1. Kapitel
Durch das kleine Fenster schien der Vollmond ins Studio und tauchte das Pult mit den Reglern und blinkenden Lampen in sein silbriges Licht. Ich sah einen Moment zu ihm hoch, während ich mich sammelte, ließ meinen Blick einem Nachtfalter folgen, der sich an einem Mondstrahl hinaufhangelte, und wandte mich dann wieder dem kleinen Raum zu, in dem nur eine winzige Tischlampe brannte.
Ich rückte meine Kopfhörer zurecht, gab Billy das Zeichen den Jingle einzuspielen und den OnAir-Knopf zu drücken, als die letzten Töne verklangen.
"Hallo, Freunde der Nacht. Hier ist Naiana Nashgari mit der Sendung Nightflyer auf Radio HPM 102,8. Habt ihr Probleme, plagen euch Sorgen... Ruft mich an, ich höre euch zu."
Auf dem Monitor blinkten bereits zwei Anrufer. Es war ja auch Vollmond, die Nacht in der alle Verrückten Ausgang hatten. Und hier in Kalifornien gab es eine Menge davon.
"Unser erster Anrufer ist Simon aus Glendale. Wie kann ich dir helfen, Simon?"
Er lachte hämisch und ich wusste sofort bescheid. "Du kannst mir die Hose runterziehen und an den..." Den Rest ersparte ich den Hörern, indem ich ihn wegdrückte. Ein Blick zu Billy zeigte mir sein entschuldigendes Schulterzucken. Er konnte mir die notgeilen Kerle nicht vom Hals halten, wenn sie beim Vorgespräch mit ihm von einem Problem erzählten.
"Ich glaube, Simon hat ein Problem mit seinem Telefon." sagte ich in den Äther. Zumindest hatte er eindeutig die falsche Nummer gewählt...
"Die nächste ist Miranda aus El Cajon. Hallo Miranda, wie geht es dir heute?" Miranda war eine der wenigen Dauergäste in meiner Sendung, allerdings wurden ihre Anrufe inzwischen seltener.
"Hallo Naiana. Mir geht es gut... Oh... Entschuldige, dieser Simon hat mich durcheinander gebracht..."
"Kein Problem. Lass dir Zeit Miranda."
"Ja... Also ich wollte sagen, dass meine Therapeutin mit mir sehr zufrieden ist. Wir waren heute zusammen einkaufen. Ich hatte große Angst, es waren so schrecklich viele Menschen... Aber ich habe mich nicht klein kriegen lassen und bin weitergegangen, obwohl meine Füße wie angenagelt waren. Das Schwindelgefühl war da, ebenso wie die lähmende Furcht, aber ich habe es geschafft. Ich habe mir ein ganz tolles Paar Schuhe gekauft!"
Der Triumph in ihrer Stimme brachte mich zum Lächeln. "Das ist wundervoll, Miranda!"
Sie lachte befreit. "Ja, das ist es! Ich habe sie an... Sie sind wie eine Auszeichnung."
"Das ist ein großer Schritt in die richtige Richtung. Wann ist die nächste Sitzung?"
"Schon übermorgen. Wir wollen in den Zoo gehen. Ich habe schon jetzt Angst davor, aber ich denke ich werde es einfach tun. Ich will die Angst nicht länger über mein Leben bestimmen lassen, sondern es selbst in die Hand nehmen."
"Ich bin stolz auf dich, Miranda. Ich weiß, du wirst es schaffen. Wir alle sind im Herzen bei dir."
"Danke... vielen Dank, Naiana..."
"Dafür bin ich da." wiegelte ich ab. Ich wusste ja, wofür sie mir danken wollte. Ich hatte sie so weit gebracht, sich den Beistand einer Therapeutin zu suchen. Aber sie selbst war es gewesen, die den Mut aufgebracht hatte sich an mich zu wenden und um Hilfe zu bitten. "Grüß mir die Eisbären. Bis übermorgen." Ich war sicher, sie würde mich anrufen. Die Gespräche mit mir waren eine wichtige Verbindung zur Außenwelt für sie geworden.
"Ja, bis dann."
Ich schaltete die Leitung ab und warf einen Blick zu Billy, der mir grinsend den erhobenen Daumen zeigte. Ich winkte ab und wandte mich meinem Monitor zu, während er schon wieder einen Anruf entgegen nahm.
"Der nächste Anrufer ist Paul aus Oceanside. Was kann ich für dich tun, Paul?"
Das Klirren von splitterndem Glas erklang. "Sie können mir einen großen Gefallen tun!"
Irritiert sah ich zu Billy, aber der war beschäftigt. "Und welchen?"
"Meine Frau..." Wieder ein Klirren. "...ist ein Fan von Ihnen! Ich habe einen riesigen Fehler gemacht und jetzt ist sie so sauer, dass sie die ganze Wohnungseinrichtung zerschmeißt!" Ein dumpfer Laut ertönte, wie ein umfallendes Möbelstück.
"Geben Sie sie mir."
"Das ist leicht gesagt... Liebling?" Ein Knall, gefolgt von einem etwas lauteren. "Susan, es ist für dich!"
Wütend stampfende Schritte, dann eine ebenso wütende weibliche Stimme. "Wer ist da!"
"Hallo Susan, hier ist Naiana Nashgari. Was hat er angestellt?"
"Wer ist da??" fragte sie entgeistert.
"Naiana, von der Sendung Nightflyer auf Radio HPM 102,8. Was hat ihr Mann getan, dass Sie so wütend auf ihn sind?" Ich bemühte mich ruhig und sachlich zu klingen und langsamer zu sprechen, um ihr Gelegenheit zu geben sich zu fangen.
"Er... Er hat ihn einfach vergessen."
"Was hat er vergessen?"
"Unseren zehnten Hochzeitstag..." Sie brach in Tränen aus. "Ich bin ihm nicht wichtig... Jedes Baseballspiel im Fernsehen behält er im Kopf, aber ausgerechnet unseren Hochzeitstag vergisst er..."
"Setzen Sie sich erstmal, Susan, und atmen Sie tief durch."
Es klang, als würde sie einen Stuhl aufrecht hinstellen, dann seufzte sie.
"So ist es gut. Und jetzt hören Sie mir zu, Susan. So traurig das klingt, Männer denken völlig verquer. Wie Sie sagten, sie können sich die Sportergebnisse merken, aber keine Daten. Das ist das große Manko bei ihnen. Selbst wenn sie es auf den Kalender schreiben, den sie tagtäglich sehen, vergessen sie es trotzdem. Und wissen Sie, woran das liegt, Susan?"
Sie schniefte leise. "Nein."
"An der Tatsache, dass die Männer die Jäger sind, während wir Frauen das Sammeln übernommen haben."
"...was?"
"Das wurde evolutionär bei uns festgelegt, Susan. Die Männer folgten vor Jahrtausenden den Herden, konnten sich die Zugrouten der Tiere merken. Heute drei Büffel und zwei Hirsche, am nächsten Tag fünf Büffel und ein Hirsch... Das ist wie bei den Spielergebnissen im Sport. Und wir Frauen mussten uns merken, wann und wo es Früchte und Samen zu holen gab. Das brauchte ganz andere Bereiche im Gehirn. Und deshalb können sich Männer bis heute nicht merken, wann sich ihre Frauen das letzte Mal ein neues Kleid gekauft hat. Darüber sollten wir froh sein und es ausnutzen."
Sie brach in hilfloses Gelächter aus und ich wartete, bis sie wieder zu Atem kam.
"Jetzt sehen Sie sich mal ihren Mann an, Susan. Wie sieht er aus? Was für einen Gesichtsausdruck macht er?"
"Etwas ängstlich und sehr zerknirscht."
"Denken Sie, dass es ihm leid tut, dass er ihren Hochzeitstag vergessen hat?"
"Ja, ich denke schon..."
"Lieben Sie ihn?"
Einen Augenblick blieb es still. "Ja, ich liebe ihn über alles." flüsterte sie dann.
"Ich liebe dich auch... Bitte, verzeih mir meine dumme Vergesslichkeit..." erklang es leise aus dem Hintergrund.
"Ach, Paul..."
Ich hörte, wie der Hörer zu Boden plumpste und schaltete die Leitung aus.
"Susan, Paul, meinen herzlichsten Glückwunsch zum zehnten Hochzeitstag. Es ist noch nicht zwölf, also haben Sie noch Gelegenheit diesen Abend zu etwas besonderem zu machen. Ich wünschte, es gäbe mehr so glückliche Paare wie Sie beide, die nach so langer Zeit noch immer so verliebt sind. Wir trinken auf die nächsten zehn Jahre. Auf euer Wohl, Susan und Paul." schickte ich meine Glückwünsche durchs Radio zu ihnen. Ich gab Billy einen Wink und er spielte "Only you" von den Platters. Für diese Wahl bekam er von mir das Daumen-hoch-Zeichen.

"Only you" by the Platters
Only you
can make this world seem right
Only you
can make the darkness bright
Only you and you alone
Can thrill me like you do
And fill my heart with love
for only you

Only you
can make this change in me
For it's true,
you are my destiny
When you hold my hand
I understand
the magic that you do
You're my dream come true
My one and only you

Only you
can make this change in me
For it's true,
you are my destiny
When you hold my hand
I understand
the magic that you do
You're my dream come true
My one and only you

"Ich glaube, ich habe hier einen Problemfall in der Leitung." erklang, nach den ersten Zeilen des Songs, Billys Stimme aus der Sprechanlage. Da Musik lief, war ich nicht auf Sendung und hatte kurz Zeit.
Ich sah auf den Monitor. Es waren drei Anrufer in der Warteschleife, aber der dritte Eintrag blinkte hektisch. Das war das Zeichen für einen Notfall. Billy sprach noch mit dem Mann, einem gewissen Scott aus Santa Monica, aber er warf mir dabei sehr besorgte Blicke zu. Also klinkte ich mich in das Gespräch ein.
"Hallo Scott, hier ist Naiana Nashgari. Wie kann ich dir helfen?"
Am anderen Ende herrschte Stille.
"Scott?" fragte ich vorsichtig nach.
"Tut mir leid. Es war ein Fehler Sie anzurufen."
"Ich versichere Ihnen, es war keiner. Wir können über alles reden, was Sie bedrückt." erklärte ich schnell, bevor er vielleicht auflegte.
"Schon möglich. Aber Sie können mir nicht helfen." Etwas in seiner Stimme klang so hoffnungslos, dass es mir einen kalten Schauer über den Rücken jagte.
"Warum sind Sie da so sicher?"
"Weil ich nicht mehr lange zu leben habe..."


2. Kapitel
"Ich vergeude Ihre Zeit..."
"Nein, das tun Sie nicht, Scott. Bitte, lassen Sie uns reden. Warum haben Sie nicht mehr lange zu Leben?" War das etwa ein Selbstmörder? Das hatte ich schon mal gehabt, hier in der Sendung. Am Ende hatte ich es geschafft, dass das Mädchen von der Dachkante zurückwich und sich vom Polizeipsychologen helfen ließ.
"Ich bin krank. Die Ärzte geben mir maximal noch zwei Monate, aber das ist schon sehr hoch gegriffen."
"An welcher Krankheit leiden Sie?"
"Ich möchte nicht darüber reden..."
"Aus welchem Grund haben Sie hier angerufen? Worüber möchten Sie sprechen?" fragte ich, so sanft wie möglich.
"Ich... Ich wollte Miranda sagen, dass es richtig ist was sie tut. Sie soll über ihr Leben bestimmen, es genießen und sich nichts durch dumme Ängste zerstören lassen."
"Gibt es in ihrem Leben etwas, Scott, das Sie durch Ängste verpasst haben?"
Er lachte freudlos. "Eine ganze Menge..."
Ich gab Billy ein Zeichen Werbung und Musik einzuspielen. Dieser Mann brauchte Hilfe... "Erzählen Sie mir davon, Scott."
Einen Moment blieb es still. "Es ist so viel... Und mir bleibt keine Zeit mehr..."
"Erzählen Sie." bat ich nochmal sanft.
"...es... ...es begann mit meiner Mutter. Wenn ich gewusst hätte... Sie starb sehr plötzlich und unser letztes Gespräch endete im Streit. Ich hätte ihr gern noch gesagt, wie viel sie mir bedeutet."
"Eine Mutter weiß so etwas, Scott. Sie hat nie an Ihrer Liebe gezweifelt, glauben Sie mir. Und es hält Sie niemand davon ab, es ihr immer noch jeden Tag zu sagen."
"...aber ich werde niemals ihre Antwort hören."
"Doch, Scott, das werden Sie. Wenn Sie in sich hineinhören, in ihr Herz. Sie werden hören, wie sie Ihnen sagt, dass sie Sie auch liebt."
"Ich bin ein solcher Feigling..." Seine Stimme klang belegt, als hätte er Tränen in den Augen.
"Nein, das sind Sie nicht. Sie haben hier angerufen und das machen Feiglinge nicht. Erzählen Sie mir mehr von den Dingen, die sie nicht gemacht haben und es bereuen. Von den verpassten Gelegenheiten."
"Was ist mit Ihrer Sendung? Warten nicht noch andere Anrufer, die Ihre Hilfe brauchen?"
Ich warf einen Blick auf den Monitor, auf dem dank Billy inzwischen nur noch Scotts Name stand. "Ich habe einen fähigen Mitarbeiter, der sich darum kümmert."
"Ich möchte nicht egoistisch sein und damit verhindern, dass Sie jemandem helfen dem Sie wirklich helfen können."
"Ich denke immer noch, dass ich Ihnen helfen kann, Scott. Unsere Hörer werden bestimmt Verständnis haben. Wie wäre es? Möchten Sie on air weiterreden?"
Er überlegte einen Moment. "Okay..."
Ich nickte Billy zu, der die Musik runterregelte.
"Hier ist Naiana Nashgari mit der Sendung Nightflyer auf Radio HPM 102,8. In der Leitung habe ich Scott aus Santa Monica, der nur noch kurze Zeit zu leben hat." erklärte ich den Hörern gedämpft. "Er sagt, er habe in seinem Leben vieles aus Angst verpasst, das er jetzt bereut. Erzählen Sie, Scott, was bedauern Sie noch?" Ich streifte den Kopfhörer ab, um seine Stimme aus dem Lautsprecher hören zu können, was viel bequemer war.
"Ich hatte ein paar gute... Nein. Sehr gute Freunde, die ich im Stich ließ. Wir arbeiteten zusammen. Aber als ich die Chance bekam etwas zu tun, dass ich schon immer tun wollte, ergriff ich die Gelegenheit und ließ sie hängen. Dabei hatten sie auf mich gezählt..."
"Jeder hätte eine solche Chance ergriffen. Das kann Ihnen niemand vorwerfen."
"Aber ich habe damit alles zerstört, was wir jahrelang zusammen aufgebaut haben. Ich wollte zuviel auf einmal und habe damit alles kaputt gemacht. Und meine Chance zerplatzte wenig später wie eine Seifenblase. Mir blieb nichts mehr. Gar nichts."
"Haben Sie mit ihren Freunden darüber geredet?"
"Nein. Zwei von ihnen wollten nichts mehr mit mir zu tun haben, danach. Und ich war zu feige es zu versuchen."
"Warum versuchen Sie es nicht jetzt?"
"...weil ich fürchte, dass sie nur aus Mitleid mit mir reden würden."
"Wissen sie denn von Ihrer Krankheit?"
"Nein. Nicht mal meine Familie weiß davon."
"Warum nicht? Sie brauchen doch jemanden, der für Sie da ist, Scott."
"Ich habe bei einem Freund gesehen wie es ist, wenn die Familie vorher weiß dass man sterben wird. Es ist unglaublich qualvoll für alle Beteiligten."
"Aber das ist es auch, wenn der Tod plötzlich kommt. Sie können ihnen den Schmerz nicht ersparen."
"Nein, aber ich kann ihn verkürzen."
"Meinen Sie, nach dem plötzlichen Tod ihrer Mutter würde es ihre restliche Familie nicht belasten, wenn auch Sie ohne Abschied gehen? Sollte man nicht die Gelegenheit nutzen, um auf Wiedersehen zu sagen? Allen nochmal zu sagen, was Sie für sie empfinden, wie Sie es bei Ihrer Mutter nicht mehr konnten? Es würde den Schock des Verlustes mildern."
"Nein, ich habe meine Entscheidung getroffen."
Was für ein Sturkopf. Dabei wäre es für alle besser... "Also gut." Auf das Thema würde ich zurückkommen. "Was bedauern Sie noch, Scott?"
"Meine Frau... Wir haben uns vor zwei Jahren scheiden lassen. Wir hatten uns auseinander gelebt und sie hat jemand anderen kennen gelernt."
"Haben Sie Kinder?"
"Nein. Irgendwie war nie der richtige Zeitpunkt dafür. Wenn ich sterbe, hinterlasse ich gar nichts. Das ist doch das schlimmste von allem, oder?"
"Sie hinterlassen eine Menge, Scott. Eine trauernde Familie, eine geschiedene Frau und einige Freunde, mit denen noch etwas zu klären wäre. Sie werden Sie in Erinnerung behalten."
"Darüber will ich nicht nachdenken..."
"Warum nicht? Weil Sie ihnen nicht mehr in die Augen sehen könnten, wenn Sie auf diese Art von ihnen gehen? Ohne dass einer etwas davon weiß? Plötzlich und ohne Abschied?" fragte ich sanft.
"...ich wusste, dieser Anruf ist ein Fehler. Sie können weder verstehen was in mir vorgeht, noch können Sie mir helfen. Leben Sie wohl, Miss Nashgari, und viel Glück für ihre Zukunft."
Mit einem Klacken war die Leitung unterbrochen, noch ehe ich etwas sagen konnte. Verdammter Mist! Ich sah auf die Uhr und stellte fest, dass es bereits kurz vor zwölf war. Auf Billys fragenden Blick hin schüttelte ich den Kopf. Ich würde keinen neuen Anrufer mehr drannehmen. Nur gut, dass meine Sendung wochentags nur eine Stunde dauerte. Nach Scott wäre ich nicht mehr in der Lage gewesen weiterzumachen. Ich atmete durch, während ich meinen Kopfhörer aufsetzte. Es fehlte noch mein Schlusswort...
"Viele Menschen... wie Scott und Miranda... haben Ängste. Einige lassen sich von ihnen leiten, andere kämpfen gegen sie an. Keins von beidem ist leicht. Aber es gibt eine Angst, die völlig überflüssig ist. Die Angst, im Leben nichts erreicht zu haben, nichts zurückzulassen wenn man stirbt. Ein Menschenleben ist wie ein Stein, den jemand in einen See wirft. Es zieht Wellen. Kreise, die sich mit anderen Kreise berühren, die von anderen Menschen stammen. Und nach so einer Berührung ist kein Kreis mehr derselbe. Sie verändern sich. Und so verändert auch ein Mensch seine Mitmenschen. Vielleicht nicht sichtbar, vielleicht aber auch völlig offensichtlich. Den einen mehr, den anderen weniger. Aber keiner geht aus dieser Berührung hervor, ohne dass er ein Stück des anderen in sich tragen würde. Bis bald, Freunde der Nacht. Das war Naiana Nashgari mit der Sendung Nightflyer auf Radio HPM 102,8."
Das OnAir-Schild über der Tür erlosch. Ich knipste die kleine Lampe aus und ließ im Dunkeln die Schultern hängen.
Wie gern hätte ich Scott geholfen. Wie gern...


3. Kapitel
Der Fackelschein spielte mir Streiche. Überall schienen dunkle Gestalten zu lauern, aber das waren nur Trugbilder. Die wahre Gefahr ging von den Männern vor mir aus. Ihnen konnte ich nicht trauen. Sie hatten Bran in den Kerker geworfen... Ich kannte ihn schon seit meiner Kindheit, wir waren zusammen aufgewachsen. Und ich liebte ihn über alles. Er war ein sanfter Mann, mit einem guten Herzen. Er glaubte an Gott und ans Christentum. Niemals war er ein Hexenmeister. Die Dinge, die sie ihm vorwarfen, waren allesamt erstunken und erlogen. Wie sollte ein Mann wie Bran des nachts kleine Kinder umbringen?
Wir betraten den Kerker. Mit einem lüsternen Grinsen ließen die Wachen mich vorgehen. Ich folgte dem Gang, bis ich eine runde Kammer betrat. An einer der Wände hing Bran... Seine Hände und Füße waren festgekettet. Sein Gesicht zeigte Spuren von Schlägen, aber sie hatten noch nicht begonnen ihn richtig zu foltern. Ich eilte zu ihm und strich ihm die rabenschwarzen Strähnen zurück. Benommen sah er mich an, eins seiner dunkelblauen Augen war zugeschwollen.
"Naiana..."
"Ssschhhh... Ich bringe dir Wasser, Bran." Ich feuchtete einen Zipfel meiner Schürze an und begann sein Gesicht zu säubern. Dann ließ ich ihn langsam trinken. Dankbar sah er mich an, die Augen voller Liebe.
"Hast du gehört, Fallam? Die hübsche kleine Hexe hat keinen anständigen Namen. Ich wette, sie ist eine vom Zigeunerpack." sagte der eine Wachmann zum anderen. "Und wie man weiß, sind die alle mit dem Teufel im Bunde."
"Willst du damit sagen, dass sie dem Gefangenen zu Hilfe kommt, auf Geheiß des Satans?"
"Wäre immerhin möglich."
Ich ignorierte die beiden. Doch dann wurde ich so plötzlich am Arm gepackt und herumgerissen, dass mir die tönerne Kanne aus der Hand glitt. Mit lautem Knall zerschellte sie auf dem Boden, das restliche Wasser spritze zu allen Seiten.
"Lasst mich los! Lasst mich los, ihr verdammten Bastarde!" Ich schrie und strampelte, doch sie zerrten mich mit sich, den Gang entlang.
"Nainana!" hörte ich Bran schreien, aber er konnte mir nicht helfen. Niemand konnte mir helfen... Eine Zellentür wurde aufgestoßen. Ich fiel auf das feuchte Stroh, dann waren sie über mir. Der Eine hielt mich grinsend fest, während der Andere meine Röcke hochschob und mich dann vergewaltigte. Ich schrie noch immer, vor Entsetzen und Schmerz, bis mich eine Faust zum Schweigen brachte und es um mich dunkel wurde.

Ein pochender Schmerz brachte mich zu mir. Alles tat mir weh. Zwischen meinen Beinen klebte getrocknetes Blut.
Taumelnd kam ich auf die Füße. Ich musste hier raus, musste weg... Ich merkte nicht, dass mir Tränen die Wangen herunterliefen. Ich fühlte nur den bohrenden Schmerz in meinem Innern und die Verzweiflung. Ich warf mich gegen die Tür und schlug lang hin, als sie aufschwang. Sie hatten mich nicht eingeschlossen, aber ich dachte nicht über das Warum nach. Ich wollte nur weg.
Doch nach den ersten paar stolpernden Schritten hörte ich ein Stöhnen. Bran... Ich fuhr herum, rannte so schnell ich konnte in die runde Kammer... und erstarrte. Der Präfekt stand dicht vor Bran und hielt ihn an den Schultern fest. Durch mein keuchendes Atmen aufgestört, drehte der Bezirksvorsteher sich zu mir um und ließ Bran los, der zu Boden sank. Ohne auf den Mann neben ihm zu achten, stürzte ich zu meinem Liebsten. Seine schönen Augen waren offen und leblos, die Haut kalt und bleich. Mein Bran war tot... Schluchzend sackte ich über seinem Körper zusammen.
"Was haben wir denn da?" fragte eine amüsierte Stimme hinter mir. Dann griff jemand in mein Haar und zog mich daran hoch. Ich schrie auf, aus Schmerz und Trauer, und trat nach dem Mann, der Schuld an Brans Tod war, der ihn hatte festnehmen lassen. Aber es war sinnlos... Er schleuderte mich zur Seite und ich fiel rückwärts auf den harten Lehmboden. Ich wollte aufspringen und ihm das Gesicht zerkratzen, doch er drückte mich nieder und öffnete seine Hose.
"Nein..." schluchzte ich auf, doch er grinste mich nur an.
"Ich werde dir etwas schenken, meine Schöne. Etwas, dass dich für immer an mich erinnern wird..."


Ich fuhr keuchend im Bett hoch und sah um mich.
Nein, der Kerker war das nicht. Ich war allein. Aufatmend sank ich zurück und versuchte mich zu entspannen.
Warum kamen die Träume zurück? Nach so vielen neuen Leben, die ich inzwischen gelebt hatte, so viel Glück und Freude, ebenso wie Unglück und Schmerz... warum kam dieses erste immer wieder hoch?
Ich stand auf und duschte, in dem Bewusstsein, dass ich sowieso keinen Schlaf mehr finden würde. Es war noch früh, erst kurz nach zwei Uhr nachmittags. Die Vögel sangen ihre Lieder. Ich machte mir einen Kaffe latte, stellte mich damit an die Verandatür und genoss die Aussicht über die sanften Hügel.
Hier, am äußersten Rand von Beverly Hills, war es ruhig und grün. Und die Grundstücke exorbitant teuer... Von meinem Gehalt als Radiomoderatorin hätte ich meins nicht bezahlen können. Und die kleine, verwinkelte Villa, die ich mir nach eigenen Wünschen hatte bauen lassen, erst recht nicht. Aber die Ruhe, die ich hier draußen fand und die mir die lange Auffahrt, von der Straße hierher, garantierte, war mir das Geld wert gewesen.
Ich dachte an Tony zurück, dem ich mein Vermögen verdankte. Er hatte mir so viel beigebracht, mich unterstützt, mir Mut gemacht... Bis er sich eines Tages entschieden hatte, dass er lang genug am Leben gewesen war. Ich konnte seine Entscheidung manchmal verstehen. Aber dann gab es Tage wie den gestern... Scott war noch nicht bereit zu sterben, aber er hatte Tonys Wahl nicht.
Oh Mann... Ich hatte geahnt, dass ich früher oder später wieder bei Scott landen würde. Also gut. Ich versuchte mein Verhalten gestern zu analysieren. Ich war eindeutig zu vorschnell gewesen. Aber wie konnte man die Seele eines Menschen innerhalb von einer Stunde heilen? Dazu war so vieles mehr nötig... Aber es änderte nichts, ich war zu vorschnell gewesen. Ich hatte versucht ihn zu etwas zu überreden, bevor er Vertrauen zu mir gefasst hatte. Und Vertrauen war das wichtigste, war die Grundlage für die Hilfe, die ich den Menschen geben wollte. Er hatte mir noch nicht vertraut und deshalb war alles zunichte, was ich ihm vorher gesagt hatte.
Wieder und wieder gingen mir seine letzten Worte durch den Kopf. "Ich wusste, dieser Anruf ist ein Fehler. Sie können weder verstehen was in mir vorgeht, noch können Sie mir helfen." Diese Stimme... Warum fiel mir erst jetzt auf, dass sie mir bekannt vorkam? Angestrengt überlegte ich, wer Scott wirklich gewesen sein könnte. Viele riefen an und nannten einen falschen Namen, um ihre Privatsphäre zu schützen. "Ich wusste, dieser Anruf ist ein Fehler." Er klang so abweisend. "Sie können weder verstehen was in mir vorgeht, noch können Sie mir helfen." Seine Stimme klang rau, aber zugleich weich. Eine merkwürdige und sehr anziehende Mischung. "Leben Sie wohl, und viel Glück für ihre Zukunft."
Nein, das war kein gewöhnlicher Mann. Und wenn ich die Stimme kannte, dann musste er im öffentlichen Leben stehen oder gestanden haben. Na, da kamen einige in Frage... Schließlich war das hier L.A.. Also, von wem hatte ich die Stimme gehört, der in Frage kam? Wessen Stimme klang so rau? Wer war der todkranke Anrufer, mit dem Decknamen Scott?


4. Kapitel
Ich saß im Studio, die Füße auf die Pultkante gelegt, und sah zum abnehmenden Mond auf. Es war nicht viel los. Das Wetter war zu warm und sonnig gewesen, deshalb waren die meisten Leute spätabends noch unterwegs. Ich war seit elf auf Sendung. Und da Freitag war, würde ich bis um drei Uhr früh on air bleiben.
Ich warf Billy einen Blick zu, der in den CD's wühlte und hin und wieder verstohlen gähnte. Verdammt, er steckte mich damit an. Nichts kam so schlecht, wie eine gähnende Radiomoderatorin auf Sendung. Andererseits... Wenn kein Anruf kam, ging ich auch nicht auf Sendung. Es sei denn es kamen Sondermeldungen rein, oder ich sagte ab und an einen Musiktitel oder Werbejingle an.
Ich warf wieder einen Blick zu Billy. Pfui, Teufel! Er bohrte sich in der Nase! Ich riss einen Zettel vom Block vor mir, knüllte ihn zusammen und warf ihn kräftig vor die gläserne Trennscheibe. Die Bewegung ließ ihn hochschrecken. Ich gestikulierte ihm, dass er die Finger aus der Nase lassen sollte, worauf er mir den Mittelfinger zeigte. Ich deutete ihm, er könne sich seinen Mittelfinger sonst wo einführen. Wir beide verstanden uns gut, auch wenn das manchmal, so wie jetzt, anders aussah. Irgendwie musste man sich ja beschäftigen.
Ich nahm einen Schluck Kaffee latte und wandte mich wieder der Mondbetrachtung zu. Mir war stinklangweilig. Aber besser eine Nacht ohne wirkliche Arbeit im Studio, als die Hölle des Albtraums im heimischen Bett. Er quälte mich in letzter Zeit immer wieder und ich wusste nicht wieso.
Ein Licht vor mir begann zu blinken und ich setzte mich auf. Das war das Zeichen für einen hereinkommenden Anruf.
Billy ging dran, sprach kurz, dann fing er an mir hektisch Zeichen zu geben und gleichzeitig zu tippen. Auf meinem Bildschirm erschien "Scott aus Santa Monica!!!". Ich riss mir den Kopfhörer herunter und schaltete auf Lautsprecher.
"Hallo Scott! Schön, dass Sie anrufen!"
"Wollen Sie es nicht on air gehen lassen, damit alle mithören wie ich mich zum zweiten Mal zum Affen mache?" Seine raue Stimme triefte vor Sarkasmus. Das war ein ganz anderer Mensch, als beim letzten Anruf...
"Haben Sie getrunken, Scott?"
"Jawohl. Ich habe mich mit Mr. Daniels und Mr. Beam unterhalten. Und die beiden denken ebenfalls, dass ich ein Versager bin. Genau wie ich. Lustig, nicht?"
"Ich halte Sie nicht für einen Versager. Und ich würde nicht viel auf die Meinungen von den beiden geben."
"Ach nein? Warum nicht?"
"Weil sowohl Jack Daniels als auch Jim Beam eine beträchtliche Zeit ihrer Existenz in großen Fässern verbringen und keine Ahnung haben, wie es in der Welt läuft."
"Alle Achtung. Sie sind wirklich nicht schlecht." Plötzlich klang er um einiges nüchterner.
"Herzlichen Dank. Wollen wir uns jetzt normal unterhalten, oder wollen Sie mir noch mehr von ihren neuen Freunden erzählen?"
"So neu sind sie nicht."
"Haben sie Ihnen schon mal bei irgendwas geholfen? Außer dabei, die Probleme für eine Weile zu vergessen, die danach mit noch mehr Macht zurückkamen? Und dabei, Ihnen Kopfweh zu bereiten?"
"Warum stellen Sie mir eigentlich immer diese Fragen, wenn Sie die Antwort doch schon kennen?"
"Wir können die Rollen auch wechseln. Was möchten Sie mich fragen?"
"Ich möchte von Ihnen wissen, warum ihr Mitarbeiter weiter Musik spielt und unser Gespräch nicht on air gehen lässt."
"Weil ich mit Ihnen reden möchte. Nicht ganz L.A.."
"Sie sind eine merkwürdige Frau."
"Sie sind nicht der Erste, der das über mich sagt. Können wir uns jetzt also unterhalten?"
Er seufzte. "Warum wollen Sie unbedingt mit mir reden."
"Weil ich nach wie vor überzeugt bin, dass ich Ihnen helfen kann."
"Sie erinnern sich aber noch daran, dass ich nicht mehr lange leben werde?"
"Ja, daran erinnere ich mich noch gut. Grade deswegen will ich Ihnen ja helfen."
"Ich nehme alles zurück. Sie sind nicht merkwürdig, sondern verrückt."
"Auch mit dieser Meinung sind Sie nicht der Erste. Also?"
"Ich glaub das einfach nicht... Also gut. Lassen Sie uns reden, damit Sie nachher mit ruhigem Gewissen schlafen gehen können."
Meiner Auffassung nach war es sein Gewissen, das Ruhe brauchte.
"Wie alt sind Sie, Scott?"
"Warum fragen Sie mich das?"
"Weil ich es gern wüsste."
"Wie alt sind denn Sie?"
Warum war er nur so misstrauisch? "In meinem Führerschein steht, dass Naiana Nashgari einunddreißig Jahre alt ist."
"Ich hätte Sie für jünger gehalten..."
"Ich wirke jünger. Und wie alt sind Sie?"
"Ich bin fünfunddreißig."
"Kommen Sie gut bei Frauen an?"
"Was ist denn das für eine Frage?"
"Um Ihrer zuvorzukommen: Ja, ich komme gut bei Männern an. Ich habe aber aktuell keinen Freund. Wie ist es mit Ihnen?"
"Mir wird nachgesagt, ich sei sexy. Allerdings meide ich seit einiger Zeit Orte, wo ich Frauen kennen lernen könnte."
"Was für eine Krankheit haben Sie?"
Er antwortete nicht.
"Scott, sind Sie noch dran?"
"Ich hatte Ihnen gesagt, dass ich nicht darüber sprechen möchte."
"Ich glaube nicht, dass es AIDS ist. Was kann einen Mann von fünfunddreißig sonst noch umbringen? Die Liste ist ziemlich lang."
Am anderen Ende der Leitung erklang plötzlich ein keuchendes Husten, das stetig schlimmer wurde.
"Scott? Ist alles in Ordnung?"
Es hörte sich fast wie ein Asthmaanfall an... Dann ertönte wieder das Klacken, dass die Unterbrechung der Leitung anzeigte.
"Verfluchter Mist!" Ich setzte den Kopfhörer auf und zog das Mikro vor den Mund. "Billy, hattest du die Nummererkennung an?"
"Nein, Naia, tut mir leid. Aber ich mache sie jetzt an. Vielleicht hast du ja Glück..."
Ja, vielleicht. Aber an Glück glaubte ich schon lange nicht mehr. Schon gar nicht an meins.

Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, dann kommt vielleicht der Berg zum Propheten. Wenn ich nicht an das Glück glaubte, dann glaubte vielleicht das Glück trotzdem an mich. Kurz vor drei, nach einer Nightflyer-Sendung mit insgesamt nur drei Anrufern, kam ein vierter rein. Mit breitem Lächeln gab Billy, zum zweiten Mal in dieser Nacht, den Anrufer mit Namen Scott an mich weiter.
"Scott, wir haben uns Sorgen um Sie gemacht. Ist alles in Ordnung?"
"Bis auf die Tatsache, dass ich langsam vor mich hin sterbe, ja. Wenn Sie sich schon jetzt um mich sorgen, dann sollte ich wohl besser nicht mehr anrufen." Seine Stimme klang noch rauer als vorher.
"Ich würde mich nicht weniger sorgen, wenn ich nichts mehr von Ihnen hören würde."
"Gottverdammt, Naiana, was wollen Sie von mir? Ich wollte mich für immer von Ihnen verabschieden, aber Sie... Verdammt!"
"Aber das ist doch alles, was ich will. Einen Abschied. Für ihre Familie, ihre Freunde, damit sie nicht voller Fragen zurückbleiben. Damit sie nicht so zurückbleiben, wie Sie bei ihrer Mutter zurückgeblieben sind."
Er lachte freudlos. "Dafür ist es zu spät. Das war der Grund, warum ich mich heute betrunken habe. Es schreitet zu schnell voran, viel schneller als erwartet. Der Arzt gibt mir nur noch ein paar Tage, vielleicht eine Woche. Und wenn ich auf die Idee kommen sollte zu fliegen, wird es noch sehr viel schneller vorbei sein."
"Aber..." Der Prophet. "Wenn Sie nicht reisen können, gibt es noch immer die umgekehrte Möglichkeit, Scott! Rufen Sie sie an, erzählen Sie es ihnen! Sie werden kommen, glauben Sie mir!"
"Leben Sie wohl, Naiana. Sie machen ihre Sache gut, bleiben Sie dabei. Es gibt da draußen Menschen, die Sie brauchen. Leben Sie wohl."
Die Leitung war tot.
"Du verdammter Holzkopf!"
"Naia?"
"Was!"
Billy winkte, triumphierend grinsend, mit einem Zettel. Scotts Telefonnummer...


5. Kapitel
Der Mond ging grade unter. Ich saß in meinem Wagen, vor der Einfahrt von Scotts Haus. Ein Freund bei der Polizei, der mir noch was schuldete, hatte die Adresse herausgefunden. Allerdings war der Name an der Klingel so falsch wie der, den Scott Billy genannt hatte. Das hatte mein Freund mir gleich dazugesagt.
Nun gut. Ich wollte wissen, ob ich mit meiner Vermutung richtig lag. Also stieg ich aus und kletterte über das Tor. Dann joggte ich die Auffahrt entlang, bis ich durch die Kiefern ein zweistöckiges Holzhaus ausmachen konnte. Es wirkte fast wie eine Blockhütte, und das mitten in Santa Monica.
Ich schob einen Zweig zur Seite und sah genauer hin. Auf der Veranda, die zur Haustür führte, saß ein großer blonder Mann, scheinbar in Gedanken versunken.
Ich trat aus dem zwielichtigen Schatten der Bäume und ging auf ihn zu. Sobald er mich entdeckte, stand er auf und stellte sich mir breitbeinig in den Weg. "Hier sind Besucher nicht erwünscht!" rief er mir entgegen.
"Ich weiß. Sie können mich ja mit Gewalt hier wegbringen, wenn Sie das wollen." Ich wollte an ihm vorbei, doch er vertrat mir wiederum den Weg. Er war groß und kräftig. Seine blauen Augen musterten mich drohend, doch er beeindruckte mich nicht. Mit einer blitzschnellen Bewegung täuschte ich an, rechts an ihm vorbei zu wollen, und tauchte stattdessen links unter seiner ins Leere greifenden Hand durch. Dann ging ich im normalen Tempo weiter auf die Tür zu.
Er holte mich ein und packte mich an der Schulter. "Was, zur Hölle, wollen Sie hier? Er empfängt keine Besucher! Schon gar keine Leute von der Presse!"
"Wer sagt denn, dass ich von der Presse bin?" wollte ich wissen.
"Na, sonst wären Sie ja nicht hier! Aber ich lasse nicht zu, dass Sie ihn während der letzten Tage seines Lebens in den Dreck ziehen! Sie werden sofort verschwinden! Ist das klar!"
"Nein, ist es nicht. Ich bin nicht von der Presse. Ich arbeite bei HPM 102,8. Ich bin Moderatorin, meine Sendung heißt Nightflyer. Und ich mache mir Sorgen um ihn, genau wie Sie."
"Sie sind das?" Der Griff um meine Schulter lockerte sich. "Ich habe gehört, was Sie ihm wegen seiner Familie und seiner Freunde sagten. Das ist auch meine Meinung, aber wenn ich ihm das sagen würde, würde er mich nicht mehr hier haben wollen. Er ist ein verdammter Sturkopf."
"Ich wundere mich schon, dass er überhaupt noch jemanden in seiner Nähe duldet. Woran liegt das? Kennen Sie zwei sich schon lange?"
"Ja, sehr lange. Aber kommen Sie, ich mache Ihnen eine Tasse Kaffee."
"Kaffee latte bitte, wenn es geht."

Minuten später saß ich mit dem großen blonden Mann am Küchentisch und er erzählte mir, mit einem tieftraurigen Ausdruck in den Augen, woran Scott überhaupt litt.
"Vor einem Dreivierteljahr fiel ihm beim Sport auf, dass er sehr schnell außer Atem kam. Er ging zum Arzt, doch der prognostizierte nur eine Atemwegserkrankung. Als es nicht besser wurde und er anfing zu husten, suchte er einen anderen Arzt auf. Und der stellte schnell die niederschmetternde Diagnose: eine sehr aggressive Form von Lungenkrebs. Sie begannen mit der stärkstmöglichen Chemotherapie. Es war sehr hart für ihn... Sein Immunsystem brach zusammen, er übergab sich laufend, konnte nicht schlafen, die Haare fielen aus. Er klammerte sich an die Hoffnung, dass er den Krebs besiegen könnte. Aber die Chemo schlug nicht an und der Krebs bildete bereits Metastasen. Die Lunge sitzt voller Tumore. Er kommt über längere Zeit nicht mehr ohne zusätzlichen Sauerstoff aus. Nach der Chemo dauerte es noch etwas, dann verlor er die Hoffnung. Er trauert jedem vergehenden Tag hinterher. Und er hat sich selbst aufgegeben. Die einzige Möglichkeit, sein Leben vielleicht zu retten, wäre eine neue Lunge. Aber die Warteliste ist lang, und er hat noch nicht die oberste Priorität erreicht. Dazu müsste er im Endstadium in einer Klinik liegen. Aber wenn es dazu kommt, wird es schneller mit ihm vorbei sein, als eine Lunge gefunden ist."
"Also wird er sterben." Gedankenverloren drehte ich meine Tasse zwischen den Fingern.
"Ja, das steht fest. Und zwar sehr bald. Er hat eine Verfügung unterschrieben, dass bei ihm keine lebensverlängernden Maßnahmen angewandt werden dürfen. Es hätte ja auch wenig Sinn sein Leid zu verlängern, wenn er doch sterben muss."
"Und Sie kümmern sich um ihn?"
"Ja. Schon seit fast vier Monaten. Er war früher nicht so, wissen Sie? So zynisch und selbstmitleidig. Aber wenn man den Tod vor Augen hat, verändert einen das."
"Ja, das tut es. Keine Sorge, ich weiß wie er früher war. Ich habe eine Menge über die Backstreet Boys gelesen."
"Wie haben Sie ihn erkannt?"
"Es gibt Stimmen, die vergisst man sein Leben lang nicht. Ich habe sie immer bewundert, 'the boys who harmonize all the time'. Dass es so enden muss... Haben Sie die Adressen und Telefonnummern der anderen?"
"Ja, aber was nützt das? Er will sie ja nicht sehen. Genau wie seine Familie."
"Vielleicht kann ich ihn doch noch überreden, diesen Sturkopf. Deshalb bin ich hier."
Er schüttelte den blonden Kopf. "Wenn, dann auf Ihre Verantwortung, Miss. Ich gehe jetzt rauf und sehe nach ihm. Kommen Sie doch mit. Wenn er allerdings sauer wird, gehen Sie besser in Deckung."

Ich folgte dem Blonden die Treppe hinauf und nach rechts, wo mehrere Türen von einem Gang abgingen. An der letzten klopfte er. Dann ging er hinein und bedeutete mir, vor der Tür zu warten.
"Hatten wir nicht abgemacht, dass du mich nicht so lange schlafen lässt?" fragte eine raue Stimme mit mildem Tadel.
"Es ist nicht mal sechs Uhr morgens. Du bist erst nach vier eingeschlafen. Irgendwann zwischendurch musst du dich ja mal ausruhen." antwortete ihr der blonde Mann.
"Wie ging das noch? 'Ich werde schlafen wenn ich tot bin.' Es gibt noch so viel zu tun, ich kann meine letzten Stunden nicht mit schlafen vergeuden." Ein unterdrücktes Husten folgte dieser Erklärung. "Und jetzt hilf mir bitte aufstehen, dieses Schlauchgewirr würde mich strangulieren, wenn ich es allein versuchte."
"Der Arzt sagte, du solltest besser liegen bleiben."
"Der Arzt sagte auch, ich hätte noch zwei Monate. Komm schon, ich möchte ein bisschen auf der Veranda sitzen, während ich ein paar Dinge regle." Er stutzte. "Warum siehst du eigentlich ständig zur Tür?"
"Du... du hast Besuch..."
"Was heißt bitte, ich hätte Besuch?! Hast du etwa die Jungs angerufen?!" Sein kleiner Wutanfall ging in erneutem Husten unter.
"Nein, ich habe niemanden angerufen. Es ist die Frau aus dem Radio, mit der du gestern telefoniert hast. Die mit dem unaussprechlichen Namen."
"Naiana Nashgari?? Wie, zur Hölle, kommt sie hierher? Wirf sie raus!"
"Okay." schwere Schritte kamen zur Tür.
"...nein, warte." Ein Seufzen erklang. "Schick sie rein und mach uns bitte was zu trinken."
Die Tür schwang auf und der große Blonde lächelte mir aufmunternd zu. Er ging an mir vorbei, während ich mich dem Zimmer und seinem Bewohner zuwandte.
Der Todkranke saß fast aufrecht im Bett, von mehreren Kissen gestützt. Das Gesicht war entsetzlich bleich und schmal, die Lippen leicht bläulich. Ein dünner Schlauch, der über die Ohren zur Nase führte, versorgte ihn mit Sauerstoff.
Er sah mich verärgert an. "Nun, Miss Nashgari? Haben Sie gefunden was Sie gesucht haben?"


6. Kapitel
"Was denken Sie denn, was ich gesucht habe?" fragte ich.
Seine Augen wurden schmal. "Jemanden dem Sie unbedingt helfen müssen. Dabei habe ich Ihnen erklärt, dass mir niemand mehr helfen kann."
"Dann verstehe ich nicht, warum Sie in meiner Sendung angerufen haben. Sie ist für Menschen gedacht, die Hilfe suchen und sie da vielleicht finden. Ob es nur ein Gespräch ist, um alles zu klären, oder tatsächliche Hilfe, die wir vermitteln können."
Er sagte nichts dazu, sondern sah mich nur abschätzend an.
"Wissen Sie, was ich glaube? Ich denke, Sie wollten wirklich Hilfe. Sie wollten, dass ich sie darin bestätige ihren Angehörigen nichts zu sagen. Und weil ich das nicht tat, sind Sie wütend. Sie zweifeln selbst daran, ob es richtig ist, nicht wahr?"
Er vermied es, mir in die Augen zu sehen. "Ich muss tun, was ich tun muss."
"Sie sind ein Feigling!"
Er sah auf, seine Augen funkelten vor Wut. "Und Sie sind eine uneinsichtige Ignorantin! Ich kann mir mein Todesdatum nicht aussuchen, da will ich wenigstens über die Umstände meines Todes bestimmen! Hätte ich gewusst, dass die Chemotherapie nichts bringen würde, hätte ich die Zeit besser genutzt, sie genossen und mich dann umgebracht, anstatt..." Er fing an, keuchend zu husten. Fahrig griff er nach einem Taschentuch, um es sich an den Mund zu pressen, während er die andere Hand ins Bettzeug krallte. Als das Husten nachließ und er die Hand wieder sinken ließ, war das Taschentuch hellrot verfärbt. Erschöpft ließ er den Kopf nach hinten sinken. Sein Blick glitt über mein Gesicht.
"Sie hatten Recht. Sie sehen wirklich jünger aus. Höchstens wie Anfang zwanzig. Und Sie klingen auch so." meinte er müde.
Der blonde Mann kam zurück, mit einem Tablett mit Getränken.
"Lassen Sie mich Ihnen helfen. Ich kann für Sie ihre Freunde und ihre Familie anrufen und es ihnen erklären. Sie brauchen die Möglichkeit sich zu verabschieden. Seien Sie nicht so rücksichtslos zu sich selbst." bat ich beschwörend.
"Weißt du... sie hat Recht." versuchte der Blonde mir zu helfen.
Ein eisiger Blick ließ ihn verstummen. "Scheinbar weiß hier jeder was richtig ist, außer mir. Wenn du so denkst, kannst du gern gehen und brauchst nicht wiederzukommen."
Ich hatte jetzt genug. Durch meine Anwesenheit lief es darauf hinaus, dass er nachher allein dastand, ohne Hilfe. Ich drehte mich um und ging zur Tür. Warum war ich überhaupt hergekommen? Es fiel mir, unglücklicherweise, wieder ein, als ich die Tür erreichte. Ich wandte mich nochmal zu ihm um.
"Sie wollten wissen, ob ich gefunden habe was ich suchte. Nun, ich habe Kevin Scott Richardson gesucht. Einen Mann, den ich geachtet habe. Aber gefunden habe ich hier nur Scott. Einen Sterbenden, der sich im Selbstmitleid badet. Was ist aus Ihrem Stolz geworden, Ihrer Selbstachtung? Ihrem Gefühl für Recht und Unrecht? Ihrem Mitgefühl mit anderen? Ihr Vater gab Ihnen die Möglichkeit zum Abschied nehmen, obwohl es für ihn und für Sie nicht leicht sein würde, wie er wusste. Ihre Mutter konnte sich leider nicht verabschieden. Und Sie könnten es, aber tun es nicht..." Ich schüttelte den Kopf. "Ich habe Kevin gesucht, aber er scheint gegangen zu sein. Sie tun mir leid, ohne ihn. Leben Sie wohl, Scott."
Ich drehte mich um und ging, mir des intensiven Blickes voll bewusst, der mir folgte. Ich hatte getan was ich konnte. Alles andere lag, nach wie vor, bei ihm.


7. Kapitel
"Und es ist wirklich Kevin Richardson, von den Backstreet Boys?" wollte Billy am nächsten Tag von mir wissen. "An der Stimme hätte ich ihn garantiert nicht erkannt. Sie klang so rau..."
"Das liegt am ständigen Husten. Und es hat sich nicht nur seine Stimme verändert..." Ich rührte in meinem heißen Kaffee latte. Ich fragte mich, was Scott, beziehungsweise Kevin, grade machte. In einer Stunde würden wir auf Sendung gehen und ich wusste, er würde nicht anrufen.
Ich wurde in meiner Überzeugung bestätigt.

Scotts (Kevins) pov:
Die Buchstaben auf dem Laptop verschwammen. Müde rieb ich mir über die Augen, um wieder klar zu sehen.
Ich hatte nie darüber nachgedacht ein Testament zu machen, bis ich wusste ich hatte nur noch kurze Zeit. Wenn ich das Geld nicht mehr brauchte, konnten andere eine Menge Gutes damit anstellen. Wie, zum Beispiel, die Jungs mit ihren Projekten.
Unvermittelt gingen meine Gedanken zu Naiana. Auch sie half, aber auf andere Art und Weise. Sie machte ihre Sache wirklich gut. Kaum zu glauben, wenn man diese zarte Person betrachtete. In ihr wohnte eine Stärke, die äußerlich nicht erkennbar war. Und sie war sehr hübsch. Das kurze dunkle Haar, die helle Haut, die grünen Augen im herzförmigen Gesicht... Sie gefiel mir. Wenn ich länger auf dieser Welt hätte verweilen können, wäre ich gern mit ihr ausgegangen.
Aber sie bestimmt nicht mit mir... Sie hatte Recht damit, mich zu verachten. Ich war ein egoistischer Feigling. Von dem Mann, der ich einmal war, war nichts mehr übrig. Er war kurz nach der Chemotherapie gestorben, als der Arzt mir erklärt hatte, ich würde früher oder später zu Grunde gehen. Entweder an meinem eigenen Blut ertrinken oder ersticken, weil die zerstörte Lunge keinen Sauerstoff mehr aufnehmen konnte. Ich hätte schon damals auch den Rest von mir töten sollen...
Trey kam raus, mit einem Teller mit Sandwiches. "Hier, Kev, du solltest was essen."
Ich tat es, ihm zuliebe. Er gab sich Mühe mich zu verstehen, aber er hieß es nicht gut, dass ich Naianas Vorschlag abgelehnt hatte. Ihr Besuch war jetzt vier Tage her. Ich hörte jeden Abend ihre Sendung, da ich doch nicht schlafen konnte, selbst wenn ich es versuchte. Stattdessen lag ich wach und grübelte, nahm hin und wieder Papier und Stift und schrieb Abschiedsbriefe an alle, die mir im Leben etwas bedeutet hatten. Und jede Nacht fielen mir Dinge wieder ein, die ich verdrängt oder vergessen hatte. Die Meisten davon hatten mit den Jungs oder meinen Brüdern zu tun. Ich vermisste sie alle...
Ein heftiger Hustenkrampf überfiel mich. Verzweifelt rang ich nach Luft, während meine Lunge scheinbar aus mir heraus wollte, begleitet von einem stechenden Schmerz in der Brust. Sofort war Trey neben mir, doch ich nahm ihn kaum wahr. Krampfhaft versuchte ich, genug Luft zu holen. Trey drückte mir die Sauerstoffmaske aufs Gesicht und ganz langsam wurde es besser. Aber der stechende Schmerz blieb, ebenso wie die Panik. Der metallische Geschmack von Blut füllte meinen Mund.
Es würde nicht mehr lange dauern, die Anfälle wurden häufiger. Das war jetzt schon der dritte innerhalb von zwei Stunden. Zu reden traute ich mich schon fast nicht mehr, weil es oft umgehend einen Hustenkrampf auslöste. Mit zitternden Fingern tippte ich eine Botschaft an Trey auf dem Laptop. Er las sie und nickte, dann ging er meine Schmerzmittel holen. Als er wiederkam, schüttelte er die fast leere Dose. Es waren nur noch zwei Tabletten darin. Er gab sie mir und half mir etwas zu trinken.
"Das waren die Letzten, Kev. Ich fahre schnell neue holen, okay? In spätestens einer Stunde bin ich zurück."
Ich nickte und sah auf die Uhr. Es war fast acht Uhr abends.
Bevor Trey ging, schob er den Rollstuhl, mit mir darin, ins Wohnzimmer und versicherte sich, dass ich es bequem und alles in Reichweite hatte. Dann ließ er mich allein.

Es war kurz nach elf. Die Schmerzen in meiner Brust wurden jede Minute stärker, doch das war es nicht, was mir Sorgen machte. Trey war noch immer nicht zurück... Was konnte ihm nur passiert sein? Wenn er – ich mochte an die Möglichkeit gar nicht denken – einen Unfall gehabt hätte, dann hätte doch bestimmt jemand hier angerufen? Über sein Handy war er nicht erreichbar, das hatte ich immer wieder probiert. Ihm durfte einfach nichts passiert sein... Er war seit so vielen Jahren mein Freund, schon seit fast zweidrittel meines Lebens. Er war immer für mich da und ich hatte gehofft auch für ihn immer da sein zu können, aber der Krebs hatte mir einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Ich spielte mit dem Gedanken, in den Krankenhäusern nachzufragen, aber wenn Trey dort wäre, hätte er längst angerufen. Oder die Schwestern hätten hier angerufen, wenn er nicht bei Bewusstsein gewesen wäre, denn es war sein Haus und sie hätten versucht Angehörige zu benachrichtigen. Verdammt, Trey, wo steckst du!
Das Einzige, das mir in dieser Situation einfiel, war, Naiana bei Nightflyer anzurufen. Sie konnte mir helfen und würde es ohne Zögern tun, das wusste ich. In den Wochen, die meiner Chemotherapie gefolgt waren, waren sie und ihre Sendung eine Art fester Bestandteil in meinem Leben geworden. Etwas, das mir die Sicherheit gegeben hatte, dass es Menschen gab die sich um andere kümmerten. Wie ich selbst es nicht mehr konnte... Warum wurde mir erst jetzt klar, dass ich in ihr einen Teil meines alten Ichs wiedererkannt hatte? Ich hatte so wenig Zeit um nachzudenken, warum dachte ich dann dauernd nur über die falschen Sachen nach?
Ich griff nach dem Telefon und der Fernbedienung der Stereoanlage, wählte die Nummer der Nightflyer-Hotline, machte das Radio an und stellte es leise. Es lief grade Musik.
Als ihr Mitarbeiter Billy sich meldete, hoffte ich inständig dass man mich überhaupt verstehen konnte...


8. Kapitel
Naianas pov:

"Du wirst es nicht glauben, ich habe hier tatsächlich Scott in der Leitung!" drang Billys Stimme aus dem Lautsprecher.
Ich schaltete das Mikro an. "Stell ihn durch und spiel bitte weiter Musik, ja? Wenn er doch nochmal anruft, muss es etwas wichtiges sein."
"Geht klar, Boss."
Ich öffnete die Leitung. "Scott? Was kann ich für Sie tun?"
Gedämpftes Husten erklang. "Mein Freund ist... nicht zurückgekommen." Seine Stimme war leise und rau, der Atemzug im Satz klang leicht pfeifend.
"Was meinen Sie mit 'nicht zurückgekommen'?" fragte ich irritiert. Trey, der blonde Mann mit der Statur eines Bodybuilders, schien mir nicht der Typ einfach abzuhauen und Scott hängen zu lassen.
"Er wollte... in die Stadt um... Medikamente zu besorgen. Er ist... noch immer nicht... zurück, dabei wollte er... um neun zurücksein." Wieder erklang ein unterdrücktes Husten. Es schien ihm nicht gut zu tun, so viel zu sprechen. Er war sehr kurzatmig.
"Und jetzt machen Sie sich verständlicherweise Sorgen..." Ich überlegte, wie ich das Problem lösen konnte. Ich konnte Scott nicht im Stich lassen. Vor allem, wenn er allein zu Hause war und es ihm schlecht ging. "Billy, ist in der Stadt was los?"
"Die Main Street wurde wegen eines Unfalls gesperrt, da geht es weder vor noch zurück und zwar über fast zwei Kilometer. Ein Gefahrenguttransporter ist mit drin verwickelt."
"Haben Sie gehört, Scott? Möglicherweise ist er da in den Stau hineingeraten. Wir werden sicher gehen, bleiben Sie dran. Billy, bring mich auf Sendung."
"Du bist drauf in drei... zwei... eins..."
"Hallo, hier ist Naiana Nashgari mit der Sendung Nightflyer. Wir haben grade Scott in der Leitung, der sich um einen Freund Sorgen macht. Sein Name ist Trey, er ist etwa einen Meter neunzig groß, athletisch gebaut, hat blonde Haare und blaue Augen. Er wollte eine Besorgung machen und längst wieder zurück zu Hause sein. Sehen Sie sich um, liebe Hörer. Sehen Sie jemanden, auf den diese Beschreibung passt? Dann, bitte, fragen Sie ihn, ob er einen Scott kennt und, wenn ja, ihn anrufen kann, denn Scott macht sich Sorgen. Erinnern Sie sich, wie es war, als Sie sich das letzte Mal um jemanden gesorgt haben und nicht wussten, wie Sie denjenigen erreichen konnten? Genau so geht es Scott jetzt. Ich bitte Sie, helfen sie uns." Ich gab Billy Zeichen, und er spielte wieder Musik.
"Sind Sie noch dran, Scott?"
"Ich kann nicht glauben,... dass Sie das wirklich... getan haben." Er klang belustigt.
"Sie kennen mich eben noch nicht richtig. Man sagt über mich, ich sei zu allem fähig, aber zu nichts zu gebrauchen." Ich grinste.
"Das ist ein... schwerer Irrtum. Sie sind... einfach einmalig." Er hustete wieder, diesmal länger und stärker. "Ich wünschte,... ich hätte Sie früher... kennen gelernt."
Ein leises Klingeln ließ mich aufhorchen.
"Entschuldigung,... mein Handy."

Scotts (Kevins) pov:
Ich legte den Telefonhörer in meinem Schoß und zog das Handy aus der kleinen Seitentasche am Rollstuhl. Als ich dranging, hörte ich bereits Treys Stimme.
"Kev, ist alles okay?"
"Das wollte... ich dich fragen."
"Bei mir ist alles in Ordnung. Ich stehe hier in diesem verdammten Stau... Ein Passant meinte, weiter vorne sei ein Laster umgekippt. Ich hätte dich angerufen, aber mein Akku ist leer und ich komme nicht aus dem Wagen raus, weil die Autos so dicht stehen. Der Herr, im Wagen neben mir, hat mir netterweise sein Handy geliehen, damit ich dich anrufen konnte. Er fragte mich, ob ich Trey heiße und meinte, ich würde per Radio gesucht... Hat deine Freundin bei HPM 102,8 ernsthaft eine Suchmeldung für dich gestartet?"
"Sieht ganz so aus..." Ich grinste.
"Unglaublich... Na gut, ich bin so schnell wie möglich bei dir. Bau keinen Mist. Bye."
Was, zum Teufel, meinte er denn wieder damit? Ich legte das Handy beiseite und nahm den Telefonhörer wieder auf.
"Miss Nashgari?"
"Hat er sich gemeldet?"
"Ja, es geht ihm... gut. Er steht im... Stau."
"Dann kann es ja noch ein bisschen dauern, bis er kommt. Erlauben Sie mir, Ihnen bis dahin etwas Gesellschaft zu leisten?"
"Gern." Scheinbar ahnte sie, dass ich Angst davor hatte allein zu sein.
Sie lachte. "So blöd das klingt, wenn man nicht weiß wie man anfangen soll, empfiehlt es sich über das Wetter zu reden. Haben Sie heute den Sonnenuntergang gesehen, Scott? Billy sagte, er sei wunderschön gewesen. Mit vielen verschiedenen Rot- und Goldtönen. Und das Ganze gespiegelt im Pazifik... Genau das Richtige für einen Spaziergang am Strand."
Von ihrer weichen Stimme ging ein Zauber aus. Ich schloss die Augen und sah uns beide, Hand in Hand am menschenleeren Strand, die Füße von den Wellen umspült. Ich roch das Meer, fühlte den Sand unter meinen Füßen, die Wärme ihrer Hand...
Doch dann schoss ein stechender Schmerz durch meine Brust, wie tausend heiße Nadeln die sich durch meine Lungen bohrten, und zerstörte das Bild. Ich rang nach Luft.
"Scott? Ist alles okay?" fragte Naiana alarmiert nach.
"Alles okay..." Die Worten gingen in Husten über und der Schmerz wurde schlimmer als je zuvor. Ich krallte die freie Hand um die Armlehne des Rollstuhl und versuchte mich zusammenzureißen. Ich nahm die Sauerstoffmaske, presste sie mir aufs Gesicht und holte langsam Luft, doch ein neuer Hustenkrampf drückte sie mir wieder aus dem Körper. Gott, bitte, ich will nicht sterben. Nicht heute, nicht so. Nicht ganz allein... Warum wurde mir das nur erst jetzt klar?
"Atmen Sie ganz ruhig ein, Scott, und halten Sie die Luft einen Moment an. Hören Sie auf ihren Herzschlag und verlangsamen Sie ihn."
Ich gehorchte und bekam tatsächlich wieder besser Luft. Aber die Schmerzen blieben und trieben mir die Tränen in die Augen. Oder war es die Verzweiflung? Ich musste die Jungs anrufen und meine Brüder... Ich hatte nicht mehr viel Zeit... Ich klemmte den Hörer zwischen Schulter und Ohr, um den Kontakt zu Naiana nicht zu verlieren, und versuchte mit beiden Händen den Rollstuhl zur Kommode zu manövrieren, in der Treys Adressbuch lag. Aber der weiße Teppich, hier im Wohnzimmer, war weich, oder ich schon zu schwach, was auch immer. Ich kam kaum von der Stelle, obwohl ich mich so abmühte. Ich hielt inne. Es gab keine Möglichkeit für mich, diesen Raum mit dem Stuhl zu durchqueren. Also musste ich es ohne ihn versuchen... Ich hängte die Sauerstoffmaske wieder zurück an ihren Haken.
"Scott?" Naiana klang besorgt.
"Sie hatten... Recht,... Naiana... Ich hätte... sie anrufen... müssen... Schon längst... Ich bete, dass... es jetzt... nicht... schon zu... spät ist..." Ich drückte mich aus dem Rollstuhl hoch und machte den ersten taumelnden Schritt in Richtung Schrank. Jeder Atemzug brannte wie Feuer.
"Es ist nie zu spät. Rufen Sie sie an und sagen Sie ihnen, sie sollen sofort kommen."
Ja, das wollte ich tun. Wenn ich nur den Weg zur Kommode schaffte und das Adressbuch fand. Ich machte den nächsten Schritt. Mein Herzschlag verdoppelte sich und mir wurde schwindelig. Es hatte gute Gründe, warum ich im Rollstuhl saß... Der Sauerstoff, den meine Lungen noch aufnehmen konnten, reichte einfach nicht mehr um die Muskeln meines Körpers zu versorgen. Meine Beine begannen zu zittern... Bitte, Gott, nur diese eine Chance! Ich ging weiter, setzte einen Fuß vor den anderen, die Kante des Möbelstücks fixierend. Wenn ich es schaffte sie zu erreichen, konnte ich mich wenigstens festhalten. Noch vielleicht sechs Schritte... Noch fünf... Vier... Drei...
Mit einem Schrei fiel ich auf die Knie, als ein neuer Schmerz, wie ein glühendes Messer, durch meine Brust fuhr. Das Telefon schlug mit einem dumpfen Laut auf dem Teppich auf. Ich konnte nicht mehr atmen, begann zu husten und konnte nicht wieder aufhören. Es war zu spät... Alles war zu spät... Mit geschlossenen Augen kauerte ich auf allen Vieren auf dem Boden. Ich hatte Angst. Todesangst. Mir war so schwindelig, dass ich mich nicht traute die Augen zu öffnen. Ich schmeckte mein Blut, das mit jedem Husten aus meiner Lunge herauskatapultiert wurde. In meinen Ohren fing es an zu rauschen Ich taumelte, meine Gedanken vernebelten sich. Dann knickten mir die Arme weg und ich sank zur Seite.
Ich spürte, wie das Blut an meiner Wange entlang lief und im Teppich versickerte. Wie aus weiter Ferne drang leise Naianas Stimme zu mir. Ich öffnete mühsam die Augen und sah das hellrote Blut auf dem weißen Teppich. Das Telefon lag dahinter, außerhalb meiner Reichweite. Dann begannen rot und weiß vor meinen Augen zu verschwimmen. Ganz allmählich wurden die Farben dunkler, bis alles in Schwärze gehüllt war.
"Tut... mir... leid..." flüsterte ich, dann verlor ich endgültig die Besinnung.


9. Kapitel
Naianas pov:

"Kevin, hörst du mich!"
Das einzige Geräusch, das aus dem Lautsprecher drang, war ein immer schwächer werdendes Husten.
"Kevin, du musst durchhalten!" Ich drehte den Ton bis zum Anschlag auf.
"Tut... mir... leid..." drang sein heiseres Flüstern zu mir. Es war kaum zu verstehen.
"NEIN! NEIN, VERDAMMT!" Warum?! Grade jetzt, wo er seine Meinung geändert hatte! "Billy, schick sofort einen Krankenwagen zu seiner Adresse! Pronto!"
Ich konnte Trey nicht erreichen, es sei denn wieder über einen Aufruf im Radio. Alles was ich tun konnte, war selbst hinzufahren...
"Billy, du übernimmst. Sag den Hörern, es gab einen Notfall und spiel Musik. Die Problemfälle schreibst du auf, ich rufe die Leute dann privat zurück."
"Aber du kannst doch nicht einfach aus einer laufenden Sendung..." Den Rest hörte ich nicht mehr, denn ich war schon aus der Tür.

Ich kam zeitgleich mit dem Krankenwagen unten am Tor an, weil ich sämtliche Tempolimits gebrochen hatte.
Als die Sanitäter zu diskutieren begannen, wie sie die Auffahrt hochkommen sollten, brach ich kurzerhand mit der Brechstange das Tor auf, raste mit meinem Mustang die Auffahrt hoch und kam schlitternd vor der Veranda zum Stehen. Ich sprang aus dem Wagen und lief zur Tür. Durch die Scheibe konnte ich den Rollstuhl im hellerleuchteten Wohnzimmer sehen und, etwas weiter weg am Boden, eine reglose Gestalt.
Die Sanitäter kamen heran und ich stieß die Tür für sie auf. "Er hat Lungenkrebs im Endstadium." teilte ich ihnen mit. Ich hoffte nur, dass er noch am Leben war. Dass er so lange durchhielt, bis seine Freunde kamen. Oh, bitte, sei noch nicht tot...
Sie rollten Kevin auf den Rücken. Sein Gesicht war kreidebleich und blutverschmiert, die Lippen blau angelaufen. Aber wie durch ein Wunder hob und senkte sich seine Brust noch kaum merklich. Sie legten ihn auf die Trage und setzten ihm eine Sauerstoffmaske auf.
Kevins Worte geisterten durch meinen Kopf. Sie hatten Recht, Naiana. Ich hätte sie anrufen müssen. Schon längst. Ich bete, dass es jetzt nicht schon zu spät ist. Mein Blick wanderte vom Rollstuhl zu der Stelle, wo er gelegen hatte. Knapp zwei Meter weiter stand eine Kommode. Ich erinnerte mich, dass Trey erzählt hatte er hätte die Nummern von Kevins Angehörigen. War das der Grund, warum Kevin auf dem Boden gelegen hatte? So weit weg von seinem Rollstuhl? Ich ging zur Kommode und zog die oberste Schublade auf. Der einzige Inhalt war ein schwarzer Buch mit alphabetischem Verzeichnis. Ich schlug es bei L auf. Der erste Eintrag lautete Littrell, Brian Thomas. Ich klappte das Buch zu und steckte es ein. Dann schrieb ich eine Nachricht an Trey, wo ich angab in welche Klinik man Kevin bringen würde. Ich fuhr im Krankenwagen mit.

"Eigentlich darf ich nur Verwandten Auskunft geben, Miss Nashgari..."
"Ich kenne die Regeln, Doktor. Aber er hat hier in L.A. keine Verwandten, sondern nur einen guten Freund. Wenn wir warten, bis seine Verwandten hier sind, ist es zu spät, nicht wahr?"
Der Weißkittel sah mich ernst an. "Ja, Sie haben Recht. Ich gebe ihm noch zwei, vielleicht drei Stunden. Er hat sich gegen lebensverlängernde Maßnahmen ausgesprochen. Und eine neue Lunge..." Er schüttelte bedauernd den Kopf.
"Kann ich zu ihm?"
"Wenn Sie möchten. Allerdings haben wir ihm eine große Dosis Morphium verabreicht, damit ihm die Schmerzen erspart bleiben. Ich bezweifle, dass er von Ihrer Anwesenheit etwas mitbekommt."
"Danke, Doktor." Ich ging den sterilen Flur entlang zu der Glastür, die zu Kevins Zimmer gehörte. Wie ich den Geruch von Desinfektionsmittel verabscheute...
Einen Moment sah ich ihn mir einfach durch das Glas an. Es war noch immer dasselbe Gesicht, dass vor wenigen Jahren in vielen Mädchenzimmern von unzähligen Postern herabgelächelt hatte. Aber heute war es schmaler, fast hager, teilweise von der Sauerstoffmaske verdeckt. Um die Augen lagen tiefe Schatten. Das dunkle Haar war noch sehr kurz, denn die Chemotherapie war erst zwei Monate her. Und der ehemals athletische Körper war abgemagert, von seinen Muskeln kaum etwas geblieben.
Ich öffnete die Tür und ging zu ihm. Er saß fast aufrecht im Bett, von Kissen gestützt, damit es ihm möglichst leicht fiel zu atmen. Die einzigen Lebenszeichen waren das Piepsen des Herzmonitors und sein raues Luftholen. Ich griff nach seiner Hand.
"Hallo Kevin. Der Arzt behauptet, du könntest mich nicht hören. Aber das stimmt nicht, oder? Ich weiß, du hörst mich. Du musst durchhalten, okay? Ich habe hier Treys Adressbuch. Ich werde es jetzt für dich tun, weil du es wolltest, aber nicht mehr kannst. Wenn wir Glück haben, schaffen es zumindest AJ und Howie hierher, bevor du... Du musst einfach durchhalten. Du bist noch immer der Mann, den ich achte und respektiere. Ein Teil von dir war verschüttet, aber heute hast du ihn wiedergefunden. Du bist immer noch Kevin. Halt durch."
Entschlossen ging ich zum nächsten Telefon und wählte die erste Nummer.


10. Kapitel
Sechs Männer. Alle wollten sich sofort auf den Weg machen. Zwei lebten hier, in der Nähe von L.A.. Zumindest die beiden sollten es schaffen können.
Unwillig wischte ich mir die Tränen von den Wangen. Warum, zum Teufel, heulte ich? Er war ein Mensch. Menschen starben. Egal, ob sie etwas Gutes bewirkt hatten oder nicht. Egal, ob sie singen konnten wie ein Engel. Egal, ob ihr Tod etwas für immer verloren gehen ließ.
Aber er hatte mit seinem Gesang mein Herz berührt... Zu einer Zeit, als ich völlig verlassen und allein war, weil Tony sich entschieden hatte zu gehen. Weil ich ihn nicht hatte zurückhalten können... Was wog meine Existenz schon gegen die Verbrechen, die Tony begangen hatte? Und doch hatte er mit seiner Entscheidung gewartet, bis ich allein zurecht kam. Ohne jemandem dabei zu schaden. Und es waren ihre Stimmen gewesen, die mich vor zehn Jahren daran gehindert hatten Tonys Beispiel zu folgen. Seine war es, die den Ausschlag gegeben hatte.
Wie von selbst lenkten mich meine Schritte ins Kellergeschoss, zu den Labors. Hier unten kannte ich mich aus, deshalb fand ich ihn schnell.
"Hallo Lucas."
Der Mann im weißen Kittel zuckte erschreckt zusammen, fing grade noch das Plastikröhrchen wieder auf und drehte sich zu mir um. "Um Himmels Willen, Naiana... Ich werde dir ein Glöckchen umbinden, ich schwöre es."
"Du hast zu viele Katzen, mein Lieber."
"Was, zur Hölle, tust du hier? Habe ich einen Termin vergessen?" Er rückte seine Brille zurecht.
"Nein, ich bin wegen eines Freundes hier. Ich brauche deine Hilfe."
"Und wie kann ich dir helfen?" Er nahm mich an der Hand und führte mich zu seinem Stuhl. Dann ging er zum nahen Kühlschrank und nahm Milch heraus, die er in einen Erlmeyerkolben füllte und auf einem Bunsenbrenner zu erhitzen begann.
"Er liegt im Sterben, Krebs im Endstadium. Ich habe grade seine Angehörigen verständigt, aber ob sie rechtzeitig kommen..." Ich hielt inne und erwiderte seinen Blick. "Ich hoffe, dass unsere Bluttests ihm irgendwie helfen können. Er soll die Möglichkeit haben, sich von seiner Familie und seinen Freunden zu verabschieden."
"Wow... Und wer ist der ominöse Fremde, für den du so viel riskieren willst?" Seine blauen Augen funkelten vor Neugier.
"Er heißt Kevin Scott Richardson."
Lucas fiel die Kinnlade herunter. "Der Kevin Richardson? Der Sänger von dieser Popband? Von dem du mir vor ein paar Jahren die Ohren vollgeschwärmt hast?" Er drehte sich zu mir um und seine Augen wurden groß. "Ich... ich hab dich noch nie rot werden sehen..."
Ich wandte das erhitzte Gesicht ab.
Lucas nahm die Milch vom Feuer, goss sie in ein Becherglas, schüttete etwas löslichen Kaffe und Zucker dazu und rührte das Ganze mit einem Spatel um, mich die ganze Zeit aus den Augenwinkeln beobachtend.
"Hier, dein Kaffe latte."
"Danke."
"Woher kennst du ihn?"
"Er hat mich bei Nightflyer angerufen."
Er nickte und sah mich verständnisvoll an. "Und was kann ich für euch tun?"
Ich hielt ihm meinen rechten Arm hin. "Ich bin zur Blutspende hier."


11. Kapitel
Einige Zeit später war ich wieder oben, auf dem Weg zu Kevins Zimmer. Unter meiner Lederjacke versteckt, trug ich einen Beutel Blutplasma. Mein Blut, das zentrifugiert und so von den roten Blutkörperchen befreit worden war. Ich schaffte es ungesehen ins Zimmer, hängte die Fusion an den Ständer und stach die Infusionsnadel in Kevins Handrücken, wo ich sie mit einem Pflaster fixierte. Aber in dem Moment, als ich die Fusion aufdrehte, um sie möglichst schnell durchlaufen zu lassen, platzte Trey herein.
"Was, um Gottes Willen, machen Sie da?!"
Ich drehte mich langsam zu ihm um. Sein Blick glitt zwischen Kevin und mir hin und her, dann packte er mich schmerzhaft am Handgelenk.
"Ich habe Sie was gefragt!"
"Ich versuche ihm zu helfen."
Seine Augen wurden schmal. "Sie wollen ihm helfen, indem Sie ihm die Infusion abdrehen?"
"Ich habe sie nicht ab-, sondern aufgedreht." Ich nahm seine Hand und bog mit Leichtigkeit seine Finger auseinander.
Entsetzt starrte er mich an. "Wer, zur Hölle, sind Sie?"
"Die Frage müsste lauten: Was, zur Hölle, sind Sie. Ich bin ein Vampir. Das da, in dem Tropf, ist mein Blut. Ohne rote Blutkörper, damit sich Kevin nicht mit dem Vampirismus-Virus infiziert. Wir haben festgestellt, dass das Plasma eines Vampirs auffällig viele immunisierende Stoffe enthält. Ich hoffe Kevin damit am Leben erhalten zu können, bis seine Freunde und Brüder hier eintreffen."
"Das ist unmöglich. Es gibt keine..." Mein Lächeln ließ ihn verstummen. Kein Wunder, meine Eckzähne waren voll ausgefahren.
"Wie... Wie kann..." Er begriff langsam. Und als er es endlich erfasste, griff er nach einem Stuhl.
"Whooohoo! Moment mal!" Ich hob die Hände, um zu zeigen dass ich ihm nichts tun würde.
"Gehen Sie weg von ihm, Sie Monster!"
"Erst wenn Sie den Stuhl wegstellen!" Wenn ich zur Seite trat, schlug er wohlmöglich damit nach mir...
"Ich sagte, Sie sollen weggehen von ihm!"
"Entschuldigung, wenn ich störe..."
Trey fuhr herum und bedrohte jetzt Lucas, der unbemerkt hereingekommen war. Das war was ganz anderes, als wenn er auf mich zielte, denn Lucas war wehrlos. Ich packte ein Stuhlbein und riss Trey die Sitzgelegenheit aus der Hand. Er wandte sich wieder mir zu. Bevor er jedoch wieder den Stuhl ergreifen konnte, hatte ich meinen Fuß auf der Sitzfläche.
"Jetzt ist aber gut! Das da ist ein Mensch wie Sie, verdammt nochmal!" Ich deutete auf Lucas, der immer noch mit hochgerissenen Armen und zugekniffenen Augen auf den Schlag wartete. "Lucas, du kannst wieder hinsehen. Ich habe den Stuhl."
Er atmete sichtlich auf und ließ die Arme sinken. "Ich wollte sehen, ob es tatsächlich hilft... Das würde die Wissenschaft revolu..." Er fing meinen Blick auf. "Ja, schon gut. Es wäre einfach gut zu wissen. Und wer ist der Kerl, der mich erschlagen wollte?"
"Darf ich vorstellen: Trey, das ist Lucas, ein alter Bekannter. Lucas, das ist Trey, ein Freund von Kevin aus Kindertagen."
Die beiden maßen einander mit Blicken. Lucas, mit seinen knapp einsfünfundsiebzig, der runden Brille vor den blauen Kulleraugen und dem zu lang geratenen braunen Haar, schnitt dabei schlechter ab.
"Sie kennen ernsthaft einen Vampir schon länger?!" hakte Trey nach.
Lucas zuckte nervös mit den Schultern. "Es ist wie mit den Menschen. Es gibt solche und solche. Außerdem ist sie eine Vampirin."
Trey verzog verächtlich das Gesicht. "Vielen Dank für die Belehrung. Bedeutet das, dass Sie beide was miteinander haben?"
"Nein!!"
Meine Güte, Lucas... So empört musstest du nun auch wieder nicht klingen. Ich war schließlich nicht viel anders, als andere Frauen. Naja... Er war auch nicht mein Geschmack... Ich drehte mich zu Kevin um, um mein Grinsen zu verdecken. Irrte ich mich, oder atmete er leichter? Ich warf einen Blick auf den Monitor. Tatsächlich... Der Sauerstoffgehalt des Blutes war ein wenig gestiegen...
Trey bemerkte, was meine Aufmerksamkeit fesselte, und griff, bei der sich bietenden Gelegenheit, nach der Infusionsnadel in Kevins Handrücken.
"Nein, lassen Sie das! Verstehen Sie nicht, dass es ihm hilft?" Lucas packte Treys Handgelenk. Dieser Angriff kümmerte ihn jedoch kaum. Dass ich ihn mir schnappte und an die Wand drückte, schon eher.
"Lass mich los, du Monster! Er ist mein Freund! Lass mich runter!"
Ich sah an ihm nach unten und stellte fest, dass seine zappelnden Füße tatsächlich den Bodenkontakt verloren hatten. "Ich sollte dich hier hängen lassen, bis die Infusion durch ist... Kannst du nicht einsehen, dass ich ihm helfen will? Was hätte ich davon ihn umzubringen? Erst recht, wo er sowieso im Sterben liegt?"
Die Logik meiner Worte ließ ihn innehalten. "Warum hilfst du ihm denn, wenn du ihm hilfst?"
"Er ist Kevin Richardson. Hat er nicht ein bisschen Hilfe verdient?" Ich ließ Trey herunter.
Zwei plötzlich hereinplatzende Backstreet Boys unterbanden ein weiteres Gespräch. Ich zog mich mit Lucas in eine Ecke zurück, während einer der Neuankömmlinge zuerst auf Kevin einredete und dann mit Trey weitermachte, derweil der andere Kevins Hand nahm und ruhig neben ihm stehen blieb.
"Wie konntest du das monatelang verschweigen! Warum hast du uns nicht angerufen! Wir wären doch sofort gekommen! Wir..." AJ's Blick fiel auf uns. "Haben Sie uns angerufen?"
"Er wollte es selbst machen, aber es... war zu spät." antwortete ich ihm. Dann zog ich das Adressbuch aus dem hinteren Hosenbund und drückte es Trey in die Hand.
"Naiana! Sieh doch!"
Ich fuhr zu Lucas herum und sah in die Richtung, in die er zeigte.
Das war unmöglich... Der Sauerstoffgehalt in Kevins Blut lag bei achtzig Prozent? Das konnte nicht sein...
Die Anzeige sprang auf einundachtzig.
"Das geht doch gar nicht..." hauchte ich. Jetzt waren alle Augen auf den Monitor gerichtet.
Zweiundachtzig...
"Vielleicht war dein Plasma irgendwie mit Sauerstoff angereichert... Oder es kann O2 bei ungünstigen Bedingungen aufnehmen... " spekulierte Lucas leise.
"Oder es heilt ihn grade..." erwiderte ich, nur für ihn hörbar.
Lucas und ich wechselten einen ernsten Blick. Wenn das wirklich der Fall war, durfte dieses Geheimnis auf keinen Fall an die Öffentlichkeit gelangen.
"Scheint ihm besser zu gehen." stellte AJ fest. Ihm war noch nicht klar, dass Kevin eigentlich im Sterben gelegen hatte. Aber Trey war das sehr wohl klar... Er starrte mich fassungslos an.
Mir wurde bewusst, dass mein Leben jetzt in Treys Händen lag. Sollte Kevin geheilt werden, und Trey mein Plasma dafür verantwortlich machen, würde er damit eine Treibjagd auf mich auslösen. Alle würden mein Blut wollen... Bestenfalls wurde ich eingesperrt und regelmäßig angezapft, schlimmstenfalls würden sie mich einfach ausbluten lassen. Trey war der Einzige – außer Lucas, der mir gegenüber loyal war – der wusste, dass mein Blut möglicherweise eine Heilung ausgelöst hatte.
Ein leises Stöhnen erklang vom Bett her. Kevins Finger zuckten in Howies Hand. Dann begannen seine Lider zu flattern und er öffnete benommen die Augen.
Diesen Moment wählte ich, um unbemerkt zu verschwinden.


12. Kapitel
Durch das kleine Fenster schien der Vollmond ins Studio und tauchte das Pult mit den Reglern und blinkenden Lampen in sein silbriges Licht. Ich sah einen Moment zu ihm hoch, während ich mich sammelte, und wandte mich dann wieder dem kleinen Raum zu, in dem nur die winzige Tischlampe brannte.
Ich rückte meine Kopfhörer zurecht, gab Billy das Zeichen die Musik ausklingen zu lassen und den OnAir-Knopf zu drücken.
"Auf bald, Freunde der Nacht. Das war Naiana Nashgari mit der Sendung Nightflyer auf Radio HPM 102,8. Und wenn ihr wollt, ihr Probleme habt und euch Sorgen plagen... Ruft mich auch morgen wieder an, ich höre euch zu."
Billy spielte den Jingle ein und ich warf den Kopfhörer aufs Pult. Ich war müde, denn bei Vollmond war immer viel los. Ich trank den letzten Schluck von meinem inzwischen kalten Kaffee latte. Draußen bei Billy klingelte das Telefon. Nein, das war nicht mehr für mich... Zu Hause rief mein Bett nach mir, und ich hatte vor, diesem verlockenden Ruf umgehend zu folgen.
"Naia?"
Ich verzog schmerzlich das Gesicht. Ich wollte doch heute einfach nur noch meine Ruhe...
"Was gibt es, Billy." sagte ich müde ins Mikro.
"Ich würde es einen Notfall nennen."
Ich ließ meinen Kopf auf den Tisch fallen. Autsch... Keine gute Idee. "Gib ihn mir rein..." forderte ich dumpf. Der Lautsprecher knackte.
"Naiana?"
Ich fuhr hoch. Die Stimme – keineswegs mehr rau, sondern dunkel und weich – kannte ich...
"Kevin..." Ich warf Billy, der grinsend in der Tür stand und zum Abschied winkte, einen mordlüsternen Blick zu. "Wie geht es Ihnen?"
Er lachte leise. "Ich dachte, nach allem was wir durchgemacht haben, würden wir Du zueinander sagen. Es geht mir gut. Nein, sogar ausgezeichnet. Und das zwei Wochen nach meinem errechneten Todestag. Die Ärzte sprechen von einem Wunder."
"Heißt das, dass Sie geheilt sind?" Ich fürchtete mich vor der Antwort, die mich in Gefahr bringen konnte, ebenso, wie ich sie für ihn erhoffte.
"Ich dachte, Sie wüssten das... Haben Sie nicht genau das bezweckt?"
"Ich hatte keine Ahnung, was es bewirken würde... Ich hatte nur gehofft, Ihnen... dir... Zeit zu verschaffen." Wenn er wusste, dass ich ihn geheilt hatte, warum waren dann noch keine Wissenschaftler hier, um mich zu sezieren? Wenn er es wusste, dann wusste er auch, dass man mit meinem Blut noch mehr Menschen heilen konnte. Rief er etwa an, um mich zu überreden mich freiwillig der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen?
"Sie... Du... hast es geheimgehalten, dass mein Blut der Auslöser für die Heilung war?" fragte ich vorsichtig.
"Ich habe niemandem etwas gesagt, und Trey um sein Schweigen gebeten. Nicht mal meine Brüder oder die Jungs wissen etwas davon. Ich kann mir gut vorstellen, was für eine Hetzjagd mit dieser Nachricht ausgelöst werden könnte. Es ist also einfach ein weiteres unerklärliches Wunder der modernen Medizin. Eine weitere Spontanheilung. Hm... Ich frage mich grade, wie viele täglich weltweit durch Vampire ausgelöst werden..."
"Was willst du?"
"Was meinst du?"
"Du weißt, dass ich ein Vampir bin. Du kennst das Geheimnis meines Blutes. Was willst du? Geld hast du selbst. Aber vielleicht möchtest du, dass ich in der Kinderkrebsstation kostenlose Blutproben verteile?"
"Du denkst, ich will dich erpressen??"
"Was hätte es sonst für einen Sinn hier anzurufen?" Lucas war bisher der einzige Mensch, der über mich bescheid wusste. Und jetzt Trey und Kevin...
"Du hältst ja wirklich viel von mir..." meinte er ironisch. "Liegt das an mir, oder misstraust du Menschen allgemein?"
"Tonys erstes Gesetz: Vertraue niemandem, schon gar nicht denen deiner eigenen Art."
"Wer ist Tony?"
"Tony... war mein Mentor. Er las mich vor etwa einhundertfünfzig Jahren in New York auf der Straße auf, als ich versuchte einen Taschendieb zu beißen. Er hat mir alles beigebracht, mich gelehrt auf Blut weitgehend zu verzichten."
"Er fand dich vor einhundertfünfzig Jahren? Wie alt bist du wirklich, Naiana?"
"Warum willst du das alles so genau wissen? Meinst du, wenn du weißt wie monströs ich wirklich bin, hilft dir das, wenn rauskommt wer und was ich bin? Ich bin ein Vampir. Eine Verstoßene. Ich kann seit dreihundertfünfzig Jahren nicht mehr die Sonne auf der Haut spüren, weil ich sonst lebendig verbrennen würde. Es gibt Menschen, die mich sofort pfählen würden, wenn sie mich sehen. Vampirjäger, denen man jeden Tag auf der Straße begegnen kann. Ich finde keinen Trost im Glauben, denn die kirchlichen Symbole brennen sich wie Säure in meine Haut. Und das alles nur, weil ein verdammter Vampir im Blutrausch meinte, ich sei zu schön um zu sterben. Stattdessen sollte ich seine Braut werden und die Ewigkeit mit ihm verbringen." Dabei wäre ich nach Brans Tod am liebsten auch gestorben. Nur dass sich ein Vampir eben nicht vergiften kann. Und von der Klippe zu springen, hatte auch nicht geholfen. Was wusste ich damals schon von Vampiren? Als ich endlich lernte, wie ich mich töten konnte, hatte er mich wieder eingefangen. Und er hatte mich lange in seiner Gewalt...
"Naia..."
Verdammt! Warum konnte seine Stimme so weich und mitfühlend klingen?
"Was willst du, Kevin."
"Ich möchte gerne mit dir den Strand entlanggehen. Die Wellen um meine Füße spülen fühlen, den Wind im Gesicht und deine Hand in meiner. Ich möchte das Leben, das du mir geschenkt hast, genießen. Und ich möchte dich richtig kennen lernen."
"Es gibt immer Dinge im Leben, die man nicht bekommt." Ich knipste die Lampe aus und stand im Dunklen auf. "Leb wohl, Kevin. Ich wünsche dir viel Glück."
"So leicht gebe ich nicht auf, Naiana. Bis bald."
Ich beendete das Gespräch. Nein, ich würde das nicht ernstnehmen. Er brauchte etwas, um sich zu beschäftigen, jetzt, wo er ein Leben vor sich hatte statt dem Tod. Und das war wohl ich, aber das würde sich geben.
In meinem Bauch blieb ein komisches Gefühl...



 

 

 

end of part one

 

 



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