt das Problem?"
"Er hat sich bei dir entschuldigt."
"Ja und?"
"Was soll er machen, vor dir auf die Knie fallen und um Vergebung betteln?"
Der Gedanke daran amüsierte uns beide. "Wäre doch mal was Neues", erwiderte ich dann. Damit war das Thema beendet.
Als Nick mein Wasser neben mich stellte, tat es mir doch etwas leid, dass ich ihn so behandelt hatte. "Danke", sagte ich, während ich ihm in die Augen sah. Seine wunderschönen, blauen Augen.
Moment mal, woher kam dieser Gedanke?
"Gern geschehen", gab er zurück, und es klang genauso ehrlich wie bei mir.
Doch das war erst einmal genug der Freundlichkeit. Den Rest des Tages verbrachten wir mit Beach-Volleyball, bei dem ich kläglich versagte, und wir mehrmals im Sand lagen - vor Lachen - und im Wasser. Ich liebte das Meer und wenn ich einmal drin war, bekam man mich nicht mehr so schnell raus.
Paris allerdings kannte den Trick mittlerweile. "London kommst du? Wir müssen los!", rief sie mir gegen 7 zu.
"Ach, nur noch eine halbe Stunde!", bettelte ich.
Sie fing an zu grinsen. "Es gibt gleich Essen!"
Und schneller als der Wind stand ich an meinem Platz und trocknete mich unter Gelächter der anderen ab. Essen zog bei mir immer. Irgendwie kam mir der Gedanke, dass Nick und ich uns in vielem gar nicht so unähnlich waren, als er auf dem Rückweg meinte: "Meine Güte, hab ich einen Hunger!"
... doch, dachte ich mir, in einem waren wir gewaltig verschieden: Ich war kein verzogener Popstar.


KAPITEL 5

Die erste Woche unserer Ferien war schnell vorbei. Zwei Tage lang hatten Paris und ich Tagestouren unternommen und uns "gebildet". Ich muss sagen, mit ihr als Begleitung und ohne Schuldruck machte das Ganze gleich viel mehr Spaß. Außerdem hatten wir ja Valentine dabei, der uns kräftig unterhielt. Auf dem Rückweg kauften wir in St. Mireille für die nächsten Tage zu Essen ein.
Ich nahm an, dass die Jungs in dieser Zeit "arbeiteten", wie sie es nannten, denn bevor wir jedes Mal früh im Morgen losfuhren, hängten wir einen Zettel an unsere Tür, wo wir waren, falls einer von ihnen vorbeikam.
Als wir am zweiten Abend mit schmerzenden Füßen heimkamen, hing unser Zettel noch da, und auf die Rückseite war eine Nachricht geschrieben.

Paris & London,

wir hoffen ihr hattet Spaß und
dachten, dass wir uns morgen
früh gegen 10 (je nachdem wie
lange ihr nach eurer Tour schlafen
wollt!) wieder am Strand
treffen könnten?

Kevin, Alex, Brian, Howie & Nick


Natürlich nahmen wir die Einladung, wie immer, gerne an. Wenn ich ehrlich war, hatte ich die Jungs schon ein bisschen vermisst. Bei ihnen war einfach immer etwas los, und wenn nicht, war es trotzdem unterhaltsam. Wahrscheinlich war es ihre Nähe, die mein Heimweh so erfolgreich bekämpfte. Ich war nämlich jemand, der extrem schnell und stark Heimweh bekam.
Ich war immer noch ziemlich müde von den zwei vergangenen, anstrengenden Tagen, die wir hinter uns hatten, und so schlief ich am Strand ein. Ich merkte nicht einmal, wie die Jungs dazukamen, obwohl sie ja nicht von der leisesten Sorte waren. Ich verschlief, als sie Schwimmen gingen, und Alex' und Paris' immer offensichtlicher werdenden Flirt beim Sandburgenbauen.
Irgendwann rüttelte mich jemand leicht wach. "London du solltest dich eincremen, du kriegst wieder Sonnenbrand", flüsterte mir Nick leise zu, um mich nicht zu erschrecken.
Ich war aber noch mehr als tief in meiner Traumwelt und bemerkte weder, dass es Nick war, der sich gerade um mich sorgte, noch realisierte ich richtig, was er gesagt hatte. Irgend etwas von Sonnencreme, oder so. Ich hielt meine Augen geschlossen, tastete mit der rechten Hand nach der Nivea-Creme und gab sie Nick in die Hand, bzw. ließ ich sie dort fallen, wo ich seine Hand vermutete. Und schon war ich wieder im Halbschlaf.
Nick starrte eine Sekunde lang auf die Creme und zuckte dann mit den Schultern. Er bemerkte wohl, dass die anderen - abgesehen von..? Jawohl, Alex und Paris - die Szene beobachteten, aber immerhin hatte ich ihn ja indirekt dazu aufgefordert, mich einzucremen, oder? Also tat er es eben.
Ich bekam davon so gut wie nichts mit. Ich spürte zwar seine warmen Hände auf meinem Rücken und merkte, dass er mich dann sanft umdrehte, aber da es sich angenehm anfühlte, wachte ich nicht auf.
Wäre mir bewusst gewesen, dass mir Nick (auch noch auf meine Einladung hin) gerade so nah war, hätte ich es mit Sicherheit nicht zugelassen. So aber schlief ich noch eine Stunde weiter und wachte dann langsam auf.
Brian saß grinsend neben mir. "Na, ausgeschlafen?"
Ich wurde rot. "Ich glaube schon." Da bemerkte ich, dass mich irgend jemand zwischendurch eingecremt haben musste, denn teilweise war die Creme auf meiner Haut noch nicht eingezogen.
"Wer hat mich eingecremt?", fragte ich überrascht.
"Ähm... ich..." antwortete Nick ziemlich schüchtern.
Ich starrte ihn entsetzt an.
"Ja... ich habe dir gesagt, du solltest dich besser eincremen, und du hast mir die Creme vor die Füße geworfen... ich wollte dich nicht mit aller Gewalt wecken, du schienst so müde..."
Irgendwie erinnerte ich mich dunkel daran. Oh Gott. Das waren Nicks Hände gewesen, auf meinem Körper. Ich hatte natürlich automatisch angenommen, dass es Paris wäre!
Nicks Hände, auf meinem Körper. Nick. OH MEIN GOTT!
Meine Wangen wurden heiß und ich musste wohl die Röte einer Tomate haben. "Schon okay. Danke." Brachte ich gerade noch so raus.
"Okay", war das einzige, was er darauf antwortete. Ich glaube, es war ihm genauso peinlich wie mir.
Nur, ich war auch noch sauer auf mich selbst. Wirklich sauer. Nicht nur, dass ich verschlafen hatte, so etwas zu verhindern, sondern auch, dass es sich schön angefühlt hatte. Ich registrierte zum ersten Mal richtig, wie schwierig es werden würde, Nick auf Abstand zu halten. Dieses Mal musste ich nicht nur mein Herz ausschalten, sondern wie es aussah, auch noch meine Seele. Klasse.

Die Fünf aßen an diesem Abend bei uns, und obwohl die Terrasse eigentlich viel zu klein für 7 Personen war, passten wir alle um den runden Tisch, als wir zusammen rückten. Brian hatte irgendwo eine Flasche Rotwein aufgetrieben, die er uns mitgebracht hatte.
Ich trug gerade die Spaghetti hinaus, als er zu meinem Glas kam.
"Halt, für mich nicht", rief ich.
"Sicher? Der ist gut", meinte er.
Ich lächelte. "Ganz sicher. Ich trinke nie etwas."
"Okay, selbst Schuld." Er grinste.
Nachdem er fertig war, ging er los, um Kevin, Howie und Nick vom Strand zu holen, die dort noch einen Rundgang mit Gilli gemacht hatten. Alex saß am Tisch, und ich setzte mich neben ihn. Paris musste jeden Augenblick aus der Küche kommen.
"Warum trinkst du keinen Alkohol?", fragte Alex mich interessiert.
"Erstens schmeckt er mir nicht, und außerdem habe ich gerne die Kontrolle über mich. Ich mag es nicht, wenn ich nicht mehr klar denken kann."
Er nickte bestätigend. "Und warum du nicht?", wollte ich von ihm wissen, als ich sein Wasserglas bemerkte.
Er sah mir in die Augen. "Ich war mal alkoholabhängig. Viel zu lange. Und ich will dieses Gefühl nie, nie wieder haben", sagte er fest.
Ich bewunderte ihn für seine Willenskraft, aber gleichzeitig fühlte ich mich auch betroffen. "Tut mir leid, das wusste ich nicht."
Er strich mir kurz über den Arm. "Das ist okay, wirklich. Woher solltest du es auch wissen. Es ist ein nicht sehr schönes Kapitel in meinem Leben. Ein abgeschlossenes Kapitel."
Ich sah es ihm hoch an, wie offen er damit umging. "Ich bin sehr stolz, dass du es geschafft hast", teilte ich ihm mit.
Jetzt war er fast so verlegen wie ich vorhin. "Danke. Das bedeutet mir viel."
Wir umarmten uns kurz, und schon kamen Paris auf der einen Seite, und Howie, Brian, Kevin und Nick auf der anderen Seite zum Tisch. Damit war das Thema erledigt.
Paris und ich hatten noch nie zuvor für so viele Menschen gekocht, aber es kam mit der Menge ganz gut hin. Gilli und Valentine bekamen ihr Futter in der Küche und lagen dann neben unserem Tisch, während wir uns wieder bis tief in die Nacht hinein unterhielten. Seitdem Nick und ich uns nicht mehr offen anfeindeten, war die Atmosphäre wärmer geworden.
"Warum kochen wir eigentlich immer separat, und essen mal hier, mal bei uns", fragte Kevin.
Wir sahen ihn alle verwirrt an. "Ich meine, es ist doch Schwachsinn, dass wir so ziemlich jeden Tag zusammen verbringen und abends getrennt essen! Bei uns ist genug Platz, und ich koche gerne für zwei mehr. Mir macht das Spaß."
"Du meinst, wir sollten ab sofort immer zusammen bei euch essen?", hakte ich begeistert nach.
"Warum nicht? Falls niemand was dagegen hat?" Er sah auffordernd in die Runde, aber alle schienen der Idee durchaus positiv entgegenzusehen.
"Unter einer Bedingung", meinte ich dann. "Ich darf mit dir kochen. Ich mache das wirklich gerne."
Kevin stimmte dem umgehend zu, und so war es abgemacht. Ich freute mich, dass wir uns alle so gut verstanden. Ich mochte diese Fünf so sehr. Ja, wenn ich es zugab, mochte ich sogar Nick.
Ich gab es aber nicht zu. Nicht einmal vor mir selbst.


KAPITEL 6

Irgendwann in der zweiten Woche unseres Urlaubs waren Paris und ich, nachdem wir geduscht und alle Läden zugemacht und die Tür verriegelt hatten, wie immer abends auf dem Weg zu den Jungs.
Ich hatte noch keinen blassen Schimmer, was Kevin eigentlich heute kochen wollte, da Nick mit Alex am Morgen einkaufen gefahren war. Paris hatte sich bereit erklärt, mit Brian den Tisch zu richten.
Kevin und ich duldeten während des Kochens sowieso niemanden in der Küche, weil die anderen, so aufgedreht wie sie waren, einfach nicht die nötige Ernsthaftigkeit dafür aufbrachten. Das begründeten wir jedenfalls so. In Wirklichkeit nervten sie uns erstens, wenn sie zwischen uns hindurch wuselten, und zweitens verbrachten wir gerne abends etwas Zeit alleine mit unserem gemeinsamen Hobby.
Im Grunde war es seltsam, dass gerade er als Ältester und ich als Jüngste uns so gut verstanden. Etwas faszinierte mich an ihm. Er wusste so viel, und er erzählte mir ebenso gerne aus dem täglichen Leben als Backstreet Boy, wie von seiner Kindheit und seinem Leben neben dem Ruhm.
Ich, auf der anderen Seite, schilderte ihm meine gerade zu einem Ende gekommene Schulzeit, meine Träume und Zukunftspläne. Er hörte geduldig zu und äußerte offen seine Meinung, lächelte über meine Träume und ermunterte mich, sie zu verfolgen.
Ich liebte es einfach, mit ihm zusammen zu sein. Er brachte mich zum Lachen, zum Nachdenken, zum Zuhören und vor allem, zum Sprechen. Ich öffnete mich ihm und verriet ihm Dinge, die sonst niemand wusste. Die Angst, wieder alleine gelassen zu werden, zum Beispiel.
Er verstand es, da sein Vater vor mehreren Jahren gestorben war. Mit ihm sprach ich zum ersten Mal über den Schmerz, den ich in mir trug, und als ich weinte, nahm er mich einfach in den Arm und hielt mich fest. Ich glaubte ihm, dass irgendwann ein Tag kommen würde, an dem ich die Trauer hinter mir lassen würde. Ich war ihm so dankbar, dass er da war, dass er mein Freund war.
"London?" Jemand wedelte mit seiner Hand vor meinem Gesicht herum und ich schrak zusammen, als ich in die Realität zurückkam.
"Was?" fragte ich und musste lächeln als ich Kevin grinsen sah.
"Träumen wir heute etwas, Prinzessin?" erkundigte er sich schmunzelnd.
Ich mochte es, wenn er mich Prinzessin nannte. Mein Bruder hatte es früher auch getan.
"Ich dachte nur gerade daran, wie froh ich bin, dass es dich gibt", erklärte ich.
"Oh, hör auf, ich werde gleich rot", wehrte Kevin ab.
"Nein, ich meine das ernst." Ich umarmte ihn. "Ich habe dich so wahnsinnig lieb," flüsterte ich.
Er küsste mich auf die Stirn. "Ich liebe dich auch sehr, Kleines." Dann strich er mir über die Wange. "Und nun lass uns anfangen, sonst werde ich wirklich gleich rot wie eine Tomate." Wir lachten beide los.
"Was kochen wir heute eigentlich?", wollte ich dann wissen.
"Ich weiß auch nicht so genau, was AJ und Nick eingekauft haben. Ich habe sie nur fluchen hören, als sie wieder da waren, irgendwas von sie gehen niemals wieder einkaufen, ohne jemanden mitzunehmen, der Französisch spricht."
Ich grinste. "Schon okay, ich komme nächstes Mal mit."
Wir durchsuchten die Speisekammer und den Kühlschrank und fanden alles, um Lasagne zu machen.
"Ihr seid auch so Pasta-Fanatiker wie Paris und ich, oder?"
"Na ja, ich liebe italienisches Essen, Brian mag alles mit Käse, Howie isst so gut wie alles, Nick sowieso, Hauptsache es schmeckt nach irgendwas, und AJ... der meckert eh über alles, was nicht von McDonalds ist."
"Echt?"
"Nein, so schlimm nicht, aber ich habe in meinem ganzen Leben noch niemanden erlebt, der so auf McDonalds steht wie er." Wir grinsten uns an. Gemeinsam über die anderen zu spekulieren (lästern, okay), machte manchmal ziemlichen Spaß.
"Wie wollt ihr eigentlich jemals mit eurer CD fertig werden, wenn ihr anstatt daran zu arbeiten immer mit uns zusammen seid?", fragte ich, als die Soße vor sich hin kochte und wir am Küchentisch saßen, und uns in Ruhe unterhalten konnten.
"Glaub mir, unsere Plattenfirma erwartet überhaupt nicht, dass wir Fortschritte machen. Wir sagten zwar, dass wir mal unsere Ruhe zum Komponieren brauchten, aber denen war schon klar, dass wir Urlaub machen."
"Und wo ihr sowieso schon 300 Tage im Jahr zusammen verbringt, geht ihr auch noch gemeinsam in Urlaub. Das soll einer verstehen."
"Eigentlich brauchen wir auch mal Abstand voneinander. Aber das vergangene Jahr war wirklich hart, und außerdem bist du ja auch hier."
"Und Paris."
"Ja, aber die ist nur wirklich da, wenn AJ den Raum mal verlässt."
Ich musste lachen. "Oh Kevin, glaubst du, die zwei kriegen das irgendwann noch auf die Reihe?"
"Eigentlich haben sie es schon auf die Reihe gekriegt", kam eine Stimme von der Tür.
Wir drehten uns erschrocken um. Da standen Alex und Paris, lächelnd, und händchenhaltend.
"Oops...", kriegte ich gerade noch so heraus. "Das können wir ja später noch klären, eigentlich wollten wir nur sagen, dass draußen ein ziemlich heftiger Sturm aufzieht und wir drinnen gedeckt haben."
Ich sah aus dem Fenster. Stimmt, der Himmel war völlig zugezogen und der heulende Wind glich schon fast einem Orkan.
"Hast du bei euch alles zugemacht?", fragte Kevin mich.
"Ja, zum Glück. Ist Valentine okay?"
"Der liegt jaulend unter dem Tisch und fürchtet sich zu Tode, aber sonst ist er okay", lachte Paris und die zwei verschwanden wieder.
Mir war komplett unverständlich, wie wir den doch offensichtlichen Wetterumschwung weder gehört noch gesehen hatten. Es war zwar dunkler geworden in der Küche, doch ich hatte das unbewusst auf den herein ziehenden Abend geschoben. Und während des Essens wurde es immer schlimmer. Der Mistral kam über Frankreich, und erwischte uns genau am Meer richtig. Die Wellen wurden immer höher, kamen aber nicht ans Haus heran. Man konnte nur den Sturm deutlich hören, und die größeren Pflanzen bogen sich fast bis zum Boden durch. Nur so konnten wir einschätzen, wie stark der Wind wehte.
Nachdem wir gegessen hatten und alles weggeräumt war, meinte ich zögernd: "Ich glaube, Paris und ich sollten uns auf den Weg machen, solange es nicht noch schlimmer wird."
"Bist du verrückt?", rief Kevin sofort.
Brian stimmte ihm zu. "Ihr macht aus diesem Haus keinen Schritt, so einer Naturgewalt kannst du, Verzeihung, zierliches Persönchen niemals standhalten."
Ich seufzte. Klasse, wir saßen also bis auf Weiteres hier fest.
"Wir beißen auch nicht", kommentierte Howie meinen Seufzer.
"Mir wird nur langsam kalt und ich glaube nicht, dass die Heizung um diese Jahreszeit an ist", gab ich zurück.
Kevin griff nach seinem Pulli, der über der Stuhllehne hing, und legte ihn mir um. Ich dankte ihm und drückte seine Hand kurz, als er an mir vorbei raus ging, um nach der Heizung zu sehen.
"Richtig", sprach er meine Befürchtung aus, als er zurück kam. "Die Heizung anzuschalten ist kein Problem, aber bei deren Alter dürfte es wohl mindestens zwei Tage dauern, bis es warm wird. Und es sieht nicht so aus, als wäre der Sturm schnell vorbei."
Wir sahen uns betroffen an. "Paris kann natürlich bei mir schlafen", äußerte sich Alex relativ schnell.
Blieb noch ich.
"Es gibt nur ein Doppelbett in diesem Haus...", deutete Kevin an. Ich wartete darauf, dass er weiter sprach. Aber es blieb still. Irgendwann folgte ich seinem Blick.
Natürlich, so viel Glück konnte ja wieder nur ich haben. Nicks Bett. Ich lachte schallend los. "Guter Witz, Kevin. Wirklich."
Jeder sah mich entgeistert an und irgendwann verging auch mir das Lachen, als die Realität einsetzte. Nick und ich starrten erst einander und dann Kevin entsetzt an, als uns klar wurde, dass er nicht im Geringsten scherzte.
"Das ist nicht wahr, oder? Sag, dass das nicht wahr ist!" War ich verflucht oder so was?
"Nick, kann sie bei dir schlafen?", wandte sich Kevin an Nick, ohne auf meine Fassungslosigkeit einzugehen.
"Klar", meinte dieser nur leise.
"Nein, Moment mal. Gehen wir das mal logisch an. Es gibt hier eine mehr als gemütliche Couch, auf der ich bestimmt ausgezeichnet schlafen werde."
Kevin schmunzelte nur über meinen kläglichen Versuch, die Wahrheit von mir wegzuschieben. "Lond', noch bevor morgen früh wärst du halb erfroren."
"Dann gebt mir eine Decke, wo ein Doppelbett, da auch zwei Decken, richtig?"
"Hast du schon mal ein französisches Bett mit zwei Decken gesehen?", fragte Nick jetzt belustigt.
Ich wand mich wie ein Aal, nur um schlussendlich aufzugeben. Ich hatte nun einmal keine andere Wahl. Nick und ich in einem Zimmer, beziehungsweise noch schlimmer, in einem Bett, das konnte ja nur schief gehen.
"Ich übernehme keinerlei Haftung für das, was da oben geschieht." Und mit Blick auf Alex fügte ich hinzu: "Wisch dir dein dreckiges Grinsen aus dem Gesicht, Gigolo."
Ich sah genau, wie die anderen ihr Lachen unterdrückten und doch verging mir persönlich das Lachen schnell, als Nick mich die Treppe hoch bat. Es war schon ziemlich spät und wir waren alle müde.
"Es ist nicht gerade ordentlich bei mir", warnte er mich vor.
Ich zuckte mit den Schultern. "Was soll's, bei mir auch nicht."
Er öffnete die Tür und ich trat ein. Zwischen Klamotten verstreut stapelten sich CDs, seine Playstation stand in der Ecke und so beantwortete sich auch endlich meine Frage, wo der Fernseher aus dem Wohnzimmer hingekommen war.
"Wow, ich muss sagen, du übertriffst mich in der Hinsicht trotzdem noch. Sieht's im Bad auch so aus?"
"Werd mal nicht frech, Kleine, ich kann dich immer noch rauswerfen."
Ich hatte mich gerade auf das Bett gesetzt um mich umzusehen, als er das sagte, und ich brach wieder in Gelächter aus. Ich hatte dieses Mal wirklich Mühe, mich wieder einzukriegen.
"Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich hier wäre, wenn ich es nicht selbst wollte, oder Spatzenhirn?"
"Kevin hätte dich nie gehen lassen."
"Oh Nick, du meinst er hätte mich aufhalten können? Er ist fit und ziemlich stark, keine Frage, ihr seid alle ganz gut gebaut, aber ich habe schon so lange Selbstverteidigung, dass nicht einmal einer eurer 2m großen Bodyguards mich aufhalten könnte. Ganz zu schweigen von den Herren da draußen, die GERADE LAUSCHEN, WAS NICHT SEHR NETT IST."
Die letzten Worte hatte ich in Richtung Tür gerufen, und wirklich ging sie auf und Brian und Howie kamen peinlich berührt rein.
"Ja, ähm, wir wollten nur Gute Nacht sagen, und sehen ob alles in Ordnung ist."
Ich grinste. "Keine Sorge, ich bringe den Blondschopf hier schon nicht gleich um."
"Ja, wir gehen dann auch mal wieder..."
Und so verzogen sie sich. Nick und ich sahen uns an und mussten unwillkürlich lachen. Dann herrschte wieder Schweigen. Mann, was tat ich in diesem Zimmer eigentlich?
Ich konnte den Gedanken nicht zu Ende denken, denn Nick kam mir dazwischen.
"Warum hasst du mich eigentlich so?", fragte er geradeheraus.
Mir blieb für eine Sekunde die Sprache weg. "Du beleidigst mich, ohne mich zu kennen, und fragst mich ernsthaft, warum ich dich hasse???"
"Ich habe mich entschuldigt, und es tut mir ehrlich leid. Ich hatte es nicht so gemeint!"
"Sag mir einen Grund, warum ich dir verzeihen sollte." Ich sah Nick an.
Das war eine wirklich schlechte Entscheidung. Vielleicht meine jemals schlechteste. Obwohl, mit in sein Zimmer zu kommen übertraf es doch noch.
Seine babyblauen Augen sahen mich ernst an, bevor sich ein Lächeln auf seinem wunderschönen Gesicht formte. Das Lächeln, das ich so sehr liebte.
"Nur einen Grund?", fragte er schelmisch und ich musste, obwohl ich es nicht wollte, lachen.
"Ich glaube, ich habe einen Grund", meinte er dann.
Ich wurde wieder ernst.
"Damit ich dich zum Lachen bringen kann. Du bist nämlich sehr hübsch, wenn du lachst." Die letzten Worte hatte er nur geflüstert.
Ich schwankte eine Sekunde dazwischen, ihm zu vergeben, oder ihm eine Ohrfeige zu verpassen. Herz oder Verstand.


KAPITEL 7

Einen Vorteil hatte Nick. Er konnte mit mir umgehen.
"Okay, du kriegst noch eine Chance. Vergeben und vergessen", sagte ich schließlich und lächelte.
Er erwiderte mein Lächeln und ich konnte sehen, dass er wirklich erleichtert war. Er sprang auf und streckte mir seine Hand entgegen.
"Hi, ich bin Nick Carter."
Ich lachte, spielte aber mit. "Freut mich, London Julliard." Wir brachen beide in Gelächter aus.
"Nachdem wir das geklärt hätten, gehe ich am besten Mal bei Howie vorbei und besorge dir eine Zahnbürste, er hat ohnehin immer mehrere dabei", bemerkte Nick.
"Warum?", fragte ich erstaunt.
Nick überlegte einen Moment. "Ich habe nicht die geringste Ahnung", sagte er dann. Wieder musste ich lachen.
Als er aus der Tür war, ließ ich mich auf das Bett fallen. Eines musste man ihm lassen. Er konnte mich zum Lachen bringen. Ich fühlte mich um einiges besser, jetzt wo ich ihm verziehen hatte. Nur dass mir dieses Gefühl irgendwie Angst machte.
Schneller, als ich zu Ende darüber nachdenken konnte, kam Nick zurück. Er gab mir eine Zahnbürste und ich mühte mich mit der Verpackung ab. Ich hasste diese Dinger.
"In was willst du schlafen?" fragte Nick mich, während er meinen "Kampf" erheitert mit ansah. Ich sah an mir herunter.
"Ähm..."
"Schon kapiert. Warte mal..." damit begann er, in den zahllosen Klamottenstapeln zu wühlen.
"Nick, du musst das nicht tun", bemerkte ich. Das Ganze war mir irgendwie unangenehm.
Er antwortete, ohne von seiner Arbeit abzulassen: "Wir sind doch jetzt Freunde, oder?"
Da musste ich ihm allerdings zustimmen.
"Na bitte, das müsste eigentlich gehen", triumphierte er plötzlich, drehte sich um und hielt mir einen schwarzen Pulli hin. Wenn er Nick schon etwas zu groß war, konnte ich ihn mit Sicherheit als Kleid verwenden. Ich verkniff mir diese Bemerkung lieber.
"Wo ist das Bad?" fragte ich stattdessen.
"Gang nach links, ganz am Ende die Tür rechts", antwortete er.
Ich schnappte mir die mittlerweile ausgepackte Zahnbürste und seinen Pullover, und machte mich auf den Weg.
Meine Vermutung war richtig gewesen. Die Ärmel waren endlos lang und der Saum reichte mir bis kurz über die Knie. Wenigstens warm war es. Ich roch an einem Ärmel. Mh-hm, Nicks Geruch, definitiv.
Als es in der Sekunde klopfte, zuckte ich zusammen, wie jemand, der bei etwas Verbotenem erwischt worden war.
"Ja?"
"Lond' ich bin's, kann ich rein kommen?" fragte Nick.
"Klar, ist offen."
Er trat ein und begutachtete mich. "Steht dir um einiges besser als mir", meinte er ernst.
Ich lachte. "Ich könnte darin schwimmen!"
"Ist das jetzt nicht Mode?" Wir mussten beide lachen.
Er trug ein ärmelloses T-Shirt und eine kurze Hose. Als er neben mir stand, sah ich das Tattoo auf seinem Oberarm. Eine Sonne mit einem chinesischen Zeichen. Ich fuhr sachte darüber.
"Was bedeutet das Zeichen?" fragte ich ihn und sah ihn an.
"Nickolas. Gefällt es dir?"
Ich nickte. "Es ist wunderschön."
Wir sahen uns einige Zeit nur an, und irgend etwas von dem Gefühl, im Eingang am ersten Abend, kam wieder in mir hoch. Zack! Schmiss ich die Tür vor dem Gefühl zu und verriegelte sie dieses Mal aber wirklich. Das war doch nicht möglich, dass er so tief in meine Seele sehen konnte, tiefer als jemals ein anderer Mensch zuvor. Ich wandte meinen Blick ab.
"Hier ist es vergleichsweise ordentlich", war das Erste, was mir einfiel, um mich abzulenken.
Nick schien irgendwie enttäuscht, aber vielleicht bildete ich mir das nur ein. "Ja, ich würde Ärger kriegen, wenn ich hier auch noch Unordnung verbreiten würde."
"Von wem?", erkundigte ich mich.
"Wer ist der Einzige, auf den ich manchmal höre?"
"Du meinst außer mir?", grinste ich.
Er kniff mich spielerisch in den Arm. "Hättest du wohl gerne, was?"
"Oh ja, Nick Carter, mein persönliches Schoßhündchen." Wir lachten los. Wie wir noch zum Zähne putzen kamen, weiß der Geier. Ich war schneller.
"Erste!", jubelte ich.
"Du hast geschummelt!"
"Hab ich nicht! Ich brauche eben nicht so lange wie du. Und das, wo Männer doch sonst immer zu früh kommen..." Diesen Seitenhieb konnte ich mir nicht verkneifen.
"Na warte, ich krieg' dich!", empörte sich Nick.
Ich kreischte, riss die Tür auf und rannte den Gang entlang, mit ihm dicht auf den Fersen.
Ich hatte ihn unterschätzt, kurz vor der Tür schlangen sich zwei starke, warme Arme um mich, zogen mich ins Zimmer. Mit einem Fuß stieß er die Tür zu und lud mich auf dem Bett ab.
Er stützte sich auf beiden Seiten von mir ab, so dass ich praktisch keine große Chance mehr hatte. Sein Gesicht war nicht mehr als 10 cm von meinem entfernt und ich spürte seinen Atem an meinem Hals. Außerdem sah ich auch noch direkt in seine umwerfenden Augen, die mich teils gefährlich, teils spielerisch anfunkelten.
Mein Herz raste, aber nicht von dem Sprint. Ich konnte sehen, dass auch sein Atem schneller ging. Die Spannung, die zwischen uns lag, konnte man direkt fühlen.
"Gibst du auf?", flüsterte er mit seiner weichen, sinnlichen Stimme.
Mit einer blitzschnellen Bewegung stellte ich meine Füße nebeneinander, drückte mich vom Boden ab, stützte mich dabei an seinen Armen ab, zog meinen gesamten Unterkörper unter seinem durch und landete mit den Füßen auf dem Bett. Es erinnerte etwas an Sportunterricht: Über den Kasten springen, dabei den Körper zwischen den Armen durchziehen, ohne jedes Mal mit dem Hintern hängen zu bleiben. Ich hatte lange gebraucht um es zu kapieren, aber wenn man es mal hatte, war es die einfachste Sache der Welt. Sowohl vorwärts, als auch rückwärts, wie gerade eben. Ich stand also in der Hocke vor ihm und ließ seine Arme los.
Er starrte mich halb verwirrt, halb bewundernd an.
Ich grinste. "Aufgeben? Niemals."
Er sah ein, dass er verloren hatte und gab auf.
Das ganze Haus war ruhig, mal abgesehen vom Orkan, der draußen immer noch tobte. Wir verkrochen uns gemeinsam unter der Bettdecke.
"Nur zur Erinnerung: Hände weg, verstanden?", stellte ich noch klar.
"Wofür hältst du mich?", verteidigte sich Nick.
Ich kicherte. "Willst du darauf eine Antwort?"
Seine Antwort war ein Kissen, das er mir überzog.
"Pass bloß auf", rief ich und klinkte mich in die Schlacht ein.
Irgendwann waren wir jedoch so kaputt, dass wir uns auf Waffenstillstand einigten. Ich sank müde, erschöpft aber glücklich, in mein Kissen und schlief augenblicklich ein.

Ich realisierte nicht, dass ich mich in der Nacht immer mehr an ihn heran tastete und irgendwann an seinen warmen Körper gekuschelt schlief. Meine Hand ruhte auf seiner Brust und einen Arm hatte er beschützend um mich gelegt. Ich fühlte mich so geborgen und zufrieden wie schon lange nicht mehr.


KAPITEL 8

Als ich plötzlich einen langgezogenen Schrei hörte, fuhr ich aus dem Schlaf hoch. Durch meine Nähe zu Nick wurde dieser natürlich gleich mit wach.
Erst dachte ich, ich hätte nur geträumt oder mich einfach getäuscht, da der Sturm draußen immer noch tobte, doch dann vernahm ich, wie eine Tür aufgerissen wurde und irgendwer schrie, dass wir hier schleunigst raus müssten.
Ich kämpfte gegen die Müdigkeit an und missachtete Nicks halb-gegähnte Frage, was eigentlich los sei. Schnell kletterte ich, meinen Weg ertastend, über Nick drüber und öffnete die Tür.
Im Gang war Licht, und auch aus den Zimmern der anderen schauten einzeln verschlafene Gesichter raus. Und inmitten des ganzen Chaos sprang Brian wie ein Wilder herum.
"Wir müssen hier raus, das Haus stürzt gleich ein, wir werden alle sterben!", rief er völlig außer sich.
Irgendwie wirkte er weggetreten, fast panikartig...
"Brian du hast nur schlecht geträumt", versuchte ich ihn zu beruhigen. Doch er hörte gar nicht auf mich, wiederholte seinen verzweifelten Schrei noch mal und lief nach unten.
"BRIAN!", schrie Kevin ihm hinterher.
Nick tauchte hinter mir auf. "Mann, glaubt der wirklich, dass Gott ein Haus einstürzen lässt in dem er sich grade aufhält?", fluchte er sauer, während wir Brian bis zum Treppenabsatz folgten.
Ich konnte es ihm nicht verdenken, ich war auch nicht gerade erbaut von der nächtlichen Störung. Mein Ärger wandelte sich jedoch schnell in Angst um, als Brian die Haustür aufriss und raus stürmte. Ein eisiger Luftzug wehte nach innen und riss alles in Türnähe, was nicht festgeschraubt war, um. Eine Glasvase fiel mit einem lauten Klirren zu Boden und die Scherben wurden meterweit geschleudert.
"Scheiße, der bringt sich um", konnte ich gerade noch sagen und fegte wie der Wind hinter Brian her.
"Bleibt wo ihr seid!", schrie ich den anderen noch zu, um gleich darauf auch im Freien zu stehen.
Wie ein böser Geist wirbelte der Orkan umher, wütete und tobte als würde die Welt gleich untergehen. Der aufgewirbelte Sand machte es beinahe unmöglich, etwas zu sehen. Ich verstand mein eigenes Wort kaum noch bei der Lautstärke und wurde von der Heftigkeit der nächsten Böe fast von den Füßen gerissen.
"Brian!", schrie ich immer wieder, während ich mich vorankämpfte, doch ich bekam keine Antwort.
"Okay, jetzt nicht in Panik ausbrechen", dachte ich, aber es half nicht viel. Brausende Wellen umspülten meine Füße, und das Wasser war eiskalt. Es fühlte sich an, als würde jemand tausend kleine Nadeln in meine Füße stechen. Der Wind war ebenfalls eisig, und wenn mein Herz nicht wie wild geschlagen hätte, hätte ich mich wohl für tot gehalten.
Ich schützte meine Augen mit meiner Hand ab und suchte verzweifelt nach Brian. So weit konnte er doch nicht gekommen sein...
Plötzlich holte der Wind neuen Atem, für einen Augenblick war die Sicht besser und mein Herz setzte aus, als ich Brian erblickte. Er stand genau im Fallradius eines dickstämmigen Baumes, der bei jeder Windböe mehr in Brians Richtung kippte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er völlig umschlug und Brian unter sich begraben würde.
"BRI, RENN WEG!", schrie ich und rannte los. Der Wind drückte so stark gegen mich, dass ich das Gefühl hatte, mich nicht vorwärts, sondern rückwärts zu bewegen. Jeder Schritt schmerzte ungemein und doch biss ich die Zähne zusammen, sammelte meine Kraft, und Zentimeter für Zentimeter kam Brians Silhouette näher.
Der Baum allerdings auch. Er bog sich schon erschreckend weit.
"Brian verdammt noch mal, jetzt geh da endlich weg!" Ich musste erst einmal nach Luft schnappen, mit jedem Wort bahnte sich ein Strom eiskalter Luft den Weg in meine Lungen, und schien sie einzufrieren, wie Glassplitter, die sie von innen zerkratzten. Ich hatte das Gefühl zu ersticken! Warum zum Teufel bewegte er sich keinen Millimeter, sondern starrte nur auf den Baum, auf sein Ende?
Mit allerletzter Kraft kam ich bei ihm an und schubste ihn so kräftig in Richtung Meer, dass er in hohem Bogen im flachen Wasser landete.
Doch der Baum fiel. Im rechten Augenwinkel sah ich ihn wie in Zeitlupe auf mich zu kommen. Ich schloss meine Augen und beendete gedanklich mein Leben. "Pass auf die anderen auf", bat ich Gott mental.
Da raste etwas wie ein geölter Blitz auf mich zu, sprang ab, packte mich mit einer unglaublichen Gewalt und riss mich aus der Flugbahn des Baumes. Ich wollte schreien, als ein spitzer Ast einen langgestreckten Schnitt in meinen Arm hieb, aber ich konnte nicht. Mit hartem Aufprall landeten wir auf dem Boden, rollten noch einige Meter wie ein Knäuel aus, bis der Schwung versiegte. Sand wurde in die Luft geschleudert und prasselte wie ein Hagelsturm auf uns herab, so dass ich schnell meinen Kopf in das T-Shirt meines Retters vergrub.
Ich atmete schwer. Eine Tausendstel Sekunde später und ich wäre nicht mehr am Leben. Ich sah jetzt erst, wem ich mein Leben verdankte.
"Bist du okay?", keuchte Nick unter Tränen. Ich nickte nur und fing dann an, wie hysterisch zu weinen. Ich war mit den Nerven total am Ende.
Nick drückte mich an sich und ich spürte, wie auch ein paar seiner Tränen auf meine Schulter tropften. Mein Arm tat höllisch weh, und Nick erschrak zu Tode, als er den immensen Riss, der meinen ganzen linken Arm "zierte" und aus dem ständig Blut quoll, sah.
"Los, wir müssen hier weg", schrie er gegen den noch immer nicht minder bösen Sturm.
Ich weiß nicht, warum er mir böse vorkam. Vielleicht hatte ich nur zu viele Bücher von Wolfgang Hohlbein gelesen, aber er war böse.
"Wo ist Brian?", wollte ich Nick fragen, als ich ihn immer noch an der gleichen Stelle liegen sah.
"Verdammt, das sieht nach Schock aus."
Ich bekam wieder Panik, aber Nicks Beisein verminderte sie. Wir kämpften uns durch den Sturm zu Brian, und ich sah ihn mir an. Seine Verletzungen waren nicht körperlich, jedoch erschrak ich zutiefst, als ich in seine Augen blickte. Sie wirkten vollkommen leer.
"Hilf mir ihn zurück zu tragen, er steht völlig neben sich!", wies ich Nick an. Der nickte nur und war mir behilflich.
Wir zogen Brian hoch, gaben uns die Hände, um so eine Art Sitz für ihn zu schaffen, legten seine Arme um unsere Nacken und ergriffen sie mit der anderen Hand. Als ich meinen verletzten Arm bewegte, durchfuhr mich ein stechender Schmerz, der mir die Tränen in die Augen trieb. Ich kämpfte eine Sekunde mit der aufkommenden Übelkeit, biss die Zähne zusammen und fing mich wieder.
Schritt für Schritt kämpften wir uns zum Haus hin, wobei uns die Böen beinahe umwarfen. Wir taumelten ein paar Schritte rückwärts, und ich fing an daran zu zweifeln, dass wir es schaffen würden. Verbissen trat ich dem Mistral wieder entgegen.
"Brian wenn wir es heil schaffen, setze ich dich auf Diät!", hörte ich Nick fluchen.
Es half mir ein bisschen gegen meine Mutlosigkeit. Mittlerweile war es mir in Nicks Pulli so kalt, dass ich meine blau gefrorenen Füße fast nicht mehr spürte, und wo meine Hände waren, konnte ich in dieser Sekunde auch nicht sagen.
Endlich sah ich durch den Sturm hindurch das Licht, das durch die offene Haustür fiel, und auch wir mussten gesehen worden sein, denn Kevin und Alex rannten uns entgegen und nahmen uns Brian ab.
Nick und ich schleppten uns, schwer aufeinander gestützt, bis ins Haus, an dem der Sturm rüttelte. Kevin und Alex trugen Brian ins Wohnzimmer. Howie schaffte es, mit Paris’ Hilfe, grade so die Tür zu schließen und rannte dann nach oben, um Decken und trockene Kleidung zu besorgen.
"Paris... geh zu Brian... Schock..." bekam ich gerade noch heraus, bevor mir schwarz vor Augen wurde und ich in Nicks Arme fiel.


KAPITEL 9

Ich wachte auf und sah mich um. Wo war ich eigentlich, und was war los?
Als ich mich aufrichten wollte, spürte ich wieder den stechenden Schmerz in meinem Arm. Ich sah auf ihn herunter und erblickte einen sauber angelegten, weißen Verband, der sich über meinen gesamten linken Arm erstreckte.
Wofür Erste-Hilfe-Kurse doch nützen konnten. Das Brennen der Wunde sagte mir, dass da wohl einer der anderen ein alkoholhaltiges Desinfizierungsmittel benutzt hatte. Langsam kehrte auch die Erinnerung zurück.
Der Blick aus dem Fenster war nicht sehr erbaulich. Es war zwar immer noch dunkel, aber es wurde langsam heller und der Sturm toste noch immer. Allerdings konnte ich nicht so lange bewusstlos gewesen sein.
Ich stützte mich noch einmal vorsichtig auf dem Bett ab, und hätte dabei beinahe Nick versehentlich eine gescheuert. Huch, den hatte ich ja noch gar nicht bemerkt... Er saß, den Kopf auf das Bett gelegt, neben mir auf einem Stuhl und war wohl vor Müdigkeit eingeschlafen.
Ich strich ihm sanft eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Schuldgefühle stiegen in mir auf. Er hatte sich in Lebensgefahr begeben, nur um mich zu retten...
Doch zu viel mehr kam ich nicht, denn er wachte durch meine Berührung auf. Als er bemerkte, dass ich ihn ansah, war er auf einen Schlag hellwach und lächelte mich erleichtert an. Er strich mir kurz über die Wange.
"Wie fühlst du dich?", fragte er.
Ich lächelte gequält. "Mein Arm brennt und schmerzt furchtbar und ich bin völlig ausgepowert, aber sonst geht es."
"Du bist noch ganz blass. Ruh dich noch aus."
Ich schüttelte darauf den Kopf. "Nein, ich will Brian sehen. Wie geht's ihm?"
Nicks Augen verloren etwas an Glanz und er seufzte. "Bevor ich zu dir kam, hatte sich sein Zustand nicht verändert. Er saß auf der Couch, in eine Decke gewickelt, und war nicht ansprechbar."
"Lass mich zu ihm", meinte ich und wollte aufstehen. Aber Nick drückte mich wieder zurück in die Kissen.
"Du bleibst schön hier. Die anderen sind bei ihm. Du kannst hin, wenn du dich besser fühlst."
"Aber ich bin okay", protestierte ich. "Komm schon, bitte." Ich setzte einmal mehr meinen bettelnden Hundeblick ein und er seufzte.
"Manipulativ bist du, weißt du das?"
Ich grinste nur.
"Okay, aber ich trage dich runter."
"Nick, ich bin nicht gehbehindert!"
"Ich weiß, aber du hast eine Menge Blut verloren, und bis du nicht fit bist, gibt es keine Widerrede."
Ich hatte keine Chance, und um ehrlich zu sein, fühlte ich mich auch noch nicht ganz wohl bei dem Gedanken, wieder herumzulaufen. Also legte ich meinen Arm um seine Schulter und er hob mich hoch. Außer einem anderen Pullover trug ich viel zu große Bermudashorts von irgendeinem der Jungs und ein paar dicke Socken...
Nick bemerkte meinen Blick. "Du warst halb erfroren, deine Zehen waren schon blau."
Ich nickte nur, was hätte ich auch sagen sollen? Das Geschehene kam mir immer noch wie ein Alptraum vor.
Als Nick, mit mir im Arm, die Treppe herunter kam, verließ Kevin gerade die Küche und fauchte ihn an: "Nick wie kannst du sie jetzt schon aus dem Bett lassen?"
Ich lächelte schwach. "Ich wollte es so, Kevin. Er hatte keine Chance."
Kevin kam auf mich zu und legte eine Hand auf meine Stirn. "Wenigstens kein Fieber mehr. Wenn du noch mal solche Aktionen schiebst, bekommst du einen gewaltigen Tritt in den Hintern von mir, Madame", sagte er warnend.
Ich verstand auch ohne weitere Ausführungen, dass er nicht nur auf das Aufstehen anspielte. Er hatte einfach Angst um mich gehabt, und ich zweifelte keine Sekunde daran, dass Nick den selben Anschiss hinter sich hatte.
"Was ist mit Brian?" fragte ich Howie, der neben der Tür stand und sich sichtlich nicht zu helfen wusste. Nick setzte mich sanft neben ihm ab. Ich dankte ihm.
"Er reagiert auf seinen Namen, aber er steht noch voll unter Schock. Er steht total neben sich und wir wissen nicht, was wir tun sollen."
Ich schnaufte enttäuscht. Langsam ging ich in das Zimmer.
Brian saß, eingewickelt in eine Decke, zusammengekauert auf der Couch und rührte sich nicht. Neben ihm stand heißer Tee, den er nicht trank, und eine müde Paris. Alex war auf dem Sessel daneben eingeschlafen.
Ich ging zu meiner Freundin und umarmte sie.
"Ich hatte solche Angst um euch", schluchzte sie.
"Ich auch, Süße. Geh jetzt ins Bett und ruh dich aus. Nimm Alex mit. Ich mach das hier schon."
Langsam beruhigte sie sich und weckte Alex. Der registrierte vor Erschöpfung kaum etwas, folgte ihr aber widerspruchslos.
Die anderen wollten zu mir kommen, aber ich gab ihnen per Handzeichen zu verstehen, dass ich mit Brian allein sein wollte.
"Okay..." Ich wusste selbst nicht so genau, was ich tun sollte. Seine leeren Augen starrten an mir vorbei. Ich holte einmal tief Luft und ließ mich von meiner Intuition leiten.
"Brian, du hast mir so einen Schrecken eingejagt. Du könntest jetzt tot sein."
Ich sprach noch mehr mit ihm aber es ging alles an ihm vorbei. Ich war kurz davor, einfach heulend zusammenzubrechen. Es musste doch möglich sein, ihn aus diesem Schockzustand raus zu holen.
Ich berührte sanft sein Kinn, um seinen Kopf zu mir zu drehen und er zuckte zusammen. Na wenigstens eine Reaktion.
"Sieh mich an Brian, sieh mich an." Beschwor ich ihn. Ich merkte, dass er auf seinen Namen reagierte. Als er mir in die Augen sah, war die Leere nicht mehr ganz so schlimm. Trotzdem war es erschreckend. Aber ich hielt seinem Blick stand.
"Komm schon, es ist alles okay, siehst du? Es geht uns allen gut, aber du machst mir Sorgen, Baby. Brian, sieh mich an!"
Er wollte wegsehen, aber ich ließ ihn nicht. Ich kam an ihn ran und ich musste nur noch erreichen, dass er sich aus dem Schock befreite.
"Kevin und Nick und Howie geht es auch sehr gut. Alex und Paris schlafen. Es ist alles beim Alten, nichts passiert. Mir geht es blendend." Als hätte dieser letzte Satz etwas in ihm ausgelöst, blinzelte er ein paar Mal hintereinander und als ich ihm dann in die Augen sah, liefen mir Tränen die Wangen hinunter. Es waren seine Augen. Brian war zurück.
Ich umarmte ihn.
"Gott was habe ich getan?", schluchzte er. "Ich hätte dich beinahe umgebracht!"
"Mir geht's gut. Denk jetzt nicht darüber nach."
Als ich ihn eine Weile einfach festgehalten hatte, merkte ich, dass er sich beruhigte. Ich griff nach dem Tee, der mittlerweile nicht mehr dampfte und brachte ihn dazu, die Tasse leer zu trinken. Dann drückte ich ihn auf die Couch zurück und er streckte sich darauf aus. Ich zog die Decke zurecht und gab ihm einen Kuss auf die Stirn.
"Schlaf dich erst einmal aus, Bri", flüsterte ich.
Er schloss die Augen, und schon nach ein paar Minuten wurden seine Atemzüge flacher und regelmäßiger. Er war eingeschlafen.
Leise verließ ich das Zimmer. Draußen wurde es schon hell.
Kaum hatte ich die Tür hinter mir geschlossen, wurde ich von den drei übrigen Jungs mit Fragen bestürmt.
"Shh, ihr weckt ihn ja auf", zischte ich sauer und schob sie in die Küche. "Er ist wieder der Alte. Der Schock ist vorüber, er war wirklich ziemlich weggetreten. Er schläft jetzt und wird das wohl noch eine Weile."
Ich konnte sehen, wie die anderen vor Freude strahlten. Besonders an Kevin gewannt, fügte ich hinzu: "Ich will nicht, dass irgendeiner von euch ihm Vorwürfe macht. Niemand, klar? Er muss sich erholen und danach kann man langsam mit ihm darüber reden. Und bis es soweit ist, haltet ihr euch zurück, verstanden?"
Ich brauchte nicht zu warten, bis sie es bejahten, weil ich wusste, dass sie auf mich hören würden. Ich gähnte. "Ich glaube ich sollte mich noch ein bisschen ausruhen."
"Wir alle sollten das", warf Nick ein und ich sah ihn an. Es wäre idiotisch gewesen, jetzt noch zu verleugnen, dass meine Gefühle für ihn weit mehr als freundschaftlich waren.
"Wir reden morgen darüber, ja?", fragte er, an mich gewandt. Ich wunderte mich schon lange nicht mehr, dass er wusste, an was ich gerade gedacht hatte. Ich nickte leicht.
"Trägst du mich hoch?", bat ich ihn dann etwas schüchtern.
Er umrundete den Tisch und hob mich in seine Arme. "Aber klar", sagte er zärtlich und machte sich mit mir auf den Weg nach oben. In unser Bett. Doch bevor wir überhaupt am Ende der Treppe angekommen waren, war ich in seinen Armen eingeschlafen.


KAPITEL 10

Ich lag zugedeckt und friedlich eingerollt im Bett, als ich das nächste Mal aufwachte. Gähnend streckte ich mich, als ich feststellte, dass ich alleine war. Ich musste wirklich sehr müde gewesen sein, denn die Uhr auf dem Nachttisch zeigte 18:12 an. Ich hatte also den gesamten Tag verschlafen.
Was mich aber wirklich wach machte, war, was ich hörte, oder besser gesagt, nicht hörte. Es herrschte absolute Stille im Zimmer. Der Sturm war vorbei. Endlich. Es wehte nur noch eine leichte Brise vom Meer her. Und die Heizung ging jetzt auch, es war ziemlich warm.
"Super Timing", dachte ich und stand langsam auf. Mein Arm schmerzte noch immer, und langsam war es wohl an der Zeit, den Verband zu wechseln. Außerdem bekam ich Hunger, und ich wollte nach Brian sehen.
Schritt für Schritt machte ich mich auf den Weg nach unten, hörte ein paar Stimmen in der Küche. Als ich eintrat, wurde ich unter großem Hallo empfangen. Paris schob mir sofort einen Stuhl hin und ich setzte mich. Alle wollten wissen, wie es mir ging.
"Der Verband müsste gewechselt werden, es tut weh, aber es geht. Der Schrecken kommt wahrscheinlich bald nach", erwiderte ich. "Wie geht's Brian?"
"Er hat sich eine Erkältung geholt, er niest und hustet und schläft viel. Wenn er mal aufwacht, will er neuen Tee und schläft dann sofort wieder ein. Seine Genesung wird sich auch über ein paar Tage hinziehen. Trotzdem können wir froh sein, dass es ihm so gut geht", erzählte Howie.
Die anderen waren alle schon seit einer Weile wach, Kevin hatte vor bald zu kochen. Die nächsten Tage noch ohne mich, da ich meinen Arm nicht belasten sollte. Paris machte mir, während wir uns unterhielten, einen neuen Verband.
Die Wunde war wirklich ewig lang, gerötet und ganz schön tief. Zum Glück hatten sie sie beim ersten Begutachten gereinigt, die Sandkörner hätten zum Eitern führen können. So biss ich nur mit schmerzverzerrtem Gesicht auf meine Lippe, als Paris das Desinfizierungsmittel auftrug, und hielt still.
Es brannte wie Feuer. Tränen konnte ich nicht unterdrücken. Alex, der neben mir saß, wischte sie weg.
"Schlimm?", fragte er mitfühlend.
"Es brennt schrecklich, aber das wird wieder. 'Was uns nicht umbringt, macht uns hart', hat meine Mutter immer gesagt."
Ich erschrak bei dem Gedanken an meine Mutter. Sie machte sich sicherlich Sorgen, weil ich mich tagelang nicht gemeldet hatte. Also schlug ich vor, bei uns vorbeizugehen, sie anzurufen, und hinterher mit Valentine und Gilli spazieren zu gehen. Sie mussten auch dringend hier raus.
Kevin stimmte dem zwar nur widerwillig zu, er machte sich einfach viel zu viele Sorgen um mich, aber ich bestand darauf. Ich wollte endlich wieder an die frische Luft. Beim Spazieren gehen konnte ich auch klare Gedanken fassen, für meinen Geschmack war das etwas zu viel Aufregung gewesen in den letzten 24 Stunden.
Meine Mutter war tatsächlich außerordentlich froh, von mir zu hören. Ich schilderte ihr die Situation, ließ die Backstreet Boys und meinen 'Unfall' aber vorsichtshalber aus. Wer weiß, wie sie darauf reagiert hätte. Das konnte ich ihr auch später noch mitteilen, wenn überhaupt.
Gilli und Valentine tobten wie die Irren im Sand herum und ich ging mit ihnen zu dem Platz, an dem ich wusste, dass ich nachdenken konnte. Zu der Bucht hinter dem Felsen, die ich am ersten Tag entdeckt hatte.
Ich ließ die zwei Hunde am Wasser und kletterte wieder auf den schmalen Felsvorsprung, was durch den einen lädierten Arm länger als gedacht dauerte. Als ich schließlich da saß, war ich etwas aus der Puste, aber der Anblick entschädigte mich für alles.
Ich schloss die Augen. Das erste Gesicht, das vor mir auftauchte, war natürlich seines. Ich wusste nicht, warum ich ihn partout nicht aus meinem Gehirn verscheuchen konnte.
Doch, eigentlich wusste ich es schon. Ich liebte ihn. Liebe. Bevor ich ihn getroffen hatte, kannte ich dieses Gefühl nicht einmal. Ich war ein zufriedener Single gewesen, natürlich gab es Flirts aber ich wollte niemanden an mich heran lassen. Wegen ihr. Seit sie nicht mehr da war, war sowieso alles anders.
Ich erinnerte mich an das Gefühl, als wäre es gestern gewesen. Leere. Keine Trauer, keine Wut, nur Leere. Als hätte meine Seele mit ihr diese Erde verlassen. Ständig fühlte ich mich, als wären alle Menschen um mich herum, einschließlich mir, dem Tod nahe. Ich hatte Alpträume, Konzentrationsstörungen und regelrechte Angstzustände, in denen ich nicht dachte, das 'Morgen' noch zu erleben.
Mit der Zeit wurde es besser, doch die Wand, die sich um mein Herz gebildet hatte um es vor weiteren Verlusten zu schützen, wurde mein engster Begleiter. Und dann kam er, und riss sie einfach ein. Als hätte sie nie existiert.
Ich lehnte mich zurück und seufzte. Es kam tief aus dem Inneren. Weinen konnte ich nicht, das würde aber noch einsetzen. Bestimmt. Die letzten Sonnenstrahlen des Tages wärmten mein Gesicht.
"So grenzenlos ist meine Huld, die Liebe, so tief ja ist das Meer. Je mehr ich gebe, je mehr auch hab ich, beides ist unendlich", zitierte eine Stimme hinter mir "Wie es euch gefällt".
Ich brauchte nicht aufzusehen, um zu wissen wer es war, ich hatte schon längst seine Präsenz gefühlt.
"Setz dich zu mir", lud ich Nick ein, ohne mich zu bewegen. Ich hörte und spürte nur, dass er näher kam. Irgendwann saß er neben mir, aber wir sprachen beide nichts. Wir hingen jeder unseren Gedanken nach.
"Du magst Shakespeare?", fragte ich irgendwann.
"Ich kann nicht behaupten, dass ich viel von ihm gelesen habe, aber das, was ich geschafft habe, hat mir ganz gut gefallen", antwortete er.
Ich lächelte und öffnete die Augen. "Warum bist du hier?", wollte ich wissen. In Gedanken machte ich mir eine Notiz: 'Paris dafür büßen lassen, dass sie Nick meinen Aufenthaltsort verraten hat'.
"Du weißt, warum ich hier bin", gab er zurück.
Ich nickte. "Du hättest dich letzte Nacht nicht wegen mir halb umbringen sollen."
"London..."
"Ich meine das ernst. Du bist eine Menge mehr wert als ich. Und du wärst um Haaresbreite draufgegangen. Ich hätte mir das niemals verziehen."
"Rede keinen Schwachsinn!" Nick wurde lauter und stand auf.
"Schrei mich nicht an", sagte ich ganz ruhig.
Er seufzte und setzte sich wieder. "Entschuldige. Die Angst um dich steckt mir noch in den Knochen." Er holte tief Luft und beruhigte sich zunächst. Dann nahm er meine Hand.
"Sieh mich an", bat er mich.
Ich gehorchte, und er konnte die Tränen in meinen Augen sehen.
"Ich konnte dich doch nicht sterben lassen! Du bedeutest mir mehr als alles andere, mehr als mein eigenes Leben. Ich hatte solche Angst um dich. London, ich lie..."
Bevor er aussprechen konnte, verschloss ich seinen Mund mit meiner Hand. Die Tränen liefen jetzt in Strömen meine Wangen hinunter.
"Sag nichts", schluchzte ich. "Schenke dein Herz nicht jemandem wie mir. Ich kann dich nicht glücklich machen. Lass mich einfach gehen. Bitte."
Damit sprang ich auf und lief weg. Valentine und Gillian folgten mir, überholten mich jedoch bald und rannten zum Haus.
Durch die verwischte Sicht meiner Tränen übersah ich ein Aststück im Sand, stolperte und fiel hin. Nick war in Sekundenschnelle bei mir und hielt mich fest.
"So, und jetzt diskutieren wir das aus, und du rennst mir nicht wieder davon", sagte er fest. Trotzdem schwang etwas Sanftes in seinem Ton mit.
Ich sah ihn an. "Nick, mach es doch nicht noch schlimmer", bat ich ihn mit tränenerstickter Stimme.
"Ich mache es nicht schlimmer. London, du hast vielleicht jemanden verloren, aber ich werde dich nicht verlas... oh shit!" Er bemerkte zu spät, dass er Paris' Versprechen gebrochen hatte.
Ich starrte ihn entsetzt an. Meine vorherige Notiz wurde geändert in 'Paris umbringen'.
"Sie...sie hat es dir gesagt...", stotterte ich.
Er wirkte ehrlich betroffen. "Ja, hat sie. Tut mir leid. Aber ich wusste doch nicht, was los war. London bitte, glaub mir einfach. Vertrau mir."
"Ich kann nicht!", schluchzte ich.
"Warum nicht?" Auch Nicks Augen füllten sich mit Tränen.
"Ich könnte es nicht ertragen, dich auch noch zu verlieren."
"Aber ich lasse dich nicht allein. Niemals."
Ich schüttelte nur verzweifelt den Kopf.
Nick wischte ein paar meiner Tränen weg. "Du tust uns doch nur beiden weh."
"Mir geht's gut", protestierte ich.
"Nein, geht es dir nicht, sonst würdest du nicht weinen." Nicks Stimme hatten wieder einen ruhigen, sanften Ton angenommen. "Gib uns eine Chance. Öffne dein Herz."
"Ich kann nicht, Nick."
"Warum nicht?"
"Wenn ich es tue, werde ich dich nie wieder rauswerfen können. Mir geht es gut allein."
"Okay." In seiner Stimme schwang genau das mit, vor dem ich ihn beschützen wollte. Ich tat ihm weh.
Es brach mir fast das Herz. Ich wollte ihm nicht weh tun, deswegen konnte ich mich auch nicht auf ihn einlassen. Ich würde ihm nur Unglück bringen.
"Du glaubst also, das damals, als wir uns zum ersten Mal gesehen haben, bedeutete nichts. Der Augenblick im Bad und danach in meinem Zimmer. Das hat dir nie etwas bedeutet, ja? Dann sag mir, dass du mich nicht liebst und mich nicht willst, und ich gehe", verlangte er.
Ich sah in seine Augen, in denen sich Tränen bildeten. Gott, ich liebte ihn so sehr. "Du weißt, dass das nicht stimmt."
Er wusste nicht, was er sagen sollte, um mich zu überzeugen. Es gab auch nicht wirklich etwas, was mir helfen könnte. Ich hatte einfach zu viel Angst.
"Mach die Augen zu", forderte er mich auf.
Ich tat es. Er war kurz davor, die Mauer völlig einzureißen, und das war es, was mir am meisten Angst machte. Dann wurde ich wieder verletzlich. Es war beängstigend, wie gut er mich jetzt schon kannte, denn er fand den einzigen Weg, meine Angst ein für alle Mal zu vertreiben. Er sang "I'll never break your heart".

Baby, I know you are hurting
Right now you feel you could never love again
Now all I ask is for a chance
To prove that I love you

From the first day
That I saw your smiling face
Honey I knew that we would be together forever
Ooh, when I asked you out,
you said no, but I found out
Darling that you'd been hurt
You felt that you'd never love again
I deserve a try, honey, just once
Give my a chance, and I'll prove this all wrong
You walked in you were so quick to judge
But honey, he's nothing like me

Chorus
I'll never break your heart
I'll never make you cry
I'd rather die, then live without you
I'll give you all of me, honey that's no lie

As I walked by you
Will get to know me
A little more better
Girl that's the way love goes
And I know you're afraid
To let your feelings show
And I understand
But girl it's time to let go
I deserve a try honey
Just once
Give me a chance and I'll prove this all wrong
You walked in, you were so quick to judge
But honey he's nothing like me
Darling why can't you see

Ich fing hemmungslos an zu weinen, als ich begriff, dass ich ohne ihn nicht mehr leben konnte. Und dass ich dabei war, ihn zu verlieren, weil ich es so wollte. Weil ich ihn aus meinem Leben vertreiben wollte.
Nick nahm mich in den Arm und ich lehnte mich an ihn. "Shh, es wird alles wieder gut", flüsterte er mir zu. "Nicht weinen, Prinzessin."
Die Art, in der er 'Prinzessin' zu mir sagte, brachte den Rest meines Herzens, das er nicht schon mit seiner Stimme zum Schmelzen gebracht hatte, jetzt dazu. Ich beruhigte mich allmählich. Wir sahen uns in die Augen, und ich öffnete mich ihm. Seine waren von den Tränen wieder grün geworden und strahlten so viel Liebe aus, dass mein Tränenstrom endgültig versiegte.
Vorsichtig nahm er mein Gesicht in seine Hände und zog es zu sich heran.
Ich sah zu seinen leicht geöffneten Lippen und wieder in seine Augen. Ich wusste, dass er auf ein Zeichen von mir wartete, und nichts tun würde, das ich nicht wollte.
Als ich ein bisschen lächelte, schloss er seine Augen, und ich tat es ihm gleich. Sanft presste er seine Lippen auf meine.
Mir war, als durchzuckte mich ein elektrischer Schlag und Tausende von Schmetterlingen schwirrten in meinem Bauch. Mein Herz hämmerte wie verrückt, aber es war ein anderes Herz: ein freies. Meine Hände vergruben sich in seinen Haaren, während er den Kuss vertiefte. Der Schmerz in meinem linken Arm war nicht mehr vorhanden, so gab ich mich meinen Gefühlen hin. Zärtlich verwickelte er mich in sein Zungenspiel.
Als er nach einer kleinen Ewigkeit von mir abließ, hielt ich meine Augen geschlossen. Ich musste zuerst Luft holen, mein Atem hatte sich merklich beschleunigt, wie auch seiner.
Er lehnte seine Stirn an meine und strich mit seinen Daumen liebevoll über meine Wangen.
Irgendwann öffnete ich meine Augen doch und blickte in seine. Ich wusste, dass meine genauso von Liebe erfüllt waren.
Er fuhr mit einem Finger leicht über meine Nase und hauchte mir noch einen Kuss auf den Mund.
Ich lächelte ihn glücklich an. "Ich liebe dich."
Freudentränen bildeten sich in seinen Augen, bevor er mich noch einmal an sich zog und wir in einem weiteren Kuss versanken.
"Ich liebe dich auch", antwortete er dann.
Wir standen vorsichtig auf. Er nahm meine Hand und legte den Arm um mich.
"Keine Angst mehr", versprach er mir.
Ich lächelte ihn an. "Nie wieder."
"Lass uns gehen."
Ich nickte nur. Den Weg legten wir schweigend zurück. Ich war glücklich. Einfach und vorbehaltlos glücklich.


KAPITEL 11

Als wir ankamen, blieben wir einen Moment zögernd vor der Tür stehen. Ich drehte mich zu ihm.
"Wir müssen es den anderen nicht gleich sagen, oder?" fragte ich nach.
Nick lächelte, nahm meine Hand und zog mich an sich. "Nein, die müssen ja nicht immer alles wissen", grinste er.
Wir küssten uns ein letztes Mal intensiv, bevor wir eintraten.
Howie trug gerade eine Schüssel nach draußen.
"Genau richtig zum Essen." Nicks Augen leuchteten auf, und ich puffte ihm in die Seite.
"Das ist natürlich faszinierender als ich", zog ich ihn auf.
Er schmunzelte. "Vielleicht können wir das ja mit dem Dessert arrangieren..."
Für diese Anmaßung bekam er noch einen empörten Stoß in die Rippengegend. Dann schickte ich ihn auf die Terrasse, während ich mich auf den Weg zu Brian machte.
"Hey Schlafmütze, aufwachen!" Ich rüttelte ihn sanft wach. "Möchtest du mitessen?" erkundigte ich mich.
"Was gibt's denn?" gähnte er und richtete sich auf.
"Kevin sagte etwas von Mexikanischem Reistopf oder so." erwiderte ich.
Brians Gesicht nahm förmlich eine grünliche Farbe an. "Nein, ich glaube lieber nicht."
"Magst du lieber eine Suppe?"
"Ja, um einiges. Ich sollte mich auskurieren. Und ich bin nicht so scharf auf die Gespräche, die ich noch vor mir habe."
Ich umarmte ihn kurz. "Niemand macht dir Vorwürfe."
"Du kennst Kevin nicht, ich wette er ist durchgedreht."
"Nein, er hatte einfach Angst um dich. Und wenn er dir etwas tun will, dann kriegt er es mit mir zu tun!"
Brian lächelte zum ersten Mal. Endlich. "Ich danke dir, du bist meine kleine Schwester. Mir tut alles so leid, ich weiß nicht, was in mich gefahren ist."
"Du musst dich bei mir nicht entschuldigen."
"Ich möchte aber. Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn dir etwas zugestoßen wäre."
Ich seufzte. "Wir haben wohl beide einen guten Freund da oben, was?"
"Es ist ein Wunder, dass nur dein Arm etwas abbekommen hat. Na ja... und dein Herz."
"Was?", fragte ich und starrte verwirrt an mir herunter.
Brian fing an zu lachen. "Ich meine dich und Nick."
Ich wurde rot. "So offensichtlich?"
Er grinste immer noch. "Ihr seid so schlechte Schauspieler, London. Und deine Augen strahlen, als wären sie radioaktiv. Du liebst ihn, oder?"
Ich wurde rot und sah auf den Boden. Dann breitete sich ein Lächeln auf meinem Gesicht aus. "Ja, sehr. Oh Brian, ich bin so glücklich."
Er zog mich in eine Umarmung und drückte mich fest. "Das freut mich. Ich wünsche euch alles Glück der Welt."
"Danke." Ich war schon wieder kurz davor, zu weinen. Meine Gefühlswelt hatte sich innerhalb von einem Tag mehrmals gedreht und ich brauchte dringend etwas Ruhe.
"Ich bringe dir die Suppe vorbei, ja?", schlug ich ihm vor.
"Das wäre lieb. Kannst du bei der Gelegenheit noch Taschentücher mitbringen?", bat Brian.
Ich versprach es ihm und machte mich auf den Weg in die Küche.
Kevin räumte noch etwas auf.
"Brian mag lieber eine Suppe, kannst du ihm noch schnell eine machen?" fragte ich ihn nach einer kurzen Begrüßung.
"Ja klar. Und wie geht's dir?"
"Gut, wieso fragst du?"
"Nick und du, ihr wart ganz schön lange weg."
Ich gab einen genervten Schnaufer von mir und verschwand. Gab es noch ein anderes Thema in diesem Haus?
An der Tür zur Terrasse blieb ich stehen. Ich lehnte mich an den Türrahmen und beobachtete die Unterhaltung der anderen Vier.
Sie lachten und sprachen angeregt miteinander. Alex und Paris saßen eng aneinander gekuschelt gegenüber von Howie und Nick, der etwas zu dösen schien. Die gesamte Atmosphäre wirkte so entspannt und friedlich wie schon lange nicht mehr. Der leichte Luftzug machte das warme Klima angenehmer.
Als ich meinen Blick so über den Tisch driften ließ, schnellte plötzlich Nicks Kopf hoch und er entdeckte mich. Er lächelte und blickte mir in die Augen, ich tat es ihm gleich. Kurz darauf bemerkte mich auch Howie.
"London, kommst du?" rief er mir zu. Ich nickte und kam näher. Unauffällig streifte ich Nicks Schulter, als ich an ihm vorbei ging und mich ihm gegenüber setzte.
Wieder wechselten wir einen verliebten Blick. Wenn das so weiterging, würde unser 'Geheimnis' nicht lange gewahrt bleiben. Doch in diesem Moment kam Kevin und so waren wir komplett.
"Entschuldigt, ich habe Brian noch seine Suppe gebracht, er fühlt sich noch nicht fit genug zum Aufstehen."
Ich sah ihn scharf an.
Er fing meinen Blick auf und verdrehte genervt die Augen. "Komm schon London, ich bin kein Monster, ich habe ihm keine Standpauke gehalten."
"Gut, sonst bekämest du auch mächtig Ärger mit mir", erwiderte ich ernst.
Schließlich gingen wir zum Essen über. Während Paris die Teller füllte, fragte Nick mich: "Lond' kannst du mir mal bitte den Sprudel geben?"
Ich sah mich suchend um und erblickte ihn neben mir. Gleichzeitig spürte ich, wie angespannt die Stimmung auf einmal war. Es war mucksmäuschenstill am Tisch.
Natürlich, noch vor ein paar Stunden hätte dieser Satz eine mittlere Katastrophe ausgelöst. Nicht nur, dass Nick mich angesprochen hatte, er hatte auch noch Lond' gesagt. Ich lachte in mich hinein. Wenn die wüssten! Ganz selbstverständlich nahm ich die Flasche und reichte sie ihm über den Tisch.
Seine Finger berührten meine länger als nötig. Wir sahen uns in die Augen und ich zog meine Hand langsam zurück.
"Dankeschön", lächelte Nick.
Ich sah in die Runde, die uns verblüfft gefolgt war. Jetzt musste ich doch grinsen.
"Gibt's ein Problem?", fragte ich gespielt unwissend und blickte auf Paris, die die Kelle aus der Schüssel in der Hand hielt und völlig verwirrt aussah.
"Nein überhaupt nicht", antwortete sie schnell und auch die anderen riefen sich zur Ordnung. Nick und ich wechselten einen amüsierten Blick.
Während des Essens hielt ich mich dann doch so gut es ging zurück. Mir war klar, dass die anderen auch nicht blind waren und es spätestens morgen erfahren würden. Aber es machte Spaß, sie hinzuhalten.
"Wie sieht's aus mit Bri, wie geht's ihm?", fragte Alex, nachdem wir abgeräumt und die Geschirrspülmaschine angestellt hatten.
"Es wird", antwortete ich. "Seine Erkältung dürfte mit einer großen Portion Sonnenschein morgen auskuriert sein. Und vorhin hat er angefangen, mit mir über den Vorfall zu sprechen. Ich weiß zwar immer noch nicht, wie er so durchdrehen konnte, aber ich würde morgen gerne einfach mal ein bisschen Zeit mit ihm verbringen. Ich denke, er muss sich alles von der Seele reden."
Die anderen nickten bestätigend, und ehe ich mich versah, war es schon wieder nach Mitternacht.
Ich gähnte. Egal wie sehr ich versuchte, mich wach zu halten, ich schlief beinahe am Tisch ein. Die Anspannung der letzten 24 Stunden fiel langsam von mir ab, und ich brauchte dringend etwas Ruhe.
Da die Jungs auch noch nicht hundertprozentig fit waren, wollten sie ebenfalls früh ins Bett gehen. Brian hatte sich schon vor einer Weile ins Bett begeben.
So stellten wir die Stühle zusammen und nahmen die restlichen Gläser mit ins Haus. Howie schloss die Tür und ließ die Rollläden herunter.
"Und ihr seid sicher, dass ihr bei euch schlafen wollt?", fragte Kevin nach.
Ich nickte. "Ja, ich brauche heute Nacht etwas Zeit für mich allein."
Das verstanden alle. Nun musste ich nur noch einen Vorwand finden, um kurz mit Nick alleine zu sein, damit ich mich von ihm verabschieden konnte.
"Oh, ich hab noch meine Klamotten bei dir liegen", sagte ich, an ihn gewandt.
Er verstand um was es mir ging und lächelte. "Kein Problem, wir holen sie einfach schnell."
"Bin gleich zurück!", rief ich Paris zu, die indes mit Alex beschäftigt war, und wir rannten die Treppe hoch in Nicks Zimmer.
Kaum hatte ich dir Tür geschlossen, umarmte er mich. "Du willst wirklich nicht hier bleiben?", hakte er nach.
"Sei mir nicht böse, aber wir sehen uns ja morgen sofort wieder."
"Ich werde dich trotzdem vermissen." Er fuhr mit seinen Händen durch mein Haar, und ich schloss die Augen und atmete tief aus.
"Ich dich auch..."
Voller Liebe nahm er mein Gesicht in seine Hände und gab mir einen zarten Kuss. Seine weichen Lippen umschlossen meine, und ich vertiefte ihn sofort. Viel zu schnell befreite er sich jedoch und verteilte federleichte Küsse auf meinem Hals.
Ich stöhnte leicht auf. "Nick..."
Er hörte nicht auf, im Gegenteil. Er liebkoste meine Schultern und drückte mich fester an sich. Mein Herz begann, schneller zu schlagen. Verlangen nach ihm brandete in mir auf.
Ich stieß ihn sachte, aber bestimmt weg.
Er streichelte mir noch immer mit dem Daumen unserer verschlungenen Hände über meine Hand.
"Wenn du so weitermachst, komme ich hier heute Nacht nicht mehr raus", lächelte ich.
Seine Augen blitzen mich übermütig an und er grinste verschmitzt. "Das ist der Plan."
"Ach so... und was glaubst du, was die anderen sagen, wenn wir nicht zurückkommen?", flüsterte ich, als sich sein Gesicht meinem wieder näherte.
"Ist mir egal...", hauchte er zurück und küsste mich wieder.
Ich konnte nichts anderes tun, als den Kuss zu erwidern, und verlor mich in seinen Zärtlichkeiten. Doch dann riss ich mich endgültig los. Ich ging zum Stuhl und nahm meine Kleidung an mich.
"Ich glaube, ich sollte jetzt wirklich gehen, sonst bin ich vielleicht nicht mehr stark genug dazu", erklärte ich Nick.
Er lächelte wissend, strich mir das Haar hinters Ohr und gab mir noch einen letzten Kuss. "Ich liebe dich."
Oh Mann, er wusste wirklich, wie er mich zum Schmelzen bringen konnte. "Ich dich auch."
Als wir uns auf den Weg nach unten machten, musste ich über mich selbst lachen. Es war doch nur eine Nacht!
"Ihr habt aber lange gebraucht!", bemerkte Paris, als wir sie erreichten.
"Als ob ihr die Zeit nicht genutzt hättet", frotzelte ich, Alex und sie anblickend.
Sie wurde rot und ich lachte. Nacheinander verabschiedeten wir uns.
Barfuss lief ich durch den Sand. Das Meer bewegte sich in einem ruhigen Rhythmus. Nichts deutete auf den vergangenen Sturm an. Nichts, mal abgesehen von dem Treibgut, das die Wellen angespült hatten.
Da der Mond hell und silbrig schien, fanden wir den Weg ohne Probleme. Valentine trottete schläfrig neben uns her.
Kaum hatte ich die Tür geöffnet, legte er sich in sein Körbchen, rollte sich zusammen und schlief weiter. Der Anblick brachte auch mich zum Gähnen.
"Gute Nacht." Paris umarmte mich und ich antwortete: "Schlaf gut."

Obwohl ich wirklich unendlich müde war, konnte ich nicht sofort einschlafen. Meinen Rollladen hatte ich nicht geschlossen, und so zeichnete das Mondlicht gezackte Silhouetten auf meiner Bettdecke ab.
Egal wie ich mich drehte und wendete, mein Arm schmerzte. Allerdings verabscheute ich Schmerztabletten, so dass Paris mir erst gar keine angeboten hatte.
Da ich auch nach mehreren Versuchen nicht einschlafen konnte, dachte ich über das Geschehene nach. Was hatte Brian nur dazu gebracht, so zu reagieren? Ich konnte es mir nicht erklären. Ich hoffte nur, dass er mir weiterhelfen konnte. Wenn nicht, würde es wohl immer ein ungelöstes Geheimnis bleiben.
Meine Gedanken wandten sich ziemlich schnell einer Person zu, Nick. Sobald ich an ihn dachte, breitete sich ein wohlig warmes Gefühl in mir aus, und ich musste lächeln, ob ich wollte oder nicht. Er machte mich so glücklich. Mit jeder einzelnen Berührung nahm er einen Teil der kalten Angst und Trauer aus meinem Herzen und ersetzte ihn durch Wärme und Liebe. Jedes Mal, wenn ich in seine Augen sah, wusste ich, wohin ich gehörte. Bei jedem Kuss spürte ich die unendliche Liebe, die niemals sterben würde.


KAPITEL 12

Ich war wohl doch früher oder später eingeschlafen, denn ich erwachte ausgeruht und zufrieden am nächsten Morgen. Ich fühlte, wie meine Kräfte zurückkehrten. Ich hatte so viel Energie, ich glaubte Bäume ausreißen zu können.
Obwohl, das ließ ich wohl lieber sein.
Ich kam in die Küche und fand einen Zettel von vor einer halben Stunde. Paris hinterließ mir, dass sie mit Alex Frühstück einkaufen war und wir uns alle drüben treffen würden. Da Valentine nirgends zu finden war, nahm ich an, dass sie ihn mitgenommen hatte.
Ich duschte, zog mich an und machte mich auf den Weg. Der leichte Wind würde meine Haare schnell trocknen.
Als ich ankam, stand die Tür sperrangelweit offen. Ich trat ein und fand Brian auf den Beinen vor.
"Tag der offenen Tür bei euch, was?", grinste ich.
Er lachte. "Hier musste mal durchgelüftet werden, du kannst aber jetzt zumachen."
Ich tat es. Bevor er nach draußen ging, rief ich ihn zurück.
"Hast du Lust, nachher mit mir einen Spaziergang zu machen?" wollte ich wissen.
Er stimmte zu.
"Geht's dir gut?" fragte ich nach.
"Ja, ich musste langsam mal aufstehen, das viele Liegen hat mich mehr Kraft gekostet als alles andere."
Ich konnte ihm das nachfühlen.
Ich folgte ihm auf die Terrasse, auf der Kevin, Nick und Howie saßen. Das Frühstück war komplett, bis auf Brötchen, die Alex und Paris mitbringen sollten.
Wie immer wurde ich fröhlich empfangen. Nach allgemeinem Austausch über Befinden und der Nachtruhe vernahmen wir ein lautes, mehrmaliges Hupen.
"Alex und Paris wahrscheinlich. Die brauchen sicher Hilfe", bemerkte Kevin und stand auf, um ihnen entgegen zu gehen. Howie schloss sich ihm an. Blieben also noch Brian, Nick und ich.
Nick und ich sahen erst einander und dann Brian an. Dieser schaute verwirrt zwischen uns hin und her, bis ihm ein Licht aufging.
Er schmunzelte und meinte: "Schon okay, wegen mir braucht ihr euch hier nicht zurückhalten."
Das ließen wir uns natürlich nicht zweimal sagen. Ich beugte mich zu Nick hinüber und wir versanken in einem Kuss.
"Guten Morgen", wünschte ich ihm danach.
"Dir auch. Gut geschlafen, Prinzessin?" "
Ich konnte nicht einschlafen." klagte ich spielerisch.
Nick drückte mich an sich. "Oh, warum nicht?"
"Weil du nicht da warst."
"Tja, und was können wir da machen?", fragte er gespielt mitleidig.
"Mich nicht mehr alleine lassen?", schlug ich vor.
Nick lachte. "Ich erinnere mich noch genau daran, wer gestern alleine sein wollte. Und das, wo ich doch alles daran gesetzt habe, dich bei mir zu behalten." Er tat beleidigt.
Sanft fuhr ich ihm durch die Haare.
Brian, der sich schon die ganze Zeit sein Lachen unterdrückte, prustete plötzlich los und Nick und ich wurden aus unserem 'Traum' gerissen.
"Was denn?" fragte ich grinsend. Sein Lachen war verdammt ansteckend.
"Ihr müsstet euch mal sehen!", keuchte er. "Ihr benehmt euch, als wärt ihr 1 Jahr getrennt gewesen, nicht eine Nacht. Ihr seid so süß!" Inzwischen heulte er schon vor Lachen.
"Halt die Klappe!", riefen Nick und ich gleichzeitig, was ihn noch mehr erheiterte. Er steckte uns an und so saßen wir alle lachend am Tisch und konnten nicht mehr aufhören.
"Was gibt's denn hier so Lustiges?", fragte Alex, der gerade zur Tür hinaus kam.
"Hi Alex," begrüßte ich ihn, und bekam mich langsam wieder unter Kontrolle. "Ist schon vorbei", fügte ich hinzu.
"Schade", meinte er und gab mir einen Kuss auf die Wange. "Morgen." Grüßte er zurück, klopfte Brian kurz auf die Schulter und fuhr Nick durch die Haare. "Na, Nicky, ausgeschlafen?" fragte er grinsend.
"Alexander James McLean, hör endlich auf mich Nicky zu nennen!"
"Nicht, bevor du einsiehst, dass nur meine Mom mich so nennen darf, Nickolas Gene Carter."
Brian und ich warfen uns einen belustigten Blick zu. Das ging jeden Morgen so.
Das Frühstück zog sich wie immer in die Länge, da jeder zu faul war, den ersten Schritt zum Abräumen zu machen. Doch irgendwann wurde es einfach zu heiß um in der prallen Sonne zu sitzen.
Wir teilten uns auf. Paris und ich kümmerten uns um meinen Arm, Alex, Nick und Kevin gingen schon vor an den Strand, stellten Sonnenschirme auf und richteten Badetücher, Howie und Brian räumten auf.
"Wie fühlt es sich an?", fragte Paris mich, als sie den Verband abwickelte.
Ich dachte bei der Frage zuerst an Nick, bevor mir schnell klar wurde, dass sie eigentlich meine Verletzung meinte. "
Es geht so. Nicht mehr so schlimm."
"Vielleicht solltest du heute etwas Luft an die Wunde kommen lassen. Und wenn du es erträgst, würde das Meerwasser die Heilung bestimmt beschleunigen. Allerdings brennt das Salzwasser wahrscheinlich höllisch."
Trotz allem gab ich Paris Recht, und wollte auch versuchen, solange im Wasser zu bleiben, wie ich es aushielt. Ich konnte im Moment ja nicht schwimmen, und je schneller die Verletzung heilen würde, desto früher konnte ich wieder ins Wasser.
Ich ließ es trotzdem nicht sofort darauf ankommen, sondern legte mich erst einmal friedlich in den Schatten und las. Neben mir döste Howie vor sich hin, und auch die anderen schienen müde zu werden. Vor allem Brian, der selig an Gilli gekuschelt schlief.
Natürlich gerade dann, als ich Lust hatte doch mal ins Wasser zu gehen, hatten alle ihre Augen geschlossen.
Bis auf einen. Ich richtete mich auf und rief über alle Schlafmützen hinweg: "Nick?"
Er sah von seinem Block auf. Derweil bemerkte ich erheitert, dass die anderen nicht schliefen. Ich konnte praktisch sehen, wie sie alle ihre Ohren spitzten und mir ihre Aufmerksamkeit zuwendeten.
"Lust mit ins Wasser zu kommen?", fragte ich.
Seine Antwort war, dass er die Stiftkappe auf den Stabilo steckte, den Block aufs Handtuch legte und aufstand. Währenddessen hatte ich mich auch schon auf den Weg zu ihm gemacht, und wir gingen, beobachtet von 4 Augenpaaren, zum Meer.
Es war angenehm warm, und ich ging Schritt für Schritt rein. Soweit, wie ich meinen Arm noch über Wasser halten konnte. Ich wusste, dass es brennen würde, und darauf war ich nicht gerade scharf.
Nick tauchte einmal unter und kam dann zurück zu mir. Er blickte mir in die Augen. "Angst?"
Ich schüttelte den Kopf. "Nein, aber ich weiß, wie furchtbar das gleich brennt."
Er überlegte einen Moment. "Weißt du, was wir machen? Ich zähle auf drei und dann tauchen wir beide unter."
Ich willigte ein. Nick nahm meine unverletzte Hand in seine, und bei drei holten wir tief Luft und tauchten unter.
Ein scharfer Schmerz durchfuhr meinen Arm, doch ich konnte ihn gar nicht so schnell erfassen, wie Nick mich an ihn zog und seine Lippen auf meine presste. Alles, was ich noch fühlte, waren sein leidenschaftlicher Kuss und seine Hände auf meinem Körper. Das Brennen in meinem Arm registrierte ich nicht. Als wir außer Puste auftauchten, erinnerte mich nur noch ein Prickeln an das Vorhandensein der Wunde.
Ich war empört. "Das war ein Trick!", rief ich entrüstet.
Nick lachte. "Ja, aber es hat geholfen, oder?"
Sein Gelächter steckte mich an. "Du bist unmöglich", tadelte ich.
Er lächelte. "Ja, aber deswegen liebst du mich."
"Ach, tue ich das?" Ich tat unwissend.
"Das hoffe ich", sagte er leise und wollte mich gerade wieder küssen, als ich mich umdrehte und losrannte.
Nach einer Schrecksekunde heftete sich Nick an meine Fersen. Dadurch, dass ich mich fast totlachte, hatte ich keine vollständige Kontrolle über meine Muskeln, und Nick fing mich kurz vor dem rettenden Platz ab. Wir fielen beide lachend in den Sand. Schnell rollte ich mich über ihn und stemmte mich mit beiden Knien und Armen neben ihm ab, so dass er mir auf dem Rücken liegend nicht entkommen konnte.
"Festgenagelt", sagte ich genüsslich.
Während wir uns ernst, ohne zu blinzeln ansahen, hob sich ein Kopf nach dem anderen und beobachtete uns. Brian, der inzwischen wach war, grinste unverhohlen, der Rest kriegte den Mund nicht mehr zu.
Von meinen nassen Haaren fielen kleine Tropfen neben und auf Nicks Gesicht. Einer landete auf seinem Mund.
Als wäre das mein Stichwort, senkte ich Zentimeter für Zentimeter meinen Kopf. Noch immer fixierten wir einander. Nicks Arm schlang sich um meine Hüfte und zog mich auf ihn, kurz bevor sich unsere Lippen in einem stürmischen Kuss trafen.
Ich schloss meine Augen und gab mich meinen Gefühlen hin. Beim Küssen vollführten wir eine halbe Rolle, so dass an meinem nassen Körper überall Sand kleben blieb. Als sich Nicks Lippen schließlich von meinen lösten, musste ich zunächst wieder in die Realität zurückfinden, so hatte ich mich in ihm verloren. Meine Atmung hatte sich beschleunigt und am zügigen Heben und Senken seines Brustkorbes konnte ich auf das Gleiche schließen.
Ich lächelte ihn glücklich an, als er sich neben mich setzte, meine Hand in seine nahm und unsere Finger miteinander verschlang. Erst als ich mich ebenfalls aufsetzte, bemerkte ich die Gesichter der anderen.
"Eure Münder stehen offen. Sieht nicht schön aus", sagte ich ruhig zu Alex, Paris und Howie, um meine Verlegenheit zu überspielen. Brian warf ich einen verschwörerischen Blick zu.
Da bekam Kevin plötzlich einen gewaltigen Lachanfall. Er konnte sich gar nicht mehr beruhigen. Ich schaute Nick fragend an, der nur mit den Schultern zuckte und mir noch einen schnellen Kuss verpasste.
"Was denn?", rief ich Kevin zu, als er endlich einigermaßen zur Ruhe gefunden hatte.
"Nur über meine Leiche, ja? Wann bist du gestorben, London?", lachte er.
Gegen meinen Willen musste ich auch lachen. "Witzig Kevin", gab ich zurück und schleuderte eine Handvoll Sand in seine Richtung.
Natürlich wollten nach dieser Bemerkung alle die gesamte Geschichte hören.


KAPITEL 13

Als die Neugier der anderen befriedigt war, konnten Brian und ich auch endlich zu dem versprochenen Spaziergang aufbrechen. Allerdings war es uns zum Herumlaufen zu heiß, und so beschlossen wir, uns ins Haus zu begeben.
Wir rückten die Stühle auf der Terrasse in den Schatten und ließen uns darauf nieder. So hatten wir unsere Ruhe und waren nicht der prallen Sonne ausgesetzt.
Für ein paar Minuten ließ ich das Geschehen einfach noch einmal Revue passieren. Ich hatte selbst keine Ahnung, wie ich damit umgehen sollte, wie also konnte ich ihm helfen?
"Ich weiß, du erwartest von mir, dass ich dir erkläre, was sich abgespielt hat", sagte Brian in die Stille hinein.
Ich sah ihn verwundert an. "Ich erwarte überhaupt nichts von dir", versicherte ich ihm.
"Dann tun es die anderen."
Bevor ich ihm widersprechen konnte, winkte er ab.
"Ich weiß, dass es so ist. Sie warten auf eine logische Erklärung von mir. Nur, dass es die nicht gibt."
Jetzt verwirrte er mich wirklich.
"Glaubst du an Gott?"
Bei dieser Frage fing ich langsam an, mir um ihn Sorgen zu machen. Irgendwas lief hier schief. Ich war nicht da, um mit ihm über Gott zu sprechen. Trotzdem ließ ich ihn einfach machen. Wie auch immer er jetzt auf Gott kam, ich würde einfach ehrlich antworten.
"Sicher."
"Und an Visionen, Auditionen und so etwas?"
Irgendwie schien mir das Gespräch in eine Richtung zu gehen, die nicht ganz meinen Vorstellungen entsprach. Aber seine Frage wecke eine Erinnerung, die tief in mir schlummerte. Es war einige Jahre her. Ich hatte friedlich auf meinem Bett gelegen, als ich mich anstatt in meinem Bett in der Wüste wiederfand. Und es war definitiv kein Traum gewesen. Ich war wach. Innerhalb von Sekunden löste sich das Bild auf, aber diese Sache ging mir manchmal noch heute nach. Was also sollte ich antworten?
"Sag schon, glaubst du daran?"
Ich seufzte. "Ja."
"Gut, dann wirst du mich vielleicht verstehen."
Wie bitte? Hatte ich irgendwo den Faden verloren?
Bevor ich mir mehr Gedanken machen konnte, fing Brian an zu erzählen: "Ich habe zu der besagten Zeit nicht geschlafen. Ich habe ein Licht gesehen, und ich wusste einfach, dass etwas passieren wird. Dass wir hier raus müssen. Das Gefühl machte mir Angst, und ich wollte euch alle wecken. Danach kann ich mich nicht mehr genau an alles erinnern. Ich weiß noch, wie ich gesehen habe, dass diese riesige Pinie umfiel, ich mich aber nicht rühren konnte. Es war so schrecklich."
Die Erinnerung daran kostete ihn einige Kraft. Jeder andere hätte ihn wahrscheinlich auch als geistig verwirrt eingestuft. Aber ich wusste einfach, dass er die Wahrheit sagte. Obwohl es mehr als abgedreht klang. Da ich mir nicht im Klaren war, was ich noch sagen sollte, ging ich einfach zu ihm und nahm ihn in den Arm. Manchmal half Nähe mehr als Worte.
"Ich glaube dir."
"Danke. Ich weiß einfach nicht, wie ich so in Panik geraten konnte. Ein Teil der Erinnerung fehlt komplett. Nachdem ich mein Zimmer verlassen habe, bis du auf der Couch vor mir gesessen bist. Mit Ausnahme von der Pinie, wie gesagt. Es macht mir Angst, dass ich nicht weiß, was passiert ist. Was hätte ich gemacht, wäre Nick nicht da gewesen? Du wärst tot, und ich wäre Schuld." Seine Augen wurden wässrig.
"Brian, ich bin aber nicht tot. 'Was wäre wenn' hilft nichts. Plag dich nicht damit. Vergiss das Ganze einfach. Je schneller du darüber hinweg kommst, desto schneller kannst du wieder ein normales Leben führen. Und rede dir nie - nie, hörst du? - wieder ein, dass du Schuld daran hast. Es war ein Unfall. Es hätte jeden von uns erwischen können."
"Danke dass du da bist, London."
"Hey, ich bin immer für dich da, okay?"
Wir saßen noch eine geraume Weile einfach so da. Ohne ein Wort zu sprechen. Wir genossen einfach die Nähe zueinander. Das Gefühl, dass jemand da war, der einen verstand.
Als ich den anderen später von unserer Unterhaltung erzählte, blieb die erwartete Reaktion aus.
"Habt ihr mich verstanden?" fragte ich unsicher nach. "Warum glaubt ihr das, was ich euch gerade erzählt habe?"
Alle sahen mich an. Kevin sprach schließlich aus, was alle dachten. "Wieso sollten wir nicht?"
"Na ja... Ottonormalbürger hätte mich für komplett irre gehalten."
Nick grinste. "Wir sind aber nicht normal."
"Mal davon abgesehen, warum glaubst du ihm?"
Howie's Frage ließ mich ihr Verhalten endlich verstehen. Wir glaubten es, weil wir Brian glaubten.
Trotzdem hing jeder seinen Gedanken nach. Weder heute noch am nächsten Tag unterhielten wir uns viel. Jeder verarbeitete die Vergangenheit auf seine Art.
Sogar Nick und ich hielten Abstand voneinander. Wie verhielt man sich auch gegenüber jemandem, ohne den man nicht mehr am Leben wäre? Der einem nur Liebe entgegengebracht hatte, obwohl man ihm den blanken Hass entgegen geschleudert hatte? Wie ging man damit um, dass man eigentlich tot wäre?
Ich ging damit um wie immer. Ich packte die Ereignisse, verkorkte sie und warf sie tief nach unten ans Ende meiner Seele. Ich wollte nur hoffen, dass sie nicht mehr so schnell auftauchten.


KAPITEL 14

Mein Arm war am Ende der Woche endlich verheilt, worüber ich mehr als glücklich war. Das einzige Erinnerungsstück, das blieb, war eine langgezogene Schramme. Bis die Haut sich im Ganzen regeneriert hatte, würde es jedoch noch dauern.
Aber das war mir egal. Ich konnte wieder schwimmen, kochen und einfach alles tun. Bei meiner plötzlichen Hyperaktivität kamen die anderen fast nicht mehr mit. Alex knurrte einmal, als ich ihn während der Mittagszeit beim Dösen störte: "Du hängst zu viel mit Nick rum, London! Wo ist die ruhige, entspannte Prinzessin, die ich kenne?"
Darüber musste ich nur lachen. Ich würde früh genug meine innere Ausgeglichenheit wiederfinden. Bis dahin musste ich die überschüssige Energie loswerden.
Eines Morgens hatte ich sogar das seltene Glück, vor Nick wach zu sein und ihn wecken zu können. Normalerweise war er nämlich, obwohl auch er ein Langschläfer war, derjenige, der mich drängte aufzustehen, weil er keine Minute ruhig liegen, geschweige denn sitzen konnte. Na ja zumindest selten.
Mittlerweile waren Paris und ich vollkommen in das Haus der Jungs eingezogen. Wir wohnten ja sowieso nie bei uns, wir kochten drüben, und die Nacht wollte ich natürlich auch nicht ohne Nick verbringen. Es war eigentlich ein Wunder, dass ich noch nicht total genervt von allen war. Ich hielt es normalerweise nicht lange mit jemandem zusammen aus, wenn ich ihn 24 Stunden am Tag sehen musste. Von Nick konnte ich im Gegenteil gar nicht genug kriegen. Die anderen zogen uns schon auf, wenn wir mal wieder so in unserer eigenen Welt waren, dass wir um uns herum nichts mehr wahrnahmen.
"Kann ich dich was fragen?", forschte Nick nachmittags, als die anderen eine Runde Beach-Volleyball spielten, wozu wir keine Lust gehabt hatten.
Ich sah ihn an. "Alles."
Er lächelte und nahm meine Hand. "Würdest du heute Abend mit mir ausgehen?"
"Wie meinst du das?"
"Na, ich dachte mir, ich lade dich zum Essen in die Stadt, Verzeihung, das Dorf, ein, und danach... weiß nicht, das können wir ja dann entscheiden. Möchtest du?"
Ich war begeistert. "Natürlich! Danke."
"Ich sollte eher dir danken."
Ich gab ihm einen liebevollen Kuss. Danach legte ich mich wieder neben ihn und ließ mir die Sonne auf die Haut scheinen.
"Nick?"
"Hm?"
Ich drehte meinen Kopf, schaute zu ihm rüber und sagte: "Ich liebe dich."
Er lächelte und drückte meine Hand. "Ich liebe dich auch."

Ich rannte schon seit einer Viertelstunde wie ein aufgescheuchtes Huhn bei uns im Haus herum. Paris war schrecklich genervt, und ich war völlig fertig, weil ich einfach nicht das Richtige zum Anziehen fand.
"Wie findest du das?", fragte ich Paris zum x-ten Mal, als ich ihr mein schwarzes, kurzes Kleid präsentierte. Es war schräg geschnitten, hatte Spaghettiträger und passte perfekt zu der silbernen, funkelnden Kette, die ich mir auf der Herfahrt gekauft hatte.
Sie seufzte. "Es steht dir gut. Komm schon London, du siehst in allem toll aus. Zieh einfach eins an. Es ist ja nicht so, als wäre das eine Staatsaffäre. Du gehst mit Nick essen, das ist alles."
"Wenn du ihn ein bisschen besser kennen würdest, wüsstest du, dass es sehr wohl eine Staatsaffäre ist. Oder wie oft geht Nick freiwillig in ein Restaurant?" Wir lachten.
"Ja okay, stimmt. Aber jetzt lass das Kleid an, sonst wirst du nie rechtzeitig fertig."
Sie hatte, wie so oft, Recht.
Nachdem ich etwas dezentes Make-up aufgelegt hatte, steckte sie meine Haare hoch. Sie war einfach eine Künstlerin. Schon immer war sie diejenige, die uns die schönsten Frisuren verpasste.
Gerade als ich in die schwarzen Schuhe schlüpfte, klingelte es. "Okay, wie sehe ich aus?" fragte ich Paris zum letzten Mal.
"Super, sagte ich doch schon. Und jetzt raus mit dir, bevor ich noch wahnsinnig werde", witzelte sie.
Ich umarmte sie. "Du bist die beste. Danke."
Sie winkte nur ab und verließ den Raum diskret.
Ich öffnete die Tür. Nick stand da und sah mich bewundernd an. "Wow... du siehst wunderschön aus."
Ich wurde rot. "Danke. Gleichfalls."
Nick trug eine dunkle Jeans, ein schwarzes Hemd und hatte seinen weißen Pullover um die Schultern gelegt. Seine Haare waren wie immer zwar mit viel Mühe gegelt, sahen aber trotzdem wuschelig aus.
Wie am ersten Abend, dachte ich. Süß aber sexy. Als er mir jetzt noch einen kurzen, zärtlichen Kuss gab, war es völlig um mich geschehen.
"Können wir gehen?" fragte er und hielt mir seinen Arm hin.
Ich hakte mich ein und wir verließen das Haus.
"Mit was für einem Auto fahren wir", fragte ich auf dem Weg.
"Brian hat mir seinen BMW für heute Abend geliehen", antwortete Nick, und sobald wir ankamen, ging ich auf die Fahrerseite.
Nick blieb verdutzt neben dem Beifahrersitz stehen.
"Schlüssel?", forderte ich ihn auf.
"Was?"
"Ich fahre. Glaubst du ernsthaft, ich lasse mich auf deinen Fahrstil ein?"
Nick stöhnte auf. "Oh Mann, was hat Kevin dir erzählt?"
Ich grinste. "Das wiederhole ich lieber nicht. Und jetzt her mit den Schlüsseln."
"Ich habe dich eingeladen, da kann ich dich doch nicht fahren lassen!"
"Wenn du mir jetzt nicht sofort die Schlüssel gibst, wirst du mich heute zu gar nichts mehr einladen, dann bleiben wir nämlich hier!"
Nick sah ein, dass er der Unterlegene war. Er griff in seine Tasche, zog die Schlüssel heraus und warf sie mir übers Autodach zu. "Na bitte, warum denn nicht gleich so?", neckte ich ihn.
Als wir eingestiegen waren, meinte Nick. "Was machst du, wenn Brian nicht will, dass du sein Auto fährst?"
Ich grinste nur. "Wenn er sogar dir seinen BMW anvertraut, muss er bei mir wirklich nichts befürchten."
"Frech bist du gar nicht, was?"
Ich fuhr aus der Einfahrt heraus durch den kleinen Pinienwald. "Nein, das würdest du dann schon merken."


KAPITEL 15

Es gab nur ein Restaurant in St. Mireille. Dass es überhaupt eines gab, hatte mich schon verwundert. Es lag im Erdgeschoss eines alten, aus Holz gebauten Hauses. An den Fenstern hingen Blumenkästen, aus denen zwischen Kräutern und dem allseits üblichen Lavendel auch Geranien wuchsen. Es war ein Familienbetrieb, und eine ältere, freundliche Dame führte uns durch das Gasthaus nach hinten in den Garten.
Dort standen runde, von Sonnenschirmen überdachte Tische. In der Mitte befand sich ein Springbrunnen, aus dem nach allen Seiten hin das Wasser plätscherte. Jeden Tisch zierte eine typisch provençalische Tischdecke und eine Laterne mit einem Licht darin. Dieses zündete die Wirtin auch sogleich an, und fragte uns, was wir trinken wollten.
"Möchtest du einen Wein?" fragte ich Nick.
"Nein, du kannst ruhig was trinken. Ich fahre zurück."
Ich lächelte. "Du vergisst, dass ich erstens keinen Alkohol trinke und dich zweitens nicht fahren lasse. Also was möchtest du?"
"Ich habe keine große Ahnung von Weinen."
Ich grinste triumphierend.
"Ich aber."
"DU? Du trinkst doch nichts, dachte ich."
"Das hält mich aber nicht davon ab, meinem Vater zuzuhören. Und mit den Jahren habe ich ein ganz gutes Gefühl entwickelt."
"Okay. Also was empfiehlst du mir?" Nick reichte mir die Weinkarte und ich las sie kurz durch.
"Schwere Entscheidung. Rot- oder Weißwein?"
"Kommt auf das Essen an, ich schätze aber eher Rotwein."
"Gut. Entweder den Côte du Rhone oder den Burgunder."
Nick überlegte einen Moment. "Welcher ist nicht so trocken?"
"Der Burgunder."
"Dann nehme ich den."
Ich bestellte für mich eine Flasche Sprudel und 1/4 Burgunder für Nick. Die Wirtin fragte mich noch darüber aus, woher wir kamen und so sprach ich eine Weile mit ihr. Nick saß neugierig daneben.
Als wir alleine waren, fragte er: "Worüber habt ihr gesprochen?"
Ich grinste in mich hinein, antwortete aber völlig ernst: "Ach, sie hat nur gefragt, ob du nicht dieser berühmte Sänger bist und ich hab ihr das bestätigt. Sie meinte sie trommelt schnell alle Frauen im Dorf zusammen, damit du ihnen was vorsingen kannst."
Mit jedem Wort breitete sich mehr Entsetzen in Nicks Gesicht aus. "Was? Das ist nicht dein Ernst, oder?"
Bei seinem Gesichtsausdruck brach ich in Gelächter aus, und Nick kapierte, dass ich ihn nur aufgezogen hatte.
"Das war nicht fair!" schmollte er.
Ich beruhigte mich und nahm seine Hand. "Komm schon, es war nur ein Scherz." Bettelnd sah ich ihn an und er lachte schließlich mit.
Die Getränke kamen, mit ihnen die Speisekarte. Ich bestellte kurz einen alkoholfreien Aperitif, ohne den ein Essen meiner Meinung nach nichts hergab. Nick sah mich wieder fragend an.
"Ich hab nur die Vorspeise bestellt."
"Ach so", erwiderte er und vertiefte sich in die Karte. Doch dann sah er alarmiert auf. "Was für eine Vorspeise?"
"Für mich ein halbes Duzend Austern und für dich traditionelle Schneckensuppe."
Nick verzog angewidert das Gesicht. Solange, bis ihm ein Licht aufging. "Oooh, du hast mich schon wieder reingelegt!"
Ich lachte los. "Das hast du aber früh begriffen!" Ich sah ihn amüsiert an.
Er versuchte, beleidigt zu sein, musste aber früher oder später auch wieder lachen. "Okay jetzt mal ernsthaft, ich glaube ich komme mit der Speisekarte sowieso nicht klar, also würdest du mir helfen?", bat er mich.
"Tja, da hätte wohl jemand in den Französischstunden besser aufpassen sollen..." feixte ich.
Nick grinste anzüglich. "Oh, ich bin gut in Französisch."
Dafür bekam er einen Klaps auf die Hand von mir. "Ich verbitte mir solche Bemerkungen beim Essen."
"Außerdem brauche ich ja nicht Französisch lernen, wenn es einer von den anderen schon kann, oder?"
Ich sah ihn erstaunt an. "Wer von euch spricht Französisch?"
"AJ."
"Im Ernst? Alex spricht Französisch?"
"Klar." Nick grinste.
Da klingelte es bei mir. "Du hast mich angelogen!", rief ich empört.
Nick lachte. "Nicht mehr als du mich vorhin."
"Okay, dann sind wir jetzt quitt", bestimmte ich. "Also, dann gehen wir mal die Karte durch..."
Ich setzte mich neben ihn. "Was haben wir denn da... ich übersetze es dir einfach von oben nach unten... Ochsenaugensuppe, Froschschenkel, gemischter Salat, Schneckensuppe... siehst du, da haben wir es ja..."
Nick unterbrach mich. "Ja, sicher. Du kannst mich nicht noch mal für dumm verkaufen."
"Ich glaube nicht, dass ich dafür viel Geld bekäme...", murmelte ich und erntete einen empörten Stoß in die Rippen. Ich lachte, wurde aber ernst, als ich Nick ansah.
"Du weißt gar nicht, wie sehr ich dich liebe", sagte ich.
Er lächelte. "Ich glaube, ich kann es mir ganz gut vorstellen."
"Nein, ich meine... du hast mich nie aufgegeben, egal wie gemein ich zu dir war. Ich war davon überzeugt, dass ich mein Leben alleine regeln kann. Du hast mir gezeigt, dass es nicht so ist. Dass ich dich brauche, und dass ich dich liebe. Denn das tue ich. Von ganzem Herzen und aus tiefster Seele. Ich liebe dich Nick, ich liebe dich so sehr."
Tränen hatten sich in seinen Augen gesammelt. Er wischte sie weg, atmete tief ein und lächelte schwach. "Entschuldigung, ich muss mich erst mal sammeln..." Schließlich sah er mich an. "Niemand kann alleine sein. Aber du warst niemals allein. Paris war immer da. Du dachtest nur, dass du alleine bist. Aber ich bin hier, und ich werde immer für dich da sein. Weil ich dich liebe, und immer lieben werde."
Jetzt war ich diejenige, die weinte. Nick strich die Tränen von meinen Wangen und näherte sich meinem Gesicht. "Ich liebe dich", sagten wir gleichzeitig, und unsere Lippen trafen sich in einem warmen, weichen Kuss.
Irgendwie schafften wir es, voneinander loszukommen. Ich erbarmte mich, Nick die Karte vorzulesen, wobei ich selbst ein paar Mal hängen blieb.
Da unsere Getränke kamen, sobald ich wieder gesittet auf meinem Platz saß, nahm ich an, dass die Wirtin uns rücksichtsvoll ein bisschen Zeit für uns gelassen hatte. Wir bestellten das Essen, wobei Nick sich für eine Fischvariation und ich mich für den Salatteller mit Scampi entschieden hatte.
Wir nahmen unsere Aperitifgläser und sahen uns tief in die Augen. Da war wieder dieser Blick, der direkt in meine Seele ging.
"Auf uns?", fragte Nick.
"Auf unsere Liebe." So stießen wir an.
Das Essen war phantastisch- und ich war in der Hinsicht nicht leicht zu beeindrucken.
"Möchtest du von mir probieren?", fragte Nick mich sofort.
Ich lehnte dankend ab. "Ich bin allergisch gegen Fisch. Komischerweise nicht gegen Meeresfrüchte, ich weiß nicht, woher es kommt."
Er sah mich erschüttert an.
"Ist nicht schlimm, ich mochte Fisch sowieso nie", beruhigte ich ihn.
"Echt? Ich liebe Fisch, so eine Allergie würde mich umbringen."
Ich schüttelte nur den Kopf. "Nein, man muss sich nur etwas arrangieren. Es war auch schon schlimmer. Früher konnte ich zusätzlich keine Nüsse und Zitronen essen, und hatte furchtbaren Heuschnupfen. Bei den Äpfeln liegt es an der Schale. Sobald ich die abschäle, habe ich keine Probleme."
"Kompliziert", antwortete Nick mitfühlend.
Ich lächelte. "Ich bin keine einfache Person."
"SO habe ich das nicht gemeint."
"Weiß ich doch. Lass uns von etwas anderem reden, okay?"
Das taten wir dann auch. Nick erzählte mir von seiner Kindheit in Tampa.
"Was war das schlimmste, was du jemals angestellt hast?", wollte ich wissen.
Nick überlegte eine Weile und lachte dann. "Einmal, an Weihnachten, traf ich mich mit meinen besten Freunden. Wir waren ungefähr 10 Jahre alt. Und bei uns gab es auf dem Rathausplatz immer einen riesigen Tannenbaum, geschmückt mit Strohsternen und Kerzen. Wir schnappten uns also unsere Fahrräder und schlichen uns spät Abends dorthin. Dann haben wir alle Kerzen vom Baum geklaut und sie versteckt. Der Bürgermeister war schrecklich sauer, als er es bemerkte, aber sie haben niemals herausgefunden, wer es war."
Ich lachte. "Das war gemein!"
"So schlimm war es auch nicht." Nick wurde rot.
"Wie bitte? Ihr wart der Grinch!" Die Vorstellung, wie der Bürgermeister am nächsten Morgen seinen 'entkleideten' Baum vorgefunden hatte, war einfach zu herrlich.
Irgendwann hatten wir das Essen beendet und saßen einfach nur zusammen und erzählten uns voneinander. Man konnte es fast Date nennen, nur dass wir schon zusammen waren. Aber wir lernten uns definitiv noch besser kennen.
"Möchtest du noch Nachtisch?" fragte Nick mich später.
"Ich kriege keinen Bissen mehr runter", verneinte ich.
"Kaffee? Espresso?", forschte Nick weiter.
"Nein, danke, für mich nicht."
"Sicher?", Nick grinste und ich musste lachen.
"Ja!"
"Okay, wollen wir dann gehen?" Ich stimmte zu.
Es war bedeutend kühler geworden, als wir auf die Straße kamen. Ich ging auf die andere Straßenseite hinüber und sah den Hügel hinab aufs Meer. Der Mond schien als Sichel und zog eine silberne Spur über die Wellen.
Mich fröstelte, also fuhr ich mir wärmend über den Arm. Nick trat hinter mich.
"Kalt?"
"Ein bisschen. Ist wohl der Wind."
Nick nahm seinen Pullover und legte ihn mir um. Dann umarmte er mich von hinten und legt sein Kinn auf meine Schulter.
Für ein paar Minuten beobachteten wir nur die leisen Wellen, die den Strand umspülten, und sprachen nichts. Dann seufzte ich.
"Ist es nicht wunderschön?"
"Fast so schön wie du", flüsterte Nick.
Ich wurde rot.
Nick lachte leise und gab mir einen Kuss auf die Wange. "Gehen wir?"
Ich nickte, und so machten wir uns auf den Weg zum Wagen.
"Schlüssel?" fragte ich wieder.
Nick öffnete gerade den Mund um etwas zu sagen, ließ es aber doch bleiben und gab mir die Schlüssel.
Ich grinste. So langsam verstanden wir uns!


KAPITEL 16

Das Haus lag ruhig, kein Licht brannte. Es konnten doch nicht alle schon im Bett sein, dazu war es noch zu früh. Bei Paris und mir im Haus waren sie bestimmt auch nicht.
Die Läden waren geschlossen, und uns empfing ein Zettel an der Tür.

Nick & London,

wir machen in der Felsenbucht
ein Lagerfeuer und
übernachten auch dort.
Wenn ihr Lust habt, könnt
ihr auch kommen!
Wenn nicht, bis morgen!

Kevin, Alex, Brian, Howie, Paris


Ich blickte Nick an. "Machen die das wegen uns?"
"Das weiß man nie so genau... macht's dir was aus?"
Ich erwiderte sein Lächeln. "Dass wir die Bande los sind? Machst du Witze?" Wir grinsten verschwörerisch und ich schloss die Tür auf.
Dunkelheit. Es war ein seltsames Gefühl, dass das Haus leer stand, wo sonst immer Halli-Galli war. Jedoch konnte ich nicht behaupten, dass es mir nicht gefiel, alleine mit Nick zu sein.
In Nicks Zimmer angekommen, entschieden wir, erst einmal Musik anzumachen.
"Such du aus," bat er.
"Was hast du?" fragte ich ihn.
Er wies auf seinen CD-Stapel und entschuldigte sich kurz.
Abschätzend ging ich die CDs durch. Nirvana, Jodeci, Boyz II Men, Journey, Michael Jackson... meine Güte, besaß er auch irgend etwas, das ich mochte? So viel wie wir gemeinsam hatten, so unterschiedlich war unser Musikgeschmack.
Immerhin, Red Hot Chili Peppers. Aber das war momentan nicht wirklich das, nach dem mir war. Der Save the Last Dance Soundtrack riss es dann doch noch raus.
Gerade als ich die CD einlegte und auf Play drückte, merkte ich, dass Nick zurück war. Er kam zu mir und umarmte mich von hinten. Seine Hände blieben auf meinen Schultern liegen.
Mir lief ein kalter Schauer den Rücken herunter, als ich seine Lippen auf meinem Nacken spürte. Sein warmer Atem prickelte auf meiner Haut.
Ich schloss die Augen, während seine Küsse zu meinen Schultern wanderten und er mich noch näher an sich zog. Er knabberte an meiner Haut, und ich sog scharf die Luft ein. Seine Körperwärme übertrug sich auf mich. Ich spürte jede Vene in meinem Körper, durch die das Blut rauschend floss. Mein Herz pochte immer rascher gegen meinen Brustkorb.
Mit einer schnellen Bewegung drehte ich mich um und presste meine Lippen hungrig gegen seine. Nicks Überraschung hielt nur für den Bruchteil einer Sekunde, bevor er den Kuss leidenschaftlich erwiderte und vertiefte.
Ich legte meine Hände um seinen Hals und er strich mit seinen über meinen Rücken und meine Haare. Seine Lippen liebkosten meine Wangen, meine Nase, meinen Hals. Irgendwann wusste ich nicht mehr, wo ich endete und er begann.
Atemlos trennten wir uns voneinander. Ich blickte in seine Augen, die vor Verlangen dunkel geworden waren. Das selbe Verlangen, dass sich in meinen widerspiegelte. Einige Sekunden fixierten wir uns. Sein Atem streifte meinen Hals und hinterließ eine Gänsehaut.
"Vertraust du mir?" flüsterte Nick, als glaubte er, den Augenblick zu zerstören, spräche er laut. Ich nickte nur und unsere Lippen trafen sich erneut in einem zärtlichen Kuss, als er mich sanft hoch hob und zum Bett trug...


KAPITEL 17

Ich erwachte am nächsten Morgen, und ein intensives Glücksgefühl durchströmte mich, als ich an die vergangene Nacht dachte. Die schönste Nacht meines Lebens.
Suchend tastete ich nach Nick und öffnete die Augen, als ich keinen Erfolg hatte. Mir einem Schlag war ich hellwach.
Er war nicht da. Panik stieg in mir auf. Warum war er weg? War es etwas, das ich falsch gemacht hatte?
Allein. Ich war allein. Tränen sammelten sich in meinen Augen.
In dieser Sekunde ging die Tür auf. Nick kam, nur mit Boxershorts bekleidet, in unser Zimmer. Das Tablett, das er trug, stellte er auf den Nachttisch und setzte sich auf die Bettkante. Er erschrak, als er sah, dass ich zitterte.
"Was ist los, Prinzessin?" Er wischte die Tränen von meiner Wange und ich lächelte erleichtert.
"Schon okay. Ich hatte nur Angst, weil du nicht da warst."
"Ich verlasse dich nicht", versicherte Nick mir.
"Ich weiß. Ich liebe dich."
Ein Lächeln breitete sich auf Nicks Gesicht aus. "Und ich liebe dich." Wir versanken in einem Kuss.
"Danke für die wunderschöne Nacht", wisperte ich ihm zu.
"Nein, ich danke dir." Wieder küssten wir uns. Dann deutete ich auf das Tablett.
"Was hast du mir mitgebracht?", fragte ich.
"Frühstück."
Mein Magen knurrte.
Nick lachte. "Das ist die Antwort, die ich hören wollte." Er kramte auf dem Tablett herum und gab mir einen langstieligen Mohn. Ich war vollkommen verzaubert von Nicks romantischer Ader.
"Rosen waren leider aus." Kommentierte er und ich musste lachen. "Macht nichts, die ist bildschön. Danke."
Als nächstes hielt Nick mir eine Tasse unter die Nase. "Riech mal."
"Mhm... frischer Kaffee..." Ich nahm einen kräftigen Schluck und staunte nicht schlecht. "Woher weißt du, dass ich ihn mit viel Milch und Zucker trinke?"
Er grinste. "Hat mir ein Vögelchen in der Küche gezwitschert."
Natürlich. Paris. Außerdem verwöhnte er mich zusätzlich mit Croissants und Marmelade.
Als ich satt war, schob ich alles von mir und zog Nick wieder ins Bett. "Womit habe ich das verdient?", gähnte ich.
"Du verdienst noch viel mehr, dafür, dass du mich so glücklich machst", erwiderte er.
Ich kuschelte mich überglücklich an ihn und schlief noch einmal ein. Solange er bei mir war, empfand ich Frieden.
Auf diese Nacht folgten einige der schönsten Tage meines Lebens. Nick schenkte mir so viel Aufmerksamkeit, Liebe, Wärme, Nähe. Ich gab mit vollen Händen zurück und wusste doch manchmal nicht, ob ich ihm jemals genug danken konnte. Ich liebte ihn mehr als alles andere. Nicht im Leben hätte ich gedacht, dass ich es wäre, der dieser Liebe ein Ende setzen würde.


KAPITEL 18

Die letzte Woche unserer Ferien brach langsam aber sicher an. Ich verschwendete nicht viele Gedanken daran. Wozu auch? Es schien so unendlich weit entfernt. Doch ein einziger Anruf riss mein gesamtes Leben um.
"Mom! Was gibt's denn?", fragte ich erstaunt, als sie mich noch spät Abends in Paris und meinem Haus anrief. Wir war gerade auf dem Weg zu den Jungs, die draußen bei ihnen grillten.
"Schatz, du wirst es nicht glauben."
"Was denn, Mom?" Sie klang so glücklich, ich konnte mir gar nicht vorstellen, um was es sich handelte.
"Entschuldige, dass ich so spät anrufe, ich komme gerade erst nach Hause. Wir waren Essen. Na wie auch immer, du hast Post bekommen."
Aha. Und was war jetzt daran so sensationell?
"Und?"
Meine Mutter überschlug sich fast vor Freude. Um Himmels Willen, wenn sie nicht bald mit der Sprache rausrückte, würde ich wahnsinnig werden.
"Sie nehmen dich", war alles, was sie sagte.
Wie bitte? Ich kam irgendwie nicht mit. Die Nachricht brauchte eine Weile, um einzusickern. Dann klingelte es.
Ich hielt die Luft an. "Die Sorbonne?"
Meine Mutter lachte. "Genau die."
"Sie nehmen mich? Ich kann hin?" Noch immer konnte ich es nicht glauben.
"Ja, du kannst sofort im Oktober anfangen."
Jetzt klickte es. Ich ließ einen lauten Schrei fahren. Gleich danach fing ich an zu weinen. Freudentränen.
"Oh Mom, ich weiß nicht, was ich sagen soll." Bevor meine Knie unter mir nachgaben, setzte ich mich.
Meine Mutter beglückwünschte mich ebenso sehr wie mein Vater. Doch ich hörte nicht richtig hin. Mein Traum wurde endlich Wirklichkeit. Wofür ich mein Leben lang gekämpft hatte, wurde endlich wahr. Ich hatte es geschafft. Tränen, Anstrengungen und Rückschläge waren vergessen.
Ich legte gerade auf, als Paris in die Küche geschlittert kam, völlig außer Atem. "Du hast mich vielleicht erschreckt mit deinem Schrei, London. Was ist los?"
Ich umarmte sie. Nein, ich erdrückte sie fast.
"Die Sorbonne nimmt mich!"
Jetzt schrie sie. "Oh mein Gott! Ich wusste es doch immer schon. Ich wusste, dass du es schaffst. Ich freue mich so für dich."
"Danke. Nur mit dir habe ich es geschafft."
"Nein, das warst du ganz alleine." In dem allgemeinen Freudentrubel ging Paris plötzliche Frage fast unter.
"Was wird aus Nick?"
Das versetzte meinem Herzen einen Stich. Ich senkte den Kopf. "Ich weiß es nicht", sagte ich leise.
"Meinst du, ihr schafft es zusammen über die Entfernung?"
Ich verneinte. "Jetzt heißt es wohl Entscheidung. Oh mein Gott, ich kann das nicht." Dieses Mal waren meine Tränen vor Schmerz.
"London, du musst es ihm sagen." Sie wusste wie ich, dass ich mich tief in meinem Innersten schon entschieden hatte. Was nicht hieß, dass sie mir zustimmte.
"Lass uns heute nicht mehr darüber reden, okay?"
Schweren Herzens willigte sie ein.
Fakt war jedoch, dass wir weder am nächsten Tag, noch irgendwann später darüber sprachen. Ich litt unter der Last, die auf mir lag. Ich konnte Nick nicht mehr in die Augen sehen, wich ihm aus. Natürlich bemerkte er, dass ich ihn auf Abstand hielt, aber er sagte nichts. Ich musste mich zusammenreißen, nicht zu weinen, wenn er mir immer wieder sagte, wie sehr er mich die Wochen bis zu unserem Wiedersehen vermissen würde.
Es würde kein Wiedersehen geben. Paris und Alex waren sich schon lange einig, dass sie bei ihm bleiben und eine Ausbildung zur Maskenbildnerin anfangen würde. Offiziell würde ich nach ein paar Wochen zu Hause mit ihr zu Nick zurückkehren. Ich konnte ihm nicht die Wahrheit sagen, ich wollt ihn nicht verletzen. Wie sollte ich ihm erklären, dass ich ihn so sehr liebte, aber meinen Traum nicht für ihn aufgeben konnte? Wie sollte ich ihm erklären, dass unsere unsterbliche Liebe jetzt ein Ende hatte?

Der Abend vor der Abfahrt war gekommen. Nick und ich waren den ganzen Tag über unzertrennlich gewesen. Ich wollte die Stunden, die wir noch hatten, nutzen. Meine Koffer waren schon längst gepackt. Als ich ins Haus kam, stand Paris vor mir.
"Hast du es ihm gesagt?", fragte sie ernst.
Ich ließ den Kopf hängen. "Ich konnte nicht."
"London du musst es ihm endlich sagen! Du bist dumm genug, ihn einfach zu verlassen, aber dann sag es ihm endlich!"
Verdammt, ich hasste es, wenn sie mich anschrie.
"Du kapierst es einfach nicht! Meinst du es ist einfach für mich, ihn hinter mir zu lassen?"
Sie schüttelte nur mitleidig den Kopf. Nein, sie verstand es nicht. Wie auch.
"Ich geh nachdenken", fauchte ich und rannte wieder aus dem Haus. Meine Füße trugen mich wie von selbst zur Felsenbucht. Erst dort verrauchte mein Zorn.
Sie konnte ja nichts dafür. Es tat nur so verdammt weh. Warum musste ich das durchmachen? Warum immer ich? Warum war der Preis so hoch? Ich liebte Nick, und ich liebte meinen Traum. Die Frage war, was ich mehr liebte. Was mehr Aussicht auf Erfolg hatte. Und ein Leben in Nicks Welt, das würde ich nicht führen können. Aber wie sollte ich ihm das sagen? Lange Zeit, darüber nachzudenken, hatte ich nicht...
"Oh nein", dachte ich nur, als ich Nick auf mich zukommen sah. Er wusste es. Man konnte es in seinem Gesicht lesen. Nicht dass er sich Mühe gab, es zu verstecken. Ich würde Paris wirklich umbringen.
"Wann hattest du vor, es mir zu sagen", fragte er, halb sauer, halb verletzt.
Ich seufzte. "Ich weiß nicht."
"Seit wann weißt du es?"
"Dienstag." Ich wagte nicht, ihn anzusehen. Ich hatte Angst davor, was ich in seinen Augen finden würde.
Nicks Stimme zitterte, als er fragte: "Heißt das, du willst mich verlassen?"
Ich schluckte schwer. Ich musste jetzt stark sein. "Ja."
Ich sah aus den Augenwinkeln, wie etwas in ihm zusammenbrach. Das selbe, was gerade in mir einstürzte.
"London, ich dachte zwischen uns gibt es Vertrauen. Ich dachte, du würdest mir alles sagen. Und jetzt verschwindest du morgen für immer aus meinem Leben, ohne dass du mir ein Wort davon sagen wolltest?" Seine Stimmt wurde laut. Ich hasste es, wenn er schrie.
"Gott Lond', ich dachte du liebst mich!"
"Ich liebe dich auch, Nick! Du weißt das. Aber dir war von Anfang an genauso klar wie mir, dass es nach Ablauf meiner Ferienzeit so enden würde."
"Also ich weiß nicht, was für hellseherische Fähigkeiten du hast, aber ich wusste es nicht!" Er schrie und tobte und rannte wie ein Verrückter hin und her.
Ich schloss die Augen, um die Tränen aufzuhalten. "Setz dich hin, du machst mich nervös", bat ich ihn und zwang mich zur Ruhe. Mit ihm konnte man aber auch nicht darüber reden! Ich hatte es gewusst. Er verstand es einfach nicht. Niemand konnte es verstehen. Mir tat es auch weh, aber es ging nun einmal nicht. Es würde nie gehen.
Er tat wie ihm geheißen und ich sah ihn an. Tränen sammelten sich in meinen Augen.
"Nick, ich kann nicht so leben wie du. Ständig unterwegs, keinen normalen Biorhythmus mehr. Ich kann das nicht. Du, die Backstreet Boys, ihr werdet die strahlenden Sterne am Pop-Himmel sein. Du wirst berühmt und erfolgreich sein, aber immer unterwegs. Ich brauche ein zu Hause. Ich kann nicht so leben wie du, und du kannst nicht so leben wie ich."
Diese Aussage zerschlug so ziemlich alle seine Hoffnungen, und ich wusste es.
"Wir mussten uns alle daran gewöhnen. Vielleicht könntest du das auch." Er sah mich flehend an.
Ich lächelte schwach. "Nein. Es ist nicht das, wozu ich bestimmt bin. Seit ich denken kann, wollte ich eine Anwältin sein. Seit ich das erste Wort französisch gesprochen habe, war es mein Traum, an der Sorbonne angenommen zu werden. Ich habe niemals aufgegeben, egal wie hoch der Preis war, oder wie schwer die Rückschläge. Ich hatte dieses Ziel, und ich habe meinen Traum erfüllt, Nick. Ich kann dort studieren und Anwältin werden. Das ist meine Bestimmung."
"Aber..." Ich ließ ihn nicht ausreden. "Ich kann meinen Traum nicht aufgeben, könntest du es?"
Er schwieg. Was hätte er auch sagen sollen? Er wusste so gut wie ich, dass auch er es nicht konnte.
"Du bist dazu bestimmt, zu singen, Nick. Gott hat dir das Geschenk gemacht, andere mit deiner Stimme, deiner Musik, glücklich zu machen. Nutze dein Geschenk, und nutze es klug. Vergiss niemals, woher du kommst, und wer du bist. Wir können unserem Schicksal nicht entgehen." Ich sah, dass er weinte, so wie ich. Aber ich widerstand dem Drang, ihm die Tränen weg zu wischen. Es hätte alles nur noch viel schlimmer gemacht.
"Können wir wenigstens Freunde sein?", fragte er erstickt.
Ich schüttelte den Kopf. "Ich glaube nicht, dass ich jemals nur dein Freund sein kann. Dafür liebe ich dich viel zu sehr."
"Aber wahrscheinlich nicht genug", flüsterte er.
Ich musste mich sehr zusammenreißen, um nicht hemmungslos zu weinen. "Manchmal reicht Liebe eben nicht aus, Nick. Vielleicht war unsere Liebe zu sehr ein Traum, um in der Realität zu bestehen. Aber wenn es so sein soll, werden wir uns wiedersehen."
"Jetzt sag bloß nicht, weil Gott es so will", sagte Nick verbittert und blickte in meine Augen.
Ich lächelte leicht. "Nein, das ist doch Brians Job."
Nick verzog seine Mine nicht. Ein einfaches Lächeln wäre mir schon genug gewesen, aber nichts. Seine Augen hatten den Glanz verloren. Wegen mir. Wie sehr ich mich dafür hasste.
"Ich möchte jetzt alleine sein." Nicks Stimme klang erstickt von den Tränen, die er nicht mehr aufzuhalten vermochte.
"Okay", war alles, was ich darauf antwortete. Ich machte ein paar Schritte und drehte mich dann noch einmal um.
Da saß er, zusammengekauert, Hände vor dem Gesicht. Nur das sachte Zucken seiner Schultern verriet mir, dass er weinte.
"Ich kann dich natürlich nicht dazu zwingen, aber ich würde mich freuen, wenn du trotzdem morgen früh kommst", rief ich ihm zu. Keine Reaktion. Mit jedem Schritt ließ ich ihn ein Stück mehr hinter mir. Jeder Muskel in mir sträubte sich, ihn zu verlassen. Aber ich musste es tun. Für mich, aber mehr noch, für ihn. Für seine ungefährdete Karriere. Für meinen Traum.


KAPITEL 19

Schnellen Schrittes rannte ich auf mein Zimmer, schlug die Tür hinter mir zu und warf mich aufs Bett. Ich konnte die Tränen nicht mehr aufhalten. Hemmungslos weinte ich ins Kissen, erstickte fast an meinem eigenen Schluchzen, an den Sturzbächen von Tränen. So viel Schmerz hatte ich noch nie in meinem Leben empfunden. Mein ganzer Körper war taub, und doch hatte ich noch nicht genug.
Verzweiflung, Trauer, Angst, Wut, Einsamkeit, alles entlud sich durcheinander und riss mein Herz entzwei. Ich schnappte mir den Schuh, der neben meinem Bett stand und schleuderte ihn mit aller Kraft gegen die Wand. Der dumpfe Aufschlag wurde gefolgt von einem erneuten Heulkrampf.
Paris bekam bei der Lautstärke natürlich alles mit. Sofort öffnete sich die Tür und sie stürzte herein. Sie nahm mich in den Arm, während ich immer noch nicht aufhören konnte hysterisch zu weinen und mir am liebsten selbst weh tun wollte.
"Shhh, London, hör auf, ganz ruhig." Sie redete beruhigend auf mich ein und schaffte es, mich soweit zu trösten, dass ich zitternd auf dem Bett saß und zwar noch weinte, jedoch um einiges gefasster als vorher.
"Kleines, warum tust du dir das an", fragte sie leise. "Sieh doch, wie du leidest. Du machst dich kaputt. Dich und Nick. Und warum das? Für nichts."
"Es ist besser so", schluchzte ich.
"Ach ja? Was ist daran besser? Für deinen Traum, ja? London, ist es das wert?"
"Ich habe schon schlimmeres durchgestanden."
Paris lachte ungläubig. "Ja, klar. Es gibt nicht schlimmeres, als die Liebe deines Lebens zu verlieren. Du bist eine Heuchlerin, London. Du hattest Angst, Nick zu verlieren. Und jetzt bist du es, die ihn verlässt. Nur wegen deinem bescheuerten Traum! Er liebt dich verdammt noch mal! Warum machst du alles kaputt, London?"
Ich sagte eine Weile gar nichts. "Geh bitte Paris", zischte ich dann durch zusammengebissene Zähne.
Sie rührte sich nicht, sah mich nur mitleidig an.
"RAUS!", schrie ich.
Paris zuckte zusammen und ging. An der Tür drehte sie sich noch einmal um. Ganz ruhig sagte sie: "Er liebt dich, London." Sie schloss die Tür, und ich war alleine. Wieder alleine.

Irgendwann schlief ich ein, als ich zu erschöpft war, um zu weinen. Die Leere kehrte zurück, aber dieses Mal war sie schlimmer. Und ich wusste, dass sie auch länger bleiben würde.
Paris und ich redeten nicht mehr darüber. Wir sprachen kaum etwas am nächsten Morgen. Mir war klar, dass sie nicht auf mich sauer war. Sonder eher darauf, dass sie mich nicht daran hindern konnte, den ihrer Meinung nach größten Fehler meines Lebens zu machen.
Früh beluden wir unser Auto. Océane und Étienne wurden im Laufe des Tages zurückerwartet. Ich war ganz froh, dass ich mich nicht wegen ihnen um mein Aussehen kümmern musste. Meine Augen waren rot und aufgequollen vom Weinen, meine Haare zerzaust und meine Kleidung zerknittert. Es war mir egal.
Von den Jungs kam einer nach dem anderen aus dem Haus, um uns zu verabschieden. Am Ende waren es vier. Ich hatte auch nicht erwartet, dass Nick kommen würde. Ich konnte es ihm wahrlich nicht vorwerfen.
Es war komisch, sie zu sehen. Waren sie wütend? Hassten sie mich? Wahrscheinlich beides. Zumindest zeigten sie es nicht.
Als ersten umarmte ich Alex, da ich Paris und ihm ihre Zeit lassen wollte. Dann kam Howie. So weit, so gut. Blieben Nicks und meine besten Freunde.
"Brian", flüsterte ich nur und umarmte ihn. Tränen stiegen mir in die Augen.
"Es ist schon gut, London. Wenn du glaubst, dass du das Richtige tust, dann tu es."
"Danke. Du wirst mir fehlen Bri."
"Du mir auch. Aber ich melde mich bestimmt."
Kevin war am schlimmsten. Von allen, mal abgesehen von Nick, hatte ich zu ihm die engste Bindung gehabt.
"Komm her, Prinzessin." Er zog mich in eine Umarmung und hielt mich fest.
Ich schluchzte. "Machs gut. Und vergiss mich nicht."
Er strich mir über die Haare. "Niemals. Ich werde dich von Zeit zu Zeit anrufen und nach dir sehen, wenn du das willst."
Ich nickte. Er sah mich ernst an, und sagte: "Verfolge deinen Traum immer gerade heraus, und gib nicht auf, selbst wenn andere nicht verstehen warum du etwas tust, okay?"
Wieder konnte ich nur nicken. Ich konnte nur im entferntesten erahnen, wie viel es ihm abverlangte, das zu sagen, wo ich gerade seinem kleinen Bruder das Herz gebrochen hatte. Und meines gleich mit.
"Ich glaube, da will dich noch jemand sehen", meinte er dann und deutete mit dem Kopf in Richtung Tür.
Ich folgte seinem Blick. Nick lehnte am Türrahmen. Er sah noch um einiges schlechter aus als ich.
Die Jungs verzogen sich, und auch Paris zog es vor, sich aus dem Staub zu machen.
Ich sah Nick an. Schritt für Schritt kam er auf mich zu. Er räusperte sich. Auch er hatte offensichtlich viel geweint in der letzten Nacht.
"Es ist wohl an der Zeit, dir Lebewohl zu sagen."
Ich nickte stumm. Mein Körper schien von meiner eigenen Kälte eingefroren. Plötzlich umarmte ich ihn einfach und drückte mich an ihn. Tränen flossen frei, ich konnte sie nicht aufhalten.
"Nick", schluchzte ich.
"Sag nichts." Unterbrach er mich. Er löste sich von mir, hielt mich aber nah bei sich. Seine Augen waren tränengefüllt, aber er hielt sich zurück.
"Egal wie es ausgeht, ich werde dich immer lieben. Und ich werde stolz auf dich sein. Du wirst die beste Anwältin werden, okay? Versprich mir das, London."
"Versprochen." Ich wischte meine Tränen aus dem Gesicht. Dann legte ich meine rechte Hand auf sein Herz. "Ich bin nicht weg. Ich bin genau hier, Nick. Vergiss niemals, wer du bist. Und vergiss niemals, dass ich dich liebe."
Eine einzige Träne rann über seine Wange. Er zog seinen Ring vom Finger und hielt ihn mir hin. "Behalte ihn. Die Form des Rings ist unendlich, wie meine Liebe zu dir."
Jetzt musste ich noch mehr weinen. Ich öffnete die Kette um meinen Hals und Nick fädelte den Ring darauf. Dann legte ich sie wieder um. Ich sah ihm in die Augen. Die Augen, die ich so sehr liebte, und die ich vor mir sah, jedes Mal, wenn ich meine Augen schloss.
Mit einer schnellen Bewegung presste ich meine Lippen auf seine und küsste ihn voller Verzweiflung. Nick nahm mein Gesicht in seine Hände und erwiderte den Kuss.
Dann, ein letzter Blick und ich drehte mich um. Ich ging aus seinem Leben. Mit jedem Schritt schrie mein Herz mehr nach ihm. Ich sah nicht zurück. Ich wusste, wenn ich es tat, wäre ich nicht mehr in der Lage, zu gehen. Tränen überströmten mein Gesicht und verschleierten meine Sicht. Ich öffnete die Tür des Autos und setzte mich.
Ohne ein Wort fuhr Paris los. In eine Zukunft ohne Nick. In eine Zukunft mit meinem Traum.


Epilog

Drei Jahre bin ich jetzt schon in Paris. In einem weiteren halben Jahr werde ich mein Staatsexamen machen. Mit mir in der WG wohnen Evelyn, eine Amerikanerin, und Ben, ein Engländer, die beide auch an der Sorbonne studieren. Von meinem Fenster kann ich den Eiffelturm sehen, und dann erinnere ich mich manchmal an den Sommer vor drei Jahren.
Paris und ich telefonieren oft, sie und Alex waren eine Weile verlobt. Auch die anderen rufen von Zeit zu Zeit an und erkundigen sich nach mir.
Alle, bis auf Nick. Am Anfang war der Schmerz, ihn verlassen zu müssen, einfach zu groß gewesen, so dass ich jeden bat, nicht mit mir über ihn zu sprechen. Es war kalt ohne ihn. Jede Nacht sah ich seine Augen, wenn ich schlafen wollte. Ich konnte mit keinem darüber sprechen, und das akzeptierten sie. Mit den Tagen, Wochen, Monaten und sogar Jahren ist es immer mehr zur unausgesprochenen Selbstverständlichkeit geworden. So weiß ich nicht, wie es ihm geht, und was er macht. Ich habe gelernt, mein Leben ohne ihn zu führen. Nur manchmal holt mich die Vergangenheit noch ein. So wie heute, als ich das Radio anschalte.
"Als nächstes haben wir ein Lied von den Backstreet Boys, die in zwei Wochen hier in Paris im Rahmen ihrer Europatournee ein Konzert geben werden! Live aus dem Konzert in London, die Backstreet Boys mit 'More than that'."
Die ersten Takte erklingen, und ich fange an zu träumen. In den drei Jahren ist viel passiert. Einiges aus der Vergangenheit verstehe ich jetzt besser, anderes werde ich nie verstehen. Ich blicke auf meinen rechten Oberarm, den ein Tattoo ziert. Es ist die gleiche Sonne, die Nick trägt. Langsam streiche ich über das chinesische Zeichen darin. "Ewigkeit".
Die letzten Noten, und das Lied ist vorbei. Es ertönt tosender Jubel und Applaus. Als wieder einigermaßen Ruhe eingekehrt ist, vernehme ich unter dem Dank der anderen Jungs Nicks Stimme. "I love you, London."
Ich weiß, dass er nicht die Stadt meint.
Ich schalte das Radio aus.
 



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