1. Kapitel

(New York State, Shawangunk Mountains, Nähe Kingston, 13. November 2002, 01: 47)

Kevin schwor sich insgeheim, nie wieder für eine Party so weit zu fahren. Vor allem, wenn die Gastgeber so blöd waren und am nächsten Morgen ein Meeting anstand. Einhundertfünfzig Kilometer waren wirklich etwas viel, besonders durch die Gebirgsausläufer. Der einzige Lichtblick des ganzen Abends war der Scheck für seine Naturschutzorganisation gewesen.

Howie hatte die ganze Sache auch nicht begeistert. Die Spende für die Lupusfoundation hatte den Ausschlag gegeben. Er hätte die Party gern zusammen mit ihnen verlassen, aber Leigh war schlecht geworden und so wollte er etwas später fahren. Wahrscheinlich hatte es am Büfett gelegen. Kevin und Kristin hatten jedenfalls gegessen, bevor sie zur Party gefahren waren.

Er stellte den CD Player ab, um Kristin nicht zu stören, die auf dem Beifahrersitz eingeschlafen war. Sie war in der letzten Zeit immer so erschöpft.

Das sei völlig normal im vierten Monat, hatte der Arzt erklärt.

Kevin lächelte beim Gedanken an ihr Baby. Es war wirklich ein Wunder, dass er Vater wurde. Wenn er diesen Job nur halb so gut erledigen könnte, wie sein Vater Jerald, wäre er mehr als zufrieden. Seine Mum und seine Schwiegereltern waren schon völlig aus dem Häuschen, beim Gedanken an ihr Enkelkind. Wenn alles glatt lief, sollte das neueste Mitglied der Familie Richardson im April geboren werden. Und es gab bis dahin noch so viel zu erledigen. Zum Beispiel der Ausbau des Kinderzimmers...

Kevin drehte die Heizung höher, da Kristin zu frösteln schien, und nahm den Fuß vom Gas.

Die Straße war feucht und teilweise mit verrottendem Laub bedeckt, und er wollte keinen Unfall bauen. Weiter oben in den Shawangunk Mountains hatte es bereits den ersten Schnee gegeben. Die weißen Bergspitzen waren selbst in der Dunkelheit gut erkennbar. Auf der anderen Seite der Straße konnte man hin und wieder, in einigen Kilometern Entfernung, das Wasser des Hudson River funkeln sehen. Es war eine schöne sternenklare Nacht, aber eisig kalt.

Der Jeep fuhr nur knapp dreißig Meilen pro Stunde. Auf Kevins Seite fiel das Gelände jetzt abrupt mehrere Meter steil ab. Ein merkwürdiges Gefühl veranlasste ihn, noch langsamer zu werden. Was war nur los? Hatte er sich etwa bei Leigh angesteckt?

Er überlegte, ob er anhalten sollte, als er rechts die Straßeneinmündung sah. Und das Scheinwerferpaar, das mit unglaublichem Tempo auf den Jeep zugerast kam.

Kevin stieg in die Eisen, wusste aber, dass es schon zu spät war. Der andere Wagen rammte den Jeep an der Schnauze und beide Wagen schlitterten über die Gegenfahrbahn und auf den Abhang zu. Mit einem Knall durchbrachen sie die Leitplanke, dann fielen sie einige Meter und prallten auf dem Hang auf. Der Jeep blieb nachfedernd in der Vegetation hängen, während das andere Auto tiefer stürzte, sich mehrmals überschlug und schließlich explodierte.

Kevin wagte kaum sich zu bewegen, musste aber wissen, was mit Kristin war. Sie war wach und sah ihn entsetzt an. Die Airbags hatten ausgelöst und schlimme Kopfverletzungen verhindert.

„Wir müssen hier raus.“ flüsterte Kristin geschockt. Vorsichtig drückte sie den Türgriff hinunter, aber die Tür gab nicht nach. Stattdessen bewegte sich der Wagen leicht.

„Kurbel dein Fenster runter und klettere raus!“ befahl Kevin. Kristin versuchte es.

Das Fenster rührte sich nicht. Sie machte den Gurt los, um mehr Spielraum zu haben, es nützte jedoch nichts. Kevin schnallte sich ebenfalls los und lehnte sich zu ihr hinüber, um ihr zu helfen, aber es ging sofort wieder ein Ruck durch das Auto und er erstarrte mitten in der Bewegung. Kalter Schweiß lief ihm über den Rücken. Er sah Kristin an, dass sie langsam panisch wurde.

„Ich steige aus und du kommst mir ganz langsam hinterher.“ Er sprach so ruhig wie möglich, konnte aber das Zittern in seiner Stimme nicht ganz unterdrücken. Er streckte die Hand nach seinem Türgriff aus und betätigte ihn. Im nächsten Moment brach der Jeep krachend durch das Gestrüpp, das ihn gehalten hatte, und stürzte, sich überschlagend, den Abhang hinunter.

 

Als Kristin erwachte, war es gespenstisch still. Sie hatte starke Bauchschmerzen und ein eigenartiges Wärmegefühl zwischen den Beinen. Als sie an sich hinuntersah, war da Blut. Sehr viel Blut. Als Kristin begriff, woher es kam, schluchzte sie auf. Sie versuchte sich zu bewegen, der Schmerz war jedoch zu stark. Sie sah sich um. Sie war noch immer im Jeep. Weil sie den Gurt gelöst hatte, war sie im Innenraum herumgeschleudert worden. Einige dicke Stämme hatten verhindert, dass der Wagen bis ganz unten durchgefallen war. Von Kevin war keine Spur zu sehen. Die Fahrertür stand einen Spalt auf, aber er konnte da nicht hinausgelangt sein, denn der Jeep lag auf der linken Seite.

Kristin nahm ihre ganze Kraft zusammen und zog sich am Beifahrersitz ein Stück hoch. Das Fenster auf ihrer Seite war zersplittert, also konnte sie dort vielleicht herausklettern. Es tat abscheulich weh, aber schließlich schaffte sie es beim dritten Anlauf, sich durch das Fenster auf den Wagen zu hieven. Sie sprang herunter und schrie vor Schmerz auf. Ein neuer Blutschwall floss an ihren Beinen entlang. Kristin presste eine Hand auf ihren Bauch und weinte. Ihr armes kleines Baby...

Sie riss sich zusammen. Kevin hätte sie niemals allein gelassen. Wenn er also nicht bei ihr war, dann musste sie ihn suchen. Dann war er hier irgendwo... Kristin verdrängte die Vorstellung seine Leiche zu finden. Es wäre einfach zu schrecklich, am selben Tag ihr Baby und ihren Mann zu verlieren. Sie zwang ihre Beine, sie um das Autowrack herumzutragen. Sie keuchte dabei vor Anstrengung. Immer wieder blieb sie mit ihren hochhackigen Schuhen im Unterholz hängen und die kahlen Dornenranken rissen an ihrem Mantel und ihrem Abendkleid.

Endlich hatte sie die Schnauze des Wagens umrundet und wollte nach Kevin rufen. Die Worte blieben ihr im Hals stecken.

Da lag er. Halb unter dem Jeep begraben.

Kristin stolperte zu ihm und fiel neben ihm auf die Knie. Er lag auf dem Bauch, den Kopf halbwegs in den Armen vergraben und das Gesicht blutverschmiert. Kristin suchte nach seinem Puls. Er war schwach und unregelmäßig. Kevin brauchte dringend Hilfe!

Kristin sah den Hang hinauf. Dort wo die Wagen heruntergestürzt waren, hatten sie eine Schneise in die Vegetation geschlagen. Es war steil. Zu steil für sie zum Hochklettern. Also hatte sie nur eine Chance. Kevins Handy, in ihrer Handtasche, im Wrack.

Kristin biss die Zähne zusammen und arbeitete sich wieder um das Auto herum. Der Schmerz in ihrem Bauch wurde unerträglich und die Blutung wurde stärker. Sie zog sich auf den Wagen hinauf und weinte dabei vor Qual. Sie machte trotzdem weiter. Für den Mann, den sie liebte. Für Kevin.

Sie fiel eher ins Innere, als dass sie kletterte. Da lag ihre Tasche. Mit zitternden Händen suchte sie das Telefon und schaltete es an.

Es war tot.

„NEIIIIN!“ Kristin schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte haltlos. Wütend warf sie das Gerät gegen die Windschutzscheibe.

Allmählich wurde ihr Weinen leiser. Der Blutverlust hatte sie sehr geschwächt. Der Schmerz war zu einem dumpfen Pochen abgeflaut, aber es blutete noch immer.

Schließlich wurde sie Ohnmächtig.

Als sie einige Minuten später wieder zu sich kam, spürte sie es.

Jemand war bei ihr...

„Shannon.“ flüsterte Kristin kraftlos. Sie erinnerte sich an das Gesicht der Hexe, die großen dunkelgrünen Augen und das Versprechen darin. ‚Ich werde alles tun was ich kann, um ihn zu retten!’ Das hatte sie damals gesagt und ihr Wort gehalten. Und jetzt war sie hier, war irgendwie anwesend.

„Du musst ihm helfen... Ich werde sterben bevor Hilfe kommt... also musst du dich ab jetzt um ihn kümmern. Versprich es mir... Versprich mir, dass du für ihn da sein wirst.“

Tiefe Ruhe umfing sie plötzlich. Kristin legte ihre Hände über ihren Bauch. Ihr Kind war tot und sie würde ihm bald folgen. Sie legte sich hin und entspannte sich. Erinnerungen stiegen in ihr auf, an all das Schöne in ihrem Leben. Kevin, ihre Hochzeit, ihr Traum von einer Familie, einer wundervollen Zukunft.

Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Dann setzte ihr Herzschlag aus.

 

Shannon fuhr schluchzend aus dem Schlaf hoch.

„NEIIIIIN! OH BITTE, IHR GUTEN MÄCHTE! BITTE, BITTE NICHT!“ Weinend schlug sie die Hände vor ihr Gesicht.

Akela drängte sich eng an sie und versuchte ihr Trost zu spenden.

„Oh, Kristin! Es tut mir so leid! Es tut mir so leid!“ Sie wischte sich mit dem Ärmel über die Augen und schluckte. Sie hatte jetzt keine Zeit zum Trauern. Kristin und ihr Baby waren tot, aber Kevin war noch am Leben. Sie wollte alles tun, damit er es blieb. Sie hatte es versprochen und Kristin damit Frieden geschenkt. Jetzt musste sie ihr Versprechen irgendwie halten.

Sie griff nach ihrem Handy und wählte den Notruf. Der jungen Frau am anderen Ende erzählte sie von dem Unfall und beschrieb die genaue Stelle. Dann legte sie auf und ließ die Alte Macht losbrechen, die bereits wild in ihr tobte.

Über der Unfallstelle gleißte plötzlich ein blendendes Hexenlicht auf, das alle Schatten vertrieb.

 

2. Kapitel

Howie war mit Leigh losgefahren, sobald sie sich gut genug fühlte. Er wollte weg von da. Und selbst eine großzügige Spende würde ihn dort nie wieder hinlocken können. Diese Leute waren einfach unerträglich. Die Gastgeberin hatte ständig versucht ihren männlichen Gästen in den Po zu kneifen und ihr Mann hatte jedem weiblichen Wesen unter dreißig ungeniert in den Ausschnitt gestarrt. Howie hatte fast zuviel gekriegt, als der Typ versuchte Leigh in eine Ecke zu drängen und zu betatschen. Leigh hatte jedoch einfach lieb gelächelt und ihr Knie hochgezogen, noch bevor Howie ihr zur Hilfe eilen konnte.

Sie war halt nicht ungefährlich, seine Kleine.

Leigh sah gerade zu ihm herüber und lächelte ihn strahlend an. Howie bemühte sich, sich nicht von ihrem Anblick von der Straße ablenken zu lassen. Das war gar nicht so einfach, wenn man die Hände nicht von seiner Freundin lassen konnte.

Sie bogen um eine Kurve, als vor ihnen plötzlich etwas Grelles aufblitzte. Howie fuhr an den Straßenrand. Er traute seinen Augen nicht. Das da vor ihnen war...

„Ein UFO?“ fragte Leigh irritiert.

Nein. Das war ein Hexenlicht! Howie fühlte sich durch Raum und Zeit auf eine Baustelle in Deutschland zurückversetzt. Er stieg aus und lief an die Leitplanke. Erst jetzt bemerkte er, dass an einer Stelle ein Stück davon fehlte. Genau gegenüber einer Straßeneinmündung. Er sah den Abhang hinunter und erstarrte.

Da unten lag Kevins Jeep Cherokee!

Leigh trat neben ihn und keuchte entsetzt auf, als sie den Wagen erkannte. Sie rannte zurück zum Auto und holte das Abschleppseil aus dem Kofferraum. Howie nahm es ihr ab und band das Ende fest um einen Baum.

Während Leigh den Notruf wählte, kletterte Howie vorsichtig den Hang hinunter. Unten angekommen, bahnte er sich einen Weg durch das Dickicht, um ans Innere des Wracks zu kommen.

Als er Kristin fand, brach er in Tränen aus. Er musste sich sehr zusammen nehmen, um nach Kevin zu suchen. Die Angst seine Leiche zu finden, war übermächtig, aber das Hexenlicht da oben gab ihm ein wenig Hoffnung. Es konnte nur von Shannon sein, und das bedeutete, dass Kevin vielleicht noch am Leben war.

Woher konnte Shannon wissen, was geschehen war?

Howie umrundete den Jeep und fand Kevin. Er atmete noch, aber es stand schlecht um ihn.

Von der Straße drang Sirenengeheul herab. Howie bezweifelte, dass Polizei, Feuerwehr und Krankenwagen wirklich so schnell hier sein konnten. Shannon musste sie also verständigt haben.

Die Sanitäter kamen den Abhang herunter. Die ebenfalls angerückte Feuerwehr musste den Jeep teilweise zerlegen, damit sie Kevin bergen konnten. Er wurde sofort mit einem Rettungshubschrauber abtransportiert. Als der letzte der Feuerwehrmänner wieder seinen Fuß auf die Straße setzte, verglühte das Hexenlicht.

 

Shannon brach weinend auf dem Bett zusammen. Sie hatte den Energiefluss, mit Akelas Hilfe, so lange aufrechterhalten, wie sie konnte. Sie hoffte, dass das Hexenlicht ausreichend lange gehalten und sich an der richtigen Stelle befunden hatte. Es kam dabei nur auf ihr Glück an.

Shannon hatte keine hellseherischen Fähigkeiten und deshalb keine Möglichkeit zu überprüfen, was mit Kevin geschah. Der Wahrtraum, der sie zu Kristin geführt hatte, war erst der zweite, den sie in ihrem Leben gehabt hatte. Der Erste, vor vierzehn Jahren, hatte ihr den Tod ihrer Eltern gezeigt. Und der heutige hatte sie wieder daran erinnert.

Sie hatte damals ihre Eltern im Auto verbrennen sehen.

 

Howie war im Moment nicht in der Lage zu fahren. Er bebte innerlich, und Leigh wusste das. Deshalb setzte sie sich ans Steuer, auf dem Weg nach New York.

„Ich muss die Jungs anrufen... Und Shannon... Kevins Mum und Kristins Eltern! Mein Gott! Was soll ich denen nur sagen!“

Leigh nahm seine Hand, ohne den Blick von der Straße zu wenden.

„Sprich zuerst mit Shannon. Wenn du Recht damit hast, dass es ein Hexenlicht war, dann weiß sie es schon und macht sich große Sorgen um Kev. Du hast mir mal erzählt, dass sie ihn liebt...“

Howie wischte sich mit der freien Hand die Tränen aus dem Gesicht.

„Du hast Recht. Ich muss als Erstes mit ihr sprechen.“ Er holte sein Handy raus und rief sie an.

Es klingelte lange, und Howie wollte schon auflegen, als Shannon doch noch abhob.

„O’Neall.“ meldete sie sich mit erstickter Stimme.

„Shannon, hier ist Howie. Kev ist...“ Er kämpfte gegen seine Tränen an. „Kevin ist mit einem Rettungshubschrauber auf dem Weg ins Krankenhaus. Der Arzt sagte, sie tun was sie können. Aber es sieht nicht gut aus...“

„...Ja... ich weiß... Er lag unter dem Wagen...“

„Sie bringen ihn ins General Hospital in New York. Willst du dahin kommen? Soll ich dich irgendwo abholen?“

„...Ja... ja, ich komme... Ich komme hin, ich bin in New York. Ich weiß nicht, wie schnell, aber ich komme... Howie? Wo bringen sie Kristin hin? Auch ins General?“

„...Kris... ist tot...“ flüsterte Howie gepresst.

„...Ich weiß... Bringen sie sie ins General?“

„...Keine Ahnung...“ Howie rieb sich die brennenden Augen. „...Shan?... Warst du bei ihr, als sie starb?“

„Ja. Sie war nicht allein.“

„Sie hat gelächelt...“

„Sie hat sich an alles Schöne erinnert, das sie erlebt hat. Es war das Mindeste, dass ich für sie tun konnte.“

„Niemand hätte mehr tun können, in dem Augenblick. Wir sehen uns nachher im Krankenhaus.“

„Ja. Bis gleich.“

 

Howie erreichte nur Brian. AJ und Nick hatten ihre Handys abgeschaltet.

Brian bekam am Telefon einen Weinkrampf. Dann übernahm Leighanne das Gespräch und erklärte, sie würden den ersten Flug von Atlanta nehmen, den sie kriegen konnten. In ein paar Stunden wären sie da. Eigentlich hatten sie erst am nächsten Morgen fliegen wollen, um rechtzeitig zum Meeting dazusein.

 

Shannon packte das Nötigste und verließ mit dem Wolf ihr Hotelzimmer. Sie wurde vom Fahrdienst der CIA zum Krankenhaus gefahren. Seit ihrem Telefonat mit Howie waren mehr als zwei Stunden vergangen, also waren er und Leigh wahrscheinlich schon da.

Shannon hatte diese Zeit gebraucht. Sie hatte am ganzen Körper gezittert, als D's Anruf kam. Akela hatte ihr das Handy bringen müssen, weil sie zu schwach war vom Bett aufzustehen. Ein großes Hexenlicht auf diese Entfernung aufrecht zu erhalten, hatte ihr alles abverlangt.

Sie hatte in den letzten drei Jahren Kontakt mit den Jungs gehabt. Nur mit Kevin hatte sie in der Zeit kein einziges Wort gewechselt. Die Beziehung zwischen ihm und Kristin sollte auf keinen Fall gestört werden. Aber sie war, wenn es sich einrichten ließ, auf den Konzerten der Jungs gewesen. Irgendwo in der Menge.

Schließlich hatte Kristin sie, über Brian, zu ihrer Hochzeit eingeladen. Shannon wusste, dass Kristin sich gefreut hätte sie wiederzusehen. Sie war trotzdem nicht hingegangen. Auch nicht zu Brians Hochzeit, drei Monate später. Sie hatte Kevin einfach nicht begegnen wollen und Brian und Leighanne hatten das verstanden.

Und jetzt war sie auf dem Weg zu ihm...

Als sie im Hospital ankam und nach Kevin fragte, wurde ihr mitgeteilt, er werde noch operiert. Shannon betrat den Wartebereich vor den OP's. Da saß Howie neben einer schönen jungen Frau mit langen schwarzen Locken. Sie hielt seine verkrampften Hände.

Das ist dann wohl Leigh. meinte Akela neben ihr.

Ja. Ich denke diesmal hat er die richtige Frau erwischt.

Shannon drehte sich zu ihm um und sah ihn warnend an.

Denk dran, Bruder. Wenn du dich hier projizierst, bekommen wir gewaltig Ärger. Also sieh dich immer vorher um, damit es keiner vom Personal mitbekommt.

Geht klar. beruhigte der Wolf.

Shannon ging zu den Beiden.

Howie sprang auf, als er sie sah und lief ihr entgegen. Sie sahen einander einen Moment stumm an, dann nahm Shannon ihn in die Arme, hielt ihn tröstend fest und er brach in Tränen aus. Leigh war ebenfalls aufgestanden und wurde sofort von Shannon mit in die Umarmung gezogen. Es war erstaunlich, welche Aura des Trostes und Verständnisses von der Hexe ausging. Leigh kamen ganz unvermittelt ebenfalls die Tränen, obwohl sie sich vorgenommen hatte, für Howie stark zu sein. Als der Tränenfluss allmählich versiegte, hinterließ er bei ihnen ein Gefühl der Erleichterung.

Howie gab Shannon einen Kuss auf die Wange und lächelte sie zaghaft an.

„Immer im Dienst. Nicht wahr, Geistheilerin?“

„Für mein Rudel tue ich alles.“ Sie strich ihm mit dem Handrücken über die Wange und sah zu Leigh. Dunkelgrüne Augen trafen braune und beiden fiel bei diesem Austausch eine gewisse Seelenverwandtschaft auf.

Leigh lächelte.

„Ich glaube, die Vorstellung können wir uns sparen, Shannon. Howie hat mir viel von dir erzählt.“

„So wie mir von dir. Ich freue mich, dich endlich mal zu treffen. Auch wenn die Umstände alles andere als gut sind. Seit wann wird Kevin operiert?“

„Seit eineinhalb Stunden. Sie wollten uns aber nichts genaues sagen.“ antwortete Howie.

„Hast du was dagegen, wenn ich das jetzt in die Hand nehme?“

Howie schüttelte verneinend den Kopf.

Shannon fing die nächste Schwester ab, die aus dem OP-Bereich kam.

„Entschuldigen Sie bitte! Man hat hier vor etwa zwei Stunden meinen Bruder eingeliefert und operiert ihn gerade. Ich mache mir große Sorgen und wüsste gern, was ihm fehlt.“

Die Schwester zog die Brauen hoch und sah sie von oben bis unten an.

„Und wessen Schwester sind Sie?“

„Eigentlich Halbschwester. Mein Bruder heißt Kevin Scott Richardson.“

„Ich werde nachfragen. Warten Sie bitte einen Moment.“ Sie ging weiter.

„Mensch, Shannon! Du lügst wirklich wie gedruckt!“ flüsterte Howie entsetzt.

„So was muss man können, D. Nur Verwandte bekommen in Krankenhäusern Auskunft.“

„Da hat sie Recht.“ stimmte Leigh ihr zu.

Die Krankenschwester kam zurück.

„Mr. Richardson hat innere Verletzungen, einen mehrfachen Beinbruch, der die Beinarterie in Mitleidenschaft gezogen hat und außerdem eine Rückenverletzung.“

„Ist das Rückenmark betroffen?“ fragte Shannon.

„Das kann ich Ihnen nicht sagen. Dazu müssten Sie mit seinem Arzt sprechen.“ erklärte sie hochnäsig und ging.

„Blöde Kuh.“ zischte Shannon.

„Ich denke eher, sie ist eine arrogante Ziege.“ berichtigte Leigh.

„Sie kriegt jedenfalls keine Weihnachtskarte.“ Die beiden Frauen sahen einander verschwörerisch an.

„Wann können wir denn einen Arzt sprechen?“ fragte Howie besorgt.

„Wahrscheinlich erst, wenn Kevin aus dem OP kommt. Und das kann noch dauern.“ Shannon legte ihm tröstend einen Arm um die Schultern.

„Ich versuche noch mal AJ und Nick zu erreichen. Brian und Leighanne sind hierher unterwegs.“ Howie holte sein Handy raus, gab es aber nach einigen Versuchen auf.

„Wo treiben sich die Zwei denn herum? Vielleicht kann ich hinfahren und es ihnen sagen.“ bot sich Shannon an.

„Würdest du das tun?“ Howie wirkte sehr erleichtert.

„Gib mir einfach die Adressen.“

Howie nannte ihr die Anschrift eines Aufnahmestudios, wo AJ und Nick heute, für ihre Solokarrieren, einige Demotapes machen wollten.

„Und wie kommst du dahin?“ erkundigte er sich.

„Ich nehme mir ein Taxi. Das geht schon.“

„Ach was! Ich gebe dir meinen Wagen.“

„Sorry, D.“ Shannon grinste. “Das würde mir gar nichts nützen. Ich habe noch keinen internationalen Führerschein.“

Wenig später saß sie im Taxi und fuhr zum Studio. Es half ihr, etwas zu tun zu haben, denn dieses nervenaufreibende Warten zehrte an ihr. Es gab ja nichts, dass sie für Kevin tun konnte. Nichts als abzuwarten.

 

Nick war nicht zufrieden mit der Aufnahme. Sobald AJ fertig war, wollte er sie noch mal mit ihm durchsprechen. Nick spielte mit den Reglern auf dem Schaltpult vor ihm, womit er sich einen entsetzten Blick des Tontechnikers einhandelte. Der glaubte wohl, einen totalen Anfänger vor sich zu haben! Als ob sich Anfänger die ganze Nacht um die Ohren schlagen würden, um ein Demo aufzunehmen! Naja, sie würden es wohl. Und Stars wohl eher nicht... Aber er hatte sich schließlich vorgenommen, es den Anderen nach dem Meeting vorzuspielen. Dafür opferte er gern seinen Schlaf!

„Hey, Nick! Da ist jemand für dich an der Tür.“ meinte Q plötzlich vom Gang her.

Genervt stemmte er sich aus dem Sessel hoch und schritt zum Eingang. Woher die Fans nur immer wussten, wo er sich gerade herumtrieb! Er öffnete und erstarrte vor Überraschung.

Da stand eine junge Frau, ganz in schwarz, mit langem rotblondem Haar. Neben ihr ein riesiger weißer... fast hätte er Hund gedacht!

„SHANNON!“ jubelte Nick und riss sie in seine Arme. „Oh, Mann! Wir haben uns ja seit Jahren nicht gesehen! Was machst du denn hier? Sind ein paar Dämonen in der Stadt?“

Er rückte ein Stück von ihr ab, um sie anzusehen. Erst jetzt bemerkte er, wie angespannt sie aussah. Sie hatte die Lippen zu einem Strich zusammengepresst und in ihren Augen stand tiefe Sorge.

„Shannon? Was ist los?“ fragte Nick alarmiert.

„Ich bringe schlechte Neuigkeiten. Können wir uns irgendwo setzen?“

Er zog sie mit sich in den Ruheraum des Studios und schloss die Tür hinter ihnen. Shannon ließ sich auf ein Sofa sinken und Nick setzte sich neben sie. So ernst, wie sie aussah, musste etwas schlimmes vorgefallen sein. Er konnte sich jedoch nicht vorstellen was.

Shannon blickte ihm in die blauen Augen und nahm direkten Kontakt mit ihm auf.

Du musst jetzt sehr stark sein, kleiner Bruder. Kevin und Kristin sind verunglückt. Kevin ist sehr schwer verletzt und Kristin hat es nicht überlebt.

„Oh nein! Nicht die Beiden! Das ist doch nicht fair!“ flüsterte Nick fassungslos. Dann brach er in Tränen aus und Shannon hielt ihn fest. Sie setzte, wie zuvor schon bei Howie und Leigh, ihre Kräfte ein, um den Schock zu mildern und es für Nick erträglicher zu machen. Akela gab ihr dafür bereitwillig seine Energie und schmiegte sich zugleich an Nicks lange Beine, um ihn zu trösten.

Langsam ließ das Schluchzen an Shannons Schulter nach und schließlich hob Nick den Kopf. Shannon trocknete sanft die Tränenspuren auf seinem Gesicht und strich ihm das wirre Haar zurück.

„Das ist nicht fair.“ wiederholte Nick. Er sah aus wie ein gekränkter kleiner Junge. „Kevin hat doch schon seinen Vater verloren und jetzt Kristin und...“ Er schluckte mühsam. „...und das Baby! Das ist doch nicht fair!“

Shannon wirkte plötzlich müde und sehr, sehr alt.

„Im Leben geht es eben nicht fair zu, kleiner Bruder. Danke Gott dafür, dass du noch niemanden verloren hast, den du liebst. Es ist ein seltenes Geschenk.“ Sie stand auf und folgte Akela zur Tür. Sie musste es noch AJ erzählen.

Nick kam hinter ihnen her.

AJ war gerade fertig mit seiner Aufnahme. Als er Shannon durch die Glasscheibe entdeckte, zog er zuerst erstaunt die Brauen hoch, um dann ein breites Grinsen aufzusetzen. Aber als er Shannons Gesichtsausdruck bemerkte, verlor es sich blitzartig. Sie ging zu ihm hinein, und Nick schaltete in weiser Voraussicht die Mikrophone aus, so dass niemand das Gespräch zwischen den beiden mitbekam.

 

„Es ist was passiert, stimmts? Was ist mit Kevin?“

Shannon hatte vergessen, dass AJ, in jenen zwei Wochen damals, ihr gegenüber dasselbe tiefe Verständnis entwickelt hatte, das sie von Brian kannte. Sie nahm ihm die Sonnenbrille von der Nase und versenkte ihren Blick in seinem, drang durch seine braunen Augen in die Unendlichkeit seiner Seele, wie zuvor bei Nick. Als sie ihm das Schreckliche mitteilte fühlte sie, wie er mit aller Kraft gegen Trauer und Schmerz ankämpfte.

Nein, AJ! Du darfst es nicht in dich hineinfressen! Du musst deine Gefühle vor mir nicht verbergen. Ich kenne dich besser als so manch anderer, hast du das vergessen? Sehr behutsam berührte sie seine Seele und untergrub die Mauern, die er zu seinem Selbstschutz dort errichtet hatte, um nicht verletzt zu werden. Sie waren den ihren so ähnlich...

AJ brach weinend in ihren Armen zusammen und sie begann mit der Heilung.

 

Eine Stunde später waren AJ, Nick, Akela und Shannon im Krankenhaus. Von Kevin gab es noch immer nichts Neues, aber immerhin hatte eine Schwester Kristins Eltern vom Tod ihrer Tochter informiert, so dass Howie das nicht tun musste, dem ein Stein vom Herzen fiel. Auch Kevins Mum war angerufen worden. Und sie rief Brian an. In dem Moment, als er im Wartebereich vor dem OP ankam.

Brian wurde schon beim ersten Klingeln weiß wie die Wand.

Leighanne griff nach seiner Hand und sah die Anderen hilfesuchend an. Howie ging an den Apparat, konnte aber kein Wort herausbringen, als er hörte wer am anderen Ende war. Schließlich nahm AJ ihm das Handy aus der Hand und teilte Mrs Richardson, von Leigh souffliert, den Stand der Dinge mit. Er musste ihr Versprechen Tim, Kevins Bruder, zu informieren, wenn sich Kevins Zustand veränderte. Sie und Tim wollten so bald wie möglich kommen.

Als AJ das Gespräch beendete, atmete er erleichtert auf.

Shannon hatte Brian beiseite genommen und Leighanne hatte sie dafür dankbar angesehen. Jetzt saß sie mit ihm in einer ruhigen Ecke, wiegte ihn sacht in den Armen und strich ihm beruhigend über den Rücken.

„Mein armer Bruder. Was ist es, das dich so erschreckt? Da steckt doch mehr dahinter, als Kristins Tod und Kevins Verletzungen?“

Brian löste sich mit einem zittrigen Seufzer aus der Umarmung und blickte ihr in die Augen. Seine Blauen waren erfüllt von Angst und Schuld. Sanft streichelte Shannon über seine Wange und berührte zugleich seinen Geist, den er weit für sie öffnete. Ihre Augen weiteten sich, als sie in ihm las.

„SO IST DAS!“ Ein schwaches Lächeln glitt über ihr Gesicht.

„Ja, so ist das. Leighanne bekommt ein Baby. Sie ist im zweiten Monat.“ Er schüttelte fassungslos den Kopf. „Als ich von Howie hörte, was passiert ist, hatte ich plötzlich das Bild vor Augen, wie Leighanne tot in diesem Autowrack lag.“

„Und das war ein größerer Schock als... Aber Brian. Das ist ganz normal. Kein Grund für dieses Schuldgefühl.“

Ihm stiegen Tränen in die Augen.

„Ich war in dem Moment so froh, dass wir gesund sind...“

Shannon nahm ihn wieder in die Arme und zog seinen Kopf an ihre Schulter. Mit seinem freundlichen, empfindsamen Wesen konnte er sich die eigenen Gedanken nicht vergeben.

„Ssschhhh. Du bist doch nicht Schuld an dem Unfall. Und du warst ja auch nicht erleichtert darüber, dass es Kev und Kris getroffen hat und nicht euch. Du musst dir nichts vorwerfen. Jeder andere hätte in dem Augenblick doch dasselbe gedacht.“ Sie löste sich etwas von ihm und wischte die Tränen von seinen sommersprossigen Wangen. Sie hatten schon wieder mehr Farbe. Entschlossen befreite Shannon Brian von diesem unsinnigen Schuldgefühl und küsste ihn auf die Stirn.

„Ach, kleine Schwester... Wenn wir dich nicht hätten, Shannon...“

„Dann würde euch jemand anderer helfen. Ich bin nicht die einzige, die das kann.“

Da wäre ich mir an deiner Stelle nicht so sicher. Du bist die einzige, die Kevin jetzt vor Dummheiten bewahren kann.’ dachte sich Brian. Aber er sagte es nicht laut, weil er wusste, dass Shannon sich nicht binden wollte. Entweder es geschah von selbst etwas zwischen ihr und Kevin, oder sie beide würden ihr ganzes Leben darunter leiden. Brian betete für sie um himmlischen Beistand.

 

3. Kapitel

Endlich kam einer der Ärzte, die Kevin mehrere Stunden operiert hatten. Er wurde sofort umringt und Shannon, die bei der Organisation auch eine medizinische Ausbildung erhalten hatte, hörte besonders aufmerksam zu.

„Mr. Richardson hat schwere innere Verletzungen erlitten. Einen Riss in der Leber mit massiven Blutungen in den Bauchraum und Nierenquetschungen. Außerdem liegt ein mehrfacher Bruch des rechten Beines vor, wobei  die Beinarterie verletzt wurde. Aber das größte Problem ist die Rückenverletzung. Ein Knochensplitter eines Wirbelkörpers drückt an einer sehr ungünstigen Stelle auf das Rückenmark. Wir haben die Blutungen in den Griff bekommen und den Oberschenkelknochen genagelt, aber Mr. Richardsons Zustand war so schlecht, dass wir den Eingriff am Rücken verschieben mussten. Für die Zeit bis dahin haben wir eine Art Schiene angelegt, die Bewegungen in dem Bereich verhindert.“

„In welchem Teil der Wirbelsäule sitzt der Knochensplitter?“ erkundigte sich Shannon.

„In der unteren Lendenwirbelsäule. Sie können jetzt zu ihm gehen, aber bitte immer maximal drei gleichzeitig. Und auch nur ein paar Minuten. Die Narkose wird sowieso noch eine Weile anhalten.“ Der Arzt verabschiedete sich.

„Und? Wer geht als erster zu ihm?“ fragte Nick.

„Du, AJ und Shannon. Und Shannon bleibt bei ihm, bis er aufwacht.“ bestimmte Leigh.

„Wirklich interessant. Wenn Kevin nicht rumkommandieren kann, übernimmt jemand anderes den Job immer gern.“ bemerkte AJ.

 

Das dunkle Zimmer war vom Surren der Maschinen, dem Piepsen des Herzmonitors und dem Zischen des Beatmungsgerätes erfüllt. Es war fast wie ein Déjà Vue. Kevin lag im Bett, seine bleiche Haut bildete einen krassen Kontrast zu seinem dunklen Haar. Ein Pulsmesser an seinem Finger maß Herzschlag und Blutdruck, und eine Flasche mit Infusionslösung sickerte allmählich in seinen Arm.

Aber einiges war auch völlig anders als vor drei Jahren.

Kevin hatte überall Schürfwunden und Blaue Flecken. An seiner Stirn hatte eine Platzwunde genäht werden müssen. Und die Beatmungsmaschine...

Shannon holte tief Luft. Sie hatten Kevin intubieren müssen, um ihm durch einen Schlauch Luft in die Lunge zu pumpen. Es war kein schöner Anblick, wie sich seine Brust im Rhythmus der Maschine hob und senkte. Und den Schlauch hatten sie mit Klebeband fixiert...

Shannon konzentrierte sich auf etwas anderes, um nicht laut zu schreien. Sie sah zu Nick rüber, der sich mit blassem Gesicht an die Wand gelehnt hatte. AJ stand wie versteinert an der Tür. Sie ging zu ihnen und zog beide in eine Umarmung.

„Mein Gott... Er ist doch immer so stark...“ murmelte Nick in den Stoff ihres Mantels.

„Du kannst ihm nicht helfen, oder?“ wollte AJ leise wissen.

„Ich wünschte ich könnte es. Nein, er muss da ganz allein durch. Aber er ist stark. Er schafft das.“ versuchte Shannon ihnen Mut zu machen. „Es ist okay, wenn ihr nicht hier bleiben wollt. Ich bin sicher, er hätte nichts dagegen, dass ihr geht.“ Als die Beiden zögerten, schob sie sie zur Tür, bis sie nachgaben und erleichtert den Raum verließen.

Shannon ging zu Kevin und sah ihn sich an. Sie hob die Decke am Fußende ein Stück an und berührte kurz seine Füße. Beide waren zu Glück warm, also bestand wohl keine Gefahr, dass sie ihm nachträglich ein Bein... was manchmal vorkam, wenn die Arterie verletzt war. Das rechte Bein war von einem Drahtgestell umgeben. Der Ersatz für den Gipsverband, im Fall einer offenen Wunde. Entlang des Oberschenkels verlief eine circa fünfzehn Zentimeter lange Naht.

Als sie die Decke von seiner Brust zurückschlug, holte sie zischend durch die Zähne Luft. Sein ganzer Brustkorb war mit Blutergüssen übersäht. Es war ein Wunder, dass er sich nicht sämtliche Rippen gebrochen hatte! Direkt unterhalb der Rippen hatten sie ihm einen Verband angelegt, wo sie die Blutung der Leber gestoppt hatten. 

Draußen erklangen leise Stimmen, weshalb Shannon Kevin wieder zudeckte. Im nächsten Moment kamen Howie und Leigh herein. Howie trat an Kevins Seite und berührte leicht seine Wange.

„Du wirst mir das doch wohl nicht antun und mich mit den Verrückten allein lassen, oder? Nein, du doch nicht.“ beantwortete er seine eigene Frage.

Leigh  war inzwischen zu Shannon getreten und hatte ihr einen Arm um die Taille gelegt.

„Wer tröstet eigentlich die Trösterin?“ fragte sie sie leise.

„Akela ist hier, bei mir.“ antwortete Shannon ebenso leise.

„Dann bin ich beruhigt. Wenn du mal jemand anderen zum Reden brauchst...“

„Danke, Leigh.“

„Keine Ursache, Liebes.“

Oh ja. Shannon würde Trost brauchen. Sobald sie wieder in der Sicherheit ihres Hotelzimmers war. Aber bis dahin musste sie den Jungs helfen.

D und Leigh blieben nicht lange, weil Howie Kevins Anblick kaum ertragen konnte. Als letzte kamen B-Rok und Leighanne, die Shannon sofort in die Mitte nahmen. Sie standen eine ganze Weile eng umschlungen und stumm am Bett.

„Es tut mir sehr leid um Kris, auch wenn sie nicht unbedingt meine beste Freundin war. Kevin war so glücklich mit ihr. Und jetzt bleibt ihm noch nicht mal ihr Baby.“ Leighanne liefen die Tränen über die Wangen.

„Und wenn Kev erfährt, das wir ein Kind kriegen? Dann wird er mich dafür hassen, dass ich habe, was er verloren hat.“ setzte Brian hinzu.

„Rede keinen Unsinn. Er wird sich darüber freuen Onkel zu werden! Lass ihm nur etwas Zeit.“ Shannon fuhr Brian durchs Haar.

„Wer wird ihm das mit Kris denn sagen? Der Arzt?“

„Ja. Aber ich werde in der Nähe bleiben. Kevin wird vollkommen zusammenbrechen und ich will nicht, dass sie ihn mit Beruhigungsmitteln voll stopfen. Das würde seinen Schmerz nur hinauszögern.“

„Ich hoffe nur, dass er die Wut, die danach kommt, nicht an dir auslässt.“

„Mach dir darüber keine Gedanken, Brian. Ich halte das schon aus.“

 

Shannon blieb bei Kevin und wachte über ihn.

Und Akela wachte über sie beide.

Hin und wieder sah einer der Jungs rein, um sich zu vergewissern dass alles in Ordnung war. Leigh und Leighanne waren in ein Hotel in der Nähe gegangen. Die Stunden verstrichen und draußen war es inzwischen hell.

Shannon rieb sich müde die Augen. Kevin war zwischenzeitlich halb aufgewacht und hatte gegen den Rhythmus des Beatmungsgerätes angekämpft. Shannon hatte ihn aber schnell beruhigen können, und er war wieder in die Bewusstlosigkeit zurückgesunken. Jetzt saß sie neben ihm und hielt seine Hand, während Akela, mit seinen feinen Sinnen, aufpasste ob Kevin erwachte.

Seine Herzfrequenz ändert sich. teilte ihr der Wolf plötzlich mit.

Shannon sah auf den Monitor, dessen Gepiepse einen Moment später dasselbe aussagte. Kevins Finger zuckten in ihren Händen und er kam zu sich. Verwirrt sah er sich um, bis er sie entdeckte. Seine Augen weiteten sich überrascht.

Shannon beugte sich über ihn und streichelte beruhigend seine Wange.

„Ssschhhh. Bleib ganz ruhig liegen und versuch nicht zu sprechen. Du hast einen Schlauch im Hals, der dir beim Atmen hilft.“

Kevin zog die Brauen zusammen. Im nächsten Moment kam eine Schwester hereingerauscht und lenkte ihn ab.

„Wir sind ja wach, Mr. Richardson! Dann wollen wir mal den Tubus entfernen!“

Shannon wich vom Bett zurück. Sie hätte Kevin die folgende Prozedur gerne erspart. Die Schwester nabelte den Schlauch ab und schaltete das Beatmungsgerät aus. Mit einem aufgesetzt - fröhlichen ‚Bitte Husten!’ entfernte sie Kevin den Tubus. Jetzt musste er wirklich husten! Shannon war mit zwei Schritten am Bett und stützte ihn, um seine schmerzenden Rippen zu stabilisieren. Mit verzerrtem Gesicht ließ sich Kevin zurück ins Kissen sinken, während die Krankenschwester fröhlich hinausrauschte.

Mann! Was für eine KRANKE SCHWESTER! Akela tauchte neben dem Bett auf. Hey! Soll ich hinterher rennen und ihr in den Allerwertesten beißen?

„Ich glaube nicht, dass dir das schmecken würde. Ist es jetzt besser, Kev?“

Er nickte mühsam und schloss die Augen, nur um sie sofort wieder aufzureißen.

„Der Unfall! Wo ist Kristin? Ist sie auch hier?“

In diese Situation hatte Shannon um nichts in der Welt kommen wollen! Warum musste er sich ausgerechnet jetzt daran erinnern? Glücklicherweise kamen in diesem Augenblick die Jungs hereingestürzt und sie musste nicht mehr antworten.

Alle vier redeten durcheinander und keiner verstand mehr ein Wort, bis der Arzt mit der ‚Kranken Schwester’ in  der Tür erschien und alle hinausscheuchte. Shannon sah im Vorbeigehen auf das Tablett, das die Schwester trug.

Eine Spritze! Was auch sonst! Alternative Heilmethoden waren in den USA teilweise genauso verpönt, wie in Deutschland.

Weil Shannon wusste, was jetzt kam, blieb sie direkt hinter der Tür stehen. Die Anderen warfen ihr mitfühlende Blicke zu und blieben in der Nähe. Scheinbar hatte Brian ihnen erzählt, was sie vorhatte.

 

Kevin war erleichtert, dass er mit einem Arzt reden konnte. Der umriss ihm kurz, welche Verletzungen er davongetragen hatte, aber Kevin hörte gar nicht richtig zu. Bei der ersten Gelegenheit fragte er den Arzt  nach Kristin.

Kevin überbekam ein sehr schlechtes Gefühl, als der Doktor ihn ernst ansah.

„Es tut mir leid ihnen das mitteilen zu müssen, aber ihre Frau hat den Unfall leider nicht überlebt.“

Kevin hörte das Blut in seinen Ohren rauschen und ihm wurde schwindelig.

„Das kann nicht sein! Das ist nicht wahr!“ flüsterte er entsetzt. Er sah Shannons Gesicht vor sich und wie blass sie geworden war, als er sie nach Kris gefragt hatte. Und dieses Bild überzeugte ihn mehr von der grausamen Wahrheit, als die folgenden Worte des Arztes.

„Es tut mir sehr leid Mr. Richardson. Soweit ich weiß...“ Die Stimme des Arztes wurde immer leiser in Kevins Ohren und verstummte schließlich.

KRISTIN WAR TOT! SEINE FRAU, DIE FRAU DIE ER LIEBTE, UND IHR GEMEINSAMES BABY EXISTIERTEN NICHT MEHR!

 

4. Kapitel

Der gequälte Aufschrei war zwei Stockwerke tiefer noch zu hören.

Shannon war wie der Blitz durch die Tür, lief zum Bett, stieß den Arzt zur Seite und zog Kevin in ihre Arme. Akela, der ihr auf den Fersen folgte, schnappte sich die Spritze aus der Hand der Krankenschwester und rannte damit davon. Der fassungslose Arzt und die quiekende Schwester, die von Gespenstern faselte, wurden von den Jungs kurzerhand nach draußen gezerrt.

Jetzt war Shannon mit Kevin allein. Zärtlich wiegte sie ihn in ihren Armen und barg seinen Kopf an ihrer Schulter. Er zitterte am ganzen Körper und schluchzte haltlos.

Sie saßen sehr lange so da, bevor Kevins Tränen versiegten und er vor Erschöpfung einschlief. Shannon ließ ihn behutsam aufs Bett zurücksinken und strich ihm das feuchte Haar aus der Stirn. Er war noch bleicher als zuvor und seine wunderschönen Augen waren rot gerändert. Selbst im Schlaf sah er noch so unglaublich verloren aus, als hätten ihn alle Menschen, die er liebte, verlassen. Und das war ja auch geschehen. Mit Kristin und dem Baby hatte er seine Familie verloren. Seine Heimat. Seine Zukunft.

Shannon küsste ihn sacht auf die Stirn, während ihr die Tränen über die Wangen liefen. Sie weinte nicht um Kris und das Baby. Sie weinte um Kevin.

 

Als Shannon das Krankenzimmer verließ, sprachen die Jungs gerade mit einem älteren Mann im Anzug.

Das ist Inspektor Hanson, von der Kingstoner Polizei. Er wollte Kev zum Unfall befragen, aber Brian und AJ haben ihn abgefangen. erklärte ihr der Wolf. Im Maul trug er noch immer seine Beute.

Was willst du denn damit? Sammelst du neuerdings Trophäen?

Naja, ein Stück vom Kittel dieser Kranken Schwester hätte mir besser gefallen. Aber Wolf nimmt was Wolf kriegen kann. Stolz schritt er den Gang hinunter.

Shannon gesellte sich zu den Jungs. Der Inspektor erzählte gerade, was sie über den Unfallhergang herausgefunden hatten.

„...ist von ihrem Freund sitzen gelassen worden und beschloss Selbstmord zu begehen. Wir haben einen Abschiedsbrief gefunden, aus dem hervorgeht, dass sie plante sich mit dem Auto in die Schlucht zu stürzen.“

„Und dabei war es ihr völlig egal, dass sie Menschen mit in den Tod reißt?“ fragte AJ aufgebracht.

Der Polizist sah bedauernd in die Runde.

„Selbstmörder denken in der Regel nicht über die Konsequenzen ihres Tuns nach.“

„Herr Inspektor. Dieses Mädchen hat die Frau und das ungeborene Kind meines Cousins auf dem Gewissen. Und mein Cousin selbst hat lebensgefährliche Verletzungen davongetragen. Und alles was Sie ihm sagen können ist, dass sie nicht über die Folgen ihres Handelns nachgedacht hat?“ Brian war unglaublich sauer.

„Es tut mir leid.“ war alles, was der Polizist dazu sagen konnte. Shannon wechselte das Thema.

„Was hoffen Sie denn von Mr. Richardson zu erfahren? Sie sagten doch, Sie hätten den Abschiedsbrief.“

„Wir haben noch Fragen zu den Geschehnissen direkt nach dem Unfall. Im Jeep ihres Freundes waren die Airbags ausgelöst. Aber beide Insassen waren zur Fundzeit nicht angeschnallt. Die Frage ist, ob sie beim Unfall angeschnallt waren.“

„Darüber kann ich Ihnen Auskunft geben. Kevin hat es mir vorhin detailliert geschildert.“

Die Jungs sahen Shannon verunsichert an. Sie wussten schließlich, dass das eine Lüge war.

„Der Wagen des Mädchens rammte den Jeep und beide Autos durchbrachen die Leitplanke. Während das Mädchen nach dem Aufprall im Wagen verbrannte, blieb der Jeep im Gestrüpp hängen und die Insassen versuchten auszusteigen. Bevor das gelang, stürzte der Jeep entgültig ab. Da waren beide aber schon losgeschnallt. Mr. Richardson wurde aus dem Wagen geschleudert und darunter begraben. Mrs Richardson starb, soweit ich weiß, im Wrack.“

Shannons Stimme war kalt und distanziert. Sie wollte den Unfall, den sie ja mit angesehen hatte, auf keinen Fall jetzt an sich heranlassen.

Sie hatte die Jungs mit dieser Aussage tatsächlich schockiert. Selbst Howie, dem sie ja gesagt hatte, dass sie bei Kristin gewesen war, als sie starb, war entsetzt. Zum Glück gab sich der Inspektor mit ihren Ausführungen zufrieden und ließ sie allein.

Kaum war er weg, nahm AJ Shannon an der Hand und zog sie zu einem Sessel. Er drückte sie hinein und setzte sich davor in die Hocke.

„Okay, Süße! Wie war das noch? Ach ja! Du darfst es nicht in dich hineinfressen! Ich kenne dich besser als so manch anderer.“ Er nahm die Sonnenbrille ab und sah sie aus tiefbraunen Augen intensiv an.

„Und jetzt raus mit der Sprache. Wieso weißt du, was passiert ist?“

Nick, Howie und Brian setzten sich auf die Stühle neben ihr und beobachteten sie aufmerksam.

Shannon schloss resigniert die Augen und atmete tief durch.

„Es war ein Wahrtraum. Manche Hexen haben so was. Einen Traum, der tatsächlich passiert. Einige sehen Dinge voraus, andere Dinge die bereits geschehen sind. Ich habe zum zweiten Mal Dinge gesehen, die gerade in der gleichen Sekunde woanders passieren. Ich saß sozusagen mit Kris und Kev im Wagen, als...“ Tränen liefen ihr über das Gesicht.

AJ setzte sich neben sie auf die Lehne und zog sie an seine Brust.

„Ist schon gut. Lass es raus, Süße.“ murmelte er.

Shannons Dämme brachen. Weinend schlang sie die Arme um ihn und nahm den Halt und Trost an, den er ihr bot. Es tat ihr gut, ihre Angst und Trauer bei einem Freund herauszulassen. Das letzte Mal war so verdammt lange her.

Als sie sich wieder fasste und aufsah, traf sie auf die mitfühlenden Blicke der Jungs.

„Ach, Liebes. Und ich dachte, ich wäre schlimm dran, weil ich sie gefunden habe.“ flüsterte Howie.

Brian hatte noch immer Tränen in den Augen und Nick setzte sich AJ gegenüber und lehnte wortlos seine Stirn gegen ihre.

„Ich liebe euch Jungs so.“ gestand Shannon leise.

„Und wir dich erst!“ lächelte Brian.

„Genau.“ stimmte Howie ihm  zu.

„Sooooo sehr!“ erklärte Nick grinsend und streckte die langen Arme, so weit es ging, auseinander. AJ gab ihr einen Kuss auf die Wange und Shannon lehnte sich zufrieden an ihn. Sie war völlig erschöpft und kaum noch in der Lage, die Augen offen zu halten. Und so schlief sie schließlich in AJ’s Armen ein.

 

Als Shannon später erwachte, lag sie auf einem Sofa im Wartebereich. Sie war mit drei Jacken zugedeckt und hatte die vierte als Kissen unter dem Kopf. Shannon musste lächeln. Die Jungs waren so fürsorglich!

Sie setzte sich auf und sah sich nach ihnen um. AJ und Nick standen vor einem Automaten in der Nähe und redeten leise miteinander. Howie und Brian waren nicht zu sehen.

Shannon sah auf ihre Uhr. Sie hatte etwa zwei Stunden geschlafen.

Nick kam mit einer Coke zu ihr rüber und ließ sich neben ihr nieder.

„Hier. Ist leider ohne Eis, aber trotzdem ziemlich kalt.“

„Danke, Nicky. Wo sind D und B-Rok?“

„Bei Kev. Er schläft noch, aber sehr unruhig. Hast du dich ein bisschen erholt?“

„Ja. Ich bin gestern Abend sehr früh schlafen gegangen und brauchte jetzt nicht so viel Schlaf.“

„Das beruhigt mich.“ Er strich ihr sacht eine Haarsträhne hinters Ohr.

Shannon sah ihn an. In ihrem Gesicht malte sich Erstaunen ab.

„Hey! Wann ist denn das passiert? Du bist ja erwachsen geworden!“

Nick wurde rot.

„Naja. So erwachsen, wie man als Backstreet Boy wohl werden kann. Schön, dass es dir auffällt. Den Anderen ist es noch nicht richtig klar, glaube ich.“

„Das liegt wahrscheinlich daran, dass sie dich zu oft sehen. Und für sie wirst du sowieso immer der kleine Bruder bleiben.“ Sie legte die Arme um ihn. „Für mich ja auch! Ich bin so stolz auf dich.“

Nick lachte und erwiderte ihre Umarmung.

Shannon? Er ist wach... Du solltest besser schnell kommen. Akela projizierte sich mit besorgter Miene vor ihnen.

Nick und Shannon liefen sofort zum Krankenzimmer, AJ ihnen hinterher.

Howie und Brian waren ziemlich blass, als sie hereinstürmten. Kevin lag mit offenen Augen im Bett und starrte an die Decke.

„Er ist verrückt geworden! Er sagt, wir hätten ihn sterben lassen sollen!“ zischte Brian Shannon zu.

„Lasst mich mit ihm allein.“ Shannon ging zu ihm, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Sie hörte, wie sich die Tür hinter den Jungs schloss. Sie zog sich eine Sitzgelegenheit heran und setzte sich auf die Bettkante, die Füße auf die Sitzfläche des Stuhles gestützt.

„Okay. Und jetzt erzähl mir, was du gerade zu Brian und Howie gesagt hast.“

Seine grünen Augen fixierten weiter die Decke, als gäbe es da etwas ganz besonderes zu betrachten. Lange Zeit antwortete er nicht.

Shannon studierte sein Gesicht. Seine Züge waren ernst, die Lippen ganz leicht zusammengepresst.

„Ihr hättet mich sterben lassen sollen.“ wiederholte er schließlich tonlos.

Shannon erstarrte innerlich. Es war ihm ernst! Das war schlimmer, als der Wutausbruch, den sie eigentlich erwartet hatte! Da war kein Zorn, keine Verzweiflung... Stattdessen Selbstaufgabe! Wenn sie nicht aufpasste, würde er wohl sogar versuchen Selbstmord zu begehen!

Shannon riss sich zusammen und überlegte. Irgendwie musste sie ihn da rausholen...

„Und wie hätten die Jungs dann ohne dich weitermachen sollen?“ fragte sie in gespielt leichtem Ton.

„Die schaffen das schon. Die Backstreet Boys sind sowieso ein sinkender Stern.“

„Und wer soll deiner Mum erklären, dass ihr Jüngster gern tot sein möchte?“ Jetzt war ihre Stimme ernst.

Der Ausdruck in seinen Augen veränderte sich kurz und er blinzelte. Aber er sagte nichts dazu. Und er sah sie nicht an.

„Was soll ich ihr sagen, Kevin? Tut mir leid, Mrs Richardson, aber Ihr Sohn möchte gern bei seiner Frau sein? Sie werden das doch verstehen, denn Sie haben ja Ihren Mann so früh verloren... Aber Sie haben damals nicht aufgegeben, nicht wahr? Dann ist Ihr Sohn wohl nicht so stark wie Sie! Er hatte das Zeug zu einem Popstar! Er wollte die Welt verbessern! Aber so eine persönliche Tragödie ist ja etwas ganz anderes!“

„Du hast doch keine Ahnung, wie das ist.“ flüsterte er gepresst.

„Nein! Das habe ich wohl nicht, Mr. Richardson! Ich habe ja bloß meine Eltern verloren, das ist ja gar nicht zu vergleichen!“ Wütend sprang sie auf und lief auf und ab. Dann fuhr sie zu ihm herum und starrte ihn an.

Kevin hatte den Kopf gehoben und schien etwas sagen zu wollen, aber er tat es nicht. Er ließ sich in die Kissen zurücksinken und blickte wieder zur Decke.

Shannons Wut verrauchte. So kam sie hier überhaupt nicht weiter. Langsam trat sie ans Bett.

„Was glaubst du, würde Kristin dazu sagen? Hallo, Kevin! Schön, dass du es ohne mich nicht ausgehalten hast?! Wie gut, dass du nicht stark genug warst, ohne mich zu leben?!“ wollte sie leise wissen.

Tränen schimmerten in seinen Augen.

„Und dein Dad wird sich sehr freuen, dich wiederzusehen. Seinen Sohn, der seine Träume verwirklicht hat, und das jetzt alles wegwerfen will. Und dann dein Kind...“

Die ersten Tränen versickerten im Kissen.

„Hallo, Daddy. Schade, dass ich nicht leben konnte. Aber dafür bist du ja jetzt bei mir. Das ist wirklich der beste Weg. Nur schade, dass ich nie erfahren werde, wie man einen Schicksalsschlag überlebt.“

„HÖR AUF!“

„Das kann ich nicht! Da draußen sind vier Jungs, die dich lieben! Wie sollen sie damit fertig werden, wenn sie dich verlieren? Deine Mum ist auf dem Weg hierher, mit deinem Bruder Tim! Sie sorgen sich um dich, genau wie dein Bruder Jerald! Und Tausende, ach, Millionen von Fans warten darauf, dass die Backstreet Boys ihnen mit ihren Songs Hoffnung geben! Und ich...“

Shannon brach ab. ‚Ich brauche dich! Ich liebe dich!’ schrie es in ihr. Aber welche Hoffnung gab es für sie? Kristin war tot und der Platz in Kevins Herzen blieb ihr vorbehalten.

Aber Kevin brauchte eine gute Freundin. Dieser Platz war frei...

„Und ich habe Kristin versprochen für dich da zu sein. Ich werde mein Versprechen halten, egal was du dazu sagst! Wenn du also einen Abgang machst, rechne nicht damit, in Frieden ruhen zu können. Ich sorge nämlich dafür, dass du es nicht kannst!“

Kevin schlug die Hände vors Gesicht.

„...ihr versprochen?“ fragte er erstickt.

„Ich war in ihren letzten Minuten bei ihr und sie wusste das. Sie sagte mir, ich sollte dich retten. Sie will nicht, dass du stirbst.“

Kevin schluchzte auf, dann nahm er die Hände vom Gesicht und zog Shannon an sich. Sie hielt ihn, während er weinte.

Ja, ab jetzt würde sie sich um ihn kümmern.

 

5. Kapitel

„Organization for Coverage and Regulation of Supernatural Incidents, Direktionsbüro.” meldete sich eine weibliche Stimme.

„Hallo Diana, hier ist Shannon. Ich möchte einen Urlaubsantrag ausfüllen.“

„Willst du ihn telekinetisch übermitteln?“ Shannon hörte das Grinsen aus ihrer Stimme heraus.

„Sicher, wenn du vorher auf dem Besen angeflogen kommst und ihn mir bringst?“ lachte Shannon. „Bist du so nett, ihn für mich auszufüllen und zu beglaubigen? Sonst muss ich Gabriel oder Angela darum bitten, und die sind gerade mit einem Fall beschäftigt, soweit ich weiß.“

Man hörte eine Tastatur klappern.

„Ja... Sie sind in Schweden unterwegs und kommen nächste Woche zurück. Dann soll Angela die nächste Ausbildungsklasse übernehmen. Ich fülle ihn gern für dich aus. Ab wann möchtest du denn Urlaub?“

„Ab heute.“

Einen Moment herrschte Stille.

„Ich habe ‚Ab heute’ verstanden.“

„Das habe ich ja auch gesagt. Ich habe im Augenblick keinen Fall, sondern rekrutiere. Und das kann das New Yorker Büro auch ein paar Wochen allein erledigen.“

„Ein paar Wochen?“

„Mein letzter Urlaub war im Juni 1997. Das ist über fünf Jahre her. Da sollten sich schon einige Urlaubstage angesammelt haben.“

„Ich trage fürs erste vier Wochen ein, okay? Dann kannst du ja noch verlängern.“

„Ich danke dir. Kannst du den Antrag Mr. Bruns gleich vorlegen?“

„Ja, er ist noch im Haus. Ich rufe dich an, sobald er ihn bewilligt hat.“

„Danke Diana, das ist lieb von dir.“

„Keine Ursache. Machs gut!“

Shannon legte auf. Sie hatte jetzt wohl genug Zeit, sich um Kevin zu kümmern. Sie sah auf ihre Uhr. In wenigen Minuten sollten seine Mum und sein Bruder ankommen. Howie und Brian waren zum Flughafen gefahren, um sie abzuholen.

Nick leistete Kevin Gesellschaft und AJ besorgte etwas ‚Anständiges zu essen’. Sie hatte ihn gewarnt, dass Akela kein Fastfood von McDonalds mochte... Mal sehen, was dabei herauskam...

Shannon ging zu Kevin.

Er saß halb aufrecht im Bett und sah sehr müde aus. Das war ja auch kein Wunder, schließlich wirkte die Narkose noch immer etwas nach. Nick lümmelte auf dem Stuhl neben dem Bett und las ihm vor. Shannon stutzte kurz. Einen N’SYNC-Artikel? Naja, gut. Dann konnte Kev dabei ruhig einschlafen.

„Hallo, ihr zwei. Alles klar?“ Sie trat ans Bett.

Kevin drehte ihr den Kopf zu.

„Hallo, Schutzengel. Wo warst du denn?“

„Telefonieren. Ich habe Urlaub beantragt.“

Seine Augen weiteten sich erstaunt.

„Urlaub? Was ist denn das?“

Shannon lachte und fuhr ihm mit der Hand durchs Haar.

„War mir schon klar, dass ein Backstreet Boy so was nicht kennt!“

Nick grinste. Kevin war eindeutig auf dem Weg der Besserung, wenn er Scherze machen konnte. Er zwinkerte Shannon zu und sie lächelte zurück. Kevin bekam das nicht mehr mit. Ihm waren die Augen zugefallen.

Er erwachte allerdings sofort wieder, als Shannons Handy klingelte.

„Tut mir leid!“

Shannon trat zum Fenster, um die Störung möglichst gering zu halten.

„O’Neall.“

„Shannon, hier ist Diana. Mr. Bruns möchte dich sprechen. Moment, ich verbinde.“

„---Miss O’Neall?“

„Ja, Sir. Ich bin am Apparat.“

„Was denken Sie sich eigentlich dabei, so mir nichts, dir nichts Urlaub zu nehmen? Sie können nicht einfach für ein paar Wochen von Ihrem Posten verschwinden! Sie glauben wohl, es dreht sich alles nur um Sie!“

„Sir, ich habe einen Unglücksfall in der Familie und...“

„Sie haben gar keine Familie! Ich sage Ihnen, wenn sie nicht innerhalb der nächsten zwei Stunden im New Yorker Büro sitzen, können sie was erleben!“

Shannon ließ sich ja einiges gefallen, aber das ging zu weit.

„Sir! Ich habe fünf Jahre lang keinen Tag Urlaub genommen! Ich habe seit fünf Jahren keinen festen Wohnsitz! Stattdessen reise ich für die OCRSI in der Weltgeschichte herum, immer auf Abruf! Nie mehr als drei Tage an einem Ort! Ich habe einen Unglücksfall in MEINER Familie! Und ich WILL VERDAMMT NOCHMAL URLAUB!“

„SIE BEKOMMEN ABER KEINEN!“

„DANN KÜNDIGE ICH HIERMIT!“

In diesem Augenblick vermisste Shannon die guten alten Festnetzapparate, deren Hörer man mit voller Wucht auf die Gabel knallen konnte. Sie unterbrach die Verbindung.

„Shan?“

Sie drehte sich zu Kevin und Nick um, die sie verunsichert ansahen.

„Alles okay?“ fragte Kevin.

„Ihr sucht nicht zufällig eine Hexe, zur Ergänzung eures Teams?“ Shannon fühlte, wie ihr die Tränen über das Gesicht liefen. Sie hatte mit der Familie gebrochen, die seit ihrem vierzehnten Lebensjahr für sie da war.

Für Kevin.

Sie würde es jederzeit wieder tun.

 

Kevin, seine Mum und sein Bruder begrüßten einander unter Tränen. Shannon hatte sich mit Akela, Howie, AJ und Nick auf den Gang zurückgezogen, während Brian bei seiner Familie geblieben war.

Shannon seufzte, derweil sie lustlos in ihren Fritten stocherte. Sie waren von Burger King... Aber Akela hatte sowieso ein rohes Steak von AJ bekommen...

„Hey, Süße! Du kannst für mich arbeiten. Ich hab da ein Problem mit so einem blonden Typen. Du bekommst so lange Geld von mir, bis du Nick Carter spurlos verschwinden lässt!“ meinte AJ.

„Und ich zahle dir das Doppelte, wenn ein gewisser Alexander James McLean nie wieder auftaucht!“ konterte Nick.

„Ich hab dir schon tausend mal gesagt...“

„So darf mich nur meine Mum nennen!“ äffte Nick AJ nach.

„Shannon, ich zahle dir das Dreifache, wenn du mich so weit wie möglich von den Beiden wegbringst!“ flehte Howie.

„D, ich fürchte die finden uns überall.“

„Genau! Ihr könnt dem Grauen nicht entgehen!“ triumphierte AJ.

„Nein! Dir können sie wirklich nicht entgehen!“ lachte Nick.

„Nicholas Gene Carter!“

„Anwesend!“

„Ich hätte dich damals im Pool ertränken sollen!“

„Richtig. Das hättest du tun sollen. Jetzt bin ich größer als du.“

„Aber nur körperlich!“

Sie hatten es geschafft! Shannon brach in Gelächter aus! Zufrieden sahen die Zwei einander an.

Brian kam heran.

„Darf ich mitlachen?“

„Nein. Kentucky-Heulsusen sind von dieser Party ausgenommen.“ erklärte AJ.

Brian grinste schief.

„Werd ich mir für meine nächste Party merken. Alles ausgenommen, was mehr Schmuck trägt als ein Weihnachtsbaum.“

Jetzt lachten alle.

„Shan, Kevin möchte dir seine Familie vorstellen.“ erklärte Brian, als sie sich wieder beruhigt hatten. „Hey, sieh mich nicht so entsetzt an! Ich kann nichts dafür! Außerdem bin ich armer Kerl mit ihnen verwandt...“

Immerhin begleitete er sie.

Shannon hatte ein mulmiges Gefühl, denn Kevins Mum war nicht irgendwer für sie. Es war vergleichbar damit, seiner Schwiegermutter in spe vorgestellt zu werden. Auf Gedeih und Verderb einer Person ausgeliefert! Shannon lief es kalt über den Rücken.

Alle sahen sie an, als Brian die Tür des Krankenzimmers für sie öffnete.

Ich bin bei dir, Kätzchen. sagte der unsichtbare Wolf in ihren Gedanken.

Daran hielt sie sich fest. Sie ging zum Bett und stand Kevins Familie gegenüber.

„Mum, Tim, das ist Shannon. Shan, meine Mum und mein Bruder Tim.“ Kevin lächelte aufmunternd. Scheinbar sah man ihr das Unbehagen an.

„Ich freue mich sehr Sie kennen zu lernen.“ sagte Shannon. Unter anderen Umständen wäre es nicht mal gelogen gewesen.

Kevins Mum Ann sah sie interessiert an.

„Mein Sohn hat bisher noch nie von Ihnen gesprochen.“ Sie warf ihm einen Seitenblick zu. „Aber er hält viel von Ihnen. Das sehe ich ihm an.“

Kevin wurde rot, Shannon blass.

„Ja, ich halte sehr viel von ihr. Sie ist die beste Freundin, die man haben kann.“ bestätigte Kevin.

Jetzt wurde Shannon rot. „Du übertreibst.“ meinte sie.

„Ich denke nicht, dass er übertreibt.“ warf seine Mum ein. „Schließlich sind Sie hier.“

Sie musterte Shannon. Dieser intensive Blick kam der Hexe sehr bekannt vor. Überhaupt war die Ähnlichkeit zwischen Kevin und seiner Mum sehr groß. Sie hatten dieselbe Gesichtsform, die sich ja auch bei Brian zeigte, dieselbe Nase. Für eine Frau waren diese Züge zu markant. Aber bei ihren Söhnen wirkte es attraktiv.

Shannon hielt ihrem Blick stand. Etwas anderes kam für ihr stolzes irisches Blut nicht infrage.

Tim hatte scheinbar Mitleid mit ihr.

„Mum, wir wollten doch etwas essen gehen. In der Zwischenzeit sollte sich Kevin ein wenig ausruhen.“ erinnerte er seine Mutter. Er warf Kevin einen verschwörerischen Blick zu.

„Na gut. Brian kann uns den Weg zur Cafeteria zeigen.“ lenkte seine Mutter ein.

Kaum waren die Drei aus der Tür, atmete Kevin hörbar auf.

„Tut mir leid, wenn ich dich in Verlegenheit gebracht habe. Ich hielt es für eine gute Idee.“ Den wahren Grund, dass er wissen wollte wie die beiden Frauen miteinander auskamen, verschwieg er. Er nahm Shannons Hand und verschränkte seine Finger mit ihren. „Bist du mir jetzt böse?“

„Nein. Ich fühle mich nur etwas überrumpelt.“ Sie erwiderte den Druck seiner Finger.

„Tim kann nicht lange bleiben. Und Mum wird ihn wohl begleiten, wenn er morgen zurückfliegt.“

„Warum erzählst du mir das?“

Kevin grinste schelmisch.

„Ich wollte dich beruhigen. Meine Mum hat manchmal die Angewohnheit, den Leuten Angst einzujagen.“

„Bist du sicher, dass du jetzt nicht Angst und Respekt verwechselst?“

„Mag sein. Wenn du Respekt vor ihr hast?“

„Ich habe vor jedem Respekt, der mit dreien von deiner Sorte umgeht. Sie muss eine Mischung aus Lehrer, Sergeant und Dompteur sein.“

Über dieses Bild musste Kevin lachen.

 

„Was für ein Mensch ist diese Shannon?“

Mit dieser Frage überraschte Ann Richardson ihren Neffen.

„Meine Güte! Das ist eine Frage!“

Brian überlegte.

Sie saßen in der Cafeteria des Krankenhauses, an einem kleinen Tisch. Tim besorgte gerade ein paar Sandwichs.

„Shannon ist was besonderes. Sie ist der Inbegriff einer Freundin. Sie würde, glaub ich, alles tun, um die Leute zu beschützen die ihr wichtig sind.“ Brian hoffte, diese Antwort würde reichen. Er konnte schließlich nicht erzählen, dass Shannon eine Hexe war.

„Wann habt ihr sie denn kennen gelernt?“

„Im Februar ’97. Da waren wir in Deutschland auf Tour und trafen sie bei einem Meet & Greet.“ Das war ja die Wahrheit, wenn auch nur die Halbe...

„Sie ist Deutsche? Sie hat gar keinen deutschen Akzent!“

„Ihr Vater war Ire, ihre Mutter halb Französin, halb Deutsche. Geboren wurde sie in Irland und in Deutschland wuchs sie auf. Soweit ich weiß, spricht sie acht verschiedene Sprachen fließend.“

„Acht?“ Ann staunte. Sie hatte beim Anblick von Shannons zarter Gestalt geahnt, dass viel in ihr stecken musste. Sie hatte schließlich einigen Eindruck bei Kevin hinterlassen...

„Und wann hat sich mein Sohn in sie verliebt?“

Brian wurde blass.

„Verliebt?! Ich weiß nicht...“

„Oh nein, Brian Thomas Littrell. Leugne es nicht, ich hab es in seinen Augen gelesen.“

‚Sh**! Was sag ich jetzt?’ dachte er.

„Ich will keine Ausflüchte hören, Brian!“

Seit wann las seine Tante Gedanken?

„In dem Moment, in dem sie sich das erste Mal in die Augen gesehen haben.“ gestand Brian. „Aber Shannon hat einen komplizierten Beruf, in dem sie mehr unterwegs ist, als wir. Deshalb sind die Zwei keine Beziehung eingegangen.“

„Ihr Beruf ist ihr also sehr wichtig.“

„Ich würde eher sagen, sie ist für ihren Beruf sehr wichtig.“

„Was meinst du damit?“

„Sie ist eine Spezialistin auf ihrem Gebiet. Ich glaube nicht, dass jemand anderes sie ersetzen kann.“

Brian fragte sich, wie Shannon auf Dauer mit ihrer Kündigung klarkäme. Und wie die Organisation?

„Wie lange bleibt Shannon?“

„Sie hat im Augenblick viel Zeit. Warum fragst du?“

„Ich denke, ich kann beruhigt nach Hause fliegen, wenn sie hier ist. Sie ist wohl diejenige, die Kevin am besten über seine Trauer hinweghelfen kann.“

 

Kevin war allein in seinem Krankenzimmer. Er sollte eigentlich etwas schlafen, aber er grübelte die ganze Zeit über Shannon nach.

Sie hatte bei der Organisation GEKÜNDIGT, um ihm beizustehen! Und es gab noch andere Dinge, die bedacht sein wollten. Warum war er so darauf versessen gewesen, sie seiner Muter vorzustellen?

Als er nach der Operation erwacht war und Shannon gesehen hatte, war er sofort beruhigt gewesen. Und als er sich an den Unfall erinnert hatte und der Arzt ihm von Kristins Tod berichtet hatte... Er kämpfte wieder mit den Tränen. Jedenfalls war sie für ihn da. Sie hatte ihn festgehalten und er hätte schwören mögen, das sie ihre Kräfte einsetzte, um ihm zu helfen. Tatsächlich war der seelische Schmerz danach nicht mehr so schlimm. Daran, dass er tatsächlich an Selbstmord gedacht hatte, wollte er nicht mehr erinnert werden. Was er damit angerichtet hätte. Allein die Fans, die sich daran ein Beispiel hätten nehmen können... ‚BACKSTREET BOY LÖST SELBSTMORD-WELLE AUS!’ Was für eine Schlagzeile! Das hätte er sich nie vergeben können.

Wieder hatte ihn sein Schutzengel vor Schaden bewahrt. Sie hatte ihm heute zum dritten Mal das Leben gerettet.

Warum grübelte er eigentlich so lange über seine Motive nach? Er LIEBTE sie! Immer noch. Seine Ehe mit Kristin hatte scheinbar überhaupt nichts daran geändert. Erstaunlicherweise fühlte er sich, Kristin gegenüber, nicht schuldig. Die Liebe war einfach stärker als er. Er konnte nichts gegen sie tun.

 

6. Kapitel

Drei Tage später rieb sich Shannon erschöpft die Stirn. Dieser Mann war so... anstrengend!

Nachdem seine Mutter und Tim wieder nach Hause geflogen waren, hatten sich Kristins Eltern gemeldet. Sie waren gekommen und hatten mit Kevin über Kristins Beerdigung gesprochen. Es gab viel zu bedenken und erledigen, und Kevin konnte sich um nichts kümmern. Er wollte gern, dass Kris in Orlando zu Grabe getragen wurde. Ihre Eltern hatten zuerst einige Einwände, gaben aber nach. Als die Willits das Krankenhaus verließen, war Kevin völlig fertig. Shannon ahnte jedoch, dass es noch schlimmer werden würde, sobald er zu Hause war.

Erst da würde er merken, dass Kristin unwiderruflich fort war. Und alles in seiner Umgebung würde ihn an sie erinnern. Sein Zusammenbruch war schon vorprogrammiert.

Das nächste Problem bestand darin, dass Kevin darauf bestand bei der Beerdigung anwesend zu sein. Natürlich entgegen der Empfehlung des Arztes! Und er war stur genug, sich gegen alle durchzusetzen. Also sollte er von New York nach Orlando verlegt werden. Dort würde dann, am Tag nach der Beerdigung, auch die nötige Operation an der Wirbelsäule durchgeführt werden.

Das Schlimmste jedoch war, dass Kevin es nicht ertragen konnte, so lange ruhig dazuliegen. Er fühlte sich körperlich wieder fit, durfte aber, wegen des Knochensplitters, höchstens für einige Minuten im Rollstuhl durch den Gang geschoben werden.

Allmählich wurde seine Laune unerträglich. Er wechselte ständig zwischen gereizter Bitterkeit und tiefer Trauer. Und er nervte die Jungs, die sich in der Nähe in ein Hotel eingecheckt hatten und jeden Tag zu Besuch kamen, entsetzlich. Howie und Brian nahmen es hin, aber AJ und Nick hätten ihn manchmal am liebsten erwürgt.

Shannon stand wie ein Schiedsrichter dazwischen und erschöpfte sich damit, mit ihren Kräften Kevins Trauer zu erleichtern.

Leigh und sie waren inzwischen gute Freundinnen geworden. Leigh und Leighanne holten Shannon jeden Tag für ein oder zwei Stunden von Kevins Seite weg, um ihr die Gelegenheit zur Erholung zu geben. Denn sie war seit dem Unfall fast ständig im Krankenhaus und ging nur zum Schlafen ins Hotel zurück.

Und am Tag, bevor Kevin nach Orlando geflogen werden sollte, geschah es dann.

Kevin wachte morgens auf und spürte seine Beine nicht mehr.

 

„Wie Sie hier ganz deutlich sehen können, ist der Splitter trotz der Schiene weitergewandert. Er drückt jetzt stärker auf das Rückenmark. Das Problem ist, dass manche Bereiche eventuell geschädigt werden können, wenn die Blutzufuhr unzureichend ist. Das würde eine dauerhafte Lähmung bedeuten.“ erklärte der Arzt anhand des CT-Bildes. „Ich rate Ihnen davon ab, den Flug anzutreten. Der Splitter könnte während des Fluges ins Knochenmark eindringen und gewaltigen Schaden anrichten.“

Kevin starrte mit zusammengepressten Lippen und schmalen Augen auf die Aufnahme.

„Können Sie mir garantieren, dass ich wieder völlig in Ordnung bin, wenn die Operation überstanden ist?“

„Das kann Ihnen niemand garantieren, Mr. Richardson. Die OP ist nicht einfach und es kann immer Komplikationen geben.“

Kevin sah zu Shannon hoch, die neben seinem Rollstuhl stand und seine verkrampfte Hand hielt.

„Was rätst du mir? Was soll ich machen, Shan? Ich würde gern bei Kristins Beerdigung dabei sein.“

Sie sah ihn an. In ihren Augen stand tiefes Mitgefühl.

„Was würde Kris wollen, Kev? Meinst du, ihr wäre deine Anwesenheit bei ihrem Begräbnis dermaßen wichtig, dass sie dafür deine Gesundheit aufs Spiel setzt?“

Nein, dass würde sie bestimmt nicht wollen. Kevin rieb sich mit der Hand über das Gesicht. Seit dem Unfall war er scheinbar nicht in der Lage logisch zu denken.

„Wann kann ich operiert werden, Doktor?“

„Wenn Sie wollen, morgen früh. Ich werde sofort den Termin festsetzen.“ Der Arzt eilte hinaus und ließ Kevin und Shannon allein zurück.

„Es tut mir leid.“ sagte Kevin leise.

„Was?“

„Ich mache dir so viel Arbeit und Sorgen. Dein Job...“

„Ich möchte nicht über die Organisation reden. Seit der frühere Direktor tot ist, wird sie immer weniger wie eine Familie und immer mehr wie eine Firma. Inklusive Mobbing und Unterdrückung.“ Shannon zog sich einen Stuhl heran, um mit ihm auf einer Höhe zu sein. „Gabriel und Angela haben mich angerufen. Sie sind froh, dass ich ausgeschieden bin und sie denken darüber nach es auch zu tun.“

„Aber was willst du machen? Du hast deine Arbeit geliebt! Du wirst gebraucht! Wie soll es für dich weitergehen?“

„Wie es immer weitergeht. Schritt für Schritt und Stück für Stück. Die Welt bleibt nicht stehen und ich tu es auch nicht. Aber jetzt bin ich hier. Und ich habe hier eine Aufgabe zu erfüllen.“ Sie drückte seine Hand und sah ihm in die Augen.

Er verlor sich sofort in ihren. Das samtige Dunkelgrün erinnerte ihn an die Felder und Weiden Irlands.

Solange er in diese Augen sah, empfand er Frieden.

 

Shannon war mit Akela auf dem Weg in die Cafeteria, wo sie sich mit den Jungs zum Frühstück treffen wollte. Auf dem Flur, vor ihr, stand ein Rollstuhl mit einem kleinen Mädchen darin.

Sie war niedlich. Mit ihren kurzen braunen Locken, den dunklen Augen und dem Gesicht, das ganz mit Sommersprossen gesprenkelt war, war sie das, was Shannons Vater ein Koboldkind genannt hätte. Shannon musste bei dieser Erinnerung unwillkürlich lächeln.

„Hallo!“ grüßte sie die Kleine.

Das Mädchen blickte kurz hoch, ihr Gesicht war vollkommen ausdruckslos. Dann drehte sie den Kopf Akela zu und sah ihn an. Shannon stutze. Akela war nicht sichtbar! Der Wolf blieb vor dem Mädchen stehen und erwiderte ihren Blick. Shannon hockte sich neben ihn.

„Du kannst ihn sehen, ja?“

Das Mädchen nickte stumm.

„Dann bist du jemand ganz besonderes. Ihn kann nämlich nicht jeder sehen.“

Die Kleine blickte vom Wolf zu ihr und wieder zurück.

„Er heißt Akela. Du kannst ihn ruhig streicheln, er beißt nicht.“

Der Wolf setzte sich und legte seinen Kopf behutsam in den Schoß des Mädchens. Zögernd streckte sie die Hand aus und legte sie zwischen seine Ohren. Akela schloss genießerisch die Augen und schnaufte.

„Er ist lieb.“ sagte das Mädchen fast unhörbar.

„Ja. Das ist er.“

„Gehört er dir?“

„Er gehört zu mir, aber er ich bin nicht seine Besitzerin.“

„Siehst du auch unsichtbare Dinge?“

„Ja. Ich glaube, ich sehe die selben Dinge, die du auch sehen kannst.“

Die Augen der Kleinen wurden groß. Tränen standen in ihnen.

„Siehst du auch winzige grüne Männer mit langen Bärten?“ fragte sie mit zitternder Stimme. Ihre Augen liefen über.

Akela stellte sich auf die Hinterläufe und stützte sich am Rollstuhl ab, um seinen Kopf auf die Schulter des Mädchens zu legen. Sie klammerte sich an ihm fest und schluchzte erstickt in sein Fell.

Ist ja schon gut. Nicht mehr weinen, Süße. Shannon wird dir helfen. Es wird alles wieder gut.

Die Kleine wischte sich mit dem Ärmel über das Gesicht.

„Shannon?“ fragte sie gepresst.

„Ja, das bin ich.“ Shannon strich ihr sacht die braunen Locken aus dem Gesicht. „Akela und ich sind ein Notfallteam für kleine grüne Männer mit langen Bärten.“

Die Kleine musste kichern.

Und wie heißt du, Sommersprosse?

Sie kicherte wieder.

„Ich bin Megan.“

„Okay, Megan. Jetzt erzähl mir mal, wo der grüne Mann ist.“

„Er ist in meinen Zimmer, da hinten.“ Sie zeigte in den Seitengang.

Akelas Ohren zuckten, und einen Moment später hörte auch Shannon, dass jemand den Hauptgang entlang kam. Sie drehte sich um und erkannte Nick. Megan zerrte an ihrem Ärmel und zog so ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich.

„Du! Das ist einer von den Backstreet Boys! Ich habe in den letzten Tagen schon drei von denen gesehen!“ wisperte sie verschwörerisch.

Shannon grinste.

„Magst du ihre Musik?“

Heftiges Nicken war die Antwort.

„Möchtest du, dass ich ihn dir vorstelle?“

„Kennst du ihn etwa?“ staunte die Kleine.

„Ziemlich gut!“ Sie stand auf, ergriff Nicks Hand und zog ihn heran. „Nick, darf ich vorstellen? Das ist Megan. Megan, das ist Nick Carter.“

Nick ging in die Hocke, damit er das Mädchen nicht so überragte.

„Hallo Megan. Magst du unsere Musik?“

Die Kleine wurde rot und nickte.

„Nick hatte vor einiger Zeit ein ähnliches Problem wie du.“ erzählte ihr Shannon. „Er hatte zwei Geister bei sich zu Hause und Akela und ich haben ihm geholfen sie loszuwerden. Megan hat einen grünen Mann in ihrem Zimmer.“ klärte sie Nick auf.

„Die Schwester hat mir das einfach nicht geglaubt. Sie sagte, ich hätte das Glas zerbrochen.“ murmelte Megan.

„Aber wir glauben dir.“ Nick lächelte aufmunternd. „Shannon hilft dir bestimmt gern, mit dem Typ. Sie kann so was richtig gut.“

„Genau. Dann lass uns das mal ansehen gehen. Möchtest du mitkommen Megan, oder lieber mit Nick hier warten?“

„Warten.“

„Ja. Wir leisten einander Gesellschaft.“ Nick warf der Kleinen ein verschwörerisches Grinsen zu und sie wurde rot.

Shannon lächelte und folgte Akela den Seitengang hinunter.

Welche Tür ist es wohl? Ich rieche nur Desinfektionsmittel!

Ein lautes Krachen erklang durch die nächste Tür.

„Ich schätze, wir sind da!“

Shannon öffnete die Tür und duckte sich sofort unter einem Kissen durch, das auf sie zuflog. Es prallte gegen die nächste Wand. Mitten in dem Raum hüpfte ein grünes Männlein mit langem grauen Bart wütend auf und ab. Hier sah es aus, als hätte ein Tornado gewütet. Shannon schloss die Tür hinter sich. Bei dem Geräusch fuhr das Männchen herum, fixierte sie und den Wolf und verzerrte bösartig das Gesicht. Akela knurrte warnend, aber das Kerlchen bezog diese Warnung scheinbar nicht auf sich. Er nahm Anlauf und sprang Shannon an... die ihn mitten im Flug auffing. Der Kleine zappelte heftig, während er am Bart aus Shannons Faust baumelte.

„Lass mich sofort runter, oder ich ziehe dir an den Haaren!“ zeterte er.

Wie willst du denn drankommen? machte sich der Wolf über ihn lustig.

„Du kannst vielleicht kleine Mädchen einschüchtern, aber keine ausgewachsene Hexe, du Zwerg!“

Der Kleine erstarrte, dann begann er zu zittern.

„Bitte lass mich frei! Ich verspreche, nichts mehr anzustellen!“

„Und das soll ich dir abkaufen?“

Shannon öffnete die Tür und ging mit Akela den Gang entlang zu Megan und Nick zurück.

„Ist das dein Quälgeist?“ Sie hob die Hand, von der das Männchen stocksteif herabhing.

Megan nickte und versuchte, sich hinter Nick zu verstecken. Der war leicht irritiert, da er das Männchen nicht sehen konnte. Shannon schüttelte es kräftig durch.

„Na los! Projizier dich, damit wir alle wissen, wie hässlich du bist!“

Aufjaulend gehorchte das Kerlchen.

„Du hast recht, Shan. Der ist wirklich hässlich!“ meinte Nick.

„Was ist denn hier los?“ AJ kam den Flur entlang. „Igitt! Was ist das denn?“

„Ein Poltergeist erster Stufe. An sich harmlos, solange er nicht randaliert.“

„Und was machst du jetzt mit ihm? Hey! Warte mal! Willst du ihn nicht haben Nick? Für die Halloween Party nächstes Jahr wäre er doch echt genial!“

„AJ, du bist so ein Idiot!“

„Ihr habt einen Zuschauer, wenn ich euch daran erinnern darf!“

Tatsächlich sah Megan erstaunt von Einem zum Anderen.

„Shannon, wärst du so liebenswürdig, mir die junge Lady vorzustellen?“ bat AJ galant.

„AJ, das ist Megan, eine großer Fan eurer Kunst. Megan, das ist AJ von den Backstreet Boys.“

AJ verbeugte sich schwungvoll und brachte Megan zum Lachen, als er sich absichtlich fast den Kopf an der Wand stieß.

„Dürfen wir die Lady zum Frühstück einladen?“ fragte er ritterlich.

Natürlich durften sie. So wurden Megan schließlich vier Backstreet Boys vorgestellt, die sich die allergrößte Mühe gaben, das Mädchen zum Lachen zu bringen. Shannon stopfte derweil den Poltergeist in eine leere Coca Cola-Flasche und entsorgte ihn in ihrer Manteltasche. Später hätte sie genug Zeit, ihn in der Zweigstelle der OCRSI abzugeben. Akela schickte sie, sobald er mit fressen fertig war, Megans Krankenakte ‚besorgen’.

Als Shannon erwähnte, wie es in Megans Zimmer aussah, erklärten sich die Jungs spontan bereit eine Aufräumaktion zu starten. Shannon blieb derweil im Gang und blätterte die Akte durch. Es war, wie sie befürchtet hatte. Es war bereits eine psychologische Untersuchung bei Megan angeordnet worden, wo ihre ‚Halluzinationen’ untersucht werden sollten. Außerdem hatte Megan einen gutartigen Tumor an der Wirbelsäule, der auf das Rückenmark drückte. Sie sollte deshalb in den nächsten Tagen operiert werden. Megan war eine Waise, die in einem Heim lebte.

Shannon rief Samantha an, die in der Organisation für Kinder zuständig war. Die rundliche mütterliche Frau versprach, sich sofort um den Fall zu kümmern. Erleichtert legte Shannon auf. Wenn Samantha sich kümmerte bedeutete das, dass Megan umgehend einen Vormund bekam, der OCRSI-Mitglied war. Der würde die Kleine unter seine Fittiche nehmen und jede psychologische Untersuchung unterbinden.

Megan würde nicht Shannons Schicksal erleiden müssen.

 

„Wie soll das also laufen, morgen?“ fragte Brian.

„Kevin wird morgen früh operiert. Die OP ist für zehn Uhr angesetzt und soll etwa zwei Stunden dauern.“ erklärte Shannon.

Sie saßen zu siebt in Brians Hotelzimmer. Leigh, Leighanne, die Jungs und Shannon.

„Wie groß ist die Gefahr, dass etwas schief geht?“ erkundigte sich Nick.

„Laut dem Doktor hat Kev eine achtzig prozentige Chance es komplikationslos zu überstehen und wieder vollkommen gesund zu werden.“

„Ich finde achtzig Prozent etwas dürftig.“

„Ich auch, AJ. Aber wenn die OP nicht gemacht wird, verliert er mit einhundert Prozent Wahrscheinlichkeit die Gewalt über die Hälfte seines Körpers.“ gab Shannon zu bedenken.

Besorgte Blicke wurden getauscht.

„Und wir können gar nichts für ihn tun.“ stellte Howie fest.

„Doch. Wir werden für ihn beten.“ sagte Brian leise.

 

7. Kapitel

Am nächsten Morgen besuchten sie Kevin gemeinsam, bevor er für die OP vorbereitet wurde. Allem Anschein nach hatte er nicht viel geschlafen, in der letzten Nacht. Er war blass und seine Augen rotgerändert, mit tiefen Schatten darunter. Und der Ausdruck darin sprach von Sorge und Angst.

Keiner wusste so genau, was er sagen sollte. Deshalb verstummten schließlich alle und sahen einander hilfesuchend an.

„Versprecht ihr mir was?“ brach Kevin schließlich das Schweigen. „Versprecht ihr mir, egal was passiert, morgen an Kristins Beerdigung teilzunehmen?“

Zögerndes Nicken von allen Anwesenden.

Eine Schwester platzte herein.

„Mr. Richardson, verabschieden sie sich jetzt von Ihrem Besuch. Es wird Zeit.“ Sie verschwand wieder.

„Na dann.“ Howie trat zum Bett und schloss Kevin fest in seine Arme.

Als nächster kam Nick, der sich an ihn klammerte und nur zögernd losließ, als Shannon ihm die Hand auf die Schulter legte. „Viel Glück, großer Bruder.“ murmelte er noch rau.

„Hey, alter Mann.“ AJ umarmte ihn kurz und heftig.

„Wir bleiben in der Nähe.“ sagte Brian leise, während er seine Arme um seinen Cousin schlang.

„Danke.“ antwortete Kevin.

Leigh und Leighanne drückten ihn kurz und dann ließen alle Shannon und Kevin allein.

Sie sahen einander an. Shannon setzte sich zu ihm aufs Bett und nahm seine Hand in ihre.

„Ich habe Angst, Shan. Ich habe solche Angst, dass es schief geht und ich nie wieder laufen kann.“ flüsterte Kevin verzweifelt.

„Ssschhhh!“ Shannon legte ihre Arme um ihn und zog ihn tröstend an ihre Schulter.

„Ich bin für dich da. Ich bin bei dir, ganz egal wie es ausgeht.“ raunte sie. Zärtlich strich sie ihm über den Rücken, ließ die Finger durch sein Haar gleiten. Er entspannte sich in ihrer liebevollen Umarmung. Sie löste sich ein Stück von ihm und sah ihm in die Augen. Da war es wieder! Wie ein leichter Stromstoß durchzuckte es ihrer beider Bewusstsein, als ihre Seelen einander erkannten. Kevins Augen weiteten sich erstaunt, dann ließ er seinen Blick über ihr Gesicht wandern. Sie wirkte so zart, mit der hellen Haut und den blassgoldenen Sommersprossen auf der Stupsnase und den Wangen. Und ihr Mund...

„Shannon...“ hauchte er.

Sie atmete schneller. Ihr ganzer Körper prickelte. Waren das die berühmten Schmetterlinge? Sie sehnte sich danach ihn zu berühren, von ihm berührt zu werden, seine Lippen auf ihren zu spüren... Sie blickte ihm in die Augen. Sie waren dunkel vor Verlangen. Aber es stand auch noch etwas anderes in ihnen, das sie nicht benennen konnte. Und dieses Etwas brach ihre Gegenwehr entgültig. Sanft drückte sie ihren Mund auf seinen. Er erschauerte leicht und gab ihr nach, hieß sie willkommen. Ihre Lippen waren so weich, so verführerisch. Und noch immer so ungeübt. Kevin wollte mehr. Sacht fuhr er ihre Lippen mit der Zunge nach und fühlte sie in seinen Armen erbeben. Zögernd brachte nun auch sie ihre Zunge ins Spiel. Kevin ließ sie seinen Mund erforschen, bevor er selbst sie hungrig küsste. Shannon stöhnte auf und schlang ihre Arme enger um ihn. Er küsste ihre Wangen, ihre Nase und knabberte behutsam an ihrem Ohr. Sie sog zischend die Luft ein und revanchierte sich, indem sie ihn leicht in den Hals biss. Jetzt war es an ihm, zu keuchen. Er presste seinen Mund erneut auf ihren und sie küssten sich voller Leidenschaft.

Die Welt um sie versank in Bedeutungslosigkeit, bis die schrille Stimme der Schwester sie brutal in die Gegenwart zurückholte. Shannon entblößte ihre Zähne und knurrte die Frau drohend an. Sie war blitzschnell wieder aus der Tür! Kevin barg sein Gesicht an Shannons Halsbeuge und lachte leise.

„Das hat dir Akela beigebracht, was?“ Er atmete tief ihren Duft ein, löste sich von ihr und sah in ihre Augen. Ihr Blick war verschleiert und ihr langes Haar zerwühlt. Das ging wohl auf sein Konto... Er schob seine Hände erneut in ihre seidigen Strähnen und zog sie zu sich heran. Zärtlich stupste er seine Nase gegen ihre, rieb sie an ihrer Wange und küsste ihre Nasenspitze. Dann löste er sich seufzend von ihr und streichelte mit dem Handrücken ihr Gesicht.

„Ich fürchte, ich werde gleich abgeholt, Kleines. Wartest du auf mich?“

„Ja. Ich warte.“ Sie küsste ihn wieder und riss sich dann von ihm los. In der Tür blieb sie stehen und warf einen Blick zurück.

„Ich liebe dich.“ sagte sie leise, dann war sie aus der Tür.

Kevin sah hinter ihr her. Wenn doch nur die Operation glückte und sein Körper unterhalb der Gürtellinie wieder funktionierte. Und wenn Shannon ihm nur gestatten würde, sie zu lieben.

Wenn nur...

 

„Warum ist seine Mum eigentlich nicht hier?“ erkundigte sich Nick. Sie saßen wieder, wie so oft in den letzten Tagen, im Warteraum in der Nähe des Getränkeautomaten.

„Ihr geht es im Moment selbst nicht gut, sonst wäre sie hier. Tim wusste auch nicht, ob sie zur Beerdigung kommen...“ Brian rieb sich besorgt die Stirn. Wenn seine Tante auch noch sterben sollte... Darüber wollte er lieber nicht nachdenken.

Shannon kam zu ihnen. Sie wirkte leicht abwesend, ihre Wangen waren gerötet. Die Jungs warfen einander belustigte Blicke zu. Keine Frage, was passiert war!

Shannon blieb nicht bei ihnen, sondern entschuldigte sich nach kurzer Zeit. Aber statt zur Toilette zu gehen, wie sie den Anderen gegenüber behauptet hatte, ließ sie sich von Akela in den Keller des Krankenhauses führen. Sie hatte ihren Rucksack mit den Hexenutensilien dabei. Vor den Jungs hatte sie erklärt, dass der Poltergeist im Krankenhaus möglicherweise nicht allein war, tatsächlich aber hatte sie vor, Kevin mit ihrer Magie zu helfen. Sie hatte keine heilenden Kräfte, aber ein starker Lösungszauber hatte eventuell Einfluss auf die Entfernung des Knochensplitters.

 

Es war ein typischer Heizungskeller. Angefüllt mit Leitungen und Rohren, etwas stickig und überhitzt, trotz der Kälte draußen. Das Summen von Geräten erfüllte die Luft ebenso, wie der Geruch von Staub. Der Betonboden war peinlich sauber, wie in Hospitälern üblich, da Ratten in New York nach wie vor ein Problem waren. Hier gab es keine, wie Shannon mit einem Blick auf den Wolf feststellte. Sie waren nicht sein Leibgericht, aber das Einzige was er im Großstadtdschungel unauffällig jagen konnte. 

Shannon machte sich an die Vorbereitungen. Sie zog mit Kreide einen großen Kreis um sich auf den Boden, stellte weiße Kerzen darauf, malte in die Kreismitte das Zeichen für weiße Magie und setzte sich hinein. Akela war direkt neben ihr. Sie entzündete die Kerzen mit einem Blick und begann. Sie musste gut aufpassen, dass ihr Zauber nicht Türen, Schränke, Infusionsschläuche, Schuhbänder, und wer weiß was noch löste, sondern sich auf Kevin und den Splitter konzentrierte. Sie sank in Trance und wob ihren Zauber, verstärkte ihn, ließ die Alte Macht fließen.

Da war jemand, der Hilfe brauchte. Ein kleiner Junge, dessen Asthmaanfall ihn um Atem ringen ließ.

Shannon half ihm sofort.

Da war eine alte Frau, der ein Blutgerinnsel einen Infarkt auszulösen drohte.

Auch ihr half Shannon.

Akela fluchte leise. In seiner Verbindung mit ihr hatte er erkannt, woher diese Bilder kamen. Shannon hatte nie hellseherische Fähigkeiten gehabt, aber ihre Gefühle für Kevin hatten ihr wieder einen Streich gespielt. Zugleich mit der Trance, war sie auch in einen Wahrtraum gesunken, der ihr die Bilder aus den Etagen über ihr vermittelte. Und jetzt war sie drauf und dran, sich hoffnungslos zu verausgaben! Akela verwünschte Kevin, verwünschte Shannons gutes Herz, das Leid nicht mit ansehen konnte, und verwünschte sich selbst, weil er es nicht schaffte, sie davon abzuhalten. Shannon wusste durch ihn, was los war, aber sie konnte den Menschen ihre Hilfe nicht verweigern. Ihr Lösungszauber zog durch die Klinik, wirkte hier, half dort, und der Wolf konnte nichts dagegen machen. Schließlich kanalisierte er seine Energie und ließ sie Shannon zufließen. Das war der einzige Weg, wie er Shannon beistehen konnte.

Shannon hatte die Augen geschlossen und die Arme erhoben. Ihre Kraft ging allmählich zur Neige und sie begann zu zittern. Noch jemand brauchte sie. Da war Megan, die große Angst vor ihrer Operation hatte. Auch bei ihr wirkte der Lösungszauber.

Und für Kevin brauchte Shannon ihre letzten Reserven auf. Die Kerzen erloschen auf einen Schlag und Shannon stürzte zu Boden.

 

8. Kapitel

Jaulend beugte sich der Wolf über Shannons reglose Gestalt. Wie sehr wünschte er sich in diesem Augenblick ein Mensch zu sein, um sie in Sicherheit zu bringen und sich um sie kümmern zu können. Aber glücklicherweise gab es Menschen, die das konnten, in der Nähe. Der Wolf stürmte deutlich sichtbar durch die Gänge. Ihn kümmerte es wenig, dass die Leute hinter ihm herschrieen und begannen auf ihn Jagd zu machen. Vor seinem inneren Auge wechselten sich vier Bilder ab. Brian, Howie, AJ und Nick.

Akela war so in Fahrt, dass er AJ fast über den Haufen rannte. Nur Zentimeter vor ihm blieb er schlitternd stehen. Entsetzt starrten die Jungs ihn an, ebenso wie Leigh und Leighanne.

Shannon... braucht... Hilfe! keuchte er atemlos. Dann machte er sofort kehrt und rannte zurück, die Jungs ihm auf den Fersen. Leigh und Leighanne blieben zurück.

Akela war um einiges schneller als die Zweibeiner und hängte sie mehrfach beinahe ab. Er raste durch die Gänge mit den rutschigen Böden, die seinen Pfoten kaum Halt boten und die Jungs konnten nur Anschluss halten, weil der Wolf frühzeitig vor jeder Kurve abbremsen musste, um nicht gegen die Wand zu knallen. Als sie das Treppenhaus erreichten, war von Akela allerdings keine Spur mehr zu sehen.

„Mist!“ fluchte AJ.

„Nach oben oder unten?“ Nick sah von Howie zu Brian und zurück.

Brian lehnte sich neben AJ über das Geländer und sah nach oben und unten. Nichts zu sehen, nichts zu hören.

„Er kommt bestimmt zurück, wenn er merkt, dass wir nicht mehr hinter ihm sind.“ beruhigte Howie.

„Das dauert mir aber zu lange!“ fauchte AJ. Er war wirklich besorgt.

„Wartet mal! Ich hab ’ne Idee!“ Brian legte die Hände um den Mund und stieß ein an- und abschwellendes Wolfsgeheul aus.

„Das war zu leise! Na los! Alle mitmachen!“ Nick machte es Brian nach und einen Moment später heulten alle vier, dass es von den Wänden wiederhallte. Dann verstummten sie. Einen Augenblick später erscholl eine Antwort von unten und sie rannten los. Sie folgten Akelas Ruf bis in den Keller und fanden ihn, über Shannon stehend, mitten in einem Kreidekreis. Brian ließ sich neben Shannon auf die Knie fallen und fühlte ihren Puls. Zu seiner Beruhigung war er kräftig und gleichmäßig. Behutsam strich er ihr das Haar aus dem Gesicht.

„Was ist passiert, Akela?“

Sie wollte Kevin mit einem Lösungszauber helfen. Das ist etwas außer Kontrolle geraten.

„Etwas? Untertreibst du nicht ein bisschen?“ hakte AJ nach.

Bevor Akela ihm eine passende Antwort geben konnte, stöhnte Shannon leise und kam zu sich. Sie öffnete die Augen und schloss sie sofort wieder, mit einem Schmerzenslaut.

„Shan. Was hast du?“ fragte Nick leise.

„Das Licht... zu hell... mein Kopf...“ mit schmerzverzerrtem Gesicht presste sie die Hände an die Schläfen.

Sie hat sich überanstrengt. Sie braucht was anständiges zu Essen und Ruhe. erklärte der Wolf.

„Okay. Darum kümmern wir uns, kleine Schwester.“ Brian schob vorsichtig seine Arme unter sie und hob sie hoch. Nick sammelte schnell die Kerzen ein und verstaute sie im Rucksack, während Howie den Kreis verwischte. AJ rannte vor und holte seinen Wagen.

Shannon presste sich die Hände vors Gesicht, als sie durch den Nebeneingang ins Freie traten. Es war später Vormittag und die bleiche Novembersonne schien. Shannon fing vor Schmerz an zu weinen. Schnell kletterte Nick auf den Rücksitz des Mercedes und Brian legte Shannon in seine Arme. Nick barg ihr Gesicht an seiner Brust und redete beruhigend auf sie ein. Brian setzte sich daneben und Howie blieb da, um Leigh und Leighanne Bericht zu erstatten. Shannon weinte immer noch leise. Nick streichelte liebevoll ihr Gesicht und beschattete mit der anderen Hand fürsorglich ihre Augen. AJ sah sie kurz im Rückspiegel an, nahm seine Sonnenbrille ab und reichte sie nach hinten. Brian drehte Shannons Gesicht sachte in seine Richtung und schob sie ihr auf die Nase. Ihr Weinen wurde allmählich leiser und schließlich schlief sie ein.

Als sie vor dem Hotel ankamen, nahm Brian Shannon wieder hoch und trug sie schnell hinein, flankiert von Nick, der zum Fahrstuhl vorrannte und AJ, der dem Personal erklärte, ihre Freundin hätte sich den Fuß verknackst.

Sie brachten sie in Brian und Leighannes Zimmer, da es am nächsten lag und ein Doppelbett hatte. Während AJ das Zimmer verdunkelte, zogen Brian und Nick Shannon den Mantel, die Schuhe und die Jeans aus und nahmen ihr die Brille ab, damit sie es bequemer hatte. Dann rief AJ den Zimmerservice an und bestellte ein mehrgängiges Menü. Brian holte Schmerztabletten aus seinem Koffer.

Als das Essen kam, weckten sie Shannon behutsam auf.

„Hey, Süße!“ AJ strich ihr über die Wange.

Wenn du Kevin wärst, würde ich einfach vorschlagen sie zu küssen. Aber so... Akela leckte ihr mehrmals zärtlich übers Gesicht.

„Ja... So könnte ich das auch...“

Warum machst du es dann nicht?

„Wenn ihr zwei streiten wollt, dann geht nach draußen!“ befahl Brian.

„Nee! Dafür ist mir nicht langweilig genug!“

Ich streite nicht mit Zweibeinern, die, wenn sie einen Fuß heben, aussehen wie ein Weihnachtsbaum!

„Und ich streite nicht mit Hunden, die jeden Menschen für einen Baum halten, nur weil er auf einem Bein steht!“

Den Hund nimmst du sofort zurück!

„Tue ich nicht!“

Shannon packte stöhnend ein Kissen und zog es sich über den Kopf.

„AJ! Raus!“

Siehst du? Das hast du jetzt davon!

RAUS, WOLF! schrie Shannon mental.

Akela zuckte zusammen und folgte AJ nach draußen.

„Sie sind weg. Du kannst das Kissen jetzt runternehmen.“ meinte Nick.

Shannon seufzte und legte es weg. Brian half ihr sich aufzusetzen und stopfte ein paar Kissen in ihren Rücken. Nick wollte ihr ein Glas Coke geben, aber Shannon winkte ab. Ihre Hände zitterten dafür zu sehr. Nick setzte es ihr kurzerhand an die Lippen und ließ sie trinken.

„Danke, Nicky. Das hab ich gebraucht.“ Erleichtert ließ sie sich zurücksinken.

„Dann erzähl uns mal, was du da unten im Keller gemacht hast.“ förderte Brian sie auf.

Shannon schluckte das Schmerzmittel, das er ihr reichte, und zog eine Grimasse.

„Ehrlich gesagt, weiß ich das selber nicht. Ich hab mir überlegt, wie ich Kevin helfen kann, und bin auf den Lösungszauber gekommen.“

„So wie die Tapeten damals?“ fragte Brian.

„Und Trey’s Hose!“ grinste Nick.

„So in etwa. Ich habe den Zauber verstärkt und zu den richtigen Zielen gelenkt. Eigentlich sollte er nur Kevin helfen, aber das Ganze hat sich verselbstständigt.“

„Und du hast dich völlig verausgabt.“

„Tut mir leid, dass ich euch Sorgen bereitet habe.“

„Shan. Kleine Schwester. Wir sind doch eine Familie.“ Brian zog sie in seine Arme und Shannon schmiegte sich an ihn.

„Hey! Darf ich auch mitmachen?“

Lachend schlossen sie Nick mit in die Arme. Nach einer Weile lösten sie sich wieder voneinander und Brian sah Shannon ernst an.

„So. Du isst jetzt anständig und bleibst den Rest des Tages hier liegen.“

„Das geht nicht. Ich habe Kevin versprochen, auf ihn zu warten. Ich muss bei ihm sein, wenn er aufwacht.“

Brian überlegte.

„Na gut. Ich fahre zurück ins Krankenhaus, und wenn Kev das erste Mal blinzelt, rufe ich euch an und ihr kommt hin. Durch die Narkose merkt er nicht, dass du nicht gleich da bist.“

„Aber...“

„Keine Widerrede! Oder du bleibst ganz hier!“

„Ja, großer Bruder!“

„Na also. Warum nicht gleich so?“ grinste Brian. Er gab Shannon einen Kuss auf die Stirn und wies Nick an, auf sie aufzupassen. Dann fuhr er zurück zum Krankenhaus.

 

 

Drei Stunden später lief Shannon, von AJ und Nick gestützt, den Gang zu Kevins Zimmer entlang. Vor seiner Tür atmete sie tief durch, nahm AJ's Sonnenbrille ab und trat allein ein. Brian wachte, wie versprochen, an Kevins Bett.

„Er hat nur einmal ganz kurz die Augen aufgemacht.“ flüsterte er ihr zu, nachdem er ihr auf die Bettkante geholfen hatte. Shannon nickte. Sie kam also rechtzeitig.

„Brian. Sagt ihm nicht, dass ich versucht habe ihm zu helfen. Ich will nicht, dass er sich auf meine Zauberei verlässt und dann eine Enttäuschung erlebt, weil es doch nicht geholfen hat.“ bat sie leise.

Brian versprach es.

Als Kevin schließlich erwachte, war Shannon bei ihm. Und als es sicher schien, dass er den Rest des Tages verschlafen würde, brachten Nick und AJ sie zurück ins Hotel, wo sie es Kevin gleichtat.

 

9. Kapitel

Die Beerdigung war sehr schön. Die Sonne schien und brachte die Blumen zum Leuchten, als der weiße Sarg zum Grab getragen wurde. Hier in Florida war es vergleichsweise warm und alles grünte. Obwohl sich Shannon alles andere als wohl fühlte, hatte sie darauf bestanden mitzufliegen. Das war sie ihrer Freundin Kristin schuldig. Kevins Mum war nicht da, aber Tim war gekommen. Er berichtete erleichtert, dass es seiner Mum schon besser ginge.

Shannon wünschte sich sehr, Mr. und Mrs Willits bei ihrer Trauer helfen zu können, aber sie konnte ihre Kräfte noch nicht wieder einsetzen. Sie war froh, aus eigener Kraft stehen zu können. Sie blieb mit den Jungs, Leigh und Leighanne am Grab zurück, derweil sich alle anderen bereits entfernten, und legte einen Strauß weißer Rosen auf den Sarg. Dann gingen auch sie.

 

Der Arzt versuchte es ein zweites Mal. Ein drittes Mal.

Keine Reaktion.

Er fuhr ein viertes Mal mit der Spitze seines Stiftes über Kevins Fußsohle.

Nichts.

„Es tut mir leid. Möglicherweise kribbeln Ihnen innerhalb der nächsten paar Tage plötzlich die Beine, und alles ist in Ordnung. Aber im Moment... Tut mir leid.“

Kevin blieb stumm und der Doktor ging.

Vielleicht war das der Grund, weshalb er alle zur Beerdigung geschickt hatte. Nicht, damit Kristin nicht allein war, sondern damit er es bestimmt war. Es war Zeit sich den Tatsachen zu stellen. Die Wahrscheinlichkeit, wieder laufen zu können, sank von Stunde zu Stunde nach dem Eingriff. Und damit Wuchs die Gewissheit, dass er den Rest seines Lebens im Rollstuhl verbringen musste. Die Frage war, wie er sein weiteres Leben planen wollte. Ohne Tauchen, Surfen, Joggen, Tanzen, Golf, Basketball, Football... Sex!

Klar, bei einigen dieser Sachen gab es Behindertenvereine... oder Hilfsmittel...

Vielleicht wäre es doch leichter...

Entschieden verdrängte er den Gedanken an Selbstmord. Die Schlagzeile, die er vor zwei Tagen zufällig zu Gesicht bekommen hatte, war schon schlimm genug gewesen. FUHR SEINE FRÜHERE GELIEBTE SEINE FRAU IN DEN TOD? Kein Wunder, dass sich alle weigerten, ihm die Zeitung mitzubringen.

Kevin fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. Was fing er mit seinem Leben an? Klar, er konnte weiter als Popstar Karriere machen. Wahrscheinlich würde der Mitleidsfaktor die Verkaufszahlen erneut hochtreiben. Seinen zweiten Traum, die Schauspielerei, konnte er jedenfalls vergessen. Und, das Wichtigste, seinen Traum von einer Familie auch.

Kevin stiegen die Tränen in die Augen.

„Dad, sag mir was ich tun soll! Bitte hilf mir, Dad!“ flüsterte er.

Kris und sein Kind waren tot. Und Shannon? Die süße bezaubernde Shannon, die noch immer so unschuldig küsste, dass er sicher sein konnte sie war noch immer... Nein, unberührt war sie nicht, seine Kleine. Aber er war nicht mehr in der Lage, sie auf diese Art zu berühren. Und er wusste nicht, ob sie überhaupt auf die Art berührt werden wollte.

 

Drei Tage später bestand der Arzt noch immer darauf, das die Lähmung zurückgehen könnte. Allerdings glaubte er inzwischen selbst nicht mehr daran.

Kevin wurde in seinem Zimmer inzwischen halb wahnsinnig. Er ertrug es nicht noch länger im Bett zu liegen und war dermaßen gereizt, dass Leighanne ihm aus dem Weg ging. Leigh war da anders. Sie ließ sich seine Launen nicht gefallen und zahlte ihm alles mit gleicher Münze zurück. Sie liebte ihn wie einen Bruder, und genauso stritt sie auch mit ihm.

Die Einzige, die Kevin nicht anschnauzte, war Shannon. Ob es daran lag, dass er sie nicht in Rage bringen wollte, in Hinblick auf die Kräfte die in ihr schlummerten, oder weil er sie nicht verschrecken wollte, wusste er selbst nicht so genau. Vielleicht lag es auch an ihr selbst. In ihrer Gegenwart fühlte er sich lockerer, gelöster, entspannter. Ob das an der Alten Macht lag, konnte er nicht sagen.

Alle waren erleichtert, als der Arzt Kevin einen Ausflug erlaubte.

Sie fuhren mit drei Wagen. AJ's Mercedes, Brians Leihwagen und einem Auto, das speziell rollstuhlgerecht gebaut war. Während der Fahrt versuchte Kevin sich an den Rollstuhl zu gewöhnen, was ihm aber nicht gelang. Er fühlte sich in seinem Handlungsspielraum beengt. Und die Leute warfen ihm diese mitleidigen oder entsetzten Blicke zu... Ein Typ hatte ihn vorhin vor dem Krankenhaus völlig übersehen und war förmlich über ihn gestolpert. Und statt sich zu entschuldigen, hatte er ihm einen verächtlichen Blick zugeworfen. Wie gern wäre er aus dem Stuhl aufgestanden und hätte ihm ins Gesicht geschlagen! Zum Glück hatte Akela das Ganze mitbekommen... Kevin grinste bei der Erinnerung an den unsichtbaren Wolf, der den Kerl einfach über den Haufen gerannt hatte und den teuren Pilotenkoffer so heftig auf dem Asphalt aufschlagen ließ, dass sich der Inhalt über den gesamten Gehsteig verteilte. Wie gut Kevin das getan hatte.

Shannon beobachtete Kevin unauffällig. Es quälte sie, diesen stolzen und vitalen Mann dermaßen eingeschränkt zu sehen. Und es quälte sie, dass sie vielen Menschen hatte helfen können, aber ihm nicht. Sie hatte sich umgehört. Vor vier Tagen hatte es einige merkwürdige Spontanheilungen gegeben. Zum Beispiel hatte man, bei einem kleinen Mädchen, den Tumor am Rücken nicht wiederfinden können. Die angesetzte Operation fiel daraufhin flach. Shannon hatte Megan mehrfach besucht und vor zwei Tagen war das Mädchen entlassen worden. Sie hatte Shannon und den Jungs fröhlich zugewunken, als sie an Samanthas Hand das Gebäude verließ. Inzwischen lebte sie sich bei ihrer neuen Familie ein. Shannon kannte die Moorlands. Sie lebten in Idaho auf einer kleinen Farm. Die Mutter war Rosenzüchterin, der Vater hatte das zweite Gesicht und die zwei Jungs wünschten sich sehnlichst eine kleine Schwester. Megan würde es da sehr gut gehen. Und niemand würde sie für verrückt halten, wenn sie Geister sah.

Wieder kamen unliebsame Erinnerungen hoch, die Akela verscheuchte, indem er Shannon den Kopf in den Schoß legte. Während sie ihn streichelte, kehrten ihre Gedanken zu Kevin zurück. Weshalb hatte es nicht funktioniert? Sie hatte alle Energie, die sie noch hatte, in diesen Zauber gesteckt. Aber möglicherweise lag ja da der Fehler? Konnte es sein, dass sie es zu sehr gewollt und damit den Energiefluss irgendwo unterbrochen hatte? Aber wo? Und wie konnte sie sichergehen? Shannon rieb sich die Stirn. Manchmal wünschte sie sich wirklich, Kontakt mit ihrer Großmutter aufzunehmen. Nana hatte ihr immer alles erklärt. Shannon seufzte. Ihre Nana war schon seit siebzehn Jahren tot. Von einer Beschwörung der Toten hielt Shannon nicht viel. Und Telefon gab es im Jenseits nicht...

 

Der Strand war, wie erwartet für diese Jahreszeit, ziemlich ungemütlich. Der Strand bei New York war eigentlich generell ungemütlich. Der eisige Regen der letzten Tage, hatte den groben grauen Sand so verfestigt, dass Brian keine Probleme hatte den Rollstuhl, über den flachen Strand, bis zur Flutlinie zu schieben. Da wollte Kevin hin. Er sah über die Weite des Wassers hin, das so ruhig war, als wartete es auf einen Sturm.

Brian verstand die Anziehungskraft des Wassers auf seinen Cousin gut. Allerdings war ihm sein Pool oder der warme Golfstrom an Floridas Küste lieber. Fröstelnd kreuzte er die Arme vor der Brust.

„Du kannst ruhig zu den Anderen gehen, Brian. Ich werde mich schon nicht vor aller Augen ertränken.“

Brian sah Kevin skeptisch an. Es war schwer zu sagen, ob er einen Scherz gemacht hatte, oder ob er über Selbstmord nachdachte. Kevin hatte sich seit dem Unfall sehr verändert. Um seinen Mund lag jetzt ständig ein bitterer Zug und seine Scherze waren selten geworden und klangen sarkastisch. Und sein Blick... wurde immer häufiger wie jetzt. Hart und eiskalt. Brian war froh, dass er ihn nicht so ansah. Das, was man in Kevins Augen sah, war die Wut, die sie alle schon früher erwartet hatten, bei ihm zu finden. Aber er ließ sie nicht raus, sondern fraß sie in sich hinein. Brian musste darüber dringend mit Shannon reden. Sie schien ja sowieso die Einzige zu sein, die Kevin noch nah an sich heranließ. Er ging zu ihr und ließ Kevin, wie gewünscht, allein.

Kevin starrte auf das Wasser. Es war, wie der Tag, eher grau als blau. Gleich würde der Regen wieder einsetzen. Das hier passte hervorragend zu seiner Stimmung. Der Geruch verwesender Algen, die leere Weite, kein einziger Vogel. Alles grau und trostlos. Und er saß in diesem DING mittendrin. Seit zwei Tagen hatte er nicht mal mehr Tränen, die er vergießen konnte. Er konnte es einfach nicht mehr. Innerlich war er wohl schon tot. Show me the meaning of being lonely. Is this the feeling I need to walk with? Ja, er musste wohl damit leben.

Etwas Glitzerndes, links von ihm, erregte seine Aufmerksamkeit. Er sah genauer hin. Da lag eine Flasche am Strand. Sofort wurde Kevin an seine Umweltschutzstiftung „Just Within Reach“ erinnert. Rohstoffwiederverwertung. Wenn er keine Kinder hatte, die in einer sauberen Umwelt aufwachsen konnten, dann musste er dieses Ziel eben für alle anderen Kinder verfolgen.

Es war gar nicht so leicht, den Rollstuhl an den Rädern über den Strand zu bugsieren. Er hob die Flasche auf. Es war eine Coca Cola Flasche. Fest verschlossen mit einem angespitzten Weinkorken. Das war doch kaum zu glauben. Er hatte tatsächlich eine Flaschenpost gefunden! Er schaffte es den Korken zu lösen, schüttelte den Brief heraus und entrollte ihn. Er las ihn und erstarrte.

Es war eine Liste, mit zwei Punkten darauf:

1. Ein Lagerfeuer mit den Backstreet Boys

Diese Zeile war durchgestrichen.

2. Mit dem Mann schlafen, den ich liebe

Es war Shannons Handschrift.

 

10. Kapitel

Seit vier Tagen hatte Kevin sämtlichen Besuch weggeschickt. Auch Shannon. Sie saßen alle zusammen in der Vorhalle des Hotels und beratschlagten. Seit dem Strandbesuch ließ Kevin nichts und niemanden an sich heran. Shannon litt darunter, das sah man ihr an. Leighanne und Leigh hatten sie in die Mitte genommen und tröstend je einen Arm um sie geschlungen. Akela lag mit besorgter Miene neben Leigh, die ihm beruhigend die Ohren kraulte. Sie alle fürchteten das Schlimmste.

Schlussendlich fiel die Entscheidung, sich nicht mehr fortschicken zu lassen.

 

Seit vier Tagen hatte er den zerknüllten Zettel in der Tasche. Seit vier Tagen hatte er niemanden sehen wollen. Seit vier Tagen verfluchte er sein Schicksal.

Wenn sie damals in Orlando diesen Tag noch gehabt hätten... wenn Shannon nicht überstürzt weggemusst hätte... wenn er ’99 nicht mit Kristin zusammengewesen wäre... wenn er ihr damals in Deutschland gefolgt wäre...

Wenn!

Sie hatte ihm gesagt, dass sie ihn liebte. Sie wollte mit dem Mann schlafen, den sie liebte. Da gab es nur ein klitzekleines Problem.

Kevin fällte eine Entscheidung. Eine der Schwersten in seinem Leben.

 

Howie klopfte an und schob die angelehnte Tür auf. Kevin saß im Rollstuhl am Fenster und starrte nach draußen.

„Wir sind schon wieder da, Kev. Und diesmal bleiben wir auch.“ erklärte Brian.

Kevin antwortete nicht.

„Du solltest mit einem von uns reden. Egal mit wem, aber du solltest endlich den Mund aufmachen.“ versuchte es Leigh.

Er reagierte noch immer nicht.

„Kevin?“ sagte Shannon leise. Irrte sie sich, oder war er gerade zusammengezuckt? „Bitte rede mit uns. Wir wollen dir helfen.“

Kevin stieß verächtlich die Luft aus.

„Helfen! Als könntet ihr mir helfen!“

„Wenn du nicht mitarbeitest, geht es natürlich nicht.“ meinte Leighanne.

„Von eurer Mitarbeit habe ich die Nase voll!“ warf er ihr an den Kopf.

„Hey! In dem Ton wirst du nicht mit meiner Frau reden, Mr. Richardson!“

„Dann solltest du sie besser rausschicken, Brian! Ich bin nämlich noch nicht fertig!“

Shannon legte ihre Hand auf Brians Arm, bevor er etwas erwidern konnte, und schüttelte den Kopf.

„Nicht Brian. Hör auf, bevor Worte fallen, die niemand mehr zurücknehmen kann. Lasst uns bitte eine Weile allein.“

Sie gingen raus, blieben aber in der Nähe.

Kevin sah noch immer aus dem Fenster.

„Du tust gerade den Leuten weh, die nichts anderes wollen, als dass es dir besser geht. Befriedigt es dich wenigstens, gemein zu ihnen zu sein?“ wollte Shannon wissen.

Er drehte sich mit dem Rollstuhl zu ihr um.

„Und befriedigt es dich, die Rolle meiner verstorbenen Frau einzunehmen? Das ist doch dein Ziel, nicht wahr?“

Shannon gefror innerlich unter seinem eisigen Blick.

„Wie meinst du das?“ fragte sie erschüttert.

„Das ist doch ganz leicht zu verstehen! Du stehst ohne Job da! Wahrscheinlich auch bald ohne Geld! In einem fremden Land, aus dem du in absehbarer Zeit ausreisen musst! Was wäre naheliegender, als sich einen reichen Ehemann zu angeln?“ erkundigte er sich mit harter Stimme.

Shannon starrte ihn entsetzt an. Das konnte er doch nicht ernst meinen! „Ich würde nie...“

„Was? Kristins Platz einnehmen? Das wirst du auch nicht! Niemand kann die Frau ersetzen, die ich liebe!“ Die letzten Worte schrie er fast. Shannon musste sich am Bett festhalten, weil ihre Knie nachzugeben drohten. Sie fühlte, wie in ihr etwas zerbrach. Dann war Akela da und griff helfend nach ihrem Geist. Shannon atmete tief ein und richtete sich auf.

„Ich denke, damit ist dann wohl alles zwischen uns gesagt.“ flüsterte sie tonlos. Sie ging. Vorbei an den Jungs, Leighanne und Leigh, die alle Kevins Worte gehört hatten. Als AJ und Nick sie aufhalten wollten, rannte sie davon.

„Nein! Lasst sie! Sie muss jetzt ein bisschen allein sein.“ hielt Leighanne die Beiden zurück.

Brian stürmte in Kevins Zimmer.

„Hast du eine Ahnung, was du da gerade angerichtet hast? Weißt du, was sie alles für dich aufgegeben hat? Hast du auch nur die Idee, was Shannon in den letzten Tagen für dich getan hat? Das sie ihr Leben riskiert hat, um dir zu helfen?“ brüllte er seinen Cousin an. Kevin sah ihn mit ausdruckslosem Gesicht an.

„Verdammt, Kevin! Sie ist deine zweite Chance auf ein glückliches Leben! Und du Idiot zerstörst sie dir!“ Brian fluchte. Am liebsten hätte er ihm seine Faust ins Gesicht geknallt, aber seine gute Erziehung hinderte ihn daran, einen Wehrlosen zu schlagen.

„Brian. Nick und ich wollen verschwinden. Wir wollen nach Shannon sehen.“ sagte AJ von der Tür her. Er sah Kevin dabei nicht an.

„Ja. Wartet einen Moment, dann komme ich gleich mit.“

„Wir gehen schon vor. Leighanne und Leigh kommen auch mit.“ Sie gingen.

Howie kam herein. Er war blass, aber gefasst, während Brian noch versuchte, seine Wut zu kontrollieren. Er setzte sich vor Kevin in die Hocke und sah ihm in die Augen.

„Erklär es mir. Warum hast du das gemacht?“ erkundigte er sich mit sanfter Stimme.

Kevin erwiderte seinen Blick mit versteinerter Miene. Er öffnete die linke Hand und hielt sie Howie hin. Howie nahm das zerdrückte Papierstück, glättete es und las. Er las es zum zweiten Mal. Dann glitt sein Blick zurück zu Kevins Augen.

„Das hat sie geschrieben?“ Er las die Antwort in ihnen. Howie reichte den Zettel an Brian weiter. Der las und schloss schmerzerfüllt die Augen.

„Du hast also eine bühnenreife Show abgeliefert.“

„Sie braucht einen gesunden Mann. Keinen Krüppel.“ murmelte Kevin kaum hörbar.

„Dieser Zettel ist fünf Jahre alt! Du hast keine Ahnung, was sie braucht! Ich kann hier nicht bleiben, ich brauche frische Luft. D kommst du mit?“

„Nein. Ich komme später nach, Brian. Ich werde noch etwas hier bleiben.“

Brian ging, bevor er auf die Idee kam, Kevin Vernunft einzuprügeln. Unten warteten schon die Anderen. Die Fahrt zum Hotel verlief schweigend. Dort angekommen, erkundigten sie sich als erstes, ob Miss O’Neall auf ihrem Zimmer sei. Der Mann an der Rezeption konnte diese Frage nicht beantworten, stellte aber fest, dass der Zimmerschlüssel fehlte. Sie versuchten es dort, bekamen aber keine Antwort. Nick legte das Ohr an die Tür, konnte aber keinen Laut hören.

„Vielleicht läuft sie draußen irgendwo rum.“ mutmaßte AJ.

„Es regnet wieder.“ gab Nick zu bedenken.

„Wir können im Augenblick nichts weiter tun, als zu warten.“ Brians Vorschlag gefiel niemandem sonderlich, aber sie konnten nichts anderes machen. Sie gingen in Brians Zimmer.

Als Nick eine dreiviertel Stunde später an Shannons Zimmer vorbeikam, stand die Tür ein Stück offen.

„Shannon?“

Keine Antwort. Nick ging hinein.

Der Schrank stand auf, ebenso wie die Schubladen der Kommode und des Nachtschrankes. Nick verharrte wie betäubt in der Mitte des Zimmers.

Sie war fort.

Das Einzige, was sie zurückgelassen hatte, war das Handy, das sie ihr damals geschenkt hatten. Es lag verloren mitten auf dem Bett.

 

Einige Tage später.

Brian ging zum siebten Mal die gespeicherten Nummern durch. Es waren fünf und es blieben fünf. Fünf Backstreet Boys - Handynummern. Alle anderen waren gelöscht. Brian seufzte und steckte das Gerät ein. Er wollte es Kevin mit ins Krankenhaus nehmen. Howie und er lösten sich jetzt mit den Besuchen ab. Nick und AJ waren heimgefahren. Sie hatten erklärt, dass sie Kevin in der nächsten Zeit weder hören noch sehen wollten. Daran änderte auch Kevins Zusammenbruch vor zwei Tagen nichts.

Kevin war von Schmerzen in den Beinen geweckt worden. Auf die frohe Botschaft des Arztes, dass er bald wieder auf eigenen Füßen stehen würde, hatte Kevin allerdings anders reagiert, als der Arzt erwartet hatte. Nächste Woche sollte die Physiotherapie anfangen. Brian hoffte, dass er sich bis dahin wieder im Griff haben würde.

Tatsächlich hatte Kevin jetzt, wie Howie berichtet hatte, ein festes Ziel vor Augen.

Er wollte Shannon finden...

 

 

 



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